8. lesebühne tEXTRAbatt in Stralsund: Lyrik im Lande

Zum vierten tEXTRAbatt am 13. Oktober lädt das tEXTRAbatt –Team (Odile Endes, Silke Peters und Irmgard Senf) wieder Gäste aus MV ein. Es werden erwartet: Silvio Witt aus Neubrandenburg, Carlo Ihde aus Rostock sowie die Künstlerin und Lyrikerin Lin Russ, ebenfalls aus Rostock. Carlo Ihde und Silvio Witt waren auch bei der diesjährigen Lyrikmeisterschaft des Landes Mecklenburg-Vorpommern zu hören. Schon letztes Jahr gingen sie mit einem der Lyrikpreis-Bleistifte nachhause, und auch dieses Jahr konnten ihre Performances begeistern. Carlo Ihde bekam den dritten Preis der Jury, Silvio Witt lag in der Gunst des Publikums auf Platz zwei.

tEXTRAbatt gibt es jeden zweiten Dienstag im Monat im Speicher am Katharinenberg 35 in Stralsund. Im November-tEXTRAbatt werden Peter Michael Piebsch und Carine Thieme zu hören sein.

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7. Statt immer bloß Lyrik

Er war ein ziemlich schräger poetischer Narr: einerseits ein fanatischer Liebhaber der Dichtkunst, der kaum etwas so verabscheute wie schlechte Gedichte und diejenigen, die sie zusammengemurkst hatten; andererseits ein mitten im lustigen Späthippieleben wühlender wilder Gesell, der sich in Mexiko und Spanien jahrelang mit Gelegenheitsjobs als Lkw-Fahrer und Campingplatzwärter durchschlug.

Mitte der 1980er Jahre ließ sich Bolaño in Blanes unweit von Barcelona nieder, und als er dort ein paar Jahre später Vater wurde und von einer nahezu unheilbaren Lebererkrankung erfuhr, fing er an, statt immer bloß Lyrik auch Erzählungen und Romane zu schreiben: um Geld zu verdienen, wie er gern betonte. / Wolfgang Höbel, Spiegel.de 1.10.

6. „Who is me – Poete delle ceneri“

33 Prozesse musste er über sich ergehen lassen, wegen Blasphemie, Obszönität und Diffamierung. Gemeint war immer seine Homosexualität. Jedes Mal ging Pier Paolo Pasolini als ein anderer aus ihnen hervor: persönlich nicht unbedingt souveräner, nur desillusionierter, politisch nicht gelassener, nur verzweifelter – in seinen Büchern und Filmen aber von einer Energie getrieben, die aus der schönheitstrunkenen Weltfeier seiner frühen Jahre bald einen apokalyptischen Furor entwickelte.

In diesem Herbst scheint ihm eine weitere Auferstehung bevorzustehen: durch neue Bücher, eine vom Zürcher Museum Strauhof übernommene große Ausstellung – und ein reichhaltiges Rahmenprogramm…  Aber kann dieser Pasolini mehr sein als die Projektionsfigur einer Sehnsucht, die bereits vom Wissen zehrt, dass eine Figur wie er unmöglich geworden ist? Seine von keinem Funken Ironie illuminierte Radikalität würde sich selbst auf der Stelle unmöglich machen. Pasolinis heiliges Pathos – eine Lachnummer. Sein romantischer Kommunismus – eine museale Angelegenheit. Die Ausstellung ermöglicht aber ein eigenes Urteil. Sie verschlagwortet Pasolinis 1966 entstandenes autobiografisches Langgedicht „Who is me – Poete delle ceneri“ in thematischen Vitrinen – eine kompakte Einführung in Leben und Werk. …

Nicht minder gefährlich ist es, Pasolinis ungebrochene Bedeutung zu behaupten, wie es Christian Filips im Nachwort zu seiner virtuosen Übersetzung der „Friulanischen Gedichte“ unter dem Titel „Dunckler Enthusiasmo“ versucht. Im Einbruch der Kapitalmärkte die Erfüllung von Pasolinis düsteren Prophezeiungen und in den Piratenparteien gewissermaßen die Erneuerung der kommunistischen Idee zu sehen, ist nicht nur voreilig, es geht auch an der alles neutralisierenden Organisation unserer medialen Öffentlichkeit vorbei. …

Auch das „Schreibheft“ veröffentlicht bisher nie auf Deutsch erschienene Texte. Neben Pasolini-Gedichten aus 25 Jahren ist am aufschlussreichsten der Essay von Walter Siti, dem Herausgeber der 2003 in zehn Bänden erschienenen italienischen Werkausgabe. Er stellt Pasolini nicht nur als durchaus karrierebewussten Autor vor, sondern auch als unfassbaren Schlamper, der mit Zitaten und Begriffen nur so um sich warf, ohne sich ihrer versichert zu haben. Und als intellektuellen Bulimiker, der jedes auch nur bruchstückhaft angelesene Buch sofort verarbeitete.

Die Entschuldigung dafür steht in „Who is me“, jenem großen, Allen Ginsberg Tribut zollenden Poem, das wie jeder von Pasolinis Texten die Überschreitung der Literatur durch die Literatur propagiert: „Es gibt keine Poesie außer der realen Tat.“

/ Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 18.9.


Literaturhaus, bis So 22.11., 5/3 €. Lange Nacht: Käthe-Kollwitz- Museum, Mi 30.9., 20 Uhr

Pier Paolo Pasolini – Wer ich bin. Ausstellung im Berliner Literaturhaus, Fasanenstraße 23, bis 22. November. Di, Mi, Fr 14-19 Uhr, Do 14-21 Uhr, Sa 11-21 Uhr, So 11-19 Uhr. Rahmenprogramm mit Lesungen, Filmen und Diskussionen im Haus, dem Käthe-Kollwitz-Museum und dem Kino Babylon Mitte. Infos: http://www.literaturhaus-berlin.de.

Schreibheft Nr. 73. Rigodon-Verlag, Essen 2009. 221 S., 12 €. Extra auf der Website http://www.schreibheft.de: Moshe Kahns Übersetzung von „Dichter der Asche“ (Who is me).

Pier Paolo Pasolini: Who is me. Aus dem Ital. von Peter Kammerer. Hochroth Verlag, Perleberg 2009. 34 S., 6 € (www.marcobeckendorf.de).

Pier Paolo Pasolini: Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte. Übersetzt von Christian Filips. Urs Engeler Editor, Zürich 2009. 338 S., 28 €.

Pier Paolo Pasolini: Die lange Straße aus Sand. Aus dem Italienischen von Christine Gräbe u. Annette Kopetzki. Nachwort von Peter Kammerer. Edel, Hamburg 2009. 144 S., 38 €.

[Ab und an muß ich wohl anmerken, daß, wenn ich etwas hier zitiere, das nicht unbedingt meine Meinung ist. Selber denken! Und wer dann (!) was zu sagen hat: Kommentieren!]

5. Der Säntis

Es ist erstaunlich, wie viele Dichter die majestätische Berglandschaft, das Schweizer Felsmassiv „Alpstein“ und seinen „König“, den Säntis, besungen, gar zum Symbol der Heimatliebe gemacht haben. Eine Anthologie legt davon Zeugnis ab. Gesucht, gefunden und zusammengestellt wurden die vielfältigen poetischen Zeugnisse vom Schweizer Autor, Essayisten, Herausgeber und Rezensenten Rainer Stöckli, der in nächster Nähe dieses Naturphänomens lebt.  …

Der Herausgeber hat sich natürlich nicht auf Schweizer Poeten beschränkt, sondern den Klassikern der Bodenseeliteratur ihren verdienten Platz gegeben – allen voran Annette von Droste-Hülshoff, von der allein fünf Gedichte zu lesen sind, in deren einem es heißt: „O Säntis! Wohl mit Recht trägst du die Krone“. Er nahm Passagen aus Mörikes „Idylle vom Bodensee“ auf und aus Friedrich Hölderlins „Heimkunft“. Von Hermann Hesse lesen wir, als Zwischentext, Zeilen aus einem Reisebericht, von Martin Walser einen Ausschnitt seines Hörspiels „Säntis“. In Johannes R. Bechers „Für diesen Blick“ aus dem Jahr 1945 spüren wir das Heimweh des Emigranten: „ …der Säntis wie ein Felsgewölk, von Schnee/ zart übersilbert – welch ein Heimverlangen“. Und Rainer Maria Rilke sieht „hinter den Uferzielen / …die vielen, vielen / Silberberge “.

Die ironische Schilderung einer Auffahrt zum Säntis von Wolf von Niebelschütz, der Beginn einer elegischen Dichtung von Rudolf Hagelstange leiten über zu gegenwärtigem poetischem Schaffen, zu Autoren wie Peter Hamm, Hans Georg Bulla, Jochen Kelter, Joachim Hoßfeld, Durs Grünbein. In ihren Gedichten wird der Säntis allerdings zumeist nur beiläufig als vorüberhuschendes Gedanken- oder Beobachtungselement erwähnt. / Walter Neumann, Südkurier 1.10.

Rainer Stöckli (Hg.): Säntis und Alpstein im Gedicht. Eine Anthologie. Edition Isele 2009. 200 Seiten. 16 €, 27,90 SFr. – Das Buch wird an folgenden Orten in der Schweiz vorgestellt: Buchs (1.10.), Schruns (22.10.), St. Gallen (31.10.), Gossau (5.11.), Appenzell (21.11) und Herisau (22.11.).

Beat Brechbühl im Gedicht „Alpstein Säntis so&so“: „Ich werde nie auf dem Säntis, 2505 Meter, gewesen sein“.

4. Tschechischer Autor in Dresden

Der nächste Gast der Dresdner Reihe „Literarische Alphabete“ ist der tschechische Autor Petr Halmay. Er liest am Donnerstag, 8.  10., 20 Uhr, diesmal im Tschechischen Zentrum Dresden, Hauptstraße 11. Er liest aus seinem Gedichtband „Schlusslichter“ und spricht mit Patrick Gorre über seine Arbeit

Das Talent des tschechischen Lyrikers Petr Halmay, der in seiner Heimat bereits vier Gedichtbände veröffentlicht hat, kommt nicht von irgendwo. Der Sohn des Dichters Karel Šiktanc, eines Protagonisten des Prager Frühlings, wuchs in einem Umfeld auf, in dem die Meinungs- und Veröffentlichungsfreiheit als ein Grundrecht angesehen wurde und in dem viel über Politik und Literatur debattiert wurde. „Schlusslichter“, sein neuester Band, ist die zugleich poetische und lakonische Lebensbilanz eines Mittvierzigers, sind nah am Alltag sich bewegende Mitschriften eines seine eigene Endlichkeit nun bewußter und stärker empfindenden lyrischen Ichs. Orte wie das Möbellager eines Theaters oder hölzerne Bootshäuser grundieren die Momentaufnahmen dieses Dichters der Leichtigkeit und der Melancholie. Petr Halmay war Lehrer, Kulissenschieber in einem Theater und Rundfunkjournalist. Für seinen Band „Schlusslichter“, der an „die beste Tradition und den Geist der mährischen Poesie anknüpfe“, erhielt er 2007 den renommierten Jan Skácel Preis.

SCHLUSSLICHTER

Langsam räumt schon der Sommer seine Stellungen.
Verlassen blieben
die Gartentische zurück …
Vermengt mit Ereignissen, Staub,
scheint dieser Moment
ungewohnt leicht.
Vom Tennisplatz am Waldrand kam mein Sohn,
aus der Wiese weht
der schwache Duft von Heu …

Petr Halmay, geboren 1958 in Prag, wo er auch heute lebt. Publikationsverbot in der CSSR. Vier Gedichtbände, zuletzt „Koncová Svetla“ (Schlusslichter).

Literaturforum Dresden e. V. in Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum Dresden.
Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.

Lesung in Deutsch und Tschechisch. Buchpremiere der deutschen Übersetzung.

Patrick Beck

Literaturforum Dresden e. V.
Eingetragen am Amtsgericht Dresden unter VR 4995.
Als gemeinnützig anerkannt.
www.literaturforum-dresden.de

3. Anthologien und die Infrastruktur der Lyrik

Auf der einen Seite ist die Lyrikszene so lebendig wie lange nicht, auf der anderen Seite scheint Enzensbergers Diktum, wonach die Zahl der Leser eines neuen Gedichtbands bei „plusminus 1354“ liegt, immer noch zu stimmen. Reine Rezeptionsblockaden – oder sind die Verlage nicht mutig genug?
Michael Braun:
Oh je, schon das Wort „Rezeptionsblockaden“ – da bekomme ich gleich Schweißausbrüche! Ich selbst habe für Blockaden gar keine Zeit, weil ich mich ständig mit Lyrik beschäftigen muss. Aber Spaß beiseite, Sie haben recht: Es gibt ein Missverhältnis zwischen einer ansteigenden Zahl von so genannten „Events“, die um die Lyrik kreisen, und dem dürren Interesse an Lyrik-Bänden, die in immer schmalerer Zahl verkauft werden. 1354 – ist eigentlich eine gewaltige Übertreibung: Wenn ein vielfach preisgekrönter Band wie Ulf Stolterfohts „Holzrauch über Heslach“ (Engeler) 1500 bis 2000 Exemplare erreicht, ist das meist schon das Höchste der Gefühle. 80 bis 90 Prozent der Lyrikbände liegen weit darunter.

Aber woran liegt das?
Braun:
Man hört Dichtern gern zu, diesen kuriosen Menschen, die ihr Leben mit dem Herstellen von Texten verbringen. Man geht zwei Stunden hin, trinkt zwei Gläser Wein, geht wieder nach Hause. Ein schöner Abend – aber das war’s dann auch.

Und der „Lyrikboom“, von dem in den letzten Jahren immer wieder zu lesen war? Dichtung oder Wahrheit?
Braun:
Ich glaube, dass im Moment sogar ein kleiner Zusammenbruch der lyrischen Infrastruktur zu registrieren ist. Urs Engeler stellt sein Programm ein, Kookbooks ist gefährdet, und das „Jahrbuch der Lyrik“ hängt in der Luft.

Wären dann Anthologien so etwas wie der Königsweg?
Braun:
Anthologien sind etwas für Jäger und Sammler – aber sie ersetzen die fehlenden Einzelbände nicht.

Sie sind aber ein probater Weg, Leser an Lyrik heranzuführen …
Braun:
Ja, das ist die Aufgabe von Anthologien – einen Überblick herzustellen, ein Schlaglicht auf die Bewegungen in der Gattung zu werfen. Das war ja vor 20, 30 Jahren genau so. Damals waren Bücher wie Hans Benders „In diesem Lande leben wir“ (Hanser 1978) oder Jürgen Theobaldys „Und ich bewege mich doch“ (C. H. Beck 1977) wichtig – da konnte man einen Überblick bekommen, was diese neuen Subjektivisten schreiben. Inzwischen hat sich die ökonomische Situation der Verlage verschärft…

(…)

Welche Lyrik-Anthologie würden Sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen?
Braun: Als Konzept hat mir immer Walter Höllerers „Transit“ gefallen, 1956 bei Suhrkamp erschienen. Über Höllerers Texte zur Poesie bin ich ja quasi dazu gekommen, mich mit Lyrik zu beschäftigen. „Transit“ ist eine Anthologie, die Gedichte mit Randnotizen versieht. Schon mal interessant: Der Herausgeber spricht mit den Gedichten. Und das zweite: Die Autorennamen stehen nicht über dem Gedicht, die finden sich hinten im Verzeichnis. Man wird also zunächst nur mit den Texten konfrontiert und kann dann nachlesen: Wer war das jetzt eigentlich? Lyrik so zu enthierarchisieren, das fand ich ein kühnes Unternehmen. Und schließlich hat der Band einen wunderbaren Untertitel: „Lyrikbuch der Jahrhundertmitte“.

Klingt spannend. Sollte man Höllerers Ansatz nicht mal wieder an der jüngeren Gegenwartsdichtung testen?
Braun (lacht): Das wäre sicher reizvoll. Aber ich fürchte, in der gegenwärtigen Situation sind sämtliche Verlegerohren, was so ein Projekt betrifft, fest geschlossen.

/ Börsenblatt

2. Walle Sayers Prosagedichte

Der Lyriker Walle Sayer im Gespräch mit Eva Zeller, dlf Büchermarkt:

„Beim Gedichteschreiben hat man immer die Lupe und das Fernrohr, diese beiden Blickwinkel, hat man immer, wenn man einen Gegenstand sieht, wenn man ihn aus der Ferne sieht, so genau wie möglich möchte man ihn erkennen. Das Poetische erschließt sich, wenn man ein Detail, eine Einzelheit findet, die für das Ganze spricht. Da muss man genau hinschauen, um eben so winzige Sachen zu sehen und unterm poetischen Mikroskop, unter der Lupe, werden sie größer, wie sie eigentlich sind. Es hat immer mit Genauigkeit zu tun, die man erreichen möchte.“

Zur Genauigkeit gehört auch, dass die Prosagedichte musikalisch komponiert sind. Sie setzen oft beiläufig ein, kristallisieren sich um einen dramatischen Kernsatz und verdichten sich zu Bildern, die sich auftürmen. „Kartenschrieb“ heißt zum Beispiel eine poetische Postkarte, die mit einer Verortung einsetzt: „Küstennebel, Dahmeshöved“, ein Ort, der für sich spricht und sicher an einem nördlichen Meer liegt.

„Küstennebel, Dahmeshöved. Die Häuser ducken sich unter den Windstärken hinweg. Ich weiß nunmehr, dass durch ein kleinerwerdendes Boot das Meer noch größer wird. Dass von vier Schnapsgläsern eines mit Wasser gefüllt ist. Dass auch ein Himmel seine Untiefen hat. Und ein jeglicher Leuchtturm seine eigene Lichtkennung.“

Der Lyriker Walle Sayer und sein neuer Band mit Prosagedichten „Kerngehäuse – Eine Innenansicht des Wesentlichen“ erschienen im Verlag Klöpfer & Meyer Tübingen. (2009)

Walle Sayer in L&Poe:

2001    Mrz    #    TÜRSCHILD
2001    Mrz    #    „Zeit“ gelobt Besserung:
2001    Mrz    #    «Irrläufer»: Gedichte von Walle Sayer
2001    Aug    #44.    Kurzlyrik
2002    Mai    #    Dritter Lyrik-Gipfel in Aachen
2006    Mai    #18.    Autoren in Lauffen
2006    Dez    #3.    Hilfsangebot
2007    Jun    #77.    Burg Husen
2007    Sep    #26.    Zwei Lyriker zu Gast
2007    Okt    #94.    Bissige Stille
2008    Jan    #104.    Sistiger Lyrikkreis
2008    Jan    #104.    (Forts.)
2008    Jun    #106.    DAS ZWEITE BEIN
2008    Aug    #2.    Der Große Conrady
2009    Feb    #114.    Lernschritt
2009    Mrz    #14.    Keine Größe
2009    Mrz    #120.    Walle Sayer im SWR-Fernsehen
2009    Apr    #78.    Sayers Inbilder
2009    Sep    #26.    Literaturtage Nordschwarzwald

1. Ur-Haiku

„Uralter Teich. Ein Frosch springt hinein. Plop.“ Was sich zunächst wie die Beobachtung eines gelangweilten Twitter-Nutzers liest, ist in Wirklichkeit ein Gedicht. Ein sehr kurzes zugegebenermaßen, und es reimt sich auch nicht. Das muss es aber auch nicht. Es handelt sich um eine der über 100 Übersetzungen des wohl bekanntesten Haiku. „Das Ur-Haiku schlechthin“, meint Rita Rosen. Sie ist die Vorsitzende des Haiku-Kreises in Wiesbaden. …

Gut 200 Jahre hat es gedauert, bis es das Haiku Anfang des vergangenen Jahrhunderts nach Europa schaffte. Vor einem Jahr ist es dann in Wiesbaden angekommen. Da nämlich wurde der Haiku-Kreis im Literaturtreff Multatuli in der Herderstraße 31 gegründet. Hier treffen sich an jedem ersten Dienstag im Monat sechs bis sieben Frauen und Männer, um der japanischen Dichtkunst zu frönen. Allerdings in deutscher Sprache. / Christian Struck, FR 1.10.


163. Keine Einreise für Hölderlin

Bringt mir eure Müden, eure Armen, eure wimmelnden Massen, damit sie frei atmen können, aber bitte nicht KD Wolff! Dem Stroemfeld-Verleger KD Wolff wurde am Freitag auf dem John F. Kennedy Airport in New York die Einreise in die USA verweigert. Nach mehrstündigen Verhören wurde er mit der letzten Lufthansa-Maschine nach Frankfurt am Main abgeschoben. Sein bis 2010 gültiges 10-jähriges Visum, mit dem Wolff bereits drei Reisen in die USA unternommen hatte, sei angeblich schon 2003 widerrufen (revoked) worden. Das war Wolff bisher nicht mitgeteilt worden. KD Wolff war auf Einladung des Vassar College in die USA gereist, um an der Konferenz „African American Civil Rights and Germany in the 20th Century“ teilzunehmen, die vom Deutschen Historischen Institut in Washington, D. C. mitveranstaltet wird. Zu den Teilnehmern gehört u. a. Angela Davis. KD Wolff, der 1967/68 Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) war, war als „historischer Zeuge“ eingeladen worden, u. a. weil er 1969 das „Black Panther Solidaritätskomitee“ in Frankfurt gegründet hatte. / taz 29.9.

162. Balkanische Alphabete

(wer A sagt muß auch B sagen: nach Bulgarien jetzt Rumänien)

Mo 5. Oktober 20 Uhr
Literaturhaus Berlin

mit

Constantin Acosmei
Vasile Leac
Iulian Tanase

Sabine Küchler
Hans Thill
Ernest Wichner

lesen Sie:

Vasile Leac

Was Seymour sah, als er China im Ballon überquerte

Am Tisch zwei Fischer
speisen vom toten Fisch

(Sabine Küchler)

von seymour gesehen, als er über china im ballon flog

.zwei fischer zutisch
einen toten fisch essend.

(Hans Thill)

reimlos sah seymour, als er im ballon durch china reiste

.zwei fischer saßen an einem tisch
und aßen einen toten fisch.

(Ernest Wichner)

161. Hausgäste in Lesung und Gespräch

Almut Sandig, Johanna Geels und Laura de Weck

Literarisches Colloquium Berlin
Drei unserer derzeitigen Hausgäste stellen sich an diesem Abend dem Berliner Publikum in Lesungen vor. Ulrike Almut Sandig, geboren 1979, lebt in Leipzig. Sie debütierte 2005 in der Connewitzer Verlagsanstalt mit dem Gedichtband „Zunder“, 2007 folgte der Band „streumen“. 2009 wurde sie mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet. Neben der Lyrik publiziert sie auch Prosa und Hörspiele. Auch die Niederländerin Johanna Geels, Jahrgang 1968, wurde neben ihren regelmäßigen Poetry-Slam-Auftritten durch ihre Lyrik-Veröffentlichungen bekannt. Sie verbringt einen Monat als Stipendiatin des HALMA-Netzwerks im LCB. Die 1981 geborene Schweizerin Laura de Weck ist Schauspielerin und freie Autorin. 2007 wurde ihr erstes Stück „Lieblingsmenschen“ in Basel uraufgeführt. Schon ein Jahr nach diesem hoch gelobten Debüt folgte das zweite Stück „SumSum“. Laura de Weck ist als Gast der Pro Helvetia im LCB.

Literarisches Colloquium Berlin e.V
Am Sandwerder 5
14109 Berlin

Dienstag, 6.10., 20:00 Uhr

160. … wie Wolf, Sandig, Egger

Dietmar Dath (Sämmtliche Gedichte) gibt der Welt ein Interview. Darin sagt er:

Ich versuche, eine Prosa zu erfinden, die kann, was Uljana Wolf in ihrer Lyrik kann oder Ulrike Almut Sandig oder Oswald Egger. Am weitesten vorn bei den allgemeinen Literaturproblemen sind derzeit Lyriker.

Welt-Einleitung:

Er ist einer der radikalsten Schriftsteller Deutschlands. Als bekennender Marxist fordert der Autor Dietmar Dath beispielsweise die Entmachtung der Aldi-Brüder. Gerade hat er zwei neue Romane veröffentlicht. WELT ONLINE sprach mit Dath über Zombies, Liebe und zeitgenössische Musik.

159. Lammla und andere Dichter

Am 22.9. brachte die Lyrikzeitung einen Kommentar zu einem Bericht aus Thüringen:

116. Begnadetes Thüringen

Gestern nachmittag schickte Uwe Lammla einen denunziatorischen Kommentar, in dem er mich Denunziant nennt. Hier meine Antwort.

1. Herr Lammla behauptet, ich habe in meinem Kommentar „das Bild von einer „braunen Wolke“ imaginiert“, die sich „über Thüringen zusammenballe“.  Das ist nicht richtig, weder dem Wort noch dem Sinn nach.  Offensichtlich hat er es selber „imaginiert“, um seiner Antwort die gewünschte Richtung geben zu können.
2. Er sagt, er glaubt, daß ich mich an dem Wort „begnadet“ gestoßen habe. Auch das ist nichts als Interpretation. Ich habe lediglich meine Meinung ausgedrückt, daß ich anders als sein Literaturvereinssprecher es nicht auf ihn anwende. Ein begnadeter Lyriker ist für mich nicht einer, der tausende Verse geschrieben hat, das ist für mich eine Frage der Qualität. Herr Lammla hat seine Fans, die ihn, es ist leicht im Internet zu finden, für ein Genie halten – ich gehöre nicht dazu.
3. Zutreffend ist seine Aussage, daß ich nicht zu denen gehöre, die Freude „an diesen Dingen“ habe. Jedenfalls wenn er mit „diesen Dingen“ seine eigene Lyrik meint. Nein, die bereitet mir keine Freude. Ich habe keineswegs nur das erste auf seiner Seite auffindbare Gedicht gelesen, sondern jetzt und bei früherer Gelegenheit eine größere Stichprobe, weil es zu meinen Gewohnheiten gehört, Texte auch aus (mir) entlegenen Zonen zu suchen und zu prüfen. Also auch aus vom Literaturbetrieb nicht beachteten Provinzen, seis regional, politisch oder religiös. Da findet sich viel Schrott und auch jede Menge Beachtenswertes, seine Verse gehören für mich nicht dazu.
4. Ich hatte versucht, in aller Kürze, die ein kleiner Kommentar erlaubt, zu erklären, warum ich diese Lyrik nicht für „begnadet“ halte. Mein Fazit war: „Die Reime sind rein, das Metrum einwandfrei, der Wortschatz tümlich, die Grammatik verdreht und der Sinn … je nach Geschmack kann man sagen: kraus oder ff (feierlich-feucht).“ Man könnte über Metrum und Reim durchaus mehr sagen, die reinen Reime sind manchmal platt, das regelmäßige Metrum nicht selten mechanisch. Ich habe mich auf die für mich auffälligsten Merkmale seiner Verse konzentriert.  Die Grammatik ist verdreht, offenbar aus Reim- und Metrumzwang, und auch manchmal falsch, Beispiele?

„So traut sich die Sonne nicht fragen“
„Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe“
„Entführt den Bläsers Traum,“
„Hier sind der Mut, der Rausch und die Geschichte
Nicht vor dem Sturm und Fluten eingedeicht,“
„Das einzigste, das der Chronist uns bot.“

(Auf die Schnelle gefunden, ohne Ihre Heimseite oder die junge Freiheit bemühen zu müssen.)
Grammatische Fehler sind manchmal erlaubt, aber wie das Volk weiß: „zuviel zerreißt den Sack“.

Bei weitem häufiger ist die Grammatik verdreht:

Von diesem Holze sind die Weiserstäbe
Zu Hoheit und Gericht in deutschen Hainen,

so weit korrekt, aber wie weiter?

Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe,
Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.

Wer wem was tut (wer Roß und Reiter ist), das wird allzuoft nicht gesagt. „Wer sich Müh für echten Frieden gäbe“, um Verstehen bemüht übergehe ich das falsche Pronomen; hier beginnt eine Aussage im Konjunktiv: und wie weiter? Wer sich also jene „Müh … gäbe“, der „Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.“ Erklären Sie mir jetzt nicht Grimms Märchen oder germanische Bräuche: wer Konjunktiv und Indikativ mischt, schafft Unklarheiten. Man kann die dann „poetisch“ nennen und von „poetischer Lizenz“ sprechen – ich nenne das Übermaß solcher bemüht verdrehter Stellen ein Ärgernis.
Was passiert in den letzten vier Zeilen folgender Strophe?

Und während Ortnit kämpft und stirbt,
Reift andernorts aus Gottes Plan,
Beschattet rings von Nacht und Wahn,
Der Sproß, der um die Krone wirbt,
Am stolzen Byzantinerthron
Ein Intrigant dem Kaiser steckt,
Die Untreu schuf den dritten Sohn,
Den grade die Gemahlin heckt.

Oder hier, diesmal am Anfang:

Du weißt von Begegnung und Scheiden,
Den Wunsch sich im März zu verfrühn,
Von Herrschaft und Huld, und aus beiden
Den Schmerz, und du könntest dich mühn,
Die Gärten des Gauklers zu meiden,
Die Wahrträume, hell und verworrn,
Die Liebe entfliehn und dem Leiden,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Die erste Zeile ist in Ordnung, in der zweiten beginnen die Rätsel: Soll das heißen, „du weißt von dem Wunsch“? Das wär verständlich, aber grammatisch falsch. Oder sind zwei unterschiedliche Konstruktionen ineinandergeschoben („du weißt von“ – „du weißt den Wunsch“)? Das konnte der thüringische Professor Galletti schöner und die geniale Friederike Kempner witziger. Ebenso wieder am Schluß der Strophe: du könntest „die Gärten … (und die) Wahrträume“ meiden, okay, aber „die Liebe entfliehn“? Das ist entweder ein grammatischer Fehler oder ein gallettianischer Gedanke, zu hoch für seine dummen Schüler (denn er war ein Schullehrer in Gotha).
„Schattierung ist wie Mutterkorn an Ähren / Und läßt sich heiter den Verwandlungsblühn.“ – Versuchen Sie es selber. Wer läßt sich wem? Oder von wem? Und was? – Ach was. Es gibt so viel echte Poesie in der Welt, warum soll ich mich lange mit mäßiger aufhalten?

5. Herr L. wirft mir Bildungsferne vor:

Wenn man die Deutschen Sagen der Brüder Grimm nicht kennt, bleiben freilich Hinzelmann und Hudemühlen ohne Sinn und man weiß auch nicht, was der Drost in dem ganzen zu suchen hat. Bildungsferne ist eben nicht unbedingt die richtige Basis, um Gedichte zu beurteilen.

Ich kenne den Drost nicht? Das ist ein Irrtum. Ich kenne sogar mehrere: Droste. Der Droste können Sie kein Wasser reichen. Die kann auch reimen. Die reimt zwar nicht wie Sie Blaugezack auf „greises Wrack“, aber: schier auf Tapetentür, Jammer auf Seelenkammer, Knirren auf Schwirren, Kehle auf Garngesträhle und Höhlenstube auf Mergelgrube. Das war vor 150 Jahren, und es ist genau und modern.
Meine Bildungsferne, nun gut. Herr Lammla sagt (jetzt nennt er mich nicht mehr Vorredner oder Verredner, sondern „Denunziant“:

Es gibt wohl „eigentümlich“ oder „volkstümlich“, gewiß aber nicht „tümlich“. Das macht aber nichts, denn eine Aussage ist nicht gewollt. Der Denunziant begnügt sich mit unheilsschwangeren Andeutungen.

O doch, das gibt es, Herr L. Es gibt den bayrischen Dichter Bertolt Brecht, vielleicht kam der in Ihrer DDR-Schule nicht vor, der sagte: „Das Volk ist nicht tümlich.“ Das ist das Gegenteil von schwangeren Andeutungen: eine klare Aussage. Und Absage. Paßt auf Funktionäre (denen wir vor 20 Jahren zugerufen haben: WIR sind das Volk! Nicht nur in Leipzig. Auch in Greifswald. Ein bißchen später als in Leipzig, aber doch: zuerst an dem Tag, als das Politbüro Honecker absetzte.) Das Volk ist nicht tümlich! (Auch dem FDP-Vorsitzenden ins Stammbuch)
„Der Wortschatz tümlich“, hatte ich in meinem Lammla-Kommentar geschrieben. Ich hätte auch mit Gottfried Benn von „seraphischem Ton“ sprechen können. Alles ist „hehr“ hier, „zaubrisch holder Laut“ säuselt, die Wälder heißen „Hain“, und wuchtig tiefer Ernst wabert und walhallt durch diese Verse. Das gibt es in manchen Volksliedern (nein, dort ist es immer genau), bei manchem romantischen und neuromantischen Dichter, das gibts auch sehr oft im 20. Jahrhundert, aber ach! an welchen Stellen?
6. Herr Lammla sagt, es sei nicht seine Art, auf jede Polemik zu reagieren. Auf meine Polemik reagiert er allerdings schon zum zweitenmal. Im Februar 2008 brachte die Lyrikzeitung einen längeren Ausschnitt aus einem im WWW gefundenen Text Lammlas. Mein Kommentar beschränkte sich auf die Überschrift „31. Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945)“ und einen Nachsatz (oder vier kurze Nachsätze). Hier Lammlas letzter Satz und meine Antwort:

Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945. / Uwe Lammla

[Päng! Da war also die Welt noch heil?? Oder „nur“ die Welt der Lyrik?? Vaterland und Lyrik warn ganz schön kaputt, eh! MG]

Anlaß genug für Lammla, mir einen Brief zu schreiben, in dem er sich dagegen verwahrte, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Er schrieb:

Sehr geehrter Redakteur,
In Ihrer Lyrikzeitung … zitieren Sie aus meiner Selbstdarstellung (www.lammla.de) den Satz „Ich habe Grund zu der Annahme, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945“ und fügen die Anmerkung an: „Da war also die Welt noch heil?“ Ich empfinde dies als Entstellung und bitte um Korrektur.
Wenn ich die Literaturpolitik seit 1945 kritisiere, habe ich deswegen keine andere gutgeheißen. Es ist jedenfalls ein Faktum, daß die deutsche Dichtung bis 1945 über die verschiedenen Gesellschaftssysteme hinweg außerordentlich produktiv und vielgestaltig war. Dann setzte ein Niedergang ein, der sich in den 60ern beschleunigt hat. Woran das liegt und ob dies bedauerlich ist, darüber kann man diskutieren. Es ist jedoch nicht korrekt, demjenigen, der diesen Niedergang diagnostiziert, ein Faible für die Zeit von 1933-45 zu unterstellen.

Ich druckte seinen Brief mit dieser Antwort:

Lieber Herr Lammla,
zunächst bin ich erleichtert über, ja dankbar für die Klarstellung, daß Ihre Zeilen nicht die „Literaturpolitik“ 1933-45 gutheißen wollten. Sie werden zugeben, daß der zitierte Satz verschiedene Deutungen offenließ. Zu den Prinzipien der Lyrikzeitung gehört, daß ich nicht jede Meinung kommentiere, die ich nicht teile. Aber einen Satz, der so verstanden werden kann, wie es bei dem von Ihnen angeführten Satz der Fall ist, kann ich nicht unkommentiert stehenlassen. Hier noch einmal Ihr Schlußsatz und mein Kommentar:

Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945. / Uwe Lammla
[Päng! Da war also die Welt noch heil?? Oder „nur“ die Welt der Lyrik?? Vaterland und Lyrik warn ganz schön kaputt, eh! MG]

Das sind ein Ausruf, zwei Fragen und eine Aussage, letztere mit noch einem angehängten Ausruf. Auf die Fragen haben Sie zum Teil geantwortet. Meinen Aussagesatz lasse ich stehen: Vaterland und Lyrik waren ganz schön kaputt.
Was Sie in Ihrer Stellungnahme ein Faktum nennen, das halte ich für eine Meinung. Darüber hinaus eine, die ich nicht teile. Nehmen wir nur die 12 Jahre bis 1945: „außerordentlich produktiv und vielgestaltig“? Hinter mir, im Regal, steht meine in Jahrzehnten zusammengetragene Bibliothek der neueren deutschen Lyrik. Darunter auch zahlreiche Gedichtbände und Anthologien, die in diesen Jahren in Deutschland erschienen sind. Darunter sind ein paar Stille im Lande, wie der außerordentliche Konrad Weiß, ein paar Achtbare, auch ein paar, die neben Oden auf den Führer auch Achtbares geschrieben haben, und sonst? Soviel Beflissenheit, soviel  Flachsinn, auch flacher Tiefsinn, war selten in der Geschichte der deutschen Lyrik. Das ist eine Meinung, meine. Ich könnte Belege anführen, Sie oder andere könnten gegenhalten. Aber da Sie vom „Faktum“ reden, halten wir uns an Fakten. 1933-45 war die Vielfalt innerhalb Deutschlands doch erheblich eingeschränkt. Wieviele Lyriker (und nicht nur deutsche!) wurden verboten, ins Ausland, in den Selbstmord getrieben, zum Schweigen, zum Verstummen gebracht? Wieviele haben sich angepaßt, haben Verrenkungen  gemacht? Wieviele wurden totgeschlagen? Wieviele von servilen Kritikern und Germanisten verhöhnt, verleumdet, totgeschwiegen? Was wurde dafür hochgelobt? Wieviele künftige Talente starben als halbe Kinder im Krieg? Wieviele polnische, serbische, ungarische, wieviele jüdische Dichter, wieviele künftige Nobelpreisträger starben durch Krieg und Terror? Um nur einen einzigen zu nennen: der ungarische Dichter Miklós Radnóti wurde im November 1944 von SS-Leuten erschossen. In seiner Tasche lagen blutbeschmierte letzte Gedichte. 1967, in den von uns unterschiedlich beurteilten 60er Jahren, erschienen sie auf Deutsch. Nein, ich teile Ihre Meinung nicht (aber ich habe sie in jener Meldung ausführlich zitiert, weit mehr als einen Satz)**.

Diesmal bekam ich keine Antwort (er reagiert ja nicht auf jede Polemik).

Meine Nachricht vom 5.6. 2008 hatte noch eine Anmerkung:

**) Wer mag, lese Lammlas Gedichte, z.B. dies hier, das quasi direkt zum Thema ist. Hätte ich ihn damals genauer gelesen, hätte ich weniger zitiert oder mehr kommentiert. Sein Kamerad bin ich nun doch nicht, und seine Ästhetik? Pah, das gibts, und L&Poe ist ein Ort, zu dokumentieren und archivieren, was es gibt. Hiermit geschehen.

7. Lammla nennt mich Denunziant und Entlarver, weil ich von seinem Gedicht „Quisqualis“ schreibe, hier rede er einmal Klartext. Es handelt sich um ebenjenes Gedicht, das ich Anfang Juni 2008 in der Anmerkung kommentiert und verlinkt habe. Den Artikel der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ vom 18. Juli 2008 kannte ich da noch nicht. Herr L. hätte es leicht über Google herausfinden können. In seinem Kommentar schreibt er:

Er hat es in Windeseile geschafft, aus 30.000 Versen genau das Gedicht herauszufinden, wo ich angeblich den Klartext rede, den ich ansonsten vermissen lasse. Dabei konnte er auf Vorarbeit zurückgreifen, denn einige Beflissene waren bereits dem Wink der „Jungen Freiheit“ nachgegangen, ich schreckte vor Tabu-Themen nicht zurück, und hatten das Gedicht „Quisqualis“ aus seinem Zusammenhang herausgelöst und zum Credo des Dichters erhoben.

Neinnein, der Vorarbeit dieses Blattes bedurfte ich nicht. Ich bin es gewöhnt, selber zu lesen, statt „Unverstandenes nach(zu)plappern“ – ich sagte es schon eingangs. Ich habe zwar nicht behauptet, daß in diesem Gedicht die „Gestimmtheit“  oder das Credo des Vieldichters stecke, aber es ist da. Und so läßt er sich herbei, darauf einzugehen:

Auch wenn einzig die denunziatorische Absicht dafür spricht, an diesem einzelnen Gedicht die Gestimmtheit meines umfangreichen Werkes festzumachen, will ich dennoch auf den Inhalt dieser Verse eingehen.

Allerdings beschränkt sich sein Eingehen auf den „Rassegedanken“, den er vor der modernen biologistischen Sicht verteidigen will:

Seit Jahrtausenden haben die Menschen mit dem Begriff der Rasse opperiert [sic], durchaus nicht nur für Pferde oder Hunde, sondern für Menschen. Auch wenn, wie ausdrücklich im Gedicht eingeräumt wird, unsere Zeit nichts von diesem Begriff wissen will, besteht er im kollektiven Unbewußtsein weiter und ist damit ein Thema des Dichters. Das Gedicht wendet sich gegen einen biologistischen Ansatz, der gerade modern und nicht tradiert ist, und interpretiert Rasse als Erbe des Glaubens. Dies hat keinerlei Überlegenheitsgeste oder irgendeinen Herrschaftsanspruch, sondern ist einfach eine Suche nach Selbsterkenntnis. Daß im Nationalsozialismus tief verwurzelte Symbole politisch eingesetzt wurden, ändert nichts daran, daß diese Symbole mit verborgenen Wünschen und Sehnsüchten
korrespondieren. Wenn es gewisse Leute nun verbieten wollen, diese Wünsche und Sehnsüchte zu kennen oder anzuerkennen, ist dies ein ganz unerträglicher Dogmatismus und geradezu das Gegenteil von Freiheit und Selbstbestimmung.

Wenn ich von Klartext sprach, meinte ich indes etwas mehr. Das Gedicht selbst bringt ja das „Sonnensymbol“ explizit in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. In seinem Namen seien Verbrechen begangen worden, sagen die Lehrer dem Kind; aber etwas in ihm (der Rassegedanke eben!) wehrt sich, und schließlich erkennt der Herangewachsene, daß es vom Feind ersonnene Märchen sind. Was gibts da falsch zu verstehen? Aber davon schweigt er.

Der gehobenen rechten Postille gefällt das Gedicht. So stand es in der „Jungen Freiheit“ vom 18.7. 2008:

Sowohl die Wahl der Themen und Bilder als auch die strenge Form ihrer Verarbeitung zeigen an, daß der Autor die gegenwärtig gängigen Denk- und Werteschablonen nicht nur meidet, sondern ihnen fundamental entgegentritt. So beschwört er in „Polemos“ (Idäisches Licht) den Krieg in schicksalsschweren Versen mit Heraklit als den „Vater aller Dinge“. Die „Burg der Gefahren“ (Deutsche Passion) – das ist das hedonistisch-merkantile Treiben, welches wir als Konjunktur und Aufschwung zu sehen gewohnt sind. Uwe Lammla scheut selbst vor heißesten Eisen nicht zurück. „Bist du von Rasse …“ hebt eines seiner Gedichte an.

8. Ist Lammla ein begnadeter Dichter? Wer es glaubt, wird es sich von mir nicht ausreden lassen. Meine Nachricht vom 22.9. war eine ironische Reaktion auf einen Bericht der Ostthüringer Zeitung, der das Wort zitierte. „Thüringen, ist da noch was?“, war meine Schlußfrage. Ich frage es noch.

In seinem Buch „Erlkönig“ (bei Google-Buchsuche auffindbar) schreibt Lammla, daß er es gut fand, als ihn „ein Freund als Dichter in die Netz-Enzyklopädie Wikipedia eintrug und einen Artikel schrieb“. Den Namen des Freundes nennt er nicht. In einer alten, bei Wikipedia nicht mehr auffindbaren Fassung, die ich mir am 9.6. 2008 gespeichert habe, steht:

„Die Verse sprechen für sich. Es ist der alte Unterschied von Kunst und Gutgemeint. Lammla hat es eben, und tausend andere haben es nicht (werdens auch nie erjagen).“ Rolf Schilling, Dichter

Wer ist Rolf Schilling, Dichter?  Google weiß: „einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts – wenn nicht gar der Dichter des 21. Jahrhunderts“. (Noch ein verkanntes Genie) Das steht bei einem der neurechten Szene verbundenen „Neofolk“-Seite. Auf der aktuellsten Version des Lammla-Artikels bei Wikipedia (15.8. 09) fehlt das Schilling-Zitat. Ich empfehle dies Ihrer (jetzt nicht Lammlas, sondern meiner Leser) geneigten Kenntnisnahme:

Uwe Lammla lernte nach dem Abitur in Leipzig Buchhändler und reiste nach kurzer Berufstätigkeit 1984 nach Bayern aus. In München studierte er Philosophie und gab die Werke des Dichters Rolf Schilling heraus. Er schrieb vor allem Gedichte, in jüngster Zeit auch Dramen und Essays. Im Mittelpunkt seiner Gedichte stehen der lutherische Glaube, das antike Erbe, die nationale Identität und die Heimat. Uwe Lammla ist Mitglied im Palmbaum Thüringische literarhistorische Gesellschaft Jena, in der Literarischen Gesellschaft Thüringen Weimar, im Friedrich Bödecker Kreis Erfurt, in der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft Eckernförde sowie in diversen Thüringer Heimatvereinen.

Dichtung

Der Althistoriker Johannes Nollé schrieb zu Lammlas Gedichten: „Lammla hat sich freigemacht von den Zwängen, Anerkennung zu finden, und damit Dichter-Freiheit gewonnen, die nur auf das hört und allein auf das ausgerichtet ist, was Bedeutung hat. Und wie für Hölderlin die Dichter frei sind wie Schwalben, hängt sich Lammla an die vielgestaltigen Vogelzüge, die ihn mit der Traumwelt, d.h. mit der göttlichen Offenbarung, in Verbindung bringen.“[1]
Seiner Ankennung unter allerlei fachfremden Wissenschaftlern (Historiker, Theologen, Chemiker, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, Politologen) steht ein weitgehendes Schweigen der Literaturkritik und Literaturwissenschaft gegenüber. Dies könnte damit zusammenhängen, dass Lammla in seinem dichterischen Stil und auch in seinen teils polemischen Essays die Gegenwartsliteratur angreift und ablehnt. Thematik und Formenkanon speisen sich vor allem aus der deutschen Tradition vor 1960. Unbestritten scheint die Vielfalt der Themen, die er in tradierten Formen gestaltet. Sogar seine Dramen zu antiken und mittelalterlichen Stoffen, aber auch über die letzte Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt, die 1951 in der DDR starb, sind in gereimten Jamben ausgeführt. Eine Nähe zu rechtskonservativem Denken zeigt er mit seinen Beiträgen im „Jahrbuch für Natur und Mythos“[2].

[Hinweis: das hier Eingerückte ist ein Wikipedia-Artikel – nicht von mir und nicht meiner Meinung]

Lammla in L&Poe:

2008    Feb    #31.    Wiedergeburt der deutschen Dichtung (Faul seit 1945)
2008    Jun    #22.    Antwort
2009    Mrz    #143.    Neue Generation?

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158. Gedicht

ES GAB SCHON BESSERE ZEITEN AN DER SPITZE,
Die Eitelkeit, das Intertextuelle,
Die Einzigartigkeit, Gedichtappelle,
Ach, Dichter, wie ihr irrt, denn eure Blitze

Die, repariert, die Netzwerke erfassen,
Die Sickergruben vor den Heizperioden,
Erfüllen das Vermächtnis von Dioden:
Den Strom in eine Richtung durchzulassen,

In eine Richtung nur, die andere
Ist isoliert, Diskurse, Demutsglück,
Aus Angst und Angst und Feiertagsbefeuchtung,

Ich kann gut denken, wenn ich wandere
Von Heidelberg nach Ansbach und zurück,
Ich hoffe, unterwegs kommt die Erleuchtung.

/ Thomas Kunst (Leipzig)

157. UNPAVED TERRAIN

Poet Lucia Perillo talks about her poetry, her disability, and her changing relationship with nature.

By Maria McLeod
Poetry Media Service

Maria McLeod: Lucia, your background and early training doesn’t include writing. I wonder, as someone who has taken a more nontraditional route, how did you enter the field?
Lucia Perrillo: In 1980, I had just gotten a job at the Denver Wildlife Research Center. I believe that place is closed now, but it was an animal damage control facility, meaning that it researched ways to kill animals to keep them from destroying livestock or agricultural crops.
We killed coyotes; we killed birds. I killed lots of things. So I graduated with this degree in wildlife biology to go off and study wildlife, and I end up killing wildlife. So it was really a weird time, a troubling year in my life.
But how I got into writing was this way: I was a single woman living in this strange city, and I didn’t have any friends. I didn’t want to go to a bar alone, but I discovered that I could go to plays alone, and it wasn’t weird, or I could go to poetry readings alone. So, it was just a way to have places to go at night that would be safe. And that’s how I came to poetry, too, by going to open mics, and just kind of stumbling into them, because it was something you could do.
Also, when I lived in Denver, I saw Gregory Corso and Allen Ginsberg read in Boulder. Ginsberg played with the band, and Gregory Corso’s wife was drunk and got bounced from the bar. The whole thing was very surreal. I remember that Gregory Corso’s wife stood up on a chair and then started screaming, „Where’s mah man?  Where’s mah man?“ [laughter] And I remember that he said something about her. „My wife just got bounced!“
MM: When you left Denver, what did you do after that?
LP: I went to California in 1981. I got a job at the San Francisco Bay Wildlife Refuge. I did a variety of things, but I led a lot of nature walks around southern San Francisco Bay.
Again, I didn’t know very many people. I lived in Palo Alto, and I was writing a lot, and one day I pedaled my bike over to this writing workshop at the local community college. I saw this man give a talk, and I don’t even remember what the talk was about, but he had a captivating presence. I learned that he was giving a class at San Jose State, a night class, a poetry-writing workshop. That was Bob Hass. So I went and enrolled in his workshop.
MM: When I read Dangerous Life [Perillo’s first book, published in 1989] again in preparation for this interview, I looked for repeated themes. In the end, I decided it was a book about victimization, about calling attention to the victimizers and the victim. What was that book about for you?
LP: I don’t know why I was so interested in victimization, or I felt that I had been victimized as a woman. Certainly I was a person of privilege. I’ve never been a victim of a violent crime. I’ve never been raped, never had an abortion. I mean, I’ve lived sort of in a bubble. Maybe I felt like I had to create that myth for myself, or these violent events, because I hadn’t had one. . . . But I will say that I became less interested in women’s issues when my identity as a woman was subsumed by my identity as a person who was sick. It was in ‘88 that I was diagnosed with MS [multiple sclerosis]. Then that identity overtook these earlier concerns because they paled. My earlier feminist concerns, my feelings of discrimination, were small potatoes compared to what I was up against subsequent to that. I acquired a new identity. Now, you know, I don’t even feel like a woman anymore. I don’t feel that’s my primary identity. It stopped being my concern. I felt that: Oh, I’m this other thing now.
MM: So in 1988, was Dangerous Life completed as a manuscript at the time you were diagnosed?
LP: It was already complete, and it was already in [with the publisher].  The funny thing is that it has an epigraph from Nietzsche at the beginning of the book, “I sometimes think that I lead a highly dangerous life since I’m one of those machines that can burst apart!” But when the book came out, Tess Gallagher pointed it out to me. She said, „Oh, you’ve got this epigraph. Were you already diagnosed with MS?“ But no, the book was already created before that. So it was a little prophecy from Nietzsche.
MM: Your book of essays, I’ve Heard the Vultures Singing: Field Notes on Poetry, Illness, and Nature, was published by Trinity University Press in 2007. It seems that your work as a researcher is especially evident in that book. In fact, you mention conducting research in the essay “Knowledge Game: Gulls.” You call a person from Audubon and you ask what kind of gulls you are seeing. But you also really study them, read about them. Can you tell me what brought this book of essays about for you?

LP: A friend of mine, a nonfiction writer and journalist, said, „Well, you should write about your life,“ prose about my life. So I wrote some prose about my life. There was not too much to say about having a terrible disease. I hadn’t really figured out what I would say about it except it sucks, you know. But that’s not a very profound statement. So I decided that I would write about the kind of interactions you can still have with nature as a disabled person. It’s hard because you don’t have the ability to go on unpaved terrain anymore. I lost that thing that I really loved, and what could I still do? It was a way of making little projects for myself. I had to write the essays, so I had to go look at the gull so I could write the essay.

Maria McLeod is a Bellingham, Washington-based poet, freelance writer and documentarian. She authored a history of the Washington state Department of Ecology, which was published in 2005. This article first appeared on http://www.poetryfoundation.org. Learn more about Lucia Perillo, and her poetry, at www.poetryfoundation.org.

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