Denis Scheck: „Die Antwort“ wurde zu einem sehr populären Gedicht in China, denn viele dachten, das Gedicht spräche Themen an, die in ihrer und der jüngeren Generation in der Demokratiebewegung heiß diskutiert werden. Verstehen Sie sich als eine Art Sprachrohr dieser Generation?
Bei Dao: Dem liegt ein gewisses Missverständnis zugrunde. Der erste Entwurf dieses Gedichts stammt aus dem Jahr 1973, zuerst veröffentlicht wurde es 1976. Es gab also eine große zeitliche Lücke in der Rezeption, bis dieses Gedicht seine Leser wirklich erreicht hat und verstanden wurde. Ich halte „Die Antwort“ weder für mein Meisterwerk noch halte ich mich selbst für ein Sprachrohr meiner Generation.
Scheck: Ihr berühmter Kollege Gottfried Benn sagte einmal, „sechs bis acht vollendete Gedichte“ reichten für Dichterkarriere vollauf. Wie viele vollendete Gedichte muss Bei Dao schreiben?
Bei Dao: Noch ist mir kein Gedicht gelungen, das ich für vollendet halte.
/ DLF Büchermarkt 11.10.
FOCUS Online: Ist es nicht auch absurd, dass Pastior keinen übermäßigen Erfolg als Schriftsteller* hatte und jetzt dafür als literarische Figur groß herauskommt?
Bürger: Ich bitte Sie! Wenn der Büchnerpreis, der bedeutendste deutsche Literaturpreis, nicht das Gegenteil von Erfolglosigkeit ist. Als Lyriker hatte Pastior naturgemäß nicht so viel Aufmerksamkeit. Aber das ist bei den meisten Lyrikern der Fall.
FOCUS Online: Sie haben Herta Müller und Oskar Pastior zusammen erlebt, als sie vor einigen Jahren zu Ihnen ins Literaturarchiv nach Marbach kamen. Was haben die beiden dort gewollt?
Bürger: Sie wollten das Heft mit den Gedichten sehen, die Pastior während seiner Lagerzeit geschrieben hat. Das Heft war schon länger im Besitz unseres Archivs.
FOCUS Online: Die Gedichte sind auf braunes Zementsackpapier geschrieben. Ein Detail, das auch im Roman „Atemschaukel“ vorkommt.
Bürger: Ja. Es gab im Arbeitslager kein Papier, schon gar keine Schreibhefte. Pastior hat sich also aus Abfall ein Heft gebunden, um seine frühen, noch ganz romantischen Gedichte zu fixieren, die ihm lebenswichtig waren.
/ Focus
* er war eben – wie Herta Müller – ein (Uns) wenig bekannter Lyriker aus Rumänien. Okay, ich bin des ironischen Tons nun satt… Natürlich kam der Büchnerpreis spät, er hat ihn ja nicht mal mehr erlebt. Natürlich ist es trotzdem Unsinn, von Erfolglosigkeit zu sprechen. Er war präsent, er hat in die Zeitschriften gefunden, zahlreiche Bücher erschienen, Tonträger, schließlich eine Werkausgabe. Pastior hatte das Glück, daß sich große Verlage ebenso wie kleine engagierten – ich nenne die wunderbaren Ausgaben bei Urs Engeler und Klaus G. Renner. Jeder, der wollte, konnte ihn lesen und hören. Und die anderen eben nicht. Selbst gebildete, belesene Menschen sind kaum mit der Lyrik vertraut, lese ich bei Adam Zagajewski, wörtlich: „es gibt Literaturprofessoren, die nur Prosa lesen“ (Sinn und Form 5/ 2009, S. 664). Wer kennt den Namen eines lebenden Dichters, fragt Kehle? Das ist der Stand der Dinge, cum grano salis auch bei der New York Times und sogar beim Focus.
Andrea Heusers winzige lyrische Welten sind ständig in Bewegung. Ihr Gedichtsband vor dem verschwinden, der sechs Zyklen umfasst, beginnt mit einem Auftakt, einem Schritt nach vorn: glück, ich ging weiter. Wenn das zweite Kapitel der Gedichte, vor dem verschwinden, das erste ablöst, bleibt die Fortbewegung. WERFEN, LOBEN, TIEFER FLIEGEN, SCHLÜPFEN, STEHEN, GEHEN. Verben voller Dynamik und Unbeständigkeit betiteln die Gedichte und vereinen den zweiten Zyklus zu einem großen Prozess, der sich mit kreisenden Bewegungen verlangsamt…
noch, noch einmal DREHEN, sich drehen,
… bis sich Heusers lyrische Stimme im dritten Zyklus ins ohr verleibt – und dort mit fernöstlicher Kulisse in dreizeiligen Gedichten verdichtet.
HABIBI [arab.: Schätzchen]
höre das vogelzwitschern
in meiner geschlossenen
hand
Nachtrag zum National Poetry Day:
Mehr als die Hälfte der Grundschullehrer kann höchstens 2 Namen von Dichtern nennen, zeigte eine Studie. 58 % kannten 1, 2 oder gar keinen Namen. Die Studie der Open University, Cambridge und Reading, warnt davor, daß die „sehr begrenzte“ Lyrikkenntnis der Lehrer die Lesefähigkeit der Kinder schwäche. 22 % der 1200 befragten Lehrer konnten überhaupt keinen Dichter nennen, und nur 10 % fielen die verlangten 6 Namen ein. / Daily Mail 9.10.
Die Auszeichnung wird alle drei Jahre verliehen und ist mit 5000 Euro dotiert. Erster Preisträger war 2006 der 34-jährige Berliner Lyriker Jan Wagner, der an Rinck die geistige Beweglichkeit und assoziative Energie bewundert. Nach dem Urteil der Jury, der neben Wagner auch Vertreter des P.E.N. Zentrums Deutschland, ein Literaturwissenschaftler der University Detroit und Reinfrank-Verleger Dr. Volkhard Brandes angehören, zählt die Preisträgerin zu den wichtigsten Stimmen ihrer Generation. / Nikolaus Meyer, Schwetzinger Zeitung
Es ist … nicht übertrieben zu behaupten, daß die beiden kundigen Herausgeber der Anthologie „Der gelbe Akrobat“, Michael Braun und Michael Buselmeier, sich seit 1991 daranmachen zu überprüfen, wie ernst es dieser oder jener Dichter denn damit genommen habe, sich mit seinem Schreiben „in Gefahr“ zu begeben. Ihre zuerst in der Wochenzeitung „freitag“ erschienenen Kolumnen zur Lyrik sind nun in einer vorzüglichen Edition des Leipziger Verlages Poetenladen auch gesammelt als Buch erhältlich.
Dieses Buch schlägt, ähnlich wie unlängst die Anthologie „Laute Verse“, auch für ungeübte Gedichteleser einen bisweilen nicht unkritischen Trampelpfad ins lyrische Gelände. Enzensberger wird für seinen „zynischen Spott“ gerügt, den er in einem Gedicht über den gealterten Revolutionsführer Fidel Castro ausschüttet, „satirische Denunziation“ nennt der Verfasser das poetische Pinzip, mit dem Enzensberger versuche, Castros „Alte Revolution“ bloßzustellen. Und der Münchner Autor Albert Ostermaier, der mit Vorliebe „forciert modische Vokabeln“ verwendet, wird kurzerhand des „demonstrativen Vitalismus“ geziehen.
Doch gesellen sich neben diese abgeklärten bzw.lauttönenden Poeten in dem Buch doch auch sehr viele wenig Bekannte oder am literarischen Rand stehende Autoren, deren Namen man so gut wie nie im Feuilleton liest: der, heute in Finnland lebende und an Paul Celan anknüpfende Manfred Peter Hein; der eigensinnige und wortgewaltige Dresdner Wolfgang Dietrich; der viel zu wenig bekannte, viel zu früh aus dem Leben geschiedene Andreas Holzschuh*; der nahezu unbekannt gebliebene Pfälzer Wortartist Werner Laubscher.
„Der gelbe Akrobat“ ist im übrigen ein Buch, in dem sich auf wundersame Weise Poesie und Zeitgeschichte begegnen, eines, das gewissermaßen durch die poetische Hintertür, ein Stück Geschichte der DDR wie der alten Bundesrepublik (mit)erzählt. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 9.10.
Michael Braun / Michael Buselmeier (Hg.): Der gelbe Akrobat, Verlag Poetenladen, Leipzig 2009. 360 S., 19,95 Euro.
*) Holschuh (s. Kommentare)
Das ist nett von den Briten, daß sie meinen Hochzeitstag und den Geburtstag des Hamburger Dichters Wilhelm Fink, den 8.10., zu ihrem Nationalen Lyriktag gemacht haben.
Der Tag wird im ganzen Land mit einer Vielzahl Veranstaltungen begangen, vom Nachmittagstee mit Wendy Cope in Wyeside, „zufälligen Akten poetischer Freundlichkeit“ der Dichterin Sally Crabtree in Truro und einem Jazz Poetry Superjam in London.
Das weltgrößte gestrickte Gedicht, von über 1000 Helfern geschaffen, die jeweils einzelne Buchstaben strickten, wurde vor der British Library entrollt. Es mißt 13 x 8,7 m und besteht aus über 1200 Vierecken, die das Gedicht „In My Craft or Sullen Art“ von Dylan Thomas bilden. Ausgedacht hat sich das die Direktorin der Poetry Society, Judith Palmer.
Poet laureate Duffy hat zum Anlaß ein Gedicht geschrieben zum Thema Helden und Heldinnen. Es geht um Atlas,
„crouched on one knee in the dark / with the Earth on his back … and rivers, he holds the rivers, / holds the Amazon, Ganges, Nile, hero, hero, … Give him strength, strong girth, for elephants, / tigers, snow leopards, polar bears, bees, bats, / the last ounce of a humming-bird.“
Zugleich teilte sie mit, daß sie Gründungspatronin eines neuen Lyrikfestivals in Shropshire im kommenden April sein wird. „Lyrikfestivals sind das Herzblut der Lyrik im Vereinigten Königreich – die zauberhaften, denkwürdigen Gelegenheiten, bei denen Jung und Alt die lebendigen Stimmen der Dichter hören kann“, sagte Duffy. „Und Much Wenlock ist der perfekte Ort für ein Lyrikfestival; eine freundliche Stadt mitten in Housman-Land, mit herrlichen Kneipen, phantastischen Spazierwegen, guten Unterkünften und einer wunderbaren unabhängigen Buchhandlung.“ Die Veranstalterin, die Buchhändlerin Anna Dreda, sagte, in der Gegend gebe es einen gewaltigen Appetit auf Lyrik.
Am Vortag wurden auch die Gewinner des Forward Prize bekanntgegeben. Der schottische Dichter Don Paterson gewann den mit £10,000 dotierten Preis für den besten Gedichtband für „Rain“, Robin Robertson erhielt den Preis für das beste Einzelgedicht und „The Striped World“ der australischen Lyrikerin Emma Jones wurde als bester Debütband ausgezeichnet. / Guardian 8.10.
Der fordernde Klang von Kiplings „If“ mag ihm 1995 einen überwältigenden Sieg bei der Abstimmung über das Lieblingsgedicht der Nation beschert haben, in den folgenden 14 Jahren scheint der Lesergeschmack im Vereinigten Königreich ins Modernistische gedriftet zu sein, denn BBC verkündete heute die neusten Ergebnisse, nach denen TS Eliot vorn liegt.
Bei dieser Onlineumfrage, die zum National Poetry Day verkündet wurde, lag Eliot knapp vor John Donne. In der recht eklektischen 10er-Liste liegt Rastafari-Dub-Dichter Benjamin Zephaniah auf Platz 3 (der einzige lebende Dichter auf der Liste), keine Poetin ist dabei, nicht einmal die Poet laureate Carol Ann Duffy oder Sylvia Plath. Auf den Plätzen: Wilfred Owen, Philip Larkin, William Blake, William Butler Yeats, John Betjeman, John Keats and Dylan Thomas. / Guardian 8.10.
Die New York Times veröffentlicht einen AP-Artikel, der so beginnt:
Herta Müller, eine wenig bekannte, in Rumänien geborene Autorin, die wegen der kritischen Darstellung des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang verfolgt wurde, gewinnt den Literaturnobelpreis 2009 – eine Auszeichnung, die auf den 20. Jahrestag des Zusammenbruchs des Kommunismus verweisen soll.
Die Entscheidung wird die Kontroverse um die Tendenz der Akademie beleben, den Preis an europäische Autoren zu vergeben.*
Nunja – wer etwas „wenig bekannt“ nennt, verortet sich selbst. Ich will mich ja nicht mit Amerika vergleichen: mir ist der Name ein Begriff, seit ich in den 70er Jahren zum erstenmal einen Satz von ihr in einer rumäniendeutschen Zeitschrift las. Eine irre, elektrisierende Prosa! Von deutschen Zeitungen jedenfalls erwarte ich zuversichtlich, wenn ein in Deutschland wenig gedruckter Autor ausgezeichnet wird, was schon vorgekommen ist, daß sie nicht nörgeln, sondern erschrocken sagen: O, das müssen wir schnell nachholen! In den Staaten ist man nicht so zimperlich:
Der allgemeine Konsens in den letzten Jahren [allgemein-amerikanisch, soll das heißen!] sei, daß der Nobelpreis ein „Witz“ sei, wie Roger Straus, Ko-Gründer von Farrar, Straus and Giroux einmal sagte, oder, wie es Charles McGrath, früherer Herausgeber der New York Times Book Review, diplomatischer ausdrückte, ein „großes Mysterium“. / L&Poe 2006 Okt #37. Nobelwetten und Damenfußball
Weiter hieß es in dem damaligen Bericht über amerikanische Reaktionen:
Der ideale Kandidat für den Nobelpreis wäre eine Lesbe aus Asien, so zitiert der Meinungs-Leader (bzw. seine Autorin), und deutet gar an, Czeslaw Milosz 1980 und William Butler Yeats 1923 hätten den Preis primär aus politischen Gründen bekommen.
* Also Europäer wie Nagib Mahfus, 1988 (Ägypten), Octavio Paz, 1990 (Mexiko), Nadine Gordimer, 1991 (Südafrika), Derek Walcott, 1992 (Karibik), Toni Morrison, 1993 (Afro-USA), Kenzaburo Oe, 1994 (Japan), Gao Xingjian, 2000 (China – nach offiziell chinesischer Ansicht aber Franzose), V. S. Naipaul, 2001 (Karibik), J. M. Coetzee, 2003 (Südafrika), Orhan Pamuk, 2006 (Türkei), Doris Lessing, 2007 (Britin, geboren in Iran). Irgendwie stimmts schon – nicht nur bei Pamuk.
Thomas Kunst schreibt:
daß herta müller den nobelpreis bekommen hat: macht mich sprachlos vor glück: habe gerade vor zwei tagen ihren roman „atemschaukel“ ausgelesen: der ist sprachlich eine sensation: für mich auf einer stufe mit coetzee´s „leben und zeit des michael k.“…der den preis ja gottseidank 2003 bekam
Erste Pressestimmen:
«Müller zeichnet mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit», hiess es in der Begründung. Die diesjährige Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller ist eine «Chronistin des Alltagslebens in der Diktatur», die ihre Kindheit in Rumänien als Schule der Angst durchlebt hat und davon in ihren Werken beredet und bedrückend Zeugnis ablegt.
Seit Anfang der 90er-Jahre und der Übersetzung ihrer Werke in mehr als 20 Sprachen gehört Müller mit Büchern wie «Der Fuchs war damals schon ein Jäger», «Herztier» und «Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet» zu den wichtigen Autoren im internationalen Literaturbetrieb.
Das Lebenswerk der heute 56-Jährigen deutsch-rumänischen Autorin zeugt von schmerzhaften Erinnerungen an eine düstere Vergangenheit unter dem Ceausescu-Regime, dem die Autorin erst 1987 entkommen konnte, als sie zusammen mit ihrem damaligen Mann Richard Wagner die Ausreise beantragte und nach Deutschland ausreiste. / Basler Zeitung
Warum deutsche Literatur besser ist als englische
Herta Müller, Elfriede Jelinek, Günter Grass: Drei Nobelpreise für deutschsprachige Autoren in den letzten zehn Jahren sind eine fast sagenhafte Quote. Hier die Gründe. (schreibt phz, Basler Zeitung)
In L&Poe:
2001 Feb # Kurzrezensionen
2001 Mai # Wenn du zum Weibe gehst
2001 Mai # Münsters 12tes Lyrikertreffen
2001 Aug #12. Kurz gemeldet
2001 Okt # „Einmal werden wir noch wach“
2003 Jul # Lyrik an Litfaßsäulen 3
2003 Dez # Lyrik aus Rumänien
2004 Feb #23. Zeitverhafteter, aber jetzt wiederentdeckter rumänischer Avantgardist
2004 Mai #89. Kramer 2: Das Vulgäre, Poetische
2004 Jun #61. poesiefestival berlin 2004: Lyrik für die Stadt
2004 Sep #41. Tiroler Literaturtage in Hall
2004 Dez #35. Richard Wagner, Einwanderer
2005 Feb #51. Heiner-Müller-Professur
2005 Sep #5. Alphabet der Welt
2005 Sep #89. Sie hats nicht begriffen
2005 Okt #11. Empfehlung
2005 Okt #80. Worterfinderin
2005 Nov #30. Rumäniendeutsch auf Französisch
2005 Dez #37. Herta Müllers Collagengedichte
2006 Mrz #1. Walter-Hasenclever-Preis für Herta Müller
2006 Mrz #125. Die Wörtersammlerin
2006 Mai #43. Büchnerpreis für Oskar Pastior
2006 Sep #79. Hasenclever-Literaturpreis an Herta Müller
2006 Okt #132. Poesie der Nachbarn: Vorwärts, ihr Kampfschildkröten
2007 Feb #113. Erinnerung an Oskar Pastior
2007 Mrz #22. Eulenspiegel (Ost) schluckt Rotbuch (West)
2007 Mrz #49. Entdeckungsgeschichten
2007 Mrz #124. Dirigentin des Phantastischen: Nora Iuga
2007 Sep #115. Poesiefestival in Hermannstadt/Sibiu
2007 Nov #89. Schneeverrat
2008 Feb #44. Flamme über Turrinis Knie
2008 Apr #38. Die blassen Herren mit den Mokkatassen
2008 Apr #134. Neuer Oskar-Pastior-Preis
2008 Nov #122. Hungerengel
2009 Mai #7. Lyrikjahrbuch 2009
2009 Jun #44. Eine Sprache finden
2009 Jul #67. Nora Iuga im Lyrik Kabinett
2009 Jul #99. Ostprodukte (4): Die Leserbriefschreiber und die Securitate
2009 Jul #100. MIT DER GESCHWINDIGKEIT DES SOMMERS
2009 Aug #132. Für den deutschen …
2009 Sep #1. 29. Erlanger Poetenfest – 27. bis 30. August 2009
In der Nacht zum [vorigen] Dienstag, kurz vor seinem 100. Geburtstag, ist der spanische Dichter José Antonio Muñoz Rojas gestorben. Er hatte für seine Schriften zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter 1998 den spanischen Nationalpreis für Poesie. Neben Gedichten verfasste er Erzählungen, juristische Abhandlungen und Reiseberichte. Er gehörte zum Umkreis der Dichtergruppe der „Generation von 27“ um Poeten wie Vicente Aleixandre, Federico García Lorca oder Rafael Alberti. / SZ 30.9.
Mehr: El país 29.9.
Sein 100. Geburtstag ist nicht der 9., sondern der 8.10., heute – Die Zeitung seines Heimatortes Antequera, Andalusien, berichtigt diesbezügliche Pressemeldungen.
Der Berliner Lyriker Jan Wagner ist der erste Wilhelm-Lehmann-Preisträger. Darauf einigte sich die Jury der Gesellschaft, bestehend aus den Literatur-Professoren Heinrich Detering aus Göttingen und Uwe Pörksen aus Freiburg, Lothar Müller und Schauspieler Hans Zischler aus Berlin sowie Propst Knut Kammholz aus Eckernförde. Der mit 10000 Euro dotierte Preis wird dem Lyriker an einem noch festzulegenden Termin Ende des Jahres übergeben. / Kieler Nachrichten 6.10.
Mit seiner mutigen und mit Bedacht edierten Anthologie „alles außer Tiernahrung. Neue politische Gedichte“ präsentiert der Augsburger Schriftsteller Tom Schulz nun die politische Lyrik der heutigen Generation…
Der Altersdurchschnitt der 25 von Schulz ausgewählten Autoren liegt etwa bei 35. Möglicherweise ist das gut so. Das Neue ist oft ein Privileg der jungen Generationen, gerade im Politischen. Revolutionäre waren selten älter als dreißig, Robespierre mal ausgenommen. Nun sind Lyriker keine Revolutionäre, aber viele tragen die Revolution im Kopf, oder zumindest die Veränderung. Es mag ein Zufall sein oder eine Kausalität, dass das Gros der Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen sich – gerade heute, gerade hier – als system- und konventionskritisch erweist. Ob sich das „links“ einordnen lässt sei dahingestellt. In jedem Fall sind es Menschen, die in ihrem Schaffen Bestehendes hinterfragen, betrachten, kritisieren, persiflieren, aber nur selten einfach akzeptieren. …
„Wie ein Grenzschutz wieder / eine Linie zieht, es muß, es / darf geschossen werden“, eröffnet Björn Kuhligk seine „Liebe in den Zeiten der EU“ und bricht das Meinhof-Zitat mit der Anspielung auf Marquez, nur um später die Reaktion auf Gleiwitz zu ergänzen. Es ist eine sprachgewaltige Lyrik, die um zahlreiche Ecken denkt, nicht Kampf-, sondern Denk- und Erkenntniszonen ausweitet. Das darf auch ganz offensiv polemisch sein wie bei Adrian Kasnitz: „dein slip, / wird er feucht beim anblick der flakons? bei musik, die der / kaufhaus-dj auflegt für deinen privaten cash-flow?“ Die Stimme der Irritation, der manchmal ratlosen oder auch ratenden Betrachtung findet sich, so etwa in „hot magenta“ der von Thomas Kling entdeckten Sabine Scho: „ein beau vor der gardine / notably pale, oder ein unwürdiger / tod bei lachs in der springer- / kantine, was ist so falsch / an farben?“ Hier wird gar nicht geurteilt, es wird nichtmal politisiert, es wird lediglich, fast sanft, auf die Bahnen der alltäglichen Wahrnehmung verwiesen, um sie zu hinterfragen. Passend dazu das wunderbare Gedicht von Simone Hirth, das augenzwinkernd-bissig unsere Alltagsignoranz über die Folgen unseres Handelns nachzeichnet: Von nichts will das lyrische Ich etwas wissen, „Nur diese eine Zitrone / will ich aus dem Fenster werfen, / und wo sie landet, das / interessiert mich ebenfalls nicht.“ / Gerrit Wustmann, Neue Rheinische Zeitung 7.10.
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