62. „Hilfloses lyrisches Ich“

In der Besprechung des gesamten Gedichtbandes von Karl Mickel heißt es vom gleichen Professor unter der Überschrift „Hilfloses lyrisches Ich“ dann endgültig:

Widerwärtig häuft sich Fäkal- und Sexualvokabular, wo Kraft und Saft nicht ideeller Substanz entspringen. (…) All die be- und verklemmten Gefühle können sich hier nicht im Mittun, in verantwortlicher geistiger Mitwirkung an einem großen, organisierten, kollektiven Werk befreien…

Solche Urteile kommentieren sich selbst, was ihre Verfasser nicht hindert, bei wechselndem Anlaß, wieder laut und mächtig zu werden. Mickels Gedichte teilten die Leserschaft, hinfort sind die Meinungen über Karl Mickel geteilt. Er selbst wird Gegenstand von Gedichten, etwa wenn ihn Volker Braun – in Anspielung auf zitierte Kritiker – im Stile seiner Mottek-Sonette verteidigt:

Du auch hast deine Art, bei Sinnen bleiben
Ohne wie sonstwer daß du alles fliehst.
Den Riß der Welt zwischen den Beinen siehst
Kopiert du annehmbar sich dran zu reiben.

Das hilflose, sagen die Professoren.
Ich, die sich nur behelfen wo sie dürfen
Du aber mußt den Grund der Suppe schlürfen
Wo nichts mehr bleibt. Das nennen die verloren.

Und anders Mottek, der die Zukunft schaut
Und sagt Unsägliches sagbar in deinem Vers.
Nie hat Wissenschaft Kunst so gebaut.

Kühl wie die ist und wahr. Das soll es geben
Hör ich dich murmeln verstanden von keinem.
Und Loch an Loch die Welt aus Gräbern Leben.

/ Gerhard Wolf, die horen, Heft 124, 4. Quartal 1981 Mehr

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