72. Unmittelbare Unwirklichkeit

Mit diesem Begriff des rumänischen Avantgardisten M. Blecher (1909-1938, –> 23, L&P 9.2.04) beschreibt der aus Rumänien eingewanderte Lyriker, Erzähler und Essayist Richard Wagner Aspekte unserer medialen (Non)Existenz:

Wir leben in einer visuellen Gesellschaft. Menschen gehen zu Empfängen, um dort, wie sie sagen, ihr Gesicht zu zeigen. Gleichzeitig wirkt ein Gesichtsverbot, das der Islam den Frauen auferlegt, um sie als Teilhaber der allgemeinen Belange auszuschalten. Es gibt das Verbergen des Gesichts im Fall der Zapatisten oder in der Vermummung des Schwarzen Blocks, auf den Demos. Die Zapatisten und die Autonomen entziehen sich damit nicht nur der Ordnung, sondern auch dem Gesetz. Wer nicht gesehen wird, der untersteht nicht den Normen, der Gerichtsbarkeit. Als Folge besteht ein Vermummungsverbot. Vermummt treten aber auch die Polizeikräfte auf, speziell die Sondereinheiten. Sie begeben sich jeweils auf das Terrain ihrer Gegner, um diese besser bekämpfen zu können, wie sie behaupten. Damit erscheint auch der Gesetzeshüter verdeckt.

Nichts ist mehr an seinem Platz, wir leben mit ständig changierenden Bedeutungen. Es herrscht «unmittelbare Unwirklichkeit» (M. Blecher). / NZZ 21.2.04

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