98. Reinecke in Loschwitz

In Loschwitz kann er privat bleiben.

Dennoch mischt er sich in Debatten. Etwa darüber, ob junge Autoren zu unpolitisch seien. Es sei schon schwierig genug, Neues, Ungewöhnliches über Literatur zu äußern, meint er. „Wenn man dann gar über Politik redet, wird man schnell an den Rand gedrückt.“ Die Marginalen würden mit ihren Äußerungen nochmals marginalisiert. Er sieht einen Betrieb in Bewegung, der Aneckendes aussortiere.

Bertram Reinecke ist einer, der zum Dichten Anderes benötigt als Block, Stift und Inspiration. „Ich habe einen sehr reflektierten Zugang zu Literatur“, meint er, reibt sich, die Arme verschränkt, mit dem Zeigefinger der Linken übers bärtige Kinn. In seinen Gedichten will er demonstrieren, welche viel größeren Möglichkeiten Literatur hat.

Die meisten davon sind Centos. Ein sehr altes Verfahren, bei dem aus einzelnen Zeilen anderer Gedichte ein eigenes gebaut wird. „Ich bekenne mich zur besonders strengen Montagetechnik: Ich nehme ganze Zeilen aus anderen Texten.“ Das sei viel komplizierter, als sich selbst etwas auszudenken. Das Schieben und Feilen an einem Text könne schon mal bis zu hundert Stunden dauern.

Er tippt mit dem Finger auf so eine schöne gefundene Zeile in seinem Gedicht „Nachtwachen 1“: „Liebstöckel, herzenstrost und immenblatt“. Die montiert er in eine Wortumgebung von „relikten der avantgarde“ und „Geröll der geschichte“.

Sein Verfahren preist er in Paradoxa: Je begrenzter der Raum der Möglichkeiten, desto größer die Wahrscheinlichkeit, zu anderen Ideen zu gelangen. Denkgewohnheiten zu hintergehen, dies sei Ziel seiner poetischen Arbeit. „Je mehr man sich auf fremdes Material einlässt, desto individueller wird man.“ Herkömmlichen Bildern vom Dichter mit geheimnisvoller Aura widerspricht er mit Texten, die er als gebaut ausstellt, deren Machart in Fußnoten mitteilend.

(…)

Daneben hat er letzte Korrekturen an „Die peinliche Affäre auf der Grotenburg“ von Jürgen Buchmann erledigt. Eine humorvolle „erotische Phantasmagorie“ aus der westfälischen Provinz. Neuerscheinung seines 2009 gegründeten Leipziger Verlags Reinecke & Voß. Er will Werke veröffentlichen, „die auf den literarischen Möglichkeitsraum Einfluss nehmen.“ Das Ziel: Erweiterung. Sein Wunsch: Ein überrascht aufmerkender Leser, der sich sagt: „Aha, so kann man es also auch machen.“ / Tomas Gärtner, Dresdner Neueste Nachrichten (DNN) Kultur, 20. März 2014

Nach drei Monaten als „poet in residence“ verabschiedet sich Bertram Reinecke aus Dresden-Loschwitz

Abschlusslesung von Bertram Reinecke am Freitag, 21. März, 20 Uhr, Kulturhaus Loschwitz, Friedrich-Wieck-Str. 6; sein Verlag im Internet: reinecke-voss.de

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