42. KlassikAkzente

Im Alter von 37 Jahren, in der Mitte des Lebens, wird Friedrich Hölderlin 1807 als unheilbar geisteskrank aus einem Tübinger Klinikum entlassen und in die Obhut eines ortsansässigen Tischlermeisters gegeben. / mehr

41. „Ich kapitalisiere mit“

Die Saarbrücker Zeitung sprach mit Nora Gomringer:

Gute Romane reflektieren gesellschaftliche Umstände auf sehr direkte Weise. Vielleicht sind sie daher beliebter als Lyrik. Was kann ein Gedicht bewirken, was andere literarische Formen nicht können?

Gomringer: Sich kurz fassen. Ehrlich, ich lese nicht gerne Romane. Wie die Malerei von der Fotografie „überholt“ wurde, muss sich die prosaische Literatur ständig vom Film überholen lassen. Noch warte ich auf „neue“ Romane, wie längst „neue“ Bilder gefunden wurden. Ich wundere mich, dass gute, formal interessante, innovative Romane so selten sind.

Gibt es Sie denn?*

Gomringer: Haruki Murakami und Roberto Bolaño können das. Stark ist, dass sie eigentlich an uralte Romantraditionen oder besser Langgedichtversionen anschließen. Ein Gedicht ist eine Erfindung, die aus Erfindungen besteht. Der Roman ist eine Selbstfindung. Das interessiert mich nicht so sehr.

(…)

Ich bin – wie Sie – 1980 geboren. Nach meinem Eindruck gehören wir einer sehr verunsicherten Generation an, die mit der Kapitalisierung aller Facetten des Lebens zu kämpfen hat. Wie gehen Sie als Dichterin damit um?

Gomringer: Ich kapitalisiere mit. Irgendwie. Ich finde es fast schelmisch reizvoll zu sehen, wie weit ich aus der Lyrik und von ihr leben kann. Aber es stimmt natürlich. Verunsichert sind wir und auch irgendwie zu vorsichtig dadurch. Es hat mir geholfen, in den USA gelebt zu haben, wo einem das ein bisschen beigebracht wird: etwas darstellen und spielen.

*) Interessante Frage. Blieb leider ohne Antwort.

40. Embedded Blogging

Bloggen über Literatur – das macht hierzulande fast nur die Britin Katy Derbyshire, und das auch noch in englischer Sprache. Dabei haben Blogs das Potenzial, den literarischen Diskurs entscheidend zu bereichern. Nun soll die Szene beim Open-Mike-Wettlesen belebt werden.

Lesen wir im Tagesspiegel. Das ist ja gut, daß sich jetzt jemand Kompetentes dem Bloggen annimmt. Bzw. des Bloggens. Auf denn; vorwärts immer!

„In Großbritannien gibt es eine sehr diskussionsfreudige Szene, die gerade das, was für explizite Hochliteratur gehalten wird, sehr pflegt.“ In Deutschland dagegen seien es vor allem die Fans minderklassiger Genreliteratur, die einander im Netz Inhaltsangaben und Kaufempfehlungen schrieben, vor allem aus den Bereichen Fantasy oder „Frauenliteratur“. „Chick Lit“, wie Derbyshire das nennt. „Die Nische, in der ich mich hier bewege, ist sehr klein.“

Das mag sein; aber vielleicht lesen sie auch nur die falschen Blogs? Wahrscheinlich meinen sie „richtige“ und „Hochliteratur“ und nicht Lyrik und so. Kennen sie die Dschungel. Anderswelt? Oder das litblogs.net? Und was man mehr fragen und anmerken könnte.

Seite 2 des Webbeitrags hab ich nicht geklickt. Der Text zum Link nämlich lautet:

Embedded Blogging beim Open Mike

Sorry, die benutzen die Sprache als wüßten sie nicht was sie tun. Was dann wohl der Fall ist. „Embedded journalism“ ist ein hochproblematischer Begriff, weil eine Erfindung der Kriegspropaganda in den jüngsten US-Kriegen. Es bedeutet, daß Journalisten das berichten, was ihnen die PR-Abteilung der Stäbe zeigen oder geben. Wikipedia weiß mehr:

Embedded Journalist (von englisch „to embed“ – einbetten, integrieren, deutsch „Eingebetteter Journalist“) bezeichnet einen kontrollierten und zivilen Kriegsberichterstatter, der im Krieg einer kämpfenden Militäreinheit zugewiesen wurde. Geprägt wurde der Begriff zu Beginn des Irakkrieges im Jahre 2003, seitens der Streitkräfte der Vereinigten Staaten.

Die United States Army begegnete mit der Praxis des „eingebetteten Journalismus“ dem Druck amerikanischer Massenmedien, denen der Zugang zum Kriegsgeschehen während des Zweiten Golfkrieges 1991 und des Krieges in Afghanistan 2001 nicht ausgereicht hatte.

Das US-Militär verlangte von den embedded journalists, kurz auch als embeds bezeichnet, dass sie vorher eine Zeit lang ein Spezialtraining absolvierten, das dem Boot Camp (kurzes, aber intensives militärisches Training in den USA) ähnelt, bevor sie in die Kampfzonen durften. Außerdem mussten sich die Reporter und deren Arbeitgeber verpflichten einem speziellen Regelkatalog, den sogenannten Ground Rules, die genaue Auflagen enthielten, zuzustimmen.

Das englische Wikipedia ist noch etwas deutlicher:

When asked why the military decided to embed journalists with the troops, Lt. Col. Rick Long of the U.S. Marine Corps replied, „Frankly, our job is to win the war. Part of that is information warfare. So we are going to attempt to dominate the information environment.“

Wer zu welchem Zweck das Bloggen kontrolliert, wurde mir nicht ganz klar. Die Todesrate der embedded journalists war höher als die der Kriegsteilnehmer. Zumindest das ist bei den embedded bloggers vermutlich anders. Nun denn! – empfehle mich mit den Worten des Dichters Paul Wiens: Glück auf, Glück ab, und – Götz von Berlichingen!

39. Rosa Meinung

Dieser Text provoziert zunächst durch seine Drastik. Die rohe Benennung des weiblichen Ge­schlechts­organs gleich in der ersten Zeile scheint eine porno­grafi­sche Pointe vor­zu­bereiten. Die An­rufung des Geschlechts wird aber appli­ziert auf eine Insti­tution des Rechts. Bei dieser kalku­lierten Irri­tation bleibt es nicht. Ro­man­tik und Vul­garität, lyrische Feier­lich­keit und harte Zote stoßen in der ersten Stro­phe mehr­fach zusammen. Auf die paradox erschei­nen­de Kombi­nation der „Fotze“ mit dem „Land­gericht“ folgt zunächst ein fast begü­tigend-melancho­lischer Vers, in dem sich das Ich wie in den Gedichten Else Lasker-Schülers oder Emmy Ball-Hen­nings als „ein blasser Traum“ imaginiert. Darauf lässt Ann Cotten aber sofort wieder eine kämpfe­rische und radikal exhi­bitionis­tische Zeile folgen, die einen un­ortho­doxen Femi­nis­mus lanciert: „Frau ist alles, was ich kotze.“ / Michael Braun, Poetenladen, über das Gedicht „Rosa Meinung“ von Ann Cotten

38. Nationaldichter

Daß ich die Anerkennung meiner Zeitgenossen nicht fand und mich statt dessen mit Zukunftsträumen tröstete, daß vom geschäftlichen Standpunkt betrachtet die „Grashalme“ schlimmer als ein Fehlschlag waren, daß die öffentliche Kritik noch immer mehr Ärger und Verachtung als sonst etwas zeigt („wohin ich komme, eine geschlossene feindliche Linie gegen Sie“, so schreibt mir ein Freund 1884), ja, daß infolge der Herausgabe mir etliche sehr bedenkliche offizielle Püffe ausgeteilt wurden** — das alles war ja am Ende nicht mehr als ich erwarten durfte. Von Anfang an hatte ich die Wahl, und habe weder um sanftes Lob noch Einnahmen gebuhlt, noch um die Genehmigung festeingebürgerter Schulen oder althergebrachter Regeln.

Walt Whitman, Ein Rückblick auf betretene Wege*, aus: Grashalme. In Auswahl übertragen und mit einer Einleitung von Wilhelm Schölermann. Leipzig: E. Diederichs, 1904, S. 168.

 

*) Aus dem Nachwort und Selbstbekenntnis, das Whitman im Jahre 1889 seiner autographierten Ausgabe der „Grashalme“ beigab, ursprünglich in dem Abschnitt „November Boughs“ (1888) enthalten. Anmkg. d. Übers.

**) Whitman verlor infolge der Veröffentlichung des Buches seine Anstellung bei der Regierung in Washington, und sein Verleger geriet in Schwierigkeiten mit der amerikanischen Staatsanwaltschaft. Anmkg. d. Übers.

37. Denkmöglichkeiten

Im Dialog mit dem Unsinn entsteht oft erst der Sinn. Oder vielmehr das, was wir gemeinhin dafürhalten. Denn Sinn ist eben mehr als die Summe folgerichtiger Denkschritte. Diese logische Unschärfe ist die Bedingung der Möglichkeit von Poesie. Für die Dichtung gibt es weder Sinn noch Unsinn. In der Poesie sind alle Denkmöglichkeiten gleich gültig. Und sämtliche Verknüpfungen und Verkehrungen nicht nur erlaubt, sondern geboten. Darin sind Monika Rincks „Honigprotokolle“ Poesie in Reinform.

Auch für Rincks neuen Lyrikband gilt: Der Zyklus ist mehr als die Summe seiner Honigprotokolle; und die Gedichte mehr als die Summe ihrer Verdrehtheiten. Kohärenz heißt es da, sei ein Fetisch, sogar Fluch. Sechsundsechzig Texte werden im Index aufgeführt. Paarweise – oder vielmehr beinchenweise. Denn wie die Biene an ihren zwei Hinterbeinen klebrigen Pollen für Honig in den Bienenstock trägt, sammelt das fleißige Lyrikbienchen hier Honigprotokolle für seine Gedichte. An einer aufmerksamen Sammlerin bleibt eben von überallher immer ein bisschen süßer Wahrnehmungspollen hängen. Dieser klebt dann scheinbar wie von selbst zu köstlichem lyrischem Honig zusammen. Das ist der poetische Lebenssaft, aus dem Monika Rincks „Honigprotokolle“ sind. / Michaela Schmitz, DLF

Monika Rinck: Honigprotokolle. Sieben Skizzen zu Gedichten, welche sehr gut sind.
Gedichte.
kookbooks Verlag 2012, 80 Seiten
19,90 Euro

36. *.*

Lyrik aus der ersten Liga Arschklasse*

Solingen/München Die jährlich erscheinenden Bände Auserwählte Werke** gelten als der Mercedes last crap * der Lyrik Ausschreibungen. / Solinger Bote

*) Zensiert***

**) nicht mal Titel richtig abschreiben können die. Eigentlich heißt es „Ausgewählte Werke“. Aber so paßts auch wieder!

***) Markieren Sie den Artikel mit der Maus und Sie sehen weiter.

35. open mike bloggt

Vom 9. bis 11.11. lesen die besten * deutschsprachigen Nachwuchsautoren um den Gewinn des begehrten * Literaturnachwuchspreises open mike. Pünktlich zum 20. Geburtstag wird der Wettbewerb in diesem Jahr zum ersten Mal von einem weblog begleitet. Unter www.openmikederblog.wordpress.com gibt es neben allgemeinen und aktuellen Informationen rund um den open mike Hintergrundberichte, Interviews und Porträts der Mitwirkenden. Man hat die Möglichkeit hinter die Kulissen des Wettbewerbs zu schauen, Nachlese zu betreiben, sich durch Theorie und Praxis zu klicken und sich via facebook und twitter zu vernetzen.

Vorab stellen die Festivalblogger Elena Philipp, Fabian Thomas und Victor Kümel unter der Leitung** von Blogredakteur Patrick Hutsch die Finalisten, Lektoren und Juroren vor, berichten von den Vorbereitungen des Wettbewerbs und kommentieren das tägliche Literaturgeschehen.

Während des Wettbewerbs am 10. und 11.11. im Heimathafen Neukölln berichten die Blogger tagesaktuell vom Geschehen vor Ort, stellen Livekommentare zu den Lesungen ins Netz und versorgen die Leser mit exklusiven Backstage-Berichten. Zudem wird Stefan Mesch, Literaturblogger und Finalist des diesjährigen Wettbewerbs, Einblicke in den open mike aus der Sicht eines Teilnehmers geben.

Der open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Kooperation mit dem Heimathafen Neukölln und dem Allitera Verlag. Mit freundlicher Unterstützung des Fachbereichs Kultur des Bezirksamtes Neukölln.

Fr 9.11.2012 – So 11.11.2012
20. open mike
Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik
Ort: Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, 12043 Berlin

Der open mike im Netz:
www.literaturwerkstatt.org
www.openmikederblog.wordpress.com
www.facebook.com/openmikeberlin
https://twitter.com/openmikederblog

Für Rückfragen und Informationen: Jutta Büchter, Literaturwerkstatt Berlin, Tel.: 030-48 52 45 25, E-Mail: presse@literaturwerkstatt.org,

*) zensiert

34. TeaTimeLesung

LITERATURZENTRUM HAMBURG IM LITERATURHAUS
Schwanenwik 38, 22087 Hamburg 

Andere Zeiten, ferne Räume, nahe Seelen (Michael Braun)

Norbert Hummelt liest aus seinem Gedichtband Pans Stunde (Luchterhand)

Mirko Bonné liest aus seinem Gedichtband Traklpark (Schöffling & Co.)

Sonntag, 11. November, TeaTimeLesung 17.30 Uhr, Literaturhaus, Schwanenwik 38

Dichtung, so hat es Norbert Hummelt einmal formuliert, ist Lichttherapie, auch wenn sie dunkel ist. (Deutschlandradio Kultur). Durchzogen von der Polarität zwischen Furcht und erotischer Anziehung umkreisen Norbert Hummelts neue Gedichte in immer neuen Variationen den Pan‐Mythos. „Andere Zeiten, ferne Räume, nahe Seelen“ (Michael Braun). Im Titelgedicht wird zwei Liebenden in der unheimlichen Stille eines Sommertags eine glückliche Stunde geschenkt. Die Stunde des Pan ist die Mittagsstunde, in der die Sonne am höchsten steht und die Zeit stillzustehen scheint. Norbert Hummelt versucht, von der Vergänglichkeit zu schreiben – und gegen sie. „ … Er sammelt seine Bilder im Alltag: Sie sind ganz konkret, verweisen erst einmal nicht auf etwas anderes und gewinnen über diese Konkretheit ihren poetischen Zauber.“ (SWR2). „… die Gedichte in Pans Stunde, die Vergänglichkeit immer wieder neu spiegeln, die sich ganz dem Augenblick widmen und ihm so Dauer verleihen, sind von äußerster Zartheit.“ (DR Kultur).

Norbert Hummelt, geb. 1962 in Neuss, wurde für seine Gedichte vielfach ausgezeichnet. Er erhielt u.a. den Rolf‐Dieter‐Brinkmann‐Preis , den Mondseer Lyrikpreis, das Hermann‐Lenz‐Stipendium und den Niederrheinischen Literaturpreis. Er übertrug T.S. Eliot und W.B. Yeats neu ins Deutsche. Bei Luchterhand erschienen seine Gedichtbände Zeichen im Schnee, Stille Quellenund Totentanz. 2009 erschien der Essay Wie Gedichte entstehen.

Traklpark heißen Mirko Bonnés neue Gedichte nach einer stillen Innsbrucker Grünfläche – einem Ort, an dem Georg Trakl oft war. Seit 25 Jahren sucht Mirko Bonné diesen Ort auf, um sich zu fragen: Was hast du mit deiner Zeit angefangen? Was liebst du? Geben deine Gedichte das wieder? Wozu noch Gedichte? Und wie sollen sie aussehen, wenn die Welt kein Aussehen mehr hat? „Mit einem in der Lyrik selten gewordenen Ernst lotet Bonné für ihn lebenswichtige Fragen aus. Gedichte von Reisen durch Europa, Asien und Amerika spiegeln Kindheitsbilder und Landschaftserkundungen … Gedichte als grüne Lungen inmitten der Sprachen des Alltags und der auf uns einstürzenden Diskurse – der Traklpark ist ein Park der Bedeutungen…“ (Schöffling & Co.). „Es gibt sie noch: Poeten, die sich mit existenziellem Ernst den Lebensfragen widmen … Wer anspielungsreiche Verse mag und den Diskurs mit Dichtern wie John Keats, Emily Dickinson oder Johannes Brobrowski, der wird sich bei der Lektüre dieser melancholischen, zeitgeistkritischen Verse aufgehoben fühlen.“ (Literarische Welt).

Mirko Bonné, geb. 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg. Neben Übersetzungen u.a. von Sherwood Anderson, John Keats, E.E. Cummings, William Butler Yeats und Robert Creeley veröffentlichte er die Romane Der junge Fordt, Ein langsamer Sturz, Der eiskalte Himmel, Wie wir verschwinden und fünf Gedichtbände. Er wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang Weyrauch‐Preis, dem Ernst‐Willner‐Preis, dem New York‐Stipendium des Deutschen Literaturfonds, dem Ernst‐ Meister‐Förderpreis, dem Marie Luise Kaschnitz‐Preis. 2010 war er Writer‐in‐Residence in Rio de Janeiro.

Eintritt: Euro 7,‐/erm. 4,‐, Kartenreservierungen unter: Telefon 227 92 03 / 207 69 037 oder FAX 229 15 01
oder Mailto: lit@lit‐hamburg.de

 

33. Paare

Julietta Fix schreibt:

Fixpoetry präsentiert am Sonnabend den 10.11. in der Lettretage in Berlin „Schreibende Paare“. Judith Sombray und Herbert Hindringer lesen aus Nähekurs, Christine Hoba und Christian Kreis aus Dummer August und Kolumbine. Es moderiert André Schinkel, der eine Besprechung zu Gespräch mit dem Saurier von Sarah und Rainer Kirsch (Sie erinnern sich?)* geschrieben hat, die Urzelle der Reihe Schreibende Paare.

Link zum Saurier: http://www.fixpoetry.com/feuilleton/interviews_essays/1322.html

 

 

*) Sie meinen, ob ich mich an die Saurier erinnere? Gewiß doch. Nur das Kurzzeitgedächtnis hakt manchmal! 😉

32. Autohitparade (mit Lyrikwoche)

  • Platz 1 (-): Cyrus Console – Brief Under Water
  • Platz 2  (-): Dichten= #10 – 16 new (to American readers) German poets
  • Platz 3 (-): Subaru Libero
  • Platz 4 (-): Spenerbote November 2012
  • Platz 5 (-): N.N. – PHANTOMERICA
  • Platz 6 (-): Theo Breuer – Das gewonnene Alphabet
  • Platz 7 (-): Max Czollek – Druckkammern
  • Platz 8 (-): Citroen Berlingo
  • Platz 9 (-): Oskar Pastior – Modeheft des Oskar Pastior
  • Platz 10 (-): Peugeot Partner
  • Platz 11 (-): Matthias Weischer – Der Garten
  • Platz 12 (-): Michael Bond – Paddington Goes to Town

Hier

31. Talent ohne Geld hilft wenig

Goethes eigene Haushaltsführung war aufwendig, sein gesamtes Ministergehalt ging dafür drauf. Ein Wanddiagramm in der Ausstellung zeigt allerdings, dass der Dichter Einkünfte aus vielfältigen Quellen bezog. Die Honorare machten dabei, aufs Ganze seines Lebens gesehen, den dicksten Batzen aus. Eine «halbe Million» seines Privatvermögens, bilanzierte der alte Goethe rückblickend, sei durch seine «Hände gegangen, um das zu lernen, was ich jetzt weiss». Auch künstlerische Autonomie muss man sich leisten können. Der reife Goethe hatte dem Geniekult seiner Stürmer-und-Dränger-Zeit abgeschworen, er sah klar die glücklichen Bedingungen, die sein Fortkommen befördert hatten, wenn er notierte: «Es ist nicht genug, dass man Talent habe, es gehört mehr dazu, um gescheit zu werden; man muss auch in grossen Verhältnissen leben, und Gelegenheit haben, den spielenden Figuren der Zeit in die Karten zu sehen und selber zu Gewinn und Verlust mitzuspielen.» / Joachim Güntner, NZZ

Goethe und das Geld. Der Dichter und die moderne Wirtschaft. Bis 30. Dezember im Goethe-Haus Frankfurt. Katalog 279 S., 25 €.

30. Election Day

Election Day, November, 1884

by Walt Whitman

If I should need to name, O Western World, your powerfulest scene and show,
‚Twould not be you, Niagara—nor you, ye limitless prairies—nor your huge rifts of canyons, Colorado,
Nor you, Yosemite—nor Yellowstone, with all its spasmic geyser-loops ascending to the skies, appearing
and disappearing,
Nor Oregon’s white cones—nor Huron’s belt of mighty lakes—nor Mississippi’s stream:
—This seething hemisphere’s humanity, as now, I’d name—the still small voice vibrating—America’s
choosing day,
(The heart of it not in the chosen—the act itself the main, the quadriennial choosing,)
The stretch of North and South arous’d—sea-board and inland—Texas to Maine—the Prairie States—Vermont,
Virginia, California,
The final ballot-shower from East to West—the paradox and conflict,
The countless snow-flakes falling—(a swordless conflict,
Yet more than all Rome’s wars of old, or modern Napoleon’s:) the peaceful choice of all,
Or good or ill humanity—welcoming the darker odds, the dross:
—Foams and ferments the wine? it serves to purify—while the heart pants, life glows:
These stormy gusts and winds waft precious ships,
Swell’d Washington’s, Jefferson’s, Lincoln’s sails.

Deutsch in: Walt Whitman, “Grasblätter. Gedichte”, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Jürgen Brôcan, Carl Hanser Verlag 2009, S. 628f.

Leaves of Grass, 1891-92 edition
Copyrighted in 1891, published in 1892, the 1891–1892 so-called Deathbed edition of Leaves of Grass is, strictly speaking, not an edition at all, but an impression; nor does the epithet „deathbed“ pertain accurately to the text that has come to be so identified.

29. Freie Wahlen

Der Kolumnist des Writers‘ Almanac, Garrison Keillor, zitiert zum Anlaß des Tages zwei Stimmen zum Thema freie Wahlen von beiden Seiten des Ozeans:

Rosa Luxemburg said: „Without general elections, without unrestrained freedom of the press and assembly, without a free struggle of opinion, life dies out in every public institution.“ (books by this author)

Mark Twain said: „If there is any valuable difference between a monarchist and an American, it lies in the theory that the American can decide for himself what is patriotic and what isn’t. I claim that difference. I am the only person in the 60 millions that is privileged to dictate my patriotism.“ (books by this author)

28. Sau braucht eye

Chlebnikow aus dem Französischen ins Google übersetzt:

„Et je compris épouvanté / que nul ne me voyait / qu’il fallait semer des yeux / qu’il fallait que vienne le semeur d’yeux“

„Und ich verstand, Angst / dass keine ich sah / Sau braucht eye / es hatte zu den Sämann Augen „kommen [sic, alles sic]

Die Stelle in der Übersetzung Roland Erbs:

Und mit Grausen / Begriff ich, daß ich nicht gesehen war: / Daß es vonnöten, Augen auszusäen, / Daß für die Augen kommen muß ein Sämann!“*

„mère jadis au poil hérissé de louve féroce quand la mort approchait“

„die Mutter einmal gespickt mit wilden Wolfes, wenn der Tod heran“

A tous
(…)
Partout le tranchant acéré
Et les petits visages des vers égorgés.
Tout ce que ces trois ans nous ont donné (*)
Arrondir à cent le compte des chants
Et à tous un cercle familier de visages,
Partout, partout, les corps de tsarévitchs égorgés.

(*) : poème écrit en 1922

überhaupt
(…)
Um den Rand scharfe
Und kleine zugewandt geschlachtet.
Alles, was diese drei Jahre haben uns gegeben (*)
Round hundert Songs im Namen
Und kreisen alle bekannten Gesichter,
Überall, überall, die Leichen von tsarévitchs erschlagen.

(*): Ein Gedicht in 1922 geschrieben

Deutsch von Hans Christoph Buch:

überall das gezackte Beil,
Gesichter massakrierter Verse.
Alles, was die dreijährige Zeit uns gab –
Bilanz ziehen aus Hunderten von Liedern,
und der allen vertraute Kreis von Personen:
überall die zerfetzten Leiber der Zarensöhne **

*) Welimir Chlebnikow: Ziehn wir mit Netzen die blinde Menschheit. Berlin: Volk und Welt 1984, S. 221.

**) Velimir Chlebnikov: Werke. Poesie. Prosa Briefe Schriften. Reinbek: Rowohlt 1985, S. 303.

Die französischen Zitate aus einer Rezension der Ausgabe:

L’univers enfoncé [Texte imprimé], et autres poèmes Vélimir Khlebnikov trad. du russe par Catherine Prigent 
de Hlebnikov, Velimir; Prigent, Catherine (Traducteur) 
le Corridor bleu / Ikko
ISBN : 9782914033091 ; EUR 8,00 ; 2003-01-01 ; 58 p. p. ; Broché