80. Angst und Befreiung

Ernest Wichner, sein langjähriger Freund und bester Kenner seines Werks, hat Pastiors Securitate-Akte für die FAZ gelesen:

Nachdem schon im Sommer 1958 und Frühjahr 1959 fünf deutsche Schriftsteller aus Siebenbürgen (Wolf von Aichelburg, Hans Bergel, Andreas Birkner, Harald Siegmund und Georg Scherg) verhaftet und 1959 zu insgesamt 95 Jahren Gefängnis verurteilt worden waren und Grete Löw im gleichen Jahr sieben Jahre Haft erhalten hatte, musste Pastior, der in loser Beziehung auch zu den verhafteten Schriftstellern gestanden hatte, jederzeit mit seiner eigenen Verhaftung rechnen. Eine Securitate-Informantin, die unter dem Decknamen „Dorina Gustav“ ihre Berichte abfasste, bestätigt dieses indirekt, indem sie berichtet, Paul Schuster habe ihr anvertraut, dass Oskar Pastior in großer Angst lebe und ständig erwarte, verhaftet zu werden.

Als wir im Herbst 2005 am ersten Band seiner Werkausgabe arbeiteten, erzählte mir Oskar Pastior, dass er vom Herbst 1956 an, besonders nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands, in permanenter Angst gelebt habe, abgeholt zu werden. Ein Versuch, diese Angst literarisch zu fassen, stelle sein Anfang 1957 geschriebenes Gedicht „Da ist doch das Dach der Chinesischen Gesandtschaft, ach“ dar. Dieses Dach habe er aus einem Fenster der ARLUS-Bibliothek sehen können, in der er hauptsächlich die Bücher gelesen habe, die Alfred Kittner ihm aus seiner Privatbibliothek mitgebracht hatte. Wasserspeier in Form von Drachenköpfen und „eisenrote Löwen“ zierten das Dach. Das Gedicht endet mit den Zeilen: „Der Wind fährt manchmal mit den Drachen oben vorüber, / Dann heult das Radio, / Dann geht der Mensch vorüber, / Dann kommt das Auto an. // Sage mir was du fühlst. / Schreibe was du fühlst.“ Wenn in jenen Jahren Autos ankamen, so kamen sie, um jemanden abzuholen, den man lange nicht mehr sah. „Schreibe was du fühlst“ war eine Selbstermahnung. Aber wie schreibt man über panische Angst in einer Zeit, in der Bekenntnisse zur Partei und Fortschrittsoptimismus vom Gedicht erwartet wurden? …

Oskar Pastiors gesamtes bürgerliches und literarisches Leben seit seiner Flucht nach Deutschland folgte streng diesen Maximen; dadurch hat er alle, die ihn und sein Werk kennen, beeindruckt und für sich – auch als Person – eingenommen; weil er seine persönliche Existenz allein durch seine literarischen Entscheidungen, die für ihn auch ethische und moralische waren, für gerechtfertigt hielt. Überzeugender und ausführlicher als in seinen späten Notizen lässt sich die gehetzte Befreiung des IM „Stein Otto“ zum Dichter Oskar Pastior allein in dessen Gedichtbänden nachvollziehen.

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