105. Saarländische Poesie

» Es können Brücken gebaut werden zwischen Müsli-Essern, Wertkonservativen und Brioni-Trägern. «

Peter Müller, Ministerpräsident und Jamaikaner in spe. – Die im Saarland scheinen es ja poetisch zu lieben. Der Exilsaarländer Erich Honecker reimte gern, so: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ oder so: „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.“ Und hatte Recht: dazu brauchte es mindestens einen Saarländer, ähem. Gerade wieder an der Saar, last minute.

104. Gefühlvolle Freunde

Na bitte, geht auch anders:

Die Verleihung des Brandenburgischen Literaturpreises 2009 am Samstagnachmittag im Club Charlotte des Kabaretts Obelisk verlief in vollständiger Eintracht und belegte nachdrücklich, dass die schreibende Zunft nicht zwangsläufig eine Ansammlung missgünstelnder Neider ist. / Märkische Allgemeine 19.10.

„Viel Lyrik und viel Gefühl“ prägten nach dem Bericht die Veranstaltung, und so wurde beschlossen, den Preis im nächsten Jahr der Lyrik zu widmen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich den gefühlvollen Abend in einem Salon mit dem ehemaligen NVA-Offizier Walter Flegel verbringen möchte (der nach der „Wende“, jetzt mal in Anführungsstrichen, weil ich den von Krenz & Co. eingeleiteten Teil meine, Gedichte über Moselweine und Rügensche Landschaften schrieb). Vorher bevorzugte er kraftvollere Sujets wie diese:

  • Wenn die Haubitzen schießen, Berlin 1960
  • Der Regimentskommandeur, Berlin 1971
  • Der Junge mit der Panzerhaube

(Just diese drei Titel fehlen allerdings in seiner Werkauswahl im Literaturportal). Wikipedia ist hierin exakter:

Nachdem er 1953 die Reifeprüfung abgelegt hatte, ging er zur Kasernierten Volkspolizei. Er besuchte eine Offiziersschule der im Aufbau begriffenen Nationalen Volksarmee in Dresden und war ab 1956 Artillerieoffizier. 1957 gehörte er zu den Begründern des Zentralen Literaturzirkels der NVA; in den folgenden Jahren leitete er Zirkel schreibender NVA-Soldaten. Von 1960 bis 1963 studierte er am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig. Von 1963 bis 1973 leitete er das Bezirksklubhaus der NVA in Potsdam, von 1973 bis 1986 war er Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Instituts der DDR in Potsdam. Seit 1985 war er als Oberstleutnant der Reserve freier Schriftsteller. Nach der Wende wurde er Geschäftsführer des Literatur-Kollegiums Brandenburg in Potsdam.

Walter Flegel ist Verfasser von Romanen, Erzählungen, Jugendbüchern und Lyrik, wobei seine frühen Werke stark von seinen Erfahrungen als Berufsoffizier der NVA geprägt sind.

Walter Flegel leitet den Verein Brandenburgisches Literatur-Kollegium, der den Preis verleiht. Beim Namen des Preises stutzte ich allerdings und mußte Wikipedia konsultieren, das auch hier genau informiert. Ich erinnerte mich richtig. Ein Preis mit dem gleichen Namen wurde 1991 bis 2000 von couragierten jungen Leuten des Brandenburgischen Literaturbüros in Potsdam verliehen. Die Liste der Preisträger ist ehrenwert:

* 1991 Fritz Rudolf Fries
* 1992 Helga Schütz
* 1993 Wolfgang Hilbig
* 1994 Adolf Endler
* 1995 Imre Kertész
* 1996 Günter de Bruyn
* 1997 Helga M. Novak
* 1999 Christa Reinig
* 2000 Hanns-Josef Ortheil

Damals, Mitte der 90er, gab es Unmut bei einheimischen Autoren. Irgendwie (Sparmaßnahme? Feindliche Übernahme? Sachdienliche Hinweise an…) haben sie’s dann geschafft. Seit 2001 vergibt Flegels Heimatverein den Preis – mit viel Gefühl, wie wir lasen.

L&Poe berichtete im Dezember 2007, Ausschnitt:

„Brandenburgs größte Literaturvereinigung“ scheint eine Versammlung von (N)ostalgikern und Unbelehrbaren zu sein, wenn der Bericht in der Märkischen Allgemeinen halbwegs vollständig informiert. Zitat:

Walter Flegels (geboren 1934) lyrisches Ich findet sich im Sonettenkranz „Mein Orplid“ selbst und Freunde, die nicht nach Schuld fragen; Christa Müller (geboren 1936) fasst in schöne Verse, dass sie „Verrat und Dummheit“ wieder siegen sah; sie verleiht ihrer politischen Enttäuschung mit dem Wortungetüm „Beigetretenwordensein“ Ausdruck. Hermann Otto-Lauterbach (Jahrgang 1926) berichtet über die „medial exekutierte Gauckjagd auf lebende wie verstorbene Schriftsteller des Gewesenen Landes“ …

Walter Flegel war ein schreibender Offizier, der im Militärverlag der DDR Bücher wie „Wenn die Haubitzen schießen“ oder „Der Regimentskommandeur“ veröffentlichte. Dann wurde er zivil und schrieb über Moselwein und die schöne Insel Rügen. Und natürlich „UNTER DER SCHLINGE. Der Weg eines NVA-Offiziers, der als Ehrloser aus der Kaserne getrieben wurde“ und „Freunde, die nicht nach Schuld fragen“ – wessen auch immer, woran auch immer.

103. Noch ein Nachtrag

Sie hatte sich für die Abschlussveranstaltung sogar in Schale geworfen, sagt sie. In einem blauen Kleid mit Batikmuster auf der Schulter sitzt die chinesische Journalistin, Umweltaktivistin und Dissidentin Dai Qing in der Eingangshalle der Messe und kann es nicht verstehen: Warum durfte sie bei der Abschlussveranstaltung im Internationale Form der Buchmesse, die diese gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt ausgerichtet hatte, nicht reden? / FR 19.10. über die zum zweitenmal von der Messe ausgeladene Autorin (dank Frankfurter Buchmesse ist der Button „Zensur“ in der Schlagwortwolke rechts unten mitgewachsen)

102. Buchmessenachtrag

Nach dem Erdbeben in Sichuan erkannte die kommunistische Führung in Peking, dass sie mit einer Glorifizierung ihrer Rettungsmaßnahmen den Nationalismus im Volk weiter steigern kann. Schon die ersten Einheiten der Volksbefreiungsarmee, die das Epizentrum in Fußmärschen erreichten, hatten Kameramänner dabei. Während ihre Kameraden unter großen Gefahren Leben retteten, sorgten die Kameraleute für das Filmmaterial, aus dem anschließend ein „Heldenepos“ nach dem anderen geschnitten wurde. Da wollten die örtlichen Schriftstellerverbände und auch Herr Wang nicht zurückstehen. Er veröffentlichte das folgende Gedicht:

Stimme aus der Tiefe der Ruinen

Ein unter den Trümmern des Erdbebens begrabenes Opfer, dennoch alles erfühlend, was über ihm nach dem Beben vor sich geht, meldet sich mit folgendem Gedicht tief gerührt zu Wort:

Naturkatastrophen sind unvermeidlich
Wie könnte ich da über meinen Tod klagen
Der Parteivorsitzende ruft, der Ministerpräsident auch
Die Partei bemuttert, das Vaterland liebt mich
Ihre Rufe, Ton um Ton, dringen zu mir durch den Schutt
1,3 Milliarden Menschen weinen gemeinsam
Obschon nur noch ein Geist
So bin ich doch glücklich
Silberne Adler und Streitwagen retten kleine Kälbchen
Links der Onkel Soldat, rechts die Tante Polizistin
Die große Liebe der Nation erfahren habend
Bin ich selbst als Toter voller Zufriedenheit
Hätte ich doch nur einen Fernsehbildschirm vor meinem Grab
Um die Olympiade anzusehen und mit in den Jubel einzustimmen

Dieses ursprünglich am 6. Juni 2008 in den Qilu Abendnachrichten erschienene Gedicht sprengte sogar die Grenzen dessen, was die an schwülstige Parteipropaganda gewöhnten Chinesen ertragen konnten. Der populäre Jugendschriftsteller Han Han höhnte über das Gedicht auf seinem Blog: „Welch ein Glück, dass ich nicht dem Schriftstellerverband beigetreten bin!“ Ein anderer Schriftsteller erklärte seinen Austritt aus der Sektion Shandong des Verbandes, weil er sich „schäme“, möglicherweise mit Wang Zhaoshan in Verbindung gebracht zu werden. Selbst die englischsprachige China Daily distanzierte sich von Wang und seinem Gedicht, das sie „schmalzig und fürchterlich“ nannte. / Süddeutsche Zeitung 12.10.


101. Poesie der Nachbarn: Schweden

Lesereise
Schlittenspur durch den Sommer
Poesie der Nachbarn: Schweden

Björn Håkanson
Aase Berg
Lina Ekdahl

Berlin, 26.10. 19 Uhr
Landesvertretung Rheinland-Pfalz
Nora Bossong
Oswald Egger
Hans Thill

Rolandseck, 27.10. 19.30 Uhr
Arp Museum
Thomas Böhme
Johann P. Tammen
Hans Thill

München, 28.10. 20.00 Uhr
Lyrikkabinett
Thomas Böhme
Ursula Krechel
Hans Thill

Tübingen, 29.10. 20.00 Uhr
Zimmertheater
Ursula Krechel
Johann P. Tammen
Hans Thill

Aase Berg

Späckhuggaren –

här hänger hugget
väntande på späck
i många tusen år
av långsamhet

Der Speck Hauer

hier hängt der Hau
lauernd auf Speck
schon vieltausend Jahr’
staubet die Zeit
(Thomas Böhme)

Speckbeißer –

hier hängt der Biß
wartend auf Speck
für viele tausend Jahre
Langsamkeit
(Hans Thill)

Der Speckhäher –

hier der Hieb hängerte
specht’zend auf Tran
in manch tausend Jahren
aus Langsamkeit
(Oswald Egger)

100. Deutscher Herbst Teil 2: Zonic Affairs

Was ist Musik?

Deutscher Herbst Teil 2: Zonic Affairs mit Alexander Pehlemann

„Kulturelle Randstandsblicke und Involvierungsmomente“ – mit diesem bewußt sperrigen Untertitel kommt das Zonic Magazin nun schon seit einigen Jahren daher. Randständig ist bei Zonic schon der Standort: 17489 Greifswald ist von den sogenannten Medienstandorten Hamburg, Köln und Berlin soweit entfernt wie Lee Scratch Perry von einem Starschnitt in der BRAVO. Das Loblied auf Lee Scratch Perry, Jah Shaka und andere Größen der jamaikanischen Musik ist eine der vornehmsten Aufgaben von Zonic, und ein persönliches Anliegen von Alexander Pehlemann, dem einzigen Red-Aktionär des Magazins. Zonic ist kein Reggae-Magazin, aber auch kein Zonen-Magazin, wie Name und Standort nahelegen könnten. Zwar schreiben Schlüsselfiguren des DDR-Untergrunds regelmäßig für Zonic, Ronald Galenza oder Bert Papenfuß etwa, aber Zonic bedient damit keine Ostalgiker. Das Themenspektrum reicht von Drum´n´ Bass für Titos Waisen über Aleister Crowley und Laurie Anderson bis Bobby Konders, Sybille Berg und Thomas Brasch. Open minded, sagt man da wohl. Die entsprechende Musik bringt heute Zonic-Erfinder Alexander Pehlemann mit und erzählt aus einem interessanten Leben, das 1969 begann: 20 Jahre Deutsche Demokratische Republik, 20 Jahre Bundesrepublik Deutschland.

Starring: Tarwater, Rosa Extra, Palais Schaumburg, Ornament & Verbrechen, Young Marble Giants, Scientist, The Bug, Der Demokratische Konsum, Die Rasenden Leichenbeschauer, Die Goldenen Zitronen, Armia…
Sonntag, 18.10., 20 Uhr
Wiederholung:

Dienstag, 20.10 13-16 Uhr

Mittwoch, 21.10., 8-11 Uhr

Sonntag, 18.10., 23 Uhr: Savage Music mit Jon Savage – jeden Sonntag um diese Zeit.

Jon sagt: Willkommen zur zweiten Folge von SM zum Thema 1969. Ich wurde 1969 gerade 16 Jahre alt in diesem Jahr, also ein bedeutendes Jahr für mich. Außerdem habe ich 1969 mein erstes Konzert erlebt, ich habe Spooky Tooth gesehen. Außerdem habe ich in diesem Jahr The Who gesehen, was ziemlich erschütternd war. Insgesamt ist 1969 ein sehr bedeutendes Popjahr, vor allem was den Bluesrock angeht. Und aus diesem Genre kommt auch unser erster Song für heute.

Der Abend zur Sendung, ein Tag vor der Sendung: Samstag, 17.10. Ost/West-Meeting im Rahmen von Open Books bei der Frankfurter Buchmesse.

Ab 20 Uhr: Bert Papenfuss, Schlüsselfigur des Ostberliner Punk/Literatur-Untergrunds der 80er Jahre, liest. Tarwater, hervorgegangen aus der DDR-Band-Legende Ornament & Verbrechen geben eines ihrer raren Konzerte.

Thomas Meinecke, Frank Witzel und Klaus Walter lesen aus ihrem neuen Buch:

Die Bundesrepublik Deutschland

Wann etwa sagte man überhaupt »Deutschland«, und was drückte es aus, wenn man die Abkürzung BRD verwendete? Bis wann waren Kioskbesitzer und Lehrer alte Nazis, und wann ist einem das aufgefallen? Worauf gründete sich der ideologische Konsens repressiver Toleranz, und woher rührte der Widerstand dagegen?

99. Nachricht aus Quebec

„Das Lyrikmilieu ist eines der härtesten und engstirnigsten, das ich in meinem Leben kennenlernen konnte. Hier ist man eifersüchtig, hier verunglimpft man einander auf besonders gehässige Weise. Auf jeden Fall mehr als bei Romanautoren, Dramatikern oder Essayisten. Das ist wohl umgekehrt proportional zur Zahl der verkauften Bücher und der Leser.“ / Pierre Graveline, Le soleil (Kanada)

98. Rae Armantrout bei luxbooks

Liebe Leserin, lieber Leser,

In diesem Herbst erschienen ausgewählte Gedichte aus dem Gesamtwerk der US-amerikanischen Dichterin Rae Armantrout bei luxbooks. Ihr aktueller Band „Versed“ ist Finalist des National Book Award, dem neben dem Pulitzer Prize bedeutendsten amerikanischen Literaturpreis. Zu den bisherigen Preisträgern des seit 60 Jahren verliehenen Preises gehören u. a.

in der Kategorie Prosa: William Faulkner, Saul Bellow, Philip Roth, John Updike, Joyce Carol Oates, Thomas Pynchon, John Irving, Don DeLillo, Cormac McCarthy und Jonathan Franzen

in der Kategorie Lyrik: William Carlos Williams, Wallace Stevens, Marianne Moore, Robert Lowell, Allen Ginsberg, John Ashbery, Frank O’Hara und Robert Hass

http://www.nationalbook.org/nba2009_p_armantrout.html

Rae Armantrout in Deutschland

Rae Armantrout war vom 12.-15. September in Deutschland und hat im Literaturhaus Frankfurt sowie an der Lesebühne Darmstadt mit ihrem Übersetzer Matthias Göritz aus ihrem Band „Narrativ“ (luxbooks, 2009, 978-3-939557-40-1) gelesen. Der Band bietet einen zweisprachigen Querschnitt durch das Werk der Dichterin. Ein Bericht über die Lesung von Florian Balke ist in der FAZ vom 16. September erschienen.

Wir wünschen viel Freude beim Entdecken dieser wunderbaren Dichterin!

Herzliche Grüße aus Wiesbaden
Annette Kühn & Christian Lux
luxbooks
wortfürwortfürwort
www.luxbooks.de

Zur Buchseite auf unserer Homepage:

97. Klangwelt

Hans Werner Henzes «Nachtstücke und Arien» für Sopran und grosses Orchester auf Gedichte von Ingeborg Bachmann waren am 20. Oktober 1957 bei den Donaueschinger Musiktagen eine eigentliche Sensation. Für einige ein kleiner Skandal; für manche eine strahlende Offenbarung. Die Uraufführung im begehrten Sonntagnachmittags-Konzert – mit der blendenden farbigen Sopranistin Gloria Davy und dem überlegenen Südwestfunk-Orchester unter Hans Rosbaud – zeigte, dass Musik in den fünfziger Jahren auch ausserhalb der Gebote der Darmstädter Avantgarde überzeugen konnte. Da blühte eine Klangwelt auf, die keck, nachdrücklich und unmissverständlich zu bedenken gab: zeitgenössische Musik ist heute auch anders möglich. …

Ausgangspunkt dieser offensichtlichen Neuorientierung des Komponisten waren zwei Gedichte von Ingeborg Bachmann aus dem Zyklus «Anrufung des Grossen Bären» (1956). Dass es eben zu dieser Werkverbindung kam, war das Resultat von eigentlich missliebigen Umständen. Zuerst vorgesehen gewesen war eine Opernproduktion für die Donaueschinger Musiktage: «Belinda». Doch wegen angeblich technischer Hindernisse bei den Saalverhältnissen und weil Heinrich Strobel, der Leiter der Südwestfunk-Musikabteilung, starke Bedenken gegen Bachmanns Libretto-Proben bekundete, aber bereits die Sängerin engagiert war, musste eine einfachere Lösung anvisiert werden. Sogar eine Vertonung von Jean Cocteaus Monodrama «La voix humaine» stand zur Diskussion: ein Sujet, das kurz danach Francis Poulenc erfolgreich realisieren sollte. – Henze entschloss sich rasch für die Gedichte «Aria I» und «Freies Geleit (Aria II)». Enthusiastisch schreibt er in seinem Brief vom 29. Mai 1957 an Ingeborg Bachmann zum zweiten Gedicht: «. . . denn es enthielt beherzt eines der schönsten gedichte der welt bei dem es mir fast leid tut es durch töne zu ruinieren die vielleicht gar nicht gefallen». / Rolf Urs Ringger, NZZ 17.10.

96. Stimme der Entwurzelten

Mit dieser international wichtigsten Literaturauszeichnung wird der Blick auf die Themen gelenkt, die diese Autorin bewegen – die Erfahrungen im totalitären Ceausescu-Regime, die Verfolgung von Schriftstellern und anderen Intellektuellen, die widerständig sind in Diktaturen, zensiert, eingesperrt, verfolgt und vertrieben werden. Sie schildert diese Erfahrungen ohne falsche Sentimentalität oder erhobenen Zeigefinger, übersetzt die historische Wirklichkeit mahnend kompromisslos in eine unnachahmliche, poetische Sprache.

„Aber ich ging in meinen Gedanken in ein Gedicht und wusste genau, sie wissen gar nichts über mich.“
Herta Müller, Nobelpreisträgerin, über die Verhöre in Rumänien

Der Schreckensherrschaft setzt sie eigene Wortschöpfungen entgegen wie einst Else Lasker-Schüler – „Atemschaukel“, der Titel des jüngsten Herta-Müller-Romans, ist eine davon. Die Heimatlosigkeit, von der das Nobelpreiskomitee in seiner Würdigung spricht, kommt aus ihrer Erfahrung des Totalitarismus, der Allgegenwart von Angst, Misstrauen und Gewalt. Herta Müller ist eine der wichtigsten Stimmen jener Entwurzelten, die aus ihren Heimaten fliehen mussten und noch immer vertrieben werden, solange es machtgierige Politiker gibt. Dem Ziel des Zeigens dient auch das Zentrum für verfolgte Künste im Museum Baden. / Solinger Tageblatt

95. Judendichtung aus der Bukowina

Für die editorische Bedeutung der Münchner Ausgabe spricht allein schon der Umstand, dass von den annähernd 400 erfassten Gedichten über 100, also mehr als ein Viertel, hier überhaupt zum ersten Mal im Druck erscheinen. Darüber hinaus ist der von Peter Motzan gelieferte biobibliografische Apparat eine Glanzleistung. In aufwendigen Recherchen hat der Wissenschaft­ler die Lebensläufe der teilweise wenig bekannten Beiträger soweit möglich rekonstruiert (bloß bei zwei Autoren waren die biografischen Daten nicht zu ermitteln), hat Werkverzeichnisse er­stellt, die sich in den meisten Fällen der Vollstän­digkeit rühmen dürfen, ist Gedicht für Gedicht den möglicherweise vorhandenen Druckvarian­ten samt deren Datie­rung nachgegangen und hat sie akribisch aufgeführt. Praktisch gibt es in dieser Anthologie kaum einen Text, der nicht stichhaltig mit bibliografischen Hinweisen und Ergänzungen „abgesichert“ wäre.

Für den Fachmann verleiht das dem Band außerordentlichen Wert. Daneben aber findet auch der gewöhnliche Freund guter Lyrik darin Texte von eigener Schönheit wie etwa die letzten Zeilen in Rose Ausländers bislang ungedrucktem Gedicht „Mondnacht“, wo es heißt: „Wir wachen auf vom Schlaf verschlossner Tage / und alle Dinge scheinen so verschieden. / Der Mond steigt nieder, wie in einer Sage, / und trägt die volle Last der Erdenklage / hinauf in seinen grenzenlosen Frieden.“

/ Hannes Schuster, Siebenbürgische Zeitung 17.10.

„Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina.“ Zusam­mengestellt von Alfred Margul-Sperber. Aus dem Nachlass herausgegeben von George Guţu, Peter Motzan und Stefan Sienerth. IKGS Verlag, München 2009, 470 Seiten, ISBN 978-3-9809851-4-8 und 978-89086-516-4, 28,50 €.

Mehr: Martin A. Hainz, literaturkritik.de

Vgl L&Poe 2009 Aug 073. Judendichtung aus dem Buchenland

94. 10. Internationale Autorentagung „Junge Literatur in Europa“

Greifswald Altstadt
Greifswald Altstadt

Die 10. Tagung findet vom 23. – 25. Oktober im Internationalen Begegnungszentrum der Universitäts- und Hansestadt Greifswald statt.

An halbstündige Lesungen aus Prosatexten (neueren Veröffentlichungen und unveröffentlichten Manuskripten) schließen sich Gespräche in einer Atmosphäre freundschaftlichen Gedankenaustauschs an, die von Literaturwissenschaftlern, Verlagslektoren und erfahrenen Autoren moderiert werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Begegnung und das sachliche Gespräch über literarische Qualität und Authentizität.

Freitag, 23. Oktober 2009

15:00 Uhr Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden der Hans Werner Richter – Stiftung, Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann, Berlin
15:30 Uhr Mirko Bonné, Autorenlesung und Gespräch
16:30 Uhr Marion Poschmann, Autorenlesung und Gespräch
17:30 Uhr Pause
18:00 Uhr Gernot Wolfram, Autorenlesung und Gespräch
19:00 Uhr Joonas Konstig, Autorenlesung und Gespräch
20:00 Uhr Julya Rabinowich, Autorenlesung und Gespräch

Sonnabend, 24. Oktober 2009

10:00 Uhr Ralf Bönt, Autorenlesung und Gespräch
11:00 Uhr Christoph Peters, Autorenlesung und Gespräch
15:00 Uhr Elo Viiding, Autorenlesung und Gespräch
16:00 Uhr Thomas v. Steinaecker, Autorenlesung und Gespräch
17:30 Uhr Verena Roßbacher, Autorenlesung und Gespräch

Sonntag, 25. Oktober 2009

10:00 Uhr Thomas Klupp, Autorenlesung und Gespräch
11:00 Uhr Eleonora Hummel, Autorenlesung und Gespräch
12:00 Uhr Volker H. Altwasser, Autorenlesung und Gespräch
13:00 Uhr Kaffeepause und Abschlußbesprechung

93. Das Buch der Niederlage

Rezension eines chinesischen Romans

(steht über der Rezension, obwohl es sich um einen Gedichtband handelt, seis drum):

„Bücher, die Trauer tagen, stehen stramm, auf den Wegen der Hermeneutik öffnen sich die Azaleen und ihre Schwestern, um des Todes willen“ Kann man das verstehen? Ist das ein gutes Gedicht? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

In dem eigentlichen „Buch der Niederlagen“, einer Essay-Sammlung, deren Titel für die deutsche Gedichtausgabe „entliehen“ wurde, schreibt Bei Dao, der Autor dieses Gedichts, unter anderem über einen seiner Freunde: den Amerikaner Allen Ginsberg. Dieser berühmteste Dichter der „Beat Generation“ hat ihm einmal gesagt, er könne gar kein einziges seiner Gedichte verstehen. Eine von Bei Daos Niederlagen…

Laut Wolfgang Kubin, einem Professor für Sinologie und dem Übersetzer des „Buchs der Niederlagen“, gelingt es Bei Dao wie keinem anderen chinesischen Autor, an eine frühere Periode anzuknüpfen – bevor 30 Jahre kommunistischer Herrschaft und besonders zehn Jahre Kulturrevolution die chinesische Sprache zerstört hatten. Der Sinologe und Übersetzer erkennt in Bei Daos Gedichten Parallelen zu der Dichtung der Tang-Zeit (618 – 907). Damals gelang es den chinesischen Dichtern, ihre Gefühle und Landschaftsbeschreibungen untrennbar miteinander zu verweben – und auf diese Weise Geschichte und Geschichten neu zu erschaffen.

Ist das so? Schafft Bei Dao das auch? Diese Interpretation setzt voraus, dass zumindest Wolfgang Kubin dessen Gedichte richtig versteht – besser als Allen Ginsberg zumindest. Eine gewagte Behauptung. Im Chinesischen gibt es keinen Konjunktiv, die Verben sind immer ohne Zeitangabe, Nomen haben weder Pluralsuffix noch Demonstrativpronomen, es gibt keine bestimmten oder unbestimmten Artikel… So hätten das eingangs zitierten „Bücher“ auch „das Buch“, „ein Buch“ oder „die Bücher“ heißen können. Da musste Wolfgang Kubin vieles für sich selbst entscheiden.

/ Wolf Dieter Kantelhardt, ef-magazin 17.10.

92. Die Bedeutung der Stimme in der modernen Lyrik

Der englische Literaturwissenschaftler Dr. Ian D. Cooper befasst sich mit Lyrik und ihrer Beziehung zur Philosophie. Mit einem Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung ist er nun für zwei Jahre zu Gast am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen. Anknüpfend an eine berühmte Rede des Lyrikers Paul Celan beschäftigt er sich hier mit der Bedeutung der Stimme in der modernen Lyrik. Dr. Cooper kooperiert dabei mit dem Göttinger Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Gerhard Lauer. …

Der deutschsprachige jüdische Lyriker Paul Celan (1920 bis 1970), bekannt für sein Gedicht „Todesfuge“, erhielt im Jahr 1960 den Georg-Büchner-Preis. Seine Dankesrede „Der Meridian“ ist ebenfalls in die Literaturgeschichte eingegangen. Darin bezeichnete Celan das Gedicht als eine „Atemwende“. In diesem Konzept der lyrischen Stimme, so Dr. Cooper, beschreibe Celan die Bestimmung der Sprache nicht bloß als Ein- und Ausatmen des Sprechers, sondern sie impliziere auch die Existenz Anderer, die er anspricht und mit denen er „ins Gespräch“ kommt. In seiner Forschung wird er poetische und philosophische Reflexionen hinter Celans Überlegungen mit einbeziehen, die über Heidegger bis zu Hölderlin führen. / uni-protokolle.de

91. Entscheidung fällt in der Sparte Lyrik

In der Sparte Lyrik vergibt die Märkische Kulturkonferenz (MKK) am Sonntag, 1. November, in der Stadtbücherei ihr hoch dotiertes Literatur-Stipendium. Die Entscheidung gestaltet sich spannend.

Um 11 Uhr beginnt vor Ort die öffentliche Lesung, bei der die Entscheidung für einen von drei Endrundenkandidaten fällt. Wer das mit 12 000 Euro dotierte Stipendium erhält, wird im Anschluss an die Lesung, für die kein Eintritt erhoben wird, bekanntgegeben.
Eingeladen hat die MKK Saskia Fischer, Lydia Daher und Marius Hulpe, sich mit ihren Arbeiten Jury und Publikum vorstellen. Mit einer Stimme ist das Publikum an der Kür des Stipendiaten beteiligt. / Lüdenscheid, 16.10.2009, Monika Salzmann, derwesten.de