30. Gute Lyrik

Hätte das deutsche Feuilleton noch eine Nase für gute Lyrik, der Leipziger Andreas Reimann würde immer wieder auftauchen in den Vorschlagslisten zu den ganz großen Literaturpreisen im Land. So viele richtige Lyriker hat die Bundesrepublik nämlich nicht. Jetzt hat er wieder einen neuen Gedichtband vorgelegt. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung 4.10.

Gräber und drüber. Gedichte
Andreas Reimann, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2010, 18 Euro

29. DADAsophie gegen Hatz4

Zur allgemeinen Aufmunterung des deutschen Meschuggevereins

Anlässlich der Demonstration am 10.10.2010 in Oldenburg

„Krach schlagen statt Kohldampf schieben – Mindestens 80 Euro für Lebensmittel sofort“

 

.Im real existierenden Kasperltheater

.Kinderzimmer voller Grausamkeit

.DADAsophisches für meinen Meschugge Verein

.Poesie als menschlicher Akt geschlichen ins Gehirn

.„Ich kann keinen ordentlichen Frieden schließen, wenn man mir nicht ordentlich zu essen und trinken gibt.“

Otto von Bismarck

(Diese Sätze sind auf einen Baseballschläger aus Schaumstoff geklebt, es ist ein Kinderspielzeug für´s trommeln auf die Pfanne)

.Es lebe die

Bratpfannen

Revolution

um nicht jeder neuen Farbe

eines Weckers mediale

Revolutionsansprüche

durchgehen zu lassen!

 

.KOCHKAMPF

(Dieser Satz ist ins innere einer Aluminiumbratpfanne geklebt und der Begriff „Kochkampf“ auf den Boden. Das Bismarckzitat wurde ein zweites mal auf einen Kochlöffel zum quirlen geklebt, auch für´s trommeln auf die Bratpfanne)

Rainer Wieczorek (Künstler/Soziologe/DADAsoph) www.rainerwieczorek.de

POSTANSCHRIFT: „Produzentengalerie Rainer Wieczorek“ Reuterstr. 85 in 12053 Berlin, 030  61 3456 2

„Evolutionsbüro“ Greifswalderstr. 20
mit „Streikposten 2“ und der „KUNSTdemokratie“

28. Verspätet: Brinkmanns Debütband

Endlich ist er mit fast 50jähriger Verspätung erschienen: der Gedichtband »Vorstellung meiner Hände« des ersten deutschsprachigen Popliteraten, Rolf Dieter Brinkmann. 1963 geschrieben, hätte er eigentlich das Debüt des Autors werden sollen. Doch Brinkmanns Gedichte irritierten damals zu sehr, ihr Klang war zu ungewohnt, sie wurden nicht gedruckt, denn sie unterschieden sich von allem, was damals – vor 1968 – hierzulande als Lyrik galt. Schon Titel wie »Fall Out«, »Vertanes Gedicht« oder »Die hohen Feste des Luis Buñuel«, »Die Bombe in meinem Kopf«, aber auch »Ihre schönen Knie« machen deutlich, dass hier ein junger Lyriker einen unbekannten Ton anschlägt, dass er die Alltagssprache dem »hohen Ton« vorzieht und auch vor politischen Stellungnahmen nicht zurückschreckt. /  TANJA DÜCKERS, Jungle World

 

 

27. Segel aus Salz

Buchpremiere

Do. 14. 10. 20 Uhr

Deutsches Literaturinstitut Leipzig

Wächterstraße 34

Eintritt: frei

Elmar Schenkel liest Iain Crichton Smith.

Iain Crichton Smith wurde 1928 in Glasgow geboren und wuchs auf der Insel Lewis in den Äußeren Hebriden auf. In seiner Kindheit sprach er schottisches Gälisch und lernte Englisch erst in der Schule. Smith verfasste einen Teil seiner Texte auf gälisch und übersetzte viele selber ins Englische. Von 1952 bis 1977 arbeitete er als Lehrer, danach als freier Autor. Er erhielt viele Preise und schrieb unermüdlich – Lyrik, Romane, Essays, Hörspiele, Rezensionen, Kurzgeschichten –, verstand sich aber in erster Linie als Dichter. Iain Crichton Smith starb 1998. In Schottland wird er als einer der wichtigsten Dichter seiner Generation verehrt.

Elmar Schenkel, Anglist, Schriftsteller und Übersetzer, lebt in Leipzig. Er gilt als ausgezeichneter Kenner angelsächsischer Belletristik, veröffentlichte literaturwissenschaftliche Essays und Abhandlungen zu verschiedenen englischsprachigen Autoren und übersetzte unter anderen Joseph Conrad, Ted Hughes und Basil Bunting.

Iain Crichton Smith: Segel aus Salz, Edition Regerup, ISBN 978-91-89034-20-4

/E-Mail von Margitt Lehbert, die ich gerne weiterreiche.

26. „Why Adonis should win the Nobel“

Warum nicht mitspekulieren? Ein großer Dichter, der den Preis wohl verdient. Fest steht: sollte der syrische Dichter als Preisträger benannt werden, oder auch irgendein anderer außer X und Y, das deutsche Fernsehen wird als ersten Marcel Reich-Ranicki befragen, der im ersten Satzteil den Preisträger würdig nennen und im Fortgang Einschränkungen machen wird. Warum auch nicht.

Die Überschrift ist freilich nicht von mir, sie stammt aus dem Guardian vom 6.10. Adonis sei der lebende Beweis, daß Europa kein Monopol auf literarisches Talent hat, sagt dort Gerard Russell. Und bestätigt sogleich den seit Jahren offen gehegten Verdacht amerikanischer Kommentatoren gegen die europäischen Preisrichter.

25. Zweisprachiger Literaturpreis in Bleiburg

Die Zweisprachigkeit hat ihren Preis, und zwar im österreichischen Bleiburg. Beste Prosa: Ida Paradi aus Slowenien, beste Lyrik: Michael Stöckl aus Österreich. / Kleine Zeitung

(Ob es der erste zweisprachige Literaturpreis ist, wie die Zeitung behauptet, lassen wir mal dahingestellt. Man könnte in Kanada nachfragen, oder in Dresden? Der erste in Bleiburg: das vielleicht schon.)

24. Gestorben

Der französische Schriftsteller Bernard Clavel ist tot. Wie französische Medien berichteten, starb der Autor von „Die Früchte des Winters“ am Dienstag im Alter von 87 Jahren.

Clavel schrieb mehr als 100 Werke, darunter Essays, Gedichte und rund 40 Romane. … Viele seiner Arbeiten wurden auf Deutsch übersetzt wie „Allein durch die Wildnis“, „Wo der Ahorn Früchte trägt“ und „Traumland“. / Bieler Tagblatt

Französische Nachrufe: Nouvel Obs / FigaroCreusot Infos /

Wikipedia (frz.)

Malgré son prix Goncourt en 1968 pour Les Fruits de l’hiver, il lui sera difficile d’obtenir la reconnaissance de critiques faisant la fine bouche. Un romancier populaire est toujours suspect. Ceux-là mêmes qui le méprisaient lui feront les yeux doux lorsqu’il siégera à l’académie Goncourt, au couvert de Giono, en 1971. Une expérience de courte durée, puisque, en 1977, il en démissionna. L’affaire, à l’époque, fit grand bruit. Après son départ, il avait constaté: «Durant mes années chez les Goncourt, pour une partie de la critique, j’étais un très grand écrivain. Dès après mon départ, je ne valais plus grand-chose et les dossiers de presse avaient fondu. Ne serait-ce que pour cela, je ne saurais regretter d’être parti.» / Figaro

23. Fünf fremde Gedichte für alle

Aber gibt es überhaupt eine europäische Literatur? Schließlich sind Sprachgrenzen auch Literaturgrenzen. Oder müssen wir Europäer das Miteinander erst lernen? Dieser Ansicht ist der slowenische Autor Aleš Šteger, schränkt aber sogleich ein, dass trotz des Miteinander die Europäer ’nicht gleich denken, gleich fühlen oder an das Gleiche glauben‘ müssen und sollen. Viel wichtiger sei es, einen kleinen Teil der Träume zu teilen. Ein schöner Gedanke, der letztlich die Literatur auf sich selbst verweist, wie auch Robert Menasses Einwand, dass Künstler Zeitgenossenschaft nur reflektieren, nicht aber produzieren. / Hans Koch, Süddeutsche 29.9.

Gleichwohl könnten sie Entwicklungen positiv beeinflussen. Das wäre der Fall, nähme etwa die Kulturpolitik europaweit Stegers Anregung auf, jedes Kind möge in der Schule mit zumindest fünf Gedichten aus anderen europäischen Literaturen vertraut gemacht werden. Von der Poesie sagt man zwar, sie vermöge selbst das Unsagbare auszudrücken, dennoch müssen die europäischen Literaturen, um sich etwaiger Gemeinsamkeiten bewusst werden zu können, zunächst über Sprachgrenzen hinweg zueinander finden.

Vgl. L&Poe 2010 Sep #107. Europäische Literaturtage

22. Christian Hawkey liest

Entdeckt bei

Poetry International Web

CHRISTIAN HAWKEY reads:

ELKE ALLOWING THE FLOOR TO RISE UP, OVER HER, FACE-UP

Alone in a room with a video camera
means you’re not alone, but lonely.
The floor closed around my lips.
I spoke from a knot. All bodies
are flexible, interlace. A forest
sliced into sections & rearranged
on a horizontal plane: go ahead,
walk on me. I have a wind-up windpipe
vulcanized by the luggage I
arrived with, which is nothing,
nothing special. Swab
my armpits for explosives.
(…)

21. Hitliste

Alle zwei Wochen sucht der Padina-Redakteur für die Hitliste fünf neue Gedichte im Internet. Unter den ausgewählten Gedichten finden sich therapeutische Gedichte, lyrisch anspruchsvolle Gedichte, Liedtexte, erste lyrische Gehversuche, Werbegedichte und die ganze andere Vielfalt des Lebens in lyrischer Ausdrucksform. Die jeweiligen Neuvorstellungen und gegebenenfalls die dazugehörigen Kurzbewertungen werden hier dokumentiert.

Zuletzt Gedichte über Suppen & Eintöpfe, Lyrikkritik, Telefon und Konjunktur.

20. American Life in Poetry: Column 289

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

There’s only so much we can do to better ourselves, and once we’ve done what we can, it still may not have been enough. Here’s a poem by Michelle Y. Burke, who lives in N.Y., in which a man who does everything right doesn’t quite do everything right.

Nocturne

A man can give up so much,
can limit himself to handwritten correspondence,
to foods made of whole grains,
to heat from a woodstove, logs
hewn by his own hand and stacked neatly
like corpses by the backdoor.

He can play nocturnes by heart.
They will not make the beloved appear.
He can learn the names of all the birds
in the valley. Not one
will be enticed to learn his.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Michelle Y. Burke and reprinted from Lake Effect, Vol. 13, Spring 2009, by permission of Michelle Y. Burke and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

19. Buchmesse 1

In der Literaturbeilage des Neuen Deutschland u.a. über

  • JORGE LUIS BORGES und der »universale Traum«
  • Die Dichter und die Diktatur. ARGENTINISCHE AUTOREN erinnern an ein Terrorregime
  • HANNS CIBULKA: »Labyrinth des Lebens«, ein Brevier (Horst Nalewski)
  • DURS GRÜNBEIN sucht nach dem »Aroma« von Rom
  • DEUTSCHE GEDICHTE der letzten zwanzig Jahre
  • HELGA M. NOVAK: »Liebesgedichte«
  • Die Süddeutsche Zeitung dagegen hat zumindest auf der Website zur Messe gar keine Lyrikkritik.

    Im Druck nicht viel: Kurzrezensionen von Peter Wawerzineks BAADER Holst-Buch und den neuen Echtermeyer auf S. 15.

    Noch weniger in der Literaturbeilage der FR, nämlich nichts. Ihre Taten reden wie Politiker: Schluß mit der LYRIK, jetzt die Fakten. Wie hier:

    “Gibt es außer Lyrik auch Projekte?”, hakte der deutsche Grünen-Abgeordnete Reinhard Bütikofer nach. “Zum Beispiel zur Wiederbelebung der transatlantischen Beziehungen?” / Zeit online

    (Wir suchen weiter)

    18. König von Deutschland

    Dass Regina Klein Lieder von Rio Reiser singt, habe weniger mit Planung, als mit Bauchgefühl zu tun. Und mit Lyrik. Einer Lyrik, die so mancher bei dem Polit-Rocker Rio Reiser wohl nicht vermutet hätte. Einer Lyrik, die nachdenkliche Töne ebenso kennt wie verzagte Hoffnung und die sich selbst in Zeiten der sexuellen Revolution doch immer wieder nach der eigentlich spießigen Zweier-Kisten-Liebe sehnt.

    So wurde die Premiere von Kleins neuem Programm «Lass uns ’n Wunder sein» neben einem echten Hörgenuss auch zu einer Entdeckungsreise durch ein Stück deutscher Zeitgeschichte hin zu einem äußerst vielfältigen Musiker, der zwar vielleicht nicht König von Deutschland war, aber dafür ein Meister deutscher Songs. / Frankfurter Neue Presse

    17. Poesiefrühstück auf Burg Klempenow mit Rainer Stolz

    Holzschnitt. Barbara Wetzel. 2010

    „Selbstporträt mit Subunternehmen“

    Moderation Silke Peters/ Stralsund

    Am Sonntag, 10.10.2010, ab 11 Uhr, lädt der Verein der Burg Klempenow zum Poesiefrühstück in den Westflügel der Burg ein. Diese Lesereihe widmet sich schon im zweiten Jahr der zeitgenössischen Lyrik. Hier begegnen sich ungezwungen AutorInnen und LeserInnen zum gemeinsamen Frühstück und zu einer anschließenden Lesung. Diese Veranstaltungen öffnen dem Alltagsbewusstsein die zunächst einmal fremd scheinenden Innenwelten einzelner zeitgenössischer AutorInnen.

    Die Lesung beginnt ca. 12 Uhr.

    Das Burgcafé bereitet, ab der Zusage von zehn Gästen (bitte eine kurze Mail an mail.silkepeters@gmx.de), ein wunderbares Frühstücksbuffet vor. Bei weniger Zusagen gibt es ein Einzelfrühstück und Getränke auf Wunsch vom Burgcafé serviert.

    Rainer Stolz, geboren 1966 in Hamburg, lebt als Lyriker, Sprachspieler und Momentesammler in Berlin. Veröffentlicht hat er u. a. den Lyrikband „Während mich die Stadt erfindet“ (Elfenbein Verlag, Berlin 2007) und das aphoristische Leseheft „Stuckbrüche“ (SuKuLTuR-Verlag, Berlin 2006). Gemeinsam mit Stephan Gürtler gab er die Anthologie „Feuer bitte! Berliner Gedichte über die Liebe“ (dahlemer verlagsanstalt, Berlin 2003) heraus. Er wirkt bei literarischen Gemeinschaftsprojekten mit (z. B. Kettendichtung) sowie bei Interaktionen mit Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Sparten. Seit kurzem betätigt er sich auch als Poesievermittler, z. B. an Schulen.

    Website: www.rainerstolz.de

    16. »Hinter der Mauer«

    Christian Lehnert, Theologe und Dichter aus Dresden (Librettist auch von Hans Werner Henzes Oper »Phaedra«), hat ein vielstimmiges Großgedicht geschrieben, das vordergründig vom gescheiterten Fluchtversuch eines Ostberliner Krankenpflegers handelt. …

    Wie einen solch vielfach gebrochenen Text vertonen? Der Komponist Samir Odeh-Tamimi, ein seit 18 Jahren in Deutschland lebender Israeli palästinensischer Abstammung, hat erst gar nicht versucht, die Worte musikalisch zu illustrieren. Nicht Empathie wecken die Klänge beim Zuhörer, nicht Reflexion – die Musik ist eine Übertragung der dem Text innewohnenden Drastik, Zerrissenheit und Irre in oft ohrenezereißende Geräusche. Im Hörerlebnis halten Lehnerts wohlgesetzte Worte dieser Kompositionspraxis nicht stand: Ohne die Projektion des Texts an die Bühnenwand, ohne den Abdruck des Librettos im Programmheft ginge die zugrundeliegende Sprache vollends verloren. / Martin Hatzius, ND 5.10.