23. Spotlight on Poetry

In einem Beitrag zur Lyrikdebatte in dem Bremer Unimagazin ScheinWerfer spricht Gerrit Wustmann differenziert über das vermeintlich „Schwierige“ an der Lyrik, das eben mit unseren herrschenden Umgangsformen (in der Schule und andernorts) zusammenhängt. Das ist interessant, weil man es auch schon anders las. Häufig wird das Argument der schwierigen, hermetischen, akademischen pp. Lyrik genutzt, um im Buhlen um die knappe Ressource Aufmerksamkeit – bis hin zum „Preiskarussel“ – eine andere Gruppe der Lyrik in die Pfanne zu hauen, seis die Leipziger („Literaturinstitutslyrik“) oder „die“ Berliner Szenen oder seis allgemein „experimentelle“ oder „unverständliche“ Lyrik. Auch Gerrit Wustmann hat sich gelegentlich darin geübt. Jüngst in einem Kommentar zu einem Lokalartikel über Lesungen des Poesiefestivals Berlin, wo er es schaffte, von dem schlechten taz-Artikel umstandslos und anscheinend ohne es selber zu bemerken auf die abgedroschenen Stichworte von der unverständlichen, „um sich selbst kreisenden“ Lyrikszene zu kommen (also die die vermeintlich immer die Preise einheimst, wie ein paar Kämpen um den Beimünchner Herrn Leitner und sein „Leitorgan der Poesie in Deutschland“, wie er selber unermüdlich zitiert, vor ein paar Wochen in allen Provinzzeitungen behaupten durften – ironischerweise an einer Autorin, die ganz und gar nicht akademisch und elitär und selbstbezüglich und nicht einmal schwierig ist, ich meine Nora Gomringer). Diese elitäre Lyrik sei schuld am Desinteresse des Publikums, tönt es alle paar Wochen (kürzlich wieder von einem dubiosen Herrn mit dem Pseudonym Mollnitz, auf den zurückzukommen sein wird).

„Dass die Poesie in Deutschland eher ein Nischendasein pflegt, liegt vielleicht auch am Deutschunterricht in der Schule“, stimmt [Regina] Dyck zu, die selbst Germanistik auf Lehramt studiert hat. Vermiesen uns die Schulen das Interesse an Poesie? Wustmann erinnert sich an die eigene Schullaufbahn. Die Lehrer würden ihre Schüler mit unsinnigen Interpretationen nerven: „Sie plappern bloß auswendig gelernte Schemata nach, anstatt die Schüler frei lesen zu lassen, ihnen zu erklären, dass jeder Gedichte anders verstehen darf, und ihnen die Angst vor vermeintlich schwierigen Texten nehmen.“ Die Festivalleiterin hofft, dass Poesie durch Literaturfestivals noch mehr Wertschätzung und mehr Leser gewinnt. Im Ausland geschehe dies bereits: „In Kolumbien beispielsweise kamen im letzten Jahr 5.000 Besucher zur Eröffnung des Poesiefestivals in Medellín, die Gedichte der teilnehmenden Autoren wurden herumgereicht, teilweise auswendig rezitiert“, erzählt Dyck. …

Dass Gedichte sich schlechter verkaufen, überrascht den Verleger nicht: „Gedichte zu lesen ist eine Übungssache. Über Bestseller braucht man in der Regel nicht viel nachdenken. Auf Lyrik muss man sich konzentrieren.“ Professor Althaus sieht das genauso: „Gerade bei moderner Lyrik gibt es einen Moment des Hermetischen, man muss mit ihnen kämpfen, während die Texte, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt als sehr populär erwiesen haben, diesen Widerstand nicht haben.“

Viele Lyriker und Poesiebegeisterte beschwören oft das baldige Aussterben der Lyrik. „Ich bin anderer Meinung“, sagt [Madjid] Mohit, „Ein Gedicht lässt sich nicht nur schnell lesen, sondern man kann lange darüber nachdenken. Ich denke, das ist sogar notwendig für Menschen in unserer schnellen Zeit. Die Lyrik wird eine Stelle finden.“ Außerdem gebe es neue Formen von Lyrik, zum Beispiel Slam Poetry, die der jüngeren Generation entsprächen. „Kein Lyriker ist so naiv zu glauben, er könne von der Lyrik leben“, sagt Wustmann. „Gottfried Benn hat mal errechnet, dass er mit seiner lyrischen Arbeit zu Lebzeiten kaum sechs Mark verdient hat.“ Aufhören zu schreiben wird er nicht. „Gedichte zu schreiben ist ein innerer Drang, den ich schon als Kind hatte. Lyrik ist die prägnanteste literarische Form, mit ihr kann man auf minimalstem Raum sehr viel ausdrücken und zugleich experimentieren, neue Bedeutungsebenen erschließen. Das fasziniert mich als Autor und als Leser.“ Der Kölner Dichter nimmt die Situation mit Humor: „Selbst wenn zeitweise die Leser komplett verschwinden, wie es immer wieder passiert, liest die Lyrikszene sich eben gegenseitig“. /  Natalia Sadovnik

4 Comments on “23. Spotlight on Poetry

  1. Pingback: 78. Mollnitziade « Lyrikzeitung & Poetry News

  2. In Kritik habe ich mich sicherlich mehrfach geübt, aber gegen das „in die Pfanne hauen“ möchte ich mich verwahren, das ist Unsinn. Falls mich jemand so verstanden hat, hat er mich falsch verstanden.

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    • kein verstehen ohne mißverstehen, das gilt nach meiner erfahrung für alle in alle richtungen. solange wir uns nur immer bemühem, hin- und widerstrebend…

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