Sexismus im Literaturbetrieb

Wer im deutschen Literaturbetrieb das Thema Sexismus angeht, muss schlimme Erfahrungen machen. Dana Buchzik berichtet in der taz. Auszug:

Als man mir anbot, für die Welt einen Artikel über die männlich dominierte Longlist des Buchpreises 2014 zu schreiben, war ich überzeugt, gegen etwaige Shitstorms gut gerüstet zu sein. Es würde ausreichen, den Blick in den Kommentarspaltenabgrund zu vermeiden, glaubte ich. Das tatsächliche Ausmaß der Beleidigungen und Drohungen, auch seitens Kollegen, das dem Text folgte, hat meinen Blick auf das Feuilleton und seine Debattenkultur dann sehr verändert. (…)

Einer jener etablierten Kritiker schrieb anlässlich meines Textes, er könne „im Absurditätsgrad der Behauptungen: ,Im Literaturbetrieb werden Frauen unterrepräsentiert und diskriminiert‘ und ,Die Erde ist eine Scheibe‘ keinen Unterschied erkennen“. Ein Schelm, wer die Tatsache, dass ebenjener Kritiker für Zeit.Online 6 Werke weiblicher Autoren und 48 Werke männlicher Autoren besprochen hat, voreilig Unterrepräsentation nennt! (…)

Die Reaktionen auf meinen Artikel waren wie aus dem Klischeebilderbuch abgepaust. Mich erreichten zahllose Nachrichten und Erklärungen von Männern, auch Journalistenkollegen, die behaupteten, dass mein Artikel jeder Wahrheit entbehre und nur gedruckt worden sei, weil die armen Verleger auf ihre Reichweite aufpassen müssten. Oder sie gingen gleich dazu über, persönlich zu werden: Von einem Mitglied der Buchpreisjury richtete man mir aus, dass ich mich vorsehen solle und dass ich schon sehen werde, was bei so einem Verhalten herauskomme. Man drohte mir, mich fertigzumachen. Man könne mich ganz leicht öffentlich diffamieren. Mir Steine in den Weg legen. Meine Karriere beenden, ehe sie überhaupt begonnen habe.

Ich schätze viele dieser Kollegen nach wie vor; es sind kluge, feinsinnige Menschen. Um ihre Ausfälle nachvollziehen zu können, muss man vor allem begreifen, dass im Literaturbetrieb Konkurrenzkampf nicht unbedingt auf der Leistungsebene stattfindet.

2 Comments on “Sexismus im Literaturbetrieb

  1. Dana Buchziks Satz „[Man] muss vor allem begreifen, dass im Literaturbetrieb Konkurrenzkampf nicht unbedingt auf der Leistungsebene stattfindet.“ kann als Grabspruch verstanden werden. Ich würde ihn auch nicht ausschließlich auf den Literaturbetrieb anwenden.

    Wenn i-wer sich eines Irrtums so sicher ist, warum muss der dann mit öffentlicher Diffamierung drohen (lassen)? I-wer glaubt offenbar, schon im postdemokratischen Arkadien zu wesen, wenn er glaubt, einer Journalistin einen Maulkorb verpassen zu können.

    Naiver und kurzschlüssiger als dieser Tage war Elite schon lang nicht mehr.

    Gefällt 1 Person

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