Im Auftrag des Migros-Kulturprozent erscheint Anfang Oktober 2010 im Christoph Merian Verlag in Basel das Hörbuch „Wenn ich Schweiz sage … Schweizer Lyrik im Originalton von 1937 bis heute“. Zum ersten Mal werden vorwiegend unveröffentlichte Originalaufnahmen von bedeutenden Schweizer Lyrikern aus allen vier Landesregionen in einer Anthologie vorgestellt. Mehr als 200 moderne Gedichte von 88 Autoren in acht Sprachen sind im Originalton zu hören. Im 140-seitigen Booklet finden sich die Übersetzungen aller fremdsprachigen Texte. / presseportal.ch
„When you don’t have a son in Afghanistan, it’s like a big missing in your life. Like you lost the most important point of your life. Everybody feels sad for you.“
AZITA RAFAAT, a member of Afghan’s Parliament, whose youngest daughter now lives as a “bacha posh,” a girl disguised as a boy.
/ Zitat des Tages bei New York Times, nytimes.com
(Ists auch nicht Lyrik…)
Das Subkommando für die freie Assoziation präsentiert:
floppy myriapoda, Heft 15 zum Thema PORTRÄT. Mit Dichtung von (i. d. R. i. A.) Jazra Khaleed, Johannes Jansen, Bert Papenfuß, HEL Toussaint, Benedikt Kramer, Helmhold Reinshagen, Oleg Rosenzweig, Clemens Schittko, Su Abrashka, Hans Horn, Peter Brasch, Jack Micheline, Michael Zoch, Wladimir Buritsch, Emmanuel Eni, Manfred Kern, Gisela Kraft, Ann Cotten, Mirjam Schmidt, Tom de Toys, Mik Stone, Thomas Steiner, Johannes Witek, Kai Pohl, Jürgen Born, Lothar Feix.
DET ER DU IKKE
Freitag, 24. September, 20 Uhr:
Heftpräsentation mit Live-Musik und Ausstellung.
Im Prometheus-Antiquariat, Wrangelstraße 76, 10997 Berlin.
floppy myriapoda
Subkommando für die freie Assoziation
–> http://www.floppymyriapoda.de
Denn es zeigt sich in dieser Sammlung von Kurz- und Kürzestgeschichten, Prosagedichten und sogar Lyrik auf den ersten Blick, wie umstandslos Hebels Kalendergeschichten Anstoß für aktuelle dichterische Parallelaktionen bieten können. Wie modern, mit anderen Worten, diese Texte sind, stellen die Antworten, Gegenentwürfe, Fortspinnereien der 24 Autoren und Autorinnen eindrucksvoll unter Beweis. Die Herangehensweise an das Vorbild gestaltet sich dabei sehr unterschiedlich. Es finden sich direkte Antworten auf Hebels Vorlage – zum Beispiel bei dem Hebel ohnehin sehr nahen Schweizer Schriftsteller und Kabarettisten Franz Hohler. Hebels Auflistung „Was in Wien draufgeht„: was die große Stadt im Jahr 1807 an Lebens- und Heizungsmitteln verbraucht – 66 795 Ochsen, 408 000 Zentner Mehl, 674 000 Maß Bier – kontert Hohler mit dem Text „Was in ein Land reingeht“. Da es sich bei dem Land um die Schweiz handelt, heißt das in erster Linie: Geld aus dem Ausland – geschätzte 3000 bis 4000 Milliarden Franken. Aus verschiedenen Rechnungen, die Hohler mit demselben nüchternen Gestus durchführt wie Hebel, als der volksnahe Aufklärer des 18. Jahrhunderts sein echter Bruder im Geiste, kommt Hohler auf die sagenhafte Summe eines Schweizer Pro-Kopf-Vermögens von 814 500 Franken; dafür sind zu viele Menschen auch in Schweiz arm. …
Erstaunlich, dass Hebel selbst für die Verwandlung ins Gedicht taugt. Nico Bleutge und Ulf Stolterfoht demonstrieren das auf sehr unterschiedliche Weise: Der Tübinger Lyriker mit so etwas wie Tiergedichten, der Stuttgarter Poet mit einem Umweg über Oskar Pastior. Die Ausstellung zu „Hebels Kalendergeschichten in Comic und Illustrationen“ begleitet optisch die erste der Lesungen in Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart und Basel. Hebel lebt. Und wie. / Bettina Schulte, Badische Zeitung 21.9.
In Deutschland lebende Juden werden gern als Fachleute für Antisemitismus oder die Politik Israels befragt. In Deutschland lebende Rumänen müssen her, wenn es um die Enttarnung eines Securitatespitzels geht. Interessieren sie uns sonst? Lesen wir ihre Bücher? Ja, wenn sie von Herta Müller und Oskar Pastior stammen. (Nur nicht zu viel auf einmal. Siehe auch die Prenzlauer-Berg-Namensliste von Wawerzinek gestern). Zumal es bei Pastior jetzt Ausreden gibt, um in Zukunft etwas kürzer zu treten. (Ha, was bin ich sarkastisch. Wer von denen, die jetzt über Pastiors Verstrickung schreiben, hat wohl seine Bücher gelesen? Außer den „Rumänen“ natürlich.)
Das mächtige Häuflein der besonders in den 70er Jahren in Ceausescus Rumänien hervorgetretenen Autoren lebt zum allergrößten Teil seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Sie schreiben deutsche Gedichte in Deutschland – deutsche Gegenwartsliteratur. Aber Gedichtbände werden generell wenig gekauft und wenig besprochen. Günter Eichs Seufzer aus dem Jahr 1966 fällt einem ein:
In Saloniki
weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei.
So gesehen Grund für Zuversicht (Eichs Gedicht trägt diesen Titel).
Wenn es schon für ihre neuen Gedichte mau aussieht, wie erst mit ihrem „Frühwerk“ aus Rumänien? Gut steht es da fast nur bei Pastior und Herta Müller, und sonst? Einige Anthologien könnten dem neugierigen Leser helfen*.
Horst Samson, geboren 1954 in Rumänien, veröffentlichte in sieben Jahren vier Bücher in deutscher Sprache, bevor er 1987 in die Bundesrepublik emigrierte. Er lebt länger in der Bundesrepublik als 16 Millionen ehemalige DDR-Bürger (aber ist Generalsekretär des EXIL-P.E.N., Sektion Deutschsprachige Länder).
Jetzt erschien ein Band, der einen großen Teil des „Frühwerks“ von Horst Samson wieder bzw. für Deutschland erstmals zugänglich macht. In einem kleinen Verlag in Ludwigsburg: POP (das Wort steht nicht für Popliteratur, sondern ist ein rumänischer Name, Traian Pop). Gedichte aus Rumänien zusammen mit welchen aus den ersten Jahren des Exils.
Eichs zwei Leser erreicht Samson spielend. Natürlich Theo Breuer, der alles liest, was ihm manche zum Nachteil auslegen. In seinem Buch „Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000“. Sistig: Edition YE 2005, buchstabiert er auf S. 188 die deutsche Lyrik mit Bezug auf die von Michael Braun und Michael Buselmeier herausgegebene Anthologie „Das verlorene Alphabet“ von Astel bis Ziebritzky, ich zitiere Buchstaben P bis W:
Pastiors Pocken, Rühmkorfs Rhythmus, Samsons Sehnsucht, Techels Tulpen, Waterhouse-Wörter
Das wären Leser Nummer zwei und drei! Michael Braun war es auch, der ein unter Kennern berühmtes Gedicht Samsons (!) vor einigen Wochen in seinen Deutschlandfunk-Lyrikkalender einrückte.
Horst Samson: Und wenn du willst, vergiss, Gedichte. Mit einem Nachwort von Andreas Saurer (Bern/Schweiz). (LYRIK). Pop Verlag 2010. 130 S. ISBN: 978-3-937139-92-0 Preis: 14,90 Euro.
Gibt es schon Rezensionen? Eine flattert ins Postfach, erschienen in Rumänien. Siehe da, der vierte Leser!
Hier im Zitat und unterm Strich vollständig.
Die Gedichte dieses Bandes sind alle schon mal in anderen Büchern Horst Samsons erschienen – und zwar im Zeitraum 1981 – 1994. Man merkt hier, wie sinnvoll es ist, Literatur immer wieder neu aufzulegen. Wer vergessen will, muss ja nicht zugreifen. Wer aber damals nicht zugegriffen hat und vielleicht einen Geschmackswandel, eine Interessenverschiebung oder gar eine kulturelle Neuorientierung durchgemacht hat, ist mit diesem Band bestens bedient. Zu den Lesern können aber auch Menschen gehören, die im Ersterscheinungszeitraum noch gar nicht geboren waren. …
Trotz des Bleihimmels der Diktatur, der über diesen Gedichten schwebt, zwinkert Samson oft mit der SPRACHE. Der Dichter lässt sich nicht gehen. Da ist für Selbstmitleid kein Platz. Aber für zweideutige Pointen ist allemal Stoff, Erzählstoff – auch in Notsituationen – vorhanden: „die leute die einsteigen mit großen koffern /die fortfahren unablässig fortfahren / zu reden“ (EISENBAHNFAHRT GROSSSANKTNIKOLAUS – TEMESWAR). Und für die anderen, die Rumänen, kommt keine aggressive Abneigung auf. Nichts derlei ist zu spüren, obwohl es im Alltag schon manchmal auch anders aussah.
Man muss als Rezensent loslassen können. Es gibt Gedichtbände, da hat man das Bedürfnis, zu jedem Gedicht etwas zu sagen – zum Glück. „Und wenn du willst, vergiss“ ist ein solcher Band.
/ Mark Jahr, Karpatenrundschau 9.9. 2010, S. 11
*) Einer da? Aber bitte, gern doch:
Zur Information:
Richard Wagner im Gespräch mit Katrin Heise, DLR:
Heise: Herta Müller äußerte sich am Samstag in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ darüber, dass sie, dass ihr auch wieder so klar geworden ist, was er erlebt hat und war für einen Druck in ihm war – nur so kann sie sich sein Schweigen erklären, das heißt, man wird einem doch wieder so vor Augen geführt, welche Trauer, welches Leid so ein Terrorregime über die Bürger …
Wagner: Ja, das ist, vor allem ist das ein deutliches Ergebnis, wenn man so verharmlosend über die Diktatur in Osteuropa spricht gerne, dass man das übersieht, was an den Menschen hier gemacht wurde, was moralisch da zerbrochen ist und wie die Menschen kaputtgemacht worden sind, von diesem System, das ist wahr. Auf der anderen Seite muss man auch sagen, das Verhalten der Menschen – und es ist ja nicht nur das Regime, sondern es ist Teil zwei der Problematik das Verhalten des Einzelnen innerhalb der Situation. Und da muss man auch sagen, auch um gerecht zu bleiben, dass es auch Leute gab, die den Widerstand und den Mut hatten, Nein zu sagen, und die darüber auch sprachen. Ich habe Freunde, die man anwerben wollte, die zu mir gekommen sind und gesagt haben, man wollte mich anwerben, wir haben dieses Problem gelöst schon damals in der Diktatur, also es gab alles Mögliche. Und ich bin dagegen, dass man so Sonderkonditionen schafft für Leute, dass man dann versucht sie zu erklären. Das ist richtig sie zu erklären, aber nicht zu rechtfertigen.
…
Heise: Hat sich Ihr Bild von Oskar Pastior verändert?
Wagner: Nein, also ich schätzte ihn immer für seine verrückte Lyrik, und es ist ja so, das ist vielleicht auch eine Frage der Bewertung letzten Endes, eine solche Lyrik hat Bestand jenseits der moralischen Frage.
Heise: Im Deutschlandradio Kultur ist der Schriftsteller Richard Wagner zu Gast. Anlass ist die Enthüllung oder die jetzt bekannt gewordene Enthüllung, der Schriftsteller Oskar Pastior war Securitatespitzel. Sie, Herr Wagner, gehörten in Rumänien – ich habe gesagt, Sie reisten 87 aus – Sie gehörten einem oppositionellen Kreis der Aktionsgruppe Banat an, und aus diesem Kreis, Sie haben es auch schon erwähnt, gab es Enttarnungen in den letzten Jahren. Letztes Jahr zum Beispiel der Lyriker Werner Söllner. Wie weit geht Verständnis, wenn es einem so nahe kommt?
Wagner: Ja, also die Sache ist nun mal so, man muss etwas klarstellen, zwischen Pastior und Söllner sind Welten, da ist ein ganz großer Unterschied. Also bei Söllner ist nachweisbar in der Akte gewesen, dass er Gedichte von uns, die ich ihm geschickt hatte zur Publikation, dass er die zur Securitate gebracht hat, übersetzt hat und interpretiert hat. Und das hat zu einer Verschärfung der Vorgangsweise der Securitate in den 70er-Jahren gegen die Aktionsgruppe geführt, das ist nachweisbar.
Gelesen:
Jetzt haben auch die USA ihren Karikaturenstreit. Die Zeichnerin Molly Norris ist auf Anraten des FBI untergetaucht, weil ein muslimischer Geistlicher ihr mit dem „Höllenfeuer“ gedroht hat. Mehr
Untergetaucht, um dem Höllenfeuer zu entkommen? – Jaja, mit dem Himmel auf Erden klappts und klappts nicht, aber Hölle auf Erden, das können viele.
(Ists auch nicht Lyrik…)
Peter Wawerzinek schreibt zum 80. Geburtstag von Adolf Endler eine furiose Hymne auf den Dichter und einen Abgesang auf den Prenzlauer Berg. Darin eine Endler-Titelliste und eine stolze Namensliste, die künftig mindestens durchzunehmen wäre, bevor wieder einer den Namen „Prenzlauer-Berg-Connection“ in den Mund nimmt. Hier die Namen (unter denen auch einige wenig genannte sind, und einige fehlen):
Spätestens mit dem Tod von Adolf Endler im vorigen Jahr – er hätte am Montag seinen 80. Geburtstag gefeiert – hat sich der Prenzlauer Berg als kreative Nische erledigt. Vom ganzen Rummel bleibt am Ende nur die Erinnerung, eine anrührend flimmernde Fassade. Und ein paar Namen werden bleiben. Manch eine Aktion verdient das Prädikat engagiert, nicht ohne einen gewissen Charme. Es wurde gesungen, gemalt, gelesen, gefetet, gekrochen, geröhrt, gestottert, gehauen. Es wurde gestochen, geschwiegen, gerockt und mitunter richtig gut gemeinsame Sache gemacht. Aber immer auch gleich dokumentiert. …
Nur keine Bange. Um Endler bleiben einige Autoren gruppiert, wie Krähen, die Toten und die Lebenden eben, bei seinem Grabsteinen hockend, Wache schiebende, das Jahr hindurch getreue Vögel. Eine Handvoll Dichter-Kollegen vom nunmehr zerspellten Prenzlauer Berg (Andreas Koziol, Frank-Wolf Matthies, Jan Faktor, Wolfgang Hilbig), durch deren Gedichte, Essays, Erzählungen ich gleißend hin- und hergeistere, dass es nur so fetzt. Ich möchte bei dem Barock, dem Futurismus, dem Realexistenten der damaligen Zeit, einige noch benennen: Johannes Jansen, Leonhard Lorek, Brigitte Struzyk, Florian Günther, Dieter Kerschek, Gerd Adloff, Cornelia Schleime, Detlef Opitz, Gert Schönfeld, aber auch Peter Brasch, Jayne-Ann Igel, und die Kacholdgabi natürlich und Wüstefeldmichael, auch wenn da von mir einige Dichter beigemengt worden sind, die keinen Nachweis auf Prenzlauerberg-Zugehörigkeit erbringen müssen, wo es doch um ist und aus mit dem Bezirk.
Neben Endler nenne man stellvertretend für alle Zukurzgekommenen einen weniger wackligen Wackeren: Bert Papenfuß. Aus der ersten allgemeinen Verunsicherung der insgesamt verunsicherten gesamten Zittertruppe reagierte Papenfuß so angenehm rasch und früh und weise im Voraus, indem er sagen konnte, was er unheilvoll aufziehen sah. Dass nun die Zeit des Umzugs gekommen ist, sprich: dass der Prenzlauer Berg nunmehr in Mitte stattfindet.
/ Tagesspiegel 20.9.
Der populäre Schriftsteller Hanns Cibulka wäre am Montag 90 Jahre alt geworden
Tief deprimiert beklagte Hanns Cibulka 1972: „Seit sieben Monaten keinen einzigen Vers mehr geschrieben.“ Damals machten sich erste Anzeichen für das Abflauen seiner poetischen Kraft bemerkbar. Es fiel ihm schwerer, den melodischen Ton früherer Gedichte zu treffen. Die Lähmung verschärfte sich im folgenden Zeitraum erheblich, sodass er 1988 illusionslos verkündete: „Wenn ich den Heimweg antrete, trage ich keine Gedichte mehr mit mir nach Haus, die Zeit der Verse scheint für immer vorbei zu sein.“ Das Verstummen eines beachtlichen Lyrikers nahm damit seinen Lauf. Dass Cibulka keine Strophen mehr zu Papier brachte, hing mit der inneren Erstarrung des sozialistischen Systems zusammen, aber auch mit der Bestürzung über den ökologischen Ruin, die ihn in Atem hielt. Engagiert notierte er: „Die Verachtung gegenüber der Erde, dem Tier, der Pflanze nimmt täglich zu.“ Deshalb riet er: „Jedem Ministerpräsidenten, aber auch den Aufsichtsräten in den Chefetagen der Wirtschaft sollte man Tag für Tag ein Glas mit vergiftetem Grundwasser auf den Arbeitstisch stellen, als Mahnung, als Hinweis auf die fortschreitende Zerstörung der Lebensräume.“ / Ulf Heise, Freie Presse 18.9.
Mehr: Ostthüringer Zeitung (Frank Quilitzsch)
Jetzt hat Hollywood auf der Suche nach Ideen John Miltons episches Gedicht Paradies Lost aus dem 17. Jahrhundert entdeckt. / moviepilot
Der Literaturhistoriker Karl Otto Conrady verlässt die Jury des Deutschen Vorlesepreises. Das teilte das Organisationsbüro des Preises in Köln mit.
Der 84-jährige Goethe-Biograf und Herausgeber der Lyrik-Sammlung „Der Große Conrady“ störe sich speziell an der Veranstaltungsreihe „Lies für Toleranz!“, bei der Gläubige aller Weltreligionen in Kölner Kirchen religiöse Texte vorlesen. Conrady kritisierte laut Organisationsbüro, hier seien Interessen und Standpunkte von Atheisten nicht ausreichend vertreten. / Focus
Der Standard sprach mit Robert Schindel, der „Literarisches Schreiben“ in Wien lehrt:
Schindel: Für das Individuum gibt eine große Überschwemmung an Anforderungen aus der Welt. Früher hat man bestimmte Mythologien verwendet, um das Bedrohliche auf das eigene Maß einzuarbeiten. Das fehlt heute. Daher erschaffen sich Menschen heute ihre private Mytho-Poesie, um mit diesen Anforderungen fertig zu werden. Es gibt heute wesentlich mehr, die Gedichte schreiben, als solche, die Gedichte lesen. Die Menschen wollen sich ausdrücken. Der Weg von diesem therapeutischen Bewältigungsverhalten zu einem Kunstwerk ist nicht einfach.
…
Standard: In Amerika sind Creative-Writing-Klassen seit langem selbstverständlich. Warum hat das hierzulande so lange gedauert?
Schindel: Im Deutschen ist der Geniebegriff zu Hause, das hat mit der Überschätzung der Innerlichkeit zu tun, mit den Folgen der Romantik, den unterentwickelten demokratischen Entwicklungen. Der Künstler ist einer, der zu leiden hat. Das merkt man auch in der deutschen Literatur.
…
Standard: Sie sind auch Lyriker. Wie sehen Sie die Marktgängigkeit der Lyrik für die Zukunft?
Schindel: Wenn ich mir anschaue, dass Lyrik in den Feuilleton-Besprechungen immer mehr zurückgeht, könnte ich pessimistisch sein. Bin ich aber nicht, weil sich Lyrik stets in einem Auf und Ab befindet. Die Lyrik hat es schwer, aber sie wird nicht untergehen. Man müsste sich als Zeitung vielleicht eine Vorgabe geben. Von selber passiert sicher nichts, da werden überall nur dieselben sieben, acht Bücher besprochen, die gerade angesagt sind.
Meine erste Reaktion war Erschrecken, auch Wut. Es war eine Ohrfeige. Je genauer mir Stefan Sienerth und jetzt Ernest Wichner die Einzelheiten schilderten, umso mehr überkam mich das Gruseln. Die Akte zeigt wie ein finsteres Gemälde das Rumänien der fünfziger und sechziger Jahre. Die Gefängnisse waren voll. Der aus dem Lager heimgekehrte Pastior, Kistennagler und Bauarbeiter, konnte endlich in Bukarest studieren. Er wollte wieder in die Normalität, mit einem müden, sturen Eigensinn sein Leben selbst in die Hand nehmen. Aber es wurde ihm wieder konfisziert. Die Akte zeigt ihn von allen Seiten umzingelt. Auch mehrere Hochschullehrer bespitzeln ihn. Der Hauptspitzel steigert sich in die Denunziation hinein. Seine Berichte sind so gemein, dass es einen schaudert. Er war homosexuell, wie Pastior. Man fragt sich, ob er Rache nimmt aus persönlichen Gründen. Nach dem Überleben des Arbeitslagers wurde Pastior zum Staatsfeind, weil er für fünf Jahre Qual an die sieben Gedichte darüber schrieb, Gedichte, die er innerlich so nötig hatte. Aus diesen Lager-Gedichten hat man ihm den Strick gedreht: „antisowjetisch“, das reichte. Um sich vor der Verhaftung zu schützen, hat Pastior eine IM-Erklärung unterzeichnet. Aus dem Lager heimgekehrt wurde er statt frei vogelfrei. Meine zweite Reaktion auf den IM Pastior war Anteilnahme. Und je länger ich die Details hin und her drehe, umso mehr wird es Trauer. / Herta Müller, FAZ
Mehr: Horst Samson, Frankfurter Neue Presse
Ernest Wichner, sein langjähriger Freund und bester Kenner seines Werks, hat Pastiors Securitate-Akte für die FAZ gelesen:
Nachdem schon im Sommer 1958 und Frühjahr 1959 fünf deutsche Schriftsteller aus Siebenbürgen (Wolf von Aichelburg, Hans Bergel, Andreas Birkner, Harald Siegmund und Georg Scherg) verhaftet und 1959 zu insgesamt 95 Jahren Gefängnis verurteilt worden waren und Grete Löw im gleichen Jahr sieben Jahre Haft erhalten hatte, musste Pastior, der in loser Beziehung auch zu den verhafteten Schriftstellern gestanden hatte, jederzeit mit seiner eigenen Verhaftung rechnen. Eine Securitate-Informantin, die unter dem Decknamen „Dorina Gustav“ ihre Berichte abfasste, bestätigt dieses indirekt, indem sie berichtet, Paul Schuster habe ihr anvertraut, dass Oskar Pastior in großer Angst lebe und ständig erwarte, verhaftet zu werden.
Als wir im Herbst 2005 am ersten Band seiner Werkausgabe arbeiteten, erzählte mir Oskar Pastior, dass er vom Herbst 1956 an, besonders nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands, in permanenter Angst gelebt habe, abgeholt zu werden. Ein Versuch, diese Angst literarisch zu fassen, stelle sein Anfang 1957 geschriebenes Gedicht „Da ist doch das Dach der Chinesischen Gesandtschaft, ach“ dar. Dieses Dach habe er aus einem Fenster der ARLUS-Bibliothek sehen können, in der er hauptsächlich die Bücher gelesen habe, die Alfred Kittner ihm aus seiner Privatbibliothek mitgebracht hatte. Wasserspeier in Form von Drachenköpfen und „eisenrote Löwen“ zierten das Dach. Das Gedicht endet mit den Zeilen: „Der Wind fährt manchmal mit den Drachen oben vorüber, / Dann heult das Radio, / Dann geht der Mensch vorüber, / Dann kommt das Auto an. // Sage mir was du fühlst. / Schreibe was du fühlst.“ Wenn in jenen Jahren Autos ankamen, so kamen sie, um jemanden abzuholen, den man lange nicht mehr sah. „Schreibe was du fühlst“ war eine Selbstermahnung. Aber wie schreibt man über panische Angst in einer Zeit, in der Bekenntnisse zur Partei und Fortschrittsoptimismus vom Gedicht erwartet wurden? …
Oskar Pastiors gesamtes bürgerliches und literarisches Leben seit seiner Flucht nach Deutschland folgte streng diesen Maximen; dadurch hat er alle, die ihn und sein Werk kennen, beeindruckt und für sich – auch als Person – eingenommen; weil er seine persönliche Existenz allein durch seine literarischen Entscheidungen, die für ihn auch ethische und moralische waren, für gerechtfertigt hielt. Überzeugender und ausführlicher als in seinen späten Notizen lässt sich die gehetzte Befreiung des IM „Stein Otto“ zum Dichter Oskar Pastior allein in dessen Gedichtbänden nachvollziehen.
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