Ein gereimtes Gedicht mobilisiert die Massen… der Blogger zumindest. So beim notorischen Freitag:
Ulf Dunkel ǀ Nachruf für einen aufrechten Demokraten — der Freitag
vor 1 Tag – Man hat es mal wieder geschafft. Der Zentralrat der Juden in Deutschland bestimmt, wer in Deutschland gewählt werden darf und wer nicht!
Ulf Dunkel sollte sich nicht zurückziehen – Leser-Kommentar …
http://www.focus.de/…/ulf-dunkel-sollte-sich-nicht-zurueckziehen-muss- …vor 19 Stunden – Ulf Dunkel sollte sich nicht zurückziehen: nur weil er gesagt hat was fast alle Deutschen denken. Ein Glaube der die Verstümmelung von …*
Ulf Dunkel (ulf42) on Twitter
Ulf Dunkel. @ulf42. Sum, ergo cogito. Ich bin, also denke ich. – Selbstdenker, Softwarekaufmann, Entwickler, Übersetzer, Autor, Musiker, einsamer Wolf und …
375.
Ich.
Denk‘ ich, so bin ich! Wohl! Doch wer wird immer auch denken?
…Oft schon war ich, und hab‘ wirklich an gar nichts gedacht!
Wir berichten bestimmt weiter.
*) … Penissen voraussetzt, gehört verboten. Könnte man auch manches Weltproblem gleich mit lösen! Eine titanische Arbeit, wer wenn nicht wir?
Große Gedanken im kleinen Format
Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist der Aphorismus in Form des Mikroblogging eine auflebende Form. Bestand die Modernität des Aphorismus bisher in seiner Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist sozusagen Twitteratur.
Holger Benkels »Gedanken, die um Ecken biegen« gehen jedoch weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Sie versuchen, diesen kleinen Rest an Sprache etwas aufzuhellen, und wagen es seine Ränder verstehbar zu machen. Benkels Aphorismen folgen keinem linearen und systemischen Denken, sie entfalten sich vielmehr assoziativ und labyrinthisch. In seinen Aphorismen gehen Poesie und Sprachkritik ineinander über.
Der Aphoristiker spricht seine Gedanken frei und verfolgt sie nicht. Benkels Aphorismen sind eine Prosaform zwischen Poesie und Philosophie, verwandt mit Essay, Sprichwort und Epigramm. Ein Genre der Gegensätze: knapp gefaßt, aber weit gedacht, pointiert formuliert, aber metaphorisch offen, sehr subjektiv auf den Begriff gebracht, aber mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Diese »Gedanken, die um Ecken biegen« sind kurz, konzise, rhetorisch markant, nichtfiktional und stehen für sich allein, sind also nicht Teil eines längeren Textes. Benkel arbeitet oft mit sprachlichen Mitteln wie Antithese, Neologismus und Paradoxon. Vieles ist so dicht und so intensiv, daß es zu kleinen poetischen Einheiten wird.
Als gelernter Lyriker schreibt Benkel gleichsam in Zirkelbewegungen, auf die Momente zu, da etwas aufgeht. So lassen sich Aktivität und Passivität, Tun und Erleiden, Begreifen und Ergriffen–Werden kaum unterscheiden. Es sind Augenblicke, in denen Probleme gelöst, Überzeugungen gebildet und Einsichten gewonnen werden – mentale oder auch seelische Ereignisse, in denen sich nicht nur das Denken, sondern auch das Leben ändern kann. Einige von Benkels »Gedanken, die um Ecken biegen« haben Konsequenzen nicht allein für das Leben und Denken desjenigen, dem da etwas aufgeht.
Diese Aphorismen sind zugleich Ausdruck eines fast paradox anmutenden Verhältnisses zur Literatur: eher reflexiv, kritisch und distanziert und eben dadurch tiefergehend. Das literarisch Wertvolle daran ist, daß er das Spiel mit den Wörtern nicht als bloße Etüde betreibt. Vielmehr schimmert hinter all seinen Spracherkundungen ein existentieller Kern, das kleinstmögliche Ganze.
/ Matthias Hagedorn
Gedanken, die um Ecken biegen, Aphorismen von Holger Benkel, Edition Das Labor, Mülheim 2013
Im Januar 2013 startet „lyrix“ in die sechste Wettbewerbsrunde. Wie im vergangenen Jahr werden wir jeden Monat zu Gast in einem anderen Museum sein. Im Zentrum der zwölf Monatsthemen steht 2013 ausschließlich zeitgenössische Lyrik.
Gemeinsam mit dem Deutschen Museumsbund wurden auch für 2013 wieder zwölf interessante und spannende Exponate unterschiedlicher Museen aus ganz Deutschland ausgewählt. Die Themen der einzelnen Wettbewerbsmonate beziehen sich auf diese Exponate sowie auf ein thematisch passendes zeitgenössisches Gedicht. Teilnehmen können Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 13. Die Einsendung der Gedichte erfolgt wie bisher per E-Mail.
Für Lehrerinnen und Lehrer werden begleitende Unterrichtsmaterialien zu den Monatsthemen beziehungsweise den zwölf Gedichten der einzelnen Wettbewerbsmonate angeboten. Begleitend zum Wettbewerb veranstaltet „lyrix“ bundesweit Schreibwerkstätten, in denen Jugendliche mit namhaften Autoren erste Erfahrungen im Kreativen Schreiben sammeln und an eigenen Texten arbeiten können. Interessierte Schülerinnen und Schüler können sich per E-Mail an info-lyrix@dradio.de über die Schreibwerkstätten informieren. / DLF
… von beat pop zum ätherischen gedicht von verlegenheitsversen zu gelegenheitsgedichten von sonnenstrahl und thunderstorm zu schneegestöber von kinovativer sp∙r∙a∙c∙h∙sch∙r∙öpf∙ung zu kongenialer nachempfindung hommage remix und anverwandlung vom poesie aller länder und zeiten in die zange nehmenden gedicht des poeta doctus zum naiven notat des art-brut-texters von der chiffrierten zur intertextuellen verflechtung von der notgeborenen attacke zur müßigen besinnung von allegorie metonymie emblem und symbol zu salopplyrik ohne ›wenn‹ und ›aber‹ vom absurd anmutenden oxymoron zum grotesk eifernden paradoxon vom narbenfrohen nonsens zum warzweißen tiefsinn from poems with to poems without punchline von sehr naturreiner krautpoesie über schwer metalyrische gedichtgedichte zum mehr tiktaktisch klugen lehrgedicht von poets’ poetry zum gedicht für jedermann von stillen um eine metapher bloß rankenden versen zur schrillen hektischwilden übern ganzen blattraum und weit darüber hinaus sich windenden montage oder endloszeile vom stakkato zum geschmeidigen vom surrealen purzelbaum über dissonanz und lautlyrik zur magischen volksliedstrophe von der urbanen häuserzeile bis zur rustikalen zeitgemäß fragmentierten beziehungsweise fremdelnden sumpfdotterblume im schneegestöber 2010 // der ›dichter‹ liegt vor hitze stockt der mut / in heißen lüften ist kein wort dabei / die zeit der großen verse ist vorbei / und in den brüsten seh ich geizt die glut // der wurm ist nah hier hilft wohl bloß noch ducken / und sich mit schicken kämmen zu bestücken / die feisten schreiber gehen schon an krucken / die dreisten leser wollen sich verdrücken
Aus:
Von Theo Breuer
(KuNo)
Die WordPress.com-Statistik-Elfen fertigten einen Jahresbericht dieses Blogs für das Jahr 2012 an.
Hier ist ein Auszug:
Etwa 55.000 Touristen besuchen Liechtenstein jedes Jahr. Dieser Blog wurde 2012 280.000 Mal besucht. Wäre es Liechtenstein, würde es 5 Jahre dauern, bis so viele Menschen es gesehen haben. Dein Blog hatte mehr Besucher als ein kleines Land in Europa!
Die Beschneidungsdebatte um den niedersächsischen Grünen-Landtagskandidaten Ulf Dunkel ist vorerst beendet: Der 50-Jährige zog am Montag die Konsequenzen aus der scharfen Kritik an seinem Gedicht zur Beschneidungspraxis. Dunkel werde im Fall eines Wahlsiegs auf sein Mandat verzichten, sagte Michael Jäger vom Grünen-Kreisverband Cloppenburg am Montag auf dapd-Anfrage. Der Vorstand des Kreisverbands begrüße die Entscheidung. (…)
Dunkel war in die Kritik geraten, nachdem er im Internet ein umstrittenes Gedicht zur Beschneidungspraxis von Juden und Muslimen veröffentlicht hatte. Darin heißt es: „Wetzt das Messer, singt ein Lied, ab die Vorhaut von dem Glied. Kinder können sich nicht wehren, darum müssen sie uns ehren.“ Daraufhin hatte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, mit Empörung reagiert und Dunkels Rückzug gefordert. „Das Machwerk von Herrn Dunkel strotzt nur so vor hasserfülltem Hochmut gegenüber Juden und Muslimen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. / Die Welt
Letzte Chance für ein Skandalpoem im Alten. Aber das Neue ist ja nicht weit. Auf ein Neues!
Blasphemische Anwandlungen befallen den in Religionsfragen* sonst** ehrfürchtigen*** Dichter****, wenn es um Sexualmoral, Lust- und Liebesverbote aus priesterlicher Warte geht. Das berühmte ‚Tagebuch‘ von 1810 feiert zwar die eheliche Treue, aber es zeigt, dass ihr Unterpfand eine ‚Neigung‘ ist, die sich mit ‚Begierde‘ verbindet. Als der Ich-Erzähler seine Braut vor den Altar führt, da kann er sich einer Erektion nicht erwehren: ‚Vor deinem Jammerkreuz, blutrünstger Christe, / Verzeih mir Gott, es regte sich der Iste.’† Zwei Verse, denen man auch theologisch nachlauschen darf: Ist der blutrünstige Christus am Kreuz vielleicht gar nicht identisch mit dem Gott, der hier um Verzeihung gebeten wird? Und stehen hier nicht zwei Menschheitszeichen gegeneinander: das Kreuz und der Phallus? Die Diagnose von Goethes Heidentum bekäme einen handfesten Charakter in so einer religionsgeschichtlichen Lesart.
Unterstützt wird sie durch ein anderes Gedicht, das aus dem Kellerdüster der Fußnoten- und Variantenapparate erst 1990†† gehoben wurde, in Band 3.2 der ‚Münchner Ausgabe‘. Es handelt sich um ein ‚Venezianisches Epigramm‘, das 1790 nicht zu veröffentlichen gewesen wäre. ‚Sauber hast du dein Volk erlöst durch Wunder und Leiden / Nazarener‘, hebt es an, und böser wurde das Wort ’sauber‘ selten verwendet. Es geht um den Fluch der Geschlechtskrankheiten, mit denen Gottes Schöpfung die Menschen geschlagen hat.
/ Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung 18.12.
*)
Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Danach frag ich nicht!
Ob der Koran geschaffen sei?
Das weiß ich nicht!
Daß er das Buch der Bücher sei,
Glaub ich aus Mosleminenpflicht.
Daß aber der Wein von Ewigkeit sei,
Daran zweifl‘ ich nicht;
Oder daß er vor den Engeln geschaffen sei,
Ist vielleicht auch kein Gedicht.
Der Trinkende, wie es auch immer sei,
Blickt Gott frischer ins Angesicht.
Beruf des Storches
Der Storch, der sich von Frosch und Wurm
An unserm Teiche nähret,
Was nistet er auf dem Kirchenturm
Wo er nicht hingehöret?
Dort klappt und klappert er genug,
Verdrießlich anzuhören;
Doch wagt es weder Alt noch Jung
Ihm in das Nest zu stören.
Wodurch – gesagt mit Reverenz –
Kann er sein Recht beweisen,
Als durch die löbliche Tendenz
Auf’s Kirchendach zu ……..
***)
Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge
..Duld‘ ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut.
Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider;
..Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und †.
****)
Vom Himmel steigend Jesus bracht‘
Des Evangeliums ewige Schrift,
Den Jüngern las er sie Tag und Nacht,
Ein göttlich Wort, es wirkt und trifft.
Er stieg zurück, nahm’s wieder mit;
Sie aber hatten’s gut gefühlt,
Und jeder schrieb, so Schritt für Schritt,
Wie er’s in seinem Sinn behielt,
Verschieden. Es hat nichts zu bedeuten:
Sie hatten nicht gleiche Fähigkeiten;
Doch damit können sich die Christen
Bis zu dem Jüngsten Tage fristen.
† Auch ich zitiere gern aus dem Gedächtnis, aber manchmal fällt mir dann was auf. Bei Goethe steht ein „s“ mehr: „Verzeih mir’s Gott“. Mir ist son „s“ wert und teuer. Steht in der Berliner Ausgabe S. 96 (in der Hamburger fehlt wie das „s“ so das ganze skandalträchtige „Tagebuch“, das hatte der Herr des Hauses gewiß in einer bibliophilen Ausgabe zur Hand).
†† Erst 1990? Wohl kaum. Zwar in der Wüste der Weimarer Ausgabe schwer zu finden, war das Gedicht doch in anderen Ausgaben gut lesbar enthalten. Nicht gerade in der Hamburger, mit der in der Bundesrepublik nach 1945 zwei oder drei Germanistengenerationen ausgebildet wurden, eine „saubere“ Auswahl ad usum delphini, aber zB hier: Goethe, Berliner Ausgabe, Bd. 2: Gedichte und Singspiele II, Berlin und Weimar: Aufbau 1966, S. 131.
Speziell gegen den Feuilleton-Journalismus hegt er einen tiefsitzenden Groll: ‚Dem Dichter schwant’s, dem Jornalisten entet’s‘.
/ Die Süddeutsche Zeitung über den Schriftsteller Uwe Dick, der am 21.12. 70 Jahre wurde.
Es gibt auch verlorene Gedichte, schrieb ich vor 13 Jahren in der Beschreibung des Plans meiner Online-Anthologie. Eins verlor sich im Mai 2011. Michael Gawenda hatte auf Facebook ein Gedicht von August Wilhelm Schlegel gepostet und mit einer freundlichen Widmung versehen:
allen nichtshörenden, staatsstolzen germanisten ins zunftbuch, ich liebe eure selbstverliebte, begriffsstutzige nabelschau, jo! heißt naturgemäß ne und ich nehme ausdrücklich aus: micha gratz, jens-fietje dwars und peter geist:
Ich wollte es in meine Anthologie übernehmen, aber es ging verloren. Jetzt ist Micha nicht mehr da, seine Posts schlummern im ewigen Facebookarchiv.
Wechsel der Dynastie in den Philosophen-Schulen
..Erst stand im höchsten Rang das Ich,
Litt Du und Er kaum neben sich,
Und jedes Nicht-Ich schien ihm nichtig;
Das Ich macht‘ alle Dinge richtig.
So schlug es manchen Purzelbaum
Im methaphysisch leeren Raum.
Nachdem es lang von sich gesprochen,
Ward ihm zuletzt der Hals gebrochen.
Der unbarmherzige Begriff
Erdroßelt‘ es mit hartem Griff.
Der lehrt: was wirklich, sei vernünftig;
Das macht ihn bei Philistern zünftig. –
Wer sagt uns, welcher neue Kniff
Vom Thron wird stoßen den Begriff?
August Wilhelm Schlegel (1767-1845)
Während das ganze Land [?] den Tod der Studentin betrauert, die an den Folgen einer Massenvergewaltigung starb, widmete Megastar Amitabh Bachchan ihr ein bewegendes Gedicht, in der Hoffnung, die Welt möge aufwachen und für das Recht und die Würde der Frauen eintreten. Das in Hindi und Englisch veröffentlichte Gedicht des Schauspielers nennt die 23jährige ‚Damini‘ und ‚Amaanat‘:
With the passage of time, the candles shall burn out and lose their flame…
The flowers offered with devotion, shall in the absence of water, get dry and weathered out…
The voices of protest both vocal and silent, shall lose their strength…
But the ‚fearless‘ ( nirbhayata ) fire that has been ignited, shall rekindle the flames in our hearts…
The waterless dry and weathered flowers, shall be brought to life drenched by the tears in our eyes…
With a burning throat the soul of ‚Damini‘ and ‚Amaanat‘, shall be voiced in the entire universe…
That I am the Mother, sister and daughter of my Bharat…
Respect and dignity are my birthright possessions ..
Bharat the country is my Mother…
Forget about me, become at least the recognised worthy face of your Mother..!!
Die Redner auf der Zweiten Internationalen Latifkonferenz aus Anlaß des 269. Todestages des berühmten Sufidichters Shah Abdul Latif Bhittai (1689-1752) diskutierten über die Rolle von Liebe, Frieden, Toleranz, Widerstand, Musik, Geschichte und selbst der Lage der Frauen in Bhittais Gedichten.
Seine Lyrik kann verschieden interpretiert werden, sagte Dr. Fehmida Hussain, Vorsitzende des Amtes für die Sindhisprache. „Ishq [Liebe] ist die Seele seiner Poesie. Manche assoziieren sie mit Rebellion, andere mit Frieden und Toleranz.“
Die nächsten zwei Sprecher zeigten aber, wie unterschiedlich man Bhittais Poesie auslegen kann. „Bhittai gilt in Sindh als Sufi, aber in Belutschistan wird er als Revolutionär verehrt“, sagte Abid Mir, der Lyrik an der Universität von Belutschistan lehrt.
Agar wo hakim jin ke saye main maroo rehte hain
Agar wohi rahzan banjayen to maroo Thar main kya karain?
[Die Herrscher, in deren Schatten das Volk von Thar lebt / wenn es rücksichtslos wird, was bleibt dem Volk von Thar übrig?]
Mir bezieht die Verse auf die herrschende Situation in Belutschistan.
Der Dichter Agha Saleem, der Bhittais Poesie ins Englische übersetzt hat, machte auf die imaginative Qualität seiner Lyrik aufmerksam und las Strophen aus verschiedenen Gedichten vor, die die Vorstellungskraft anregen.
Saleem forderte die Wissenschaftler auf, das Sindh-Erbe in Musik, Instrumenten und Melodien zu bewahren. / Tribune
Der Schwarzwälder Bote sprach mit Matthias Kehle:
Gedichtaufbau, Zeilenanordnung und -zusammenhang verlangen vom Leser aktive „Mitarbeit“, nicht nur bloßen Konsum. Verlocken Sie ihn damit bewusst zum Verweilen und Hinterfragen, oder sind das zeitgeistkonforme methodische Mätzchen?
Ich möchte zum Verweilen und zum Hinterfragen verlocken und hoffe, dass sich so manches vermeintlich „schwierige“ Gedicht in meinen Lesern einnistet und er sich mit all den Rätseln, Hintergedanken, Sprachspielen, die ja sehr bewusst gesetzt sind, beschäftigt. Dann eröffnen sich ihm, so hoffe ich, große Bedeutungs- und auch Erkenntnisräume.
Stark chiffrierte Gedichte mit verwegenen Wortschöpfungen kontrastieren mit Arbeiten, die Sie als Analysten des Alltäglichen, nahezu Banalen am Beispiel der Trilogie „Hotelzimmer“ ausweisen. Wie erklärt sich diese unterschiedliche Vorgehensweise?
Mal ist das Leben banal, mal unerklärlich, mal erfordert ein Gedanke eine Verschlüsselung, um klar zu werden, mal eine Reduktion. Außerdem ist jedes Gedicht ein geschlossenes sprachliches System, das in sich stimmig sein muss. Mal als hermetisches, mal als banales System. Kurz: Jedes Sujet sucht sich seine Form. Und da die Gedichte stark komprimiert sind, sind sie notwendigerweise komplex.
Matthias Kehle: Scherbenballett. Gedichte. Verlag Klöpfer & Meyer Tübingen 2012. Gebunden mit Schutzumschlag. 124 Seiten.16 Euro
Es ist nicht originell, aber auch mir kommt der Literaturbetrieb anödend vor. In ihm herrschen Fleiß und Industrie und ein bisschen Inspiration, aber so wenig, dass jede Werbeagentur damit zusperren müsste. Die Reklame, die der Betrieb unaufhörlich für seine Produkte macht, ist fast schon so langweilig wie die Produkte selbst. Aber warum sollte ausgerechnet meine Arbeitswelt amüsanter sein als die der meisten Menschen? Immerhin hatte ich ein schönes Erlebnis im Literaturbetrieb. Das war, als sich ein bedeutender deutscher Lyriker einer Polemik ausgesetzt fand und er diesen Skandal mit den Worten kommentierte: Diese Polemik hat entweder ein Trottel geschrieben oder ein Österreicher! Schön daran war, dass der bedeutende Mann die Chance demonstrativ nicht genützt hat, den Trottel mit dem Österreicher prinzipiell zu verknüpfen. Aber dass überhaupt »der Österreicher« ins Spiel kam, hat eine spezifische Ursache: In Österreich gibt es stärker als anderswo noch Restbestände von avantgardistischem Gewissen, zum Beispiel in Form skeptischer Vorbehalte gegen »das Erzählen«, mit dem der Literaturbetrieb sein Publikum bedient. Solche Vorbehalte gibt es auch gegen hochtrabende Lyrik, die das Dichten remythologisiert.
Gewiss gibt es selbst in Österreich den Verdacht, dass der Avantgardeanspruch von heute nur aus der stupiden Nachahmung der Avantgarde von früher besteht. Aber es überleben in Österreich Verlage, die die Fahne der Avantgarde hochhalten. So existiert auch dieses schöne Buch: Nicht dass Herbert J. Wimmer ein frommer Avantgardist, ein Avantgardetraditionalist wäre. Aber der numerische Untertitel seiner Gedichtsammlung 99 Gedichte erinnert an die Bibel der österreichischen Lyrik-Avantgarde, an »vierundvierzig gedichte« von Reinhard Priessnitz. (…)
Wimmers Gedicht höre ich beim Lesen: Für mich ist es, als würden die einzelnen Zeilen durch einen jeweils anderen Kanal eines Tonstudios gespielt werden. Es entsteht eine akustische Kathedrale aus Sätzen, Meinungen, Gefühlen, Geräuschen, aus Glück und Unglück. Es ist die Vergegenwärtigung einer verlorenen Zeit, der man ohne Sentimentalität abringen muss, was an ihr lebenswert war. / FRANZ SCHUH, Die Zeit 52
Herbert J. Wimmer:
Grüner Anker. 99 Gedichte.
Klever Verlag, Wien 2012
149 S., 16,90 €
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