Was für ein Dichter! Was für große, klare, wahre, herrliche Gedichte. John Updike (1932 – 2009), dem Lesepublikum vor allem als Romanautor bekannt, hat zeitlebens auch Lyrik geschrieben. Eine Sammlung von Gedichten, die in des Autors letzten Lebensjahren entstanden sind, enthält dieser Band mit dem programmatischen Titel „Endpunkt“.
Obwohl dem privaten wie dem politischen Geschehen keineswegs entrückt („Irak geht weiter“, schreibt er im Jahr 2006, „ohne Vorhang, ein schlechtes Theaterstück“), begegnen wir hier einem Lyriker in Abschiedsstimmung: „Ich richte mich ein, in dem Jahrzehnt, in dem, / wie ich höre, die meisten Menschen sterben“, heißt es einmal, und in dem Gedicht „Verfassung mit 76“: „Wie nicht an den Tod denken?“ und „Bleibt bei mir, Wörter, bleibt noch ein bisschen“. / David Axmann, Wiener Zeitung 12.12.
John Updike: Endpunkt und andere Gedichte. Deutsch von S. Höbel und H. Frielinghaus. Rowohlt, Reinbek 2009, 109 Seiten, 19,90 Euro.
Ein Zwischendurchgang zum Bäcker bringt mir (die Assoziationskette begann beim Wort „Plunder“) noch ein Gedicht, das ich hier einrücke, bevor ich mich doch noch an mein Gutachten setze.
Die Romantiker sind nicht romantisch, sage ich gern. Sie sind eigentlich die ersten modernen Menschen, die den Gegensatz zwischen Waldsehnsucht und neuer Zeit austrugen und aushielten.
Joseph von Eichendorff ist nicht zu Pferd durch die Wälder geritten – er hat sie nur preußisch verwaltet. Und fuhr mit einer Netzkarte der Eisenbahn durchs nicht mehr existierende Reich. Modern ist auch dieses Gedicht (ebenfalls unphilologisch „as is“):
Der Isegrimm
Aktenstöße nachts verschlingen
schwatzen nach der Welt Gebrauch
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.
Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.
Aber andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.
Und so, weil ich in dem Drehen
Da steh oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen –
Mag sie’s halten, wie sie will!
„Jakob Wir schenken Dir einen iPod-touch“
heißt es in einer Spammail. Warum sie mich mit Jakob anreden, weiß ich jetzt nicht. Daß sie mich duzen, mißfällt mir. Leider habe ich grad keine Kneifzange zur Hand, und die Hosen sowieso seit ein paar Stunden schon an! Aber wenn Sie mir son Ding schenken wollen, legen Sies einfach vor der Tür ab. Aber nicht klingeln!
Ansonsten danke ich für die Erinnerung an ein Gedicht, das ich seit langem mag und hin und wieder benutze. Goethens Jugendfreund Lenz schrieb es, und es geht auf seine 3 Vornamen:
Ich bin ihr wahrer Jakob nicht
und auch ihr deutscher Michel nicht
Bin rein und hold nicht wie der Lenz
Ich: Jakob Michael Reinhold Lenz.
Seit ich das Gedicht kenne (auch jetzt auswendig zitiert, hier brauch ich keine Philologie), gehört es zu meiner Identität, da mein Name drinsteckt. Das fortzusschreiben, habe ich meinen Sohn Jakob genannt – so steckt er auch drin. Vielleicht klappts ja.
Meine Anthologie: Garstig.
Reich bin ich durch ich weiß nicht was,
man liest ein Buch und liegt im Gras.
Robert Walser
Leichtfüßig, peppig, spritzig kommen die satirisch grundierten, hier ironischen, dort sarkastischen, gelegentlich zynischen, mit Allusion, Echo und Versatzstück aus Dichtung und Volksmund durchwirkten, zwischen Sinn und Unsinn mäandernden, dem auf den Kopf gestellten Schein des Seins in rasant vorgetragenen Sequenzen auf die Schliche kommenden, bizarr wortschöpfenden, Alliteration, Annagramm und Reimprise einstreuenden, faszinierend verrückt assoziierenden, wortspielenden, zeilenspringenden Gedichte von Tom Schulz in Kanon vor dem Verschwinden daher. Hier dirigiert die surreale Lyrikschlagkraft, Oxymoron und Paradoxon tanzen den Pas de deux.
Ich / schrieb das schnell auf, bevor / der Moment in der verfluchten / Abgestorbenheit Kölns / wieder erlosch, heißt es in Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht Einen jener klassischen. Ich tue es Brinkmann gern nach. Und wenn ich an diesen blätterfallsüchtigen, dunklen, kühlen, nebligen, regnerischen, stürmischen letzten Tagen des Jahres wie Erich Kästner gefragt werde: Und wo bleibt das Positive, Herr Breuer?, kann ich wie der von Asterix nach dem Passierschein A 38 gefragte römische Amtsvorsteher des Hauses, das Verrückte macht ganz lässig antworten: Hier ist es doch: ⇐⇑⇒⇓
wie verrückt: Regen /
bella umbrella. seit Tagen
übernächtigt. Wolken
aus Granit.
Thien Tran
Wiedermal so ein Jahr den Styx hinunter
Peter Rühmkorf
Bereinigt um Bücher, deren nur scheinbar poetische Wortansammlungen ich auf keiner Seite lesenswert fand, versammle ich in der die Lyrikstationen 2009 abschließenden zwölften Station alle mir in diesem Jahr in die Hände gefallenen und gelesenen Lyrikeditionen mit der Zahl 2009 im Impressum, die ich in diesem Essay – exemplarisch – vorstelle und zum Abschluß einer jeder Station ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücke, wie, beispielsweise, Kevin Perrymans Der nicht verjährte Traum – sein neunter Gedichtband und der erste, den ich von ihm lese (am 9. November 2009 – so wird dieser Tag auch in der heute stark vernebelten Abgeschiedenheit der Eifel zum Festtag):
Bring einen Stein.
Trage zu unserem Singen bei.
Bring deinen Stein.
Du wirst ihn in den Bergen
aufgehoben haben,
ihn mit dir mitgetragen.
Leg ihn zu den anderen.
Dies ist, bei lyrischem Lichte betrachtet, eine schmerzhaft künstliche Auswahl für einen im Kern als persönliche Lesereise angelegten Text, vernachlässigt die Liste doch die möglicherweise eindrucksvolleren Bücher und Zeitschriften früherer Jahrgänge, die ich mir in diesem Jahr zu Gemüte führte – beispielsweise am 11. November André Schinkels resche Lyrik in Löwenpanneau (Mitteldeutscher Verlag, Halle 2007): Das große Gedicht An der Saale versetzt mich schlagartig zurück in den Augenblick, als ich mit UNI/vers(;)-Herausgeber Guillermo Deisler und uräus-Handpresse-Verleger Hans-Ulrich Prautzsch an jenem Fluß stand und wir am gegenüberliegenden Ufer mehrere Biber bei der Arbeit beobachteten; am 17. November Kim Jong-Dils konfuzianisch angehauchte Gedichte in Nachtkerze (Edition Peperkorn, Thunum/Ostfriesland 2003); am 29. November Günter Herburgers forschen Gang Im Gebirge (Luchterhand, München 1998) – und ohnehin den gesamten Bereich der Prosa, den ich in Bücher, Menschen und Fiktionen 2009 (www.poetenladen.de/theo-breuer-buchpreis-2009.htm), gleichsam Zwillingstext von Lyrikstationen 2009, vorstelle.
Wenn ich überhaupt einen interessanten Aspekt am Zusammenhang von Literatur und Jahrgang sehe, dann den, womit ich mich innerhalb eines Jahres literarisch konkret befaßt habe. Was aber tun wir nicht alles, um der grassierenden Unübersichtlichkeit zu trotzen und auf diese Weise das eine oder andere Buch sichtbar zu machen. Wir müssen auch 2009 von mehreren tausend neu gedruckten Gedichtbüchern ausgehen, unter denen sich möglicherweise ein Buch versteckt, das ich großartig fände, wenn ich es denn je läse. Angesichts dieser ungeheuren Zahl ziehe ich mich gern auf den einen wie auch immer gefundenen, hoffentlich einzigartigen Gedichtband zurück, der mich zunächst eine Stunde, einen Tag und sodann – mehr oder weniger – lebenslang begleitet. Am 4. Dezember (im Lyrikkalender lese ich das Gedicht Übersprung von Christian Röse) ist es Heinrich Deterings Wrist, von dem ich mich an diesem kalten Tag sehr gern in Birken- und Brachvogelwälder und blühende Dschungel im / Schotter zwischen den Gleisen verschleppen lasse.
So wird mir Lyrik von Tag zu Tag mehr zu einer Faktoren wie Auflage, Avantgarde, Autor, Bestenliste, Buch, Chimäre, Dramatik, Epoche, Favorit, Genie, Hörbuch, Idee, Jungvogel, Koryphäe, Leichtgewicht, Mode, Newcomer, Original, Preis, Programm, Quengler, Richtung, Star, Talent, Titel, Urgestein, Verlag, Wasserträger, Zeitgeist »usw.« usw. verschlingenden und amalgamierenden universalen Gestalt aus Klang, Rhythmus und Wort, deren in einem fort schwingender Sound jeden noch so hartnäckigen Tinnitus locker verdrängt, als ziehe [es] mir das rauschen / des weltalls ins ohr. (Dieter P. Meier-Lenz, Im Wortgestrüpp)
BAUMBEIN
Blaurosa Wolken,
der Wind aus den Seen,
die ausgeleuchteten Wälder
aus zweibeinigen Bäumen,
doppelt schlagen sie aus.
Flecken im Schatten und in Tränen
die Sonne trägt der Berg,
hängt durch in den Mitten.
Swantje Lichtenstein
Das 120 Titel umfassende Füllhorn der Anthologien, Einzeltitel, Magazine, Portale und Schachteleditionen, deren Zustandekommen ich den unterschiedlichsten (glücklichen) Zufällen verdanke, vermittelt hoffentlich einen einigermaßen exemplarisch-repräsentativen Querschnitt des vielköpfigen, kakophonen Chors, der 2009 im dichtbevölkerten lyrisch-deutschsprachigen Ameisenstaat mit mehr als vierhundert Editionen, Redaktionen, Verlagen und Handpressen (von denen sechsundfünfzig hier auftauchen) den Sound bestimmt:
Gedichtbücher von jüngeren und älteren, bekannten und weniger bekannten Autorinnen und Autoren, Bücher aus großen und kleinen Verlagen, die Anthologien, Einzeltitel, Essaybände, Gesamtausgaben, Magazine und Übersetzungen als Hardcoverband mit Schutzumschlag, Broschüre bzw. Taschenbuch, bibliophiles Kleinod oder Kunstschachtel in winzigen, kleinen, mittleren und größeren Auflagen in der Hoffnung veröffentlichen, Leserinnen und Leser zu finden, die diese Bücher ihren Sammlungen einverleiben wollen.
Books on Demand werden nur auf Bestellung erstellt, sie sind nie vergriffen, aber auch in keiner Buchhandlung präsent. Wie wohl wirkt sich das auf die Auflage aus? Ich jedenfalls lasse mich immer wieder gern vom vielgestaltigen Programm der Lyrikedition 2000 anlocken und lese auch im Verlauf dieses Jahres wieder eine Reihe mich stark anregender Gedichtbücher aus dieser seit einiger Zeit von Heike Hauf betreuten Edition – so Ulrich Kochs Lang ist ein kurzes Wort (Der Mond war ein Leckstein auf der Pferdeweide), Swantje Lichtensteins Landen, Ludwig Steinherrs Kometenjagd sowie Nikola Richters do-re-mi-maschine, die vom ersten Gedicht an schwungvoll rotiert:
er kann jetzt nicht mit dir tanzen, sagt einer, und ich sage,
das ist überhaupt nicht mein problem, denn ich hole meinen
freund von der bushaltestelle ab, wir weinen zur begrüßung
und pinkeln zwischen autos in der nebenstraße. und wenn
einer sagt, das ist doch mal wieder kein gedicht, dann sag
ich nix, aber pass mal auf, denn hier ist das leben, hier
hab ich eben noch telefoniert, als einer die treppe herunter
rannte und mich mal kurz küssen wollte, ich schlug ihn
weg, weil eben noch ein anderer mich drückte und wieder
andere mir sagten, dass ich sie suchen solle. die welt ist
groß genug für alle, sagten manche eben noch und andere
wollten schwimmen gehen (das sind die ungehemmten dates).
ich habe einen neffen, der schon nudeln sagen kann,
und ich mit meinem neuen job kann nichtmal sagen, was ich will.
Die Hoffnung ist – Was sind das für Zeiten? – oft trügerisch angesichts der überwältigenden Konkurrenz von vielen hundert Verlagen und tausend und weit mehr Autoren mit jährlich vielen, vielen, vielen neuen Gedichtbüchern, ganz zu schweigen von der überwältigenden Präsenz der guten Seiten im Internet.
Wer, beispielsweise, regelmäßig Portale wie Fixpoetry, Forum der 13, Lyrikline, Lyrikwelt, Lyrikzeitung, Poetenladen, Reimfrei, Titel oder Matthias Kehles Lyrik-Blog anklickt und die dort angebotenen Buchbesprechungen, Essays, Features, Gedichte, Glossen und Porträts scrollend liest (und sich dazu die tägliche Lyrikmail schicken läßt), braucht keine Bücher, wenn Bücher ihm nicht das bedeuten, was sie mir bedeuten. Was dem einen das Buch in der Hand, ist dem anderen die Zeigefingerbeere an der Maus. Indem ich letzteres eben um der Erfahrung willen erstmals an einem Lyrik-eBook ausprobiere, spüre ich spontan, daß ein eBook kein Gedichtbuch ist, wie ich es meine, und schon mal gar kein gefühltes.
So ist es längst keine Ausnahme mehr, daß Lyrikbücher auch bekannterer Autoren zwar publiziert, aber kaum mehr von den Leserinnen und Lesern wachgeküßt werden, folglich nie ein lebendiges Dasein führen können. Dennoch glaube ich weiterhin an genügend leidenschaftliche Büchermenschen, die dafür sorgen, daß die Befürchtung eines Philip Roth (dessen Romanen ich seit Jahrzehnten hoffnungslos verfallen bin), die Menschheit wachse in eine buchlose Zukunft hinein, sich als übertrieben pessimistisch herausstellen wird.
Verleger und Autoren, die allerdings meinen, Leser liefen ihnen irgendwie schon zu, bezahlen diesen Irrglauben mit der Tatsache, daß immer wieder auch viel zu teuer angebotene Bücher in Kartons verpackt dahindämmern (hoffentlich wurden sie wenigstens auf Recycling-Papier gedruckt) oder bis auf wenige Exemplare gar nicht erst gedruckt werden, nachdem die Fördergelder kassiert sind. Aber auch das kann man schon wieder positiv sehn, wie Gerard Manley Hopkins, von dem zu Lebzeiten nicht ein Gedicht gedruckt wurde: Ein Dichter ist sich selbst sein Publikum.
Daß vor allem kleine/re Verlage und Zeitschriften kommen und gehen, ist eine bekannte Erfahrung. Andererseits gibt es erfreulich viele Gegenbeispiele für Haltbarkeit und Stabilität, man jammert nicht, sondern arbeitet einfach, Buch um Buch, weiter am originellen Programm. Ich benenne, pars pro toto, Hendrik Lierschs Berliner Corvinus Presse mit rund zweihundertfünfzig Büchern seit 1990 – zuletzt Heinrich Osts sehr klare, sehr nachdrückliche, sehr schöne Gedichte In Trümmern Spiegelglas (Das Holzpferd singt / zur Himmelsmahlzeit), Werner Buchers im schweizerischen Appenzell angesiedelten orte-Verlag mit mehreren Buchreihen – Im November 2009 erschienen Horst Bingels beherzte Gedichte Den Schnee besteuern – und der Zeitschrift orte, deren 160. Ausgabe 2009 erschien, sowie die seit Jahrzehnten die Welt der Lyrik bereichernden Kleinverlage Ulrich Keicher (Leonberg) und Peter Engstler (Ostheim an der Rhön), der mit Egon Günther, von dem 2009 hegt traum kerne erschien, einen Autor im Programm hat, dessen spannende Gedichte ich bislang nicht kannte.
Auch in den letzten Jahren sind wieder neue Verlage (mit Luxbooks als Senkrechtstarter) und Editionen begründet worden: Bei Fixpoetry und in der Silver Horse Edition erschienen 2009 insgesamt mehr als ein Dutzend schlicht-schön gestalteter Lyrikbändchen, die Edition Lyrik Kabinett macht mit vorzüglich edierter internationaler Lyrik von sich reden, und so kann ich mit Das Buch der Niederlage endlich ein vollständiges Gedichtbuch von Bei Dao lesen:
Zielort
Ungeraden Zahlen folgend
und Funken, die Aussprache üben
bist du auf Reisen, von Landkarten
blickst du hinab auf die Grablegung der Straßen
so tief gegraben
daß sie reichen an ein Gedicht in seinem Kern
Keine Satzzeichen können aufhalten
die Wehen der Reimgesetze
Du bist nahe an den Metaphern des Windes
gehst ergraut in die Ferne
Die dunkle Nacht öffnet ihren Oberkiefer
und entblößt ihre Stufen
Es ist in jedem einzelnen Fall schade, wenn der eine oder andere Verlag nicht weitermachen kann oder will, die Welt der Lyrik geht bei der kaum überschaubaren Verlagsvielfalt im deutschen Sprachraum allerdings keineswegs unter, wie 2009 hier und dort suggeriert, sondern bietet Verlagen, die bis dato viel zu wenig beachtet wurden, die Möglichkeit, stärker ins Rampenlicht zurücken – so man dies denn wünscht.
Mit einer unkommerziell ausgerichteten, auf viel Geduld basierenden und den täglichen Einsatz fordernden Mischkalkulation des Verkaufens, Verschenkens und Tauschens gelingt es bislang in der kommunikations-, korrespondenz- und korrabolationslustigen Edition YE, die ich 1993 hier im sehr dünn besiedelten, lyrikleserarmen Schattenreich des Hinterlands aus purer Lust am Collagieren, Edieren, Kleben, Lektorieren, Montieren, Stempeln und Zusammentragen gründete, um fortan die Kunstschachteledition YE, die Lyrikzeitschrift Faltblatt sowie die Lyrikreihe mit Anthologien, Einzeltiteln und Monographien herauszugeben, genügend Leserinnen und Leser, die Lust auf deutschsprachige Lyrik haben, auf der ganzen Welt zu finden, um Auflagen bis 500 und 1000 Exemplaren zu rechtfertigen.
Die Lyrik befindet sich in einem jämmerlichen Zustand, schreibt Thomas Kunst im Nachwort seines 2008 erschienenen Gedichtbands Estemaga, während Axel Kutsch im Vorwort des im Herbst 2009 publizierten, Gedichte von zweihundert Autorinnen und Autoren versammelnden Anthologie Versnetze_zwei betont: Wir leben in blühenden Lyrik-Landschaften.
So unmöglich mit mir
kann es nicht sein
schau
selten gewordene Vogelarten
sind zurückgekehrt
um zu nisten
in den Zeilen meiner Gedichte
Werner Lutz
Im Herbst 2008 gab es in der Lyrikzeitung einen Fortsetzungsessay von Theo Breuer, der viel Zuspruch und auch Widerspruch fand und nebenbei der Lyrikzeitung einen Sprung in der Benutzerstatistik bescherte. (Durch Drücken auf den kleinen Knopf in der jeweils ersten Meldung des Tages können Sie das verfolgen: dort einfach zurückblättern über „Pageviews einsehen“).
Jetzt freue ich mich über einen neuen Fortsetzungsessay des Autors, der sich in zahlreichen Veröffentlichungen als Gourmand und Gourmet ausgewiesen hat. In den nächsten Tagen bis 23.12. lesen Sie hier jeden Tag ein Kapitel dieses Rückblicks auf das Lyrikjahr 2009. Nach Abschluß wird der Essay komplett beim Poetenladen veröffentlicht.
Theo Breuer schreibt:
Ich will mit diesem Essay das Lyrikjahr 2009 kompakt, konstruktiv und kreativ darstellen. Abgesänge, die der guten Lyriksache nicht dienen, gab es genug in diesem Jahr. So kann sich jeder Autor, jeder Verleger, jeder Kritiker, jeder Leser wieder einmal klarmachen, wie lebendig die deutschsprachige Lyrikwelt in diesen Zeiten nach 2000 weiterhin ist und weshalb von den einzelnen Titeln oft ganz wenige bloß verkauft werden. Man sehe sich nur die Liste am Ende an: 120 Titel sind dort bibliographiert. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs – vielleicht aber auch das Sahnehäubchen.
In der nächsten Meldung also das erste Kapitel als Einleitung. Viel Anregung, wenns sein muß Aufregung, wenns geht Vergnügen wünscht L&Poe.
Herta Müller und Horst Samson gehörten beide von 1981 bis 1984 dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis Temeswar an, der mit sozialkritischer Literatur die Verhältnisse ändern wollte. Beide wurden sie aus diesem Grund vom rumänischen Geheimdienst Securitate als staatsfeindlich angesehen, verfolgt und bedroht. Beide verließen 1987 das Land Richtung Westdeutschland. Sie sind heute noch miteinander befreundet. Samson wollte das Land nicht verlassen. „Ich habe immer gesagt, ich bin der Letzte, der hier das Licht ausmacht. Aber dann kam die Angst, dass die einem das Licht ausblasen“, erzählt der 55-Jährige Vater eines Sohnes. 1986 nennt er sein „Horrorjahr“. Ein anonymer Anrufer sprach davon, ihm einen Nagel in den Kopf schlagen zu wollen. Der Sicherheitsdienst machte dem Schriftsteller und Journalisten schließlich klar: „Entweder bringen sie mich um oder ich emigriere“, sagt Samson. …
1984 löste sich der Literaturkreis selbst auf – aus Protest, weil die Lesung des westdeutschen Autors Günther Herburger verboten wurde, wie Samson erzählt. „Das war ein Paukenschlag.“ Denn: „Die Securitate wollte den Kreis haben als Propaganda für die Minderheitenpolitik Ceausescus, aber eben keinen kritischen.“ Mit dieser Aktion habe der Kreis die Propagandamaschinerie unterhöhlt, so Samson. Doch die Securitate trieb weiter Keile in die Freundschaft der Schriftsteller, spielte den einen gegen den anderen aus. „In meiner Akte steht, dass sie mich erfolgreich isoliert hätten und ihre Diversionsarbeit voll zum Zuge gekommen sei“, erzählt Samson.
Die Akte über ihn füllt 870 Seiten. Vor deren Inhalt hatte sich Samson gefürchtet, vergangenes Jahr wagte er den Blick hinein. Dass er als Staatsfeind angesehen wurde, überraschte ihn wenig, dass er aber unter anderem wegen seiner Beziehung zum Goethe-Institut als westdeutscher Spion galt, sehr. „Da habe ich an den Stasi-Ausspruch gedacht, dass Spione erschossen werden.“ Heiß sei ihm geworden, als ihm diese Dimension bewusst wurde. Samson durchblättert die Kopien der Akte, die Berichte eines „Voicu“. Beim Studieren der Akte habe Samson erkannt, dass unter diesem Decknamen ein Freund aus dem Literaturkreis, mit dem er noch in losem Kontakt stand, ihn beschattet hatte. „Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben.“ …
Auch wenn er sich mit seinen Gedichten eine Reihe von Preisen erschrieben hat, sein „Broterwerb“ war und ist der Journalismus. Samson schreibt etwa 15 bis 20 Gedichte im Jahr. / Tina Full-Euler, FR 10.12.
Am Freitag, dem 11. Dezember, liest Olga Martynova in Frankfurt/M. aus ihrem neuen Gedichtband In der Zugluft Europas.
Bezüge zu historischen und mythologischen Themen zeichnen die Lyrik Olga Martynovas aus. Sie besingt die Städte und Länder Europas und verknotet diese immer wieder mit kritischen Beobachtungen historischer Hinterlassenschaften: „So seltsam, in der Zugluft Europas zu stehn, / Die Spalten in diesem Raum dichtet niemand zu.“
Geprägt von einer Lebenssituation zwischen zwei Ländern und Sprachen wird die Fremdheit ihres Blickes und das damit verbundene „Befremdetsein“ zwischen den Zeilen offenbar: Bildkräftige und selbstreflexive Gebilde fügen sich zu einem eigenwilligen Gemenge aus faszinierten und faszinierenden Beobachtungen zusammen und lassen ihre Gedichte nicht selten märchenhaft erscheinen.
Olga Martynova, geboren 1962 in Dudinka (Sibirien), lebt seit 1991 in Frankfurt/Main. Ihre Gedichte verfasst Martynova auf Russisch, übersetzt diese aber teilweise selbst.
In der Zugluft Europas (Wunderhorn, 2009).
Literaturforum im Dritten
Freitag, 11. Dezember 2009, 20 Uhr
Eintritt: 6,-/3,-
I Am
I am: yet what I am none cares or knows,
My friends forsake me like a memory lost;
I am the self-consumer of my woes,
They rise and vanish in oblivious host,
Like shades in love and death’s oblivion lost;
And yet I am! and live with shadows tost
Into the nothingness of scorn and noise,
Into the living sea of waking dreams,
Where there is neither sense of life nor joys,
But the vast shipwreck of my life’s esteems;
And e’en the dearest–that I loved the best–
Are strange–nay, rather stranger than the rest.
I long for scenes where man has never trod;
A place where woman never smil’d or wept;
There to abide with my creator, God,
And sleep as I in childhood sweetly slept:
Untroubling and untroubled where I lie;
The grass below–above the vaulted sky.
John Clare schrieb dieses Gedicht in einer „Irrenanstalt“, einem Madhouse, in dem er 19 Jahre seines Lebens verbrachte.
Kaum glaublich aber wahr: In meiner langjährigen Lieblingsanthologie, Palgrave’s Golden Treasury (erschienen zuerst 1861, dann unzählige Male seit 1907 „with additional poems“, besonders häufig während des Krieges 1914-18, wo insgesamt 9 Auflagen erschienen, zwei- und dreimal pro Jahr) fehlt dieses Gedicht, das heute wohl sein bekanntestes ist. Ja der Autor fehlt ganz: obwohl seine Generationsgefährten Byron, Keats und Shelley ebenso drin sind wie die jüngeren Browning, Tennyson, FitzGerald (Rubaiyat!) und noch die viel jüngeren Hopkins, Housman, Swinburne, Whitman – dieser freilich nur mit dem schwachen „O Captain, my captain“ auf den Tod Lincolns – und noch Yeats und Sassoon. Aber es fehlt auch John Donne! Auch Blake! Der Geschmack änderte sich erst mählich. Erst in der erstmals 1924 erscheinenden Anthologie „Golden Treasury of Modern Lyrics“ ist Clare dabei – als ältester Autor mit Jahrgang 1793, genau 100 Jahre vor Wilfred Owen, dessen „Anthem for Doomed Youth“ drin steht. Aber nicht „I am“ ist darin, sondern – zunächst, sage ich – drei Gedichte auf Natur und Landleben. Die beklemmend genaue Selbsterkenntnis eines Irren paßte wohl noch nicht ganz ins Bild. Haltbare, präzise und atemberaubend schöne Zeilen und Gedichte! Ist es nicht an der Zeit, den „verrückten Bauerndichter“ auch für Deutschland zu entdecken? Die vierbändige Anthologie „Englische und amerikanische Dichtung“ (von Koppenfels/ Pfister) bringt 5 Gedichte von Clare, darunter auch dieses. Die Übersetzung Manfred Pfisters ist achtbar, überträgt aber den klassisch-knappen fünfhebigen in fünf- bis siebenhebigen Jambus, was die Präzision abtötet, buchstäblich ab der ersten Zeile:
Ich bin – doch was, weiß niemand, kümmert keinen.
[Die Schlußformel schon zerstört alles in dem durch Pause mittig unterbrochenen Siebensilbler! None cares or knows! Vier Trommelschläge, Schluß! Ebenso, wenn die vierte Zeile zum Alexandriner wird, „Sie heben sich und gehn, wohin Vergessen führt“ ist nicht „into oblivion’s host“, immer wird aus direktem indirektes, „poetisches“ Sagen. Dichter mit den mehrsilbigen lateinischstämmigen Wörtern sind eben leichter zu übersetzen als „Bauerndichter“ mit ihren Einsilblern!]
1860 schrieb ein Lyrikliebhaber einen Brief an den Leiter der Nervenklinik, um sich nach dem Befinden des Naturdichters John Clare zu erkundigen (der, ein echter Landarbeiter und Autodidakt, 1820 mit „Poems Descriptive of Rural Life and Scenery*“ in die Literatur trat, aber von den Berufsdichtern und -liebhabern bald vergessen wurde). Clare, damals 66, schrieb ihm:
March 8th 1860
Dear Sir
I am in a Madhouse & quite forget your Name or who you are you must excuse me for I have nothing to commu[n]icate or tell of & why I am shutup I dont know I have nothing to say so I conclude
yours respectfully
John Clare
(Hölderlin, in ähnlichem Status, war knapp 17 Jahre vorher gestorben)
Hier noch ein Abschiedsgedicht Clares:
Farewell
Farewell to the bushy clump close to the river
And the flags where the butter-bump hides in forever;
Farewell to the weedy nook, hemmed in by waters;
Farewell to the miller’s brook and his three bonny daughters;
Farewell to them all while in prison I lie–
In the prison a thrall sees naught but the sky.
Shut out are the green fields and birds in the bushes;
In the prison yard nothing builds, blackbirds or thrushes.
Farewell to the old mill and dash of waters,
To the miller and, dearer still, to his three bonny daughters.
In the nook, the larger burdock grows near the green willow;
In the flood, round the moor-cock dashes under the billow;
To the old mill farewell, to the lock, pens, and waters,
To the miller himsel‘, and his three bonny daughters.
In L&Poe:
2003 Okt # 3 000 Gedichte
2003 Dez # The poetry and madness of John Clare
2004 Jan # Genauigkeit, schockierende Klarheit (Weiter mit John Clare)
2004 Feb #40. Mad John Clare sings the Blues
2005 Mrz #96. Plazierungen
2005 Mrz #98. Über die Rehabilitierung des verrückten „Bauerndichters“
2006 Okt #74. Clares Leier
2007 Jun #44. Sex is a Nazi
2009 Jun #66. In Bienen
*) Das Buch kann man hier als pdf oder in anderen Formaten herunterladen oder online lesen. Es gibt zumindest für den englischsprachigen Bereich fast alles! Was bisher nur sehr betuchte Kunden von Antiquaren lesen konnten, die Erstausgaben der alten Dichter, kann im Moment jeder in seinem Wohnzimmer kostenlos lesen. Aber man muß zugreifen, bevor es Google gelingt, eine Bezahllösung durchzusetzen – die arbeiten ganz sicher daran!
Der bekannte indische Schriftsteller, Kritiker, Künstler und Filmemacher Dilip Chitre starb heute im Alter von 71 Jahren in Pune. Er war einer der führenden Dichter der Ära nach der Unabhängigkeit des Landes. Er schrieb Englisch und Marathi. Zusammen mit Arun Kolatkar war er ein Pionier der modernen indischen Dichtung in englischer Sprache. In den 60er Jahren war er einer der Akteure der „Bewegung der kleinen Zeitschriften“.
Seine wichtigste Übersetzungsleistung war ‘Sagt Tuka’, eine Übersetzung der Abhangas (Erbauungsgedichte) des im 17. Jahrhundert wirkenden Marathidichters Tukaram. / The Hindu 10.12.
In L&Poe:
2001 Jun # Etwas anders als das (große) deutsche Feuilleton
2006 Aug #94. «Der Banyanbaum»,
2007 Mrz #55. Alte und neue indische Dichtung
2007 Mai #98. Straßenkampf-Dichter
2007 Sep #10. Namdeo Dhasal – Dichter der Unterwelt
Der Rumäniendeutsche Werner Söllner, mit hohen Auszeichnungen geehrter Lyriker und derzeit Leiter des hessischen Literaturforums in Frankfurt, hat in München sein Schweigen gebrochen: Er war Spitzel des gefürchteten rumänischen Geheimdienstes Securitate.
Ähnlich wie die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hatte Werner Söllner in den 80er Jahren die rumänische Diktatur verlassen können. Während Herta Müller sich dem Geheimdienst Securitate verweigerte – in ihrer Nobelpreisrede berichtete sie davon – waren andere weniger standhaft. Während einer Tagung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München hat sich Werner Söllner als Zuträger und Spitzel geoutet.
„Der erste Anwerbeversuch erfolgte 1971“, berichtet FAZ-online am 10.12.2009. „Söllner hatte im Jahr zuvor das Studium in Klausenburg aufgenommen, 1973 wurde er Redakteur der Studentenzeitschrift ‚Echinox‘, in der viele junge Regimegegner publizierten. Beim zweiten Versuch schickte die Securitate zwei Offiziere, die Söllner Pläne zur Flucht in den Westen unterstellten und mit Exmatrikulation drohten.“
Zunächst habe er Geheimdienstoffizieren seine eigenen Texte und Gedichte erläutern müssen, erklärte Söllner. Aber dann wollte die gefürchtete „Securitate“ mehr: Söllner musste als Informant „Walter“ Gedichte und Prosatexte anderer Schriftsteller deuten und die darin enthaltenen Anspielungen erklären.
„Ich bin jemand, der sich nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte. Das kann ich mir bis heute nicht nachsehen“, sagte Söller. Er habe sich nach langer Überlegung zu einer öffentlichen Erklärung entschlossen, nachdem ihn der Autor Richard Wagner vor einem Jahr angesprochen hatte. Wagner, der frühere Ehemann Herta Müllers, hatte Informationen seiner inzwischen veröffentlichten Securitate-Akte mit Söllner in Verbindung gebracht. Söller weist allerdings den Vorwurf, er habe Herta Müller bespitzelt, zurück. Dies hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet. / HR 10.12.
[Schön, schön skurril: ein Geheimdienst läßt sich Literatur erklären!]
Im Sommer tauchte der Informant Walter zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf. In den siebziger Jahren hatte er Freunde und Kollegen in Rumänien bespitzelt, nicht freiwillig, aber auch nicht ohne Eifer. Wohl niemand hatte ihn je verdächtigt, nicht in Klausenburg und Temeswar, und auch später nicht, als fast alle deutschen Schriftsteller Rumäniens im Westen lebten. Aber dann erhielt Herta Müller im letzten Frühjahr endlich ihre Akte, drei Bände mit 914 Seiten, und nach der Lektüre sah sie nicht nur Teile ihrer Vergangenheit, sondern auch ihre neue Heimat mit anderen Augen: Deutschland, so schrieb sie im Juli in der „Zeit“, sei „ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel“, die man nun, nach der zehn Jahre lang verweigerten Akteneinsicht, auch identifizieren könne. Dann folgten Decknamen: „Sorin, Voicu, Gruia, Marin, Walter, Matei.“ Spätestens in diesem Moment musste IM Walter wissen, dass seine Freunde ihn durchschaut hatten. / Hubert Spiegel, Faz.net 10.12.
Gibt es eine Zuflucht in der Literatur? Kann Literatur die Angst bewältigen helfen?
Ich kann nur für mich sprechen. Ich hatte immer meine Gedichte, die ich mir aufsagen konnte. Sogar beim Verhör. Es ist wie das Singen im Lager. Das wird nicht schal. Man kann sich auf gegebene Formen verlassen, sich anlehnen. Es ist eine Art, ich habe das öfter gedacht, es ist eine Art zu beten, für Leute, die nicht an Gott glauben. Und es ist eine schönere Art als das Beten. Es verlangt mehr Individualität als das Beten. Es ist nicht so mechanisch. Bis heute schreibe ich mir Sätze aus Büchern heraus, die mir Halt geben. Die Angst ist eine gute Ästhetikkennerin. Die Angst kann man nur mit literarisch starken Texten bändigen. Flache oder klischeehafte Texte können das nicht leisten.
Im Westen ist er durch seine luziden Essays und lebensprallen Romane bekannt geworden, doch in seiner ukrainischen Heimat gilt Juri Andruchowytsch in erster Linie als Lyriker: Verfasser von fünf Gedichtbänden und Mitbegründer der literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu, die dem poetischen Wort wirkungsstark, nicht selten mit musikalischer Begleitung, zum Auftritt verhilft.
Einen Eindruck von Andruchowytschs songhaften Versen vermittelt der deutsche Auswahlband «Werwolf Sutra», der Gedichte aus den Bänden «Exotische Vögel und Pflanzen» (1985 bis 1990) und «Lieder für den toten Hahn» (1999 bis 2004) vereinigt. In gereimten Strophen oder in rhythmisiertem Parlando-Ton erzählen sie von Liebe und Reisen, vom Studentenleben und von seinen Exzessen, vom Alltag und von der Stadt Lemberg, von ferner Geschichte und Momenten schmerzlicher Gegenwart – sinnlich, sentimental, sarkastisch, melancholisch. / Ilma Rakusa, NZZ 8.12.
Juri Andruchowytsch: Werwolf Sutra. Gedichte. Deutsch von Stefaniya Ptashnyk, unter Mitwirkung von Isolde Baumgärtner, Michael Donhauser, Anna Halja Horbatsch, Olaf Kühl, Joachim Sartorius, Sabine Stöhr, Hans Thill, Anja Utler. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2009. 89 S., Fr. 30.90.
Und auch Christof Kurzmann hat nun von elektronischen Ansätzen zur melodischen Linie und zur Songform zurückgefunden.
Im Rahmen seines Projekts „El Infierno Musical“, das der Wiener Multiinstrumentalist im Konzerthaus im Rahmen der Im-Loth-Reihe präsentierte, sind es Gedichte der jung verstorbenen argentinischen Dichterin Alejandra Pizarnik, die in fragilem Sprechgesang deklamiert werden. / Andreas Felber, DER STANDARD 10.12.
Als Richard Wagner und William Totok im Juni 1987 am „Kirchentag von unten“ in der evangelischen Kirche „Zum Vaterhaus“ am Baumschulenweg in Ost-Berlin teilnahmen, verlas der dortige Pfarrer unter Verwendung eines fingierten Telegramms vorab eine Absage, so dass ihre Lesung von weniger Zuhörern besucht war.
Im Publikum aber befanden sich mindestens zwei Spitzel: der DDR-Schriftsteller Rainer Schedlinski, vom MfS als IM „Gerhard“ geführt, und ein Dresdner Journalist, der IM „Hans Reimann“. Zuträger „Gerhard“ meldete danach, dass die beiden Gäste aufgrund ihrer „gebrochenen Aussprache“ und der Akustik in der Kirche nur schwer zu verstehen gewesen seien.
Spitzel „Hans Reimann“ hob dagegen auf die Gefahr ab, dass „diesen Rumänen“ die Möglichkeit gegeben werde, „sich in der Öffentlichkeit in der DDR zu artikulieren“. Dies passe in die „Politik des Gegners gegenüber Rumänien“. Es werde versucht darzustellen, so merkte er weiter an, „wie unmenschlich Sozialismus sein kann und dass der Sozialismus manchmal menschenfeindlicher sein kann als Faschismus“. Damit wurde er dem Anliegen von Wagner und Totok gewiss nicht gerecht, doch das MfS war alarmiert. / Georg Herbstritt über die Bespitzelung aus Rumänien ausgewanderter Schriftsteller durch die DDR-Stasi, Die Welt 10.12.
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