Zum 275. Geburtstag von Gottfried August Bürger (* 31. Dezember 1747 in Molmerswende; † 8. Juni 1794 in Göttingen) vier politische Epigramme.
Mittel gegen den Hochmut der Großen Viel Klagen hör ich oft erheben Vom Hochmut, den der Große übt. Der Großen Hochmut wird sich geben, Wenn unsre Kriecherei sich gibt.
Entsagung der Politik
Ade, Frau Politik! Sie mag sich fürbaß trollen:
Die Schrift-Zensur ist heutzutage scharf.
Was mancher Edle will, scheint er oft nicht zu sollen;
Dagegen, was er schreiben soll und darf,
Kann doch ein Edler oft nicht wollen.
Aus: Auf einen Zeitschriftsteller, der wider Menschenrecht, Freiheit, Aufklärung, große und edle Menschen etc. etc. etc. etc. kopf-, herz- und geschmacklos schrieb. Ich möchte lieber Raub und Mord Auf meiner armen Seele haben, Als heuchlerisch mit Einem Sklavenwort Den Aberglauben und den Despotismus laben.
Prognostikon Vor Feuersglut, vor Wassersnot Mag sicher fort der Erdball rücken. Wenn noch ein Untergang ihm droht, So wird er in Papier ersticken.
L&Poe Journal #02/2022 – Alter Text
Otto Wobbe
(* 10. April 1868 in Greifswald; † 9. Mai 1945 ebenda)
Otto Wobbe war ein Greifswalder Heimatforscher und Schriftsteller.
NIEJOHR Wat is 'n Johr? En korten Schritt! J. Jahr k. kurzer En Druppen, de in 't Weltmeer flütt! D. Tropfen f. fließt Un doch is in em so väl Qual, e. ihm v. viel un so väl Freud' un Lust tomal! t. zumal Un so väl Hoffnung, so väl Glück, un so väl Angst un Missgeschick! Man blots en liesen Klockenschlag. b. bloß l. leiser von unsen Hergotts Arbeidsdag! Un doch so vull von Mäuh un Not, M. Müh so vull von Läben un von Dod, so vull von Leiw un Sickverstahn, L. Liebe S. Sichverstehn un ewig Utenannergahn! U. Auseinandergehn
Aus: Willy Passig: Sie sollten nicht vergessen sein. Plattdeutsches Dichterbuch für Pommern. Elmenhorst: Edition Pommern, 2016, S. 146
So alt wäre Frank Lanzendörfer, der sich als Dichter flanzendörfer nannte, heute. Geboren am 30. Dezember 1962 in Dresden Söbrigen. Am 5. August 1988 nahm er sich das Leben.
& noch mal anfang:
dein brief ist angekommen. hinterläßt zwiespalt. sorum wie
andersrum lesbar. verborgene abspielungen? gewissen?
eben hingeschrieben dadurch schreck. nein zu sagen ist auch
ne fähigkeit. wenn das furchtbare gewöhnlich wird kanns
passieren das es zu ner betriebsblindheit kommt: das furchtbare
verschwindet scheinbar, aber immer auf kosten eigner substanz. (worum
gehts denn?) trivial. ausser unbehagen kann ich im moment nichts weiter
benennen (deinen brief betreffend).
deinen mantel habe ich mir geholt. falls dus schon weisst. schreib
mir bitte wann du urlaub hast, dann habe ich einen spätesten
termin wegen fotos muss ich erst mal mitm fotografen reden
schicke dir erstmal die, sobald ich die andren habe, die.
soweitsogut.
Aus: flanzendörfer: unmöglich es leben. texte bilder fotos. Zusammengestellt von Peter Böthig und Klaus Michael. Berlin: Janus press / BasisDruck, 1992, S. 76

Noch einmal Rilke, zum heutigen 96. Todestag.
Rainer Maria Rilke
(* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)
An der sonngewohnten Straße, in dem hohlen halben Baumstamm, der seit lange Trog ward, eine Oberfläche Wasser in sich leis erneuernd, still' ich meinen Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft in mich nehmend durch die Handgelenke. Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich; aber diese wartende Gebärde holt mir helles Wasser ins Bewußtsein. Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen, nur ein leichtes Anruhn meiner Hände, sei's an deiner Schulter junge Rundung, sei es an den Andrang deiner Brüste.
Muzot, Anfang Juni 1924
Aus: Rainer Maria Rilke, Werke in drei Bänden. Hrsg. Horst Nalewski. Erster Band: Gedichte. Leipzig: Insel, 1978, S. 797
L&Poe Journal #02/2022
Kurz vor Weihnachten starb unerwartet der Literaturkritiker und unermüdliche Netzwerker und Lyrikförderer Michael Braun. In früheren Jahren war er häufig auch auf diesen Seiten zu lesen. Wir trafen uns in Freiburg / Staufen und gelegentlich am Rand von Veranstaltungen. Ich glaube, das erste, was ich von ihm las und was mir seinen Namen einprägte, war ein lyrikgeschichtlicher Aufsatz aus den frühen 90ern – zumindest las ich es damals, als sich mir die Westberliner Bibliotheken öffneten – über die (meine Worte) Überformung der modernen deutschen Lyrik durch den französischen Symbolismus, ein Problem, über das ich immer mit ihm diskutieren wollte, bis es nun zu spät ist. Man musste ihm nicht in allem zustimmen, aber seine Stimme wird fehlen, die Lücke ist nicht zu schließen.
Im folgenden einige spontane Nachrufe auf sozialen Netzwerken.
Paul-Henri Campbell | Andreas Heidtmann | Ulrich Koch | Alexandru Bulucz | Carolin Callies | Dieter M. Gräf | Beate Tröger | Horst Samson | Volker Sielaff | Hendrik Jackson |
… eben erreichte mich eine schreckliche Nachricht, die mich schockiert und ganz taub macht: Der Literaturkritiker und lieber Freund MICHAEL BRAUN (28.2.1958-23.12.2022) ist heute in der Früh gegen fünf Uhr im Neckarathen Heidelberg vollkommen unerwartet verstorben. Michael Braun war nicht nur ein allseits geschätzter Experte und Kritiker der zeitgenössischen Literatur, aber auch ein fairer, feiner, liebevoller und umsichtiger Mensch, der über eine sichere Urteilskraft in Dingen verfügte, die das gesamte Leben berührten. Seine über vierzig Jahre währende tägliche und intensive Auseinandersetzung mit und in dem wuseligen Feld der zeitgenössischen Litertur, besonders auch in ihren lyrischen Formen, mehrte nicht nur seinen eigenen Überblick, sondern als Kommentator und Herausgeber den Genuss, den viele Menschen an der Literatur erfahren konnten. Sein Einsatz für junge und alte Autor:innen ist enorm und strukturierte nachhaltig das mit, was wir heute als deutschsprachige Gegenwartsliteratur erleben. Ich war in den Jahren immer erstaunt, wie sehr er allen Texten etwas abgewinnen konnte, sich an ihnen erfreute, manchmal zähe Geduld mit ihren Autoren übte, an allen Texten Spuren und Tendenzen größerer Bögen erkannte und anderen zeigte, in welchen günstigen und ungünstigen sozialen sowie persönlichen Zusammenhängen, durch welches Engegement, Opfer, Genie und Zufall die Literatur als unzerstörbares Erbe der Menschheit entsteht. Rest in peace, old friend! I will dearly miss you. Thank you for everything you have done to increase beautiful words among us all.
In der Nacht zum 23.12.2022 ist Michael Braun gestorben! Wir sind tief erschüttert.
Michael Braun war der unangefochtene Kenner der Lyrik, der kompetente Kritiker in Sachen Dichtung und hat durch viele Rezensionen, Moderationen und Dozenturen die Lyrikszene und die gesamte Literatur geprägt. Seine Bücher sind nicht aus der Literaturwelt wegzudenken. So die lyrischen Bestandsaufnahmen, die er mit Hans Thill vorlegte. „Der gelbe Akrobat“, den er mit Michael Buselmeier verfasste, wurde zu einem lyrischen Lesebuch. Wichtig war ihm auch sein letztes Buch in Gedenken an Günter Eich: Was ich weiß, geht mich nichts an.
Er war ein großer Intellektueller, ein kluger Skeptiker, jemand, der die Lyrik über alles stellte. Sie war Teil seines Lebens. Er hinterlässt ein unermessliches Vakuum.
Andreas Heidtmann, poetenladen Verlag
https://www.poetenladen-der-verlag.de/
Ich kann es nicht fassen und bin todtraurig darüber, dass Michael Braun gestorben ist. Wie so vielen Lyrikerinnen und Lyrikern war er auch mir größter Förderer und treuester Begleiter. Wir dürften uns irgendwann 2014 oder 2015 kennengelernt haben, und seitdem stand er mir stets mit Rat und Tat und einem freundlichen, ermunternden Wort zur Seite. 2017 führte er mich gemeinsam mit Insa Wilke in die Welt des Hörfunks ein. Seit nunmehr sechs Jahren durfte ich also mit ihm einige Handvoll lyrischer Neuerscheinungen für den DLF besprechen. Jedes Mal hatte ich größte Bewunderung für seine literarischen Urteile, die nie Verurteilungen waren, und für die reichen literaturhistorischen Quellen, aus denen er sie perspektivierte. Wenn ihm etwas eher wenig zusagte, das war mein Eindruck, dann hinterfragte er zunächst sich selber und das ihm zur Verfügung stehende lyrikkritische Instrumentarium, bis ihm möglich wurde, dem zu besprechenden Material doch noch etwas abzugewinnen. Wenn jemand eine lyrikgerechte Sprache für die deutschsprachige Lyrik des neuen Jahrtausends entwickelt hat, dann er. Keine Art Lyrik war ihm Tabu. Es konnte religiöse Mystik sein oder Experimentelles. Und die innerlyrikbetrieblichen Streitereien waren ihm nie von Belang. Dafür war er zu diskret. So konnte er überall hinschauen: zu den Stillen, den Extrovertierten, den Grantigen, den Konformistischeren … Seine Sympathie galt allen, die sich ernsthaft mit Lyrik auseinandersetzten. Er hat zwar keine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartslyrik geschrieben, so wie teilweise Christian Metz etwa, aber sie war implizite Grundlage seiner Anthologien, Herausgeberschriften, Kolumnen, Rezensionen und Nachrufe. Er hat sie nicht geschrieben, aber maßgeblich begünstigt und beeinflusst. Zu den großen Kritikerinnen und Kritikern aus seiner Alterskohorte gehören Hubert Winkels, Iris Radisch, Helmut Böttiger … Er gehört für mich, ohne Frage, in diese schillernde Reihe. Und sich dort einzureihen, das hat er geschafft trotz des freien Kritikerdaseins, das er führte und das sicher nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. Ich glaube, er hätte sich gefreut, ab 65 nur noch das zu tun, was ihm lieb war und absolut notwendig schien. Zuletzt gab er im Poetenladen „Was ich weiß, geht mich nichts an. Zu Günter Eich. Essays“ heraus. Es ist eine bewegende Hommage an Eich.
Ich verliere einen wichtigen Menschen in meinem Leben, von dem ich gern weiter gelernt hätte.
Vor genau einem Jahr tauschten wir per Mail Bilder aus und sprachen darüber. Er schickte mir dieses Bild von Renate von Mangoldt, das ihn 1994 im LCB zeigt, im Kreis von Manfred Peter Hein, Hajo Steinert, Uwe Kolbe und Joachim Sartorius.

Ich weiss nicht, was ich schreiben soll. Vor wenigen Tagen noch –
Ich bin untröstlich. Und unendlich dankbar für alle unsere Begegnungen. Wir verabschiedeten uns vor Kurzem mit den Worten: „Bis auf unsere nächste vorletzte Begegnung!“
Das, lieber Freund, rufe ich Dir hinterher.

Noch immer kann ich nicht fassen, dass Michael Braun (1958-2022) so plötzlich am Tag vor Heilig Abend gestorben ist. Schon seit einigen Wochen lag seine letzte Herausgeberschaft zu Günter Eich mit dem Titel „Was ich weiß, geht mich nichts an“ auf meinem Nachttisch. Erst über die Weihnachtsfeiertage nahm ich sie jetzt endlich zur Hand und war erschrocken über die Todesnähe dieses Bandes. Auch Günter Eich war kurz vor Weihnachten gestorben – im Jahr 1972. Noch in diesem Jahr ging Michael Braun auf die Suche nach Eichs Asche, die im Schweizer Ort Alfermée ausgestreut wurde. Auf seinem Sterbebett, so zitiert es Michael Braun, sagte Eich im Dezember 1972: „Ich will gar nichts mehr, ich will anfangen zu spielen.“
Mein Beileid von Herzen an seine Familie und seine Freunde, die keine Möglichkeit hatten, sich zu verabschieden.
Paul-Henri Campbell, Alexandru Bulucz, Ron Winkler, Dincer Gücyeter und viele andere schrieben es schon: Die deutschsprachige Lyrikszene hat Michael Braun so viel zu verdanken. Die Lyrik wäre ohne sein Wissen, sein Zutun, seine Fürsprache, seine Klugheit, seine Tiefenversenkungen und Tiefenbohrungen ins einzelne Gedicht, seine Herausgeberschaften und Jurytätigkeiten nicht dort, wo sie heute ist. Er konnte so warmherzig präzise und offen über Gedichte sprechen wie niemand sonst, das zutiefst Menschliche im Gedicht festmachen und beschreiben.
Ich selbst bin Michael so dankbar. Niemand hat so oft über meine Gedichte geschrieben, niemand hat mich so oft moderiert – in Erlangen #poetenfest, Frankfurt #LiteraturhausFrankfurt #KulturamtFrankfurt, Bensheim, Gerlingen, Ladenburg, Worpswede, Stuttgart #LiteraturhausStuttgart. Manchmal brachte er, der Heidelberger, mich Autolose mit dem Auto nach Hause. Zuletzt sahen wir uns in diesem Jahr bei der Jurysitzung zum Lyrikpreis der Südpfalz im #KünstlerhausEdenkoben (den Ulf Stolterfoht bekam) und sprachen über Volker Braun. Wir saßen im Garten und er erzählte über die Herausforderungen, in heutiger Zeit Lyrikkritiker zu sein in einer (wie im Günter Eich-Buch nachzulesen ist) „Dynamik eines geschichtsvergessenen Literaturbetriebs, der im 21. Jahrhundert nur noch im Modus der Hyperventilierung agiert“. Wir sahen uns in Gerlingen zur Preisverleihung und es gab Sekt. Das war noch im Oktober. Es war die letzte Begegnung.
Im Faust-Interview in Bezug auf Nicolas Born sagte er: „Und das hat mich schon damals sehr berührt, weil er beides im Grunde gleichsetzt: Existenz und Schreiben. Es geht ja darum, dass die Frage nach den letzten Dingen – also warum wir eigentlich leben und sterben müssen, leben dürfen und sterben dürfen, – vor allem in Gedichte aufbewahrt wird, in konzentrierter Form.“
Ich hätte gern ein Foto gezeigt, bei dem Michael Braun im Mittelpunkt steht. Er schaute vom Rand in den Kern der Gedichten. Wie ihn gibt es keinen Zweiten. Ich werde ihn vermissen – in so vielem.

Gedicht zum Tag
In memoriam Michael Braun (1958-2022)
Thomas Rosenlöcher: Echo
Wo ich bin knarren die Föhren.
Wo nicht rauscht in ihnen das Meer.
Folg ich dem Rauschen kommt Knarren.
Dort wo es rauscht kam ich her.
Auch dem Dichter Thomas Rosenlöcher, Autor des Gedichts „Echo“, hat nach dessen Tod der Kritiker Michael Braun im April 2022 so freundlich nachgerufen, wie zuletzt, vor wenigen Tagen noch, dem Dichter Wulf Kirsten. Und vielen, vielen anderen vorher. Der Tod eines jeden, dessen Schaffen er begleitet hatte, ging ihm auch persönlich nahe, das konnte hören, wer mit ihm darüber ins Gespräch kam.
Jetzt hat Michael Braun, der Kenner und Vermittler der deutschsprachigen Gegenwartslyrik, sich selbst verabschiedet, so, wie er oft selbst aufgetreten ist: Unaufgeregt und undramatisch und völlig überraschend. Heute, am Übergang von der Nacht zum Morgen.
Der kritische Enthusiast. Aufmerksam im Kleinsten. Skeptisch noch im Letzten. Und grade noch im Ohr, am Montag in der Leitung, am Mittwoch am Telefon, seine schöne, so radiophone Stimme: mild-melancholisch, heiter und guter Dinge, mit hin und wieder aufflackerndem Humor.
Wer je auf der Bühne, bei einer Jurysitzung, aber auch an einem Tisch mit ihm saß und über Literatur sprach und manchmal auch friedlich stritt, wird jetzt diese Gefühle teilen: Traurigkeit. Dankbarkeit. Die sich so schnell wie Wasser aus einem umgeschütteten Glas ausbreitende Gewissheit, dass, was die Kritik der deutschsprachigen Lyrik angeht, niemand diese Lücke wird füllen können, die sein Tod nun aufreisst, die entsteht, weil er nicht mehr da ist, er selbst und in ihm ein lebendes Archiv, dessen geduldigem, freundlichem, genauem und langem Blick aufs Objekt und auf die Menschen, wenig entging.
Jahrelang stand der DLF-Lyrikkalender auf unserem Küchentisch. Jeden Tag ein Gedicht auf der Vorderseite des Kalenderblattes, jeden Tag ein Kommentar zum Gedicht von Michael auf der Rückseite. Er hat unglaublich viel gearbeitet, bis zur Erschöpfung und auch darüber hinaus.
Er war vielen freundlich gesonnen, manche hat er wirklich gemocht. Die Liste derer, für deren Schreiben er sich eingesetzt hat, ist so lang, dass die Namen aneinandergereiht weit reichten. Er hat nicht nur ins Dunkel hinein nachgerufen, sondern auch ans Licht gelockt und wachsen lassen. So viele neue Stimmen entdeckt, gefördert, sie begleitet. Er war ein Freund.
Das Foto zeigt Michael im Jahr 2018. Da bekam er im Rahmen der Leipziger Buchmesse — in Anbetracht seiner langjährigen Verdienste um die Literatur sehr spät — den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik zugesprochen, kurz nach seinem 60. Geburtstag. Man kann seine Freude gut sehen, obwohl das Bild ein bißchen unscharf ist.

Ich wusste von Michael Braun, dass seine Gesundheit chronisch angegriffen war. Ich fürchtete, vielleicht so in sieben Jahren eine schlechte Nachricht zu erhalten. Aber nicht heute. Ich sah ihn zuletzt bei der LCB-Veranstaltung „100 Jahre Höllerer“. Obgleich wir verabredet waren nur kurz, denn die lange Nacht war eine solche und uns beiden zu lang. So verschoben wir unser Gespräch. Er sah gut aus, und in den letzten Tagen korrespondierten wir reger als sonst. Er schrieb sehr munter. Bei manchem hat er nur noch abgewunken, denn er wolle sich Ende 2024 zurückziehen und dann nur noch Privatier sein. Oder fast. Heitere Distanz und klare Worte. Wir lernten uns früh kennen, denn wir kommen aus der gleichen Gegend. Ich machte mit meinem Mannheimer Dichter-Freund thomas gruber ein regionales Anthologieprojekt namens „zuckungsbringer“ (1990). Irgendwann im Anschluss kam er, damals Mitarbeiter der „Zeit“, zusammen mit Hans Thill aus Heidelberg zu uns nach Mannheim. Seit der Zeit sind wir in gutem Einvernehmen. Mit Ausnahme meiner Insel-Anthologie hat er alle meine Bücher besprochen. Das letzte bei Moloko Print und das davor bei der Brueterich Press genauso wie die bei Suhrkamp und der Frankfurter Verlagsanstalt. Für die „Tussirecherche“ hat er einen Aufsatz beigesteuert. Als ich den Pfalzpreis in meiner Heimatstadt Ludwigshafen entgegennahm, hielt er die Laudatio. Er wird mir sehr fehlen und ohne ihn kommt mir mein Tun im Literaturbetrieb noch sinnloser vor. Denn ich schätze die kontinuierliche Auseinandersetzung sehr und nicht das Auf-und-Ab-Springen, und auch, dass er als Kritiker stets selbst kritisierbar blieb, gänzlich uneitel und aufrichtig an der Sache interessiert. Ich sah ihn stets als so etwas wie einen Kollegen an, der es als Freiberufler wohl auch nicht leicht gehabt haben wird, sein Geld über all die Jahre zu verdienen und dennoch vielen Gutes erwies, auch als Juror. Keiner kennt wohl so viele Lyrikbände der deutschsprachigen Gegenwart wie er. Was soll nun ohne ihn werden? Hier seine letzte Anthologie, ist sie schon beachtet worden?

Michael Braun, Michael Buselmeier und Hans Thill gehörten 1987 als 33-jähriger Emigrant aus der Ceausescu-Diktatur zu meinen ersten Freunden in Heidelberg, wo ich am Neckar mit meiner Familie einen ersten Heimathafen gefunden hatte. Dankbar bin ich auch der damaligen Leiterin der Stadtbibliothek, Regine Hauschild, die mich zu Lesungen in ihr Haus einlud und über die ich Hilde Domin kennen lernte. Und bei Hilde Domins privater Geburtstagsfeier, die mich spontan in ihr Herz geschlossen hatte, begegnete ich dann Herrn Palm, und lernte über Domin Elisabeth Alexander kennen, die ein schönes „Heidelberger Lesebuch“ komponierte, in dem ich erstmals mit Hilde Domin und meinen Heidelberger Freunden zwischen zwei Buchdeckeln vereint war. Damals gab es in HD einen kleinen literarischen Stammtisch, wo ich Michael Braun jede zweite Woche traf und mit ihm und Buselmeier viel debattierte. Buselmeier ist geradezu ein wandelndes Literaturlexikon, wie übrigens auch mein kürzlich verstorbener Freund Wulf Kirsten, der sich mal in einer Widmung für mich als „erfolgreichen Produzent von Ladenhütern“ beschrieb, aber großartige Gedichte von hohem sprachlichen Reiz „verfertigte“. Tja…
Im November schickte Michael mir sein Eich-Buch und schrieb: „Hier ist der Versuch, mit Hilfe des späten Günter Eich Antworten zu finden auf die Frage, wie man mit dem verbleibenden Lebensrest im Alter einigermaßen sinnvoll umgehen kann.“ Es war dann ein empörend kurzer „Lebensrest“, der ihm noch geblieben. Ich kann es noch immer kaum fassen…
Danke Michael Braun. Er war für viele wichtig, auch für uns. Ich bin traurig und denke an die Zusammentreffen und mag nicht viel mehr sagen.
Lieber Michael Braun
das kann ich nicht akzeptieren. Ich war mit manchem nicht einverstanden, was du geschrieben hast, aber die Auseinandersetzung darüber war noch lange nicht an ihr Ende gekommen. Wer soll jetzt die neuen Zeitschriften besprechen? Wer bespricht wie du Christian Lehnert, Paul-Henri Campbell? Wer hält die Stellung in diesem äußert schmalen Scharnier zwischen Medienbetrieb mit seiner unbarmherzigen Forderung nach Häppchen und Einordnung und der nach Leben gierenden und sich jeder Einordnung entziehenden (und zumindest das anstrebenden) Lyrik, wer von allen KritikerInnen stellt wieder und wieder die Frage nach der Spiritualität, nach Religiösität? Das hast nur du noch gemacht.
Dein Tod kommt in jeder Hinsicht zu früh und ist verstörend. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Gute Reise?
Jetzt ein Michael-Braun-Preis? Dafür ist es noch zu früh. Ein Wein-Smiley? Wie inadäquat. Und die Befürchtung, dass sich solche Nachrichten von nun an häufen werden. Viele werden sich jetzt fragen, wer dann überhaupt noch ihren Band bespricht.
Deine Kritiken sind so überhaupt noch nicht veraltet. Es wird bestimmt auch noch eine Runde Akademie der Lyrikkritik geben, du bist doch eingeladen. Überlegs dir doch nochmal, komm nochmal zurück. Ich kann das so nicht akzeptieren.
Hendrik
Rainer Maria Rilke
Steinlen Die Mädchen singen: Alle Mädchen erwarten wen, Wenn die Bäume in Blüten stehn. Wir müssen immer nur nähn und nähn, Bis uns die Augen brennen. Unser Singen wird nimmer froh. Fürchten uns vor dem Frühling so: Finden wir einmal ihn irgendwo, Wird er uns nichtmehr erkennen.
Aus: Rainer Maria Rilke: Advent. Leipzig: P. Friesenhahn, 1898, S. 23
Julian Tuwim
(* 13. September 1894 in Łódź, Russisches Kaiserreich; † 27. Dezember 1953 in Zakopane)
Bürger Schreckliche Burgen. Burgen auf Bergen beherbergen schrecklich schreckliche Bürger. An Wänden wächst der Pilz wie an Särgen. Finsterer Winter, frostiger Würger. Seit frühem Morgen schelten sie, schnaufen, weil Schnee, weil teuer, weil dies, weil das da. Ein bißchen sitzen, ein bißchen laufen, und alles Wahnsinn. Phantome. Basta. Prüfen die Uhren, prüfen die Taschen, zupfen an Schlipsen, glätten die Bärte. Gehen herab in stolzen Gamaschen von ihren Burgen – auf unsere Erde. Und wie sie gehen, peinlich verschlossen, sehen zur Rechten, sehen zur Linken. Und sehend – sehen sie unverdrossen alles in einem: den Baum . . . und den Schinken . . . Die Zeitung nehmen sie in die Finger wie Brei und kaun und kaun diese Massen, bis ihre Schädel, vom Zeitungsdünger gebläht, ganz dick sind und nichts mehr fassen. Und schwatzen wieder, sehr ernst und ernster, daß Gott. . . daß Rußland . . . daß Festlichkeiten . . . In Schichten wachsen Geschwätzgespenster und schwimmen scheußlich im Meer der Zeiten.
Aus dem Polnischen von Karl Dedecius, aus: Museum der modernen Poesie, eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. 2. Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, S. 467
Mieskańcy Straszne mieszkania. W strasznych mieszkaniach strasznie mieszkają straszni mieszczanie. Pleśnią i kopciem pełznie po ścianach zgroza zimowa, ciemne konanie. Od rana bełkot. Bełkocą bredzą, że deszcz, ze drogo, że to, że tamto. Trochę pochodzą, trochę posiedzą, i wszystko widmo. I wszystko fantom. Sprawdzą godzinę, sprawdzą kieszenie, krawacik musną, klapy obciągną i godnym krokiem z mieszkań – na ziemie, taką wiadomą, taką okrągłą. I oto idą zapięci szczelnie, patrzą na prawo, patrzą na lewo. A patrząc – widzą wszystko oddzielnie: że dom ... że Stasiek ... że kon ... że drzewo . . . Jak ciasto biorą gazety w palce i żują, żują na papkę pulchną, aż, papierowym wzdęte zakalcem, wypchane głowy grubo im puchną. I znowu mówią, że Ford ... że kino . . . że Bóg ... że Rosja . .. radio, sport, wojna . . . Warstwami rośnie brednia potworna i w dżungli zdarzeń widmami płyną.
Ebd. S. 466
Bohdan-Ihor Antonytsch
(ukrainisch Богдан-Ігор Антонич, wiss. Transliteration Bohdan-Ihor Antonyč; * 5. Oktober 1909 in Nowica, Uście Gorlickie, Galizien, Österreich-Ungarn; † 6. Juli 1937 in Lwiw, damals Lwów, Polen)
Weihnachten Gott ist geboren auf einem Schlitten im Dorf Dukli tief in der Nacht. Die Dorfbewohner in breiten Hüten haben einen runden Mond gebracht. Die Schneeflocken wirbeln und wüten, wo der Sturm am Strohdach riss. Auf Marias flacher Hand liegt behütet der Mond — eine goldene Nuss.
Deutsch von Adrian Wanner, aus: Der Klang von Sonnenklarinetten. Drei Lyriker der ukrainischen Moderne. Gedichte ukrainisch-deutsch. Mit einem Vorwort von Juri Andruchowycz. Zürich: Pano, 2008, S. 106f
Різдво Народився Бог на санях в лемківськім містечку Дуклі. Прийшли лемки у крисанях і принесли місяць круглий. Ніч у сніговій завіï крутиться довкола стріх. У долоні, у Маріï місяць – золотий горіх.
Bettina Wegner
Wenn wir unsre Kinder schlagen ins Gesicht und auf den Po, weil wir selbst uns nicht ertragen Traurig bin ich sowieso Wenn die offne Meinung ausstirbt, niemand contra, niemand pro, wenn man nur um Heuchelei wirbt Traurig bin ich sowieso Wenn ich mich bespitzelt sehe, überall und nirgendwo, ganz egal, wohin ich gehe Traurig bin ich sowieso Wenn ein Freund in' Westen abhaut, jemand lächelt schadenfroh, und kein Mеnsch dem anderen traut Traurig bin ich sowiеso Wenn man höchste Preise bietet für gedroschnes leeres Stroh und man sein Gehirn vernietet Traurig bin ich sowieso Wenn das Ideal im Arsch ist, und die Hoffnung weiß nicht wo, uns die Langeweile auffrißt Traurig bin ich sowieso Und ich denke an den Dichter, der in Optimismus floh, nur für freundliche Gesichter Traurig bin ich sowieso Wenn die Häuser uns erschlagen mit dem Kacheldrahtniveau, Tränen nur bei Saufgelagen Traurig bin ich sowieso Wenn ich ans Gefängnis denke, das von uns und anderswo, all die abgesess'nen Bänke Traurig bin ich sowieso Wenn ich trotzdem weitersinge, trag ich auch das Risiko und den Kopf schon in der Schlinge Traurig bin ich sowieso Mensch, solange wir noch lachen, und wir fühln uns nicht allein, und wir können noch was machen, kann ich ruhig traurig sein Darf ich ruhig mal traurig sein! 1976
Aus: Bettina Wegner, In Niemandshaus hab ich ein Zimmer. Lieder und Gedichte. Berlin: Aufbau [nicht 1977 sondern] 1997, S. 55ff
Selma Merbaum
(geboren 5. Februar 1924 in Czernowitz, Rumänien / heute Ukraine; gestorben 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Mychailiwka im rumänischen Okkupationsgebiet „Gouvernement Transnistrien“ / heute Ukraine)
Tragik Das ist das Schwerste: sich verschenken und wißen, daß man überflüßig ist, sich ganz zu geben und zu denken daß man wie Rauch ins Nichts verfließt. 23. XII. 1941
Anm. Unter dem Datum steht mit anderem Stift:
Ich habe keine Zeit gehabt zuendezuschreiben. Schade daß du dich nicht von mir empfehlen wolltest. Alles Gute Selma.
Aus: Marion Tauschwitz, Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biographie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben. Springe: zu Klampen, 2014. – 1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014 ISBN 9783866743649
Hinweis: Die meisten Veröffentlichungen ihrer Werke benutzen den falschen Namen Meerbaum-Eisinger.
Da wir gerade zwischen den Festen liegen.
(geboren am 6. April 1878 in Berlin; gestorben am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg)
Heilige Nacht Geboren ward zu Bethlehem ein Kindlein aus dem Stamme Sem. Und ist es auch schon lange her, seit's in der Krippe lag, so freun sich doch die Menschen sehr bis auf den heutigen Tag. Minister und Agrarier Bourgeois und Proletarier – es feiert jeder Arier zu gleicher Zeit und überall die Christgeburt im Rindviehstall. (Das Volk allein, dem es geschah, das feiert lieber Chanukka.)
L&Poe Journal #02-2022
Weiter im Text.
| Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs (Fortsetzung und Schluss ) | Kommentar Michael Gratz |
| Eine ganze Lyrik-Generation steht in den Startlöchern. Sie wird nichts zu sagen haben. Wie die Generation zuvor. Gebt diesen „einzigartigen“ Subjektivitäten (Darmstadtjury) Geld. Am meisten denen, die am gründlichsten schweigen; völlig rille, ob en plein air oder downtown. Und die wortbrüchigen Verdachtsmomente müssen blechen, aber so richtig. | Generation ist natürlich ein schwieriger Begriff. Wenn es eine Alterskohorte sein soll: auf welchen Punkt genau wollte man die Generation von (nur mal Geburtsjahrgang 1940) Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Gudrun Ensslin, Franz Müntefering, Joachim Gauck, Hubert Burda, Lothar de Maizière, Hans Olaf Henkel, Rolf Dieter Brinkmann, Frank Zappa, Jürgen Todenhöfer und Hermann L. Gremliza – habe ich jemand vergessen, Armin Maiwald, Rudi Moshammer … – denn bringen? In der Lyrik wird es nicht viel anders sein. Vergessen wir auch nicht, die Textsorte ist Essay oder Pamphlet, nicht Doktorarbeit. Wenn man sich nicht gemeint fühlen muss, kann man sich auch mal zurücklehnen… Ein amüsanter Vorschlag ist es schon. |
| Man wird noch träumen dürfen: Dringlichkeitssimulationen (aktuell: Anthropozän) werden als das behandelt, was sie sind, als Ausreden von Leuten mit Geltungsdrang, nicht therapierter Infamie und Drittmittelbedarf. Noch mehr trotziger Optimismus: Die ersten Dichter, die Preise ablehnen werden, sind schon geboren. Dann stirbt König Lyrik endgültig. Übernehmen wird das Volk der Poesien. | Ob sich die Verfasser von Gedichten schon heimlich prüfen, ob sie „Lyrik“ oder „Poesie“ sind? |
| Nur ein Narzisst guckt vom Podium auf die Mitfinalisten herab, und strahlt oder heult fette Tränen in die Pressekameralinse, so gerührt ist er von sich selbst … jeder halbwegs selbstkritische Mitmensch kommt im Fall des Bepreistwerdens ins Grübeln. Ich bin als Preisträger Teil des Problems, wenn ich auch nie die Dummdreistigkeit besaß, einen leer ausgegangenen Mitbewerber zu fragen: „Naaa, wie fühlst du dich jetzt?“ Umgekehrt sind mir diese und manche andere Kleinbürgerlichkeiten schon begegnet … | |
| Preise sind als Mittel der Poesieförderung völlig ungeeignet. Es ist an der Zeit, Teil der Lösung zu werden; gerade angesichts des sich nur vermeintlich auflösenden Kulturstaus. | Hören die Lyrikstaatsminister zu? (Ich hab mal einer Diskussion zugehört, paar Jahre her, natürlich über die Rolle der Lyrik und ihrer Förderung, bei der man Hoffnung auf Robert Habeck setzte, promovierter Germanist und Lyrikleser und wer weiß, noch mal auf höherem Posten? Sire, geben Sie Lyrikfreiheit!) |
| So weit ging der Text von Konstantin Ames. Was folgte, war kein Ruhmesblatt der Königsdisziplin, keine Sternstunde der unsozialen Medien und auch überhaupt kein Versuch, zur – eigentlich wichtigen – Debatte beizutragen. Mir fällt der Begriff Catch as catch can ein, sicher zu Unrecht, weil das sorgfältig choreografierte Kämpfe mit hohem Schau- und Einschaltwert sein sollen. |
Sophie Reyer
Epitaph: wohin klirrendes Mädchen weißt du noch damals: der Friede zerbrach und am Rücken der Druck von Flügeln die Last ein Engel zu sein bis der Wind kam: klirrendes Mädchen wohin
L&Poe Journal #02-2022
Weiter im Text.
| Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs (Fortsetzung ) | Kommentar Michael Gratz |
| Die Rede von einem „Lyrik-Boom“ trifft durchaus zu, bloß: Lyrik hat in der beschriebenen soziokulturellen Konstellation nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern ist ein fast durchgängig verfilztes Kulturkapitalisierungsräderwerk. Lyrik hat aufgehört, eine präzise Gattungsbezeichnung zu sein, sie selbst ist zum Problem geworden. In der Gleichsetzung von Lyrik mit Poesie ist im oben skizzierten Kontext das Wort Lyrik zu einem Schibboleth geworden. | Ames verficht seit längerem die Unterscheidung zwischen „Lyrik“ und „Poesie“. (Schwierig natürlich für eine Webseite, die das Wort „Lyrik“ im Namen führt.) Wie immer muss man bei Verwendung von Begriffen auf den jeweils benutzten Code achten, damit man nicht bloß um Worte streitet, die einer so und eine andere ein bisschen anders definiert oder umgekehrt. (Ich denke auch an den im vorigen Jahrhundert häufig benutzten Begriff „Anti-Poesie“. ) In diesem Abschnitt erklärt er seinen Wortgebrauch. |
| Wer es verwendet, muss sich darüber im Klaren sein, dass er zur Kunstgentrifizierung bereitwillig beiträgt. Das ist opportun, aber – aus Sicht eines Kunstfreunds – so unappetitlich wie jene bräsige Wortmeldung, die „Lyrik“ und „Körperhygiene“ und „Benehmen“ und „perfekte Umgangs-formen“ in einen Satz drängte. Es handelt sich dabei um den bisher größten anzunehmenden klassistischen Ausrutscher. Denis Scheck wusste sicher, was er tat (so sein claim), aber ich vertraue ihm und seinen Fließbandmeinungen nicht. | |
| Deswegen leide ich aber noch lange nicht – wie es ein Meme der Tempelwächter suggeriert – an einer „Aufmerksamkeitsstörung“. Dieses kleinkarierte gatekeeping-mindset tröpfelt allmählich in die unteren Ränge hinab: Was haben Nachwuchslyriker in Vergabegremien verloren? Wer selbst zu 100 % von Förderungen abhängig ist, kann kein unabhängiges Urteil fällen, sondern wird seine Entscheidungen strategisch treffen (müssen). Das ist dann keine Kunstförderung mehr, sondern institutionalisierter Tribalismus. | „Was haben Nachwuchslyriker in Vergabegremien zu suchen?“ Einer der Sätze, an denen sich die Debatte entzündete. Dem liegt natürlich die Misere der Literaturförderung zugrunde, etwa im Vergleich zu Österreich oder nordeuropäischen Ländern. Jeder, der sich damit beschäftigt, kennt genügend böse Beispiele. |
| Ein feste Burg ist unser Kook! Keiner hasst wirklich Gedichte, aber d i e s e Lyrik ist ein Elitenprojekt für Claqueure und Adepten. | Bis hierher war in Bezug auf die Lyrikszene(n) allgemeingültiges angesprochen. Jetzt wird es mit der Nennung des einen prominenten Verlagsnamens kompliziert. Für meinen Geschmack wäre die Positionierung mit einem Verlagsnamen zu pauschal ausgreifend. Die bisherigen Aussagen hatten ja auf Generelles gezielt, jetzt wird eine Autoren“gruppe“ (ist sie das wirklich? Das wäre im einzelnen zu untersuchen, allerdings weniger im Rahmen des hier verfolgten literatursoziologischen Ansatzes.) |
| Wer nicht in der Lage ist, vier Jahre ohne Staatskohle weiterzumachen, ist kein Dichter. Wer drei Stipendien und einen Förderpreis braucht, b e v o r er debüthalber aus dem Knick kommt, soll nachhaltiger handeln lernen. Das steht schon im Biosupermarkt um die Ecke an der Kasse: „Mehr als genug ist zuviel“. Klare und faire Regeln braucht das Kunstspiel, sonst ist es kein Spiel, sondern nur das arme Lieschen Leben, das es sowieso schon gibt. Ich schneide Fotos der letzten unbelehrbaren Leichenanspitzer aus, klebe sie in den Neckermannkatalog, den es auch nicht mehr gibt. | Diese gewisse Fokusverschiebung soll aber im Rückblick nicht verdecken, dass hier nicht Personen angegriffen werden, sondern Strukturen. Wer würde sich offen gegen die Aufstellung klarer Regeln aussprechen? Prekäre Strukturen, über die es nicht weniger, sondern mehr Gesprächs bedarf. Wer will entscheiden, wer hier mitreden darf? |
| Über den Schluss des Aufsatzes morgen. |
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