45. Grüne Gans [Prorammänderung!]

Am Mittwoch, den 9.12.2009 gibt StuThe sich die Ehre zu präsentieren: Das Kleintheater Grüne Gans!

Ort und Zeit: Greifswald, Soldmannstraße 23 um 22 Uhr, Einlass ab 21.30 Uhr.

Die „Grüne Gans“ entstammt der Feder des polnischen Schriftstellers Konstanty Ildefons Gałczyński, der sein sogenanntes Kleintheater als Lesekabarett während der Jahre 1947 bis 1950 in der Krakauer Satire-Zeitschrift „Querschnitt“ veröffentlichte. Aus dem Programmheft zur Inszenierung:

Wie geht man mit einem Theaterstück um, welches keines ist? Gałczyński hat seine Pseudostücke des Kleintheaters Grüne Gans nicht für die Bühne geschrieben, es existiert keine Dramaturgie. „Das Theater der Grünen Gans ist lesbar, noch besser denkbar, kaum aber aufführbar“ (Karl Dedecius). Wie setzt man allein die phantastisch-literarischen Regieanweisungen auf einer Bühne um?: „Hamlet stirbt mangels einer Entscheidung und wegen Darmverschlingung an einer scharfen historischen Wende“ (aus: Hamlet und die Kellnerin), oder: „Die ganze kosmische Kombination beginnt sich zu demontieren“ (aus: Weltende). Ein solches Textmaterial irritiert, bietet aber große Spielfreiheiten – genau darin liegt für uns der Reiz, Gałczyńskis Pseudostücke auf die Bühne zu bringen. Ausgehend von Gałczyńskis Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen und sozialem Verhalten, suchen wir nach Parallelen zu unserer eigenen Lebenswelt. „Eine Verkehrsampel dient dazu, den Verkehr zu regeln. Was aber ist, wenn kein Verkehr herrscht?“ (Gerhard Goldbach). An diesem Punkt setzt unsere Inszenierung der Grünen Gans an: Prinzipien, die wir in den Texten erkennen und die uns aus dem Hier und Jetzt bekannt sind, wird eine klare absurde Form gegeben.

Änderung 7.12.:

Sehr geehrtes Publikum,

zu unserem Bedauern wird die Veranstaltung für den Mittwoch „Grüne Gans“
leider nicht stattfinden.

Um nicht vollkommen auf das Studententheater der Ernst- Moritz- Arndt
Universität verzichten zu müssen, gibt es am Freitag eine ebenso viel
versprechende Veranstaltung. Zum letzten Mal begeistern uns die
Schauspieler des StuThe mit dem „Der Kuss des Vergessens“.
Um den Abschied des Stückes von der Bühne in der Soldmannstraße gebührend
zu feiern, gibt es eine „AfterShowParty“! Auch wer keine Zeit hat, zur Vorstellung zu

kommen oder das Stück schon gesehen hat, ist herzlich eingeladen, mit uns bei

Buffet und guter Tanzmusik, die Dernière zu feiern!

Das Studententheater Greifswald freut sich auf seine Gäste.

Der Kuss des Vergessens (nach Botho Strauss)

Im Erinnern werden die Dinge neu zusammengesetzt. Das Erlebte flechtet
sich in die Gegenwart. Wir sehen die intime Geschichte – nein, eher noch
„Teile vom Ganzen die hin und herspringen“ – einer Liebe. Zwei,
die sich zufällig begegnen und sich aufs Brutalste zusetzten um die Fragen
der großen Gefühle beantworten zu können…auf der Suche nach
einem Geheimnis, dem Beweis. Sie eilen durch die Zeiten, ordnen die
Momente neu an und sind so ewig Wandelnde.

Regie: Alexandra Wendland

Aufführungstermin:
11. 12. 2009 um 20:00 Uhr; danach Dernièrenfeier

Auf der Studiobühne Soldtmannstr.23 im StuThe, Greifswald.

Weitere Veranstaltungen der „Grünen Gans“ folgen im Januar nächsten Jahres…

44. Lyrik aus Sansibar

Das Leben, das Emily Ruete führte, war mehr als abenteuerlich: Geboren als Tochter einer tscherkessischen Sklavin und eines sansibarischen Sultans, kam sie 1867 als Ehefrau des Kaufmannes Heinrich Ruete nach Hamburg. Ihre „Memoiren einer arabischen Prinzessin“ machten Ruete als Schriftstellerin berühmt, und der Anspruch auf ihr Erbe ließ sie zum Spielball im Machtkampf der Kolonialmächte werden.

Heute ruht Emily Ruete, geborene Sayyida Salme, im Prominentengrab U27 in Ohlsdorf. Und genau dort, im „Garten der Frauen“, begegnete die Hamburger Musikerin Georgia Charlotte Hoppe der Heldin ihres neuen Werkes: „projektion salme“, ein Lesekonzert für Sprecherin und vier improvisierende Musikerinnen, wird am Dienstag im Haus der Patriotischen Gesellschaft aufgeführt.

„Ich wollte etwas Buntes, Farbiges machen“, sagt Hoppe über ihr Sujet und schwärmt von der Möglichkeit, sich dem „Hollywoodmäßigen“ dieser filmreifen Biografie ganz hinzugeben. So kombiniert sie Lesungen aus Ruetes Memoiren mit zeitgenössischer Lyrik aus Sansibar und Deutschland und Fragmenten des diplomatischen Schriftverkehrs zur Sansibar-Frage. / Die Welt

43. Schlechtes Gedicht

Die New Perspectives Quarterly führte in ihrer Winterausgabe 2003 ein Gespräch mit Orhan Pamuk, u.a. über Erdogan und sein Gedichtzitat:

NPQ | The „satanic verses“ that Erdogan recited in 1997 read: „The mosques are our barracks, the minarets are our bayonets.“ What is this notorious poem that is keeping the new leader of Turkey out of parliament?

PAMUK | That’s the irony of ironies. It is written by a Kurd who was the greatest theoretician of Turkish nationalism. This guy was also a poet and once wrote this poem. The Islamists liked the poem but added two lines. It’s a semi-kitsch, semi-Islamic poem about „mosques as barracks.“ Now, Erdogan is not a very literary man. He just read the poem at some meeting with some old politicians not expecting too much. And he also, ironically, read this poem in one of the most Kurdish populated towns. It’s not even a good poem!

42. Bajonett

Das diffuse Gefühl der Angst vor einer fremden Kultur dürfte auch viele Schweizer in der Wahlkabine bewogen haben, mit ihrem Kreuz Minarette abzulehnen. Vor dem Urnengang hatten die Verfechter des Minarettverbots ein Gedicht zitiert, das Tayyip Erdogan einmal vorgetragen hatte, als er noch nicht türkischer Premierminister war: „Moscheen sind Bajonette.“

Dass Erdogan dafür vier Monate wegen Volksverhetzung im Gefängnis saß, ist kaum bekannt, ebenso wenig, dass besagtes Gedicht sich gar nicht gegen andere Religionen, sondern an die Adresse des Militärs richtet. Übrigens wurde damals die Verurteilung Erdogans in Europa als Verstoß gegen die Meinungsfreiheit empfunden. Die Realität ist eben meist sehr viel komplizierter als eine Ja-Nein-Frage. / Celal Özcan, Süddeutsche 5.12.

Celal Özcan arbeitet für die türkische Zeitung Hürriyet.

Vgl. L&Poe 2009 Dez 3. Zeichen

Früher in L&Poe über Erdogan und Ziya Gökalp (den Verfasser jenes zitierten Gedichts):

2002    Nov #    Verhängnisvolle Liebe eines Siegers

Hier ein Gedicht von Ziya Gökalp (engl.)

Google meldet ungefähr 149.000 Seiten für „mosques are our barracks“ (aber anscheinend nirgends mehr als die eine Zeile. Hat jemand das ganze Gedicht englisch, französisch oder deutsch?) – Das Gedicht heißt „Ilahi Ordu“ („Göttliche Armee“)

41. „Offizielles“ Weihnachtsgedicht

Die britische Poet laureate Carol Ann Duffy hat ein Weihnachtsgedicht geschrieben, „12 Days of Christmas“. Darin kommen Themen wie Afghanistan und Klimawandel vor, auch Präsident Obama. Das Gedicht kann ab 8.12. gelesen werden. Hier der Anfang:

„On the first day of Christmas, a buzzard on a branch. In Afghanistan, no partridge, pear tree; but my true love sent to me a card from home.

„I sat alone, crouched in yellow dust, and traced the grins of my kids with my thumb. Somewhere down the line, for another father, husband, brother, son, a bullet with his name on.“

/ BBC News 5.12.

40. Skorpion

Satire? Bittere Realität? Die frühere Satirezeitschrift, dann Magazin für Literatur und Gesellschaft „Der Skorpion“ schickt folgende Mail:

Betreff:     Wir bedauern. We regret. Nous regrettons.

Behördenwillkür!
Authority arbitrariness!
Arbitraire d’administrations!

Der Skorpion ist tot.
Der Skorpion is dead.
Der Skorpion est mort.

Dr. Nico Limberg

In der Dezemberausgabe Gedichte von André Schinkel, Jan Causa, Holger Dauer, Thomas Rackwitz und Shahla Aghapour-Benakohell. (PDF-Download hier)

Autor Causa wirbt auch für Das Gedicht:

Unmöglich, heute nicht Leitner zu lesen. Jan Causa

Impressum:

derskorpion (seit 2005) ist ein monatlich erscheinendes, kostenloses Onlinemagazin mit weltweiten Verbindungen. Überregional & regional (Märkischer Kreis) Auflage: 25.000. Herausgeber: nona (Dr. Norbert Nashorn) Chefredakteur: Dr. Nico Limberg Redaktion derskorpion Hans-Böckler-Str. 25, 58638 Iserlohn Grafik: Pontus (Menden) Alle Rechte beim Herausgeber und bei den Autoren. E-Mail: redaktion-derskorpion@msn.com Links: http://www.buergerstimmen.de http://www.schida.at/der-skorpion/ http://www.media4ways.de/pool/e-mags.htm http://www.literra.info/magazine/index.php Für die o.g. Links wird jede Haftung ausgeschlossen. Die Redaktion

39. „Wunderbar verrückt“

„Toller geht’s nicht – Ihr seid ja wunderbar verrückt!“ hatte einer ins Gästebuch zu der geheimnisvollen Ramklangkomposition „Troposphères“ von Sascha Lino Lemke in den Labyrinth-ähnlichen Kreisen in der Kampnagelfabrik in Hamburg geschrieben. Den schriftlichen Ausbruch kann man gerne für Konzeption und Durchführung des sechstägigen Festivals übernehmen.

// Mit viel Liebe, viel Kenntnis und viel Begeisterung wurde da an unglaublich vielen Ecken gebastelt. Einmal im pädagogischen Bereich sowohl mit Schülern und Laien als auch mit MusikstudentInnen, dann im interdisziplinären mit Architektur und Lyrik, im rein künstlerischen, im sozusagen traditionellen Gedenkkonzert, im auch technischen Experiment – und das alles mit zahlreichen Querverbindungen untereinander, meist auch mit einem politischen Akzent.

Der Zuschauerzuspruch fing äußerst spröde an, steigerte sich aber im Lauf der Tage explosiv und die verantwortliche Christiane Leiste konnte am Ende 2300 BesucherInnen bekanntgeben. Das könnte ein Durchbruch in Sachen Neuer Musik in Hamburg sein.

Die von Thomas Schmölz gegründeten „Klangwerktage“ fanden zum vierten Mal statt, jetzt erstmalig mal unter der künstlerischen Leitung und Geschäftsführung. Christiane Leiste. / Ute Schalz-Laurenze, Neue Musikzeitung 5.12.

Vgl. L&Poe

2007    Nov    #21.    BELLA ON TOUR
2007    Nov    #139.    Die Klangwerktage Hamburg
2008    Aug    #67.    Lautland DE
2008    Nov    #121.    Klangwerktage Live und Second Life

38. Seume-Preis für Helga M. Novak

Der Seume-Literaturpreis der Stadt Grimma ist am Sonnabend an die Schriftstellerin Helga M. Novak verliehen worden. Der Internationale Seume-Verein begründete die Wahl mit dem „eigenen, unverwechselbaren Ton“, den die Autorin besonders in ihrer Lyrik finde. …

Seit 1987 wohnt Novak in einem kleinen Dorf in Polen. Die Rückkehr nach Deutschland wurde ihr 2004 von den zuständigen Behörden in Leipzig verweigert, weil die Frist für eine Wiedereinbürgerung verstrichen war und kein Pass ausgestellt werden konnte.

Helga M. Novak schreibt vorwiegend politische und Zeitgedichte, verwendet dabei häufig die Balladenform. Sie wurde kontinuierlich mit Preisen ausgezeichnet, erhielt unter anderem den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen, den Kranichsteiner Literaturpreis der Stadt Darmstadt, den Brandenburgischen Literaturpreis sowie den Ida-Dehmel-Literaturpreis.

Der Seume-Preis ist nach dem Schriftsteller Johann Gottfried Seume benannt. Er lebte 1763 bis 1810 und arbeitete einige Jahre in Grimma. Der Internationale Johann-Gottfried-Seume-Verein der Stadt vergibt seit 2001 unregelmäßig den Literaturpreis. / MDR 5.12.

37. Don’ts

Die Zeitschrift ist nicht schlecht – sie wär noch besser ohne eine gewisse Redseligkeit. Die auch ihre Rezensenten befallen mag. 2 dont’s beim Schreiben über Literatur, das erste: don’t renommier! Ah, da ist es:

Jetzt kann man Josef Hader mal von einer anderen Seite kennenlernen. Der bekannte Kabarettist ist unter die Dichter gegangen und lässt uns gut österreichisch in Seelenabgründe blicken mit dem Dreizeiler «Frau oder Angst», wo es heißt: «Als er Single war hatte er keine / nun ist er gebunden / jetzt hat er eine.» – Nachzulesen ist dieser Text in der neuesten Ausgabe von Deutschlands renommiertester Lyrik-Zeitschrift «Das Gedicht», die sich dem Thema Angst widmet.

Zwar ruft Ludwig Harig den Lesern da in Sonettform ein beherztes «Fürchtet euch nicht» zu, aber Helmut Krausser befällt trotzdem die Lebenstorschlusspanik («Die Blüte / vorüber und doch nicht am Ziel»), während Fitzgerald Kusz sich gleich fränkisch und frei als «Angsdhos» bekennt: «miä is es herz / in die husn grudschd».

Okay, der Rest geht. Das 2. don’t: don’t Karate. Ah, auch das fehlt nicht:

Die beiden Herausgeber Anton G. Leitner und Friedrich Ani (letzterer als Autor hochkarätiger Krimis ja ein Angstexperte) ließen sich jedenfalls nicht bange machen und haben instinktsicher das richtige Themenheft zur Krise und der herrschenden Stimmung zusammengestellt. Selbst wer bisher Angst vor Lyrik hatte, sollte daher furchtlos in die nächste Buchhandlung flüchten und das neueste «Gedicht» erwerben. / Nürnberger Nachrichten

Das Gedicht, Band 17. Herausgegeben von Anton G. Leitner und Friedrich Ani, 165 Seiten, 12 Euro.

Nachtrag: Don’t Hader

Nur zur Vor- (oder eher Nach-)Sicht füge ich hinzu, daß ich diesmal gar nicht den Autor Hader meinte; sondern die Gewohnheit von Provinzstädten, Journalisten und anderen Ruhmredigen, ihre Veranstaltungen, Preise oder Texte mit den Wörtern „renommiert“ und „hochkarätig“ zu veredeln. Merke: Don’t „renommier“ oder „hochkarate“ your event or text!

Suche ergibt 16 Treffer für „hochkarätig“ im L&Poe-Archiv

Beispiele:

In einer hochkarätig besetzten Veranstaltungsreihe „Landkarten der Poesie“ sprachen drei Lyriker von Weltrang (FAZ 2001)

dass Mondsee ein guter Boden für hochkarätige Literatur ist (Salzburger Nachrichten 2001)

Seine hochkarätige, schwer übersetzbare Lyrik (NZZ 2002)

die hochkarätige siebenköpfige Jury (Berner Bund 2004)

hochkarätige Wortkunst oder eben, adäquat angedeutet (Kleine Zeitung 2007)

ein Reihe hochkarätiger Literaten, die das bekannte Event in Münster zu einem echten Highlight werden lassen (Stadt Münster 2009)

usw usf

Vgl. L&Poe 2007 115. Blümchenlyrik (Negativliste):

Blümchenkaffee und Blümchensex haben ihre Liebhaber – warum nicht auch Blümchenlyrik? „Seraphischen Ton“ benannte Gottfried Benn als ein Erkennungsmerkmal. Blümchenkritik ist beim Moderieren von Dichterlesungen und beim Ankündigen von solchen in der Lokalpresse verbreitet. Man erkennt sie an der Benutzung von Wendungen wie „Hochkarätig“ oder „Kein Geringerer als“. Streichen!

(Geistige Gummibärchen)

36. bodyworlds

Simone Kornappel (Hamburg)

Simone Kornappel

35. Meine Anthologie 11: Anziehung

Anziehung

Nebel zieht auf, das Wetter schlägt um.
Der Mond versammelt Wolken im Kreis.
Das Eis auf dem See hat Risse und reibt
sich. Komm über den See.

aus: Sarah Kirsch: Zaubersprüche. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1973, S. 5.

34. Meine Anthologie 10: Zaubernüsse

Silke Peters

Wassernüsse, vermißt

in Moore, Speicher
der Sonnen fielen hinein
Erinnerungsnüsse krallen im Grund
Muster über Muster zu lesen
Und dunkle Wasser halten
Ungeheuer fest,
einen halben Tag lang tief.
sind Männer im Moor ertrunken,
wie die Sonnen
Ein Pesthauch weht schillernd.
wie die Fliegen
im Sonnentau gebrochene Verwesung,
auszulesen
Wir heizen unsere Öfen
rußrabend mit ihr.
Die Hände wärmen kaum,
wie den Fuß
aber sinktet, unded, tastet
von Insel zu Insel
Mooraugen tief
dunkeles Meer
Schwarzmeerblau
Und am Strand von Kolywan
liegen die Zaubernüsse offen,
bleicht das Blech in den Sonnen.
Der Lotos mündet die Wolga rosa,
ich hab ihn gegessen
Nüsse suchen wir,
Herbst


Silke Peters lebt in Greifswald*.  Im Oktober 2000 erschien eine Auswahl ihrer Gedichte unter dem Titel: Silke Peters: Wassernüsse vermißt. Gedichte. 32 S. Greifswald: Wiecker Bote 2000. ISBN 3-935458-02-9.

*) heute in Stralsund

33. Minenfeld

Die besten Gedichte habe er im Getto geschrieben, sagte Abraham Sutzkever. Der jiddische Dichter, der heute 96-jährig in Israel lebt, war 27 Jahre alt, als die Wehrmacht Litauen besetzte. In Wilna, dem heutigen Vilnius, errichteten die Deutschen ein Getto und erschossen Tausende von Juden im Wald nahe der Stadt. Im Sommer 1941 erlosch damit das reiche jüdische Kulturleben in Wilna, jenem „Jerusalem des Nordens“, in dem es jiddische Zeitungen, Bibliotheken und Hochschulen gab. …

In den Übersetzungen von Hubert Witt wirken die erschütternden Gedichte unmittelbar direkt und frei von Pathos. In „Wilner Getto“ ist auch zu erfahren, wie sie entstanden. Noch in den schlimmsten Situationen hörte Sutzkever nicht auf zu dichten. „Gesichter in Sümpfen“ etwa schrieb er im Sommer 1941 in einem Versteck unter einem Blechdach, in dem er sich nur liegend aufhalten konnte: „Nacht hat unsre Gedanken grau gemacht./ Morgensonne sät glühendes Salz in die Wunden.“

Auch der Frankfurter Campus Verlag legte in diesem Jahr einen Band von Abraham Sutzkever vor. Der (ebenfalls vortreffliche) Übersetzer Peter Comans präsentiert darin eine umfassende Werkauswahl von den frühen Gedichten, die der romantischen Naturlyrik nahestehen, bis zu den späten, poetisch verdichteten Prosatexten, die in Israel entstanden sind. „Geh über Wörter wie über ein Minenfeld“ enthält außerdem eine kundige Einführung von Heather Valencia in Leben und Werk des einzigartigen Autors. / EVA PFISTER, Rheinischer Merkur 49

– Wilner Getto 1941–1944. Deutsch von Hubert Witt. Ammann Verlag, Zürich 2009. 272 Seiten, 22,95 Euro.
– Gesänge vom Meer des Todes. Gedichte. Ausgewählt und übersetzt von Hubert Witt. Ammann Verlag, Zürich 2009. 192 Seiten, 22,95 Euro. Einzeln oder zusammen im Schuber erhältlich zum Subskriptionspreis bis 31.12.2009 von 34,95 Euro.
– Geh über Wörter wie über ein Minenfeld. Lyrik und Prosa. Auswahl, Übersetzung und Anmerkungen von Peter Comans. Campus Verlag, Frankfurt/Main 2009. 389 Seiten, 34,90 Euro.

32. Das Bodenlose

Demus‘ anteilnehmende und in Bezug auf Dichtung, Philosophie und Kunst so feinsinnige Briefe werden Celan nach dem Weggang aus Wien nach Paris bald veranlassen, den Jüngeren mit „Bruder“ anzureden, eine Anrede, die lange Zeit von beiden beibehalten wird und in Celans gesamter Korrespondenz singulär sein dürfte. Das Einbeziehen von Demus‘ Frau Nani und kurz darauf von Gisèle Celan-Lestrange, wechselseitige Besuche der Paare, Anteilnahme an privaten Ereignissen, Buchgeschenke, Lektüreanregungen und die gelegentliche kritische Revision von Texten, aber auch Vermittlungsversuche im schwierigen Verhältnis zwischen Celan und Ingeborg Bachmann seitens des Ehepaares Demus festigen ein Vertrauen, wie es Celan in kaum einem anderen Verhältnis erfahren und geschenkt haben dürfte. Zugleich verbindet die Briefpartner ihr Außenseitertum. Wo es jedoch, wie Joachim Seng, der die Korrespondenz mit fast vierhundert Briefen herausgegeben, sorgsam kommentiert und mit einem aufschlussreichen Nachwort versehen hat, anmerkt, von Demus frei gewählt war, muss Celans Außenseitertum als ein erzwungenes verstanden werden. Die Erfahrung der Schoa unterschied und trennte ihn von der Erfahrungswelt des Freundes.

Dies mag mitbestimmt haben, was die Goll-Affäre in ihrer zerstörerischen Kraft beförderte. Claire Goll, Witwe Ivan Golls, versuchte von Mitte der fünfziger Jahre an zunächst im Privaten, dann bei Redaktionen und Personen des deutschen und französischen Kulturlebens und im Jahr 1960 mit einer Veröffentlichung in der Zeitschrift „Baubudenpoet“, Celan des Plagiats zu bezichtigen. Der Bremer Literaturpreis und der Büchnerpreis im Jahr 1960 konnten nichts daran ändern, dass Celan sich durch die ungeheure Kränkung und Kreise ziehende Verleumdung zunehmend verfolgt und bedroht fühlte und dies auch auf die Freundschaft zu Demus übertrug: „Das Bodenlose ist . . . das Bodenlose: es kommt jetzt täglich schlimmer: Ich bitte Dich herzlich, das alles sehr ernst zu nehmen. Was damit bezweckt wird, Klaus, ist deutlich: man will, für den Fall, daß ich eines Tages zur Feder greife, alles von mir Geschriebene, auch meine Gedichte, im voraus entmündigen. Klaus, lieber Klaus, ich übertreibe mit keinem Wort. Du mußt entschuldigen, daß ich mit der Maschine schreibe: ich muß, angesichts aller dieser Machenschaften, eine Durchschrift behalten“, heißt es am 10. Juli 1961. / Beate Tröger, FAZ 4.12.

„Paul Celan – Klaus und Nani Demus. Briefwechsel“. Mit einer Auswahl aus dem Briefwechsel zwischen Gisèle Celan-Lestrange und Klaus und Nani Demus. Herausgegeben und kommentiert von Joachim Seng. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 675 S., geb., 34,80 €.

31. Geschwollener Schweinkram

Mit sechzig plus hat man seinen Beitrag für die Fortdauer der Gattung längst abgeleistet und wird entspannter. Das ist die hohe Zeit des Maul-Eros. Als rüstiger Verbalerotiker kann man sich auf die Vorarbeit der Altvorderen stützen. Brecht, Martin Walser oder Friedrich Schlegel konnten immer noch besser sauigeln als der Herrenstammtisch. Dem Rilke glaubt man den geschwollenen Schweinkram nicht, es klingt wie eine Rilke-Parodie. Niemand konnte aber so gut Rilke parodieren wie er selbst.

Konstantin Wecker hat´s mit der Liebe und den Dichtern, und zum Anwärmen macht er´s deftig. „Stürmische Zeiten, mein Schatz“ heißt es beim neuen Programm in der Alten Oper Frankfurt. Ein erotisch-politischer Cocktail mit alten und neuen Liedern und einer gekonnten Gratwanderung zwischen Stimmungsmache und subtilerer poetischer Verzauberung. Da erklärt einer auf der Bühne, wie man sich auch als Normalmensch der Lyrik nähern kann, und rezitiert frischweg Gedichte von Benn und Goethe. Wunderbar. Und der vollbesetzte Große Saal hält vor Kunstbegeisterung den Atem an. / Hans-Klaus Jungheinrich, FR 4.12.