13. Empathie und Akten

Die Kontroverse zwischen den Siebenbürger Schriftstellern Hans Bergel und Eginald Schlattner teilt seit Jahrzehnten ein Publikum, das in diesem aussergewöhnlichen Konflikt fast immer eindeutig Partei ist. Es ist einer der markantesten Fälle von moralischer Aufladung eines historischen Geschehens, das seinen Ausgangspunkt vor über fünfzig Jahren im kommunistischen Rumänien nahm: Ein Militärgericht in Kronstadt (Brasov) verurteilte 1959 in einem Schauprozess gegen eine Gruppe junger Schriftsteller aus der deutschen Minderheit fünf Angeklagte zu insgesamt 95 Jahren Haft und Arbeitslager, aus denen diese 1965 durch Amnestie freikamen und die 1968 rehabilitiert wurden. Die Anklage lautete seinerzeit im Zusammenhang mit den Verfolgungswellen nach dem ungarischen Aufstand von 1956 auf Unterwühlung der kommunistischen Gesellschaftsordnung. Heute lebt von den Verurteilten Wolf von Aichelburg, Georg Scherg, Andreas Birkner, Harald Siegmund und Hans Bergel nur noch Letzterer – und der damalige «Kronzeuge» Eginald Schlattner. (…)

Der Schriftsteller und Journalist William Totok verweist in der von ihm redigierten «Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik» auf Nuancenverschiebungen bei der Übersetzung von Dokumenten, die in dem 1992 den Fall ausführlich darstellenden Band «Worte als Gefahr und Gefährdung» des Münchner Instituts für Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) erschienen. So ist laut Totok Bergels Behauptung im Prozess, dass er das kommunistische Regime akzeptiere, durch Auslassungen verschleiert. Auch sei früh von einer Securitate-Mitarbeit Schlattners die Rede gewesen, obwohl dies nicht der Fall war. Schlattner hatte zwei Jahre in Haft gesessen, bevor er die belastenden Aussagen machte. Der später zum evangelischen Pfarrer gewordene Autor war selbst bis zum Ende des Regimes Objekt der Überwachung durch die Geheimpolizei. Totok weist zudem darauf hin, dass es keineswegs allein die Aussagen Eginald Schlattners gewesen seien, die zur Belastung der Angeklagten geführt hatten. Vielmehr habe eine wichtige Rolle auch ein von Temeswarer Germanisten produziertes «Gutachten» über Bergels Erzählung «Fürst und Lautenschläger» gespielt. William Totok mahnt mehr Empathie mit allen Formen der Repression durch die Securitate an, zumal sehr viel mehr Personen in deren Informationssystem involviert waren. / Markus Bauer, NZZ 3.1.

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