Die neue Ausgabe des „Echtermeyer − Deutsche Gedichte“, erschienen im Cornelsen Verlag, nimmt die FR zum Anlass einer Serie „Lieblingsgedichte“: FR-Redakteure stellen geschätzte Werke vor. Am 13.9. Lia Venn über ein GHedicht von Conrad Ferdinand Meyer.
„Auch ist nichts Mystisches oder Übernatürliches in der Natur vorhanden – was nicht bedeutet, daß wir mit unserem Gehirn alles verstehen können. Es liegt aber soviel Wunderbares – für uns offen oder noch versteckt – in der Natur, daß schon dadurch unsere Ehrfurcht davor geweckt wird.“
Christian Holzapfel, 2005 in: EINE KLEINE GESCHICHTE DES ELEKTRONS
G&GN-INSTITUT B-NEUKÖLLE 13.9.2010 / ERGÄNZEND ZU DEN POLITISCHEN GEDICHTEN (siehe Ticker Nr.52 vom 10.9.2010) sind nun 17 (von insg. 61) ausgewählte „Very Best Of“ E.S.-BEISPIELE für Erweiterte Sachlichkeit ab 1994, der gesamte 17-teilige „JA(HR…HUNDERT/TAUSEND“-Zyklus ab 1998 und die vollständige Serie aller 17 LOCHGEBETE ab 2004 von Tom de Toys zu Forschungszwecken als kostenloser PDF-Kombipack in der brandneuen Edition „PoemieDigitalFusion“ des Berliner G&GN-Verlags feigegeben! Garniert wird die 3 mal 17 Gedichte umfassende Sammlung von 7 ausgewählten Fotos des Lyrikers aus seinem „Best of Fotomie“-Album (www.fotomie.de), die er mit seinem Mobiltelefon knipste…
Download des kostenlosen PDF im L&Poe-Doku-Archiv: 17×3 DAS GROSSE STAUNEN incl 7x Fotomie)
3 Probetexte aus jeweils einem der drei Werksektoren:
Tom de Toys, 9.4.1995
ENTARTETE
[02.E.S.-Beispiel für Erweiterte Sachlichkeit]
geteiltes glück ist millimeterarbeit
morgens neben dir
erwacht geteiltes
glück ist
millimeterarbeit unverbrauchter
schenkel schmiegen sich im
hinterland der öffentlichen
brennstoffmängel noch nach jahren
schamlos sachlich als
ein zuckerfreies grab mit
neongrüner beleuchtung von allen
seiten aufgerichtet wie
die echte stunde null
mein weltkrieg endet
bei dir
Tom de Toys, 3./4.7.1998
Ü B E R D U
[„JA(HR…-HUNDERT/-TAUSEND“-Zyklus Teil VI]
ich lese in dir
die geschichte eines universums
das sich dauernd neu gebirt
und höre deine seele
wie die stimme einer reinen
existenz aus energie und
leere dringt durch alle
körperzellen wie planeten
einer unendlichen umlaufbahn
die mitte leuchtet überall
wenn wir uns treffen
trifft sich die materie
gegenseitig selbst und
lacht im angesichte dieser
unbarmherzigen fraglosigkeit
Tom de Toys, 8.+9.12.2005
ÜBEREVENT
(NEUROASTRONOMIE)
[05.TRANSRELIGIÖSES LOCHGEBET FÜR DAS 23.JHD.]
hautlos
tanzen wir
den krummen
raumzeittango
aufrecht !
ja wir LEBEN
schon verdichtet
im unendlichen
bewußtseinsloch:
das universum
IST ein superhirn
die galaxien sind
synapsen in der leere
zwischen den planeten
nervenbahnen und
die erdregion:
als sitz der seele !
JETZT beginnt
die ewigkeit im
stillen
Hölderlin und Goethe müssen warten. Ablenkung vor nicht ganz freudvoller Arbeit findet sich trotzdem. Ein Zufallsfund im Netz erinnert mich an ein Buch: „Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren“, herausgegeben von Annemarie Schimmel (C.H. Beck 1996). Qadi Qadan – Qadi ist hier kein Vorname, sondern eine Art Berufsbezeichnung: der Kadi Qadan nämlich war ein indischer Richter, Kadi, und mystischer Dichter im 16. Jahrhundert. Sein Vier- bzw. richtiger Zweizeiler, ein Dōha, ist in Sindhi geschrieben, er ist ein Pionier der Dichtung dieser Sprache. Mystiker nicht, aber gelehrte Mystikforscher und Zeloten werden mir sagen, daß es ganz anders gemeint ist – für mich ist es ein großartiges Liebesgedicht (und nur so auch anderes mitbedeutend). Wenn ich keinen Wein kenne, wie könnte mir Wein ein göttliches Symbol sein?
Laß die Grammatik den Leuten –
—ich studier‘ den Geliebten,
Und eine einzige Letter
—les‘ ich und les‘ immer wieder!
QADI QADAN (gest. 1551)
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
One of my friends told me he’d seen a refrigerator magnet that read, PARENTING; THE FIRST 40 YEARS ARE THE HARDEST. Here’s a fine poem about parenthood, and about letting go of children, by Chana Bloch, who lives in Berkeley, California.
Through a Glass
On the crown of his head
where the fontanelle pulsed
between spongy bones,
a bald spot is forming, globed and sleek
as a monk’s tonsure.
I was the earliest pinch of civilization,
the one who laced him
into shoe leather
when he stumbled into walking upright.
“Shoes are unfair to children,” he’d grouse.
Through a pane of glass
that shivers when the wind kicks up
I watch my son walk away.
He’s out the door, up the street, around
a couple of corners by now.
I’m in for life.
He trips; my hand flies out;
I yank it back.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
… und arbeitet an einem neuen Gedichtband, berichtet die Südwestpresse.
In Freiburg stellt Walle Sayer im Rahmen des Literatursommers 2010 seine Beiträge zu der Anthologie „Unverhofftes Wiedersehen“ vor: am 22. September um 20 Uhr in der Galerie im Alten Wiehrebahnhof. In Nordstetten liest er am 29. September um 19.30 Uhr im Berthold-Auerbach-Museum aus der „Hommage an Johann Peter Hebel“, außerdem Texte aus dem neuen Sammelband „Zusammenkunft“ und Unveröffentlichtes aus einem für 2012 geplanten Gedichtband.
Nie zuvor war der Tod, das Ende aller Erfahrung, aller Assoziationen und aller Worte, so tief und klar in Paulus Böhmers Gedichte eingeschrieben wie „Am Meer. An Land. Bei mir“. Das Meta-Gedicht in drei großen Abschnitten ist ein einziges atmendes, pulsierendes Todesschäumen und Verwesen und Mineralisieren, ein Insistieren auf Übergangsphänomenen, auf der dennoch grundlegenden Differenz zwischen organischen Prozessen und chemischen und physikalischen Vorgängen. Es ist ein tief beklagtes, aber nie jammerndes Kapitulieren vor der Einsicht, dass es mit dieser Differenz zu Ende gehen wird. Die Worte in diesem Bewusstseinsstrom – auch die, die man noch nie zuvor gelesen zu haben meint und darum bisher für nicht existent gehalten haben könnte – erscheinen nicht wie ausgedacht, eher wie gefunden. Sie kommen recht vertraut oder zumindest in rätselvoll vertrauten semantischen Umgebungen daher oder erscheinen zumindest plausibel; und sobald sie in der Welt sind, gibt es sie schließlich unwiderruflich auch.
Es empfiehlt sich also eine linguistische Demut gegenüber dem Bedeutungssystem und den Verweisungszusammenhängen, -verästelungen und den Rhythmen in in Böhmers Gedichten. Wer sich diesem Strom nicht ausliefern mag, wird in merkwürdige Lesesituationen kommen. / Hans-Jürgen Linke, FR
Paulus Böhmer: Am Meer. An Land. Bei mir. Verlag Peter Engstler, Ostheim/ Rhön, 148 Seiten, 29 Euro. Paulus Böhmer liest zusammen mit Peter Heusch am Dienstag, 14. September, 20.30 in der Frankfurter Romanfabrik.
Mark Linenthal starb am Sonnabend nach langer Krankheit in San Francisco im Alter von 88 Jahren. „Er war liberal. Er war gut. Er besaß eine große Ausstrahlung“, sagte Beat-Poet Michael McClure.
Er wurde 1921 in Boston geboren. Er studierte an der Harvard-Universität, wo er sich mit Norman Mailer anfreundete. Im 2. Weltkrieg wurde er beim ersten Flug über Deutschland abgeschossen und kam in ein Internierungslager, das bei Kriegsende von sowjetischen Truppen befreit wurde. 1954 kam er an die San Francisco State University, deren Lyrikzentrum er 1966 bis 1972 leitete. Es waren die Jahre der Studentenunruhen. Er setzte sich für die Rechte der Studenten ein und hatte großen Einfluß auf junge Menschen. Beim Obszönitätsprozeß gegen Allen Ginsberg wegen „Howl“ verteidigte er Ginsbergs Gedicht. „Er sagte immer, „Howl“ habe die Vorstellungen von einem Gedicht verändert“, sagt sein Sohn Peter Linenthal. / San Francisco Chronicle
«Fliegen summten in den stillen, niedrigen Stuben», heisst es einmal in einem Gedicht von Jürgen Becker, schon dehnt sich der Augenblick aus, und es beginnt eine «lange Reise, hin und her / zwischen den Flügeln des Einst und Nochnicht». / NZZ 9.9.
«Das Leben ist kein Roman», schreibt Einzinger in «Ein Messer aus Odessa». Also ist es ein Gedicht! Wenn aber das Leben schon ein Gedicht ist, wozu dann noch Gedichte schreiben? Noch radikaler als im Roman beschränkt Einzinger in der Lyrik seine Rolle als Autor auf das blosse Anordnen des Ungeordneten. Seine Gedichte gleichen mittelalterlichen Gemälden, auf denen die Dinge ohne Raumperspektive bloss auf einer Fläche verteilt sind. Einzingers Lyrik ist nicht «minimal art», aber sie kommt mit wenig lyrischem Aufwand aus. Sie ist auch nicht «trash», aber die monoton geformten Strophen gleichen doch Halden, auf denen sich ansammelt, was abfällt vom Brauchbaren und Mitteilenswerten. Nur ist vielleicht dieser «Schutt, den die Tage anhäufen» (so eine Gedichtüberschreibung), schon wieder neues Baumaterial. … Seine lyrische Kunst ist die Kunst, die Dinge ungereimt und ungedeutet zu lassen. Alles steht für alles – und also nichts für nichts: «Friede den Schachteln & dem Entengemüse!» / Samuel Moser, NZZ 11.9.
Erwin Einzinger: Ein Messer aus Odessa. Gedichte. Verlag Jung und Jung, Salzburg 2009. 142 S., Fr. 33.50. Erwin Einzinger: Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach. Roman. Jung und Jung, Salzburg 2010. 471 S., Fr. 36.50.
Das „Aktuelle Forum“ hat es wieder einmal geschafft: Zum Programmstart des zweiten Halbjahres war mit Reiner Kunze ein Schwergewicht der deutschen Nachkriegsliteratur zu Gast im Rinkeroder Pfarrzentrum. Über 100 Zuhörer waren gekommen, um von dem Schriftsteller etwas zum Thema „Instandsetzung des Morgens – Tagebuchnotizen und Gedichte aus 40 Jahren“ zu hören. / Ahlener Zeitung
Jani Oswald versteht es gekonnt, Profanes und scheinbar Erhabenes durch hintergründige Wortspiele bloßzustellen. So werden zum Beispiel Kärntner Volksliedtexte aufgegriffen, resolut umgekrempelt und auf diese Weise in einen anderen inhaltlichen Kontext gestellt. Lieder wie „Is schon still um den See“ oder „Dort wo Tirol an Salzburg grenzt“ gewinnen bei Jani Oswald unerwartete neue Aspekte. Und typisch für Jani Oswalds poetisches Universum ist auch das Wechseln vom Deutschen ins Slowenische und wieder zurück. / ORF
„Andante Mizzi. Gedichte auf Deutsch und Slowenisch“. Von Jani Oswald (Drava Verlag).
93 explizit politische Gedichte 1993-2008 als kostenlose PDF-Publikation online!
„Zu Zeiten der SocialBeat-Bewegung brauchte man weder die politische Frage (man hatte seinen Brinkmann) noch die spirituelle (man hatte seinen Ginsberg) zu stellen: man war SOWIESO voller Wut UND Visionen.“
Neuropolitik Teil II: „Sind die Monster zahm geworden?“ (19.12.2009, Ticker 124):
„Um diesen ‚Standard‘ aufrechtzuerhalten, sind die meisten von uns bereit, ein Leben hinzunehmen, das vorwiegend darin besteht, mit langweiligen Betätigungen genügend Mittel zu erwerben, um in der Zwischenzeit hektischen und teuren Vergnügen nachzugehen, die vorübergehende Erleichterung der Langeweile mit sich bringen. Diese Unterbrechungen hält man für das richtige Leben, für den eigentlichen Zweck, dem das notwendige Übel der Arbeit dient.“
Alan Watts, in: Weisheit des ungesicherten Lebens (1951)
„Das Düsseldorfer Dichtermonster – meist steigert er sich in einem rauschhaften Zustand: Der Bewußtseinspionier möchte mit seiner Kunst jede Art von Religion überwinden.“
Die FAZ am 9.9.1997 (FAZ Nr.209, S.57) über De Toys (www.poemie.net)
„was soll ich schon schreiben / über Bukarest / das stinkt und lärmt / und staubt die schuhe / (…) / das irdische institut / für gefahrenbekämpfung / ist deine totale anwesenheit / ein programmatisches gedicht / natürlich / wie alle / (…) / wer will schon / auf bessere tage / WARTEN / kommunismus & kapitalismus / sind beide dasselbe / angstverwaltungsprinzip / nachts bellen hunde / katzen keifen / straßen werden abgespritzt / taxis quietschen / ein überflüssiger palast / tausende pferdekarren / auf dem land / drumherum (…)“
Tom de Toys, in: „HIMMLISCHER HORROR“ (14.9.1994), jetzt dank PDF online!
G&GN-INSTITUT B-NEUKÖLLE 10.9.2010 / Und ja doch: trotz seiner transdualistischen Lochismuß-Poetologie der „sowohl-als-auch“ engagierten UND esoterischen Schreibmotiv(ation)en innerhalb desselben Textes GIBT ES durchaus „explizit politisch“ zu bezeichnende Gedichte von Tom de Toys!!! Bereits 1991 machte sich der Dichter einen politischen Reim auf den Golfkrieg (teilweise in seiner bis heute einzigen ISBN-Publikation „JeDaZeitBereit“ nachzulesen: Claus Richter Verlag, Köln 1993), aber erst am 8.8.1993 entstand auf dem 1.SocialBeat-Festival im Berliner „Pfefferberg“ sein Gedicht „EGOLITS (GEDICHT OHNE INHALT)“ mit den betriebsskeptischen Zeilen:
„und wieder schlagen sich / die künstler ihre köpfe ein / und wollen alle wichtig sein / so wichtig daß kein andrer zählt / der inhalt wird egal / wenns publikum dich auserwählt / (…) / oh macht dem künstler / der sich zu gebärden weiß / behauptet seiner sei der beste scheiß / (…) / TÖTET DIE FREIHEIT / TÖTET DIE KUNST / DANN SEID IHR BEREIT / FÜR DEN BÜHNENDUNST / TÖTET DIE FREIHEIT / TÖTET DIE KUNST / DAMIT IHR VERBLÖDET / IN ZUSCHAUERGUNST / (…) / ach wie gut daß keiner weiß / daß ich nur dichter aus verarschung heiß / sonst hätten sie mich längst gefeuert / fänden mich erstrecht bescheuert / doch mein ernster blick genügt / und die versammlung bleibt vergnügt (…)“
…die den Auftakt bilden zu seinem 93 „Kritische Gedichte von Köln bis Neukölln“ aus den Jahren 1993 bis 2008 umfassenden Gedichtband „WARUM HAST DU NICHT ZUR ANDEREN SEITE GESCHAUT?“ (als spiralgebundenes Copy-Art-Machwerk auf komplett blutrotem Papier), dessen Titel keineswegs mystisch gemeint ist sondern als heimlicher Vorwurf an Rolf Dieter Brinkmann, der bekanntermaßen auf dem Höhepunkt seiner Karriere bei einem Autounfall in London ums Leben kam. Nachdem nun endlich das letzte Exemplar der streng limitierten Sonderedition von 93 Stück (im G&GN-Verlag 2008) ohne jegliche Werbemaßnahmen verkauft wurde (es war in keinem einzigen Buchladen erhältlich sondern wurde ausschließlich vom Autor persönlich auf dessen Live-Literatur-Events angeboten, und auch das nur auf Anfrage!), entschied sich der Verlag, die Compilation zu Forschungszwecken als PDF zum kostenlosen Download im Internet freizugeben! Ausschlaggebend dafür ist die laufende Diskussion unter Jungautoren in der Lyrikzeitung über die Notwendigkeit eines Revivals „Politischer Lyrik“ und der Schwierigkeit einer begrifflichen Definition dieses speziellen Sektors. De Toys zählt laut Dr. Johannes Ullmaier (in: „Von Acid nach Adlon und zurück“, 2001) zu den „eigenweltlerischen“ wahren Popdichtern im ursprünglichen Wortsinne – im Gegensatz zu den sogenannten „Popper“-Literaten seit dem KiWi-Blöff rund um Stuckrad-Barre. Und Dr. Enno Stahl (vom Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut) bemerkte 2007 über ihn:
„Autoren wie (…) Tom de Toys u.v.m. haben mit ihren Texten, Kleinstpublikationen und Veranstaltungsreihen der literarischen Szenerie ihren Stempel aufgedrückt.“ (in der Broschüre zum Projekt ‚POP AM RHEIN‘)
Den DRUCK eines solchen Stempels spürt allerdings prinzipiell NUR der geneigte Leser, denn nur insofern es überhaupt eine Leserschaft gibt, können Gedichte ihre Kraft individuell entfalten. In der Schublade bleiben sie tickende Zeitbomben ohne Zünder. Auch ein Gedicht wie ‚Howl‘ von Allen Ginsberg konnte damals nur jene Zeitgenossen konkret seelisch/sozial beeinflussen, die es tatsächlich lasen – der Rest ist nichts weiter als aufgeblasenes Medienspektakel, wie es auch heute noch praktiziert wird, um Bedeutung und Einfluß zu suggerieren: mediale Massenhypnose zur institutionellen Statussicherung, um den geheimen gruseligen LEERLAUF kritisch-engagierter Dichtung geschickt zu verschleiern! Daher liegt der Verdacht nahe, daß sich politisch motivierte Stubenlyriker schon bald wieder zu öffentlichen Skandalperformern entwickeln und sogar „etablierte“ Preisträger dem ekelerregenden Betrieb entweder entsagen oder ihn zumindest für politische Zwecke instrumentalisieren, bis sie von den Betriebsverwaltern selber als image-gefährdend ABGESTEMPELT und wieder abgestoßen werden: stillschweigend durch schleichende Ignoranz totgeschwiegen nach nur zehn Jahren wie Minuten Superruhm. Wir wissen alle, wie schnell und gut das funktioniert mit nur einem Fehltritt ins Trendtabu. Passend dazu das *Gedicht „INFLATION“ (vom 26.12.1993) aus der Publikation. Der „kritische“ Auszug* daraus:
„und wieder ein gedicht / und wieder ein gedicht / und deinen lieben gott / den gibt es nicht / und wieder ein gedicht / und wieder ein gedicht / und deine seele kannst du / lange suchen / (…) ach lang ists her / und immer dasselbe / künstler hatten wir genug / gegen das schwarzrotgelbe / (…) / die kunst ist nicht tot / nein die kunst gabs noch nie / meine arbeit ist getan / ich kann mich besaufen / die kunst als unnützer scherz / lernt nie wirklich laufen / schön darf sie sein / dann will sie jeder kaufen / (…) / hier wie überall / verläuft alles im sand / und der sand im getriebe / wird gut geschmiert / oder im museum gehäuft / der alltag gewinnt / der künstler verliert / statt liebe nur hiebe / und über diese welt / kann jeder fluchen / aber sich verpissen / das kann letztlich keiner / denn der himmel ist nicht blau / und engel nicht weiß / ich schreibe ein gedicht / über diesen affenscheiß / (…) / mein mund ist schon lange / ein scheiterhaufen / und trotzdem sieht keiner / in den bildern den schmerz / ich sage dir heute / wie gestern spiel mit / oder flieh (…)“
Weitere Titel-Beispiele aus dem PDF, die neugierig machen sollen, lauten:
„WEDER FASCHIST NOCH CHRIST“, „ABRECHNUNG“, „SKANDAL“, „ÜBERSCHREI (AN DIE NEUE REGIERUNG)“, „ÜBERSPIELZEIT (SOCIAL BEAST SATIRE)“, „ÜBER-B-WERTUNG (PRÄDIKAT: ‚SLAMTAUGLICH‘)“, „1TRAG IM KÜRSCHNERS ZUR LEB(KUCHEN)ZEIT“, „MAINSTREAM“, „MINDESTLOHN“, „ÜBERSPRUNG (ZUR RE:POLiTiSiERUNG DES POETRY-SLAMS)“, „Das ‚FERLINGHETTO+GOMRING‘-Syndrom (DES(S)ERT(EUR): Kaltschale mit Zombiß & Zebraß)“, „KOSMOS & KONSUM (Plädoyer für ein neues Schulfach: ‚Allgemeine Sehnsucht‘ statt Religion)“, „TiEFENdAdA-BEiCHTE (ZUR ÜBERWINDUNG DER URSCHIZOPHRENIE)“, „KEIN BIßCHEN BERLINER (HYSTER!SCHE POPLiTERATUR IV)“, „ECHT(POP-U)TOPIE (DIE NEUE ÜBE[REMPFIND]L[ICH]KEIT)“ und als Antiprosa-Bonustrack „ÜBERSKANDAL (LITERAtürSPRECHANLAgenMANIPULATION)“.
Der Literaturbetrieb gleitet zwar reibungslos über seinen selbsterfundenen windstillen Ozean, allerdings ohne zu ahnen, daß eine sprechende Riesenqualle (bestehend aus genervten & gelangweilten Autoren aller Richtungen und Generationen) direkt unter ihm mit nur einer einzigen kleinen Zuckung AUFTAUCHEN könnte… Bis dahin empfehlen wir den kostenlosen Download der „anderen Seite der anderen Seite“ unter folgendem Hyperlink, solange der punapau-Server noch existiert:
(Dieser PDF-Link ist derzeit auch erreichbar als L&Poe-Doku (berichtigte Version): 93 Kritische Gedichte von Tom de Toys 1993-2008
Gerüchten zufolge soll nämlich das Portal „Künstlernetz Neukölln“ bereits nächstes Jahr KOMPLETT GELÖSCHT werden (die zuständige Galerie Schillerpalais versäumte es zwei Jahre lang, das ambitionierte Online-Projekt adäquat zu betreuen, nachdem De Toys seinen Job als Redakteur gekündigt hatte, um eine Ausbildung zum Kunsttherapeut zu beginnen), wodurch die gesamte 6-jährige Arbeit von Tom de Toys seit 2004 an seinem interdisziplinärem Ringsystem (untereinander vernetzte Werke/Dokus in den Sparten Literatur, Fotografie, Malerei, Performance, Sonstiges und Events) irreversibel vernichtet würde! Bei http://www.NewCologneART.de beginnt die Präsentation… Wer eine Idee hat, wie sich die ganze Präsentation retten ließe, möge sich bitte schnellstmöglich beim G&GN-Institut melden, gerne auch in Form eines Kommentars unter dieser Tickermeldung 🙂
* „INFLATION“ ALS ORIGINAL-HÖRVERSION VON 1998 (IN BESTER STUDIO-QUALITÄT!) AUF MYSPACE UNTER http://www.NEUROLYRIK.de => vom Autor expressionistisch gebrüllt für seine Band „Das Rilke Radikal“ (DR2), die mit zwischenzeitlichen Unterbrechungen von 1996-2009 bestand und erst vor wenigen Tagen endgültig aufgelöst wurde anstatt am 10.9.2010 zu konzertieren!!!
Warum aber bewegt gerade die bayerische Lyrik die Menschen in diesem Maß?
Anton G. Leitner erklärt und zeigt es:
Spricht man mit Anton Leitner, packt den Lyriker schnell seine Leidenschaft. „Ich habe mir Vielseitigkeit erhofft, aber meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen“, erzählt der examinierte Jurist begeistert und erklärt, wie bayerische Lyrik sein kann: erotisch, moralisch, unterhaltend. „Vor allem aber ist sie deftig und derb“, sagt Leitner – so wie der Freistaat. / Südwestpresse
Anton G. Leitner (Hg.): Ois is easy. Gedichte aus Bayern.
Verlag Sankt Michaelsbund, München. 200 S., 14.90 Euro.
roughblog meldet:
Ulf Stolterfoht, Herausgeber von Cowboy-roughbook 003 und Beiträger bei der Dt.-Dt. Übersetzungswerkstatt (roughbook 007), ist in den Widerstand gegangen. Wir empfehlen sein Blog: http://kleineaxt.wordpress.com/
Über den Neubau der Synagoge in Mainz berichtet die Süddeutsche Zeitung vom 7.7.:
Der bis zu 27 Meter hohe honigfarbene Raum ist mit einem mosaikartigen Stuckrelief aus dicht gedrängten hebräischen Buchstaben geschmückt. Nur selten lichtet sich der Zwischenraum, und religiöse Dichtungen, die im Mittelalter in Mainz entstanden sind und vom ersten Kreuzzug erzählen, werden lesbar.
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