156. Es lebt!

Fünfzig Ausgaben EDIT
Donnerstag, 8. /9. Oktober 2009
Café Cantona / UT Connewitz
Leipzig, Germany
In diesem Herbst erscheint die fünfzigste Ausgabe der Leipziger Literaturzeitschrift Edit. Wir feiern dies mit einem großen Lesespektakel, das ein breites, schillerndes Spektrum zeitgenössischer Literatur zelebriert. Der Literaturverein Edit hat elf hochverehrte, schon allseits gerühmte oder noch zu entdeckende Autorinnen und Autoren eingeladen, an zwei Abenden Texte zu lesen und zu performen. Zum Abschluss des zweitägigen Lesefests erwartet uns ein Auftritt des stets umjubelten Jens Friebe, der uns in Begleitung seiner Band zeigen wird, wie toll deutschsprachige Popmusik sein kann.

TERMINE
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DONNERSTAG, 8. OKTOBER, 20 UHR
CAFÉ CANTONA, LEIPZIG
Lesungen: Mara Genschel, Martin Lechner,
Juliane Liebert, Els Moors
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FREITAG, 9. OKTOBER, 20 UHR
UT CONNEWITZ, LEIPZIG
Lesungen: Marcel Beyer, Martina Hefter,
Mathias Traxler, Ann Cotten, Norbert Lange,
Tim Turnbull, Thomas Kapielski
Konzert: Jens Friebe & Band

155. Gedichte aus dem Fenster

Unter dem Titel „Fenster-Stimmen und AbendLichter“ lädt der Verkehrsverein Rheine am 2. Oktober alle Bürger und Gäste der Stadt ein, auf dem historischen Marktplatz mit dabei zu sein. …
Lyrik und klassische Melodien werden ab 20.30 Uhr aus den Fenstern der am Marktplatz gelegenen Häuser präsentiert. / Münsterländiosche Volkszeitung

154. Poetisches Podium

Am 30. September findet zum dritten Mal in diesem Jahr das “Poetische Podium“ der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik statt. …

Am Mittwoch lesen nun Kerstin Hensel und Angela Krauß, zwei der renommiertesten Autorinnen Deutschlands. Anschließend stellen die Autoren Simone Voß und Ekkehard Schulreich ihre Texte vor. Es moderiert Ralph Grüneberger.

Mittwoch, 30. September, 17 Uhr im Haus des Buches, Saal 1 (Gerichtsweg 28). Das “Poetische Podium“ wird vom Kulturamt der Stadt Leipzig sowie der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. [sic]

Der Eintritt für die Veranstaltung ist frei. [Und für die Zuhörer?]

/ Leipziger Internet-Zeitung

153. Kirstens Misthaufen

Zufällig las ich gestern abend, bevor ich von Stössels Beitrag wußte, einen älteren Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung über ein neues Buch von Wulf Kirsten. Paßt „wie Faust auf Gretchen“ (hörte ich gestern nacht im Fernsehen), voilà (im übrigen mag jeder selber denken und hoffentlich auch lesen):

Wulf Kirsten hat für sein sperriges, präzise beschreibendes lyrisches Werk, das sein Zentrum in seiner dörflich-agrarischen Ursprungsgegend nahe Meißen hat, in den letzten Jahren wachsende Anerkennung gefunden; im Jahr 2006 erhielt der heute 75-Jährige den hochdotierten Josef-Breitbach-Preis. Sein Verlag, Ammann, legt nun eine Sammlung von Essays und Reden der letzten rund fünfzehn Jahre vor, die zusammengenommen die eindrückliche Physiognomie eines so geselligen wie eigenwilligen Menschen ergeben, der sein Leben zwei Dingen widmete, der Landschaft und der Literatur. …

Als erschreckend leichtsinnig erscheint es ihm, wenn Heiner Geißler erklärt, das Nationale zähle nicht in gleicher Weise wie etwa die Rechtsstaatlichkeit zu den Grundwerten der Republik. Das, meint Kirsten, sei vielleicht in Ordnung für den jetsettenden Kosmopoliten, aber die weitaus meisten Leute bräuchten nun einmal den räumlich und einzelsprachlich begrenzten Rückhalt dessen, was sie kennen, als Bezugsrahmen ihres Lebens, als ihre erweiterte, schützende Haut. „Gut zu wissen, woher man kommt und auf welchen Misthaufen man gabelschwingend getreten ist.“

In diesem Sinn, und nur in diesem, darf man Wulf Kirsten einen Konservativen nennen. / BURKHARD MÜLLER, SZ 21.9.

WULF KIRSTEN: Brückengang. Essays und Reden. Ammann Verlag, Zürich 2009. 283 Seiten, 21,95 Euro.

152. Gedichtdiskussion

In Matthias Kehles Blog liefert Jürgen Peter Stössel einen Beitrag zur Lyrikdiskussion, der nach vier einleitenden Sätzen sehr konkret wird und je ein Gedicht von Kerstin Preiwuß („stillleben“, FAZ 6.8.) und Wulf Kirsten („lebensspuren“ von 1981) mit vielen Zitaten kritisch analysiert. Hier der Anfang – der Rest bei Kehle am 29.9.:

Was gut oder schlecht ist in der Lyrik, liefert natürlich Stoff für endlose Debatten. Die werden aber immer nur in Zirkeln geführt von Leuten, die dazu gehören (wollen), um andere draußen zu lassen. Ich stehe so weit abseits, dass ich die Spielregeln, selbst wenn ich sie kennen würde, nicht beachten muss. Darum wundere ich mich meistens nur, wer gerade wieder hoch gelobt und was für preiswürdig oder wenigstens druckenswert gehalten wird.

151. Pappkamerad Trakl

Der 1984 verstorbene Schriftsteller Franz Fühmann, dessen Engagement für das Werk Georg Trakls in der DDR noch mutige Pionierarbeit war, hat in seinem Essay „Vor Feuerschlünden“ bekannt: „In dem Augenblick, da ich für Trakl mich einsetzte, tat ich es in jenem Sinn, der den Betroffenen aufstöhnen läßt: Herr, schütze mich vor meinen Freunden! Ich suchte überall Entschuldigungen, war aufs Glätten aus, auf Verharmlosen, auf Richtigstellen im Sinne eines eindeutig Richtigen; es war arg. Im Wesentlichen lief es auf den Nachweis hinaus, dass die Dekadenz ja gar keine sei.“

Dem Frankfurter Romandebütanten und Trakl-Enthusiasten Martin Beyer, Jahrgang 1976, liegen solche Absichten naturgemäß fern. Ihm geht es vielmehr gerade um „Sehnsucht, Besessenheit, Dekadenz“ bei dem Salzburger Expressionisten, dessen Lebensdrama – Depressionen, Drogenexzesse, mutmaßlicher Inzest, früher Tod durch eine Überdosis Kokain – dem Schicksal manch heutiger Rock- oder Pop-Ikone nicht nachsteht. Und doch hört man auch diesmal den Geist des Dichters ächzen: Herr, rette mich vor meinen Verehrern!

Denn der Roman „Alle Wasser laufen ins Meer“ betreibt im Versuch, jene Biographie „zwischen Verzweiflung und Lust“ literarisch zu vergegenwärtigen, eine Verharmlosung schlimmerer Art: Dokumentarisch gewissenhaft unterfüttert, doch im Spekulativen so blauäugig wie klischeebeladen, lässt er Georg Trakl, den Schöpfer visionärer lyrischer Bild-welten, als Pappkameraden wieder auferstehen. / KRISTINA MAIDT-ZINKE, SZ 21.9.

MARTIN BEYER: Alle Wasser laufen ins Meer. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stutt-gart 2009. 240 Seiten, 18,90 Euro.


150. American Life in Poetry: Column 236

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Cecilia Woloch teaches in California, and when she’s not with her students she’s off to the Carpathian Mountains of Poland, to help with the farm work.  But somehow she resisted her wanderlust just long enough to make this telling snapshot of her father at work.

The Pick

I watched him swinging the pick in the sun,
breaking the concrete steps into chunks of rock,
and the rocks into dust,
and the dust into earth again.
I must have sat for a very long time on the split rail fence,
just watching him.
My father’s body glistened with sweat,
his arms flew like dark wings over his head.
He was turning the backyard into terraces,
breaking the hill into two flat plains.
I took for granted the power of him,
though it frightened me, too.
I watched as he swung the pick into the air
and brought it down hard
and changed the shape of the world,
and changed the shape of the world again.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Reprinted from “When She Named Fire,” ed., Andrea Hollander Budy, Autumn House Press, 2009, by permission of Cecilia Woloch and the publisher. The poem first appeared in “Sacrifice” by Cecilia Woloch, Tebot Bach, 1997. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

149. Wendelin Schmidt-Dengler Vorlesung in Berlin

Donnerstag, 01. Oktober 2009 | 19 Uhr | Friedrich Hoess Saal, Österreichische Botschaft Berlin

Zur Sprache gebracht –  Erste Wendelin Schmidt-Dengler Herbst-Vorlesung

Wendelin Schmidt-Dengler war ein Vermittler zwischen Literatur, Wissenschaft und Öffentlichkeit. Niemand konnte die Vielfalt des heimischen und internationalen Literaturschaffens  mit soviel Lebendigkeit und Schlagfertigkeit nicht nur einem Fachpublikum, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln. 
Das Österreichische Kulturforum veranstaltet zum Gedenken an sein Ableben im vergangenen Herbst von nun an jährlich eine Vorlesung, in der Autoren, Wissenschaftler und Journalisten aktuelle Positionen zu Literatur und Kultur der Gegenwart im gegenseitigen Austausch vorstellen.

Diesjähriger Hauptreferent: Ferdinand Schmatz

Thema: „Dichtung und/als Wirklichkeit“

Gesprächspartner: Prof. Juliane Vogel (Germanistik Institut Universität Konstanz), Paul Jandl (Literaturjournalist) und Prof. Thomas Macho (HU Berlin)

Ferdinand Schmatz studierte Germanistik und Philosophie in Wien. 1983-1985 Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Nihon Universität Tokyo, Japan. Seit 1988 diverse Lehraufträge für Kunst und Poetik im 20. Jahrhundert an der Universität für angewandte Kunst, Wien. Juror beim Ingeborg-Bachmann-Preis 1995 und 1996. 2007 führte sein im Haymon-Verlag erschienener Künstlerroman „Durchleuchtung“ zeitweise die Bücherbestenlisten an. Schmatz  erhielt in den vergangenen Jahren zahlreiche Preise, darunter den Georg-Trakl-Preis für Lyrik (2004), den H.C.-Artmann-Preis (2006), sowie erst kürzlich den Ernst-Jandl-Preis 2009.


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Einlass ab 18.30 Uhr

Wir ersuchen um Verständnis, dass nach Beginn der Veranstaltung kein Einlass mehr möglich ist. Die für den Einlass erforderliche Anmeldung bitten wir Sie unter +49- (0)30-202 87 – 114 oder über die Webseite www.kulturforumberlin.at/anmeldung.htm vorzunehmen.

148. Sämmtliche Gedichte

Was zum Teufel will der eigentlich?, fragt der Dichter Adam Sladek in Dietmar Daths neuem Buch, nachdem er in verschiedenen Werken seines Autors herumgelesen hat. „Sämmtliche Gedichte“, der mittlerweile elfte Roman des 1970 geborenen Schriftstellers, war naturgemäß nicht dabei, sonst wäre die Antwort ziemlich klar gewesen. Dath will nämlich nun alle getrennten Gattungen der Poesie wieder vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung setzen. Er will Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegenem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Dafür wird es auch Zeit, denn die Tage dieser kläglichen Welt der Verwaltung des Elends dauern schon viel zu lange, und für die kommende bedarf es der Vorbereitung. / Friedmar Apel, FAZ 26.9.

Dietmar Dath: „Sämmtliche Gedichte“. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 284 S., geb., 22,80 €.

147. Versnetze zwei

Die Anthologien von Axel Kutsch sind seit je Entdeckungsreisen. Sie zieren sich nicht. Da sind keine ausgesuchten Szenerien auf Stellwänden, keine Kulissen, auf denen lyrische Bodybuilder mit einem Zahnpastalächeln vorbeigezogen werden, mit dem Anspruch hier wäre man im richtigen, im garantiert neuen, im sensationell aktuellen Film. Bei Kutsch ist die Lyrik kein Kulissenschieber sondern Landschaft pur. Das ist nicht sortiert nach Alter oder Metropole, nach provozierter Verheißung — und überrascht trotzdem.

Kutsch lädt ein sich umzuschauen und hier wie dort zu genießen. Es ist ja noch nicht verboten Lyrik lesend zu genießen und Gedichte zu mögen, deren Eigenleben Kontakt mit dem Leben anderer hält. Wie belanglos da Begleitattribute wie bspw. das Geburtsdatum werden! Die poetische Spritzigkeit, die man bspw. in den Sprachphiolen des über 80-jährigen Maximilian Zander findet, perlt anhaltender als sie es in manchen gepriesenen post-post-post-modernen Porridges je können wird. Und Kutsch hat Dichter auf dem Plan, die sich einen feuchten Kehricht um die ganze Olympiade, wer denn jetzt das modernste Gedicht veranstaltet, kümmern, sondern einfach nur gute Lyrik schreiben (wie Gerrit Wustmann,  der sie darüber hinaus wunderbar unprätentiös und trotzdem eindrucksvoll zu lesen versteht). Und wer weiß beispielsweise, daß der Annaberger Künstler Jörg Seifert seit Jahren schon beachtliche und manchmal wundervolle Gedichte schreibt. So nebenher.

Wenn man hinschaut, gibt es eine Landschaft aus Landschaften. Kutsch kennt die Gebiete, hat aber auch die weite Sicht: „Versnetze_zwei“ bringt, das sagt der Untertitel, „deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ und zwar auch von Gegenwart, die andernorts fehlt.  Sie geschieht anders, nicht unbedingt im Netz und nicht unbedingt im Buch. Sie geschieht auch im Alter und auch auf dem Land und ist nicht minder gegenwärtig. Es tut sehr gut, diesen Welten einmal im Zu- und Miteinander zu begegnen. Da relativiert sich manches. Und es ist entspannend und aufregend zugleich. Man kann das Buch nur jedem empfehlen, der ein genaueres Bild von der gegenwärtigen Lyriklandschaft gewinnen will, als es die oft gewollt einseitig gezeichneten Grafiken der ansonsten überforderten Feuilletons spiegeln. / Frank Milautzcki, fixpoetry.com

Axel Kutsch (Hrg.): Versnetze_zwei. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2009.


146. Exil

Gegen 18:02 wurden nach der Prognose für die Bundestagswahl die Zahlen für die Landtagswahl in Brandenburg bekanntgegeben. Verse Volker Brauns schießen mir in den Sinn: „Vier Männer in schäbigen Anzügen / Mickel Czechowski Braun Tragelehn / Exilieren nach Preußen“. Zitiert aus dem Gedächtnis, nach Diktat verreist.

145. Schöner 27. September

Christa Wolf und Thomas Brasch haben über den 27. September geschrieben. Uwe Wittstock vergleicht beider Texte in der Welt vom 26.9. Braschs Haltung beschreibt er als radikal (und beruhigt den Welt-Leser im letzten Satz):

Brasch wäre, steht zu befürchten, morgen nicht zur Wahl gegangen. Sie hätte ihn wohl nicht sehr interessiert. Doch auch diese Weigerung wäre ihm nicht beispielhaft vorgekommen, er sah sich nicht als Vorbild. Staat in jeder Form war sein Gegner, Ordnung jeder Art machte ihn argwöhnisch, Autorität jeder Ausprägung lehnte er ab. Leicht hat er es sich auf diese Weise nicht gemacht: In der DDR wurde er von zwei Hochschulen gefeuert und zu über zwei Jahren Haft verurteilt. Im Westen eckte er in den Theatern an, sorgte 1981 bei der Annahme des bayerischen Filmpreises für Skandal und hinterließ ein Roman-Manuskript, das sich mit mehr als 10 000 Seiten dem Literaturbetrieb als unverdaulich entzieht. Nach den handelsüblichen Kategorien wird so einem Schriftsteller gern das Etikett „Rebell“ angeheftet. Tatsächlich war Thomas Brasch wohl auf der Suche nach einer Freiheit, wie sie nur in der Literatur zu finden und für die in der Wirklichkeit kein Platz ist.

144. Neue politische Gedichte

Sie kommt rechtzeitig zur Bundestagswahl, diese Anthologie mit „Neuen politischen Gedichten“. Moralisch Angesäuertes oder politisch Korrektes sei von den 26 Autoren nicht zu erwarten, verspricht der 1970 geborene, in Ostberlin aufgewachsene Herausgeber Tom Schulz, einer der bekanntesten Lyriker der jüngeren Generation. Seine Zusammenstellung – viele Namen kennt man aus dem „Lyrik von jetzt“-Band, mit dem sich seine Generation zum ersten Mal gebündelt vorstellte – will den Leser angesichts unseres „Zeitencrashs“ mit dem politisch wie poetisch „Wagnisbehangenen“ aktueller Lyrik konfrontieren, „erst recht in einer Zeit, in der die Weltrisikogesellschaft Kurs aufgenommen hat, ihre Endprozesse zu beschleunigen. In einer Zeit, in der die Finanzkonstrukte in ein solches Wanken geraten sind, dass man den schiefen Turm der transnationalen Wirtschaften kippen sieht, ins Bodenlose.“ Ist hier die Musik drin, die im Wahlkampf so lauthals vermisst wird?

Thematisch ist alles geboten. Von Armut und globaler Ausbeutung über Terrorismus und Überwachung bis häusliche Gewalt, Prekariat und Arbeitslosigkeit. Ein „hartz-IV-lied“ gibt es, aber keine Ode an den Mindestlohn. Tendenzdichtung ist out, selbst in ihrer klügsten und schönsten Form. Kein Echo auf Heinrich Heine, Bertolt Brecht bedenkt man milde ironisch, von Biermann und anderen wird geschwiegen. Das Motto liefert der postmoderne Kurzprosaist Donald Barthelme: Das Geheimnis zur Veränderung der Welt liege in der Sprache. Nur der alte „onkel auf dem schreibtischstuhl / faselt noch von solidarität“, erklärt entsprechend René Hamann „das ende der arbeit“: „alles nimmt ab, alles wird gefilmt.“ Damit kritisiert er nicht nur die Allgegenwart der Überwachungskameras, sondern beschreibt zugleich Auswirkungen auf das Schreiben. Denn viele Gedichte wirken, als buchstabierten sie Filmstills und Medienbilder aus. Tom Bresemanns flotte Wortspielereien werden dabei explizit: „im fernsehen grassieren flüchtlings-/ camps, supported by reebok“. …

„Liebesnot“ attestiert Thomas Kunst den „jungen Büchern auf den deutschen Messen“. Dort werde die „Flucht aus zweiter Hand“ nur „ausgesessen“. Seine humorvollen Sonette gehören zu den Höhepunkten des Bandes. So erfindet die Sammlung die politische Lyrik nicht neu. Aber sie zeigt die Lebendigkeit des Genres… / Thomas Wild, Tagesspiegel 26.9.

Die Sammlung ist zartes Lesevergnügen, fein düngen uns die sanften Gedanken der zerbrechlichen Teilnehmer den Tag. Arbeitslosigkeit, Flaschensammlerschicksal, Gentrifizierung, Ausbeutung, Kapitalismus sind Themen der Kombattanten und wir reichen ihnen gern unser Ohr. Haut die Hedonisten unserer Tage in den Sack! / Frank Willmann, Kalaschnikow 19.9.

Alles außer Tiernahrung: Neue politische Gedichte, Tom Schulz (Hrsg.), 144 Seiten, Rotbuchverlag 2009, 16,90 Euro

143. Stadt der Zuflucht

Die Regale sind noch leer, die Wände kahl: Die junge Dichterin Pegah Ahmadi aus Teheran sitzt in ihrer neuen Wohnung in Frankfurt am Main und kann es selbst noch nicht ganz glauben. Die 35-Jährige lächelt, schüttelt den Kopf: «Alles ging so schnell.» Vor etwa einem Monat habe sie von einem befreundeten Exil-Schriftsteller zum ersten Mal von dem Stipendium «Stadt der Zuflucht» gehört, wenig später saß sie schon im Flugzeug nach Deutschland. Zwei Jahre lang will Ahmadi hier frei von politischen Zwängen ihrer Arbeit nachgehen. Die Stadt stellt die Wohnung, die Frankfurter Buchmesse kommt für den Lebensunterhalt auf. / ad-hoc-news 26.9.


142. Heinrich-Vetter-Literaturpreis in Mannheim

Der seit 2004 jährlich vergebene Heinrich-Vetter-Literaturpreis wird in diesem Jahr am kommenden Sonntag, 27. September, um 10.30 Uhr wie immer im Heinrich-Vetter-Forum der Kunsthalle Mannheim vergeben. Den ersten Preis erhält Angela-Marcella Gerstmeier aus Mannheim. Gundi Brodmann aus Gorxheimertal erhält den zweiten und der Heidelberger Diethard Wendt den dritten Preis. Insgesamt beträgt die Preissumme des Heinrich-Vetter-Literaturpreises im Jahr 2009 4500 Euro. Diese Summe wird unter den drei Preisträgern verteilt. Die Auszeichnung ging aus dem Mannheimer Literaturpreis hervor, der vom Literarischen Zentrum Die Räuber ´77 ausgelobt wurde. Der Preis wird jährlich vergeben, wobei die Sparten Lyrik und Prosa wechseln. 2009 wurde der Preis für Lyrik vergeben. Das Thema lautete „Parallelwelten“.

Es konnten nur Autoren aus der Metropolregion Rhein-Neckar teilnehmen. 67 Bewerbungen wurden von einer unabhängigen Jury beurteilt.  / Mannheimer Morgen 24.9.