Bestseller

Spiegel sagt

Mit Jan Wagners „Regentonnenvariationen“ steht ein Gedichtband in der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz fünf. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?

Maren Keller: Regelmäßig wird ja behauptet, auf der Bestsellerliste stünde nur Schund und Trivialliteratur. Und nun – siehe da – hat es ein Gedichtband auf Platz fünf geschafft. Können alle, die sich stets um den Massengeschmack sorgen, jetzt ein für allemal beruhigt aufatmen?

Sebastian Hammelehle: Ich war gerade im 10. Stock und habe im SPIEGEL-Archiv nachgeschaut. Als Durs Grünbein 1995 den Büchnerpreis bekam, hat er es nicht auf die Bestsellerliste geschafft. Robert Gernhardts letzter Lyrikband kam 2006 bis auf Platz zehn, Tomas Tranströmers „Gesammelte Gedichte“ nach dem Nobelpreis im Jahr 2011 bis auf Platz 17. Insofern sind Jan Wagners „Regentonnenvariationen“ auf Platz fünf so exotisch wie ein Einhorn auf der Autobahn.

Keller: Mal abgesehen vom Werbeeffekt, der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse einhergeht – wie erklärt sich dieses Bestseller-Wunder? Liegt es an den Vorgarten-Themen? Dem raffinierten Spiel mit den lyrischen Formen, für das Wagner gelobt wird? Oder waren Gedichte über Koalas ganz einfach überfällig?

Hammelehle: Du kannst dir vorstellen, dass ich angesichts des Titels „Regentonnenvariationen“ bereit stand, den „Landlust“-Vorwurf zu erheben. Auch habe ich mich wochenlang schwer getan, Wagners Gedichten irgendetwas abzugewinnen und mich über Georg Diez‘ Kolumne zum Leipziger Preis gefreut. Aber: Als ich dann endlich Ruhe und die entsprechende Konzentration gefunden hatte, war ich doch angetan von Wagners Lyrik. Sie ist spröde, spricht die Leser emotional nur sehr zurückhaltend an. Unser Social-Media-Redakteur, dem ich das Buch geliehen hatte, hat mich begeistert auf den „Versuch über Mücken“ hingewiesen: „Als hätten sich alle Buchstaben auf einmal aus der Zeitung gelöst und stünden als Schwarm in der Luft.“ Solche Beobachtungen und Sprachbilder machen einen Gutteil des Reizes von Wagners Gedichten aus.

(…)

Keller: Ist dieses Buch das richtige, um es stellvertretend für die Lyrik einer ganzen Generation zu lesen? Die Verkaufszahlen legen nahe, dass ziemlich viele Leser das gerade tun.

Hammelehle: Ich finde Wagner ja nicht interessant, weil er den Preis bekommen hat – sondern obwohl er ihn bekommen hat. Der Lyriker als Vertreter, das ist mir ein bisschen zu prosaisch.

Jan Wagner:
Regentonnenvariationen
Gedichte
Delius Klasing;
192 Seiten; 19,90 Euro.

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