Der Meister vom Stuhle

Eine Goetheparodie von Clemens Brentano, der heute vor 175 Jahren, am 28. Juli 1842, starb.

Es saß der Meister vom Stuhle,
Gar frech im eignen Kot,
Wer wagt sich zu dem Pfuhle,
Es tun ihm Prügel not,

Wer schmeißt mich über und über,
Wer bläst das Licht mir aus,
Wer giebt mir Nasenstüber,
Wer schickt mich recht nach Haus.

Und kömmt er einst zum Sterben,
So stirbt sein ganzes Reich,
Die Frösche all verderben,
Krepiert er in dem Teich.

Er saß einst an der Saale,
Nun sitzt er auf dem Sand,
Und hat bei seinem Mahle
Die Esel all zur Hand.

Da sitzt er, keiner frecher,
Und platzet fast vor Wut,
Und reicht den giftigen Becher
Sich selbst und seiner Brut.

Wir sehn ihn platzen, sinken
Und stinken in eigner Schmer,
Laßt ihn nur aus sich stinken,
Dann stinkt es nimmer mehr.

Das ist natürlich eine Goetheparodie – „Es war ein König in Thule“. Persifliert als „Meister vom Stuhle“ wird aber nicht der Geheimrat, sondern ein politischer Gegner, ein Professor namens Theodor Heinrich Schmalz, der sich während der napoleonischen Besetzung im „Demagogenstreit“ als Denunziant antinapoleonischer Umtriebe hervortat. Das Gedicht wurde erstmals 1968 veröffentlicht – weit über 100 Jahre nach dem Tod des Dichters, ein Literaturskandal, der noch größer wird, wenn man mitbedenkt, daß nicht nur einzelne Texte, sondern ein beträchtliches Konvolut von Texten des berühmten Romantikers damals noch nicht oder nur in verstümmelter Form veröffentlicht war – was ohne Zutun und Nichttun der Germanistik nicht möglich gewesen wäre. (Schmalz kam 1809 aus Halle – daher im Gedicht die Saale – nach Berlin – „nun sitzt er auf dem Sand“, – wo er nämlich Rektor der Berliner Universität wurde.)

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