78. Mollnitziade

Unter dem Namen Martin Mollnitz veröffentlichten die Zeitung Freitag und die Greifswalder Wasser-Prawda vor einigen Wochen ein Pamphlet angeblich über die junge Lyrik, die saft- und kraftlose Selbstbespiegelung sei im Unterschied zu den kraftvollen Versen des Herrn Mollnitz.

Der sprach zwar nicht wirklich von der jungen Lyrik der Gegenwart, er zitierte weder kook-, lux-, roughbooks noch Frank, Poetenladen, Fixpoetry, Schöffling, Rugerup, Distillery und wie die in der Szene klangvollen Namen heißen, sondern nur lokale Literaturblogs und einzig den Namen Thomas Kunst, der in einer Fassung des Pamphlets als „Multipreisträger“ vorgestellt wurde. Aber kann man von der Redaktion des geschätzten Freitag verlangen, daß sie den Unterschied bemerken? Offensichtlich nicht.

Von Mollnitz hieß es, er hätte eine DDR-Jugend mit ersten erfolgreichen Publikationen. Die Wasser-Prawda veröffentlichte ein paar Gedichte. Die Gedichte verwiesen auf eine Sprache, wie sie in den 80er Jahren in Leipzig und anderswo außerhalb der Undergroundszene gepflegt wurde, ich nenne sie mal FDJ-Fraktion der sächsischen Dichterschule. Da ich mich in den damaligen Szenen recht gut auskenne, war mir sofort klar, daß es sich entweder um eine Mystifikation oder ein Pseudonym handeln muß.

Inzwischen kenne ich den wirklichen Namen von Herrn Mollnitz. Vor einigen Tagen schickte er mir innerhalb weniger als 20 Stunden eMails mit 3 verschiedenen Namen: erst als Johannes Erichson (unter diesem Namen als angeblich Berliner Lehrer erbat er von mir Informationen über Herrn Mollnitz, dessen kraftvolle Gedichte er an seinen Schülern erfolgreich erprobt habe), dann als Mollnitz selber und schließlich als Heino Bosselmann. Letzterer Name ist der einzige, den ich aus meinem Archiv kenne – ein 1964 geborener Lyriker dieses Namens veröffentlichte u.a. ein paar Texte in der FDJ-Zeitschrift Temperamente.

Heute veröffentlicht der Freitag einen Remix der Debatte von neulich, der zwar diese kritisch werten will, sie in Wirklichkeit aber nur prolongiert. Ein unwürdiger Anlaß für fortgesetzte Pseudodebatte.

Zumindest mit seinem richtigen Namen soll man ihn künftig ansprechen. (Allerdings wird man bemerken, daß er unter diesem richtigen oder soll man sagen Klar-Namen außer paar frühen Veröffentlichungen weder Lyrik noch Aufsätze über Lyrik publiziert, sondern ausschließlich politische rechtspopulistische Kommentare an Orten, mit denen der Freitag gemeinhin nix am Hut hat.)

P.S. Daß es sich um ein Pseudonym handelt, konnte man am 5.6. in der Lyrikzeitung lesen.

19 Comments on “78. Mollnitziade

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  3. ps das wortspiel mit freiraum-junge freiheit usw finde ich nun reichlich abgeschmackt, und ehrlich gesagt kenne ich die sprache aus einer ecke, die ich nicht rechts nennen soll. „ich bin so eigentümlich frei“. jaja, ich seh schon.

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  4. also ich finde, wir sollten mal auf dem teppich bleiben. „Sobald jemand als „konservativ“ (in der Sprache JF) oder als „rechts“ (in der Darstellung ihrer Gegner) identifiziert ist, wird er nicht mehr literarisch veröffentlichen können“? Ja wirklich? Gibt es eine linke kampfpresse, die konservative lyriker abschießt? das wär mir sehr neu. vor jahrzehnten mögen strauß und kohl geglaubt haben, der spiegel sei linke kampfpresse, aber aber? mag sein, der freitag ist links, heißt noch lange nicht daß dort nur „linke“ meinungen oder gedichte stehen. was auch immer das wär. nach meiner ansicht dumme äußerungen über lyrik gibts links, rechts und in der mitte reichlich, da möcht ich keinem den vorzug geben. mir steht die taz politisch näher als die welt, von andern sprech ich jetzt mal nicht, aber in der welt steht öfter was gescheites über lyrik als in der taz (das war vor 20 jahren anders). heute druckt die taz hauptsächlich gereimte sachen à la gsella, also humor. und die anderen? ach…
    junge freiheit und lyrik? gibts da welche? ich dachte, die stehn nur auf benn? (benn les ich auch gern, pound auch, es war übrigens die jf die vor jahren schrieb „2 faschisten vorn“, über diese beiden).

    wie ich höre, sollen „mollnitzens“ gedichte bei einem verlag erscheinen. sollten die nun der meinung sein, daß sie unter dem namen bosselmann nichts veröffentlichen dürfen, sollen sie sich mal nicht auf mich berufen. mir ist ja sonst nicht bekannt, daß sie meine meinung einholten. ich finde schon nicht alle bücher die erscheinnen toll, aber mit politischen meinungen hat es am wenigsten zu tun. hingegen hab ich verständnis, daß der freiraum-verlag in der startphase nicht gerade mit einem autor zu tun haben will, der ihnen eben nicht reinen wein eingeschenkt hat. mein rat war lange bevor sie von seinem richtigen namen wußten, daß die gedichte nicht zu dem passen, was ich von ihrem startprogramm weiß (in diesem jahr gedichte von angelika janz und silke peters). aber heißt das, daß sie woanders nicht passen? was für ein quatsch.

    herr bosselmann baut nun eine dolchstoßlegende auf, „die szene“ (als gäbs nur eine!) und herr gratz hätten ihn abgeschossen. aber niemand kann erwarten, daß er oder sie von allen geliebt wird, warum bosselmann? nein, ich liebe seine politischen artikel nicht (jedenfalls das gute dutzend, daß ich mir rausgesucht hab), und die gedichte, die ich kenne, immerhin ein paar dutzend, waren für mich nicht so aufregend. das ist mein recht, und gut.

    zum lüften des pseudonyms. was bleibt von dem geschrei, wenn man die angeblich verhinderte literarische karriere abzieht? wer öffentlich sehr laut und dezidiert und zielgerichtet spricht, wie das „mollnitz“ tat, muß sich wirklich nicht wundern, daß die öffentlichkeit wissen will, wer sich hinter dem pseudonym verbirgt. mit nackten fingern zeigt man nicht auf angezogene leute, sagt der volksmund und hat recht.

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  5. kann und möchte mich der von Voß vertretenen Meinung anschließen.
    bin auch er ansicht, dass er nicht ins allgemeine argumentiert bzw. spricht sonder im/ aus dem grundsätzlichen.

    kurios,
    als ich die (teilweise kontroversen) die beiträge eben las, dachte ich, man sollte, in diesem stadium der diskussion – Mollnitz/Bosselmann die gelegenheit geben, selber dazu stellung dazu beziehen. paar minuten und „scrolls“ später drunter fand ich dann seine ausführungen und erklärungen.
    immerhin, das hätte, bei aller gelegenheit von selbst bzw. eigenen darstellungen nicht jeder getan.
    ich habe leider – durch diese diskussion bzw. den artikel im freitag neugierig geworden, mir ein bild zu machen …
    ( übrigens: dass jemand diesen ansichten an- & nachhängt und sie äußert, fundiert, breit rechercheirt, ausgewogen oder tendenziös, pointiert usw., die redaktion des freitag ist hauptverantwortlich dafür, auf ihre, diese art und weise, ein recht billiges, sensations, boulevardjournalismusvorgehen nicht gescheut zu haaben; der beigeschmack bleibt (für mich), da hilft dann auhc der nachgeschobene artikel nicht viel.)

    ich habe noch keine Gedichte besagten autors gelesen. wo findet man die denn, am besten online lesbar?
    bin aber auf seinen spuren, nach langer zeit wieder mal auf die seiten der jungen freiheit gestoßen und diverse artikel darin ssowie onlinekommentare (die finden sich solcherart auch bei spiegelonline, youtube, web usw., , so dass ersichtlich wird oder abschätzbar ist, dass doch ein gehöriger porzentsatz manche dinge anders bis ganz anders sieht und mehr noch wieder sehen möchte.)
    war trotzdem überrascht von dem vorgefundenen. nicht in erster linie die doch nicht so neuen themen und anderen sichtweisen, die darstellungsweise und art der aufbereitung und daten/quellenselektion vermischt mit abgeleiteten meinungen, behauptungen, scheinen mir bedenklicher zu sein … und das eine, wie soll ich es sagen – konservative elite, sich auf dem methodischen und argumentationsniveau gefällt und damit zufrieden gibt? … oder handelt es sich doch mehr um ein stimmungsmache- und einflußsphären erweiterungsorgan … so eine art „focus“ für rechtsdrehende?

    darüber hinaus, das was wir für uns in anspruch nehmen und bei anderen jenseits (nicht ganz abseits) gesellschaftlich sowie redaktionell instaurierter und sanktionierter meinungsstände reklamierten oder als selbstverständlich ansehen, sollten wir auch auch fü die andere seite gelten lassen und anwenden ….
    (selbst wenn davon auszugehen und nicht zu vergessen ist, dass sie es ab einem zeitpunkt, gewöhnlich nicht mehr so handhabt. aber wir berufen uns auf anderen prinzipien, universalien und normen als die sich noch allzu unfrei wähnenden; (was werden sich da noch viele freuen und glücklich werden, wenn sie draufkommen, das wird kein vormärz sondern mehr ein nachnovember!)

    musste oft daran denken, wievielen meiner, unserer eltern, verwandten, lehrer, dozenten, dann vorgesetzen, gespärchsteilnehmer usw. weder unsere einstellung noch unser aussehen gepasst haben, was sie daran alles gestört hat, was sie unserer jugend, oder dem zeitgeist oder diversen trends und moden zugute hielten oder nur nicht abschaffen, verhindern, verbieten konnten usw. … und sie mussten jahrzehnte damit umgehen, zurechtkommen und auch davon betroffen sein. (meine damit nicht die landläufigen kriegs-unschulds und nciht-bescheidwissen-legenden, sondern konsdurchscnittlich bis tramm konservative ansichten im allgemeinen) … vielleicht kommt sowas in einem gewissen ausmaß auch noch + wieder auf uns zu?
    wenn wir nicht, sei es auch ironisch, polemisch, streitbar oder sachlich oder unbeirrbar, kontroverse dinge und themen in der diskussion, debatte austragen können, und einigermaßen bilateral gültige maßstäbe dafür bereithalten oder es bereiche gibt, (ich meine keineswegs Auschwitz und Hitler + Anhang) die tabubelegt sind, brauchen wir uns nciht zu wundern, wenn sie nur extremismen und soziale spaltungen speisen und anheizen.

    ja und am rande bzw. außerhalb des themas: mir ist schon wegen chef-herausgebers jegliche lust und interesse vergangen, was ans jahrbuch der lyrik zu schicken, lange bevor Sarrazin im selben verlag auflage machte, die wahrscheinlich ladenhüter mitfinanziert und honoriert … (was auch mal, besonders bei der gelegenheit, wie auch inwieweit herkunft im endeffekt verscheidener preis- und stipendiengelder mit statements und (pokitischer oder ernährungs) gesinnung vereinbar sind … dann und damit können wir schon für die fonds aus denen sich unsere riesterrenten speisen üben!)

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    • legende: doch trotz korrektur zu viele tippfehler bei dem schreiben in „fensterflügel“; mir verspringt auch ständig der kursor,
      so dass wörter oder teile fehlen oder an zwischenstellen auftauchen!

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  6. Ich hatte seit Ende der Achtziger nichts „Belletristisches“ mehr veröffentlicht. Das hat sehr besondere Gründe. Fünfundzanzig Jahre beschränkte ich mich aufs Tagebuch. Seit erst zwei Jahren begann ich wieder damit, Prosa und Lyrik zu schreiben, und suchte, nachdem einige Texte abgeschlossen waren, nach Kontakten. Als ich erfuhr, dass es in der Nähe meines Wohnortes in Gestalt des FREIRAUM-VERLAGES einen mutigen jungen und engagierten Verlag gibt, nahm ich Kontakt zu ihm auf. Da ich zeitgleich eine kleine Polemik abgefasst hatte, die nach kurzer Anfrage der FREITAG aus freien Stücken im Feuilleton veröffentlichten wollte, sandte ich drei Versionen davon informierend an den FREIRAUM-VERLAG, nur um ihn über meine Auffassungen ins Bild zu setzen. Man wollte dort sogleich – und ohne dass es mein Ansinnen war – zeitgleich mit dem FREITAG – ebenfalls aus freien Stücken und nicht mir gedrängt – „die schärfste“ Version von mir bekommen und lud die eigens pünktlich zeitgleich mit dem FREITAG hoch. Der FREITAG und die mit dem FREIRAUM-VERLAG verbundene WASSER-PRAWDA veröffentlichten die streitbare Polemik, da sie meine Wahrnehmungen grundsätzlich teilten. Außerdem hob die WASSER-PRAWDA einige Arbeitsfassungen lyrischer Texte von mir nach freier Auswahl, die nicht ich, sondern der Verlag vornahm, auf ihre Website. Die Reaktion der „Szene“ auf meine Polemik ist bekannt. Als sie erfolgte, war der FREIRAUM-VERAG verstört. Verständlich. Er fürchtete insbesondere Absatzschwierigkeiten, wenn er jetzt von mir auch noch einen Band Texte verlegte, da die „Szene“ meine Polemik selbstverständlich nicht goutierte. Die Korrespondenzen hinsichtlich meiner Veröffentlichungen in diesem Hause gerieten sofort ins Stocken. Ich selbst war hinsichtlich der eingangs nahezu euphorischen Aufgeschlossenheit des FREIRAUM-VERLAGES ohnehin skeptisch. Auf dann erfolgende Anfrage bestätigte ich dem Verlag umstandslos, dass es sich bei Martin Mollnitz um ein Pseudonym handelt. In einem sehr persönlichen, als absolut vertraulich vereinbarten Gespräch schilderte ich dem Verlagsleiter meine gesamte Biographie und nahm zu meinen Motiven, ein Pseudonym zu benutzen, Stellung. Ich stellte u. a. klar, dass ich seit Jahren für die JUNGE FREIHEIT schreibe, wies aber vor allem darauf hin, dass ich mit Blick auf eventuelle Veröffentlichungen Journalistisches und Belletristisches grundsätzlich trennen möchte. Anfangs hieß es: JUNGE FREIHEIT? Kein Problem: Presse-, Meinungsfreiheit, demokratischer Diskurs etc. – Als sich der FREIRAUM-VERLAG genauer mit meinen im Netz aufzurufenden Beiträgen in der JUNGEN FREIHEIT befasst hatte, benachrichtigte er mich per Mail, dass er nun doch von Veröffentlichungen meiner Texte absehen müsse, da meine „politische Stoßrichtung“ in der JUNGEN FREIHEIT nicht mit dem Verlag zu vereinbaren wäre. Akzeptiert. Was sonst? Um Lyrik oder Prosa ging es nicht mehr, sondern ausschließlich noch um meine freiberufliche Tätigkeit für die Zeitung. Genau diese einseitige Wahrnehmung wollte ich mit dem Pseudonym u. a. vermeiden. Die Urteile des von mir nach wie vor geschätzten FREIRAUM-VERLAGES gegenüber meinen journalistischen Texten bezogen sich nach meinem Kenntnisstand auf Online-Kolumnen, nicht auf den Print-Bereich, wo längere Aufsätze auffindbar wären. Ich selbst stehe zu all meinen Veröffentlichungen in der Presse. Herr Dr. Gratz, der den Gesellschaftern des FREIRAUM-VERLAGS nah verbunden ist, riet seinen Freunden von Anfang an von Veröffentlichungen meiner Texte ab. Meine Lyrik, von der kaum etwas erschien, findet er pauschal schlecht, meine Polemik pauschal. Das ist sein gutes Recht. Darüber hinaus war er offenbar sehr darum bemüht, das Pseudonym auffliegen zu lassen, um solcherart effizienter zu reagieren, wie das insbesondere ja dann möglich ist, wenn man auf meine Autorentätigkeit für die JUNGE FREIHEIT verweisen kann. Sobald jemand als „konservativ“ (in der Sprache JF) oder als „rechts“ (in der Darstellung ihrer Gegner) identifiziert ist, wird er nicht mehr literarisch veröffentlichen können, schon gar nicht, wenn er überdies im Geruch einer latenten Unlauterkeit steht. Ich nehme zur Kenntnis, dass es Herrn Dr. Gratz gemäß seiner Intention – und noch dazu kurioserweise mit meinem eigenen Zutun – gelungen ist, mich in ein übles Licht zu rücken. Ich bedauere allerdings nur, dass es ab jetzt nicht mehr um meine literarischen Texte gehen wird – was immer die taugen mögen – sondern nur noch um politische bzw. schwierige (oder wohlfeile) ethische Urteile. Von meiner journalistischen Tätigkeit liegt unter meinen eigenen Namen alles auf dem Tisch, von meinen literarischen Versuchen naturgemäß kaum etwas, weil ich sie erst seit kurzem zugänglich machte. Wem es vor diesem entzündlichen Hintergrund wichtig wäre, eher mit mir als über mich zu reden, wird den Weg finden. Ich werde in üblicher, also nicht öffentlicher Korrespondenz antworten. Freiraum-Verlag, Junge Freiheit, Freiberuflichkeit, freies Netz – allzuviel Freiheit?

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  7. Das Outing wäre m.E. falsch gewesen, wenn M/B seinen uns gegenüber geäußerten Ausstieg aus der rechten Szene ernst gemeint hätte. Aber da er seine Arbeit für die JF fortsetzt, bin ich da nicht wirklich böse drüber.

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    • @ Raimund: Das würde also bedeuten, ein politisch rechts stehender Schriftsteller darf geoutet werden, ein links stehender nicht. Ich dürfte also unter Pseudonym Polemiken veröffentlichen, Bosselmann nicht.
      Ein interessanter, demokratischer und republikanischer Ansatz. Vorbildlich.

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      • ach florian. es geht raimund, wie ich seine worte verstehe, nicht um rechts und links, sondern um treu und glauben. hätte er sich dem verlag anvertraut und um strikte vertraulichkeit gebeten, hätten sie selber entscheiden können. dem war aber nicht so. erst auf dringliche nachfrage (und nachdem ich behauptet hatte, einen autor mit diesem namen und dieser biografie gebe es nicht) hat er sich offenbart. ich weiß nicht, ob es ein recht gibt, seinem verleger nicht mit dem richtigen namen zu begegnen. er kann es versuchen, darf sich aber kaum beschweren wenn verleger und öffentlichkeit es wissen wollen. – vor 60 jahren versuchte es ein george forestier. praktisch alle fielen auf seine legende herein, mit dem erfolg kam der wunsch der öffentlichkeit, das geheimnis zu lüften. kurios daß offensichtlich nur die behauptete fremdenlegionärsstory für den erfolg bürgte. als mans wußte wandte man sich ab, die gedichte waren ja noch die gleichen. —
        hätte der verlag die gedichte unter dem namen mollnitz veröffentlicht – die 4 bei der wasserprawda veröffentlichten waren dem verlag vom autor mit einem umfänglichen ms zugesandt und sind nach meinem urteil sehr wohl repräsentativ – hätte ich nicht wegen der gedichte, die ich nicht für so aufregend hielt, sondern wegen des neue-impotenz-pamphlets und meines pseudonymverdachts das buch gelesen und ich bin ganz sicher, nicht anders beurteilt. —
        vermutlich ist es so, daß verlag und öffentlichkeit unterschiedliche motive haben, den schleier gelüftet zu sehen. ich hab verständnis dafür, daß es nicht jedem recht ist, unwissend texte eines sarrazinanhängers zu veröffentlichen. es gibt auch autoren, die nicht fürs lyrikjahrbuch einsenden weil es der verlag sarrazins ist. anderen ist es egal, das muß jeder für sich abwägen.
        mein eigenes interesse an der aufdeckung hat 2 motive. das eine ist die schmierenkomödie, die der autor vor tagen mit mir zu spielen beliebte, um mich auszuhorchen. das andere der rhetorisch effektvoll geschriebene und dürftig argumentierende (offenbar dürftige kenntnis verratende) totalverriß „der jungen lyrik“. im netz kann man verfolgen, wie das rezipiert wird und je kenntnisärmer (ja, „szenefremder“, wenn man darunter versteht, daß man das kennen soll, was man komplett verwirft) je klarer als „urteil“ übernommen wird. hier reiht er sich „würdig“ in die periodisch aufflammenden totalverrisse „der jungen lyrik“ ein, wie sie von so unterschiedlichen seiten wie der sächsischen „blauen narzisse“ („Deutsche Lyrik im 21. Jahrhundert: Das Volk der Dichter und Denker ist am Ende“), dem nationalthüringer barden uwe lammla („daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945“- so in einem text, der von der „wiedergeburt der deutschen dichtung“ im konservativen milieu handelt) oder attacken von politisch gänzlich unverdächtiger seite wie jüngst ausgerechnet aus anlaß einer preisverleihung für nora gomringer zum einen in der laudatio des dichters franzobel („Auch die Lyrik hat sich mit der klassischen Moderne selbst einen Fuß abgeschnitten und sichergestellt, dass er nicht mehr angenäht werden kann. Seit sie Metrik, Versmaß und Strophenform aufgegeben hat, hatscht sie dahin und kommt kaum noch zu ihrem Publikum.“ – he, junge, bißchen spät, das war doch klopstock?!), zum anderen in einer im april durch die regionale presse geisternden kampagne („In der Lyrik-Szene regt sich allerdings Widerstand gegen diese Häufung von Preisen“, „Die meisten preisgekrönten Dichter der jüngeren Generation – zum Beispiel Ulrike Almut [sic], Ron Winkler und Daniela Seel – stünden für eine akademisch geprägte Lyrik, die sich dem Leser kaum erschliesse“). in diesem zusammenhang sprach ich von vernebelungstaktik, und das wort umreißt mein interesse an aufklärung auch hier. vielleicht kann man eine provinzpostille oder entlegene website links oder rechts (um mal in der von dir hier gehätschelten sprache zu reden) liegenlassen. eine pauschalattacke beim freitag ist etwas anderes, es gilt die alte regel, „irgendwas bleibt immer hängen“. hier sehe ich das öffentliche interesse, von dem bertram sprach. bertram hat dir schon die frage gestellt, warum du hier so ins allgemeine sprechen willst. ja, warum? wahrheit gibts nur konkret.

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      • Ich habe in meinem Leben schon einiges unter Pseudonym veröffentlicht und mache das auch weiterhin (etwa unter dem Namen Nathan Nörgel). Allerdings habe ich bei diesem allein wegen des Namens liebgewonnenen Pseudonyms kein Problem damit, dass Menschen wissen, wer dahinter steht. Wenn ich für andere Auftraggeber Texte schreibe und darum bitte, sie unter Pseudonym zu bringen, dann hängt das mit konkreten persönlichen Ängsten zusammen (wenn ich etwa über die rechtsextreme Szene schreibe). Aber der Auftraggeber weiß von Anfang an, dass ich mit meinem Namen ihm gegenüber gerade stehe. Und daher haben diese auch nie ein Problem damit gehabt, das Pseudonym zu bewahren. Und es ist klar, dass es sich dabei jeweils um einzelne Fälle handelt. Das ist für die journalistische Glaubwürdigkeit einer Zeitung oder Nachrichtenagentur unabdingbar.

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  8. Ich glaube doch eher, dass sich einige über Bosselmanns „Enttarnung“ freuen, weil er Kolumnen in einer rechtskonservativen (möglicherweise auch rechtspopulistischen) Zeitung schreibt.
    Ich persönlich habe in meinem Leben noch nicht unter Pseudonym publiziert (oh, halt, doch, in den 90ern Kunstkritiken unter dem Namen Florian Lüneburger), aber ich fände es nicht gerade fair, würde man mich ungefragt outen.
    Dass ich Mollnitz Polemik in der Wasser-Prawda und im Freitag eher flach fand, habe ich anderer Stelle schon kund getan. Aber seine mangelnden Argumente berechtigen nicht ihn bloßzustellen.
    Annonyme Beiträge mögen in der öffentlichen Debatte wertlos sein, aber folgt daraus, dass niemand unter Pseudonym schreiben darf?

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    • Aber es kann daraus folgen, dass die Enttarnung das höhere Gut ist. recht auf Pseudonym hat jeder. Aber in unterschiedlichem Maße. Es kommt m.E. auch darauf an, wozu man es nutzt und noch viel mehr: Ob man diejenigen, die mehr oder weniger vertrauensvoll mit einem umgehen damit hintergeht oder nicht usw.
      Warum möchtest Du es so allgemein thematisieren. So allgemein würde doch niemand das Recht auf Pseudonym in Frage stellen. So allgemein könnte man Dir ja dann widerum in die Schuhe schieben, dass auch inoffizielle Mitarbeiter von geheimdiensten (die ja unter Pseudonym gespeichert werden) nicht enttarnt werden dürfen weil sie ein Recht … usw. Natürlich wirst Du sagen: Ein anderer Fall sei dies, aber dies Recht solltest Du auch M.G. zu Gute halten, der durchaus öffentlich „dicht halten“ kann, wenn es angebracht ist.

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    • Nachdem ich nun ausgiebig in der Jungen Freiheit gelesen habe, insbesondere auch im Leser-Kommentar-Teil (der ja wohl von der JF-Redaktion moderiert wird, insofern nicht der redaktionellen Meinung widersprechen dürfte), muss ich mich berichtigen. Meinem aktuellen Eindruck nach ist die Junge Freiheit auch heute noch mitnichten eine rechtskonservative oder rechtspopulistische Zeitung, wie ich anhand der Bosselmann´schen Texte zuerst vermutete, sondern vielmehr größeren Teils im rechtsradikalen Bereich anzusiedeln.

      Allerdings scheinen Bosselmanns Kolumnen nicht diesem radikalen Bereich zu zugehören. Müssen sich aber natürlich an diesem Umfeld messen lassen.

      (Das ich nach wie vor der Meinung bin, dass ein Pseudonym nicht ungefragt gelüftet werden darf, bleibt davon unbenommen).

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  9. Es stellt einen Widerspruch dar, unter Pseudonym zu polemisieren, so weit ich sehe: Polemik zeichnet sich durch Unsachlichkeit und Meinungsfreude aus – dazu gehört ein Kopf und ein Namen. Sonst ists bloß Heckenschützentum. Wenn einer keinen Respekt vor den Mitspielern hat, warum dessen Psydonym respektieren? Da wollte wer blitzgescheit daherkommen – und ist offenbar an den Falschen geraten; war außerdem planes Gezeter. Ich sehe darin weniger Unfairness vonseiten Michael Gratz, sondern einen Fall von Pech-gehabt. Lyrikzeitung goes Investigation. Ich finds begrüßenswert.

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  10. Allerdings hat das schon etwas von einem Outing, das ich nicht wirklich gut heiße.
    Und nota bene: die Gedichte von Mollnitz sind teils ausgesprochen gut. Die vier Texte in der Wasser-Prawda bilden nicht gerade eine günstige Auswahl, wie ich finde.

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    • daß wir die gleiche meinung über die gedichte haben ist ja nicht wirklich erforderlich. und das „outing“: vor 3 tagen schrieb mir bosselmann, daß er seinen verlag über seinen namen und seine „übrige tätigkeit“ informiert habe.

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    • wie ich hier immer sage: weil anonyme kommentare in einer öffentlichen debatte wertlos sind, und weil inzwischen mit dem pseudonym mythenbildung läuft, zu der trotz bester absichten der freitagartikel beitrug. ohne den neuerlichen bezug hätte ichs nicht für dringlich gehalten

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