Der dreißigjährige Dichter

Jean Cocteau 

(* 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte bei Paris; † 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt bei Paris)

DER DREISSIGJÄHRIGE DICHTER

Nun habe ich erreicht die Mitte meiner Jahre, 
Auf meinem schönen Haus sitz rittlings ich und reit; 
Dasselbe Land ist’s, das ich beiderseits gewahre, 
Doch, die’s bedeckt, ist nicht dieselbe Jahreszeit.

Hier ruht der rote Grund, behörnt mit spitzen Reben 
Gleich einem jungen Reh. Den Alltag bewillkommt 
Das ausgespannte Linn, mit Lachen, Zeichengeben... 
Dort steht der Winter und die Ehre, die mir frommt.

Ich wollte wohl, du sagst mir noch, du magst mich lieben, 
Göttin! — Und doch: hielt’ ich im Wort dich mir nicht wach, 
Und wär in meinem Lied mein Haus mir nicht ge­blieben, 
Spürte die Leere ich und fiele ich vom Dach!

Deutsch von Helmut Bartuschek, aus: Der Gallische Hahn. Französische Gedichte von der Zeit der Troubadours bis in unsere Tage. In deutscher Nachdichtung von Helmut Bartuschek. Berlin: Aufbau, 1957, S. 298ff

LE POÈTE DE TRENTE ANS

Me voici maintenant au milieu de mon âge, 
Je me tiens à cheval sur ma belle maison; 
Des deux côtés je vois le même paysage, 
Mais il n’est pas vêtu de la même saison.

Ici la terre rouge est de vigne encornée 
Comme un jeune chevreuil. Le linge suspendu, 
De rires, de signaux, accueille la journée; 
Là se montre l’hiver et l’honneur qui m’est dû.

Je veux bien, tu me dis encore que tu m’aimes, 
Vénus. Si je n’avais pourtant parlé de toi, 
Si ma maison n’était faite avec mes poèmes, 
Je sentirais le vide et tomberais du toit.

Den Deutschen

Antoni Słonimski 

(* 15. November 1895 in Warschau; † 4. Juli 1976 ebenda)

Den Deutschen

Stolz auf die Trümmer der eroberten Stadt niederschauend, 
Tritt, in der Hand das blutige Kurzschwert, vom leeren 
Innenhof her ein römischer Barbar ins Haus des Archimedes, 
Als des Marcellus Legion zerstampfte Syrakus Mauern.

Nackt bis zum Gürtel, noch im staubigen Helm und keuchend, 
Stand er, in den witternden Nüstern noch Blut und Verbrechen, 
„Noli turbare circulos meos“, mahnte ihn sanft Archimedes 
Und setzte unbeirrt in den Sand seine Kreise und Zeichen.

Auf den Durchmesser, den Kreis und das Dreieck darinnen 
Strömte heftig das friedliche Blut, ein Zeichen des Bösen. 
Archimedes, verteidige dich gegen die hirnlosen Söldner! 
Archimedes, heute und immer hingemeuchelt von ihnen!

Im Sandstaub versickert das Blut, dein Geist wird bleiben.
Nein. Auch dein Geist geht dahin. Spurlos vergangen?
Im Marmor deines Hauses nisten unwissend die Schlangen.
Auf Hellas Trümmern mag der Wind kreiselnd im Sande schreiben.

Deutsch von Jens Gerlach, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olscxhowsky. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 79

These XVII

Zum 85. Geburtstag des sächsischen Dichters Joochen Laabs ein kleiner Spruch aus einer anderen Zeit.

Joochen Laabs 

(* 3. Juli 1937 in Dresden)

These XVII

Wir sollten 
nicht derartig große Worte 
in den Mund nehmen, 
daß uns im Kopf 
kein Platz mehr 
zum Denken bleibt.

Aus: Joochen Laabs, Eine Straßenbahn für Nofretete. Gedichte. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1970, S. 40

Kinderton

Ich wollte zum 145. Geburtstag von Hermann Hesse ein Gedicht aussuchen, es fiel mir schwer. Natürlich habe ich, als ich Gedichte zu lesen anfing, „Seltsam im Nebel zu wandern“ geliebt, es hat sich mit der Zeit entfremdet (entfreundet geht auch – der fremde Freund). Ich suchte ermüdend lange und wurde dabei immer ungnädiger. Immer derselbe Klingklang, Leben reimt auf Beben und Streben, lang auf bang, Herz auf Schmerz, tatsächlich, lesen auf Wesen, Schnee tut weh, Sterben in Scherben, Duft Luft, Nacht lacht, Welt fällt… alles erwartbar und immer dasselbe. Der Reim ist ein Element des Humors (schrieb, glaube ich, der Bulgare Atanas Daltschew) – hier ist er immer sehr ernst. Als der Reim erfunden wurde, muss es ungeheuer überraschend geklungen haben, dahin! Reim multipliziert mit seraphischen Worten, meine barsche Formel.

Schließlich blieb ich bei dem Kinderton kleben. Da gelingt ihm das Gedicht mit wenig Reim und ganz ohne Seraphsflügel.

Hermann Hesse 

(* 2. Juli 1877 in Calw; † 9. August 1962 in Montagnola, Schweiz)

Kleiner Knabe

Hat man mich gestraft,
Halt ich meinen Mund,
Weine mich in Schlaf,
Wache auf gesund.

Hat man mich gestraft,
Heißt man mich den Kleinen,
Will ich nicht mehr weinen,
Lache mich in Schlaf.

Große Leute sterben,
Onkel, Großpapa,
Aber ich, ich bleibe
Immer, immer da.

Es schmerzen die Knochen der Liebenden

Jehuda Amichai 

(hebräisch יהודה עמיחי; ) (* 3. Mai 1924 in Würzburg als Ludwig Pfeuffer; † 22. September 2000 in Jerusalem) 

ES SCHMERZEN DIE KNOCHEN DER LIEBENDEN

Es schmerzen die Knochen der Liebenden, 
die sich den ganzen Tag im Grase wälzten.

Nachts liegen sie wach. Er. Sie, Ihr Liegen 
erlöst die Welt, nicht sie.

Ein Feuer auf dem Feld wiederholt, blind vor Schmerz, 
die Taten der Sonne am Tag.

Die Kindheit ist fern. 
Der Krieg ist nah. Amen.

Aus dem Hebräischen von Lydia und Paulus Böhmer, in: Die Welt über dem Wasserspiegel. Berliner Anthologie. Betrachtet und eingeleitet von Joachim Sartorius. Hrsg. Ulrich Schreiber. Berlin: Alexander Verlag, 2001, S. 14f

Der Ukraine-Krieg in Zeitschriften 2

L&Poe Journal #02 | Ukraine

Wir haben seit ein paar Tagen Sommer, die „Frühjahrsausgabe“ des L&Poe Journal #02 ist immer noch nicht ganz fertig, aber das endgültige Erscheinungsdatum naht. Hier der zweite Teil meiner Presseschau über Zeitschriften zum Krieg in der Ukraine.

2: Lettre international 136, Juni 2022

Lettre kündigt auf dem Waschzettel, der halbseitig vor jedem Titelblatt steht und bei eifrigem Lesen regelmäßig aus den Klammern reißt, zwei ungefähr einschlägige Themen an: TOLLWUT. Der Angriff auf die Ordnung Europas, und RUSSLANDS REVOLUTION. Eine sentimentale Reise unternimmt Bora Ćosić. (Andere Themen sind u.a. Orwells Moral, Afrikas Antiparadiese, Herrschaft im Sahel, der griechische Bürgerkrieg 1946-1949 und Chinas neuer Nationalismus. Lettre wie immer ein unentbehrlicher Füllquell von Informationen und Meinungen aus Ecken, wohin unsere Halbbildung noch nicht einmal hingeblinzelt hat. Was, du liest LETTRE nicht?!!).

Lettre International 136/2022

Die meisten Ankündigungen findet man leicht im Inhalt des Heftes wieder, nicht so den Tollwut-Text. Stattdessen eröffnet das Herz mit einem Abschnitt „Literatur und Gewalt“ mit 4 Beiträgen:

  • Liza Alexandrova-Zoriuna: Aljoscha. Eine Erzählung
  • Ian McEwan: Orwell und der Wal
  • Bora Ćosić: Russisches Brevier
  • Eduardo Halfon: Beni. Eine Geschichte

Die zweite Erzählung thematisiert Gewalt, aber in Guatemala. Die erste ist voll einschlägig, obwohl sie die Ankündigung auf der Bauchbinde (dem Waschzettel) nicht einlöst. Die russische Autorin Liza Alexandrova-Zoriuna schreibt über einen jungen Russen von der Kola-Halbinsel. Er war vor zwei Jahren nach Moskau zum Geldverdienen gefahren, bekam aber nur schlecht oder gar nicht bezahlte Jobs und schlief in Bahnhöfen. Dann hörte er von einem Job, „der zwar mies bezahlt wurde, aber man nahm jeden, der gedient hatte“. Er fuhr zur verabredeten Stelle an der russisch-ukrainischen Grenze, wo er sich den „Freiheitskämpfern“ anschloss. Es ist also im Donbass an einem Fluss, der die Grenze darstellt. Bald sah er seinen ersten Toten, eine Frau, die mit ihrer Tochter an der Hand auf eine Mine trat. Die Tochter hielt die Hand weiterhin fest, aber an der Hand war nichts mehr dran. „Doch man gewöhnt sich rasch an den Tod, der Krieg wurde zähflüssig und alltäglich und nach den Verhandlungen schon gänzlich langweilig.“ Aljoscha vertreibt sich die Zeit mit einem täglichen Spiel an der Grenze. Der Fluss war hier 200 Meter breit, die Grenze in der Flussmitte. Manchmal schoss man eine kurze Salve ab, nur um zu zeigen, dass man noch da war. Treffen konnte man auf die Entfernung nur zufällig. Jeden Morgen, wenn Aljoschas Wache beginnt, lässt auf der anderen Seite jemand die Hosen herunter, dreht verächtlich den Hintern zur russischen Seite und entleert sich. Aljoscha, Kosename Sascha, traf ihn zwar nicht, aber er konnte nach langer Zeit wieder mal lachen.

Dann bekommt er Urlaub zur Hochzeit mit seiner Braut Ljalja. Sascha hat eine Handgranate von der Front eingeschmuggelt und bei der häuslichen Feier nach der kurzen Zeremonie … – nein, ich verrate nicht den makaber-„lustigen“ Fort- und Ausgang.

Ian McEwans Aufsatz über Orwell ist auf seine Art eine Parabel für „unsere schwierigen Zeiten“. Orwell fuhr damals, im Bürgerkrieg, nach Spanien und stritt sich unterwegs in Paris mit Henry Miller über Politik und die Rolle des Schriftstellers. Miller fand es „idiotisch“, jetzt nach Spanien zu fahren, und die Idee von der Verteidigung der Demokratie „nichts als Blödsinn“. Orwell meinte im Gegenteil, „wo die Rechte und das Leben eines ganzen Volkes auf dem Spiel stehen, kann es keinen Gedanken daran geben, die Selbstaufopferung zu scheuen“. (O, wie viele von denen, die in ihrer Jugend „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsre Schützengräben aus“ sangen, fordern heute, die Ukraine möge kapitulieren!).

Wie beklemmend, bei Orwell zu lesen: „Es ist so gut wie sicher, daß wir uns auf eine Zeit totalitärer Diktaturen zubewegen – eine Zeit, in der die Gedankenfreiheit erst für eine Todsünde [soviel wissen wir ja inzwischen] und später für eine bedeutungslose Abstraktion gehalten werden wird.“ Putin, Trump & Co. arbeiten feste an diesem Punkt 2 – während so mancher Linke, der vielleicht nicht mitgekriegt hat, dass Russland kein sozialistisches Land mehr ist, die Irrtümer der damaligen Linken wiederholt, die McEwan mit Orwell so beschreibt: „Politisches Engagement bedeutete damals bei linken Schriftstellern — also den meisten Schriftstellern —, am sowjetischen Traum festzuhalten, und dies trotz des ersten Fünf-Jahres-Planes, der Hungersnot in der Ukraine, der Säuberungen und Schauprozesse und jüngst erst des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von 1939. Für Orwell war diese Art von politischem Engagement wie ein überhitzter, erstickender Raum voller Lügen. In einer Besprechung von Malcolm Muggeridges zeitnah verfaßtem, historischem Überblick The Thirties schrieb er: „Alle positiven Ansätze erwiesen sich als Fehlschlag. Glaubensbekenntnisse, Parteien, Programme jeglicher Art sind schlicht gescheitert.“

„mancher Linke vielleicht nicht mitgekriegt hat, dass Russland kein sozialistisches Land mehr ist“. Sowjetische Fahne im Greifswalder Hafen, Mai 2022

Viele bedenkenswerte Sätze noch bei McEwan über den Status des Romans und Meinungsfreiheit heute.

Bora Ćosićs „Russisches Brevier“ handelt vor allem von dem russischen Schriftsteller Viktor Schklowski, den manche nur als Theoretiker kennen (er prägte den Begriff Verfremdung). Ćosić hatte ihn noch persönlich in Belgrad gesehen, daher vielleicht das leicht Melancholische seines Texts. Aber das Russland in seinem Text und Schklowskis Romanen, aus denen er lang zitiert, ist keine sentimentale Erinnerung, ein paar Schklowskizitate:

Ein Mensch schläft und hört es an der Haustür läuten. Er weiß, daß er aufstehen sollte, aber er will nicht. Also erfindet er einen Traum und fügt das Läuten in ihn ein, indem er es anders motiviert – er kann zum Beispiel von einer Frühmesse träumen. Rußland hat die Bolschewiki erfunden wie einen Traum, als Motivierung für Flucht und Plünderung; die Bolschewiki selbst können nichts dafür, daß sie im Traum erschienen sind. Sie tauchten ab in den „Bolschewismus“, wie ein Mensch sich vor dem Leben in irgendeine Psychose flüchtet.

***

Und hier brachten sie einander um im Bürgerkrieg. Alle kämpften. Während des Kampfes erschlugen die Ehemänner ihre Frauen, die Liebhaber die Ehemänner. Hatte man sie umgebracht, legte man sie auf den Hof der Schußlinie entlang so, wie die Kugeln flogen. Die Weißen erschlugen die Roten und rissen ihnen die Zunge aus dem Hals. Die Roten töteten bloß.

***

IM JAHRE neunzehnhundertsechsunddreißig ermordete Ivan Ponomarjov, Kapellmeister, in nervlicher Zerrüttung vier Mitglieder seiner Kapelle, und dann erhängte er sich. Im selben Jahr konstruierte Jasa Sevicki, ein arbeitsloser Ingenieur, einen Ofen, der mit unnützen, unnötigen Dingen beziehungsweise Scheiße geheizt wurde. Der russische Kosakengeneral Pavličenko floh völlig besiegt vor den Sowjets zu uns, auf einem Pferd, und hielt einen Vortrag über all das, das Pferd verreckte hinterher. Die russische Sprache war unserer schon immer ähnlich, nur hatte sie irgendwelche Fortsätze. Die Russen sprachen wie jeder von uns, nur betrunken. Die Mama von Lonja Bondarenko brachte damals meinem Onkel bei, wie man den alten russischen Buchstaben „jer“ schreibt, mit Häkchen. Sie gestand ihm: „Jetzt gibt es den nicht mehr!“ Papa behauptete: „Ich hab’ gehört, jeder Russe säuft sich an wie ein Schwein, und danach weint er wie ein Kind!“ Mama sagte: „Sie werden wohl einen Grund haben!“ Opa sagte: »Alle wollen sie das eine wie das andere, und darüber vergeht ihr Leben!“ Auch mir fiel auf, daß die Russen irgend etwas machten und danach bereuten, daß sie es getan hatten.

Ćosić zitiert aus Schklowskis Büchern:

  • Sentimentale Reise (Andere Bibliothek 2017)
  • Zoo oder Briefe nicht über die Liebe (Suhrkamp 1965)
  • Dritte Fabrik (Suhrkamp 1988)

Das zweite ist in den 80er Jahren auch im DDR-Verlag Volk und Welt erschienen, ob zensiert, kann ich jetzt nicht feststellen.

McEwans und Ćosićs Beiträge sind auf verschiedene Art indirekte Beiträge zu den Hintergründen des Krieges und unserer Art, darüber Diskussionen zu vermeiden. Aber das sind dann auch fast alle anderen hochinteressanten Beiträge des Heftes. Bei so manchem könnte man ausrufen, was Franz Maciejewski (Garküche der Zukunft) sagt:

Man könnte irre werden an der Zeit und versucht sein, mit vorgehaltener Hand nach den Kindern auf der Straße zu rufen: „He, ihr da draußen, sagt doch mal – welches Jahrtausend haben wir?“

Vielleicht kann man bei Anatol Schneiders Beitrag über „Ausgräber der Antike“ verschnaufen.

In den abschließenden Rubriken „Briefe & Kommentare“ und „Korrespondenzen“ gibt es noch ein paar direkte Bezüge zum russischen Krieg. Sergio Benvenuto fährt seit 2000 regelmäßig nach Russland und in die Ukraine, er unterrichtet am „Internationalen Institut für Psychoanalyse“ in Kiew, hat Kollegen und Freunde in beiden Ländern und behandelt als Psychoanalytiker russische und ukrainische Patienten. Bei ihm kann man viel über die Vorgänge seit 2014 und die Verhältnisse und Entwicklungen in der Ukraine lesen, was in der deutschen Debatte durch „Influencer“ und Putin-„Versteher“ und eine gigantische russische Auslandspropaganda oft verdunkelt ist.

Rada Iveković schreibt über die Zeitenwende 1989, bei der kaum auf die Warnungen einiger jugoslawischer Denker gehört wurde,

dass die großen nationalistischen Erzählungen auf der Lauer lägen und „grundsätzlich jedes Volk zum Nazismus fähig sei“.

Während Benvenuto meint, dass nicht ein alter Hass die beiden Länder trennt, sondern aktuelle politische Entscheidungen diesen Hass erst erzeugten, geht Sergiusz Michalski ein wenig auf die lange zurückliegenden Wurzeln dieser Spannungen ein (wie ja auch der Kriegsherr Putin nicht müde wird, hundert und tausend Jahre zurückzugehen, in seinem Fall, um russische Ansprüche zu begründen). In der Urzelle Russlands, dem Kiewer Staat und seinen zahlreichen Nachfolgefürstentümern, waren die Verbindungen zwischen den heute verfeindeten Brüdern sehr eng, aber anfangs waren die nördlichen Russen die jüngeren Brüder, ehe sie im Zuge des Mongoleneinfalls die großen Brüder wurden und die Sprachen sich ausdifferenzierten. Und während Putin behauptet, Lenin habe die Ukraine geschaffen, weist Michalski darauf hin, dass ein ukrainisches Schulkind ohne größere Probleme das um 1200 in der damals gemeinsamen altostslawischen Sprache geschriebene Igorlied lesen kann, während ein russischer Leser eine Übersetzung benötigt. Auch die geschichtlichen Verwerfungen in der Folgezeit mit Polen, Litauen und Russland werden beschrieben, in deren Ergebnis die früher polnischen Gebiete russifiziert wurden, aber als „Kleinrussen“ im Gegensatz zu den „eigentlichen“, den Großrussen. Michalski geht auch auf den ukrainischen „Nationaldichter“ Taras Schewtschenko und die Unterdrückung der ukrainischen Sprache im zaristischen Russland ein und schließlich auf das antiukrainische Schmähgedicht des russischen Dichters Jossif Brodsky (kann das nicht mal jemand übersetzen und gut kommentiert herausgeben, damit wir wissen, worüber wir reden?). Letzter Satz dieses Briefs (aus Tübingen) und der mit spannenden Inhalten aus allen Weltteilen berstend vollen Lettre-Ausgabe:

Wie immer dieser schreckliche Krieg ausgeht, er wird sich für Rußland*, über kurz oder lang, katastrophal auswirken.

*) Lettre International scheint die letzte Bastion der alten Rechtschreibung vor der jüngsten Reform zu sein

Białoszewski 100

Und wieder ein 100. Geburtstag!

Miron Białoszewski 

(* 30. Juni 1922 in Warschau; † 17. Juni 1983 ebenda) 

KRIEGSMYTHEN

DREI

Die eine floh.
Die zweite floh.
Die dritte
verhakte sich in der Tür.

EINER

Hockte sich unter den Tisch 
und blieb verschont.

Deutsch von Dagmara Kraus. Aus: Miron Białoszewski, Wir Seesterne. Gedichte. Übersetzt und herausgegeben von Dagmara Kraus. Leipzig: Reinecke & Voß, 2012, S. 35f

MITY WOJENNE

TRZY

Jedna uciekła.
Druga uciekła. 
Trzecia 
zacięła się w drzwiach.

JEDEN

Ukucnął pod stół 
i ocalał.

Vasko Popa 100

Heute vor 100 Jahren wurde Vasko Popa geboren.

Vasko Popa 

(serbisch Васко Попа, geboren am 29. Juni 1922 in Grebenac; gestorben am 5. Januar 1991 in Belgrad) 

POESIESTUNDE

Wir sitzen auf der weiten Bank 
Unter dem Lenau-Denkmal

Wir küssen uns 
Und sprechen so nebenbei 
Über die Verse

Wir sprechen über die Verse 
Und küssen uns so nebenbei

Der Dichter schaut durch uns hindurch 
Durch die weiße Bank 
Durch die Kieselsteine des Pfads

Und schweigt so schön 
Mit seinen schönen kupfernen Lippen

Im Stadtpark von Vršac 
Lerne ich langsam 
Worauf es im Gedicht ankommt

Deutsch von Milo Dor, aus: Poesiealbum 203. Vasko Popa. Berlin: Neues Leben, 1984, S. 30f

Die Freiheit kommt nackt

Zum 100. Todestag des russischen Dichters Welimir Chlebnikow ein Gedicht in 3 Fassungen.

Welimir Chlebnikow 

(Велимир Хлебников; * 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan, heute Kalmückien; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod) 

Die Freiheit kommt unbekleidet, 
Blumen wirft sie dem Herzen zu,
Und wir sind, mit ihr ins Gleichschritt, 
im Gespräch mit dem Himmel per Du. 
Wir, die Krieger, trommeln mit barscher 
Hand auf die Schilde das Wort:
„Es werde das Volk unser Herrscher 
immer, immerdar, hier wie dort!“ 
Singen solln an den Fenstern die Mädchen 
zwischen Liedern von alter Schlacht 
über die der Sonne treu untertänige 
Volksselbstherrschermacht.

Deutsch von Elke Erb, aus: Welimir Chlebnikow, Ziehn wir mit Netzen die blinde Menschheit. Berlin: Volk und Welt, 1984, S. 71

DIE FREIHEIT KOMMT NACKT

Die Freiheit kommt strahlend und nackt, 
streut Blumen aufs Herz, immerzu.
Wir schreiten im rhythmischen Takt 
und stehn mit den Sternen auf Du.
Wir schlagen, uns bleibt keine Pause, 
den Schild und vernehmen den Schall. 
Das Volk soll der Herr sein im Hause, 
bei euch wie bei uns, überall.
Laßt singen die Mädchen beim Baden 
ein Lied von vergangener Zeit.
Wir bleiben, von eigenen Gnaden, 
das Volk, nun erwacht und befreit.

12. April 1917

Deutsch von Wilhelm Tkaczyk, aus: Welemir [sic!] Chlebnikow. Poesiealbum 107. Berlin: Neues Leben, 1976, S. 3

Свобода приходит нагая
Бросая на сердце цветы,
И мы с нею в ногу шагая,
Беседуем с небом на ты.
Мы воины смело ударим
Рукой по веселым щитам,
Да будет народ государем
Всегда, навсегда, здесь и там.
Пусть девы споют у оконца
Меж песень о древнем походе
О верноподданном Солнце,
Самодержавном народе.

1917

Grüne Melodie

Andreas Okopenko 

(* 15.März 1930 in Košice / Tschechoslowakei; † 27. Juni 2010 in Wien) 

Grüne Melodie

                                         ... grüne Melodie blaues Mädchen 
                                         weiß sind die Ferien.

Ich grüne in der Wiese des Jungdorfes 
Mein Hof ist gelb von Mädchen Getreiden 
Mein Mädchen ist gelb von Hof Getreiden 
Ich grüne im Getreide des Jungdorfes

Die Sonne geht den Weg zur Marktstadt 
Mein Mädchen geht den Weg zur Marktstadt 
Mein grünes Getreidemädchen mein grünes Wiesenmädchen 
Mein grünes Jungdorfmädchen geht den Weg zur Marktstadt

Die Marktplätze sind mit Kürbissen 
Die Kürbisse sind weißer Staub der Marktplätze 
Der weiße Staub der mittäglichen Marktplätze 
Der weiße Staub der Weg zum Haus zum Mädchen zum Garten

Ich grüne den Nachmittag im Mädchengarten 
Ich grüne nun schon im Mädchengarten 
Ein kühles Zimmer ein blaukariertes Tuch 
Ein Mittagskrug ein blaues Glas ein Wasser

Eine jüngere Schwester die eifrig das Grün der Kinder spielt 
Eine jüngere Schwester die fortgeht und uns allein läßt 
Das Kinderspiel das Wasser plätschert blau 
Mein Mädchen im abgesetzten kühlen Zimmer

Ich bin das kühle Zimmer ich bin im kühlen Zimmer 
Ich bin wo das Mädchen ist schließlich ich bin bei dem Mädchen 
Das Mädchen und das Wasser ich trinke das Wasser 
Der Krug ist das Zimmer er faßt uns beide

Eine Ameise kriecht über die lateinische Grammatik 
Ein Blatt ist zum Fenster hereingekommen 
Ein Tropfen Wasser ist über meinen Mund gelaufen 
Eine langsame kleine Uhr macht den Nachmittag aus Aluminium

Ich glänze silbern in der Sonne wie Aluminium 
Ich habe meine Uhr im Blumentopf in Erde eingegraben 
Mein Mädchen ist nicht der Käfer der über das Holz läuft 
Mein Mädchen liegt im Sommerkleid auf dem Fensterbrett

Auf dem Fensterbrett auf dem leichten Sessel dem lichten Kasten 
Dem Schatten dem Erinnern an die Sonne dem Nachmittag dem Garten 
Ich begreife den Kleinen gut, der Karten spielen geht 
Ich begreife die Kleine die in grüne Blätter ihre Finger hält

Ich weiß daß Pythagoras wichtig ist und Aristides und Caesar 
Ich rebelle auf gegen die eingebundene Schule 
Das schwarze Brett die Verordnung den Schularzt daß die Kreide trocken ist 
Daß das Tafeltuch feucht ist daß das Butterbrotpapier braun ist

Ich vergnüge die Ferien der Kinder der Kleinen der Käfer 
Das Wasser den blauen Spiegel den Sonnenbrand die Eisenbahn 
Den Hofhund den gelben, die kleine Brut die Fellbälle 
Die rote Masche der Katze, die Maus mit dem Speck in der Falle

Ich bin die Ferien ich bin das Grün 
Ich grüne auf der Wiese im Getreide 
Ich blaue im Zimmer des Mädchens 
Im Nachmittag, ich blaue im Mädchen.

Aus: Mein Gedicht ist die Welt II. Hrsg. Wolfgang Weyrauch. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 425f

Patrizia Cavalli †

Patrizia Cavalli

(* 17. April 1947 in Todi, Italien, † 21. Juni 2022 in Rom)

*** 

Se ora tu bussassi alla mia porta
e ti togliessi gli occhiali
e io togliessi i miei che sono uguali
e poi tu entrassi dentro la mia bocca
senza temere baci disuguali
e mi dicessi: «Amore mio,
ma che è successo?», sarebbe un pezzo
di teatro di successo.

© Einaudi
Aus: L'io singolare proprio mio. Turin: Einaudi, 1999


*** 

Würdest du jetzt an meine Tür klopfen
und deine Brille abnehmen 
und ich meine, die gleich ist 
und kämst du in meinen Mund 
ohne Furcht vor ungleichen Küssen 
und sagtest zu mir: »Liebste, 
was ist denn jetzt passiert?«, der Erfolg 
des Stücks wär garantiert.

Übersetzt von Piero Salabé
Aus: Patrizia Cavalli: Diese schönen Tage. Ausgewählte Gedichte 1974-2006. München: Carl Hanser (Edition Lyrik Kabinett), 2009

Glosse eines dichtenden Katers

Zum 200. Todestag von E.T.A. Hoffmann (* 24. Januar 1776 in Königsberg, Ostpreußen; † 25. Juni 1822 in Berlin) ein Gedicht des schreibenden Katers Murr (aus den Lebensansichten des Katers Murr). Es ist übrigens eine Glosse auf einen Text von Goethe, den Franz Schubert vertont hat (Goethe/Schubert siehe unten). Zunächst aber der dichtende Kater.

Glosse

Liebe schwärmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt für sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Schmachtend wehe, bange Klagen,
Hör' ich überall ertönen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewöhnen,
Ob zur Lust, ich kann's nicht sagen,
Möchte oft mich selber fragen,
Ob ich träume, ob ich wache.
Diesem Fühlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwärmt auf allen Wegen!

Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art'ger Kätzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! – fort aus dem bösen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt für sich allein!

Wohl, ich weiß es, widerstehen
Mag man nicht dem süßen Kosen,
Wenn aus Büschen duft'ger Rosen
Süße Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug' dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.

Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn berücken,
Doch wie lange kann's beglücken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb' erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr' ich über Mau'r und Zäune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Die Sonne sagt nichts

LDL / Pier Zellin

1.Nahbell-Nebenpreis 2022: Liga der Leeren (LDL) für einen Essay von 2018 (siehe hier)


HEILIGES Q

das gras saftig grün
nebenan sterben menschen
die sonne sagt nichts

(2020)

Stromkästen und Strohrum

Meike Wanner aus Düsseldorf erhält den 4. Nahbellförderpreis (vgl. hier). Hier ein Gedicht.

Stromkästen und Strohrum 

Ich verabschiede die Wohnungstür
mit dem Schlüssel zur Welt
trete den Bürgersteig mit Füßen
der sich zieht
wie das Kaugummi
unter den Sohlen
die holen Meter um Meter ein und nicht
um den Tag zu ohrfeigen
aus
den Stromkästen flüstern die Sticker mir
geheime Botschaften
zu denen gehört auch
der mit dem Feuer
und die vielen, die ich nicht verstehe
die Alten und Abgepulten
und der der sagt
dass alles gut wird
neben "acab" und "die Welt ist abgeschrieben"
klingt das fast wie Satire
ich will dazu schreiben schreien
dass alles gut ist
solange wir es lassen
aber wer würde das schon hören?
die Menschen sicher nicht die sind doch
zu beschäftigt damit
halbleere Gläser Strohrum zu exen
(Wodka reicht ja längst nicht mehr)
der Stromkasten
trägt meine Worte, Sticker, Tinte
höchstens elektronisch davon und auch dann
nur an die
die sie hören wollen –

(2021)

Letzte Fragen

Hier und an den folgenden Tagen jeweils ein Gedicht der Preisträger der Nahbellpreise 2023 (siehe hier). Der Nahbellhauptpreis ging an René Oberholzer.

René Oberholzer

"Letzte Fragen" (2019)

Und wenn es eine letzte Frage
Im Universum noch gäbe
Würde ich sie
Mit dir teilen wollen
Und zwar so lange
Bis es eine neue
Letzte Antwort
Geben würde

Und wenn es keine letzte Frage
Im Universum mehr gäbe
Würde ich dich küssen
Auf 10 verschiedene Arten
Und zwar so lange
Bis es eine neue
Letzte Frage
Geben würde