109. Drangsal und Verstrickung

In dem Interview fasst Herta Müller die tragische Dimension von Pastiors Verstrickung und die möglichen Gründe für sein lebenslanges Schweigen in einen einzigen Satz: «Er war zu skrupulös, um zu sagen, seine Schuld sei mässig, und er hatte wenig Grund zu sagen, sie sei schwer.»

Die reichhaltig mit Ton- und Bilddokumenten illustrierte Ausstellung führt beklemmend vor Augen, unter welch drückender Drangsal Herta Müller und ihre Künstlerfreunde lebten. Vorgeführt wird die Enge in Müllers Geburtsort Nitzkydorf, wo die Banater Bauern von den Kommunisten enteignet worden waren. Ein von Herta Müller im Mai 1983 unterzeichnetes Gesuch zur Benützung einer Schreibmaschine veranschaulicht den Kontrollwahn der Behörden. Und die angeblichen Suizide von Roland Kirsch und Rolf Bossert vergegenwärtigen die Bedrohung im totalitären Staat. / Roman Bucheli, NZZ 22.9.

«Herta Müller. Der kalte Schmuck des Lebens». Ausstellung im Literaturhaus Berlin, bis 21. November. Begleitheft: € 5.–.

108. Übersetzungskritik

Es gibt neue Kommentare zu einer schon ein paar Wochen zurückliegenden Meldung:

2010 Aug #5. Übersetzungskritik

Hier alle Meldungen über Alfonsina Storni

107. Europäische Literaturtage

Am nächsten Wochenende ist es soweit und der Ort Spitz an der Donau verwandelt sich in ein Literaturdorf – zumindest vorübergehend. Denn dann werden dort die europäischen Literaturtage durchgeführt.

Internationale Autoren wie Mathias Enard, Edo Popovic, Aleš Šteger, Bethan Roberts, Matthias Politycki, Klaus Merz, Robert Menasse, Zsuzsanna Gahse, Ferdinand Schmatz u.v.m. treffen sich auf Einladung der AG Literaturlandschaft Wachau auf Schloss Spitz. / mediencircus

106. Weltmusikalischer Keim

Ein wenig Fado, ein bisschen spanische Lyrik, eine Prise Südamerika – Don Phillipe und Laura Lopez Castro leuchten auch auf ihrem dritten Album „Optativo“ die dunkle und traurige Seele der iberischen Welt aus. Tonspion präsentiert die kostenlose Remix EP zum Album mit sechs exklusiven Remixen. …

Vielsprachig und vielstimmig ist „Optativo“, Laura Lopez Castro wechselt vom Spanischen ins Hebräische und trägt so den weltmusikalischen Keim weiter, den Freundeskreis vor Jahren mit „Esperanto“ gelegt haben. / tonspion.de

105. Ruhm

In der Berliner Zeitung ein Gespräch mit Peter Wawerzinek über den plötzlichen Ru(hm)mmel.

104. Jeghische Tscharenz

Jeghische Tscharenz (1897-1937) gilt den Armeniern in aller Welt als einer der bedeutendsten Dichter ihres Volkes. Seine Gedichte erscheinen jetzt im Arco Verlag in einer zweisprachigen Ausgabe: in der Originalsprache Ostarmenisch sowie in deutscher Übersetzung.

Konrad Kuhn hat die Werke nachgedichtet und herausgegeben. Erstmals gibt es damit eine deutschsprachige Buchausgabe der Gedichte von Tscharenz. Am 7. November stellen Verleger Haacker und Herausgeber Kuhn den neuen Lyrik-Band bei einer Lesung im Literaturhaus Wuppertal vor. / Meike Nordmeyer, Westdeutsche Zeitung

Jeghische Tscharenz:
Mein Armenien. Gedichte.
Ostarmenisch/deutsch.
Nachgedichtet und hrsg. von Konrad Kuhn.
Deutsche Erstausgabe.
Paperback, 220 Seiten.
ISBN 978-3-938375-31-0
€ 22 / SFr  33

(Hier eine Leseprobe)

Rezension: Berliner Zeitung 9.9.

NB Beim Todesjahr 1937 ist immer Obacht angezeigt, und auch hier berechtigt. Jeghische Tscharenz wurde im Jahr 1937 unter ungeklärten Umständen, wie es manchmal heißt, Opfer des stalinistischen Terrors. Die deutschsprachige Wikipedia weiß: er „war ein armenischer Dichter, der im Zuge des Großen Terrors ums Leben kam. … Am 13. März 1937 wurde Tscharenz hingerichtet. 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, wurde er rehabilitiert.“ In einer anderen Quelle lese ich: „†29.11.1937“, in noch einer anderen: „starb 1937, verhaftet als Konterrevolutionär, möglicherweise vom Geheimdienst erschossen“.

103. Neuer Gedichtband von Hans Thill

Mit 55 Jahren legt er jetzt seinen erst vierten Lyrikband vor, den ersten seit sieben Jahren, als die „Kühlen Religionen“ erschienen und mit dem Peter-Huchel-Preis geehrt wurden. „Museum der Ungeduld“ nennt der Autor und Mitbegründer des Wunderhorn-Verlags die neue Sammlung. Die Ungeduld ist dabei die eigene wie diejenige einer rastlos gewordenen Gegenwart, und beide nimmt er sich vor, etwas näher zu betrachten, mit Geduld eben, gerade wie in einem Museum. …

Welt- und Kulturgeschichtliches hinterlässt seine Spuren ebenso wie Mythologisches und Märchenhaftes, daneben gibt es, mit kulturkritischem Nebensinn, eher Reales wie das „Brüllen“ der „Diesel aus Blech“. Solche Bilder können einen Sog entfalten, dem man sich nur schwer entzieht – was aber nötig ist, um die vielschichtigen und oft witzigen Bezüge nicht zu verpassen. Mehrmaliges Lesen kann das Dilemma lösen. Zum „Museum der Ungeduld“ werden die Verse dann buchstäblich.

Was ersieht man daraus? Jedenfalls gilt es, den An- und Widerspruch nie zu niedrig anzusetzen. „Lies/ die Wörter von den Mäulern der Hunde./ Pflanze einen geflügelten Wald“, heißt es am Schluss, gefolgt von einem mehrdeutigen „usw.“. Recht eindeutig aber klingt die Aufforderung am Beginn der Versfolge: „Lies“. Hinter diesem Anspruch sollte keiner zurückbleiben. / Thomas Groß, Mannheimer Morgen 24.9.

102. Rückgrat raus!

In der Obernburger Kochsmühle hängen Blätter von A. Paul Weber, dem deutschen Honoré Daumier des 20. Jahrhunderts. Im Main-Netz u.a. die Beschreibung zweier Grafiken:

Das Gerücht: Das Gerücht wurde von Arno Schmidt als »die beste Allegorie seit Leonardo da Vinci« bezeichnet. …
Rückgrat raus! Nach diesem Blatt entstand ein Gedicht von Hermann Mostar, das Weber 1961 mit dem Bild im »Kritischen Kalender« veröffentlichte: »… Ein schneller Schnitt, dein Rückgrat fehlt,/ und was dich eben noch gequält,/ Ist jetzt direkt vergnüglich,/ Im Wehrdienst robbt sich’s wie geschmiert,/ Im Amt kriecht sich’s vorzüglich./ Und willst du wo geborgen sein,/ Du kriechst ganz mühelos hinein,/ Hat’s doch der Arzt gestanden:/ Ein Rückgrat, das vermißt man kaum -/ Es war nie viel vorhanden …«

101. Christlich-islamisch

Sie lebt in Deutschland, die Verbindung zu ihrer Heimat Bosnien lässt Safeta Obhodjas jedoch nicht abreißen. „Offiziell existiere ich dort nicht,“ sagt sie, ihre Bücher werden jedoch unter der Hand gehandelt und mit Begeisterung gelesen.

Sie arrangiert sich mit diesen Gegebenheiten, so gut es geht, packt multikulturelle Projekte an, um die Verbindungen zwischen Bosnien, Österreich und Deutschland aufzuzeigen. „Begegnung Christen und Muslime“ nennt sie dieses Projekt. Das erste Ergebnis, „Legenden und Staub“, ist 2001 im LIT Verlag Münster erschienen: eine Abendland-Morgenland-Arabeske, entstanden in der Spannung zwischen Prosa und Lyrik, Mann und Frau, Arabischem und christlichen Denken. Ihr Co-Autor Sargon Boulus, einer der renommiertesten Lyriker des Irak, lebt seit 1967 im Exil.

Und Deutschland? „Ich habe in Deutschland eine neue Heimat gefunden, da ich nicht mehr nach Hause kann“, sagt sie. „Ich habe mir die deutsche Sprache zu Eigen gemacht: Ich schreibe deutsch, vergesse aber die Sprache meiner Mütter nicht. Und ich muss zugeben, dass ich es genieße, alle Bücher lesen zu können, die mir in der alten Heimat nicht zugänglich waren, weil sie nicht ins Bosnische übersetzt wurden. Und weil mittlerweile überhaupt keine Übersetzungen mehr gemacht werden. Für wen denn?“ / ORF

Safeta Obhodjas, „Scheherazade im Winterland“, Melina Verlag, ISBN 3929255413

Safeta Obhodjas, „Legenden und Staub : Auf den christlich-islamischen Pfaden des Herzens“, LIT Verlag, ISBN 382585583X

100. Meridian Czernowitz

Zum neunzigsten Geburtstag des großen Celan veranstaltet seine Vaterstadt erstmals ein Poesiefestival, hat Dichter aus halb Europa, vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, dorthin geladen, wo zwischen 1880 und 1940 eine der unerhörtesten Explosionen von Kreativität stattfand, die es in Europas Kultur je gegeben hat. Czernowitz, dessen weit über die Hügel am Pruth gezogene habsburgische Altstadt etwas abgebröckelt, aber komplett erhalten ist, hatte nur achtzigtausend Einwohner.

Doch im heiklen Ungleichgewicht von fünf Sprachen – Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch – und im Aufeinandertreffen von mittelalterlicher Dorffrömmigkeit der Popen und Chassiden und humanistischer Moderne von Universität und Labor schossen die Genies eine Generation lang nur so empor. Eine Kleinstadt beherbergte für einen kostbaren Moment das Denken der ganzen Welt. …

In Czernowitz, dessen relative Bevölkerungsmehrheit um 1900 aus Juden bestand, lernten und schrieben, lehrten und veröffentlichten gleichzeitig einige der besten jiddischen Autoren: der Pädagoge Elieser Steinbarg und der versoffene Poet Itzig Manger, der fliehen konnte und nach einem Wanderleben 1969 in einem Sanatorium bei Jerusalem letztes Obdach fand. Auch Gregor von Rezzori, der mit Brigitte Bardot auf der Leinwand zu sehen war und sich in Czernowitz für seine „Maghrebinischen Geschichten“ inspirierte, ist von hier.

Die 1901 geborene Dichterin Rose Ausländer nicht zu vergessen, die Celan 1941 im Czernowitzer Ghetto kennenlernte – nicht zuletzt seiner Kritik an ihrem bis dato expressionistisch grundierten Stil verdankte sie jene lakonische Diktion, die ihre großen, längst gegenwartsklassischen Gedichte auszeichnete. Immer wieder ist sie aus Czernowitz geflohen, immer wieder zurückgekehrt: „Eine goldene Kette“, heißt es im Gedicht „Heimatstadt“, „fesselt mich / an meine urliebe Stadt / wo die Sonne aufgeht / wo sie untergegangen ist / für mich“.

Rumäniens Nationaldichter Mihail Eminescu lebte ebenso in der habsburgischen Hauptstadt der Bukowina wie mehrere poetische Ikonen der heutigen Ukraine: Olga Kobylanska oder Dmytro Zahul, der in Stalins GULag umkam. Man könnte die Liste beliebig fortsetzen. Josef Burg, letzter jiddischer Dichter aus dem Schtetl, ist vorigen August in Czernowitz mit fast siebenundneunzig Jahren gestorben. …

Und auch die Studenten im Festsaal applaudieren überrascht, wenn der Schweizer Schriftsteller Andreas Saurer sie bei der Rezitation seiner aphoristischen Gedichte in fließendem Rumänisch, wenn der deutsche Poet Hendrik Jackson sie in perfektem Russisch anspricht. Man interessiert sich also doch für diesen vergessenen Teil Europas. Durchaus hermetische Lyriker wie Elke Erb oder Brigitte Oleschinski kehren bei der Reise nach Czernowitz zu den Wurzeln des Genres, zu Paul Celans verdichteten und verrätselten Innenbildern zurück.

Wenn Gerhard Falkner sein schönes Poem vom Stadtplan als Gedicht und von den Straßen als Zeilen und den Häusern als Wörtern vorträgt, dann fühlt man sich zu Fuß unterwegs im untergegangenen Czernowitz, das für die Fremden aus magischer Poesie besteht.

/ Dirk Schümer, FAZ.net 22.9.

Zum Thema im FAZ-Archiv:

Über Josef Burg: Uwe von Seltmann: In Memoriam Josef Burg

L&Poe 2009 Aug #041. Josef Burg gestorben

99. sub & main

Aus einer angeregten Leserdiskussion zu Axel Kutschs Anthologie Versnetze_drei bei fixpoetry.com:

was ich beim ersten an-lesen von versnetze_drei erstaunlich fand: das, was ich bislang hier in berlin als – sagen wir – lyrische subkultur wahrgenommen habe, fällt in der masse des mainstreams (naturlyrik, dekonstruktivistische poesie etc.) als solche so gut wie gar nicht mehr auf. haben die untergrund-dichter nur verträgliche gedichte eingesandt, um überhaupt veröffentlicht zu werden? wählte der herausgeber unter den vermeintlich radikalen texten die sanftesten aus? ich weiß es nicht… (Clemens Schittko)

98. Poesie des Untergrunds

Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989

Freitag, 24.9.

20:00 Uhr / Koeppenhaus – Literaturzentrum

Kuratoren: Ingeborg Quaas, Uwe Warnke & Thomas Günther

In der letzten langen Dekade des kurzen Daseins der DDR geriet Ostberlin in Bewegung. Jedenfalls aus künstlerischer Sicht. Speziell im heruntergekommenen Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg, jenseits des staatlichen Kunst- und Kulturbetriebs, entfaltete und entwickelte sich eine Szene, die in ihren Aktivitäten und in ihrer Arbeit eine von ideologischen Grenzziehungen nicht kontaminierte Sprache suchte und fand.

Diese Suche entsprach durchaus einer Unabhängigkeitserklärung. Sie mündete in eine Poesie des Untergrunds, die zwar unter halblegalen und illegalen Bedingungen entstand und Verbreitung fand, sich aber einer ständigen Bezüglichkeit auf die Diktatur verweigerte.

Die Künstler nutzten die zunehmende Unsicherheit des Staates und die sich dadurch öffnenden Freiräume. Ihre Netzwerke erlaubten ihnen eine völlig neue Art der Kreativität. Es arbeiteten Dichter mit bildenden Künstlern, mit Fotografen, mit Bands und Zeitschriftenmachern zusammen. Es gab Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, Modenschauen oder Theater- und Filmaufführungen in privaten Wohnungen, Ateliers und auf Dachböden oder Hinterhöfen und es entwickelte sich eine eigenständige zweite Kultur, die ihren Niederschlag u. a. in den originalgrafischen Zeitschriften und in den zahlreichen Künstlerbüchern fand.

Die geistigen Zeugnisse und materiellen Hinterlassenschaften dieser Szene sichtbar zu machen, ist Ziel der Ausstellung „Poesie des Untergrunds“. Die Exposition, welche im Herbst 2009 im Prenzlauer Berg-Museum in Berlin ihren Auftakt hatte und bereits an verschiedenen Orten gezeigt worden ist, präsentiert die verschiedenen Facetten dieser künstlerischen Arbeit. So werden in der Greifswalder Präsentation Grafiken, Fotografien, Plakate, Untergrundzeitschriften, Künstlerbücher sowie einige andere Dokumente aus dieser Zeit zu sehen sein.

Mit freundlicher Unterstützung des Quartiersbüros Fleischervorstadt, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Landeszentrale für politische Bildung MV, der Universitäts- und Hansestadt Greifswald und des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Zur Eröffnung der Ausstellung wird Thomas Günther eine Einführung in das Thema und die Ausstellung geben. Im Anschluss daran werden Ingeborg Quaas und Uwe Warnke Texte aus den 80er Jahren lesen.

Parallel zur Ausstellung ist der von Uwe Warnke und Ingeborg Quaas herausgegebene Band „Die Addition der Differenzen“ (Verbrecher Verlag, Berlin, 2009) erschienen.

97. American Life in Poetry: Column 287

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I love to sit outside and be very still until some little creature appears and begins to go about its business, and here is another poet, Robert Gibb, of Pennsylvania, doing just the same thing.

For the Chipmunk in My Yard

I think he knows I’m alive, having come down
The three steps of the back porch
And given me a good once over. All afternoon
He’s been moving back and forth,
Gathering odd bits of walnut shells and twigs,
While all about him the great fields tumble
To the blades of the thresher. He’s lucky
To be where he is, wild with all that happens.
He’s lucky he’s not one of the shadows
Living in the blond heart of the wheat.
This autumn when trees bolt, dark with the fires
Of starlight, he’ll curl among their roots,
Wanting nothing but the slow burn of matter
On which he fastens like a small, brown flame.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. From What the Heart Can Bear by Robert Gibb. Poem copyright ©2009 by Robert Gibb. Reprinted by permission of the author and Autumn House Press. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

96. Kroatische Lyrik

Im Rahmen der bundesweiten Interkulturellen Woche, die in diesem Jahr das Motto trägt „Zusammenhalten – Zukunft gewinnen“, veranstaltet das Stadtmuseum/Stadtarchiv Hofheim in Zusammenarbeit mit dem Ausländerbeirat am Donnerstag, 30. September, um 20 Uhr im Museum an der Burgstraße 11 eine zweisprachige Lyriklesung mit Adolf Polegubic.

In Bildern und Versen aus den Gedichtbänden von Polegubic erfahren die Besucher mehr über die kroatische Lyrik. Die Übertragung der Gedichte ins Deutsche liest Ludwig Böhm. / Wiesbadener Kurier

95. Urheberrecht

„Aus urheberrechtlichen Gründen dürfen wir Beiträge in diesem Bereich nur noch sieben Tage lang anbieten.“

Diese Notiz findet sich seit kurzem auf der Website des DLF-Lyrikkalender. Das hört sich an wie Lüge / Und ist es auch (Jandl). Sowenig wie Gesundheitsgründe für den Rücktritt Erich Honeckers vor 21 Jahren verantwortlich waren, ist es hier das Urheberrecht. Nicht das Recht von Horst Samson oder Michael Braun wird hier geschützt! Bekanntlich gab es einen Bundestagsabgeordneten, der Cummings las und Baudelaire übersetzte, Keetenheuve hieß er und sprang in den Rhein. Nein, die Lyriker haben keine Lobby in der deutschen Politik; Energiekonzerne haben eine, Pharmaziebetriebe oder Zeitungsverleger. Die großen Zeitungsverleger suchen lange nach Wegen, „Content“ im WWW gegen Geld zu verkaufen. Denen paßte es nicht, daß die öffentlich-rechtlichen Sender abertausende von unseren Gebühren  finanzierter Sendungen kostenlos im Internet zur Verfügung stellten. Das steht ihren Plänen entgegen, und willfährige Politiker änderten das Rundfunkrecht, was zur Löschung vieler tausender Hör- und Videobeiträge  führte, vor wenigen Wochen und über Nacht. Einer der vielen Skandale der deutschen Politik – fast ein kleinerer. „Daß sie lügen, wußte ich ja. Aber / daß sie so lügen!“ (Peter Hacks)

P.S. Man macht mich darauf aufmerksam, daß die Notiz beim Lyrikkalender schon länger steht. Ja, mag sein, daß es in diesem Fall so ist, ich kann es nicht beschwören. Meine Empörung bleibt: sie gilt der von der Politik im Interesse der Privatwirtschaft („Wettbewerbsrecht“!) angeordneten Löschung tausender archivierter Rundfunk- und Fernsehsendungen am 1.9. Lesen Sie mehr unterm Strich.

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