Gastón Salvatore
(* 29. September 1941 in Valparaíso; † 11. Dezember 2015 in Venedig)
Ich habe deine Spuren gesucht auf dem zerknüllten Bettuch. Ein Geruch von Kälte ist immer unter den Träumen begraben. Noch verdeckt dein Körper den Spiegel über dem Waschbecken. Vielleicht finde ich dich nur deswegen nicht. Aber ich verkenne das Gewicht des Regens und das Gewicht des Hemdes und die Nummer des Güterwagens und die Natur der Abmachung. An meinen Schuhen sehe ich etwas Blutiges. Dann weiß ich ein Tag hat angefangen.
Aus: Roehler, Klaus (Hg.): Liebesgedichte. Eine Luchterhand-Anthologie (Sammlung Luchterhand 500). Frankfurt/Main: Luchterhand, 1987, S. 71
Ricarda Huch
(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947, heute vor 75 Jahren, in Schönberg im Taunus)
Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest, Sein Geliebtes fest in den Fängen, Aber Gehaßtes gibt es auch, Das er niemals entläßt Bis zum letzten Hauch, was immer die Jahre verhängen. Es gibt Namen, die beflecken Die Lippen, die sie nennen, Die Erde mag sie nicht decken, Die Flamme mag sie nicht brennen. Der Engel, gesandt, den Verbrecher Mit der Gnade von Gott zu betauen, Wendet sich ab voll Grauen Und wird zum zischenden Rächer. Und hätte Gott selbst so viel Huld, zu waschen die blutrote Schuld, Bis der Schandfleck verblaßte, – Mein Herz wird hassen, was es haßte, Mein Herz hält fest seine Beute, Daß keiner dran künstle und deute, Daß kein Lügner schminke das Böse, Verfluchtes vom Fluche löse.
Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten. Hrsg. Hans Bender u. Wolfgang Weyrauch. Bd. I. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 378
Marie Šťastná
xxx Bedenke jede Landschaft beginnt und endet auf deinem Unterarm Eine feine furchige Geheimsprache unter der Haut Abdruck des Waldes der Straße des Gedächtnisses Aber was wenn man von dir etwas weiß etwas so Unglaubliches dass selbst du nur Andeutungen kennst die Brailleschrift des Körpers an schwer erreichbaren Orten Denk daran Wer dir wann über den Rücken strich
xxx Pomysli každá krajina začíná a končí na tvém předloktí Pod kůží jemně vyrýhovaná tajná řeč otisk lesa ulice paměti Ale co když se o tobě něco ví něco tak neuvěřitelného že i ty jen tápeš v náznacích Braillovo písmo těla v těžko dostupných místech Vzpomínej Kdo tě kdy hladil po zádech
Aus: Marie Šťastná: Wenn das Wasser kocht. [Gedichte]. Aus dem Tschechischen übersetzt von Julia Miesenböck. Zweisprachig. Leipzig: Hochroth, 2018 (Edition OstroVers 02)
Volha Hapeyeva
(* 1982 in Minsk)
●
bis ans ende
lesen den schnee:
tilgen alle fehler
bis der schnee schmilzt
durst stillt emanzipierter winter
an den feldrand rote vögel setzen:
so die erde lockernden knoten im hals
doch wie du auch schluckst
diese blauen lippen rette
ich nicht:
ich: nichts
als unsilbe vor der betonung
ein weiblicher hauptwortstamm auf „h“
weshalb will man mich beugen —
was darf ich ihnen zeigen?
diese bonbons — der plural immer hilft
und weil sich manche worte
nicht zusammen schreiben
geb ich mir den bindestrich
und trage unterm mantel
sträuße roter und gelber
weichheitszeichen
gegen deine härte
doch
bist du nicht die ausnahme
und ich nicht die regel
Deutsch von Uljana Wolf, aus: Volha Hapeyeva: Mutantengarten. Gedichte. Übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martinas Jakobson und Uljana Wolf. Ottensheim: Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020, S. 54
●
вычытаць гэты сьнег
да канца
каб ніводнай памылкі не засталося
калі будзе ён паміраць
наталяючы смагу эмансыпацыйнай зімы
вынесьці на палі птушак чырвоных
каб дзяўблі яны глебу што камянём застрае ў горле
і глытай не глытай
сінія вусны да жыцьця не вярнуць мне
або ня вернуць,
я - нескладовая перад націскам
а дакладней – назоўнік жаночага роду з асновай на ”г”
і таму калі мяне праскланяць...
-дык Вы будзеце што-небудзь браць?
-..цукеркі...
множны лік мае свае перавагі
аднак ёсьць словы якія нельга пісаць разам
таму ў скрайніх выпадках я пішу сябе праз злучок
трымаючы пад паліто
букеты ружовых і жоўтых
мяккіх знакаў
каб паслабіць тваю цьвёрдасьць
але
ты не выключэньне
а я ня правіла
© Логвінаў
Aus: Няголены ранак
Мінск: Логвінаў, 2008
Originaltext bei Lyrikline (dort kann man es auch anhören, von der Autorin gelesen)
Donna Stonecipher
(Geboren 1969 in Seattle, lebt in Berlin)
Aus: MUSTERSTADT. Gedichte
1 Es war
Als wäre es der sozialistische Traum eines Kulturpalasts, wo alles an Kultur Platz findet in einem Marmorgebäude mitten in der Stadt, wie in einem großen Marmoraktenschrank, in dem man die Kultur zu den Akten legen kann.
Als griffe man die Idee dieses Palastes wieder auf und vererbte sie an Leute, die kommen und zu Königen und Königinnen werden im Aktenschrank-Königreich der Kultur.
Als beträte man den Kulturpalast und spazierte durch endlose gelbe Marmorgänge, die zu Räumen führen, Hörsälen, Kulturbühnen — und fühlte sich selbst, als neugierige Touristenkönigin, zu den Akten gelegt.
Als schriebe man im Traum Gedichte, gesäumt von endlosen gelben Marmorgängen, hin und wieder unterbrochen von den Kristallorgasmen der Lüster, als hätte man das Verlangen im Stil sozialistischen Barocks zu schreiben.
Deutsch von Lars-Arvid Brischke, aus dem soeben erschienenen Heft 6/2022 der Zeitschrift Sinn und Form (S. 782). Das Original erschien 2015: Model City, Shearsman Books.
Konstantin Ames
s Wegeverhalten Trampeln auf deiner, meiner Gesundheit herum. Nennen s Spaziergang. Als ob Deutschreicher Österländer das könnten! Sind für die Theorie zu infantil, verkörpern lieber Ellenbogen, Oden, Essays. Verscherbeln s letzte Rilkesilber, tanzen Raben an, Kumpels im Kunstpelz belobigen ihre Organe, rücken ihre Zitrönchen zurecht; man sieht die Wunder kaum vor lauter Hörnchen. Ging das letzte Impflicht auf, würde dieser prosaische Handkäs hier ein kunstvoll Lied von Walle Sayer.
Aus: Konstantin Ames, Verständniserklärun g 2 Kapitel. Gedichte. Berlin: Noack & Block 2023 [sic / sic], S. 24
Tadeusz Borowski
(* 12. November 1922 in Schytomyr; † 3. Juli 1951 in Warschau)
Und dennoch, über verbissene Worte wie über einen gerodeten Pfad werd ich mich kämpfen, bis meine wahre Dichtkunst sich wiedergefunden hat. Als wär ich todkrank gewesen, muß neu ich die Welt beginnen, jede Gestalt neu erlernen, neue Wortgefüge ersinnen. Wer schreit nach diesem schrecklichen Krieg Agitpropverse auf den Plätzen herum! Ich werde ruhig und leise sprechen. Ich überlebte. Die Toten sind stumm. Mit den Augen geradeaus in die Welt sehn, tief Atem holen mit der Brust eines Menschen, der lang wie mit einem Freund mit dem Tode zu leben gewußt.
Deutsch von Annemarie Bostroem, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 208
Der polnische Lyriker Tadeusz Borowski wurde heute vor 100 Jahren in Shitomir (Schytomyr) geboren, einer Stadt in der damaligen Sowjetunion und in der heutigen Ukraine mit einer polnischen Minderheit (1862: 3 katholische und mehrere griechische Kirchen). Aus der Biografie bei Wikipedia: „Seine Mutter Teofila, geborene Karpińska (1897–1993), und sein Vater Stanisław (1890–1966) stammten aus Bauernfamilien in der Ukraine. Sie heirateten 1917 in Shytomyr. Sie hatten zwei Söhne, Juliusz und Tadeusz. Stanisław arbeitete als Buchhalter in einer Genossenschaft für Imkerei und Gartenbau. 1926 kam er ins Gefängnis, weil er vor dem Ersten Weltkrieg ein Mitglied der POW, Polska Organizacja Wojskowa (Polnische Militärorganisation), gewesen war. Er wurde nach Karelien deportiert, wo er beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals mitarbeiten musste. Teofila, eine Schneiderin, wurde nach Sibirien deportiert, nach Igarka bei Jenisseisk. 1932 tauschten die Sowjets Stanislaw gegen in Polen inhaftierte Kommunisten aus. (…) Während des Zweiten Weltkriegs machte Tadeusz 1940 im deutsch besetzten Warschau an einem geheimen Untergrundgymnasium sein Abitur und begann an der gleichfalls geheimen Warschauer Untergrunduniversität ein Studium der Polonistik. (…) Im Jahr 1943 wurde Borowski verhaftet und ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Nachdem er sich als Zwangsarbeiter eine Lungenentzündung zugezogen hatte, arbeitete er als Sanitäter im Lagerkrankenhaus. Borowski wurde Zeuge, wie Neuankömmlinge aufgefordert wurden, ihre Sachen zurückzulassen, um daraufhin in die Gaskammern geschickt zu werden. Er wurde 1944 in das Konzentrationslager Dautmergen (ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof bei Balingen) bzw. später nach Dachau verlegt und dort am 1. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. (…) Am 1. Juli 1951, fünf Tage nach der Geburt seiner Tochter Małgorzata, unternahm er einen Selbstmordversuch, an dessen Folgen er am 3. Juli 1951 im Alter von 28 Jahren starb.“
Paul Colinet
(* 2. Mai 1898 in Arquennes, Seneffe, Belgien.; † 23. Dezember 1957 in Forest (Brüssel))
Dichtkunst
Der Vogel ist im Koffer, der Koffer im Ei, das Ei im Felsen, der Felsen im kleinen Finger, der kleine Finger im Mond, der Mond im Hahn des Gewehrs, der Hahn des Gewehrs im Passagierdampfer, der Passagierdampfer im Wald, der Wald in der Puderdose, die Puderdose im Ring, der Ring in der Fassung, die Fassung in der einsamen Insel, die einsame Insel im Löschblatt, das Löschblatt im leeren Kopf, der leere Kopf in der Nacht.
Deutsch von Brigitte Weidmann, aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer und Petr Král. 3., korr. u. erw. Aufl. Frankfurt/Main: Zweitausendeins; Museum Bochum, 2000, S. 247
Dai Schi-ping (Tai Shih-p’ing), 12. Jahrhundert
DORF NACH DEM KRIEG
Zwerg-Pfirsichbäume blühn verwaist
und Blumen herrenlos;
Von Raben dicht umlagert dampft
das feuchte, weite Moos.
Um alte Brunnen da und dort
nur Mauerreste stehn . . .
Hier ragten früher weit und breit
Gehöfte, reich und groß.
Aus dem Chinesischen von Zoltan Franyó, aus: Lyrik des Ostens: China. München: dtv, 1962 (Original Hanser 1952), S. 140
Olga Stehlíková
Is the new Alt ist das neue jung Single ist das neue verheiratet Vegan ist das neue vegetarisch Remoska ist die neue Mikrowelle Neomarxismus ist der neue Marxismus Mama ist die neue Oma Hipster ist der neue Dandy DIY ist das neue Heimwerken Schreiben ist das neue Lesen Xanax ist das neue Gras Midlifecrisis ist das neue Viagra Klug ist das neue sexy Letztlich ist das neue nichtsdestoweniger Ich ist das neue du
Is the new Staré je nové mladé Singles jsou noví manželé Veganství je nové vegetariánství Remoska je nová mikrovlnka Neomarxismus je nový marxismus Maminka je nová babička Hipster je nový dandy DIY je nové kutilství Psaní je nové čteni Neurol je nová tráva Krize středního věku je nová Viagra Chytré je nové sexy Koneckonců je nové nicméně Já je nové ty
Aus: Olga Stehlíková, Porträts, aus dem Tschechischen übersetzt von Lena Dorn. Leipzig: Hochroth, 2019 (OstroVers 04), S. 10f
John Milton
(* 9. Dezember 1608 in London; † 8. November 1674 in Bunhill bei London)
An die Zeit Flieh neidsche Zeit, bis du dein Ziel erreichet, Beschleunige der Stunden schweren Gang, Des Eile nur dem Schritt des Senkbleis* gleichet, Es sättige dich was dein Rachen schlang, Das Eitle, Falsche, denn nur das wird dein, Nur Erdentand und Staub; So wenig ist dein Raub, Und der Verlust so klein. Wirst endlich alles Böse du begraben, Zuletzt die eigne Gier verzehret haben, Dann nahet Ewigkeit mit hohem Gruß Und bringt den unteilbaren Kuss; Und einer Flut gleich wird die Freude steigen, Wenn jedes wahrhaft Gute sich wird zeigen, Das Göttliche hell scheinen Und Wahrheit, Friede, Liebe sich vereinen Um dessen Thron zu schweben, Zu dem wir uns im Himmelsflug erheben, Ihn anzuschaun durch alle Ewigkeit, Tief unter uns die dunkle Erdenbahn, Ruhn ewig wir, in Sternen angetan, Erhaben über Zufall, Tod und dich, o Zeit.
Aus dem Englischen von Arthur Schopenhauer, aus: Lyrik des Abendlands. Gedichte aller abendländischen Völker von den Homerischen Hymnen bis zu Lorca und Brecht. Gemeinsam mit Hans Hennecke, Curt Hohoff und Karl Voßler ausgewählt von Georg Britting. München: Hanser, 1978, S. 277
* ) Vgl. Anmerkung zum englischen Text
On Time Fly, envious Time, till thou run out thy race, Call on the lazy leaden-stepping1 hours, Whose speed is but the heavy plummet's2 pace; And glut thyself with what thy womb3 devours, Which is no more then what is false and vain, And merely mortal dross; So little is our loss, So little is thy gain. For when as each thing bad thou hast entombed, And last of all, thy greedy self consumed, Then long Eternity shall greet our bliss With an individual4 kiss; And joy shall overtake us as a flood, When every thing that is sincerely5 good And perfectly divine, With Truth, and Peace, and Love shall ever shine About the supreme throne Of Him t'whose happy-making sight6 alone, When once our Heav'nly-guided soul shall climb, Then all this earthy grossness quit, 7 Attired8 with Stars, we shall for ever sit, Triumphing over Death, and Chance, and thee, O Time.
Aus: Milton’s Selected Poetry and Prose. Critical Edition. Ed. Jason P. Rosenblatt. New York, London: Norton, 2010, S. 21f
Worterklärungen aus dieser Ausgabe
Horst Samson
landregen die tür fällt ins schloss der Schlüssel steckt von außen und ich denke dass die tür ins schloss gefallen ist und der Schlüssel von außen steckt das zimmer ist klein es riecht nach Schimmel in den ecken spinnweben überall hat sich der staub breitgemacht und aus dem radio fehlt der lautsprecher vier schritte dann bin ich beim fenster es ist vernagelt die scheiben sind gesprungen ich fahre mit der hand über das holz und die färbe blättert ab der herbst denke ich vor dem fenster steht der armstuhl in dem großvater seine Zigaretten gedreht hat ich setze mich hin und sehe die sonne steigen und auch wieder verschwinden in der dämmerung geht mein mädchen vorüber in die finsternis mit offenem haar und glitzernden augen die dunkelheit kommt schneller die dunkelheit bleibt länger die letzte glühbirne in dieser gasse ist vorgestern ausgebrannt es ist schon spät noch zuckt kein blitz über den himmel plötzlich geht ein landregen nieder gleichmäßiges tropfen einschläfernd ich schlage die fensterscheiben ein und blute dann ist es wieder still ringsum es ist nicht aufzuhalten das schweigen
Aus: die bewegung der antillen unter der schädeldecke. junge rumäniendeutsche lyrik zwischen 1975 und 1980. Eine (historische) Anthologie. Hrsg. Walter Fromm. Erweiterte, kritische Neuauflage 2022. Ludwigsburg: POP, 2022, S. 146f
Diese Anthologie wurde 1980 in Rumänien abgelehnt und daraufhin als kartoniertes Typoskript vervielfältigt. 9 von den 10 in dieser Anthologie versammelten Lyriker reisten zwischen 1981 und 1992 in die Bundesrepublik Deutschland aus. Horst Samson wurde 1954 in Salcimi in Rumänien geboren. 1987 emigrierte er und lebt heute bei Frankfurt am Main.
MEHDI MOUSAVI
ICH SAGTE, zieh dein rotes Kleid nicht an,
wir sind doch keine Kommunisten.
Ich sagte, zieh dein schwarzes Kleid nicht an,
wir sind doch keine Anarchisten.
Ich sagte, zieh dein grünes* Kleid nicht an,
wir sind doch auch keine Putschisten.
Ich sagte, hier in diesem Land
verhaftet man nur Nackte nicht.
Dann kamen die,
die uns gesteinigt hatten.
Den ersten Stein warf einer,
bezüglich dessen Kleidung ich nicht sicher bin.
Den letzten Stein warf einer,
der sich sicher war, hier in dem Land
verhaftet man nur die, die Steine werfen, nicht.
* Anspielung auf die „grüne“ Bewegung, d.h. den Protest gegen die gefälschte Wiederwahl von Ahmadinejad
Aus dem Persischen von Kurt Scharf. Aus: Kontinentaldrift. Das Persische Europa. Hg.von Daniela Danz und Ali Abdollahi. Heidelberg: Wunderhorn; Haus für Poesie. 2021, S. 160f

Charles Bernstein
(* 4. April 1950 in New York City)
Don’t Be So Sure (Don’t Be Saussure) My cup is my cap & my cap is my cup When the coffee is hot It ruins my hat We clap and we slap Have sup with our pap But won’t someone please Get me a drink
Sei saublöd! (Sei nicht Saussure) Mein Topf ist mein Kopf & mein Kopf ist mein Topf Zuviel Pfeffer und Salz Verdirbt das Schmalz Wir mampfen und bampfen Wir schmatzen und patzen Aber ich hätt jetzt gern Ein Schweinernes mit Sauerkraut.
Deutsch von Julia Dengg. Aus: Charles Bernstein: Gedichte und Übersetzen. (Versatorium Band 1.1). Wien: Edition Korrespondenzen 2013, S. 29f
L&Poe Journal #02
Nach dem Start der Ausgabe 02 im zeitigen Frühjahr kam eine intensive Arbeitsphase im Zusammenhang mit dem zweiten Band meiner Edition der Barockdichterin Sibylla Schwarz. Die Paperbackausgabe ist erschienen, Hardcover ist noch im Satz. Zeit für den Schlussspurt des zweiten Journals. Heute eine Ergänzung zum Abschnitt NEUE TEXTE, der in dieser Ausgabe Gedichte von Autorinnen bringt. Nach Jayne-Ann Igel | Silke Peters | Mara Genschel | Kerstin Becker | Brigitte Struzyk | Odile Endres | Martina Hefter und Anna Hoffmann hier ein paar unveröffentlichte Gedichte von Sophie Reyer, die sie mir dankenswerterweise zur Verfügung stellte.
Sophie Reyer
: Ich bin ein Schrei aus dem Nebel bin die die der Fremde spricht ganz ohne Nabel wo fange ich an Überland fährt mein Wind Schnee schlägt mein Leben dir ins Gesicht bleich die Sonne an meinem Rücken ich bin die Vollendete das ist mein Leid: kalt fall ich Flocke quelle als Schnee lös mich auf in deinen Augen dein Blick der trifft mir Lied und Trost aus eigenem Mund: keinem (du meine Wunde) : Abend Abgrund ohne Knochen ohne Gelenke so eine fällt nicht durchsichtig werden Abschied : Bekenntnis ich habe nie den Frühling verstanden die Sommer hasste ich von Kindheit an nur im Dunkel lasteten süß die Träume auf mir immer da wo ich fror wo ich wegblieb wurde ich ganz : Stiche brauchen die Klippen Schatten die Erde ruh dich aus im letzten Lachen zieh deine Clownschuhe an: Abschied : wohin uns die Sonnen Strahlen nicht folgen konnten band uns der Regen zusammen: Schmerz (der Schmetterling gehört nicht nur deinem Garten) : was Liebe ist: der Schmetterling gehört nicht nur deinem Garten : Die Sonne ein Loch im Schädel der Welt: wie lange noch? (Ozon.) : Epitaph: wohin klirrendes Mädchen weißt du noch damals: der Friede zerbrach und am Rücken der Druck von Flügeln die Last ein Engel zu sein bis der Wind kam: klirrendes Mädchen wohin : Kindheitserinnerung Gedächtnis meiner Fusssohlen: Gras du, dein irres Grün : Narbe geh ans Ende um es zu Ende zu fürchten nur was man verliert wird nahe Narbe : Drachin singt Drachin bin ich die sich anfreunden will mit jemandem der aus Angst vor ihr zittert ich belle so laut ich weine so zart ich speie Feuer ich nage Knochen ich bin aus Glas du meine Sehnsucht: der Leuchtturm schwer immer diese Flügel der Panzer so hart ich kreise um dich wie ein Sturm die Haut in Falten gelegt aber kein Brennen währt ewig gegen den See auch wenn Schuppen nicht altern: du weichst nicht du kennst keine Furcht Drachin bin ich so halb so zart und du lässt dein Haar nicht herunter schau der Stern im Auge meines Sturms manche nennen ihn Krone der Welt: ich habe Schmerzen Drachin bin ich die sich anfreunden will mit jemandem der aus Angst vor ihr zittert : der Himmel Blicke ohne Augen an ihm: es ist schwer dich mit der Präzision eines Lidschlags zu küssen wo alles vergeht dich weiter lieben mit milden Fingern und nichts als dem leeren Wind im Haar: Unbehagen Sehnsucht ungelüftet die Jahre Licht- Farb- und Wärmeerscheinung ich machte Karriere nie weit genug nie tief hinab zu hoch zu hell zu weh und mit dem nächsten Augenaufschlag des Fensters schon wieder andere Vögel : Unzählige Male zergeht ein Jetzt und ich weiß nicht wer ich bin zerdrückte Früchte rote Flecken auf meinem Kleid. Mein Wort heißt: Keiner. Ich gieß Milch aus der Schale an einen Baum um ihn zu füttern. Und alles hab ich gestohlen: Gesichter und Gedichte. Ich sage es laut immer wieder: wohin : Ich bin der Möglichkeitssinn die multipolare Welt in Atem Sirenengesang als schriller Schrei als Unerhörtes gerate ich in die Welt und weiß von Anfang an nicht weiter: Mutters Massengrab in mir: es ist ein Menschheitsgrab ohne Namen Stein in mir mehr als bloss Materie oder Gewicht ich kippe werde von Wasser (deinem Blick) weich gewaschen mein Herz pocht steinern: Mineral und Muskeln und nur deine Augen könnten mich irgendwann heilen : Kiesel Felsen Geröll Schutt Mauer: ich gehe in mir nicht mehr auf : wie tief entwellt mein Falten Ich vom Leben gestaltet alt geworden atmet nicht mehr: atme mich aus : und ein neues Selbst gefaltet: Tiefe der Steine : aufgeatmet nach dem Wellenschub liegst du Land an Land mit mir wie Hagelkörner sind wir durchsichtig rein und hart dein Schwanz an meinem Abgrund ich folge dem Wesen des Wassers werd in dir ganz : Liebeserklärung komm bekomm nie einen Körper sei Raum in mir Äther aus Blau ich will dich fingerlos lieben und mit dir sprechen wie Fische es miteinander tun und keiner kann uns hören : Ich Verunfallte Friede ist das wunde Wort in mir das ich immer nur schrieb ohne es werden zu können : Im Traum lachen die Bäume dich aus. Uns retten? Auf diese Idee kommen nur Menschen, ehrlich! Sagen sie kichernd. (Und sogar ihr Lachen dauert tausend Jahre) : für Rainer Maria Rilke Licht Wasser und Sonne und die Klarheit die alles tötet: was du heute noch an Worten brauchst heißt wachsende Ringe : Wie der Blitz tauchst mein Zimmer ins Licht das selbst jeder Tote wegsehen muss: : Es ist Windzeit. Deine Wangen spannen sich an. Türme fallen überall um. Es ist Einsamkeit. Dir fehlen keine Menschen- Du trauerst um etwas das du nicht kennst. Finger sprießen Vögel werden kommen und du wirst zu Tode gehungert sein: Flügel Es ist Windzeit. : Ich weiß je schneller ich die Phantasie von mir aufgebe desto leichter treffe ich auf das Leben doch ich will es nicht sein: dieses faltige Gesicht vom Meißel des Intellekts behauen ausdruckslos wie ein Stein und immer noch mit Augen aus Glas : Du bist: Bilder: die sorgfältig konstruierte Maschine der Gewalt. Du betriffst uns: unmittelbar. Fängst uns in den Rastern der Manipulation: zu rühren: alles aus dem Wege fegst du (im Sinne des Konsens von Opfer und Täter) Du machst Atomwaffen und Angst. Und die macht uns: unlogisch: das ist deine Macht. Du bist die gewaltvolle Besetzung all unserer Lebenswirklichkeiten: Kein Ein. Kein Aus. Ein endloses Enter. Die Reproduktion von Sinn. Eine Konstruktion als Gegenteil Von Ethos. Von Demokratie. Eine Institution bist. Des Rassistischen. Wem du dienst? Den Eliten. Wie das Patriachat sich einschreibt: Bist du Reproduktionsmittel und Missbrauch aller. Die Ausbeutung einer Philosophie der Verstellung. Die Welt deine Bühne. Performance aus Schlagzeilen. Schaffst einen Rahmen. Bist im Handel mit Leben und Tod (it´s all a game for the ones in power game:) over. Von Anfang an ein geschrieben: Rück Koppelungs Schleife & Rückfall in die archaischen Vorstellungen der Macht. Du kennst keine Liebe, keine Demut. Bist eine Erzählung ohne Leerstellen, da wo Eliten Gott spielen behauptest du die Eroberung irgendeines Paradises: Krieg. Krieg: du bist eine künstliche Psychose, ein Sprechen mit dem Anspruch des Allwissens: Krieg. Nie bist du Freiheit. Gewalt & Unterhaltung deine Narrationen. Krieg: A performing Act: da Form über Zensur die Inhalte manipuliert: nie Ausblick. Bloss Behauptung des Erhabenen (not funny sagen die) bist Handel als Grammatik der Mächtigen, das Gegenteil von Leben. Ersetzt du Vernunft durch Gefühle (not funny!) besiegt sind alle. Ohne Frieden. In dir: Krieg. : der Himmel Blicke ohne Augen an ihm: es ist schwer dich mit der Präzision eines Lidschlags zu küssen wo alles vergeht dich weiter lieben mit milden Fingern und nichts als dem leeren Wind im Haar: Unbehagen Sehnsucht ungelüftet die Jahre Licht- Farb- und Wärmeerscheinung ich machte Karriere nie weit genug nie tief hinab zu hoch zu hell zu weh und mit dem nächsten Augenaufschlag des Fensters schon wieder andere Vögel
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