Ich habe deine Spuren gesucht

Gastón Salvatore 

(* 29. September 1941 in Valparaíso; † 11. Dezember 2015 in Venedig)

Ich habe deine Spuren gesucht 
auf dem zerknüllten Bettuch.
Ein Geruch von Kälte 
ist immer unter den Träumen begraben.

Noch verdeckt dein Körper 
den Spiegel über dem Waschbecken. 
Vielleicht finde ich dich 
nur deswegen nicht.

Aber ich verkenne das Gewicht des Regens 
und das Gewicht des Hemdes 
und die Nummer des Güterwagens 
und die Natur der Abmachung.

An meinen Schuhen 
sehe ich etwas Blutiges. 
Dann weiß ich 
ein Tag hat angefangen.

Aus: Roehler, Klaus (Hg.): Liebesgedichte. Eine Luchterhand-Anthologie (Sammlung Luchterhand 500). Frankfurt/Main: Luchterhand, 1987, S. 71

Mein Herz

Ricarda Huch

(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947, heute vor 75 Jahren, in Schönberg im Taunus)

Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest,
Sein Geliebtes fest in den Fängen,
Aber Gehaßtes gibt es auch,
Das er niemals entläßt
Bis zum letzten Hauch,
was immer die Jahre verhängen.
Es gibt Namen, die beflecken
Die Lippen, die sie nennen,
Die Erde mag sie nicht decken,
Die Flamme mag sie nicht brennen.
Der Engel, gesandt, den Verbrecher
Mit der Gnade von Gott zu betauen,
Wendet sich ab voll Grauen
Und wird zum zischenden Rächer.
Und hätte Gott selbst so viel Huld,
zu waschen die blutrote Schuld,
Bis der Schandfleck verblaßte, –
Mein Herz wird hassen, was es haßte,
Mein Herz hält fest seine Beute,
Daß keiner dran künstle und deute,
Daß kein Lügner schminke das Böse,
Verfluchtes vom Fluche löse. 

Aus: Mein Gedicht ist die Welt. Deutsche Gedichte aus zwei Jahrhunderten. Hrsg. Hans Bender u. Wolfgang Weyrauch. Bd. I. Frankfurt/Main, Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg, 1982, S. 378

Bedenke

Marie Šťastná

xxx 

Bedenke
jede Landschaft beginnt und endet
auf deinem Unterarm
Eine feine furchige Geheimsprache unter der Haut
Abdruck des Waldes
der Straße
des Gedächtnisses
Aber was wenn man von dir etwas weiß
etwas so Unglaubliches
dass selbst du nur Andeutungen kennst
die Brailleschrift des Körpers
an schwer erreichbaren Orten
Denk daran
Wer dir wann über den Rücken strich
xxx

Pomysli 
každá krajina začíná a končí 
na tvém předloktí 
Pod kůží jemně vyrýhovaná tajná řeč 
otisk lesa 
ulice 
paměti 
Ale co když se o tobě něco ví 
něco tak neuvěřitelného 
že i ty jen tápeš v náznacích 
Braillovo písmo těla 
v těžko dostupných místech 
Vzpomínej 
Kdo tě kdy hladil po zádech

Aus: Marie Šťastná: Wenn das Wasser kocht. [Gedichte]. Aus dem Tschechischen übersetzt von Julia Miesenböck. Zweisprachig. Leipzig: Hochroth, 2018 (Edition OstroVers 02)

Bis ans Ende

Volha Hapeyeva

(* 1982 in Minsk)

●

bis ans ende
lesen den schnee:
tilgen alle fehler
bis der schnee schmilzt
durst stillt emanzipierter winter
an den feldrand rote vögel setzen:
so die erde lockernden knoten im hals
doch wie du auch schluckst
diese blauen lippen rette
ich nicht:
ich: nichts
als unsilbe vor der betonung
ein weiblicher hauptwortstamm auf „h“
weshalb will man mich beugen —
was darf ich ihnen zeigen?
diese bonbons — der plural immer hilft
und weil sich manche worte
nicht zusammen schreiben
geb ich mir den bindestrich
und trage unterm mantel
sträuße roter und gelber
weichheitszeichen
gegen deine härte
                       doch
bist du nicht die ausnahme
und ich nicht die regel

Deutsch von Uljana Wolf, aus: Volha Hapeyeva: Mutantengarten. Gedichte. Übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martinas Jakobson und Uljana Wolf. Ottensheim: Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020, S. 54

●

вычытаць гэты сьнег
     да канца
каб ніводнай памылкі не засталося
калі будзе ён паміраць
наталяючы смагу   эмансыпацыйнай зімы
вынесьці на палі птушак чырвоных
каб дзяўблі яны глебу што камянём застрае ў горле
і глытай не глытай
сінія вусны да жыцьця не вярнуць мне
або ня вернуць,
 я - нескладовая перад націскам
а дакладней – назоўнік жаночага роду з асновай на ”г”
і таму калі мяне праскланяць...
-дык Вы будзеце што-небудзь браць?
-..цукеркі...
множны лік мае свае перавагі
аднак ёсьць словы якія нельга пісаць разам
таму ў скрайніх выпадках я пішу сябе праз злучок
трымаючы пад паліто
букеты ружовых і жоўтых
мяккіх знакаў
каб паслабіць тваю цьвёрдасьць
          але
ты  не выключэньне
а я ня правіла

© Логвінаў
Aus: Няголены ранак
Мінск: Логвінаў, 2008

Originaltext bei Lyrikline (dort kann man es auch anhören, von der Autorin gelesen)

Musterstadt

Donna Stonecipher

(Geboren 1969 in Seattle, lebt in Berlin)

Aus: MUSTERSTADT. Gedichte

1 Es war

Als wäre es der sozialistische Traum eines Kulturpalasts, wo alles an Kultur Platz findet in einem Marmorgebäude mitten in der Stadt, wie in einem großen Marmoraktenschrank, in dem man die Kultur zu den Akten legen kann.

Als griffe man die Idee dieses Palastes wieder auf und vererbte sie an Leute, die kommen und zu Königen und Königinnen werden im Aktenschrank-Königreich der Kultur.

Als beträte man den Kulturpalast und spazierte durch endlose gelbe Marmorgänge, die zu Räumen führen, Hörsälen, Kulturbühnen — und fühlte sich selbst, als neugierige Touristenkönigin, zu den Akten gelegt.

Als schriebe man im Traum Gedichte, gesäumt von endlosen gelben Marmorgängen, hin und wieder unterbrochen von den Kristallorgasmen der Lüster, als hätte man das Verlangen im Stil sozialistischen Barocks zu schreiben.

Deutsch von Lars-Arvid Brischke, aus dem soeben erschienenen Heft 6/2022 der Zeitschrift Sinn und Form (S. 782). Das Original erschien 2015: Model City, Shearsman Books.

s Wegeverhalten

Konstantin Ames

s Wegeverhalten

Trampeln auf deiner, meiner Gesundheit herum.
Nennen s Spaziergang. Als ob Deutschreicher
Österländer das könnten! Sind für die Theorie
zu infantil, verkörpern lieber Ellenbogen, Oden, Essays.

Verscherbeln s letzte Rilkesilber, tanzen Raben an, Kumpels
im Kunstpelz belobigen ihre Organe, rücken ihre Zitrönchen
zurecht; man sieht die Wunder kaum vor lauter Hörnchen.

Ging das letzte Impflicht auf, würde dieser prosaische
Handkäs hier ein kunstvoll Lied von Walle Sayer.

Aus: Konstantin Ames, Verständniserklärun g 2 Kapitel. Gedichte. Berlin: Noack & Block 2023 [sic / sic], S. 24

Tadeusz Borowski 100

Tadeusz Borowski 

(* 12. November 1922 in Schytomyr; † 3. Juli 1951 in Warschau) 

Und dennoch, über verbissene Worte
wie über einen gerodeten Pfad
werd ich mich kämpfen, bis meine wahre
Dichtkunst sich wiedergefunden hat.

Als wär ich todkrank gewesen,
muß neu ich die Welt beginnen,
jede Gestalt neu erlernen,
neue Wortgefüge ersinnen.

Wer schreit nach diesem schrecklichen Krieg
Agitpropverse auf den Plätzen herum!
Ich werde ruhig und leise sprechen.
Ich überlebte. Die Toten sind stumm.

Mit den Augen geradeaus in die Welt sehn,
tief Atem holen mit der Brust
eines Menschen, der lang wie mit einem Freund
mit dem Tode zu leben gewußt.

Deutsch von Annemarie Bostroem, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 208

Der polnische Lyriker Tadeusz Borowski wurde heute vor 100 Jahren in Shitomir (Schytomyr) geboren, einer Stadt in der damaligen Sowjetunion und in der heutigen Ukraine mit einer polnischen Minderheit (1862: 3 katholische und mehrere griechische Kirchen). Aus der Biografie bei Wikipedia: „Seine Mutter Teofila, geborene Karpińska (1897–1993), und sein Vater Stanisław (1890–1966) stammten aus Bauernfamilien in der Ukraine. Sie heirateten 1917 in Shytomyr. Sie hatten zwei Söhne, Juliusz und Tadeusz. Stanisław arbeitete als Buchhalter in einer Genossenschaft für Imkerei und Gartenbau. 1926 kam er ins Gefängnis, weil er vor dem Ersten Weltkrieg ein Mitglied der POW, Polska Organizacja Wojskowa (Polnische Militärorganisation), gewesen war. Er wurde nach Karelien deportiert, wo er beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals mitarbeiten musste. Teofila, eine Schneiderin, wurde nach Sibirien deportiert, nach Igarka bei Jenisseisk. 1932 tauschten die Sowjets Stanislaw gegen in Polen inhaftierte Kommunisten aus. (…) Während des Zweiten Weltkriegs machte Tadeusz 1940 im deutsch besetzten Warschau an einem geheimen Untergrundgymnasium sein Abitur und begann an der gleichfalls geheimen Warschauer Untergrunduniversität ein Studium der Polonistik. (…) Im Jahr 1943 wurde Borowski verhaftet und ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Nachdem er sich als Zwangsarbeiter eine Lungenentzündung zugezogen hatte, arbeitete er als Sanitäter im Lagerkrankenhaus. Borowski wurde Zeuge, wie Neuankömmlinge aufgefordert wurden, ihre Sachen zurückzulassen, um daraufhin in die Gaskammern geschickt zu werden. Er wurde 1944 in das Konzentrationslager Dautmergen (ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof bei Balingen) bzw. später nach Dachau verlegt und dort am 1. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. (…) Am 1. Juli 1951, fünf Tage nach der Geburt seiner Tochter Małgorzata, unternahm er einen Selbstmordversuch, an dessen Folgen er am 3. Juli 1951 im Alter von 28 Jahren starb.“

Dichtkunst

Paul Colinet

(* 2. Mai 1898 in Arquennes, Seneffe, Belgien.; † 23. Dezember 1957 in Forest (Brüssel))

Dichtkunst

Der Vogel ist im Koffer, der Koffer im Ei, das Ei im Felsen, der Felsen im kleinen Finger, der kleine Finger im Mond, der Mond im Hahn des Gewehrs, der Hahn des Gewehrs im Passagierdampfer, der Passagierdampfer im Wald, der Wald in der Puderdose, die Puderdose im Ring, der Ring in der Fassung, die Fassung in der einsamen Insel, die einsame Insel im Löschblatt, das Löschblatt im leeren Kopf, der leere Kopf in der Nacht.

Deutsch von Brigitte Weidmann, aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer und Petr Král. 3., korr. u. erw. Aufl. Frankfurt/Main: Zweitausendeins; Museum Bochum, 2000, S. 247

Dorf nach dem Krieg

Dai Schi-ping (Tai Shih-p’ing), 12. Jahrhundert

DORF NACH DEM KRIEG

Zwerg-Pfirsichbäume blühn verwaist
    und Blumen herrenlos;
Von Raben dicht umlagert dampft
    das feuchte, weite Moos.
Um alte Brunnen da und dort
    nur Mauerreste stehn . . .
Hier ragten früher weit und breit
    Gehöfte, reich und groß.

Aus dem Chinesischen von Zoltan Franyó, aus: Lyrik des Ostens: China. München: dtv, 1962 (Original Hanser 1952), S. 140

Is the new

Olga Stehlíková

Is the new

Alt ist das neue jung
Single ist das neue verheiratet
Vegan ist das neue vegetarisch
Remoska ist die neue Mikrowelle
Neomarxismus ist der neue Marxismus
Mama ist die neue Oma
Hipster ist der neue Dandy
DIY ist das neue Heimwerken
Schreiben ist das neue Lesen
Xanax ist das neue Gras
Midlifecrisis ist das neue Viagra
Klug ist das neue sexy
Letztlich ist das neue nichtsdestoweniger
Ich ist das neue du
Is the new

Staré je nové mladé 
Singles jsou noví manželé 
Veganství je nové vegetariánství 
Remoska je nová mikrovlnka 
Neomarxismus je nový marxismus 
Maminka je nová babička 
Hipster je nový dandy 
DIY je nové kutilství 
Psaní je nové čteni 
Neurol je nová tráva 
Krize středního věku je nová Viagra 
Chytré je nové sexy 
Koneckonců je nové nicméně 
Já je nové ty

Aus: Olga Stehlíková, Porträts, aus dem Tschechischen übersetzt von Lena Dorn. Leipzig: Hochroth, 2019 (OstroVers 04), S. 10f

Flieh, neidsche Zeit

John Milton 

(* 9. Dezember 1608 in London; † 8. November 1674 in Bunhill bei London) 

An die Zeit

Flieh neidsche Zeit, bis du dein Ziel erreichet,
Beschleunige der Stunden schweren Gang,
Des Eile nur dem Schritt des Senkbleis* gleichet,
Es sättige dich was dein Rachen schlang,
Das Eitle, Falsche, denn nur das wird dein,
Nur Erdentand und Staub;
So wenig ist dein Raub,
Und der Verlust so klein.
Wirst endlich alles Böse du begraben,
Zuletzt die eigne Gier verzehret haben,
Dann nahet Ewigkeit mit hohem Gruß
Und bringt den unteilbaren Kuss;
Und einer Flut gleich wird die Freude steigen,
Wenn jedes wahrhaft Gute sich wird zeigen,
Das Göttliche hell scheinen
Und Wahrheit, Friede, Liebe sich vereinen
Um dessen Thron zu schweben,
Zu dem wir uns im Himmelsflug erheben,
Ihn anzuschaun durch alle Ewigkeit,
Tief unter uns die dunkle Erdenbahn,
Ruhn ewig wir, in Sternen angetan,
Erhaben über Zufall, Tod und dich, o Zeit.

Aus dem Englischen von Arthur Schopenhauer, aus: Lyrik des Abendlands. Gedichte aller abendländischen Völker von den Homerischen Hymnen bis zu Lorca und Brecht. Gemeinsam mit Hans Hennecke, Curt Hohoff und Karl Voßler ausgewählt von Georg Britting. München: Hanser, 1978, S. 277

* ) Vgl. Anmerkung zum englischen Text

On Time

Fly, envious Time, till thou run out thy race,   
Call on the lazy leaden-stepping1 hours,   
Whose speed is but the heavy plummet's2 pace;   
And glut thyself with what thy womb3 devours,   
Which is no more then what is false and vain,  
And merely mortal dross;   
So little is our loss,   
So little is thy gain.   
For when as each thing bad thou hast entombed,   
And last of all, thy greedy self consumed,
Then long Eternity shall greet our bliss   
With an individual4 kiss;   
And joy shall overtake us as a flood,   
When every thing that is sincerely5 good   
And perfectly divine,  
With Truth, and Peace, and Love shall ever shine   
About the supreme throne   
Of Him t'whose happy-making sight6 alone,   
When once our Heav'nly-guided soul shall climb,   
Then all this earthy grossness quit, 7
Attired8 with Stars, we shall for ever sit,   
   Triumphing over Death, and Chance, and thee, O Time.

Aus: Milton’s Selected Poetry and Prose. Critical Edition. Ed. Jason P. Rosenblatt. New York, London: Norton, 2010, S. 21f

Worterklärungen aus dieser Ausgabe

  1. slow-moving
  2. Not a pendulum but the lead weight affixed to the newly invented lantern clock, whose graduated descent drove the movement. Vgl.
  3. stomach
  4. indivisible, everlasting
  5. wholly
  6. beatific vision
  7. having been left behind
  8. crowned

die bewegung der antillen unter der schädeldecke

Horst Samson

landregen

die tür fällt ins schloss
der Schlüssel steckt von außen 
und ich denke
dass die tür ins schloss gefallen ist
und der Schlüssel von außen steckt

das zimmer ist klein
es riecht nach Schimmel
in den ecken spinnweben
überall hat sich der staub breitgemacht 
und aus dem radio fehlt der lautsprecher

vier schritte dann bin ich beim fenster 
es ist vernagelt
die scheiben sind gesprungen
ich fahre mit der hand über das holz 
und die färbe blättert ab
der herbst denke ich

vor dem fenster steht der armstuhl
in dem großvater seine Zigaretten gedreht hat 
ich setze mich hin
und sehe die sonne steigen
und auch wieder verschwinden
in der dämmerung geht mein mädchen vorüber 
in die finsternis
mit offenem haar und glitzernden augen

die dunkelheit kommt schneller 
die dunkelheit bleibt länger
die letzte glühbirne in dieser gasse 
ist vorgestern ausgebrannt

es ist schon spät
noch zuckt kein blitz über den himmel 
plötzlich geht ein landregen nieder 
gleichmäßiges tropfen
einschläfernd

ich schlage die fensterscheiben ein und blute 
dann ist es wieder still ringsum
es ist nicht aufzuhalten das schweigen

Aus: die bewegung der antillen unter der schädeldecke. junge rumäniendeutsche lyrik zwischen 1975 und 1980. Eine (historische) Anthologie. Hrsg. Walter Fromm. Erweiterte, kritische Neuauflage 2022. Ludwigsburg: POP, 2022, S. 146f

Diese Anthologie wurde 1980 in Rumänien abgelehnt und daraufhin als kartoniertes Typoskript vervielfältigt. 9 von den 10 in dieser Anthologie versammelten Lyriker reisten zwischen 1981 und 1992 in die Bundesrepublik Deutschland aus. Horst Samson wurde 1954 in Salcimi in Rumänien geboren. 1987 emigrierte er und lebt heute bei Frankfurt am Main.

Wir sind doch keine Kommunisten

MEHDI MOUSAVI

ICH SAGTE, zieh dein rotes Kleid nicht an, 
             wir sind doch keine Kommunisten.
Ich sagte, zieh dein schwarzes Kleid nicht an, 
             wir sind doch keine Anarchisten.
Ich sagte, zieh dein grünes* Kleid nicht an, 
             wir sind doch auch keine Putschisten.
Ich sagte, hier in diesem Land
             verhaftet man nur Nackte nicht.
Dann kamen die,
die uns gesteinigt hatten. 
Den ersten Stein warf einer,
             bezüglich dessen Kleidung ich nicht sicher bin. 
Den letzten Stein warf einer,
der sich sicher war, hier in dem Land

verhaftet man nur die, die Steine werfen, nicht.

* Anspielung auf die „grüne“ Bewegung, d.h. den Protest gegen die gefälschte Wiederwahl von Ahmadinejad

Aus dem Persischen von Kurt Scharf. Aus: Kontinentaldrift. Das Persische Europa. Hg.von Daniela Danz und Ali Abdollahi. Heidelberg: Wunderhorn; Haus für Poesie. 2021, S. 160f

Sei nicht Saussure

Charles Bernstein 

(* 4. April 1950 in New York City)

Don’t Be So Sure 
(Don’t Be Saussure)

My cup is my cap
& my cap is my cup 
When the coffee is hot
It ruins my hat
We clap and we slap
Have sup with our pap 
But won’t someone please 
Get me a drink
Sei saublöd!
(Sei nicht Saussure)

Mein Topf ist mein Kopf
& mein Kopf ist mein Topf 
Zuviel Pfeffer und Salz
Verdirbt das Schmalz
Wir mampfen und bampfen
Wir schmatzen und patzen
Aber ich hätt jetzt gern
Ein Schweinernes mit Sauerkraut.

Deutsch von Julia Dengg. Aus: Charles Bernstein: Gedichte und Übersetzen. (Versatorium Band 1.1). Wien: Edition Korrespondenzen 2013, S. 29f

Ich bin ein Schrei aus dem Nebel

L&Poe Journal #02

Nach dem Start der Ausgabe 02 im zeitigen Frühjahr kam eine intensive Arbeitsphase im Zusammenhang mit dem zweiten Band meiner Edition der Barockdichterin Sibylla Schwarz. Die Paperbackausgabe ist erschienen, Hardcover ist noch im Satz. Zeit für den Schlussspurt des zweiten Journals. Heute eine Ergänzung zum Abschnitt NEUE TEXTE, der in dieser Ausgabe Gedichte von Autorinnen bringt. Nach Jayne-Ann Igel | Silke Peters | Mara Genschel | Kerstin Becker | Brigitte Struzyk | Odile Endres | Martina Hefter und Anna Hoffmann hier ein paar unveröffentlichte Gedichte von Sophie Reyer, die sie mir dankenswerterweise zur Verfügung stellte.

Sophie Reyer

:
Ich bin ein Schrei aus dem Nebel 
bin die die der Fremde spricht 
ganz ohne Nabel 
wo fange ich an 

Überland fährt mein Wind 
Schnee schlägt mein Leben dir ins Gesicht 
bleich die Sonne an meinem Rücken 

ich bin die Vollendete
das ist mein Leid:

kalt fall ich Flocke 
quelle als Schnee 
lös mich auf in deinen Augen 

dein Blick der trifft 
mir Lied und Trost aus eigenem Mund:
keinem

(du meine 
Wunde) 

:
Abend 
Abgrund 

ohne Knochen 
ohne Gelenke 
so eine fällt nicht 

durchsichtig werden 
Abschied 

:
Bekenntnis 

ich habe nie 
den Frühling 

verstanden die 
Sommer hasste ich 

von Kindheit 
an nur 

im Dunkel 
lasteten süß

die Träume auf mir 
immer da 

wo ich 
fror wo 

ich wegblieb 
wurde ich 

ganz 

:
Stiche brauchen 
die Klippen 

Schatten die Erde
ruh dich aus 

im letzten Lachen zieh 
deine Clownschuhe an:

Abschied 

:
wohin uns die 
Sonnen Strahlen nicht 
folgen konnten band 

uns der Regen 
zusammen:

Schmerz 

(der Schmetterling 
gehört nicht nur 

deinem Garten)

:
was Liebe ist:

der Schmetterling 
gehört nicht nur 

deinem Garten

:
Die Sonne 
ein Loch 
im Schädel 

der Welt:
wie lange 

noch? 
(Ozon.) 

:
Epitaph:

wohin 
klirrendes Mädchen 

weißt du noch 
damals: der Friede 

zerbrach

und am Rücken 
der Druck von Flügeln 

die Last ein Engel 
zu sein bis der Wind kam:

klirrendes Mädchen 
wohin

:
Kindheitserinnerung

Gedächtnis meiner Fusssohlen:
Gras du, dein irres

Grün

:
Narbe 

geh ans Ende 
um es zu Ende zu 
fürchten 

nur was man 
verliert wird 

nahe 

Narbe 

:
Drachin singt 

Drachin bin ich 
die sich anfreunden will 
mit jemandem der 

aus Angst vor ihr zittert 

ich belle so laut 
ich weine so zart 
ich speie Feuer 
ich nage Knochen 
ich bin aus Glas 

du meine Sehnsucht:
der Leuchtturm

schwer immer 
diese Flügel der 
Panzer so hart 

ich kreise um dich 
wie ein Sturm 
die Haut in Falten gelegt 
aber kein Brennen 
währt ewig 
gegen den See

auch wenn Schuppen 
nicht altern: du weichst nicht 
du kennst keine Furcht 

Drachin bin ich 
so halb 
so zart 

und du 
lässt dein Haar 
nicht herunter 

schau der Stern 
im Auge meines Sturms 
manche nennen ihn 
Krone der Welt:
ich habe Schmerzen 

Drachin bin ich 
die sich anfreunden will 
mit jemandem der 

aus Angst vor ihr zittert 

:
der Himmel 
Blicke ohne 

Augen an ihm:
es ist schwer 

dich mit der 
Präzision eines 

Lidschlags zu küssen 
wo alles vergeht dich weiter 

lieben mit milden Fingern 
und nichts als dem leeren 

Wind im Haar:
Unbehagen Sehnsucht

ungelüftet die Jahre 
Licht- Farb- und Wärmeerscheinung 
ich machte Karriere 
nie weit genug 
nie tief hinab 
zu hoch 
zu hell 
zu weh 

und mit dem nächsten 
Augenaufschlag des Fensters 
schon wieder 

andere Vögel 

:
Unzählige Male 
zergeht ein Jetzt 

und ich weiß nicht 
wer ich bin 

zerdrückte Früchte 
rote Flecken 

auf meinem Kleid.
Mein Wort heißt:

Keiner. Ich gieß Milch 
aus der Schale an 

einen Baum um 
ihn zu füttern. Und alles 

hab ich gestohlen: 
Gesichter und 

Gedichte. Ich sage es laut 
immer wieder:

wohin 

 
:
Ich bin 
der Möglichkeitssinn 

die multipolare Welt 
in Atem 

Sirenengesang
als schriller Schrei 
als Unerhörtes 

gerate ich in 
die Welt 

und weiß von 
Anfang an 

nicht weiter:
Mutters Massengrab 

in mir: es ist 
ein Menschheitsgrab 

ohne Namen 

Stein in mir 
mehr als bloss 

Materie oder 
Gewicht 

ich kippe 
werde von Wasser 
(deinem Blick) weich 

gewaschen 

mein Herz 
pocht steinern:

Mineral und 
Muskeln und nur 

deine Augen 
könnten mich 
irgendwann 

heilen 


:
Kiesel
Felsen 
Geröll
Schutt 
Mauer:

ich gehe 
in mir 

nicht mehr 
auf 

:
wie tief 
entwellt 

mein Falten Ich 
vom Leben gestaltet 

alt geworden 
atmet nicht mehr:

atme mich 
aus 

:
und ein neues 
Selbst gefaltet:

Tiefe der
Steine 

:
aufgeatmet 
nach dem Wellenschub

liegst du Land 
an Land mit mir 

wie Hagelkörner 
sind wir 

durchsichtig 
rein und 
hart dein 

Schwanz an 
meinem Abgrund 

ich folge 
dem Wesen des 

Wassers werd 
in dir 

ganz 

:
Liebeserklärung 

komm bekomm 
nie einen Körper sei 

Raum in mir 
Äther aus Blau 

ich will dich 
fingerlos lieben 

und mit dir sprechen 
wie Fische es miteinander 

tun und 
keiner kann uns 

hören 

:
Ich Verunfallte 

Friede ist 
das wunde Wort 

in mir 
das ich immer nur schrieb 

ohne es 
werden zu 

können 

:
Im Traum 
lachen die Bäume 

dich aus. Uns retten?
Auf diese 

Idee kommen nur 
Menschen, 

ehrlich! Sagen 
sie kichernd. (Und sogar 
ihr Lachen dauert tausend 

Jahre)

:
für Rainer Maria Rilke 

Licht 
Wasser und 
Sonne 

und die Klarheit 
die alles 

tötet:

was du heute 
noch 
an Worten brauchst 
heißt 

wachsende 
Ringe 

:
Wie der Blitz 
tauchst mein Zimmer 

ins Licht das selbst 
jeder Tote 

wegsehen muss:

:
Es ist Windzeit.
Deine Wangen spannen sich an.
Türme fallen überall um. 
Es ist Einsamkeit.
Dir fehlen keine 
Menschen- Du trauerst um etwas
das du nicht 

kennst.

Finger sprießen 
Vögel werden kommen 

und du 
wirst zu Tode 

gehungert sein:
Flügel 

Es ist Windzeit. 

:
Ich weiß 
je schneller ich die 

Phantasie von mir 
aufgebe desto leichter 

treffe ich 
auf das Leben 

doch ich will 
es nicht sein: dieses

faltige Gesicht 
vom Meißel des 

Intellekts behauen
ausdruckslos wie 

ein Stein 
und immer noch 

mit Augen 
aus 

Glas 

:
Du bist: Bilder:
die sorgfältig konstruierte Maschine 

der Gewalt. Du betriffst uns:
unmittelbar. Fängst uns 

in den Rastern 
der Manipulation: 

zu rühren: alles aus 
dem Wege fegst du 

(im Sinne des Konsens
von Opfer und Täter) Du machst 
Atomwaffen und 

Angst. Und die macht uns:
unlogisch: das 

ist deine Macht. 
Du bist 

die gewaltvolle Besetzung 
all unserer Lebenswirklichkeiten:

Kein Ein. Kein Aus. 
Ein endloses 

Enter. Die Reproduktion 
von Sinn. Eine Konstruktion 

als Gegenteil 
Von Ethos. Von Demokratie. Eine 

Institution bist. Des Rassistischen.
Wem du dienst? 

Den Eliten. Wie das Patriachat
sich einschreibt: Bist du

Reproduktionsmittel 
und Missbrauch aller. Die Ausbeutung

einer Philosophie 
der Verstellung. Die Welt 

deine Bühne. Performance
aus Schlagzeilen. Schaffst 

einen Rahmen. Bist 
im Handel mit Leben 

und Tod (it´s all 
a game for the ones 

in power game:)

over. Von Anfang an 
ein geschrieben: Rück 

Koppelungs Schleife & Rückfall 
in die archaischen 

Vorstellungen 
der Macht. Du kennst 

keine Liebe, keine Demut. 
Bist eine Erzählung 

ohne Leerstellen, da
wo Eliten Gott 

spielen behauptest du 
die Eroberung irgendeines 

Paradises: Krieg.
Krieg: du bist 

eine künstliche 
Psychose, ein Sprechen 

mit dem Anspruch 
des Allwissens: Krieg.

Nie bist du Freiheit. Gewalt 
& Unterhaltung deine 

Narrationen. Krieg: A 
performing Act: 

da Form 
über Zensur 

die Inhalte manipuliert: 
nie Ausblick. Bloss 

Behauptung 
des Erhabenen (not 

funny sagen die) 
bist Handel 

als Grammatik 
der Mächtigen, das Gegenteil von 

Leben. Ersetzt du 
Vernunft 

durch Gefühle (not funny!)
besiegt 

sind alle. Ohne Frieden.
In dir:

Krieg. 

:
der Himmel 
Blicke ohne 

Augen an ihm:
es ist schwer 

dich mit der 
Präzision eines 

Lidschlags zu küssen 
wo alles vergeht dich weiter 

lieben mit milden Fingern 
und nichts als dem leeren 

Wind im Haar:
Unbehagen Sehnsucht

ungelüftet die Jahre 
Licht- Farb- und Wärmeerscheinung 
ich machte Karriere 
nie weit genug 
nie tief hinab 
zu hoch 
zu hell 
zu weh 

und mit dem nächsten 
Augenaufschlag des Fensters 
schon wieder 

andere Vögel