19. [Heutzutage]

To whom do I speak today?
Brothers are evil,
Friends of today are not of love. . . .
To whom do I speak today?
There are no righteous,
The land is left to those who do iniquity.

Zu wem soll ich heute sprechen?
Die Brüder sind böse,
Freunden kann man heute nicht mehr trauen. …
Zu wem soll ich heute sprechen?
Es gibt keine Rechtschaffenen mehr,
Das Land gehört denen die Böses tun.

Die Klage ist 4000 Jahre alt. Den englischen Text fand ich in Bartlebys „Familiar Quotations“, 14. Ausgabe 1968 (1. 1855). Als Quelle wird dort angegeben: Papyrus, 2000 v.Chr., Berliner Museum. Da die Quelle alt und die Überlieferung über die Zeiten und Räume flatterhaft ist, habe ich den englischen Text frei übersetzt.

Eine deutsche Fassung unter dem Titel „Die Gedichte des ‚Lebensmüden'“ in: Altägyptische Dichtung. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Erik Hornung. Stuttgart Reclam 1996, S. 106-109. Die Anmerkung dort: „Auszug aus einem Werk, das wie die Klagen zur ‚Auseinandersetzungsliteratur‘ des Mittleren Reiches gehört und nur in einer einzigen Handschrift, dem Papyrus Berlin 3024 aus der 12. Dynastie (um 1800 v.Chr.), erhalten ist. Auch als ‚Gespräch eines Mannes mit seinem Ba‘ bekannt, wurde der Text erstmals 1896 durch A. Erman bearbeitet (…).“ (Ba ist bei den alten Ägyptern einer der Bestandteile der „Seele“, etwa die Persönlichkeit oder Individualität). Hier eine Abbildung des Papyrus 3024. Hier eine englische Ausgabe des Handbook of Egyptian Religion von Adolf Ermann, 1907, hier die deutsche von 1905.

Ich nehme es als poetische Definition unter „Heutzutage“ (die Überschrift ist eine Zutat von mir) in mein Diktionär und als Gedichtfragment in meine Anthologie.

18. Poetopie

die Maschine setzt an zur Landung, die Erwartungen steigen – was auf uns zukommt, was nicht: eintreffen wird, was verborgen in uns schon steckt, wir müssen es nur entfalten

Hansjürgen Bulkowski

17. Vor 550 Jahren

Heute vor 550 Jahren wurde François Villon aus Paris verbannt.

Kein Poet vor François Villon hatte so selbstbewusst „Ich“ gesagt. Das macht ihn zum ersten modernen Dichter an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Seine Verse sind erhalten, doch er selbst hat nur wenige Spuren hinterlassen – hauptsächlich in Gerichtsakten. (…)

Nachdem Villon drei Jahrhunderte lang wegen seiner Obszönitäten und zweifelhaften Moral wenig beachtet* worden war, begeisterten sie sich gerade deshalb für ihn. Als genialen Verbrecher, poetischen Rebellen und frühen Bohemien. Paul Verlaine und Arthur Rimbaud identifizierten sich mit dem poète maudit, dem verfluchten Dichter, Villon. Ezra Pound und Claude Debussy setzten ihm musikalische Denkmäler. / Ulrike Rückert, DLF

*) Aber immerhin hat man sein umfangreiches Werk abgeschrieben und über die Jahrhunderte immer wieder in hohen Auflagen ediert. Was will man mehr?

Heute ist er im Deutschen vielleicht am bekanntesten durch den Vortrag Klaus Kinskis. Aber Vorsicht: Nicht nur sind die von Kinski benutzten Nachdichtungen von Paul Zech sehr frei, sondern Zech mischt eigene Gedichte unter seine Übersetzungen. Das – auch durch Kinski – beliebte „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ ist eine freie Erfindung Zechs.

Lustig diese Aussage aus dem deutschen Wikipedia-Artikel:

Heute sind viele Collèges in Frankreich nach ihm benannt, wobei die jeweils hierfür Verantwortlichen nicht immer gut über seine Person informiert gewesen sein dürften.

Wers glaubt! Ich halte es für unwahrscheinlich, daß jemand in Frankreich nicht über das kriminelle Leben des Dichters unterrichtet ist – schließlich handelt auch das Werk wesentlich davon. Es ist wohl eher so, daß man in Frankreich eine weniger verkrampfte Einstellung zu Dichtern hat und es nicht nötig, den Dichter zum moralischen Vorbild hochzustilisieren.

In Greifswald gibt es den Brief eines Germanisten, der vor der Umbenennung  der Hermann-Löns-Straße in Hans-Fallada-Straße warnt – weil er in seinem Leben kein Vorbild für die Jugend ist. Die Straße wurde trotzdem umbenannt! Auf Falladas Gefängnistür (er saß paar Wochen wegen Unterschlagung zwecks Narko-Finanzierung in Greifswald ein, ebenso wie später in Neumünster), die jetzt im Falladahaus in der Steinstraße 59 steht, werden jedes Jahr Kühlschrankpoesie-Wettbewerbe veranstaltet, und auch manche deutsche DichterInnen – ich muß das mal zusammenstellen – haben darauf gedichtet.

16. Prinzip der Gießkanne

Denn hier spricht ein Klassiker, noch wenn im Hintergrund seiner Texte der Feuerschein des nordirischen Bürgerkriegs flackert, noch wenn gleich die ersten Zeilen im Band ironisch die Fallhöhe aus dem Ideellen – gefasst im Anklang an den berühmten Chor aus Sophokles‘ «Antigone» – ins Hier und Jetzt spätbürgerlicher Zivilisation ausmessen: «Der Wunder sind viele. Der Wunder grösstes aber ist der Mensch, / Der den Terrier gezähmt, die Hecke gestutzt / Und das Prinzip der Giesskanne erfasst hat.»

Obwohl Mahon seit bald 50 Jahren publiziert und zu den derzeit bedeutendsten irischen Lyrikern zählt, ist die von Margitt Lehbert und Hans-Christian Oeser besorgte und übertragene Gedichtauswahl die erste, die von ihm in deutscher Sprache erscheint. Und obwohl der Dichter mithin dem hiesigen Publikum so gut wie unbekannt sein dürfte, haben die Übersetzer beschlossen, nur kargste Informationen mitzureichen: Eine biografische Notiz auf der Umschlagklappe, keine detaillierte Quellenangabe oder Datierung bei den Gedichten. Immerhin ist die Anthologie zweisprachig – das war unabdingbar im Falle dieses Lyrikers, dessen spielerisch-raffinierter Umgang mit Reim, Binnen- und Halbreim im Deutschen schwerlich einzuholen gewesen wäre; jedenfalls nicht in der fliessenden, gänzlich unangestrengt wirkenden Diktion, die Mahons Schaffen auszeichnet. / Angela Schader, NZZ 16.12.

Derek Mahon: Ovid auf Reisen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert und Hans-Christian Oeser. Edition Rugerup, Berlin/Hörby 2011. 151 S., Fr. 28.40.

15. Quellenarbeit

Verfolgt man das endlose Gerede in Medien und Blogs und an den Stammtischen, mag man schon irre werden am Menschen und der Möglichkeit des Gesprächs, das wir seit Hölderlin* sind. Verwirrte Lehre zu verwirrtem Handeln, so faßte schon Goethe zusammen. In der Tat, mancher der Mitredenden handelt ja später, wie ers nicht besser hörte.

Wie wohltuend dann, in einem Gedichtbuch zu lesen. Das Gespräch mit einem Gedicht zu führen, das man mehrmals liest und bedenkt. Dabei beobachtend wie es selbst schon ein Gespräch zwischen seinen Zeilen und Worten ist. Wie es ins Gespräch mit den anderen Gedichten im Band tritt, und mit anderen, direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt zitierten Sätzen. Ein Stimmengewirr, in dem Ordnung und Chaos zugleich walten.

Die Gedanken kamen mir, als ich in Bertram Reineckes „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst“ las. Ich las das Sonett „Ich zöger noch, mir jenen Kinderort“ und fand in der Anmerkung zur Entstehung dieses Gedichts, das auf einem Prosagedicht Jürgen Beckers basiert, Überlegungen des Autors zu alten und neuen Denkstrukturen. Dann ging ich zum fünfteiligen Titelgedicht, und hier fand ich dann in den Anmerkungen folgende Reflexion:

Damit man nicht in einen solchen Text wiederum seine Vorurteile über diese Zeit und deren Autoren hineinträgt, sondern deren Vorstellungen herausarbeitet, ist hier eine besonders strenge Quellenarbeit notwendig. So darf das Montageverfahren Inhalte nur neutral zusammenziehen und nicht durch geschickte Kombinatorik versuchen Witz zu erzeugen, wie es in den Texten nach der Centoregel geschieht.

Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. Hrsg. Ulf Stlterfoht. (roughbook 019). Leipzig, Berlin und Solothurn, 2012, S. 81.

Ah danke. Abermals, abermals. Poetry made my day. Weggebeizt das bunte Gerede des An-/erlebten – das hundert-/züngige Mein-/gedicht, das Genicht.

*) Paulus / Gilgamesch

14. Auslegungen

Der Satz scheint einfach genug: The Soul selects her own Society. Aber wie so oft bei Emily Dickinson trügt der Schein. Werfen wir nur einen Blick auf einige deutsche Übertragungen der Gedichtzeile. «Die Seele wählt ihre eigne Gesellschaft» übersetzt Gertrud Liepe 1970. Lola Gruenthal schreibt 1987 von der «Seele, die sich selbst zu Gaste lädt» und ändert die Zeile zehn Jahre später zu «Die Seele sucht den eigenen Verkehr». Bei Beate Hellbach (1991) steht: «Die Seele wählt zur Gesellschaft sich allein», während Werner von Koppenfels‘ Fassung von 1995 und die von Gunhild Kübler aus dem Jahr 2006 den Satz transitiv interpretieren: «Die Seele wählt ihre Gesellschaft selbst» heisst es bei Koppenfels, «Die Seele wählt sich die Gesellschaft selbst» bei Kübler. Auch die jüngste Übertragung von Mirko Bonné weist in diese Richtung: «Die Seele sucht sich die Gesellschaft selbst».

Mithin haben wir zwei Auslegungen – Beate Hellbachs und die erste von Lola Gruenthal –, in denen die Seele das Konklave mit sich selber wählt; drei, die auf «Gäste» von aussen verweisen, bei Koppenfels, Kübler und Bonné, und zwei, die dazwischen liegen: Während auch Gruenthals zweite Version noch eher reflexiv anmutet, steht Gertrud Liepes Fassung ziemlich genau auf der Kippe. / Angela Schader, NZZ 29.12.

The soul selects her own society,
Then shuts the door;
On her divine majority
Obtrude no more.

Unmoved, she notes the chariot’s pausing
At her low gate;
Unmoved, an emperor is kneeling
Upon her mat.

I’ve known her from an ample nation
Choose one;
Then close the valves of her attention
Like stone.

13. Empathie und Akten

Die Kontroverse zwischen den Siebenbürger Schriftstellern Hans Bergel und Eginald Schlattner teilt seit Jahrzehnten ein Publikum, das in diesem aussergewöhnlichen Konflikt fast immer eindeutig Partei ist. Es ist einer der markantesten Fälle von moralischer Aufladung eines historischen Geschehens, das seinen Ausgangspunkt vor über fünfzig Jahren im kommunistischen Rumänien nahm: Ein Militärgericht in Kronstadt (Brasov) verurteilte 1959 in einem Schauprozess gegen eine Gruppe junger Schriftsteller aus der deutschen Minderheit fünf Angeklagte zu insgesamt 95 Jahren Haft und Arbeitslager, aus denen diese 1965 durch Amnestie freikamen und die 1968 rehabilitiert wurden. Die Anklage lautete seinerzeit im Zusammenhang mit den Verfolgungswellen nach dem ungarischen Aufstand von 1956 auf Unterwühlung der kommunistischen Gesellschaftsordnung. Heute lebt von den Verurteilten Wolf von Aichelburg, Georg Scherg, Andreas Birkner, Harald Siegmund und Hans Bergel nur noch Letzterer – und der damalige «Kronzeuge» Eginald Schlattner. (…)

Der Schriftsteller und Journalist William Totok verweist in der von ihm redigierten «Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik» auf Nuancenverschiebungen bei der Übersetzung von Dokumenten, die in dem 1992 den Fall ausführlich darstellenden Band «Worte als Gefahr und Gefährdung» des Münchner Instituts für Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) erschienen. So ist laut Totok Bergels Behauptung im Prozess, dass er das kommunistische Regime akzeptiere, durch Auslassungen verschleiert. Auch sei früh von einer Securitate-Mitarbeit Schlattners die Rede gewesen, obwohl dies nicht der Fall war. Schlattner hatte zwei Jahre in Haft gesessen, bevor er die belastenden Aussagen machte. Der später zum evangelischen Pfarrer gewordene Autor war selbst bis zum Ende des Regimes Objekt der Überwachung durch die Geheimpolizei. Totok weist zudem darauf hin, dass es keineswegs allein die Aussagen Eginald Schlattners gewesen seien, die zur Belastung der Angeklagten geführt hatten. Vielmehr habe eine wichtige Rolle auch ein von Temeswarer Germanisten produziertes «Gutachten» über Bergels Erzählung «Fürst und Lautenschläger» gespielt. William Totok mahnt mehr Empathie mit allen Formen der Repression durch die Securitate an, zumal sehr viel mehr Personen in deren Informationssystem involviert waren. / Markus Bauer, NZZ 3.1.

12. Cool

The cool thing about poetry — and yes, there’s a cool thing about poetry, so you’d better un-arch that eyebrow — is that you can be reading a poem and not get it and not get it, and then suddenly you really, truly get it and the moment of recognition is so startling it’s like a truck has rushed past your house and made all the windows rattle.

Louise Glück is my favorite non-dead poet. She’s spent 50 years obsessed with our differing capacities for love and joy, and our grasping, tentative stabs at understanding life, never mind death.

/ Jeff Giles, Entertainment Weekly, über Louise Glück: Poems 1962-2012

11. Warum nicht kämpfen?

„Ganze Bibliotheken wurden über John Ashbery geschrieben“, sagte mir der Kritiker Harold Bloom. „Ich finde das einfach albern. Es geht alles um die Idee, daß er ein französischer Dichter ist, der auf Englisch schreibt. Oder daß er ein Sprachpoet (language poet) ist. Das ist alles Blödsinn.“

„Ich denke nicht, daß man John in das Schubfach einer speziellen Schule stecken sollte“, sagte Alice Quinn, frühere Lyrikredakteurin des New Yorker. „Ich glaube, er zeigt uns eher was poetisches Denken ist. Es ist zugleich chaotisch und kohärent. Es gelingt ihm, eine Menge des handgreiflichen Lebendigseins einzufangen.“

Seine Verleumder sagen, er ist zu kompliziert. Seine Fans sagen die Gegenpartei weiß nicht, wie man Gedichte liest.

„Klar kämpfen die Leute mit seinen Gedichten“, sagt Paul Muldoon, Frau Quinns Nachfolger beim New Yorker, in einer eMail. „Warum auch nicht? Wir kämpfen um zu gebären und um geboren zu werden. Wir kämpfen um Sex. Einige von uns sogar um zu sterben.“

/ Michael H. Miller sprach mit John Ashbery, New York Observer

Im Frühjahr erscheint John Ashberys „Flow Chart“ in der Luxbooks-Reihe „Americana“.  Ein Langgedicht von 500 Seiten, das als zentrales Spätwerk des Amerikaners gilt, auf deutsch jedoch bislang unveröffentlicht blieb.

10. Gespräch

Es wispert, flüstert, scherzt, erörtert und schwatzt in ihren Versen, als wollte sie Seite für Seite das Wort Leonid Lipawskis, eines ihrer Gewährsmänner aus der Petersburger Moderne, einlösen. Sie zitiert es gern: «Wie schön ist ein uneigennütziges Gespräch. Zwei Göttinnen stehen hinter den Redenden: die Göttin der Freiheit und die Göttin der Ernsthaftigkeit . . . sie hören interessiert zu.» Martynova redet so mit Rilke, Dickinson, Goethe, Novalis, Properz oder Dante, vor allem aber mit den zur Stalinzeit totgeschwiegenen, dann zumeist ermordeten Schriftstellern, welche versteckt und in Armut die russische Moderne des 20. Jahrhunderts fortführten, neben Lipawski: Daniil Charms, Nikolai Olejnikow, Nikolai Sabolozki, Alexander Wwedenski. / Beatrice von Matt, NZZ 3.1.

Olga Martynova: Von Tschwirik und Tschwirka. Gedichte. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Literaturverlag Droschl, Graz 2012. 96 S., Fr. 24.90.

9. Wie Troglodytennester

In Luc Bondys Gedichten stehen die Dinge manchmal auf dem Kopf. Wenn hier jemand frühmorgens in seinem Zimmer einen Fussel schluckt, fängt er nicht etwa an zu husten, sondern macht eine eigentümliche Erfahrung: ‚Es waren Glücksfäden, / sie verstrickten sich in meiner Kehle, / hingen da wie Troglodytennester.‘ / NICO BLEUTGE, Süddeutsche Zeitung 27.12.

Luc Bondy: Toronto. Gedichte. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012. 61 Seiten, 14,90 Euro.

8. Rose Ausländer aus Czernowitz

Ab 1946 lebte Rose Ausländer wieder in New York. Neue Gedichte schrieb sie in englischer Sprache, so verhasst war ihr alles Deutsche geworden. 1956 gelang es ihrer Dichterkollegin Marianne Moore, sie zu überzeugen, wieder in ihrer Muttersprache zu schreiben. Die Begegnung mit Paul Celan 1957 brachte sie dazu, ihren Stil zu modernisieren, den Rhythmus freier zu gestalten, auf Reime zu verzichten. 1965 verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt nach Düsseldorf. Ihr zweiter Gedichtband „Blinder Sommer“ (1965) bescherte ihr den Durchbruch. Sie unternahm noch einige Reisen, ehe sie 1972 ins Nelly-Sachs-Haus, das Altenheim der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, zog. Dort blieb sie literarisch produktiv, selbst nachdem sie 1977 erklärte, ihr Bett nicht mehr verlassen zu wollen. Jedes Jahr erschien ein neuer Lyrikband von ihr, es häuften sich die Auszeichnungen. Ihre Gedichte, in denen sie Exil, Verlust und Heimatlosigkeit ausdrückte, wurden in viele Sprachen übersetzt. Ungebrochen blieb bis zuletzt ihr Glaube an die sinnstiftende Macht des Wortes: „Ich Überlebende/des Grauens/schreibe aus Worten/Leben.“ / Peter Kohl, Rheinische Post

7. Spiritualität und Gesundheit

Spiritualität (Sorin Cerin)

1460. In einer kranken und gescheiterten Gesellschaft wird aus Spiritualität ein Ödipuskomplex.*

Aus: Wisdom Collection (2009). Englische Übersetzung bei archive.org. Die Sammlung umfaßt 7012 Aphorismen in 6 Büchern. Sorin Cerlin ist ein rumänischer Philosoph und Autor von Aphorismen, Essays, Romanen und Gedichten. Er wurde 1963 in Baia Mare geboren.

*) Nach dem Englischen.

6. Der Reim (Daltschew)

Atanas Daltschew (1904-1978)

Der Reim ist keine äußere Verzierung, sondern ein organischer Bestandteil des Verses. Hat er einmal Eingang in ihn gefunden, bestimmt und verändert er seinerseits alle anderen Elemente, einschließlich des Inhalts. Das Denken in Reimen ist ein Denken mit den vier, fünf Endworten einer Strophe.

Fragm. 173

 

Der Reim ist eine sehr eigensinnige und despotische Freundin, die einen inspirieren, mit ihren Launen aber auch zugrunde richten kann. Was mich betrifft, so habe ich mich niemals von ihrem Witz betören lassen und war stets bereit, mich von ihr zu trennen, sobald ich sah, daß wir uns nicht verstanden. Mich beginnt diese Klingel sogar richtig zu belästigen, die wie meine Schreibmaschine am Ende jeder Zeile unausweichlich läutet.

Fragm. 173

 

Vor lauter Reimen kann man nicht sehen, ob noch etwas anderes in seinen Gedichten enthalten ist.

Fragm. 174

 

Der Reim ist schön durch die Überraschung, die er mit sich bringt, und in diesem Sinne ist er ein Element des Humors. Nicht von ungefähr findet er weiteste Anwendung in humoristischen Gedichten, und seine besten Meister sind die Humoristen: bei uns Podwyrsatschow und Smirnenski, in Rußland Marschak. Im ernsten Gedicht ist er hingegen weniger angebracht, dort stört er häufig, da er die Aufmerksamkeit des Lesers ablenkt.

Fragm. 175

 

 

Atanas Daltschew, Fragmente. Übersetzt und herausgegeben von Norbert Randow. Leipzig: Reclam 1980, S. 65f.

Mehr von Daltschew

5. Gereimt

Eine der zumindest in Deutschland verkanntesten Eigenschaften des Reims drückt der bulgarische Dichter Atanas Daltschew so aus: „Der Reim ist auch ein Element des Humors.“ Hätte Günter Grass, der das hier noch wußte, seine politischen Gedichte gereimt, wären sie weniger bierernst-bärbeißig dahergekommen. Ob Ulf Dunkel Humor hat, weiß ich nicht – er beschreibt sich jedenfalls als Selbstdenker und nicht -reimer. Hier sein Gedichtle im Wortlaut:

Wetzt das Messer, singt ein Lied,
Ab die Vorhaut von dem Glied.
Kinder können sich nicht wehren,
darum müssen sie uns ehren.
Wir verstümmeln, wir beschneiden
Recht und Vorhaut; allen beiden
muss man hier den Garaus machen,
denn wir steh’n auf solche Sachen.
Und ihr Schreien hilft so wenig,
denn wer festhält, ist der König.
Wir bestimmen, was hier Recht.
Wer dagegen ist, ist schlecht.
Gründe sind uns ganz egal,
der Verstand, der kann uns mal.
Bist Du für ein intaktes Glied,
so bist Du gleich Antisemit.

Wie man an den beiden letzten Zeilen sieht, kann man die humoristische Wirkung durch Beugung des Metrums verstärken, genauer gesagt liegt hier Doppelbeugung vor, indem 1. das trochäische Gedicht hier in Jambus wechselt und dieser 2. durch Tonbeugung verformt wird:

Bist DU für EIN inTAKtes GLIED,
so BIST Du GLEICH AnTIseMIT.

(Über den Zusammenhang von „Messer wetzen“ und Juden- bzw. Antijudentum vielleicht ein andermal. Auch die Redesituation – man beachte das changierende „wir“ – läßt sich gut analysieren.)