by vectorkuemel
Linus Westheuser und Tristan Marquardt „Gedichte“
„wir werden mit konfetti / in die löcher schießen. wir werden das konfetti aufsammeln / und wieder in die löcher schießen.“
Linus Westheuser und Tristan Marquardt benutzen „die waffen von / uhrmachern“, filigrane Geräte, um den „bestand“, das „inventar“ neu zu verzahnen, ein „feinschliff am lebenden objekt“. Seltene Dinge erwachen da zum Leben, „ein krimidialog, / der sich stelzen anschnürt und in allen zimmern den / boden zerkratzt. große, unsichere schritte, eine witterung, die / die wände raufstieg,“, seltene Landschaften, „dass man dalag wie berge / von fröschen in einem langen beet, und hörte, was kaum jemand / mitbekam: striche, wie das schilf sich in landkarten schlich.“. Von menschlichen Bewegungen, Intentionen, Motivationen nur Spuren: „du fühltest am blinklicht den puls. / später am himmel die fingerabdrücke, flugspuren ohne pendant.“ / open mike
Arne Vogelgesang “Gedichte”
Jugendsommer und Abschiede, “käfergeschwader” und “schneeschatten über der firstlinie”, “gegensonne, kühles”. Arne Vogelgesang schiebt virtuos Doppelsinn ineinander, gerne auch augenzwinkernd: “wohin / flöhe der verdacht, / dieses jucken des alten / jahrs”. Dichotomien infizieren einander, der “spiegel” verflüssigt durch die benachbarten Verben “abtaun” und “einschmelzen”.
“schon deine haut ist bestimmt nicht / meine, die ich so gern berühr. ihr schmelz, / ja: schön ist der schnee zwischen vögeln / und schatten”
mehr im open mike blog
Martin Piekar “Gedichte”*
by vectorkuemel
Es wird Zappenduster. Der Zyklus „Bastard“ ist eine Reise durch vom Teilwahnsinn zermürbte Tunnel und Träume, der man tastend folgt, vorsichtig, aus Angst, man könne sich wehtun:
„Ich fühle mich so Bastard, wenn ich träume. / Nur Tunnelschachttage. Und nachts sind / meine Fantasien ans Hirninterieur genagelt.“
Ein „Ich“ in unerbitterliche Auseinandersetzung mit dem, was nur „schattig“ erahnt wird, „Lichtschalter in die Vergangenheit / etwas zwischen Traumarchiv und / Erinnerung …“, eine unterschwellige Bedrohung, die in Worte gebannt werden muss… / mehr im open mike blog
*) warum eigentlich Anführungsstriche? 😉
Die Laudatio auf Elke Erb, die diesjährige Empfängerin des Roswitha-Preises der Stadt Bad Gandersheim, hielt Olga Martinova. Erbs Gedichte gelten als kompliziert, sagte die Vorjahres-Preisträgerin.
Das liege aber nur daran, dass der Leser der grundsätzlichen Einfachheit der Texte nicht vertraue. Die charmante, schlagfertige und humorvolle Preisträgerin dankte natürlich für die Ehrung, aber auch dafür, dass die Verleihung sie veranlasst habe, sich mit der Namensgeberin des Preises zu beschäftigen. Sie befasste sich in ihrer Dankesrede daher ausführlich mit den Texten von Hrotsvit von Gandersheim und mit ihrer Art zu schreiben. / Hessische/Niedersächsische Allgemeine
Im April wurden wir überrascht von einem buchstäblich „grässlichen“ Gedicht. Günter Grass hatte die Welt mit einem Gedicht beschenkt. Nun, das Gedicht war eigentlich ein Gedicht, das gar keins war, ein „Schein-Gedicht“, es war mehr ein Etikettenschwindel von vermeintlicher Lyrik, in der Erwartung eventuell, es so – gleichsam angetan mit der „Kultur-Kapuze“- von Kritik immunisieren zu können. Das wäre jedenfalls gründlich daneben gegangen. Und: zu Recht. Denn Günter Grass redete Blech und trommelte falsch.
Es war ein Dokument von Hass und Hetze gegen den jüdischen Staat, ein Versatzstück voller Verdrehungen und Verbogenheiten. Zugleich verharmloste es das brutale Mullah-Regime in Teheran auf geradezu groteske Weise. Mit am unerträglichsten aber war: Israel wurde hier ganz wissentlich sozusagen „aussortiert“, singularisiert, gebrandmarkt als alleiniger Haupt-Störenfried der ganzen Welt. Das Schlimme aber ist, dass es eine solche Stimmung im Land auch wirklich gibt. Ohne Israel, so wird hier munkelnd, flüsternd und raunend transportiert, ginge es uns doch allen so viel besser. „Israel ist unser Unglück“, so hätte der Text daher auch betitelt sein können. Grass kennt diese tuschelnde Stimmung, er gab ihr seine gewichtige Stimme, er biederte sich ihr an, er bediente sie und bestärkte und befeuerte sie so.
(…)
Positiv anzumerken aber ist, dass praktisch alle Zeitungen diese „literarische Todsünde“, wie es Wolf Biermann beschrieb, verdammten. Es war eine wahre Glanzleistung der deutschen Presse, die mit all ihren Differenzierungen, gemeinsam den richtigen Instinkt hatte. Der Dichter freilich war verstimmt. Und klagte, die Presse im Land sei „gleichgeschaltet“. Dabei war hier nicht die Presse gleichgeschaltet. Vielmehr war nur der Autor einfach falsch gewickelt und verhedderte sich selbstgerecht immer mehr in seinem Gestrüpp der Verdrehungen und Verirrungen.
Und im Herbst legte Grass sogar nochmals nach. „Noch’n Nicht-Gedicht“ und zeigte uns allen, dass seine Israel-Obsessionen keineswegs „Eintagsfliegen“ sind, sondern leider chronisch. / Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, in der Frankfurter Paulskirche (FR)
open mike
WER LIEST WANN?
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Pause von 13:45 – 14:15
2. Block, 14:15 – 15:30
Ab 15:30, Entscheidungsfindung der Jury
ca. 16:45 Preisverleihung
Elena Philipp bloggt über Yevgeniy Breyger:
Yevgeniy Breyger “Gedichte”
Es wassert und wuchert, scheuert und schuppt, früchtet und flickt: Üppig bestückt Yevgeij Breyger seine See- und Angelstücke mit verbalen Bildern.
“ehemals standsicher
eine böschung, kaum vorzustellen: / geflutet, eignet sich vorzüglich / zum sammeln von schwemmgut, / kriecht das aus allen ecken. / ich erforsche täglich die küste, / ein breitgelegenes wirrsal, / gebe etlichem einen begriff. / neulich habe ich eine lilie / zum kompass gefaltet, fortan / trage ich ihn kühn vor mir her.”
Gelegentlich dunkle Bilder tauchen auf, etwa das “gekerbte projektil”*. Angler- und Fischereiwortschatz wellt auf und ab. Die Texte scheinen über den Zyklus hinweg zu korrespondieren: Steht in einem Gedicht eine “obstschale / reif gefüllt”, finden sich im nächsten “früchte allerlei”; “algen” werden als “rhodophyta” botanisch präzisiert. Der Eindruck: genau komponiert.
Über Sascha Kokot:
Kalt ist die Welt dieser Gedichte. Menschen am Rand der Zivilisation: Sie asphaltieren, was die Tektonik über den Winter wieder zerklüften wird, warten auf den Wetterumschwung, zur Untätigkeit verdammt, sprengen tief im Bauch der Berge und wandeln auf Routen, die der Körper noch kennt, deren Sinn und Ziel der Verstand aber nicht mehr begreift. Ein “du” entrümpelt und räumt sich leer, ein anderes oder dasselbe “du” erfährt den Riss zwischen Ich und Welt:
“ irgendwann greift es dir / fest in den eigenen Körper / trennt dich ab / bis du fremd vor dem stehst / was dir lange Rückhalt war / du hilflos darin plündern gehst / aber nicht erkennst wie alles / zusammenzusetzen ist / was dir verschütt ging”
Multiple Kältetode, nur gelegentlich ein Wärmeschub. Atmosphärisch zwischen Roland Emmerich und Derek Walcott (“Things do not explode / They fail, they fade.”). Spröde, vielschichtig, schön.
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Solches „embedded“ Blogging gefällt mir, weil es a) überhaupt Informationen und b) konkretere als feuilletonüblich liefert. Mal sehn was noch kommt.
* ein gekerbtes projektil ist ein projektil mit kerben. wie dunkel es ist, hängt vmtl. vom material ab. m.g.
Widersprechen macht vielleicht mehr Spaß als Loben. Und manchmal ist es Pflicht. Ich pieke noch einen Satz aus dem Zeit-Artikel über Eva Hesses Pound-Übersetzungen heraus, diesmal also widersprechend:
Sie ist die einzige Vermittlerin Pounds in deutscher Sprache.
Nana. Einzigartig, darauf hätten wir uns einigen können. Aber diese Absolutheiten – größt, bedeutendst, wichtigst, einzig(st) pp – sind meist falsch. Manchmal bösartig, oft dumm.
Sehen wir davon ab, daß Verleger, Herausgeber, Essayisten, Wissenschaftler, Lehrer auch Vermittler sind (am Literaturinstitut, als es noch nach Johannes R. Becher hieß, sprach der Dichter Georg Maurer kundig über Pound und vermittelte ihn so an junge Dichter, und Leser – für mich wahrscheinlich die erste Spur, die mich neugierig machte, meine Lehrer, auch an der Uni, haben sich da nicht hervorgetan).
Aber solch ein knallig abschließender Satz gehört abgewatscht, weil er aus Unkenntnis, Fahrlässigkeit, Ignoranz, was weiß ich, einen für Deutschland frühen Vermittler unterschlägt. Verschweigen, Spuren verwischen, eine unselige Bürgertugend. Der Dichter Rainer Maria Gerhardt gab Anfang der 50er Jahre „Fragmente. Blätter für Freunde“ heraus. In den Heften 1, 2 und 6 erschienen Poundübersetzungen von Renate und Rainer M. Gerhardt. Gerhardt übersetzte und publizierte auch „das testament des confucius“ nach Ezra Pounds englischer Fassung. In der viele Jahrzehnte nach Gerhardts Selbstmord 2007 erschienenen Ausgabe des Gesamtwerks (bei Wunderhorn) kann man das und mehr genau nachlesen. Aber wozu lesen wenn man schreiben kann?
Die schönsten Sätze in dieser lobenden Rezension Jochen Kelters zu Thilo Krauses Gedichtband (WoZ vom 8.11.) stammen von Thilo Krause. Gäbe es nicht die verdammten Konventionen, vielleicht wäre es besser, wenn einem nichts Gescheites einfällt, schöne Sätze aus dem zu lobenden Buch für sich selbst sprechen zu lassen. Ich schreibe mal alle Zitate aus der Rezension ab:
„Kühe blicken uns an, unter Wimpern hervor / dicht wie das Dunkel in den Hecken entlang der Weide / dicht wie das Geschwätz der Vögel / zwischen Brombeeren und Farn.“ – „Die ganze Kompanie auf Halt / mit Bierdosen an Plastiktischen / aus der Ferne wie Terracottafiguren / bröckelnde Gestalten, schartig, aufrecht / sind sie diesem Ort hier beigegeben.“ – „Ein fröhlicher Zug Versprengter / mit Worten lose in den Taschen / und Händen klein wie Schlüssel / für die Türen und später fürs Reden.“
Ist doch ne schöne Rezension. Danke, Jochen Kelter!
Thilo Krause
Und das ist alles genug. Gedichte
Reihe Neue Lyrik – Band 3
Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
Hrsg. von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner
poetenladen Verlag 2012
88 Seiten | Euro 16.80
Neugierige können hierunter Weiterlesen
Sattar Beheshti, der 35jährige iranische Blogger und Facebook-Aktivist, der nach seiner Verhaftung im Polizeigewahrsam starb, ist in seiner Heimatstadt Rabat Karim beigesetzt worden.
Oppositionelle Webseiten hatten berichtet, dass Beheshti im Verhör zu Tode gefoltert wurde.
(…)
Beheshti war am 30. Oktober von der iranischen Cyber-Polizei in seiner Wohnung verhaftet worden. Ihm wurde “Gefährdung der nationalen Sicherheit auf sozialen Netzwerkseiten und Facebook” vorgeworfen.
(…)
Bei dieser von der iranischen Polizei angewandten Form der Folter werden die Gefangenen mit verbundenen Händen wie ein Huhn an der Decke aufgehängt.
“Reporter ohne Grenzen” hat die iranischen Behörden aufgefordert, die genauen Umstände von Beheshtis Tod aufzuklären.
“Die Regierung in Teheran ist ein ungeheuerliches Beispiel für den Triumph der Straflosigkeit”, so die Presseorganisation. “Bislang ist kein einziger Verantwortlicher für die Todesfälle unter Journalisten oder Netizens im Gefängnis vor Gericht gestellt worden.”
Ein schöner Satz über das Studieren in einem Artikel über Pound (es geht um Eva Hesse)
Seine Übersetzerin hatte gerade ihr Literaturstudium abgebrochen, um sich mit der neuesten englischsprachigen Literatur zu beschäftigen.
Der französisch-schweizer Lyriker und Romanautor Michel Waldberg starb am 4.11. im Alter von 74 Jahren. Er begann als Fotograf, in den 70er Jahren wandte er sich der Literatur zu. Sufismus und Hinduismus und das Werk Baudelaires, Bretons und Mallarmés beeinflußten ihn. / Marie Pichereau
Ms. Davis präsentiert in diesem Monat den indischen Klassiker PYAASA (1957) von Guru Dutt, der 39-jährig an einer Überdosis Schlaftabletten starb. In seinem Werk versuchte er, das kommerzielle Bollywood-Kino als sozialkritisches Sprachrohr zu nutzen und gleichzeitig ästhetisch herauszufordern. Im Mittelpunkt des Films steht ein erfolgloser Dichter, der nicht einmal innerhalb der eigenen Familie Anerkennung findet. Aufgrund einer Verwechslung wird er für tot erklärt. „Posthum“ wird sein Werk plötzlich als Erfolg gefeiert, während man ihn unerkannt in eine Nervenheilanstalt einweist. (11.11.) / Arsenal Berlin
Wie erst jetzt bekannt wird, ist der Schriftsteller und Übersetzer Lothar Klünner am 19.10. gestorben. Nur Wikipedia weiß es schon. Eine Pressemeldung habe ich bisher nicht gefunden. Vor kurzem konnten wir ihn noch als streitbaren und gewandten Sonnettisten in der Anthologie Hieb- und stichfest. Streitsonette (Reinecke & Voß, 2012) lesen. Offenbar die letzte Veröffentlichung, die er noch in Händen hielt.
Berliner Surrealismus ist ein Terminus aus der Kunstszene. Manche wenden ihn auf eine Reihe jüngerer Autoren an, die nach dem Krieg in Berlin surrealistisch inspiriert waren. Nach Johannes Hübner (1921-1977) und Richard Anders (1928-2012) ist nun mit ihm ein weiterer Autor dieser Generation abgetreten.
Wikipedia schreibt:
Lothar Klünner (* 3. April 1922 in Berlin; † 19. Oktober 2012 ebenda, alias Leo Kettler (als Schüttelreimer und als Verfasser anderer Schöpfungen der leichten Muse und seiner journalistischen Arbeiten) war ein deutscher Schriftsteller und Übersetzer literarischer Texte aus dem Französischen.
Lothar Klünner studierte Theologie, später Kunstgeschichte in Tübingen und Berlin. Schon in frühster Jugend schrieb er Gedichte. Seit 1946 übersetzte er v.a.René Char, Paul Éluard, Guillaume Apollinaire, Iwan Goll. Viele Übersetzungen entstehen in Zusammenarbeit mit dem Dichter Johannes Hübner.
Von 1948 bis 1949 war er Mitarbeiter an der Kulturzeitschrift „Athena“. Seine ersten Gedichten und Prosastücke wurden in der von K.O. Goetz herausgegebenen Kunst- und Literaturzeitschrift „Meta“ veröffentlicht. Seit 1949 war er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin tätig, wo er bis heute lebt. Lothar Klünner arbeitete 1949 bis 1950 an den ersten Berliner Nachkriegskabaretts der „Badewanne“ in der „Femina Bar“ mit („Badewanne“, „Rationsstrich“ und „Quallenpeitsche“). Bei einem Aufenthalt in Frankreich begegnete er 1951 René Char, mit dem er über Jahrzehnte freundschaftlich verbunden blieb. Seit 1955 verdiente er seinen Lebensunterhalt vor allem als Autor für den Rundfunk, vor allem für RIAS Berlin und SFB, für die er etwa 1000 kleine und große Rundfunksendungen produzierte. Nach einem ersten eigenen Gedichtband („Gläserne Ufer“, 1957) folgte die Mitherausgeberschaft des Jahrbuchs „Speichen“ (1968-1971), das in der Öffentlichkeit allerdings kaum wahrgenommen wurde. Nach dem Tod seines Freundes Johannes Hübner gab Klünner den Johannes Hübner-Gedenkband „Im Spiegel“ und mehrere postume Ausgaben der Gedichte Hübners heraus. Die von Johannes Hübner begründete „Jeanne-Mammen-Gesellschaft“[1] verdankt ihren Erfolg auch der Mitarbeit von Lothar Klünner.
Spätere Gedichtveröffentlichungen: „Wagnis und Passion“, Pfullingen: 1960; „Windbrüche“, Berlin: 1976; „Gegenspur“, Berlin: 1977; „Befragte Lichtungen“, Waldbrunn: 1985; „Die Rattenleier“. Schüttelreime, Berlin, Aphaia: 1989.
Lothar Klünner gehörte zu den wenigen deutschsprachigen Autoren, die sich bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs an der Literatur der internationalen Moderne, insbesondere der französischsprachigen Literatur orientierten und die Erfahrungen des Surrealismus verarbeitet haben. Als Nachdichter und Übersetzer hatte er großen Anteil an der Verbreitung der Texte des Surrealismus im deutschsprachigen Raum. Zum „literarischen Establishment“ bewahrte Klünner Distanz.
(Ists auch nicht Lyrik)
Was die Vermittlung von Neuer Musik angeht, konnten wir Gymnasiasten der 60-er Jahre überhaupt nichts erwarten. Entweder fiel der Unterricht fast die ganzen Jahre weg oder, wenn wir dann zwischendurch einmal Musikunterricht bekommen hatten, haben wir Lehrer vorgesetzt bekommen, die im Dritten Reich ausgebildet wurden und, was die avancierte Musik des 20. Jahr-hunderts angeht, von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten. Meine schulischen Erlebnisse waren hauptsächlich geprägt von Singen, z. B. ‚Wenn die bunten Fahnen wehen‘ oder weiterer einschlägiger ‚Volkslieder‘, oder von ‚biographischen‘ Geschichten wie die des „armen verwilderten und verdreckten Beethoven, der einfach keine Frau finden konnte“ (so der Originalton unseres Musiklehrers, einem ehemaligen Kompositionsschüler von Hans Pfitzner und verkrachtem Genie, dessen Werkliste sich damals bereits schon in den Achttausendern bewegte [… und Simon Sechter lässt grüßen!]). Später in den 70ern habe ich dann einen Schulmusiker kennen gelernt, der, wenn er den Dux einer Fuge meinte, immerfort vom „Duce“ gesprochen hat. Ich stellte ihn zur Rede, woraufhin er treuherzig fragte: „Ist das so schlimm?“- und ganze Schülergenerationen haben’s so von ihm gelernt! / Der Komponist Walther Erbacher
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