Befreundet mit Frisuren

Über Martin Walsers neuen Roman „Ein sterbender Mann“, in dem ein Kunstlyriker vorkommt, schreibt die FAZ:

Der Verräter soll sein früherer, von ihm bewunderter Freund und Teilhaber Carlos Kroll sein, ein hochnäsiger Dichter, die Karikatur eines hermetischen Lyrikers, der behauptet, „seine Gedichte seien Sprachereignisse, die in dieser Zeit, in der das Mittelmaß triumphiere, gar nicht erkannt werden könnten“. In der Konzeption der Figur hat Walser mit offensichtlichem Schalk alle bürgerlichen Ressentiments gegen die moderne Lyrik versammelt.

Warum Herr Schadt jemanden bewundert hat, dessen Gedichtbände „Lichtdicht, Leichtlos, Lufthaft, Kettenscheu“ oder auch „SeinsRiss“ betitelt sind, ist einem der Lyrik geneigten Leser freilich schwer begreiflich. Carlos Kroll schwebt angeblich „ein Lyrik-Imperium à la Stefan George“ vor, aber „keine elitäre Kunstkirche, sondern eine radikale Banalisierung“. Dem werden die angeführten Beispiele allerdings gerecht: „Mit brennenden Füßen auf Eisschollen stehen, / vom Achtstundentag verschont, sich / preisgegeben, das Leben fürchtend / und den Tod, befreundet mit Frisuren.“ Das ist ganz lustig, wenn es sich nicht beim letzten Wort um einen Druckfehler handelt.

4 Comments on “Befreundet mit Frisuren

  1. Das findet man bei Romanciers oft, dass sie, zugegebenermassen, keinen „Sinn“ für Lyrik besitzen, ja, man „sie damit jagen kann“. So wird es bei W. sein – aber er hätte sich in diesem Falle doch besser beraten lassen, – da kann man nur von einer selbstbezichtigenden Vorurteilsnaivität gegenüber Handwerk und Weltbild von Lyrikern ausgehen- oder vielleicht doch von abgrundtiefer Verächtlichkeit gegenüber(welchen?) Lyrikern (aus welcher Zeit eigentlich?)- auch das ein Eigentor.

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  2. Ich vermute, hier gibt es ein Missverständnis mit Walserscher Rollenprosa: Walser ist viel zu sprachbesessen, um das so zu meinen, wie es da steht. Ich bin nicht gerade Freund oder Kenner seiner Romane, aber weiß doch genug als Leser, dass die Überspitztheiten bei ihm manchmal einen etwas eigentümlichen Klang bekommen – und ich kann nicht anders denn glauben, dass das wohl überlegte Absicht ist.

    (Man denke an die oft verquer sprechenden Namen seiner Protagonisten – so etwas unterläuft niemandem mit Walsers Routine auf etlichen spiegelnden Sprachparketts; ja etwa auch als skrupulöser Leser und Kritiker. So mag auch durchaus etwas an Seitenhieb in der zitierten Passage strecken, aber sich keine Abwertung gegen eine literarische Gattung per se.)

    Auf jeden Fall hat der Romancier Walser Sinn für Lyrik.
    (Und als ich einmal in einem alten Jahrbuch auf Gedichte von ihm stieß, machten sie mich auch sofort brennend neugierig auf mehr. Er veröffentlicht sie – auch das wohl seltsam – mit seinen Aufsätzen und Reden.)

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