16. Anna Blume und neue Poesie

Er hat den Marktplatz eher gescheut: Carlfriedrich Claus, Annabergs berühmtester Bürger – nach den weitaus populäreren Adam Ries und Barbara Uthmann. Dies mag auch ein Anlass für den mutigen Versuch eines ersten Literatur- und Kunstfestivals namens Anna Blume zu Ehren des Ehrenbürgers der Bergstadt gewesen sein, zu dem am Wochenende namhafte Künstler, Lautpoeten und Musiker eingeladen waren.

Organisatorisch eher schwierig – und damit fast ein wenig an die Umstände der Improvisation, unter denen Claus arbeitete, erinnernd: So musste Gerhard Wolf, erster Verleger des Künstlers, krankheitsbedingt absagen, wurde die Samstagnachmittaglesung mit Jan Faktor, derentwegen einige Besucher gekommen waren, auf den Abend verlegt, und auch auf dem Marktplatz bei den Angeboten „Claus für Kinder“ bot sich ein bizarres Bild, das Claus vielleicht gefallen hätte: Eine Oldtimer-Parade neben einem Wettbewerb im Bierkastenstapeln neben originellen Angeboten zu Farb-, Wort- und Klangspielen. Das hat fast dadaistische Qualitäten, auch wenn Claus selbst kein Dadaist war, deren provokative Lautpoesie aber schätzte. Sein eigenes Werk bewertete er weniger nach ästhetischen als nach philosophischen Aspekten, wie sich Dagmar Ranft-Schinke, die Chemnitzer Malerin und Grafikerin, erinnert: „Wenn ich ihm sagte: Das ist ein schönes Blatt, dann freute er sich, meinte aber, dass für ihn eigentlich andere Kriterien gelten.“

Dies unterstreicht die besondere Stellung des als schwer zugänglich geltenden Claus’schen Werks, das auch schwer zugänglich zu machen ist. Dennoch habe man mit dem Festival versuchen wollen, den Künstler aus der „elitären Nische“ zu holen, sagt Mitorganisator Jörg Seifert vom Kunstkeller Annaberg – und griff zum Beispiel erfolgreich den Briefwechsel von Carlfriedrich Claus auf: Die Mailart-Aktion unter dem Titel „Anna Blume meets Ann Berg“ brachte originelle Einsendungen von über 200 Teilnehmern aus aller Welt, deren Absender sicher sind: Dada ist nicht tot. Das meint auch Jan Faktor, der Carlfriedrich Claus durch den gemeinsamen Verleger Gerhard Wolf kennen- und schätzen lernte, obwohl ihm die politisch-philosophischen Ansichten des Annabergers eher fremd blieben: „Ich bin geprägt von dem 68er Schock in Prag“, sagt Jan Faktor, „diese kommunistische Aurora-Utopie war mir fremd. Und ich wollte auch etwas Eigenes machen.“ Dennoch habe er Claus ehrfürchtig zugehört, nicht widersprochen. Und er nimmt in Annaberg indirekt dessen Suche nach neuen Formen der Kunst und der Gesellschaft auf mit seinem ironischen Manifest für eine „neue Lyrik“, eine „Lyrik von gesundem Starrsinn“, die „kostendeckend Verlustgeschäfte aller Art finanzieren kann“. / Freie Presse 3.8.

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