Vor Jahren brachte der Hörverlag die „Spoken Arts Treasury“ auf den Markt. Eine Sammlung mit Originalaufnahmen englischer und amerikanischer Dichter. Jetzt wird nachgelegt: In „Lyrikstimmen“ lesen 122 deutschsprachige Poeten der vergangenen hundert Jahre 420 ihrer eigenen Gedichte.
Claudia Baumhöver, die Chefin des Hörverlags sagt, sie rechne, sie glaube, sie hoffe, 5000 Exemplare dieses Großprojektes wider die alltägliche verlegerische Vernunft an die Hörer bringen zu können. Dann stockt sie kurz, gibt sich einen Ruck und fügt hinzu, sie „würde sich die Krätze freuen“, wenn sich 10000 Käufer dafür finden ließen.
Nun, niemand wird der Verlegerin die Krätze wünschen. Wohl aber möglichst vielen Liebhabern deutscher Lyrik das Vergnügen, sich eine Gesamtlaufzeit von rund 680 Minuten lang über alle zeitlichen und räumlichen Distanzen hinweg an ihren so sensiblen Gehörsinneszellen von den Stimmen einiger der besten Lyrikern der vergangenen hundert Jahre buchstäblich berühren zu lassen. Dichter kann man Dichtern wohl nicht kommen. / Uwe Wittstock, Die Welt 4.10.
Christiane Collorio, Peter Hamm, Harald Hartung und Michael Krüger (Hg.): Lyrikstimmen. Der Hörverlag, München. 9 CDs, 49,95 €.
In 46 Kästen sind 30 000 Blatt einzusehen, davon sind etwa 15 000 Blatt Manuskripte von Gedichten, Romanen, Erzählungen, Essays. Dazu kommen die 8 500 Bände der Bibliothek, Schulzeugnisse, Ausweise, Verträge, Beurteilungen, Ablehnungsschreiben von Verlagen, Schreiben von Gerichten und Zollverwaltungen der DDR, als die Behörden gegen Hilbig vorgingen, weil er 1979 seinen ersten Gedichtband „Abwesenheit“ im Westen, bei S. Fischer, publiziert hatte.
In einer Vitrinenpräsentation gibt die Akademie in ihrem Haus am Pariser Platz bis Ende Januar 2010 Einblick in das Hilbig-Archiv, entlang der Biographie des 1941 in Meuselwitz geborenen Kriegskindes, das ohne Vater aufwuchs, den Beruf des Bohrwerkdrehers erlernte, als Heizer arbeitete, hartnäckig daran festhielt, ein Schriftsteller zu werden, ein Arbeiter und Autor, wie er im DDR-Konzept der Arbeiterliteratur nicht vorgesehen war, schließlich in den 1980er Jahren in die Bundesrepublik ging, nach dem Fall der Mauer in Berlin lebte und starb. / Süddeutsche Zeitung 26.9.
Bei jetzt.de (Süddeutsche Zeitung) lese ich: Matthias Hagedorn ist jetzt-Userin… [mit kleinem „i“]. Ich persönlich halte den Vornamen ja für männlich. Aber wie dem sei: Matthias Hagedorn schrieb eine ausführliche Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch (und in der Einleitung eine Kritik heutiger Nicht-Buchkritik):
Als Herausgeber von Lyrik-Anthologien hat Axel Kutsch einen ganz anderen Begriff davon, was diese Gattung leisten muß. Die von ihm herausgegebenen Bücher fügen sich ineinander mit eiszeitlicher, in geologischen Epochen denkender Zwangsläufigkeit, als eine fortschreitende Bewegung. Er denkt in Werkzusammenhängen, was ihn zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Zuletzt erschien »Versnetze zwei«, eine Anthologie, die nicht nach dem Alter, sondern nach der Postleitzahl sortiert ist. Zu entdecken ist eine Lyriklandschaft, die sich sowohl den Metropolen, als auch dem Hinterland widmet. Über seine Arbeit als Herausgeber von Lyrik-Anthologien sagt er ergänzend zum Projekt »Kollegengespräche«*:
„Der Verlag schreibt gezielt Autorinnen und Autoren an. Von den Einsendungen ist zwar nicht alles zu verwenden, aber es bleiben immer genug annehmbare bis hervorragende neue Gedichte auch weniger bekannter Verfasser übrig, mit denen man niveauvolle Anthologien füllen kann. Ich lege Wert darauf, nicht nur etablierten Lyrikern ein Forum für Veröffentlichungen zu bieten, sondern auch solchen, die sich bisher erst in ihren regionalen Szenen einen Namen gemacht haben.“ …
Axel Kutschs eigene Gedichte, die in Büchern wie in »Einsturzgefahr« oder »Ikarus fährt Omnibus« nachzulesen sind, verknüpfen Assoziationen zu einem Bewusstseinsvorgang, der zwischen den Zeiten vermittelt, das Vergangene hervorholt, Träume realisiert und so Gedanken ins Sprachbild bringt. Es ist diese offene Form des Schreibens, die ihn immer am meisten interessiert hat. Eine offene Form, die sich selbst bildet. Axel Kutsch entwirft das Bild einer chaotischen Welt, aus der einen keine Geschichtsphilosophie, Meta-Erzählung oder Religion retten kann und feiert in seinen Gedichten gerade deshalb die Freiheit des einzelnen.
Axel Kutsch (Hrg.): Versnetze_zwei. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2009.
Die romantische Poesie, schrieb Friedrich Schlegel im berühmten 116. «Athenäums»-Fragment, sei «eine progressive Universalpoesie». Was genau man sich darunter vorstellen sollte, damit hielt sich der sprühendste Geist der frühromantischen Kunstrevolution nicht lange auf, denn sein Geschäft war es, immer neue schillernde Definitionen in die Welt zu setzen; und wenn die einander überkreuzten, war es ihm recht. Die Unverständlichkeit war ein Faktor in seinem blitzartigen Denken: «Wenn Verstand und Unverstand sich berühren, dann gibt es einen elektrischen Schlag. Das nennt man Polemik.» / Norbert Hummelt, NZZ 30.9.
findet czz in der NZZ vom 2.10.:
Dietmar Dath, der Daniel Düsentrieb deutscher Diskursliteratur
Dietmar Dath: Kammerflimmer-Kollektief: Im erwachten Garten, 1 CD (etwa 60 Min.), Verbrecher-Verlag, 2009.
Der 1953 geborene Schriftsteller Reinhard Jirgl ist am Mittwoch mit dem Lion-Feuchtwanger-Preis der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet worden. Zitat aus der Laudatio von Roman Bucheli, NZZ 3.10.:
Jirgls Figuren blicken denn fassungslos in eine Vergangenheit, die sich immer unübersichtlicher vor ihnen ausdehnt. Zugleich aber sind Reinhard Jirgls Bücher ein wenig wie das Bild von Paul Klee. Indem es den Sturmwind zeigt und den Engel, den dieser vor sich hertreibt, vollzieht sich im Bild, was dem Engel nicht gelingt: im Sturm innezuhalten. In Reinhard Jirgls Büchern stehen für diese Form des Eingedenkens die vielen Schriftsteller und Künstler sowie alle, die auch und gerade in extremsten Situationen ihre Gegenwart Schrift werden lassen. Das geschieht bei Jirgl nicht wie bei Claude Simon als Apotheose einer Selbstfindung in Gelassenheit, sondern in Konvulsionen (in «Abschied von den Feinden» schreibt einer vor seiner Ausreise in den Westen wie besessen sein Tagebuch voll), es geschieht in Krämpfen, bis zur Selbstaufgabe und nicht selten auch durchaus vergeblich.
Friedrich Schillers Sarg in Weimar ist heute leer, denn die Gebeine darin haben sich als unecht erwiesen. Zwei Jahrhunderte lang trieben Wissenschaft und Kunstgewerbe Kult mit Schädel und Totenmaske des Dichters.
Joachim Güntner, NZZ 2.10.
Lieber „HerrH“: Sie wollen mich in einem Kommentar zur Meldung
„doch auf die beste literarische Seite im Netz hinweisen“. Nur sehe ich nicht ein, warum ein seriöser Hinweis Anonymität braucht. Ungeprüft verworfen. Njet, non, no, nein. Wenn Sie’s ernst meinen, kommen Sie mit einem Namen und wenigstens einem Argument oder einer Information wieder.
In China ist er längst ein Klassiker: Sein spontaner Individualismus, seine Gefühlsbetontheit, seine Begeisterung für Frauen und Wein werden ebenso gerühmt wie getadelt, sein Genie, das sich vor allem in Vierzeilern mit wenigen Zeichen äußerte, ist aber unbestritten. Und da erwartet man doch, dass es mehrere Ausgaben auch auf Deutsch gibt. Weit gefehlt: Eine einzige über 300 Euro teure uralte Übertragung ist lieferbar – und jetzt eine neue. Schön wäre es aber gewesen, man hätte Li Tai-bos Gedichte auch gleich neu übersetzt, denn die vorliegende, ausführlich kommentierte Ausgabe ist von 1962, und in diesen 47 Jahren hat sich die Sprache erheblich geändert. Auch der Reim, den der Übersetzer in Anlehnung an das Original beibehält, hat heute einen anderen Stellenwert als damals und klingt veraltet.
Aber nicht nur daran merkt man das Alter der Übertragung. Worte wie „selbander“, Formulierungen wie „Wem des Hofes Eunuchen gewogen, hat Goldes die Fülle“ oder „des Ruhm die Welt wie Windeswehn durchhallt“ sind nun wirklich hoffnungslos verstaubt. Die „holden Mädchen“ wurden seit Hermann Hesse glücklicherweise nicht mehr gesehen, einen „Zelter“ kennt der ältere Leser vielleicht noch, aber bei „tausend Ewen alt“ und „in grüner Schratte“ muss man dann schon im Lexikon nachsehen. Schade über die vertane Chance. / Georg Patzer, literaturkritik.de
Li Tai-bo: Gedichte. Herausgegeben von Günther Debon. Übersetzt aus dem Chinesischen von Günther Debon. Reclam Verlag, Stuttgart 2009. 144 Seiten, 4,40 EUR. ISBN-13: 9783150186756
Übrigens ist sein richtiger Name Li Bai (oder wie Arthur Waley schrieb, Li Po). Chinesen wundern sich über die westliche Namensgebung oder verstehen manchmal gar nicht, wer gemeint ist, wie es mir neulich wieder mit zwei chinesischen Studentinnen passierte, die erst auf meine Erklärung „Li Bai“ nickten. Tai-Bai oder Tai-bo war sein Beiname und bedeutet Morgen- oder Abendstern.
Die Übersetzung chinesischer Gedichte, namentlich auch der Klassiker, brauchte wohl in der Tat mehr Wagemut und Neugier, als unser Literaturbetrieb (Institutionen plus Leser) aufbringt. Rainer Kirsch hat vor Jahrzehnten ein radikales Experiment vorgeschlagen – meines Wissens wurde es nicht aufgegriffen.
Hier einige deutsche und englische Übersetzungen eines der berühmtesten Gedichte Li Bais, „Nachtgedanken“. (Als Namen verwende ich jeweils die Schreibweise der Quelle):
Li-Tai-Po
In stiller Nacht
Vor meinem Bette heller Mondenglanz,
Als überdeckte Reif den Boden ganz.
Das Haupt erheb‘ ich, seh‘ zum hellen Mond,
Senk‘ es und denke meines Heimatlands.
(Otto Hauser, 1911)
Li-tai-pe
Wanderer erwacht in der Herberge
Ich erwache leicht geblendet, ungewohnt
Eines fremden Lagers. Ist es Reif, der über Nacht den Boden weiß befiel?
Hebe das Haupt – blick in den strahlenden Mond,
Neige das Haupt – denk an mein Wanderziel…
(Klabund, 1915)
Li-Tai-Po
In der Fremde
In fremdem Lande lag ich. Weissen Glanz
Malte der Mond vor meine Lagerstätte.
Ich hob das Haupt – ich meinte erst, es sei
Der Reif der Frühe, was ich schimmern sah,
Dann aber wusste ich: der Mond, der Mond…
Und neigte das Gesicht zur Erde hin,
Und meine Heimat winkte mir von fern.
(Hans Bethge, 1920)
Li Tai Po
In der Herberge
Vor meinem Lager weißer Schein–
Deckt Frühreif so den Boden zu?
Auf seh ich, seh in Mond hinein,
Seh niederwärts––o Heimat du!
(Hans Böhm, 1929)
Li-Tai-Po
Nachtstille
Mondlicht sah ich vor meinem Lager,
Mich wundernd, obs nicht reif am Boden sei.
Ich hob mein Haupt, sah draußen den Bergmond;
Ich senkt mein Haupt, gedenk meiner fernen Heimat.
(Hans Schiebelhuth, 1948)
Li Bo (Li Tai-pe)
Nachtgedanken
Vor meinem Bett das Mondlicht ist so weiß,
Daß ich vermeinte, es sei Reif gefallen.
Das Haupt erhoben schau ich auf zum Monde,
Das Haupt geneigt denk ich des Heimatdorfs.
(Günter Eich, 1952)
Li Bai
Nachsinnen in der stillen Nacht
Vor der Schlafstatt leuchtet hell der Mond.
Ich frage mich, ob Reif den Boden bedeckt.
Das Haupt hebend – blicke ich in den strahlenden Mond.
Das Haupt neigend – denke ich an meine Heimat.
(Li Show Lai, „Taiwan im Dezember“ [Jahreszahl fehlt leider in dieser Ausgabe])
Li Bai
Night Thoughts
I wake and moonbeams play around my bed
Glittering like hoarfroast to my wondering eyes
Upwards the glorious moon I raise my head
Then lay me down and thoughts of home arise
(Herbert A. Giles, 1898)
Thoughts in a Tranquil Night
Athwart the bed
I watch the moonbeams cast a trail
So Bright, so cold, so frail,
That for a space it gleams
Like hoar-frost on the margin of my dreams.
I raise my head, —
The splendid moon I see:
The droop my head,
And to dreams of thee —
My Fatherland, of thee!
(L. Cranmer-Byng)
A Tranquil Night
Before my bed a frost of light
Is it hoarfrost upon the ground Eyes raised,
I see the moon so bright
Head bent, in homesickness I’m drowned
(Xu Yuanzhang)
Die 3 englischen Versionen von China, the beautiful (dort kann man es auch im Original anhören).
Das Original kommt mit 4×5 Silben = Wörtern aus. In Wort-für-Wort-Übersetzung:
Bett vor hell Mond Glanz
gleichwie sein Erde auf Reif
heben Haupt aufblicken hell Mond
senken Haupt denken alt Glanz
weitere Nachdichtungen der „Nachtgedanken“
Klabunds Nachdichtungen bei gutenberg.de
Die moderne chinesische Literatur begann 1918 mit einer grausigen Metapher: Menschen fressen. Die beiden Zeichen lugten in Lu Xuns „Tagebuch eines Verrückten“ hinter all den Büchern der konfuzianischen Tradition hervor, in deren Namen das Volk jahrhundertelang malträtiert, abgestumpft und ohnmächtig gemacht worden war. Die Neuerer kämpften für Demokratie, Wissenschaft und eine volksnahe Sprache, um, wie sie damals sagten, „China zu retten“. Die Reformbewegung mündete in politische Gruppierungen: die nationale Kuomintang und die Kommunistische Partei, die am Ende bekanntlich die Macht errang. Heute, sechzig Jahre, eine Kulturrevolution und eine kapitalistische Revolution später – inzwischen ist das Land so mächtig und für den Westen wichtig geworden, dass die Frankfurter Buchmesse es als Ehrengast einlädt -, findet die chinesische Literatur abermals eine Metapher, um ihr Land zu bezeichnen, nicht weniger archaisch und unheimlich als die für das alte Reich: Blut verkaufen. …
Die Ersten, die nach der Kulturrevolution aus den kollektivistischen Mustern radikal ausbrachen, waren eine Reihe von Lyrikern, die von regierungsamtlichen Kritikern prompt das Etikett „obskure Lyrik“ angehängt bekamen, das sie sich später selbst als Ehrentitel anrechneten. Vor den Hintergrund der gemeinsamen Generationsgeschichte stellten Autoren wie Bei Dao, Meng Ke, Gu Cheng und Yang Lian in ihrer Zeitschrift „Heute“ das einzelne Ich, dessen fragile Erfahrungen sich nicht länger in der Eindeutigkeit des Realismus oder sonst einer Propagandasprache ausdrücken lassen. Die darauf folgende Generation der „postobskuren“ Lyriker wie Ouyang Jianghe, Xi Chuan und Zhai Yongming baut auf dieser Unabhängigkeit auf und treibt die Sprachkritik, bisweilen auch die absurden Elemente noch weiter. Diese jüngeren Dichter sind im Herbst 2009 sowohl in dem Hörbuch „Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe“ wie in der Anthologie „Alles versteht sich auf Verrat“ vertreten. / Mark Siemons, FAZ
Mit einem Festgottesdienst, einer Ehrung am Denkmal und einem Jubiläumsprogramm in der Paul-Fleming-Mittelschule wird am Sonntag in Hartenstein einem [sic] großen, aber oft vergessenen Sohn der Stadt gedacht: Am 5. Oktober wäre der hier im Westerzgebirge geborene Barocklyriker Paul Fleming 400 Jahre alt geworden. Unter Leitung von Erhard Franke, dem Vorsitzenden des Paul-Fleming-Vereins, haben ein Chor und Posaunisten aus Hartenstein zusammen mit Gastmusikern eine CD aufgenommen, auf der 31 Lieder und Gedichte Flemings zu Gehör kommen.
„Wir bemühen uns, noch weitere Dinge aus Flemings Schaffen ans Licht zu bringen, die bisher brach lagen“, erklärt der Vereinschef. So sucht der Ruheständler in Bibliotheken und Musikarchiven nach Vertonungen Flemingscher Gedichte, war auch schon im estnischen Tallinn (früher Reval), wo Fleming auf einer Reise Station machte und von der Liebe enttäuscht wurde. Während dessen Texte vermutlich alle publiziert sind, seien längst nicht alle Kompositionen bekannt. Allein von dem im evangelischen Kirchengesangbuch unter Nummer 368 vertretenen „In allen meinen Taten“ gebe es 15 Vertonungen meist unbekannter Komponisten.
Gleich neben der Hartensteiner Kirche steht das Geburtshaus des Barockdichters, in dem man sich mittels Schautafeln, Dokumenten und Bildern mit Leben und Werk des Mannes vertraut machen kann, der als einer der ersten die deutsche Sprache für seine Verse benutzte[sic]. „Fleming hat für seine Zeit ein sehr modernes Deutsch geschrieben“, schwärmt Peter Gosse. Er ist Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste, die ebenfalls mit einer Reihe von Veranstaltungen an den Dichter erinnert. / Freie Presse 2.10.
Richard Pietraß (Herausgeber): Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen. Die Lebensreise des Paul Fleming in seinen schönsten Gedichten. Mit Grafiken und Lesarten sächsischer Bildkünstler und Dichter. Edition Cornelius 2009. 164 Seiten. ISBN 978-3-86634-828-8. 25 Euro.
In L&Poe:
2001 Aug #19. Der Deutschen liebste Gedichte
2002 Apr # Nationalphilologien
2006 Dez #46. Brief des Barockdichters Fleming entdeckt
2007 Dez #6. Eichendorff-Nachtrag
2008 Dez #68. Probe
2009 Jun #66. In Bienen
Im Alter von 88 Jahren starb in Havanna Cintio Vitier, einer der bedeutendsten kubanischen Intellektuellen. Er war Lyriker, Romanautor, Kritiker Literaturwissenschaftler und Universitätsprofessor und gehörte zu den Gründern der Zeitschrift Origenes, einer der wichtigsten Publikationen ihrer Art (sie wurde von José Lezama Lima herausgegeben). Vitier wurde 1921 in Key West, Florida geboren, war aber kubanischer Nationalität. Sein erster Gedichtband erschien 1938 – da war er 17 – mit einer Einleitung von Juan Ramón Jiménez, der die Gedichte ausgewählt hatte. / Latin American Herald Tribune
Am 18. August 1893 erwähnte Reichskanzler Otto von Bismarck Nikolaus Beckers «Rheinlied»: «Aber dankbar bin ich der Musik, daß sie mich in meinen politischen Bestrebungen wirkungsvoll unterstützt hat(…).
In diesem Stadium war das Beckersche Rheinlied mächtig und bei der Schnelligkeit, mit der es von der Bevölkerung aufgegriffen wurde, die damals meist noch partikularistisch war, hatte es die Wirkung, als ob wir ein paar Armeecorps mehr am Rhein stehen hätten, als wir hatten.» Diese Worte von Otto von Bismarck zeigen, dass dieses Gedicht von Nikolaus Becker eine starke psychologische Wirkung auf die Kampfkraft der Soldaten hatte. / Aachener Zeitung 2.10.
Aus Beckers Rheinlied:
Sie sollen ihn nicht haben
den freien deutschen Rhein,
ob sie wie gierige Raben
sich heiser danach schrein
So lang er ruhig wallend
sein grünes Kleid noch trägt
so lang ein Ruder schallend
In seine Woge schlägt
Heinrich Heine, aus: Deutschland. Ein Wintermärchen:
Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
doch schwerer liegen im Magen mir
die Verse von Niklas Becker.
Hier ein französisches Gegenlied: Alfred de Musset : Le Rhin allemand (nebst weiteren französischen und deutschen Rheinlichkeiten)
1841 erschien eine Anthologie „Klänge aus der Zeit: hervorgerufen durch die neuesten politischen Ereignisse und zunächst durch das Becker’sche Rheinlied“, darin das Rheinlied auf Deutsch, Lateinisch (richtig in Distichen), Französisch, Englisch und Holländisch sowie zahlreiche patriotische Gesänge. (Kann bei Google gelesen oder heruntergeladen werden)
Und was ist politische Lyrik? Das ist Lyrik, wird ein literarisch gebildeter Mensch sagen, die einen Missstand benennt und dabei Position bezieht. Also Lyrik im Dienste der Aufklärung, Bertolt Brecht und seine Nachfolger wie etwa Günter Grass’ Anti-Vietnamkrieg-Gedicht „In Ohnmacht gefallen“, Hans Magnus Enzensbergers „Ins Lesebuch für die Oberstufe“ und Alfred Andersch mit seinem „Paragraph 3(3)“.
Bei einem derart vorgeprägten Begriff wie dem der politischen Lyrik kann und muss ein Band wie „Alles außer Tiernahrung“ irritieren, der dem Leser „Neue politische Gedichte“ vorstellen will, denn die in dieser Anthologie veröffentlichten Autoren – größtenteils Lyriker, die zwischen 25 und 40 Jahre alt sind – spielen den Ball an, ohne ihn ins Tor zu schießen, wenn ihr Sujet überhaupt erkennbar ist. Politische Sachverhalte wie die Migration in die ‚Festung Europa‘ in Björn Kuhligks Gedicht „Die Liebe in den Zeiten der EU“ oder Arbeitslosigkeit und Entfremdung in der Großstadt in Stan Lafleurs Text „tauben“ werden durch einige gezielt geäußerte Begriffe assoziativ im Leser angesprochen – ungefähr so, als ob ein Musiker wenige Töne einer Melodie erklingen lässt und sich darauf verlässt, dass der Zuhörer dann das gesamte Lied im Ohr hat. Einige wenige Autoren, wie Adrian Kasnitz, der in „am bankomat“ die Auswirkungen der Konsumgesellschaft thematisiert, oder Gerald Fiebig, der sich in „nach der industrie“ mit dem Niedergang Detroits befasst, werden deutlicher in ihrer Darstellung, ohne dass sie dem Leser die Utopie einer besseren Gesellschaft aufzeigen oder ihn konkret zum Handeln auffordern. Dadurch wird diese Anthologie zu einem Dokument der Postmoderne und zu einer Standortbestimmung, was Lyrik heute im politischen Sinne zu leisten vermag. …
Gut gefällt, dass es dem Herausgeber Tom Schulz geglückt ist, neben etablierten Stimmen, wie Monika Rinck, Adrian Kasnitz oder Ron Winkler, das Potential von Dichtern, die bisher weniger in Erscheinung getreten sind, wie Markus Roloff, Florian Voß oder Simone Hirth, zu verdeutlichen. Wer „Lyrik von Jetzt“ oder ähnliche Anthologien mag, wird auch diesen Band zu schätzen wissen, auch wenn die Gedichte von Autoren wie Marcel Beyer oder Thomas Kunst stilistisch von denen der „LvJ“-Generation abweichen und obwohl die Gedichte des Herausgebers wegen ihres überzogenen Hanges zur Originalität von allen Texten am wenigsten überzeugen. / Andreas Hutt, literaturkritik.de
Tom Schulz (Hg.): Alles außer Tiernahrung. Neue politische Gedichte.
Rotbuch Verlag, Berlin 2009.
144 S., 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783867890793
Vgl. L&Poe 2011 Sep #118. Das Minenfeld des politischen Gedichts
Liane von Billerbeck: Es gibt den Roman, das Gedicht, das Drama – allesamt literarische Genres. Stefan Weidner fügt ein weiteres hinzu: die Übersetzung. Der Kölner Nachdichter und Übersetzer aus dem Arabischen hat als nunmehr Dritter die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der FU Berlin inne. Sinn der Professur ist es, ja klar, das Genre der Übersetzung zu erforschen. Stefan Weidner sitzt auch an einer neuen Übertragung des Koran ins Deutsche, und wie schwierig das ist, auch das wollen wir jetzt von ihm erfahren. … Sie sind nun Übersetzer aus dem Arabischen, was ist daran die besondere Schwierigkeit?
Weidner: Ja, Sie haben einmal die kulturelle Differenz natürlich, also die ganzen Kontexte sind uns oder sind denjenigen, die mit der arabischen Welt nicht vertraut sind, erst mal fremd. Und das Ganze wird umso fremder, je weiter sie zurückgehen in die Geschichte. Die moderne arabische Literatur können Sie fast so übersetzen heutzutage wie englische oder lateinamerikanische Literatur, zumal die Prosa. Wie gesagt, mich interessieren eher die schwierigen Fälle, also sagen wir die Lyrik. Auch die moderne Lyrik hat einen so großen Vorlauf, hat eine so große Tradition, die sie mitschleppt. Und selbst wenn sie sich von dieser Tradition abgrenzt, ist zum Beispiel die Frage – sagen wir, ein moderner arabischer Dichter benutzt einen Reim, diesen Reim benutzt er aber so frei, dass es im Vergleich zur Tradition fast schon ein Tabubruch ist. Wenn ich den ins Deutsche mit Reimen übersetze, klingt das für uns schon wieder klassisch. Das heißt, was mache ich mit so einem Fall, wie übertrage ich diesen Kontext?
von Billerbeck: Sie lassen den Reim weg.
Weidner: Ich benutze freie Rhythmen oder benutze etwas wildere Reime oder Binnenreime oder ich muss mir etwas anderes ausdenken. Und das sind die spannenden Fragen. …
Der Übersetzer ist ja immer auch Literaturvermittler. Und ich habe sozusagen die arabische Welt kennengelernt, indem ich arabische Lyrik gesammelt habe, arabische Lyriker getroffen habe, und das war sozusagen für mich ich würde sagen ein Großteil dieser Arbeit, das Auswählen, das Treffen dieser Menschen, das Sichschenken-Lassen oder -geben-Lassen der Bücher, denn vieles kann man gar nicht kaufen. Das ist eine Tätigkeit mit intensivem menschlichem Austausch.
von Billerbeck: Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die finanziert derzeit ein Langzeitprojekt, und zwar über die Entstehungsgeschichte des Koran. Und man hörte, dass dieses Projekt etwas so Revolutionäres sei, dass es, Zitat „FAZ“, „Herrscher stürzen und Reiche wenden könne“. Sie sind nun dabei, den Koran neu zu übersetzen. Haben wir da ein ähnlich revolutionäres Werk zu erwarten?
Weidner: Na ja, das ist, glaube ich, ein Satz von Frank Schirrmacher, der das Ganze etwas überinterpretiert, weil es sich gut anhört.
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