Hansgeorg Stengel 100

Hansgeorg Stengel 

(* 30. Juli 1922 in Greiz; † 30. Juli 2003 in Berlin) 

Antwort eines befragten Affen

„Als Affe bin ich gegen Fragebogen,
doch sage ich, wenn ich mich äußern soll,
daß mich die These eines Biologen 
sehr schlüssig dünkt und sehr gedankenvoll.

Der Mister Darwin, habe ich erfahren,
behauptete als erster kurz und knapp
in einer Schrift vor etwa hundert Jahren: 
Der Menschenaffe stammt vom Menschen ab,

Ich weiß schon: Viele kluge Artgenossen
aus meinem Affenstall und aller Welt
sind wegen dieser Ansicht sehr verdrossen, 
doch ich bin philanthropisch eingestellt.

Ich zürne nicht dem englischen Gelehrten, 
seitdem ich eruierte mittels Test, 
daß sich der Mensch durchaus zum Spielgefährten
von hoher Qualität entwickeln läßt.

Zwar wird der Mensch uns Affen niemals gleichen,
doch glaube ich, daß sich der Mensch bestimmt
in mittleren zoologischen Bereichen
noch relativ am affigsten benimmt.

Aus: Hansgeorg Stengel: Mit Stengelszungen [etc.]. Gedichte und Epigramme. Berlin: Eulenspiegel, 1980, S. 156

Der Rauch

Ingolf Brökel

Gedichtinterpretation zu „Der Rauch“ von Bertolt Brecht
Für Käthe Reichel

Das kleine Haus unter Bäumen am See.
(Hier wohnt das Käthchen.)
Vom Dach steigt Rauch.
(Zeichen, daß sie da ist, da ist für ihn: er (kurz) kommen kann.)
Fehlte er
(Schlüsselzeile: schwerwiegende Bedeutung des Rauches)
Wie trostlos dann wäre
(Es gäbe keine Trostspenderin. …)
Haus Bäume und See.
(…nicht einmal die ganze Natur drum herum.)
Summa Summarum: eines der schönsten deutschen Liebesgedichte.

Gefunden & geklaut (aber in bester Absicht) auf dem wunderbaren Planet(en) Lyrik.

Poem to end all poems

Nicanor Parra 

(* 5. September 1914 in San Fabián de Alico bei Chillán, Chile; † 23. Januar 2018 in Las Cruces, Provinz San Antonio, Chile) 

ENDPOEM

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Hab ich mich klar ausgedrückt?
Was ich sagen wollte, ist folgendes:

 
 
 
 
 
 

Deutsch von Ingolf Brökel, aus: Poesiealbum 362: Nicanor Parra. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2021

ÚLTIMO POEMA
 
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No sé si me explico:
Lo que quiero decir es lo siguiente:

 
 
 
 
 
 

Was kümmert mich

Rajzel Żychliński

(Rajzel Zychlinski, * 27. Juli 1910 in Gąbin, Polen, als Rajzla Żychlińska; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)

WAS KÜMMERT MICH

Was kümmert mich der Wechsel der Jahreszeiten –
Frühling, Sommer, Herbst, Winter, 
in mir ist ständig eine Zeit –
namenlos.
Die Bäume wachsen hoch hinaus 
mit den Wurzeln zum Himmel –
die Blumen blühn und welken nicht 
und haben ständig dieselbe Farbe –
waches Dämmern.

Deutsch von Hubert Witt, aus: Rajzel Żychliński: di lider. Die Gedichte. 1928-1991. Jiddisch und deutsch. Frankfurt/Main: Zweitausendundeins, 2001, S. 642f

woss art mich

woss art mich der bajt fun di ssesonen –
friling, sumer, harbsst, winter, 
in mir is schtendik ejn sman –
on nomen.
di bejmer wakssn hojch arojf
mit di worden zum himl –
di blumen blien nit un wjanen nit, 
un hobn schtendik ejn kolir –
wacher driml.

Überall Liebe

Karoline von Günderrode 

(* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel)

Überall Liebe

Kann ich im Herzen heiße Wünsche tragen?
Dabei des Lebens Blüthenkränze sehn,
Und unbegränzt daran vorüber gehn.
Und muss ich traurend nicht in mir verzagen?

Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?
Soll muthig ich zum Schattenreiche gehn?
Um andre Freuden, andre Götter flehn,
Nach neuen Wonnen bei den Todten fragen?

Ich stieg hinab, doch auch in Plutons Reichen,
Im Schoos der Nächte, brennt der Liebe Glut,
Daß sehnend Schatten sich zu Schatten neigen.

Verlohren ist wen Liebe nicht beglücket,
Und stieg er auch hinab zur styg’schen Flut,
Im Glanz der Himmel blieb er unentzücket.

Aus: Karoline von Günderrode, Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Historisch-kritische Ausgabe. Hrsg. Walter Morgenthaler. Band 1: Texte. Basel, Frankfurt/Main: Stroemfeld / Roter Stern, 1990, S. 335.

Tantenmörder

Heute spiele ich Orakel. Ich nehme eine dicke Anthologie – die 19. Auflage des Echtermeyer (Cornelsen 2005) war am schnellsten zur Hand – und suche ohne hinzusehen eine Seite irgendwo im Innern. Und siehe, es ist schon wieder Wedekind. Auf der Seite stehn noch zwei Gedichte von Stefan George, aber der Finger war näher am Tantenmörder, also bitte.

Frank Wedekind

Der Tantenmörder

Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten-Kasten nach.

Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel
Und hörte die alte Tante schnaufen
Ohn Mitleid und Zartgefühl.

Was nutzt es, dass sie sich noch härme –
Nacht war es rings um mich her –
Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,
Die Tante schnaufte nicht mehr.

Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch.
Ich faßte sie bebend am Kragen
Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. –

Ich hab' meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.

Mahnung

Frank Wedekind 

(* 24. Juli 1864 als in Hannover; † 9. März 1918 in München)

Mahnung

Greife wacker nach der Sünde!
Nur die Sünde bringt Genuss. 
Ach, Du gleichest einem Kinde, 
Dem man alles zeigen muss;

Einem unschuldsvollen Kinde, 
Das den Satan noch nicht kennt, 
Nein, wahrhaftig, nur die Sünde 
Ist der Freuden Element.

Warum liebst Du nicht die Schönen, 
Die sich Dir so reizend nahn? 
Sieh doch, Bester, sie verhöhnen 
Dich als einen Grobian;

Dich als einen argen Flegel, 
Der sich voller Hochmut ziert; 
Oder dann die erste Regel 
Seines Lebens nicht kapiert. –

Meide nicht die ird'schen Schätze! 
Wo sie liegen, nimm sie mit.
Hat der Mensch doch nur Gesetze, 
Dass er sie mit Füßen tritt!

Um die Lust zu raffinieren, 
Zu begrüßen unsern Tod, 
Schrieb der Herrgott an die Türen 
Des Genusses ein Verbot. –

Nein, wir wollen gerne sterben, 
Sterben für die Ewigkeit, 
Wenn den Himmel wir erwerben 
Schon zu unserer Lebenszeit! –

Erinnerung

Marceline Desbordes-Valmore 

(* 20. Juni 1786  in Douai; † 23. Juli 1859 in Paris)

Erinnerung.

    Als eines Abends plötzlich er erblaßte,
Als seine Stimme unverhofft verstummte
Im halbgesproch’nen Wort, als seine Augen
So brennend heiß, mich schwer verwundeten
Mit Leiden, die ihm eigen, wie ich wähnte –
Als seine Züge von der Gluth durchflammt,
Die nimmermehr erlischt, sich lebend prägten
In meiner Seele tiefsten, tiefsten Grund,
Da liebt’ er nicht, ich liebte, ich allein.

Deutsch von Oskar Ludwig Bernhard Wolff, aus: Poetischer Hausschatz des Auslandes. Leipzig: Otto Wiegand, 1848, S. 108. Hier bei Wikisource

SOUVENIR .

Quand il pâlit un soir, et que sa voix tremblante
S'éteignit tout à coup dans un mot commencé;
Quand ses yeux, soulevant leur paupière brûlante,
Me blessèrent d'un mal dont je le crus blessé;
Quand ses traits plus touchants, éclairés d'une flamme
               Qui ne s'éteint jamais,
S'imprimèrent vivants dans le fond de mon âme,
               Il n'aimait pas : j'aimais !

Lesarten von Lesarten

Christine Hume

(* 1968 in Alaska, lebt in Ypsilanti, Michigan)

VARIOUS READINGS OF AN ILLEGIBLE POSTCARD

Horny or Harm seems the ordinary home.
Or Having seen the orchard and hives, 
I'm satisfied I’ve picked the dark pocket 
pink or satisfied, pickled larks protect the jinx.
You know I'm trouble with dixie cups, croquet 
and wicker or humble with desire for (cough) 
the wicked. Ago? A queer little dog grazing 
or gazing lives in my room or ivys my noun.
They have a saying here about your duct-taped boots 
or They keep savvy bees in case the butcher balks 
which is not cool is nautical is nonsensical. 
Attention trick eye! A tension trickles 
or After swimming we found the housekeeper dead 
I sing or swing, Let’s keep her, dear!
All day an unmade bed. One day I’ll be young or 
going as he who homesteads in foreign castles 
deserves or whose domain feigns, casts designs 
say, like shadows on the outhouse door or 
the outskirts humoring me or out-skirting rumors 
last as long as keeping honey 
or homey or phone me, money?—Yours
Deutsche Version von Uljana Wolf

LESARTEN EINER LOTTERLICHEN POSTKARTE

geiz oder geil scheint die ganz normale weise 
oder eingeschneite gärten glanz nomadeneis, 
es ist genug, ich wollte die dunkle tasche behalten 
oder betrug, die wollenen flaschenunken behaart.
du weißt ja, ich hasse diese abwaschwannen, golf und 
schweiß oder fasse fieses schwammverlangen für (rolf) 
alles verschlammte, vorbei? ein schwuler kl. hund 
hatz oder platz oder pudelt meinen kernsatz wund.
man spricht hier oft von deinen zugetapten botten 
oder speichelt hier auf beine zappeliger boten 
was nicht nötig ist nautisch ist neurotisch ist.
achtung feierabend! acht und freibad 
oder nach unsrer leiber feier war die putzfrau tot 
ich lache oder leide, liebes, war sie zum benutzen?
die laken tagelang ungeglättet. tags nägel lackieren 
oder auftakeln wie gelegentlich gäste in fremden villen 
oder wessen gelände legt sich räkelnd oder rillen werfend, 
wohl wie schatten auf dem vorderen hoftor oder wo mich 
vororte poussieren oder verordnetes parkieren 
solang als unsre süße hält 
oder hütte oder handy, hast du geld? – grüße

Aus: Schwerkraft. Junge amerikanische Lyrik. Hrsg. Ron Winkler. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2017, S. 162 und 200. Zu diesem Gedicht gibt es da auch Versionen von Monika Rinck und Ron Winkler.

Tagziel

Hans Fallada 

(Rudolf Ditzen, * 21. Juli 1893 in Greifswald; † 5. Februar 1947 in Berlin) 

Tagziel

Die Bäume johlen mit geschloßnem Mund 
Sinnlos in eines Autos hingeklirrte Raschheit, 
Die Luft am Straßenrand pfeift hoch und rund 
Und ist haarspitz, doch auch von trüber Laschheit.

Die Straße ist von Irrsinn längst gepackt 
Und Angst, sie flieht mit langem Sprung, 
Sie wird in raschem Strudel neu zerhackt 
Von runder Räder längst entglittnem Schwung.

Der Mann am Steuer fühlt den feinen Staub 
Wie Maske sich in seine Falten hocken, 
Sein Antlitz wurde längst der Raschheit Raub 
Und Hirn ist – halb versiegt – nur stammelnd Stocken.

Aus seines Mundes fahlen Winkeln schlingt, 
Es ringt sich aus den Flügeln seiner Nase 
Blutregenwurm und wurmt und dringt 
Der Kehle zu, die glashart von Gerase.

Die Straße traf ein Schlagbaum an der Stirn, 
Sodaß sie totenstill gestreckt nun liegt, 
Das Auto ruckt und endlich spult das Hirn: 
„Das Ziel – ich bin der einz'ge, der gesiegt."

Ein Weib springt auf das Trittbrett, faßt ihn an. 
Sie küßt besessen Staub und Haut und Blut, 
Sie küßt den automatendummen Mann 
Und fühlt es wild: „Das Blut schmeckt gut"

Aus: Versensporn 32, Rudolf Ditzen. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 19

Aus dem Drama „Der Bettler“

Reinhard Johannes Sorge 

(* 29. Januar 1892 in Rixdorf, heute Berlin-Neukölln; † 20. Juli 1916 in Ablaincourt, Département Somme)

Meere! Neu-Meere! Nie betretene Küsten!
Menschen! Licht-Menschen! Nie geliebte Liebe!
Stern-Sterben! Tod-Rausch! Nie geschluchztes Lied!
Zu fremden Ufern biege mir die Segel,
Du meines Schweigens wundersame Macht!

Aus dem 4. Aufzug des Dramas „Der Bettler. Eine dramatische Sendung“ (1912)

Gegen Morgen

Ein neues Heft der Reihe Versensporn bringt einen Querschnitt durch das lyrische Werk des Expressionisten Alfred Lichtenstein.

Alfred Lichtenstein 

(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich) 

Gegen Morgen

Was kümmern mich die flinken Zeitungsjungen.
Mich ängstet nicht das Nahen verspäteter Autotiere.
Ich ruhe auf meinen schreitenden Beinen.

Verregnet ist mein Gesicht.
Grünliche Reste der Nacht
Kleben um meine Augen.
So hab ich mich gern –

Wie die spitzen, heimlichen
Wassertropfen auf tausend Wänden knacken.
Von tausend Dächern plumpsen.
Auf blinkenden Straßen hüpfen ...
Und alle grämlichen Häuser
Horchen auf ihren
Ewigen Gesang.

Dicht hinter mir ist die brennende Nacht verdorben ...
An meinem Rücken lagert ihr dunstiger Leichnam.
Doch über mir fühl ich den rauschenden,
Kühlen Himmel.

Siehe – ich bin vor einer
Strömenden Kirche.
Groß und still empfängt sie mich.

Hier will ich etwas verweilen.
Versunken sein in ihre Träume.
Träume aus grauer
Glanzloser Seide ...


Aus: Versensporn 50. Alfred Lichtenstein. Jena: Poesie schmeckt gut e.V. Jena, 2022

VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize

Broschur, Klammerheftung, 36 Seiten. Umschlagmotiv: Walter Schnackenberg. Erste Auflage 2022: 100 Exemplare. Preis: 4,00 €

Exklusiv den Exemplaren der Abonnenten liegen zwei Zugaben bei: die Reproduktion eines Fotos von Lichtenstein, rückseitig bedruckt mit dem Handschriftenfaksimile des Gedichts Die Dämmerung, sowie eine Mini-CD mit der Vertonung des Gedichts Der Fall in den Fluß aus dem Jahre 1928/29.

Auch wenn kein Wort mehr glänze

Ernst Jandl (* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda) 

selbstporträt, 18. juli 1980

es sei mit ihm was los. nein, so genau 
wisse er selbst es nicht, spüre jedoch 
daß nichts mehr sei wie es gewesen sei. 
davon erzählen wolle er eigentlich nicht.
wolle eigentlich überhaupt nichts, wolle aber 
auch nicht völlig untätig sein, beschäftige sich 
daher nach wie vor mit gedichten, deren 
herstellung. auch wenn 
kein wort mehr glänze.

...

aus dreckigem glase 
jetzo trinke er 
das übliche gemisch, nur etwas 
mehr mineralwasser, dafür 
weniger whiskey, die flasche 
beinah leer, und er 
nicht willens das haus 
um neuen vorrat 
zu verlassen; müsse ja 
dieses gedieht hier noch 
schreiben und absegnen, ehe 
er sich an das spiel 
mit dem schach-computer mache, seinem 
neuesten hausgenoss, bekanntlich 
dem einzigen (immerhin 
schon dritten, nachdem 
den ersten und zweiten 
innerhalb rückgabefrist 
er verabschiedet habe), dreckig, 
das glas, von seinen 
schokoladelippen 
gestern nachts.
er schon griffe zum strick, 
den es im hause nicht gebe, gäbe 
es nicht so unmäßig viel
auch noch in seinem alter 
zu erleben: schokolade, 
whiskey, schach-computer, 
nutten – nein, vor diesen 
habe er immer sich 
gehütet. sich zu hüten 
sei überhaupt zeitlebens 
seine kunst gewesen.
(er wäre ein genie 
gewesen, hätte er 
sich selbst ver-
hüten können.)

Aus: Ernst Jandl, Werke in 6 Bänden. Hrsg. Klaus Siblewski. Werke 3. München: Luchterhand, 2016, S. 413f (Ursprünglich aus dem Band „selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr“).

Selbstbildnis

Milán Füst 

(geboren 17. Juli 1888 in Budapest; gestorben 26. Juli 1967 ebenda) 

Selbstbildnis

Ein Alter, hager und hakensinnig 
will auch ich sein, so, wie der Herr ...
Und solltest du fordernd fragen nach meinen Kindern, 
so werde ich voll Verachtung den Kopf abwenden ...

Denn keine Kinder hab ich, ich hatte nicht teil an solcher 
    Lust – wie der Esel Arabiens, 
der plötzlich, die Heimaterde witternd, auf einen neuen
    Pfad geht –
so schlug auch ich dereinst meinen sicheren Weg ein. 
Und gleichfalls den Weg nicht der Freude – wohl aber
    den der kahlen Wüste 
wo rot der Horizont ist und keinerlei Herde weidet –
doch wo geprüft wird, ob einer was aushält?
Und wenn der himmlische Vater dort keine Nahrung gibt,
    ob ich’s durchsteh !?
Und ob ich dann vor Durst wehklage? 
Und Schurke werde in der Schurkerei?

Und immer neues Wissen suchte ich in allem Wissen, 
und keine Ehre war mir je zu groß 
und wo der Himmel licht war, sucht ich helleres Leuchten 
und tiefer noch und sengender ein Dunkel als ein Weiberschoß ...

Ich seh es schon: Das Greisenalter werd ich nie erblicken. 
Treib ich’s so weiter? – Wehe mir – so schrie vielleicht ich
    aus dem Fenster 
und kriech doch in mich selbst aus Furcht vor Hohn und
    Spott.
Anstarrn mich nur vier glühende Wände –
des Herrgotts Zorn wie Scharlach rot –
dann geh ich langsam fort mit stetem Nicken.
Ein tiefgekränkter Knecht, ein ungetreuer Hirt –
einer, der lang schon trägt im Herz den Tod 
und der den Richter sucht und ihn nicht finden wird.

Nachgedichtet von Franz Fühmann, aus: Milán Füst, Herbstdüsternisse. Gedichte, „Aufzeichnungen“. Leipzig: Reclam, 1974, S. 17

Önarckép

Horgaselméjű s szikár 
Aggastyán akarok én is lenni, olyan, mint maga az Úr ... 
S ha majd számonkérnéd tőlem a gyermekeimet, 
Megvetéssel fordítom el akkor a fejem ...

Mert nincsenek gyermekeim, e vigasságban nem volt 
    részem – mint az arabs szamár, 
Ki megszagolván honni földjét, uj ösvényre fordul
    hirtelen 
Úgy indultam el én is egykor biztos útamon.
És nem az öröm útját választottam én sem – ám a kopár
    sivatagét.
Hol vörös a földek szintje s nem legelész semmiféle nyáj 
De hol majd megpróbáltatik, ki mit bír el?
S ha nem ád ott az égi Atya enni, azt kitartom-e?
S a szomjúságtól majd jajongok-e?
S a bitangságban majd, hogy elbitangolok-e?

S minden tudásban kerestem egyre új tudást 
S a dicsőségben nagyobb dicsőségeket 
S hol világos volt az ég, nagyobb világolást 
S az asszonyölnél égetőbb és még nagyobb sötétet ...

Ugy látom, öregember én már nem leszek.
S most folytassam a régit addig is? – Ó jaj – kiáltanám 
    egy ablakból talán 
De gúnytól félek s elbuvok magamba.
Négy izzó fal mered reám csupán, –
Az Úristennek vörhenyes haragja, –
Majd bólogatva, lassan elmegyek.
S mint ki régen hordja már szivében a halált, –
Kárvallott számadó, megbántott, régi szolga 
S ki bírót ment el keresni, de nem talált.

Schweigen

Wjatscheslaw Iwanow 

(* 16. Februarjul. / 28. Februar 1866greg. in Moskau; † 16. Juli 1949 in Rom) 

Schweigen

Steht in flammendem Schweigen die Rose, 
Sie weiß nicht, was die Nachtigall sang.
Ihre Seele – ein duftender Klang, 
Der uns anfliegt und haucht: »Bin ganz Rose.«

Der uns anfliegt und haucht: »Bin ganz Pracht.« 
Und so leuchtet die Rose: »Bin Feuer ...« 
Auch das Herz, sonnengleich, soll sich freuen, 
Gleich der Rose, ob wortloser Macht.

um 1911

Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 255

Вячеслав Иванов 

Молчание

Вся горит – и безмолвствует роза, 
И не знает, что пел соловей. 
Благовонной душою своей 
Только в душу нам дышит: »я - роза«.

Только в душу нам дышит: »цвету«. 
Только в очи глядит: »пламенею« ... 
Полюби соприродную с нею. 
Сердце солнце, свою немоту.