Schwarze Mamba

Martina Kieninger

Aus dieser Wohnung, die vor einigen Jahren auch mir gehörte, die ich verlassen habe mit all ihrem Mobiliar, dem Sofa aus Kunstleder, der dunklen Kredenz, der Esszimmergarnitur – ein sehr geschontes Mobiliar, immer noch liegen die Schutzhüllen aus Plastikfolie über den rotsamtnen Sitzflächen der geschnitzten Stühle – aus unserer Wohnung zog ich zu ihr.

Es ist nicht einmal auszuschliessen, dass ich sie, meine Ex, wegen dieser Plastikhüllen über den Samtsitzen verlassen habe. Diese Hüllen: sie wirkten auf mich wie materialisierte Übervorsichtigkeit, eine Schonhaltung dem Leben gegenüber, abwaschbare Lebensangst, ein Leben wie nicht gelebt, das mich in die Zimmerfluchten des Palacio Salvo verschlug, in ein umfunktioniertes Hotelzimmer mit mamornen Mosaikböden, altmodisch hohen Zimmerdecken, schmalen Fenstern.

Mit zwei Koffern zog ich um, nur Kleidung und Bücher, hängte meine Anzüge neben die Kleider meiner Frau, ihre Kostüme und Blusen, den Rest, die Stühle, Tische, Teller und Töpfe hatte ich meiner Ex überlassen, nie waren sie mein Besitz gewesen, es waren immer die Möbel meiner Ex gewesen, ihre Couchgarnitur aus weissem Kunstleder, ihre Kredenz, ihr Esstisch, ihre hochlehnigen Stühle mit den rotsamtnen Sitzpolstern und Plastikfolien darüber. Ob ich letztlich wegen dieser Plastikhüllen über dem Polstersamt ausgezogen bin, wegen der Kredenz mit den blassen Blumen und leeren Parfumflakons, weiss ich nicht zu sagen, Schonen und Besitzen, meine Ex, ich stelle dies immer wieder mit großem Erstaunen fest, Maria Jose kann sich sowenig von ihren Besitztümern trennen wie ihre Mutter, auf deren Schrank sich noch die alten Koffer stapeln, mit denen sie in den Fünfzigern nach Buenos Aires reiste. Besitzen und Festhalten – es war dies der sicherste Weg, mich zu verlieren. Komme ich – selten genug – in diese, meine ehemalige Wohnung, so stehen die leeren Flakons noch immer auf der Kredenz wie eine Erinnerung an die Parfums, die ich meiner Ex im Laufe unserer Ehe geschenkt habe – ich verstehe diesen Sammeltrieb nicht. Vielleicht erlangt Maria Jose durch das Aufbewahren dieser an sich wertlosen Dinge ein gewisses Gefühl von materieller Teilhabe an der Welt, die sie in Wirklichkeit nicht besitzt.

Wir leben also im Hotel, ich und meine Frau, in einem ehemaligen Hotel, dessen Zimmerfolgen Mitte der Siebziger zu verschiedenen Wohnungseinheiten zusammengestellt wurden, weitervermieteten, meist möblierten Wohnungseinheiten, in einer angemieteten Wohnung leben wir, die eigentlich keine möblierte Wohnung mit funktionsfähiger Ausstattung ist, eher ein Grab der Dinge.

Dinge wie Ausgrabungsgegenstände, wie auf einem Sediment, schichtweise überlagerte unser zunehmender Besitz das, was an Einrichtung zur Vollmöblierung der Wohnung gehörte, bei ihrer Anmietung. Das Besteck, das Helene, meine Frau neu gekauft hat, überschichtete die Altbestände in der Küchenimprovisation, auf die zerbeulten Billigtöpfe stellte sie die guten, neuen, die sie von einer Europareise mitgebracht hatte, den Rest: Ölbilder von Sturm und Seenot, das Bettzeug, mitgemietet, der Geruch fremden Schlafs, hatten wir in Plastiktüten hinten im Schrank verstaut ebenso die leeren Parfumfläschchen von Simsen und Ablagen.

Das Aufbewahren alter Parfumflakons, deren Inhalt längst verbraucht ist, scheint mir – ich möchte darin ein südamerikanisches Phänomen erblicken, denn Helene, die einst eher zufällig als Lebensabschnittspartnerin eines Berliner Diplomaten nach Montevideo gelangte, sich nach Verschwinden des Botschaftsangehörigen jedoch zum Bleiben entschloss, Helene entsorgt die Glasflaschen umgehend, nicht so Maria Jose, meine Ex, auf deren Kredenz noch Exemplare aus den späten Achzigern stehen, verstaubende Geschenkpackungen in beflockten Pappschachteln mit barockprächtig goldgestanzten Markennamen der längst verbrauchten Inhalte, Massenware, die sie gleichwohl nicht wegwerfen kann, als ob die leeren Schächtelchen und Fläschchen, die Flakons und Döschen sich wieder von selbst füllten, sie werden zu Antiquitäten, erklärte mir Helene, wenn man sie nur lang genug aufbewahrt, aber nicht alle. Und nicht jede. Die von Lalique schon. Was meinst du, was man in Berlin dafür zahlt. Es ist nicht Lalique sagte ich, es ist Avon.

Von hier aus weiß ich eigentlich nicht, was ich noch erzählen sollte, so schrieb ich dem Ermittler, den ich beauftragt hatte. Ich liebe Maria Valkyria, Valkyria aus Buenos Aires, zugegeben, ich kenne sie nicht, ich kenne sie nicht näher und doch genau, ich kenne ihre Meinungen, ihre Ansichten, aus emails und postings und chats und blogs, doch besitze ich weder Anschrift noch Telefonnummer. Ich hätte sie gerne angerufen, doch davon wollte sie nichts wissen, sie war es, die mich anrief. Sie bestand darauf. Sie wolle mir ihre Telefonnummer nicht nennen und in vielen mails nannte sie mir die mehreren Gründe, die sie hinderten mir ihre Daten zu überlassen, sie nannte nur ihren Nachnamen, einen Nachnamen, der mit K beginnt, deutscher Abstammung vermutlich, Kunz vielleicht oder Kuntze, Kunze y Gomez, es ist keiner dieser seltenen Namen, auch wenn der Anfangsbuchstabe K keinen Spitzenwert bezüglich seiner Seitenzahl im Telefonbuch von Buenos Aires einnimmt, so ist Kunz wie Kuntze durchaus mehrfach vertreten, ich bitte Sie also um den vollständigen Datensatz der Dame mit Geburtsdatum, Geburtsort, einen eineindeutigen Datenzusammenhang, der nur und nur auf diese eine Person weist. Sie werden, sehr zu Recht, einwenden, dass der Nachname möglicherweise eine vollständige Erfindung der Dame sei. Dem habe ich wenig entgegenzusetzen, gebe jedoch zu bedenken, dass sie in diesem Fall wohl einen C-Familiennamen gewählt hätte, Casanova, Casablanca, warum also ausgerechnet deutsch? Darauf wußte er, der Ermittler, dem ich ein gewisses Verständnis für psychologische Stimmigkeiten unterstellen darf, nichts zu erwidern.

Die Daten, die ich besitze, umfassen also nicht mehr als diesen deutsch-spanischen Nachnamen, den Maria Valkyria mir nannte, sowie ihre email-Adresse, eine Versteckadresse übrigens, eine Adresse bei einer dieser Werbeplattformen, hotmail, gmail, die sie sich gesichert hat unter einem Spitznamen, patalapata@gmail.com. Sie wissen hiermit eigentlich alles, schrieb ich dem Ermittler. Glauben Sie mir, dass ich nichts unversucht ließ, die zu patalapata gehörige IP-Adresse herauszufinden, Gebiet, Anbieter, von dem aus sie ihre emails verschickte, es war vergeblich, es spricht für ihre Intelligenz, ihre Computererfahrung, sie hatte mit Anonymisierern gearbeitet, aber warum? Von Beginn unseres Meinungsaustauschs bis zur letzten Zeile schrieb sie unter Zuhilfenahme der misstrauischsten Software, ein Umstand, den ich ihr gegegenüber in einer diesbezüglichen mail erwähnte, nicht etwa vorhielt, wofür sie jedoch eine Antwort von gewisser Nachvollziehbarkeit hatte, eine Antwort, die hier nichts zur Sache tut.

Nur ein einziges Mal konnten wir, ich und ein Kollege, den ich ins Vertrauen gezogen und um Hilfe gebeten hatte, den Standort des benutzten Rechners ermitteln, es handelte sich um ein Call-Center in Nähe des Hafens. Ich stelle mir vor, wie sie, Maria Valkyria, dort zwischen den Begrenzungspappen der Halbkabine sitzt, hinter sich das Telefongeschrei schlechtbezahlter Seeleute, die dort zu den billigeren Tarifen in ihre Heimatländer telefonieren.

Aus der Vorstellung der schwatzenden Callcenter trat ich an jenem Abend in die schweigende Wohnung – es schwieg die Wohnung, die ich betrat, Helene wird ins Bett gegangen sein, sagte ich mir, sich auf die von uns angemietete Matratze gelegt haben, prall von den Träumen derer, die vor uns im Vollmöblierten hausten, dem Schlafgeruch der Vormieter, auf den Schichten des Geruchs wird sie liegen, doch unter der Badezimmertür, durch den unteren Spalt zwischen Tür und Fußboden drang Licht, ich öffnete die Tür zum Bad um die Lampe auszuschalten. Helene saß auf dem Badewannenrand.
„Du rauchst?“
„Nein“, erwiderte sie und zog an ihrem Zigarillo.
„Still.“
Eigentlich bestand kein Anlass zu dieser Aufforderung, klar und deutlich drangen die Worte aus dem Rohr, sie rutschten aus der Rohrleitung, es war keine Lauschanstrengung nötig.
„Ich weiß wirklich nicht, was du damit anfangen willst“
Es war nicht herauszufinden, woher die Stimme kam. Wo sich die Wohnung befand, in der diese Worte gesprochen wurden, aus welcher Wortrichtung die Sätze drangen, war im Augenblick nicht mit Bestimmtheit zu sagen, Denkpause, dann eine Entgegnung, seine Entgegnung, eine Männerantwort, still, nicht so laut, was sollen denn die Nachbarn von uns denken, vielleicht, ich weiß es nicht, dunkle, schlecht übertragene Worte, nicht klar zu verstehen, nun lachte die Frau.
„Die Laken auch?“ fragte sie, die Stimme durch die Rohre, eine volle, dunkel getönte, sehr weibliche Stimme, eine Stimme von Üppigkeit und Erotik .
„Gut, werfen wir die Münze. Ich will mich nicht streiten.“
Wir hörten die Frau oben kichern
„nicht um ein paar Bettlaken“ –
„Streiten! Du willst nicht streiten. Das ist mir neu“
Seine Antwort verrauschte in den Rohren.
„Obwohl“, so fuhr die Frauenstimme fort, wie gewillt, ihn zu überhören: Obwohl ich wirklich nicht weiß, was du mit Bettlaken anfängst, du wirst ihr doch wohl kaum unser altes Bettzeug mitbringen wollen“. Vielleicht sagte sie auch „ anbieten“ statt „mitbringen“ – ich weiß es nicht mehr, die Sätze waren nur zur Hälfte verständlich, ich reimte den Rest zu meiner Vorstellung, ergänzte ihn.
Sie kicherte. „Und außerdem habe ich sie bezahlt.“
„Wen?“
„Die Laken, aber bitte.“
Ich sah Helene an: „Das verspreche ich dir, Helene: sollte ich hier ausziehen, werde ich nichts mitnehmen, nichts, gar nichts.“ sagte ich, obwohl es keinen Anlass zu einem solchen Satz gab, doch Helene sagte nichts.
Wir saßen lauschend, schweigend auf dem Badewannenrand, versuchten, weiterhin vergeblich, den Wortwechsel zu orten, Schallverzerrung, das Hotel durchziehn die Rohrsysteme, Zufuhr und Abwasser, ich kenne nicht die Wasserwege im Palast, die Rohre der Entsorgung nicht, nicht die Rohrwege der Mülltüten, die wie schwere Frauenkörper, bleich und willenlos wie Leichen mit weichen Geräuschen ihren Weg durch die Stockwerke fallen, plötzlich die Koordinaten der Stimmen fast peilgenau zu erfassen, sie waren über uns, ich habe sie mir eingeprägt, die Geräusche, die Wege des Schalls und ich hätte schwören können – doch davon später.

Vielleicht waren sie nur ein einziges Stockwerk von uns entfernt.
„Unwahrscheinlich“ stellte Helene fest: „falls die Wohnungen über uns dieselbe Raumaufteilung besitzen. Ich glaube nicht, dass die beiden auf dem Fliesenboden ihres Badezimmers hocken um Laken zu verteilen. Sie müssen im Schlafzimmer sein“
„Vielleicht ist die Tür offen. Die Tür zum Bad.“
Es ging weiter.
Schritte in klappenden Hacken und in diesen – aber das konnte ich selbstverständlich nicht hören – Seidenstrümpfe um madenbleiche Beine– so stellte ich sie mir jedenfalls vor – vermutlich aus dem Schlafzimmer über den Korridor am Badezimmer vorbei in die Küche, der durch Rohr, Boden, Wand übermittelte Klang der Schritte deutete darauf, dass sich die Wohnung tatsächlich genau über der unseren befand.

Nun klar und deutlich die Worte: Du auch? Dann ein Ziehen und Ploppen wie von einer Kühlschranktür, wie die Überwindung eines leichten Unterdrucks, der die Kühlschranktür verschlossen hält, Flaschenklirren, still, sagte Helene wieder, sie könnten uns hören, sie könnten hören, dass man ihnen zuhört, es wäre peinlich.
Ich sagte nichts, stattdessen stellte ich mir ihren Mund vor, den Mund da oben, den passenden Mund zur Rohrstimme, wie er in den nach gärenden Nahrungsmitteln riechenden Atem des Kühlschranks hineinsprach. Dann mußte ich wieder die Beine zu den Schritten denken, die ich nicht anders zu denken vermochte als prall und bleich, die zu den blassen Beinen passende Figur, füllig und wie nicht zu fassen, ich betrachtete die rauchende Helene und dachte an Valkyria.
„Und du willst wirklich die Töpfe?“ fragte sie wieder, die Stimme deutlicher durch die Rohre. „du kannst doch gar nicht kochen.“
„Wenn du schon so fragst, dann, ja. Ja, die Töpfe auch. Und die Hälfte vom Geschirr.“
„Fang auf“
Klirren. Kurz darauf hörte es sich genauso an wie es sich anhört, wenn einem Menschen ein Haken in die Magengegend versetzt wird. Woher ich das weiß, wieso ich weiß, wie sich das anhört, tut ebenfalls nichts unmittelbar zur Sache.
„Müßten wir nicht die Polizei rufen“ sagte Helene und ich schlug die Bar gegenüber vor.

Guck mal nach hinten, aber dreh dich nicht um, sagte ich zu ihr, zu Helene, sie drehte sich natürlich trotzdem um, die volle Halbdrehung, Helene kann nicht unauffällig schauen wie die Südamerikanerinnen, nicht mit gesenktem Lid durch den schwarzgefiederten Fächer der Wimpern blicken, allerdings erwies sich meine Bitte als überflüssig, denn es war nichts zu sehen von der Meinungsverschiedenheit in der Wohnung über uns , deren Zeuge wir durch die Rohre hindurch geworden waren, die Stimme erhob sich, ging nach vorne und stand im Licht der Scheinwerfer, die madenfetten Beine stimmten nicht, sie war sehr schlank, sie war wahrscheinlich etwas jünger als Helene und sie hieß Giovana.

Ich verstand ihn trotzdem, Sie kennen den Text sicherlich, obwohl sie die Worte bis zur Unkenntlichkeit in den Melodiebogen stauchte und zerrte, En fun da la / man do li na / ya noes tas pa / se re na tas – die Silben sinnwidrig zerschnitten und geklebt, ya noes tas pa – ya no estas pa müsste es heissen, / en la tim ba / de la vi da / me plan te con / sie tey me dio – Enfunda la fun dala la mando lina, geh heim, Alter, die Frauen sind nichts mehr für dich, Qué querés, Cipriano, was willst du, hast keinen Saft mehr – ya no das más jugo. Son cincuenta abriles que encima llevás. Ich werde im April fünfundfünfzig, es wäre mir angenehm gewesen, hätte Giovana einen anderen Text gesungen – nicht diesen Tango, der mich, ich gebe es zu, verstimmte, höchstens 26, 27, Valkyria hat eben erst ihr Studium abgeschlossen.

“Gut, dass wir die Polizei nicht gerufen haben,” flüsterte meine Frau.
“Helene”, sagte ich, “ich muß mit dir reden.”

Ich hatte das alles bereits mit meiner Ex durchlebt und auch dieses Mal fiel es mir nicht leicht. Sie solle es bitte nicht als Kritik auffassen, aber es stimme ja wohl, dass sie sich nicht für die Papiermühlen an der Grenze zu Argentinien interessiere, nicht für das Zusammenspiel von Wirtschaft, Naturschutz und Außenpolitik, ja, sagte sie, seitdem Stefan sie in Monte habe sitzenlassen, nicht für die Themen, fuhr ich fort, ihren Einwurf übergehend, denn schließlich bin ich nicht daran schuld, dass der Typ nach Deutschland abgehauen ist, nicht für Gewässerschutz, die ich, als Chemiker, mit einigem Interesse verfolge, dann betonte ich, wie harmlos freundschaftlich die Beziehung mit Valkyria, Maria Valkyria Kuntze y Gomez begann, öffentlich begann auf einem der Zeitungsforen und mit einer Antwort auf eine chemische Fragestellung, Dioxine betreffend, Valkyria, als angehende Ökonomin, wie sie sich an einer Zeitungsdiskussion bezüglich der Zukunft der Papeleras, der Papiermühlen beteiligte, wir schrieben uns in der Folge mit zunehmender Frequenz, öffentlich und jederzeit einsehbar, aber Helene hat sich, diesen Vorwurf kann ich ihr nicht ersparen, nie um dergleichen Themen bekümmert, weder um Ökonomie, Ökologie noch Südamerika, sie hätte mitlesen können, den Austausch, den wir hatten, hätte sie mitverfolgen können, Osvaldo und Valkyria, beso Valkyria, beso Osvaldo, Waldo, Walli, Walli, Waldo, so ging das webseitenlang und immer noch auf den unverschlüsselten Seiten, dann erst, vor drei Monaten tauschten wir die mail-Adressen. Ich muß mit ihr zusammenleben, es ist unvermeidbar und ich erwarte auch gar nicht, dass sie, Helene, mich versteht, ich werde zu ihr ziehen, in die Wohnung, die wir uns in Pocitos mieten werden, ich dachte, sie lebt in Buenos Aires, so Helene erstaunt, hast du nicht gerade vor fünf Minuten gesagt, dass sie in Buenos Aires wohnt? Sie kommt nächsten Monat nach Montevideo, wenn sie, Helene, auf Deutschlandbesuch sei, dass ich Valkyria vom Flughafen abholen, dass ich mit Valkyria zunächst ins Victoria Plaza ziehen werde und dass ich sie, helene, davon habe vorab informieren wollen.

Ich hätte, sie, Helene nicht in gleicher Weise vor vollendete Tatsachen stellen, sie mit Valkyria betrügen können wie ich meine Ex, wie ich Maria Jose mit Helene betrog, ich hätte ja auch einfach gehen können, das müsse mir zugute halten, meine Hosen und Hemden aus dem Kleiderschrank nehmen können, sie, Helene hätte bei der Rückkehr von ihrer Reise die Wohnung leer gefunden, es wäre leichter gewesen für mich, es hätte in jenem Monat zwischen Geständnis und Ankunft diese zahlreichen Gespräche über Valkyria nicht gegeben, über ihr Aussehen. Alter, Genaues, alles wollte sie, Helene, wissen und ich nehme an, dass sie daran zweifelte, dass selbst mir nicht viel mehr bekannt war als email-Adresse, jpg-Datei und Vorname, den Helene wie einen dicken Kloß im Hals ausspricht, da sie das R nicht auf spanische Weise zu rollen vermag, Valkyria, nicht viel mehr als ein Name und doch kenne ich sie besser als ich Maria Jose kenne oder Helene. Ich kenne sie als lebten wir schon seit Jahren zusammen und einen Monat nach jenem Abend fuhr ich zum Flughafen.

Wie ich dem Beauftragten, dem Nachforschenden schon beim ersten Gespräch berichtete, wartete ich am Flughafen in Carrasco vergebens auf eine Maria Valkyria Kuntz oder Kunze.

Nach zwei Stunden beschloß ich, zum Palacio Salvo zurückzukehren, Helene würde die Wohnung bereits verlassen, sie würde ein Taxi gerufen haben, vielleicht würden sich die Taxis, die wir benutzten, sie stadtaus und ich stadteinwärts, noch kurz auf der Rambla begegnen, vielleicht würde ich noch sehen, wie sie am Taxistand vor dem Flughafengebäude mit ihrem Koffer ausstieg. Aber ich traf sie nicht. Vor dem Flughafengebäude schrie ein Bettler einem wild gestikulierenden Trenchcoat hinterher:
“Merken Sie sich das, ich bin Bettler und kein Dienstleister.”

Ich beschleunigte meine Schritte, erreichte den Trench gerade noch, bevor er in sein Auto stieg.
Er griff ins Innere seines Mantels, ungefähr in Brieftaschenhöhe griff er sich ins Mantelinnere, zog an einem Stück Schlauch, etwa daumendick, dessen Kopfende er mir entgegenhielt.

„Was sagen Sie dazu?“ fragte er: „Dieser Mensch, der sich nicht zu schade ist, sein ganzes Leben dem Bürgersteig zu widmen, hat sich geweigert, das heiligzusprechen, was mir das Heiligste ist, meine schwarze Mamba.“

Ich weiß nicht, wie eine Mamba aussieht, ich weiß bis heute nicht, ob es wirklich eine Mamba war, aber ich halte es für möglich.

Die Wohnung im Palacio Salvo war leer und ich ging ins Bad.

„Carrasco“ sagte die Frauenstimme, die ich durch die Rohre hörte, eine Stimme mit einem dicken R, einem deutschen R, das tief im Hals sitzt wie ein Kloß: „Er wird sie jetzt wahrscheinlich ins Victoria Plaza bringen“.

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