Mr. Poetry

Trotz der offensichtlich gewachsenen Aufmerksamkeit für die Poesie versteht sich Deutschland derzeit nicht vorrangig als Nation der Dichter. Niemand führt heute mehr bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit einen Vers im Munde, wie es noch meine Großmutter tat. Das Gefühl greift heute intuitiv wohl eher zu Schlagerzeilen oder Film-Zitaten.

Woanders ist dies offensichtlich anders. In Irland jedenfalls hat der Fernsehsender RTE vor einigen Monaten das meistgeliebte irische Gedicht des vergangenen Jahrhunderts gesucht. Als erstes bat man die Öffentlichkeit um möglichst viele Vorschläge. Eine Jury erstellte aus den Einsendungen eine Shortlist, über die wiederum das Publikum abstimmen konnte. Glen Killane, Geschäftsführer von RTÉ television, erläuterte die Aktion: „Wir wollten etwas feiern, worin wir als Nation herausragend sind“, sagte er. Dass sich viele tausend Menschen mit wohlüberlegten und durchdachten Einsendungen zu Wort meldeten und dass sich an der Endabstimmung so viele Leute beteiligten, zeuge davon, so Killane weiter, wie viel den Iren Poesie bedeute: „how much poetry means to us as a people“. Auf der Shortlist landeten unter anderen „Easter 1916“ von William Butler Yeats, „A Christmas Childhood“ von Patrick Kavanagh, „A Disused Shed in Co Wexford“ von Derek Mahon und „Dublin“ von Louis MacNeice.

Das schließlich im März 2015 gekürte meistgeliebte irische Gedicht des 20. Jahrhunderts aber stammt von Seamus Heaney (1939 – 2013), der 1983, als eines seiner Gedichte im Penguin Book of Contemporary British Poetry aufgenommen wurde, in einem offenen Brief den Stolz des irischen Volkes in Verse reimte: „be advised / My passport’s green / No glass of ours was ever raised / To toast The Queen“: Heaney, der in seinen frühen Bänden – etwa mit „Requiem for the Croppies“ – den irischen Freiheitskampf thematisierte („Begraben wurden wir ganz ohne Leichentuch und / ohne Sarg. Und im August wuchs Gerste aus dem Grab„), wurde lange vor dem Nobelpreis 1995 in seiner Heimat als Mr. Poetry geehrt. / Marie Luise Knott, Perlentaucher

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