119. Gezwitschert, gegeigt und gesungen (2)

aus einem thread :

Michael Gratz konkret: in wenigen tagen werd ich ein doppelt großen eReader haben, mit elektronischem stift zum dreinschreiben. dann fängts an ernst zu werden.Freitag um 15:19 · Gefällt mir

Michael Gratz es fängt an ernst zu werden / es hört auf spiel zu sein / und zwei ist eins. oder soFreitag um 15:19 · Gefällt mir

Richard Duraj solange sie nicht wie gedruckte bücher sind, könnte es spannend werden. ist schon schlimm, wenn im neuen medium dem alten hinterhergehechelt wird. denke da zb an fixpoetrys autorenbücher, die sich „blättern“ lassen. sowas erinnert nur daran, was es nicht ist, nicht, was es sein könnte.Freitag um 16:06 · Gefällt mir

Michael Gratz im internet „browsen“ zehrt ja auch von der bildlichkeit, wie auch „lesezeichen“, ja „webseite“ Freitag um 16:09 · Gefällt mir

Michael Gratz wie schon buch von den buchenholztafeln kommt, auf die man zuerst schrieb, bei den germanen, weil man keine wachstafeln wie die römer auf lager hatte. auch in buchstabe lebt die pucklichte verwandtschaft fort. buch, als ursprünglicher haufen buchentafeln, auf die man „stäbe“ einritzt, wie die runen, die aus einer senkrechten linie (stab) und paar verzweigungen bestanden. ebuch ist also eine lustige mischung römischer, germanischer, neuzeitlicher von handschriften bis buchdruck und elektronischer schichtenFreitag um 16:26 · Gefällt mir

Armin Steigenberger kennt ihr drawerts jüngsten artikel „der entrissene text“ (NZZ 21.07.?) da geht es auch um site und seite und e-book usw. ich fand das sehr differenziert dargestellt, auch sehr kritisch, allerdings ist nur die entgegnung dazu bereits online http://libreas.wordpress.com/2012/07/25/derentrissene_text/ dennoch scheint mir drawerts statement nicht ganz ohne zu sein, wenn auch auf libreas einige punkte stehen, die abzuwägen sind… eine der thesen lautet, dass literarische texte im netz verlieren, sie „klingen“ in diesem referenzrahmen anders, das medium verändert auch die inhalte usw.

It’s the frei< tag> 2012-Countdown (22): Kurt Drawert und der entrissene Text
libreas.wordpress.com Ben Kaden zu Kurt Drawert: Der entrissene Text. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 168, 21.07.2012, S.21 (bislang nicht online) „Das bleibt nun so: ein Leben mit hübschen Maschinen, fortschrittlich, ohn…

Gestern um 03:07 · Gefällt mir

Michael Gratz danke für den hinweis. drawerts text wird für nichtabonnenten wohl nicht online gestellt. (vor gut 15 jahren war die nzz fast komplett frei online. heute, wenn ich sie lesen wollte, müßte ich, in greifswald, mich für ein digitales abo entscheiden, denn das geschätzte blatt schafft es zwar bis berlin, aber nicht bis zu mir. nicht am gleichen tag). und ehrlich gesagt reicht mir die entgegnung mit den paar zitaten schon. denn natürlich ändert sich immer alles. die verschriftlichung hat die griechische literatur verändert, das haben genausoviele als skandalon empfunden wie heute die digitalisierung. sapphos texte wurden für den mündlichen vortrag geschaffen, aber in ihrer lebenszeit begann das aufschreiben. sonst hätten wir vermutlich garnichts mehr von ihr. die erfindung des buchdrucks vernichtete die herrliche kultur des abschreibens und der buchmalerei, das ist auch schon eine weile her. kann auch nicht jeder mönch werden. eine option bleibt es dennoch immer. nein, ich kann dem gejammer wenig abgewinnen. ich halte es mit dem dichter uwe greßmann: „in den kurven spielen / straßenbahnen geige. / ach so mancher denkt da / seiner freundin oder / träumt von kommenden dingen / aber die meisten klagen / und nennen es ohrenbetäubenden lärm (…) / ganz einfach weil sie wie so oft / die feier im alltag nicht sehen // der der die seitenstraße langgeht kann ja / sucht er die eintrittskarte / in der manteltasche auch / das konzert der fahrzeuge da schon hören / falls er keine zeit mehr hat / die musische stätte direkt aufzusuchen.“ jetzt aus dem gedächtnis zitiert aber garantiert fast wörtlich, weil ich es so oft gelesen und vorgelesen habe daß ichs auswendig kann. das bleibt mir offen trotz schrift und buchdruck. und mein lesegerät, falls es heute kommt, wird mir meine bibliothek nicht wegnehmen, ebensowenig wie mein gedächtnis.Gestern um 05:46 · Gefällt mir

Armin Steigenberger drawerts artikel ist auch nicht völlig polemikfrei. so klingt eben der zitierte satz, er habe noch nie ein e-book in der hand gehabt, eingebettet in die „gesamt“polemik, doch viel ironischer und auch humorvoller, als es der ausschnitt glauben lässt. Gestern um 13:49 · Gefällt mir

Zu Kurt Drawerts Artikel in der NZZ (21.07.2012) und Ben Kadens Replik auf http://libreas.wordpress.com/2012/07/25/derentrissene_text/ vom 25.07.2012

 Armin Steigenberger Es scheint, dass derjenige, der auch nur irgendwas gegen das Internet vorbringt, heute sofort unter Generalverdacht steht, was ich eigentlich genauso eindimensional finde. Insofern ist Ben Kadens Replik in summa eine ziemlich vorhersehbare Reaktion und an neuen Argumenten, die mich wirklich überrascht hätten, kommt gar nichts.

Stattdessen ist die Methode ja die althergebrachte: Man entreiße (!) Textteile dem Kontext, füge ihn in einen anderen Kontext ein und prügle polemisch auf ihn ein. Ben Kaden hat durch Verkürzung etliche bedenkenswerte Aspekte mal eben weggewischt. Die Argumentationen, man habe ja noch ein Leben „neben“ dem Computer (und in diesem alle Freiheit?), sind eigentlich allesamt auch recht banal: dass Herr Ben Kaden in der Schlange auf der Post anstehen muss, um sich danach wieder im Büro einzufinden,  ist ein denkbar schlecht gewähltes Beispiel für die Freiheiten des RL. Und so bleiben solche Reflexe nur die typischen und auch typisch langweiligen Konterkarierungen. Schon die von Kaden verwendeten Schnipsel aus dem Originaltext lesen sich ganz anders, wenn man etwas mehr „Fleisch“ mitliefert.

Im Prinzip geht es doch nur darum, dass ein Text in einem Buch gelesen ganz anders wirken kann als ein Text, der (irgendwo immer zwischen Tür und Angel) auf dem Bildschirm gelesen, anders rezipiert wird, werden muss, weil das Internet als „Resonanzraum“ kein störungsfreier Raum ist, sondern nebenher allerhand „Interferenzen“ passieren, wo man auch permanent zusätzliche Infos bekommt, die man nicht bestellt hat, die aber die Rezeption, das „sich-Einlassen“ stören; z. B. all diese Werberahmen und Nachrichtenticker (mit Katastrophenmeldungen u. v. m.) oben und unten schaffen eine permanente (auch emotionale) Parallelrezeption, die sich nicht ausblenden lässt. „Die beschriebene Seite Papier, abgelegt auf unserem Schreibtisch, kann absolut sein. Nichts greift sie an, was ausserhalb ihrer selbst ist. Allenfalls ein paar aufgeschlagene Bücher in näherer Umgebung könnten zu einem Anlass werden, Sätze zu vergleichen und ins Verhältnis zu den eigenen zu bringen. Aber alle diese Prozeduren sind bereits durchlaufen, das haben wir in zäher Mühe schon überwunden. Dieser gleiche souveräne Text aber, der eine Person symbolisch verkörpert, zerfliesst, sobald er in die virtuelle Maschine, in die Megabox eingespeist wird – er wird semantisch entrissen.“

Hinzu kommt die Tatsache, dass Drawerts NZZ-Artikel nicht im Netz verfügbar ist, was gewissermaßen gewollt ist – alles andere wäre ja wieder eine Einladung zum Entreißen, würde seine These nur belegen, dass eben alle Texte verlieren, sobald sie online sind und somit zu Verkürzung und Überlassung einladen. Denn diesen Text im Blog zu besprechen wäre vergleichbar damit, eine Blogdiskussion über die These abzuhalten, ob Blogdiskussionen nicht per se haltlos sind: eine contradictio in adiecto. Insofern wird Drawerts Artikel nun selbst „entrissener“ Text, in Ausschnitte zerbröckelt und unterlegt mit Bockwurst und Bier. „Der entrissene Text kann sich in keiner Weise je wieder finden. Hier und dort tauchen ein paar Reste von ihm auf, bleiben Spannungen, die immanent sind, erhalten, aber sein einzigartiger Komplex, seine semiologische Architektur ist beschädigt. Es ist, wie einen Pianisten der Philharmonie ans Klavier auf den Marktplatz zu zerren: Was immer er spielt, es klingt nach Bockwurst und Bier. Die Signifikanten des Raumes stören die des Textes ununterbrochen, und diese Okkupation ist nur zu verhindern, indem der Raum gemieden und das Medium ausgelassen wird. Es wäre konsequent, aber nicht praktisch, und deshalb bedienen wir es weiter. Und damit jetzt nicht der Eindruck einer singulären Klage entsteht eines Schreibers und seines Textes, auf den die Welt gut verzichten kann – es geht hier nicht nur um eine Produzentenkrise, sondern ebenso um die Krise des Konsumenten, der um seine Möglichkeiten des Lesens gebracht und um jede Form der Nachhaltigkeit betrogen wird.“

Nebeneinander stehen zwei Freiheitskonzepte: Freiheit des Netzes vs. Freiheit der Buchrezeption. Auch wenn ich das Bild der „saugenden“ Röhre nicht durchweg gelungen finde, weil angstgesteuert, will sagen technikfeindlich und irgendwie zu allgemein-apokalyptisch, so zeigt es doch, dass etwas passiert, sobald man sich dem Bildschirm zuwendet, und eben nicht nur psychologisch. „Die Veränderung der Textintention durch die Verschiebung des Textes in ein anderes Medium wollen wir beobachten und stellen fest, dass es keine Verbindlichkeit der Signifikate gibt. Die Flüchtigkeit des Netzes wird zur Flüchtigkeit des Textes. Wir lesen auch schneller auf einem Bildschirm als in einem Buch, weil der Fliesstext unterhalb des Textes permanent mitläuft, gleichviel, ob wir ihn sehen – wir denken ihn mit. Es ist schlichter Unfug, von einer Freiheit des users zu sprechen, wenn dieser schon präfiguriert ist, noch ehe er eingeschaltet hat. Wie eine Ratte, die unter Reizstrom steht, erinnert er sich an die subtile Forderung der Maschine, sich hineinziehen und die Texte entreissen zu lassen. Diese Prozedur ist Minimalkonsens und, wie in einem Gang in die Sauna, Entkleidungsverpflichtung.“

So ist für mich der Drawert-Artikel wesentlich vielschichtiger, als die Ben-Kaden-Replik wahrhaben will.

Heute um 13:29 · Gefällt mir

Michael Gratz klar sind da bedenkenswerte gedanken drin. aber das apokalyptische finde ich schon nervend. ich würd den spieß umdrehen: ich seh die hektik auf seiten der warner und mahner. (ähnlich wie dort opitz schrieb: „wenn man mir ne pistole auf die brust setzte“, was gar nicht drohte. sondern er suchte nur nen aufhänger für seine attacke auf den vom papst abgesegneten stolterfohtsatz oder sowas.

Heute um 14:19 · Gefällt mir

2 Comments on “119. Gezwitschert, gegeigt und gesungen (2)

  1. Pingback: 122. Mehr Gelassenheit « Lyrikzeitung & Poetry News

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