Die Welt: Warum erscheinen heute so wenige Gedichtbände?*
Ondaatje: Es werden auch viele gute Romane nicht veröffentlicht. Die Verlagsindustrie will bloß den nächsten Dan-Brown-Roman. Viele Verlage werden von Leuten geleitet, die vor allem Börsenmakler sind.
Die Welt: Ist die Lyrik schon im Untergrund angekommen?
Ondaatje: Sie war immer im Untergrund. Alexander Pope hatte zu Lebzeiten ein Publikum von zweihundert Leuten. So gesehen, steht es um die Lyrik gar nicht schlecht. Es gibt ein Publikum. Es gibt Verlage, die Lyrik drucken. Man muss nur den richtigen finden. Wenn es zwei oder drei Verlage in einem Land gibt, ist das gut. Wenn nicht, muss man selbst einen gründen.
Die Fragen stellte Wieland Freund, Die Welt
*) Gegenfrage M.G.: Wie viele haben Sie denn gelesen?
Bereits in zwei Tagen beginnt die Aufwärmphase für den Hausacher LeseLenz unter dem Motto „Wortball“. Am Donnerstag, 17. Juni, um 20 Uhr begrüßt die Stadt im Rathaus ihre diesjährigen LeseLenz-Stipendiaten. Zum zweiten Mal hat Hausach mit der Neumayer-Stiftung zwei Stadtschreiber für einen je dreimonatigen Aufenthalt im „Molerhiisli“ eingeladen. LeseLenz-Kurator José F. A. Oliver, Ulrike Wörner vom Friedrich-Bödecker-Kreis und Robert Renk, Organisator des Tiroler Literaturfestivals „Sprachsalz“, mussten aus 81 Bewerbungen wählen: Milena Baisch erhielt das Stipendium für Kinder- und Jugendliteratur, Christoph W. Bauer die Stadtschreiberstelle für Lyrik. / Stuttgarter Nachrichten 15.6.
Bescheiden und zurückhaltend bedankte sich einer der wichtigsten osteuropäischen Lyriker des 20. Jahrhunderts am Montagabend bei seinem Publikum im münsterschen Stadtmuseum. Unter dem Titel „Camera obscura“ las der 1937 geborene Autor knapp eineinhalb Stunden aus seiner Lyrik und gab Einblicke in sein Leben. / Münsterländische Volkszeitung
Ohne Ironie kommen diese Gedichte nicht aus, das ist ihre Weise, sich vor der hereinbrandenden Wirklichkeit zu schützen. Dabrowski, so schreibt Michael Krüger in seinem Nachwort zum Band, setzt „auf Versenkung, Kontemplation, Konzentration, Stillstand – auf das, was Gedichte leisten können, um der rasenden Welt eine andere entgegenzuhalten“.
Diese erstaunlichen Gedichte tragen tatsächlich etwas unterschwellig Widerständiges mit sich, und so kann man Krüger nur darin zustimmen, dass hier ein Junger drauf und dran ist, die große Tradition der polnischen Lyrik auf seine Weise fortzuschreiben: indem er anknüpft an das „skeptische Dichten und Denken jenseits der Ideologien“, wie es etwa die Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska oder der menschenkluge Melancholiker Adam Zagajewski vertreten. Schön auch die Ausstattung des Bandes, für die man bei Luxbooks den Titel fast wörtlich genommen hat: Während die polnischen Originaltexte dieser zweisprachigen Ausgabe weiß auf schwarzes Papier gedruckt sind, finden sich die Übersetzungen wie üblich schwarz auf weiß in dem quadratischen Bändchen wieder. / Volker Sielaff, Tagesspiegel 15.6.
Tadeusz Dabrowski:
Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund. Gedichte. Aus dem Polnischen von André Rudolph, Monika Rinck und Alexander Gumz. Luxbooks, Wiesbaden 2010. 140 S., 19,80 €.
Zum Auftakt des 13. Hausacher LeseLenz unter dem Motto „Wortball“ geben sich am Freitag, 18. Juni, zwei Autoren aus dem Gastgeberland der Fußball-WM die Ehre. Lebogang Mashile und André Brink bestreiten die Eröffnungsveranstaltung ab 20 Uhr in der Stadthalle. Die Lyrikerin, Performerin, Schauspielerin, Moderatorin und Produzentin Lebogang Mashile wurde 1979 als Tochter südafrikanischer Einwanderer in den USA geboren. Mit 16 Jahren kehrte sie in die elterliche Heimat zurück. In Workshops für Jugendliche über Aids, Geschlechterproblematik, Teamarbeit und Sexualität setzte sie auf die Kraft der Poesie.
Kreative Arbeit ist für Mashile das Mittel zum persönlichen Wandel, der den Veränderungen ihres Landes nach der Apartheid folgen muss. „Mit ihren Veröffentlichungen hat sie die jüngere weibliche Lyrik Südafrikas geprägt. Mashiles kraftvoll poetische Sprache ist von außerordentlicher Musikalität“, urteilen die LeseLenz-Veranstalter. / Stuttgarter Nachrichten / Schwarzwälder Bote 16.6.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Equipment. I like to paint and draw, and I own enough art supplies to start my own store. And for every hobby there are lots of supplies that seem essential. In this poem we get a whole tackle box full of equipment from Michael Sowder, who lives and fishes in Utah.
Fishing, His Birthday
With adams, caddis, tricos, light cahills,
blue-wing olives, royal coachmen, chartreuse trudes,
green drakes, blue duns, black gnats, Nancy quills,
Joe’s hoppers, yellow humpies, purple chutes,
prince nymphs, pheasant tails, Eileen’s hare’s ears,
telicos, flashbacks, Jennifer’s muddlers,
Frank bugs, sow bugs, zug bugs, autumn splendors,
woolly worms, black buggers, Kay’s gold zuddlers,
clippers, tippet, floatant, spools of leader,
tin shot, lead shot, hemostats, needle nose,
rod, reel, vest, net, boots, cap, shades and waders,
gortex shell and one bent Macanudo—
I wade in a swirl of May-colored water,
cast a fine gray quill, the last tie of my father.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Michael Sowder, from his most recent book of poetry, The Empty Boat, Truman State University Press, 2004. Reprinted by permission of Michael Sowder. Introduction copyright ©2010 by The Poetry Foundation. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Seit 2006 gibt es bei den Kunstfesten auf dem Campus der DRK-Kliniken im Westend in Berlin den Programmschwerpunkt ‚Dichter und Ärzte‘. Nach Gottfried Benn, der 1911/12 als junger Pathologe im Westend Brustkörbe öffnete, und Alfred Döblin, der in der Weimarer Republik am nahen Kaiserdamm wohnte, stand in diesem Jahr der amerikanische Landarzt, Lyriker und Romancier William Carlos Williams (1883 bis 1963) im Mittelpunkt. Das war eine gute Wahl. Williams gehörte der gleichen Generation an wie die deutschen Ärzte, war wie sie von den Aufbruchsbewegungen der europäischen Avantgarden geprägt. Er hatte die ‚Armory-Show‘ 1913 in New York mit den Bildern der Kubisten gesehen, verkehrte in den Zirkeln der Ostküste, in denen 1916 Marcel Duchamp auftauchte, war ein Jugendfreund von Ezra Pound und Hilda Doolittle. …
Aber wie vollzog sich die Wechselwirtschaft zwischen medizinischer Erfahrung und lyrischer Form? Michael Krüger, als Lyriker und Williams-Herausgeber eingeladen, versuchte es mit dem Rückgang auf die archaische Nähe von Poesie und Heilkunst. Gehörte zum Zauberspruchwesen der Dichtung nicht auch, dass man den Worten heilende Wirkung zutraute? Es kam aber bei Williams, wie der Amerikanist Heinz Ickstadt zeigte, etwas sehr Modernes hinzu: Für den Arzt in Rutherford war der Geburtsvorgang, das ‚Nackt-in-die-Welt- Kommen‘ eine Schlüsselmetapher, weil sie den Kern seiner Poetik umschloss, die Skepsis gegen die Gelehrsamkeit Ezra Pounds ebenso wie gegen die Feier der Tradition bei T. S. Eliot. / LOTHAR MÜLLER, SZ 7.6.
(Anmerkung: Nachträglich nehme ich diesen Beitrag in meine Anthologie auf – siehe Anmerkung).
Ernst Herbecks köstliche, tief gründelnde und zugleich naive Weltbetrachtungen, eingeflochten in eine humorvoll, musikalisch performative Rahmenhandlung.
Seit Jahren trägt die Performerin Ruth Geiersberger ein Buch mit sich herum und zitiert bei Performances daraus: Ernst Herbecks gesammelte Texte „Im Herbst da reiht der Feenwind“. Jetzt widmet sie ihm einen Abend.
Der Kultautor Ernst Herbeck (1920-91) war durch eine Verkettung von bösen Umständen 1946 für den Rest seines Lebens in der Niederösterreichischen Landesnervenklinik Gugging gelandet. „Weder als Kanonenfutter noch als williger Befehlsausführer taugte Herbeck.“ so der Literaturwissenschaftler Uwe Schütte. Angeregt von dem Arzt Leo Navratil begann er dort zu schreiben und hinterlies rund 1200 Gedichte und Prosatexte. Seine Gedichte überbrücken den Abgrund seiner Zurückgezogenheit, seines Schweigens – unverhofft angelangte Flaschenpost aus der Ferne, rätselhafte Botschaften, die die Konventionen des Denkens in Frage stellen. Und genau diese Art zu denken, zu formulieren, dreist, provokant aber auch liebevoll, schätzt Ruth Geiersberger auch an den Darstellern von Thikwa.
Herbecks Werke haben weltweiten Kultstatus mit Übersetzungen insArabische, Englische, Esperanto, Französische und weitere Sprachen.
Mit Torsten Holzapfel und Tim Petersen | Idee, Konzept, Regie und Leseverrichtungen: Ruth Geiersberger | Musik und Kontrabass: Klaus Janek | Produktionsbegleitung: Nicole Hummel | Koproduktion: Theater Thikwa & TamS Theater (Theater am Sozialamt)
Mehr hier (auch einige Texte von Herbeck)
16.06.2010 20:00 Uhr – F40 – Theater Thikwa | Studio
17.06.2010 20:00 Uhr – F40 – Theater Thikwa | Studio
Die zehnte Nummer von Kultur & Gespenster ist zugleich eine der sonderbarsten Ausgaben welche die Redaktion je zusammenstellte: Ein umfangreiches Dossier zum Thema »Literarische Hermeneutik«.
Eifersüchtige Autoren ringen mit ihren Kollegen um die jeweils schlagendere Gestaltung eines Themas. Es geht so sehr wie noch nie im Magazin Kultur& Gespenster um Besserwisserei bei der Empfindung. Paul Celan ist beleidigt, Ingeborg Bachmann hat da ein Wörtchen mitzureden. Heidegger sitzt eingebildet auf seinem Berg, und um ein wenig weiter auszuschweifen, kann man diese Phänomene natürlich auch in antiken Texten aufspüren. Hans Imhoffs großer Stuttgarter Vortrag von 1976 begleitet und pointiert dieses Dossier, da sein Text die wissenschaftlichen Würdeformeln, die das Geschäft der Besserwisserei notwendig begleiten, grandios parodiert.
Ein Dossier mit Texten von: Jacob Bernays, Jean Bollack, Timo Günther, Nora Hammerschmidt, Stéphane Mallarmé, Massimmo Pizzingrilli, Arnau Pons, Arthur Rimbaud, Rossella Saetta-Cottone,Denis Thouard, Tim Trzaskalik und Werner Wögerbauer. Die Bildstrecken kommen von Frank Hesse, Bernhard Johannes Blume und dem Comiczeichner Sascha Hommer. Die Reisestrecke, in der es auch um das Spurenlesen geht, kommt von der Künstlerin Verena Issel.
Kultur&Gespenster, 344 Seiten, ISBN: 978-3-938801-73-4, 12 Euro, Textem Verlag, Hamburg 2010
Gedicht von Ludvík Aškenazy (1921-1986)
Dichter sein ist nicht leicht.
Am Ende versteht einen keiner.
Bei einer literarischen Matinee schlief eine zweiundfünfzigjährige
Philosophiestudentin ein.
Sie hatte damit gerechnet, daß geheizt war.
Es war.
Aber der Dichter?
Die Poesie?
Die Seele?
Die Träume?
Aus: Ludvík Aškenazy: Die schwarze Schatulle. Songs, Balladen und Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau 1965, S. 101
Zugabe aus dem gleichen Band, S. 107:
Träume
Wecke die Frauen nicht zu früh.
Sie haben am Morgen die schönsten Träume!
(Ähnlich schon sein Kollege Salomon: „Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, daß ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selbst gefällt.“ Hohesl. 3, 5)
In her translation of Sappho’s surviving words, Carson has rendered the silences along with what remains. Using lineation and square brackets to indicate the ragged edges of damaged papyrus and open space to imply the setting from which individual lines were plucked, Carson places the poems in an aesthetic of loss, opening their absences, rather than framing them.
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] in a thin voice
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The beauty, the achievement of Carson’s translation, is this aesthetic of loss, her embrace of the very little we actually have, allowing it to be all. With a modernist poetic sensibility, she enlists the very brokenness of Sappho’s lines to intensify their emotional import, their longing, their dilations of desire. Carson’s Sappho seems to pant, rather than sing, her syntax fragmenting even where a sentence would be as accurate.
no: tongue breaks and thin
fire is racing under skin
In her visualization, as in her language, Carson is faithful to how Sappho exists now, a lost poet, an aura around fragments. This Sappho is not the one who lived, but the one we have left. / Glenn Kurtz, Southwest Review
Sappho/ Anne Carson, If Not, Winter: Fragments of Sappho (English and Greek Edition) Vintage Books 2002
„There’s not much poetry in this one, yet the whole thing is poetry…“
Anne Carson’s Nox reviewed by Ben Ratliff. (The New York Times)
Der 79-jährige Dichter Werner Lutz erhält den Basler Lyrikpreis 2010. Übergeben wird der mit 4000 Franken dotierte Preis am 5. September anlässlich des Internationalen Lyrikfestivals im Literaturhaus Basel.
Der Dichter Werner Lutz habe in den letzten 50 Jahren ein lyrisches Werk geschaffen, «das sich um rhetorische Effekte und grosse Gesten nicht kümmert», schreibt die Lyrikgruppe Basel, die den Preis vergibt, am Dienstag in ihrer Begründung.
Der Ausgezeichnete habe seine Technik der sprachlichen Reduktion und Präzision zu einer Meisterschaft entwickelt, «die ihn zu einem der bedeutenden Schweizer Lyriker der Gegenwart macht». / BaZ
Am 12. Juni 2010 ging das 11. poesiefestival berlin erfolgreich zu Ende.
Mit der szenischen Uraufführung von Pasolinis Gedichtzyklus „Dunckler Enthusiasmo“in der Regie von Leopold von Verschuer ging das 11. poesiefestival berlin am Samstag, 12. Juni 2010, erfolgreich zu Ende. Die Übersetzung des Gedichtzyklus stammt von Christian Filips (Urs Engeler Editor 2009).
Zu den 50 Veranstaltungen kamen über 8000 Zuschauer. Auf dem Festival traten 170 internationale Dichter und Künstler auf. Mit dabei waren u.a. Nanni Balestrini (Italien), Mohammed Bennis (Marokko), Abbas Beydoun (Libanon), Pierre Guéry (Frankreich), Elke Erb (Deutschland), Michael Ondaatje (Kanada), Ginesa Ortega (Spanien), Titos Patrikios (Griechenland), Anat Pick (Israel) und Raúl Zurita (Chile).
Der Fokus lag dieses Jahr auf dem Mittelmeer. Zum ersten Mal in Deutschland wurde Poesie und Kunst aus allen Anrainerstaaten präsentiert. Die erste Station des Festivals war ein Colloquium zu Migration und zu der literarischen Figur des Flüchtlings, in dem auch eine „Europäische Verfassung in Versen“ gelesen wurde, die von Dichtern aus Europa und darüber hinaus verfasst wurde. Der Nahe Osten, der Maghreb, Spanien, Italien, Griechenland und die Hafenstädte Marseille und Istanbul waren weitere Passagen. Dank des Übersetzungsworkshops VERSschmuggel sind jetzt die Werke von acht deutschen Dichtern in Italienisch verfügbar – und umgekehrt.
Das poesiefestival berlin diskutierte die neuen Medien und Präsentationsformen der Lyrik und erprobte sie in Poesiefilmen, Konzerten und Videoperformances. Komponisten elektronischer Musik vertonten eigens für das Festival die Werke zeitgenössischer Lyrik und brachten sie in vier Uraufführungen auf die Bühne. Sabine Scho und Ulf Stolterfoht vertexteten Chamisso und Schumanns Liederzyklus „Frauenliebe und – leben“ neu. Gemeinsam mit der Neukomposition von Jan Müller-Wieland kam die neue Version auf dem poesiefestival berlin zur Uraufführung.
Zwei Lehrerworkshops und Lesungen in Berliner Schulen brachten Poesie in die Schulen und die Berliner Dichter lasen in den Bezirken, in denen sie wohnen.
Ergänzt wurde das umfangreiche Programm durch Ausstellungen in zahlreichen Berliner Kulturinstitutionen, Botschaften und in der Akademie der Künste. Noch bis 18. Juni sind die Ausstellungen „Jorgos Seferis“ und „All-in-One“ mit Werken von Susanna Kraus und Michalis Papamichael sowie Fotografien aus dem Leben von Jorgos Seferis in der Griechischen Kulturstiftung zu sehen. Bis 25. Juni läuft in der Botschaft des Königreichs Marokko die Ausstellung „Rencontres“ mit Werken von Aziza Alaoui (Marokko) und im Institut français sind noch bis 31. Juli Textilskultpturen von Marianne Cresson (Frankreich) ausgestellt.
Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.
Wo der Bulgare Gospodinov mit dem alten Fotoapparat „Smena“ die Leerstellen der Geschichte einzufangen sucht, zoomt der Pole Tadeusz Dabrowski aus einem Nacktfoto ein Auge heraus – bis auf Bildschirmgröße – um mit einem „letzten klick / auf die andere Seiten zu kommen, die Seele“. In seinen Versen macht er sich die Verfahren digitaler Medien zu Nutze. Das mailt, zoomt und telefoniert per Handy, dass es nur so pixelt. Und dennoch bricht das lyrische Haus nicht auseinander. Es steht in einem anderen Alltag als dem der dörflichen Beschaulichkeit. Die Pose des nächtlich durch Table-Dance-Kneipen tourenden sexbesessenen Abenteurers übt Dabrowski gern. Sein Alter Ego bildet sich Hunger und Durst ein und probt verschiedene gewöhnliche und absurde Todesarten. Seine Entwürfe schickt der dreißigjährige Dichter durch eine Hölle der Verwandlung. So geht er mit der Liebe um, mit dem Traum, der Wahrheit und den Zeiten. Die unendlichen Möglichkeiten, die der Pole bedenkt, leben nur für Augenblicke: als Bild, als Bewegung oder herausfordernde Geste. Worte weiten sich zu begehbaren Räumen, zu einem Haus, in dem das zeitgenössische Gedicht Signale sendet und empfängt. Auch die Identität des Ich ist nichts Festgelegtes. „Dieses Gedicht ist das Leben, ich mache alles, um in jedem Vers ich selbst zu bleiben“ – ein aussichtsloser Überlebenskampf – und zugleich ein ironisches Spiel mit Sprache und Klischees vom Dichten. / DOROTEA VON TÖRNE, Die Welt 12.6.
Tadeusz Dabrowski: Schwarzes Quadrat auf schwarzem Grund
Der erste Band der luxbooks.slavica, zweisprachig. Aus dem Polnischen von Andre Rudolph, Monika Rinck und Alexander Gumz.
Mit einem Nachwort von Michael Krüger
Christian Lux, Wiesbaden. 138 S., 19,80 Euro.
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