Der Fremde

Mohammed Al-Faituri

(‚Mohammed Moftahh Rajab Elfitory, Mohammed Miftah Rajab Elfitory, Muhammad al-Fayturi, El fitory, محمد الفيتوري)

Der Fremde

Wer magst du sein?
Dein Anblick gießt Erstaunen in meine Augen
Deine wundersame Erscheinung zieht mich an
Deine spitzen kleinen Augen
Deine trübsinnige lange Gestalt
Deine alten verblichenen Schuhe
Deine müden Schritte
Und dein unordentlich gebundener Schlips
Der wie eine grüne Ähre
Deinen Hals umschlingt.

Wer magst du sein?
Die Tropensonne
Hat dein edles Haupt verbrannt
Und deine Wangen überzogen
Mit schöner Farbe
Mit der Frische des Kakaos, der Oliven und Dattelpalmen
Du Fremder
Vielleicht bist du über Steine gestolpert
Tausendmal, ehe du müde wurdest
Vielleicht hast du deine Hände ausgestreckt nach einem
Brunnen mit vertrockneter Brust
Und der deinen Durst nicht stillen konnte.
Vielleicht bist du in einem Schneesturm gestürzt
Vielleicht bist du ausgezogen, um die weit entfernten
Meere und Einöden zu befragen
Nach den Leuchttürmen
Nach einer Bucht
Vielleicht hast du eines Tages kein Nachtlager gefunden
Du, in deiner herrlichen Fremdheit
Nein . . . nein, sag nicht, daß du der Verlorenste bist
Wir sind gleich . . . halte ein.
Bleib einen Augenblick stehen
Mein Herz ist mir dir.

Die Menschen werden als Fremde geboren
Aber wenn Fremdheit mit Fremdheit zusammentrifft
Auf einem Weg
Wird das Kind der Liebe und der Erkenntnis geboren
Etwas Schöneres als dieses Kind haben die Augen nie gesehen.
Denn, werden Kinder des Lebens geboren
Grünen sie für die Dauer eines Augenblicks
Reifen und fallen ab
Umfaßt von der Faust des Sturms
Aber das Kind der Erkenntnis
Wird zu grünen Bäumen am Weg.

Wer ist al-Faituri? Für manche ein libyscher, sudanesischer oder ägyptischer Dichter. Geboren etwa 1930 in AlGineina in West-Darfur, Sudan, in einer Familie, die nach der Besetzung durch Italien vor dem 1. Weltkrieg Libyen verlassen hatte. Wegen diverser politischer Verwerfungen wechselte er oft die Länder. Kurz nach seiner Geburt zog die Familie nach Alexandria in Ägypten. Dort besucht er die Koranschule und eine islamisch-theologische Bildungsstätte. 1949 geht er nach Kairo und studiert zunächst Theologie, später arabische Sprache. Sein erster Gedichtband, Afrikanische Gesänge, erschien 1955 in Kairo. Damit wurde er als Vertreter des „neuen Gedichts“ in freien Rhythmen bekannt. Er wurde Kulturredakteur der Kairoer Zeitung al-Gumhuriya und publizierte dort auch Gedichte und Kritiken. 1958 ging er in den inzwischen unabhängigen Sudan, kehrte aber bald nach Kairo zurück und arbeitete als Experte für Kultur bei der Arabischen Liga (1968-70). 1969 ging er nach Sudan zurück, mußte das Land aber schon 1971 aus politischen Gründen verlassen. Er ging nach Beirut, wurde aber schon 1974 wegen seiner progressiven politischen Haltung ausgewiesen. Er ging nach Libyen; 1975 konnte er in den Libanon zurückkehren, weil zahlreiche arabische Intellektuelle gegen die Ausweisung protestiert hatten. Später übernahm ihn Gaddafis Regime in den diplomatischen Dienst, er arbeitete als kultureller Berater der libyschen Botschaft in Italien, als Konsultant und Botschafter an der libyschen Botschaft in Libanon und Konsultant der libyschen Botschaft in Marokko. „Die Menschen werden als Fremde geboren“. Er starb am 24. April 2015

Aus: Mohammed Al-Faituri: Musik eines wandernden Derwischs. Berlin: Volk & Welt, 1987, aus dem Arabischen nachgedichtet von Johanna und Moustapha Haikal (Weiße Lyrikreihe), S. 32f

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