Das Gesamtwerk des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa (1888-1935) ist auf Deutsch im Amman Verlag erschienen. Nach dem Ende des Zürcher Verlags, der in der ersten Jahreshälfte sein letztes Programm vorgelegt hat, übernimmt der S. Fischer Verlag die Ausgabe. Auch wenn der jüngste Band „Genie und Wahnsinn“ zunächst als Schlusspunkt der Ausgabe gilt, hat Egon Ammann bereits Fortsetzungen angekündigt, die bei Fischer herauskommen werden: 2012 eine Sammlung mit theoretischen Texten zum Modernismus unter dem Titel „Sensationismus“, übersetzt von Steffen Dix; 2013 ein weiterer Gedicht-Band in der Übersetzung von Inés Koebel.
Jan Wagner bespricht den letzten Band in der FR.
Fernando Pessoa: Genie und Wahnsinn. Schriften zu einer intellektuellen Biographie. Aus dem Portugiesischen von Steffen Dix. Ammann Verlag, Zürich 2010, 448 Seiten, 39,95 Euro. fr
Es sind Zeilen, die unter die Haut gehen. Sie entstammen einer Zeitungsanzeige, die am Freitag in der Berliner Tageszeitung „B.Z.“ erschienen ist. Adressiert ist das achtstrophige Gedicht an den Killer von Alexandra Spohn († 19). Am 7. August 1990, also vor 20 Jahren, wurde sie bestialisch ermordet. / bild.de
Anfang der 90er hatten übrigens nicht nur alternative Spinner aus dem Osten (L&Poe #32) was für Lyrik übrig – die taz hatte eine hervorragende Serie zur Weltlyrik. Das ist lange vorbei. Heute gibts da Gedichte fast nur noch auf der (satirischen) Wahrheit-Seite. Gestern „Der Theaterdonnergott“ von Reinhard Umbach (über Rolf Hochhuth). Am 1.7. ein Gedicht von Kay Sokolowsky für Ror Wolf zum Geburtstag. Das ist nicht viel, doch alles.
(Und insofern die witzige Entsprechung zu den Jahreszeitengedichten des Merkur. Hier Gedichte mit Thema, dort mit Pointe, beides dient zur Entschuldigung für die Gedichte. Mit etwas Senf gehts halt immer!)
Ein poetisches Sommergedicht von Kagawa Kageki wurde in einem Kommentar dem Eintrag aus meiner Anthologie hinzugefügt:
«Radiokunst» ist eine Sparte, die innerhalb der öffentlichrechtlichen Sender einen Freiraum bietet für experimentelle Künstlerarbeiten zwischen Sprache, neuer Musik und konzeptuellen Sounds. Etwas weiter umfasst der Begriff der «Ars Acustica» auch Arbeiten, welche nicht notwendig an das Medium «Radio» gebunden sind, sondern etwa als Klanginstallationen figurieren. / NZZ 6.8.
20 Years EBU Ars Acustica, 2 CD (152 Min.),www.ebu.ch/arsacustica, zu beziehen bei kunstradio@kunstradio.at
Zehn Jahre ist Ernst Jandl nun tot. Die Lücke, die sein Ableben in die deutschsprachige Poesielandschaft riss, ist nicht überbrückbar. «nur den lesern bleibe ich», hatte er antizipiert, «noch ein weilchen dichterlich.» Dies trifft nicht nur auf die ständige Sprach- und Erkenntnisarbeit zu, die Jandl in steter Erneuerung seiner poetischen Ausdrucksmittel in expressiver Form vollzog, sondern auch auf den massiv virtuosen Vortragskünstler, den zu imitieren bisher kein Interpret wagte. / NZZ 6.8.
Ernst Jandl spricht: Eile mit Feile. 1 CD (76 Min.), Der Hörverlag 2010.
Ingeborg Bachmanns Prosa und Lyrik war der Schriftstellerin Brigitte Schwaiger, die Ende Juli leblos in der Neuen Donau in Wien treibend entdeckt worden ist, Stütze und Trost.
„Was wahr ist, streut nicht Sand in die Augen … / was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab“, so lautet das Post Scriptum, das Brigitte Schwaiger an den Schluss ihres letzten Werks, „Fallen lassen“, setzte – die Anfangszeile von Ingeborg Bachmanns Gedicht „Was wahr ist“. / Ö1
Ein Ort, der aus seinem Mythos Kräfte saugt: Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi. Dies sei die Stadt, schrieb man einst, «in der die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien». Als wolle man diese Worte für immer festhalten, hat Czernowitz den Rosenstrassenfegern ein Denkmal gesetzt: Die Hand eines Unsichtbaren fegt mit drei Rosen aus Bronze vor einer Hauswand das Pflaster. / Gerhard Gnauck, NZZ 6.8.
Jede Nation im Osten Europas kennt ihre postrevolutionären Frustrationen, doch nirgendwo sind sie so tief wie hier. «Wir sind wieder dort, wo wir standen, als ich vor dreissig Jahren angefangen habe zu schreiben», sagt Andruchowytsch, «auf der Etappe des Sowok.» Dieses Schimpfwort ist – wohlwollend – mit «Sowjetmensch» zu übersetzen. «Wir in Galizien haben es satt, der Sisyphus zu sein.» Andruchowytsch weiss nur einen radikalen Rat: Wenn die Russlandfreunde im Osten denn wollten, dann sollte man sie gehen lassen. Geht doch rüber, werdet die 84. Provinz Russlands, und lasst uns Europäer in Frieden leben! / NZZ 6.8.
Im Grunde waren wir ein Selbstverständigungsorgan: Wir haben geschrieben und gedruckt, was wir wollten. Wir fragten nicht danach, wen das wie stark interessierte. Wir druckten sogar Lyrik, in manchen Ausgaben auf zwei Seiten.
Wollte das jemand lesen?
Sicherlich nur sehr wenige. Aber wir haben es trotzdem gemacht, weil wir das richtig fanden: Endlich gab es mal Platz für etwas, das sonst kaum jemand zur Kenntnis nahm.
/ Torsten Schulz (gründete 1990 in Ostberlin die unabhängige Wochenzeitung „Der Anzeiger“), Gespräch taz 24.4.
„Die Lyriker dieser Welt lieben Jahreszeiten. Herbst, Winter, Frühling und Sommer haben ihre eigenen Färbungen, Stimmungen, Charaktere, die sich trefflich in Verse umschmieden lassen. Kein Poet von Rang hat sich das entgehen lassen, alle haben sie zum Genre der Jahreszeiten-Gedichte beigetragen. Also haben wir immer wieder jahreszeitliche Lyrik vorgestellt, und jedes Mal stießen wir bei Ihnen, den RM-Lesern, auf lebhafte Resonanz. In dieser Woche hat Andreas Öhler drei Lyrikseiten dem Sommer gewidmet, und wenn ich darauf hinweise, dass die Gedichte nicht nur die Schönheiten dieser Monate beschreiben, sondern auch deren Schattenseiten, ist damit nicht etwa der Schutz vor allzu hohen Temperaturen gemeint. Mehr auf den Seiten 7 bis 9″ / Rheinischer Merkur
Der Band «quellen» des Österreichers Ferdinand Schmatz bringt hundertsiebzig Seiten Gedichte in vielfältigen, freien Formen, darunter kürzere, meistens aber längere, einige gar sehr lang. Auf den ersten Blick (mit dem Auge) sind die in konsequenter Kleinschreibung gesetzten «Gesänge» kaum voneinander zu unterscheiden. Sie fügen sich zu einem manchmal engmaschig, manchmal grossräumig fliessenden Poem mit Wiederholungen, Variationen, Verweisen, Echos. Diese auch von weiter her: Hölderlin, Jandl, Mozart, Scelsi, Cage. …
Es geht ihm weder um den Urtext, noch um die Rückkehr zum Einfachen, Reinen, Einen, Wahren. Abstammung verstehen die Baum- und Gartenbewohner, die in seinen Gedichten einwachsen in das, was sie wachsen lassen, viel konkreter: «ab stamm macht es staunen uns an weisen / zu wiegen über den wiesen, was, nass / nur noch darunter, wo es uns wurmte».
Jede Metaphysik ist solch vegetativen Gedichten fern. Ja, es gibt wenig Lyrik heutzutage, die so vital und voller Lust und Witz ist: «als segel ein tuch / vom gaumen quer hin zur lust, / strudelnd vielleicht ab, auch das, / gestocktes lockend, zu fluss». Nicht um Bedeutungen geht es, sondern ums Spiel. Aber auch wiederum nicht um beliebige Wortspielerei, sondern um einen heiteren, bukolischen Tanz. / Samuel Moser, NZZ 20.7.
Ferdinand Schmatz: quellen. Gedichte. Haymon-Verlag, Innsbruck 2010. 170 S., Fr. 30.50
Nicht nur zur Wirklichkeit hat der Dichter ein allergisches Verhältnis, auch den überlieferten Schatz von Weltweisheit, vom Kindervers bis zur absoluten Poesie, wehrt er fuchtelnd ab wie einen Mückenschwarm. In einem ‚Psalm‘ heißt es ‚Vater, schließ den Weltraum / Turnsaal zu, abends wenn ich schlafen / geh, vierzehn Engel bei mir stehn / dreizehn mit Brüsten voll Milch / und Honig, wer singt das Lied / wer nimmt den Hut, es klingt / nach rostigen Klingen, Solingen rostfrei / es klingt‘.
Die tiefe Verstörtheit der ersten Gedichte des Bandes lässt in den folgenden Kapiteln zwar nach, und es gibt viele, bei denen die scheinbar surreale Technik nicht nur Sarkasmus, sondern auch Humor vermittelt wie in ‚Die Holledau, die blöde‘. Aber wie leicht schlägt das um wie in ‚Sommerabend‘ mit einem Vers von Rilke über den Panther: Er reißt einen Abgrund von Nihilismus auf, der sich auch hinter einer sarkastischen Geschmacklosigkeit nicht mehr verbergen lässt: ‚was macht das schon für einen Unterschied, verschwinden oder / herausgestrichen werden aus einem Plan / der nicht aufgeht / nur die lange schweigende Mehrheit der auf dem Grund / der Flüsse röchelnden Fische, die den Rochen voll / und hinter tausend Hefeweizen keine Welt‘. / HANS-HERBERT RÄKEL, SZ 4.8.
TOM SCHULZ: Kanon vor dem Verschwinden. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2009. 96 Seiten, 16,90 Euro.
Vielleicht ist Bulgarien nichts anderes als ein schönes Tier, das der Finger auf der Landkarte entdeckt: «Katze, Maus und Hund / die Erde die ist rund / Amsel Eule Möwe / Bulgarien ist ein Löwe / vor einem Schälchen Meer / der Ozean blutig ringsumher.» Es mag aber auch sein, dass der bulgarische Löwe sich plötzlich in einen Hund verwandelt, der neben einem bulgarischen Hirtenhund einen serbischen Schäferhund und einen albanischen Windhund in sich vereint. Ein solcher «Mischling des Balkans», wie Georgi Gospodinow ihn nennt, scheint ein höchst unberechenbares Wesen zu sein: «er taugt für die Jagd / leckt jedem die Hände / ist nicht böse, wenn man ihn anschreit / nur manchmal nur manchmal / (sehr selten jedoch) / stürzt er los und beisst und beisst und beisst . . .» …
Die Übersetzer, gleich drei an der Zahl, haben Georgi Gospodinows Sprache in ein geschmeidiges Deutsch verwandelt. Sie machen nicht nur die vielen Einsprengsel aus der Alltagssprache hörbar, sondern auch die Kunst des Verses, eines Verses, der den Miniaturen Jan Skácels mindestens ebenso viel verdankt wie den amerikanischen Beat-Poeten. Vielleicht kann man es mit Gospodinows «Technik zum Entgräten von Texten», bei der man alle Konsonanten aus den Wörtern entfernt, so sagen: U E I E E ! Will heissen: UNBEDINGT LESEN! / Nico Bleutge, NZZ 24.7.
Georgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen. Aus dem Bulgarischen von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Droschl-Verlag, Graz 2010. 120 S., Fr. 31.50.
Wie tief damals das Niveau des Instituts gesunken war, kann folgende Geschichte bezeugen: Als eine verunsicherte Assistentin die von Rzounek protegierte Dozentin Zdeňka Bastlová halbironisch einmal fragte, wie man an einem Gedicht über den Flug eines Schmetterlings erkenne, ob es sich um ein marxistisches oder ein nichtmarxistisches Gedicht handle und ob es den Interessen der Arbeiterklasse diene, antwortete die Dozentin, ohne zu zögern: «Doch – nach der Art, wie er fliegt.» / Alena Wagnerová, NZZ 15.7. (zu einem Buch über den Lehrstuhl für tschechische Literatur an der Karlsuniversität Prag.
Die Eigenkompositionen der vier erstklassigen Musiker kreisen um die weltverbindende Lyrik des „schwäbischen Türken“ Kürsat Celik. Dieser spielt auch die Saz, die langhalsige türkische Laute, welche den Barden aus Anatolien und am Kaukasus als Begleitinstrument diente. / Augsburger Allgemeine
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