I have had to handle quite a few crises during my 25 or so years at the helm of Poems on the Underground. Censorship raised its head when we featured a medieval carol, I Have a Gentil Cock, alongside its 15th-century manuscript. A tube manager queried this ancient double entendre, but dropped his objection when a newspaper decided to run it full-page, double entendre and all. / Judith Chernaik, The Guardian 9.1.
Alle Antworten finden sich hier. Wie viele
Knochen im menschlichen Körper? Genug
einen Archäologen glücklich zu machen.
Sandra Trojan: Ohne Titel. In: S.T.: Um uns arm zu machen. Gedichte. Leipzig: Poetenladen 2009, S. 18.
Ich lese gern alte Texte aus den Frühzeiten der Völker. Man findet da mehr Authentizität als in den tausendsten Aufgüssen. Was nicht heißt, daß ich neue Gedichte generell für Aufgüsse halte. Der Spätere hat es schwerer, zugleich authentisch und originell zu sein, weil soviel schon da war. Aber immer wieder versuchen es manche!.
Vorliegendes Buch heißt Middle English Lyrics. A Norton Critical Edition (zuerst 1974). Das Wort Lyrics muß erklärt werden. Sein Gebrauch für diese Texte, sagt das Vorwort, ist unhistorisch. Die früheste vom OED dokumentierte Verwendung dieses Wortes stammt von Philip Sidney (1554-1586) und stammt aus dem Jahr 1581.
Die Gedichte sind in thematischen Gruppen zusammengefaßt. Gruppe V beginnt mit Merkversen über verschiedene Gegenstände: Welcher Monat hat wieviel Tage? Wie unterscheiden sich die vier Charaktertypen? Ich bleibe hängen an diesem, um das Jahr 1470 offenbar für Medizinstudenten geschrieben:
xxxii teeth that bethe full kene,
cc bones and nintene,
ccc vaines sixty and five,
Every man hathe that is alive.
Zwei Wörter werden erläutert: bethe = are, kene = sharp.
Man kann also übersetzen:
xxxii Zähne die voll scharf sind,
cc Knochen und neunzehn,
ccc Venen [und] fünfundsechzig
Hat jeder lebende Mensch.
Die Fragen scheinen beantwortet: 32 Zähne, 219 Knochen, 365 Venen. Aber stimmt das? Bei den Zähnen ja. Aber dann wird es immer schwieriger. Der erwachsene Körper hat 206 Knochen, lese ich in den meisten Quellen, gelegentlich ist von 206-208 Knochen die Rede. Wie kommen die auf 219?
Vom erwachsenen Körper ist die Rede. Kinder haben um 300 Knochen, heißt es. Die wachsen erst später zusammen, so daß sich die Zahl reduziert. 219 ist also schon ziemlich nah an der Zahl beim Erwachsenen.
Wenn man sich vergegenwärtigt, daß Papst Sixtus IV. 1481 in sein Amt kam und während seiner Amtszeit in einem Erlaß erlaubte, die Leichen von hingerichteten Kriminellen und unidentifizierte Leichen zur medizinischen Forschung oder zu anatomischen Studien für Künstler freizugeben, stellt das Gedicht ein Dokument aus der unmittelbaren Frühzeit der Leichensektion dar bzw. knapp davor. Bis dahin konnte man nur Totgeburten sezieren. Die Zahl 219 dokumentiert eine schon ziemlich genaue Annäherung, die gültigen Ergebnisse der medizinischen Forschung.* Damit bekommt das Gedicht den von Brecht eingeforderten Status eines Dokuments. Reallyrik im wahrsten Sinne des Wortes! (Die Zahl der Adern ist auch heute schwerer zu bestimmen, die Zahlen schwanken beträchtlich).
Ob es sich dabei um Lyrik handelt? Gehören lyrics, Songtexte, zur Lyrik? Manche Puristen lehnen das ab, aber who cares? Oskar Pastior, in seinen Frankfurter Vorlesungen, sprach den Satz „Ich weiß nicht was Lyrik ist“ und unmittelbar darauf ein Gedicht, das man für zu seinem „Krimgotischen Fächer“ gehörig halten mag, wenn er es nicht anschließend erläuterte:
Ich weiß nicht was Lyrik ist.
… Beli Boku
Stisa Flune
Namagalsi Phoschwehklar
Kakazkati – Wackermann: Feconi!
Cuzygalgen! Assel! Brotcryp! …
Es handelt sich um „die formelhafte Schlüsselstelle – oder Eselsbrücke – aus einem ganz frühen Gedicht (April 1955) mit dem Titel „Das periodische System“, der Elemente natürlich. Das mir – private Weltbeschwörung, durch die Fugen eben einer Eselsbrücke – den Absprung von der Hermannstädter Baufirma ins Bukarester Universitätsgedümpel plausibel machen wie erscheinen lassen sollte.“
Oskar Pastior: Das Unding an sich. Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp 1994, S. 14f.
Das Gedicht mit Nutzwert („Poesie als Sachbuch“, schreibt Pastior), die Reihenfolge der Elemente – Beryllium, Lithium, Bor, Kupfer, Beli Boku, Stickstoff, Sauerstoff, Stisa und so weiter – und zugleich private Weltbeschwörung. Oskar Pastior schrieb und publizierte damals auch ganz andere Gedichte: „Als der neue Hochofen fertig war, wurde er angeblasen, und nun liefert er / Roheisen, Charge um Charge. / Nichts ist verwunderlich dran, aber alles ist / wunderbar, denn seit jenem, unserem glühenden August / vollziehen die Menschen in unserem Land / selber die Wunder der Ordnung (…)“. (In: „… sage, du habest es rauschen gehört“. Werkausgabe Bd. 1. München Wien: Hanser 2006, S. 39). Aber in dem privaten Memoriervers – so etwas in Rumänien zu veröffentlichen wäre völlig unmöglich gewesen – erfand er sich als der Dichter, der er wurde. Die Frage, ob das Lyrik ist, ist irrelevant und in die Irre führend. Vielleicht war es in den Frühzeiten des 15. Jahrhunderts anders, und man mußte nur aufschreiben und es war immer gleich Poesie. (Ovids Liebeskunst war ja auch ein Sachbuch!). Jetzt, Schiller hat es beschrieben, kann man sich nur aus der Distanz definieren – oder sich neu erfinden. Die soz-realistischen Gedichte waren bloße Reproduktion erwünschter Weltmodelle, im Spiel des Memorierverses ersteht Poesie. Und für mich kobolzen die Verbindungen, wenn ich den namenlosen alten Engländer lese und grad bei Sandra Trojan Spuren aus einem Buch von Bertram Reinecke aufsuchte (sein Gedicht, von dem ich mich auf die Spur setzen ließ, heißt „Für Archäologen“). Lyrik, das ist, wenn Verbindungen hergestellt werden.
Für Leute, die glauben, in einer wissenschaftlichen, kritischen Textausgabe bekämen sie zu lesen, was der Dichter wirklich aufgeschrieben hat, setze ich unter den Strich den Text und die Beschreibung aus DIMEV, dem Digital Index of Medieval Verse, zur Verdeutlichung noch einmal den edierten Text dazu.
Jan Egge Sedelies ist Organisator des hannoverschen Poetry Slams. Sein Gedichtband „Niemals so ganz“ wurde in den Medien hoch gelobt. Costa Carlos Alexander ist DJ und Produzent von elektronischer Musik. (…) Gemeinsam sind sie die „Beatpoeten“ und Sonnabend, 12. Januar, ab 21 Uhr in der „Lauschbar“ zu Gast.
Sie kombinieren Dichtung und Techno, um deutsche Lyrik weiterzuentwickeln, ihr eine moderne Form zu geben, sie tanzbar zu machen. Dabei sehen sie sich in der Tradition der amerikanischen Beatpoeten der fünfziger Jahre, die ihre Gedichte und Kurzgeschichten mit zeitgenössischem Jazz und Bebop vermischten, genauso wie die ersten Rapper, die in den Siebzigern Spoken-Word-Lyrik zu Funk und Soul brachten. / shz.de
Lesung Konstantin Ames
Montag 14.01.13, 19:30
Raum 308
Lesereihe in der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden
Wettiner Platz/Schützengasse
Eintritt frei
Die Lyrica oder getichte die man zur Music sonderlich gebrauchen kan (…) Martin Opitz, 1624
Lyrik (griech. Lyra = Leier): Einheit von Wort, Rhythmus, Metrum, Melos, zur Lyra gesungen. „Die enthusiastisch aufgeregte Naturform der Poesie“ (Goethe, Noten zum Divan). Hermann Pongs, 1954.
Ich weiß nicht was Lyrik ist. Oskar Pastior, 1994.
Quellen
Wie verhindert man Schulmassaker? Weniger Waffen, sagen viele. Mehr Waffen, sagt die Waffenindustrie. Tausende Amerikaner folgten dem Ruf und besorgten sich automatische Waffen, bevor es eventuell doch eingeschränkt wird.
Eine Highschool in San Francisco ging jetzt anders vor und suspendierte eine Schülerin, die ein Gedichte über den Anschlag von Newtown schrieb. Das Gedicht verstoße gegen die Schulpolitik gegenüber Gewaltdrohungen. Der Psychiatrieprofessor Ronald Pies hat es gelesen und findet, daß es keine gewalttätige Auflehnung enthalte, geschweige denn Drohungen gegen Mitschüler. Er hält es für einen normalen Ausdruck der Phase des Heranwachsens. Wenn sie schreibt, „Wenn du dich nicht geliebt fühlst, haßt du die Welt“ drücke sie nichts aus als die normale Entfremdung zigtausender junger Menschen. In dem Gedicht versuche sie ihren persönlichen Frust auszudrücken und die Motive des Todesschützen zu verstehen, ohne selber mit Gewalt zu drohen.
Wir wären gut dran, schreibt er, wenn mehr einsame und entfremdete Jugendliche ihre Gefühle in Gedichten ausdrückten und weniger in Gewaltakten. Man brauche jetzt nicht Profiling und Checklisten gegen „auffällige“ Schüler, sondern ausgebildetes Personal, das reale Gewaltdrohungen erkennen könne. Das koste zwar Geld, sei aber effektiver als bewaffnete Wachen in jeder Schule. / PsychCentral
„I understand the killings in Connecticut. I know why he pulled the trigger,“ wrote Courtni Webb in a poem that was not turned in for an assignment, but was found by a teacher and then given to the school’s principal. „Why are we oppressed by a dysfunctional community of haters and blamers?“
Webb, a senior at the Life Learning Academy on Treasure Island, told ABC San Francisco that the poem was just her way of expressing herself. „The meaning of the poem is just talking about society and how I understand why things like that incident happened. So it’s not like I’m agreeing with it, but that’s how the school made it seem,“ she said. „For example, the only person I can think of would be like Stephen King. He writes weird stuff all the time. That doesn’t mean he’s going to do it or act it out.“ / Huffington Post
Zum 15. Mal wurde am Samstag der renommierte Literaturpreis Irseer Pegasus verliehen. Der Preis ist mit insgesamt 3.500 € dotiert. Erster Preisträger ist Harald Jöllinger aus Wien. Mit „Es rötet mir“ zeigt Jöllinger große stilistische Könnerschaft, die höchste Beklemmung erzeugt. Im inneren Monolog spricht ein Patient, an dem gegen Ende des 2. Weltkriegs medizinische Versuche vorgenommen werden. Den zweiten Preis erhält Kerstin Becker aus Dresden. Knapp, unsentimental und in eindringlichen Bildern entfaltet sie in ihrer Lyrik Szenen einer DDR-Kindheit. Helmut Glatz aus Landsberg am Lech überzeugte mit Gedichten über die bayerisch-schwäbische Provinz. Die Widerständigkeit des lyrischen Ichs beeindruckte und brachte ihm den 3. Platz. Den vom Verband deutscher Schriftsteller (VS) gesponserten Jurypreis erhielt der aus Russland stammende, heute in Bonn beheimatete Daniel Ableev für einen experimentellen Computertext mit dem Titel „Über die Selektronik“. Die feierliche, öffentliche Preisverleihung des von der Schwabenakademie veranstalteten Treffens fand in Kloster Irsee statt. / Mehr
Der Kulturpreis Gouden Ganzenveer (dt. Goldene Gänsefeder) geht 2013 an den niederländischen Dichter und Schriftsteller Ramsey Nasr. Er erhält den Preis aufgrund seiner Vielseitigkeit. …
Ramsey Nasr, 1974 als Sohn einer Niederländerin und eines Palästinensers in Rotterdam geboren, debütierte erst 2000 mit dem Sammelband 27 gedichten & Geen Lied als Dichter. 2005 wurde er zum Stadtdichter von Antwerpen (Flandern, Belgien) benannt und seit 2009 trägt er den Titel Dichter des Vaderlands. …
Die Akademie De Gouden Ganzenveer verleiht den Preis an Ramsey Nasr, weil es ihm gelingt „sich vieler Stile zu bedienen. Gerade weil dieses Phänomen nicht durch die klassischen Literaturpreise ausgezeichnet wird, ist die Akademie der Meinung, dass er für die Gouden Ganzenveer in Betracht kommt.“ / NiederlandeNet, Uni Münster
Die Wellen schlagen wieder einmal hoch. Soviel Bekennermut. Was gesagt werden muß. Was man noch sagen dürfen muß. (Daran erkennt man sie ja, sie brauchen eine Erlaubnis.) Und dann lacht er uns noch aus. Da, schon wieder! Abwechselnd bei Springer, typisch! und den Linksradikalen:
Sind so kleine Deutsche
Von Wiglaf Droste
Ich höre sie jammern,
sie dürften als Deutsche
in Deutschland nichts gegen
Israel sagen.Das dürfen sie aber,
es tun auch fast alle,
und können dann nicht mal
ein Echo vertragen.Das Schlimmste an all dem
Germanengegreine:
Man kriegt nicht nur Gallen-,
sondern auch Aug- und Martensteine.(Aus: junge Welt 8.1.)
Victor Jara war ein Volkssänger, der den Ton einer Zeit traf, die Veränderung wollte. ‚Ich singe nicht, um zu singen‘, sang Victor Jara. Das Singen müsse einen Sinn haben. Den Sinn sah er in der Veränderung sozialer Ungerechtigkeit in Lateinamerika, da war er sich einig mit dem Dichter Pablo Neruda, dessen Gedichte er vertonte. Als die Chilenen 1971 eine linkssozialistische Regierung unter Salvador Allende wählten, wurde Jara so etwas wie der offizielle Sänger des Landes. Er tourte durch die Welt, wurde ein Star mit seiner sanften Stimme und den weichen, durchdringenden Augen, die ihn zum Frauenschwarm machten. Nach dem Putsch des Generals Augusto Pinochet gegen Allende 1973 wurde Jara verhaftet. Man brachte ihn ins Estadio Chile, ein Stadion in Santiago, wo 5000 Putschgegner gefangen gehalten und gefoltert wurden.
Was er sah, beschrieb Jara im Stadion in seinem letzten Gedicht: ‚Sie führen ihre Pläne mit der Präzision von Messern aus. Ihnen ist alles gleich. Für sie ist Blut wie ein Orden, Schlächterei eine Heldentat.‘ Er beschrieb die Qualen seiner Mitgefangenen: ‚einer geschlagen, wie ich nie geglaubt hätte, dass ein Menschenwesen geschlagen werden kann‘. Schließlich kam er selbst an die Reihe. Seine Peiniger brachen ihm die Hände, damit er nicht mehr Gitarre spielen konnte. Am Ende töteten sie ihn mit 44 Schüssen, so viele hielten sie für nötig, um einen Sänger zum Verstummen zu bringen. / Sebastian Schoepp, Süddeutsche Zeitung 31.12.
Jetzt, fast 40 Jahre später, wurde Haftbefehl gegen einen der Mörder erlassen. Er ging 1990 in die USA und ist jetzt untergetaucht.
Zum Ende des Jahres fanden Kühn und Lux dann eine Investorin, die vorerst ungenannt bleiben will. Aus der auf Christian Lux eingetragenen Personengesellschaft wird noch im Laufe dieses Monats eine GmbH, jeder der zukünftig drei Gesellschafter hält dann ein Drittel der Anteile, Kühn und Lux werden Geschäftsführer.
Davon, dass der gemeinsam gefasste Plan aufgeht, sind Kühn und Lux überzeugt. „Wir haben immer auf das gehofft, was jetzt möglich ist.“ Luxbooks’ neuer Teilhaberin liege die Lyrik besonders am Herzen, sie habe das Programm von Anfang an verfolgt. Mehr noch: Sie hätte nie in einen Verlag investiert, der keine Lyrik herausbringe. Die Geldgeberin weiß also, worauf sie sich einlässt – auf das, was Lux das „Hochrisikounternehmen“ nennt, das ein Verlag heutzutage nun einmal sei, ein kleiner Verlag mit einer Vorliebe für Gedichtbände erst recht.
(…) In diesem Frühjahr kommt zudem „Re-Print“ heraus, eine Anthologie, die sich mit der literarischen Appropriation beschäftigt, einer lyrischen Richtung, die sich fremde Texte aneignet und erhellende Verfremdungseffekte erzielt, indem sie das Ausgangsmaterial fast nicht verändert, aber in irren Kombinationen neu zusammenstellt oder von einem Text nur die Satzzeichen stehenlässt. Es ist die in aller Welt erste Anthologie der Bewegung, mit mehr als 500 Seiten und 400 farbigen Abbildungen, an denen Kühn und Lux zusammen mit der Herausgeberin seit anderthalb Jahren arbeiten. / Florian Balke, FAZ
In der Tageszeitung junge Welt Kai Pohls „große Literaturzeitschriftenrundschau“. Darin u.a.:
Edit
Kompliziert wird der Spaß im Ecopoetics genannten einzigen Lyrikteil des Heftes. Hier sinniert Forrest Gander über die müßige Frage, ob Dichtung ökologisch sein kann, und Anja Utler stolpert über poetisch-ökologische Aufbruchskanten. Schön, daß zum Ende wenigstens Gary Snyder »kalte Schneeschmelze aus einem Alubecher« trinkt.
Krachkultur
Mit dem Abdruck des Essays »Pornographie in Norwegen von der Wikingerzeit bis heute« des norwegischen Anarchisten Jens Bjørneboe beweist Krachkultur, daß Zeitschriftentexte einen Anspruch auf Exklusivität haben. (…) Beim Lesen des erwähnten Essays aus dem Jahr 1967 entsteht der Eindruck, »als würde der Autor über die psychosexuelle Gesinnungslage des Utoya-Attentäters oder des durchschnittlichen NPD-Anhängers von heute berichten« (aus der Pressemitteilung).
Krautgarten
In der eher des Antifaschismus verdächtigen Zeitschrift Krautgarten, dem Organ der »deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens«, finden sich in der Novemberausgabe Gedichte des bekennenden Rechten (…) Martin Mollnitz alias Heino Bosselmann. In einer Polemik, die der Freitag am 6. Mai druckte, machte der Autor kurzen Prozeß mit der »neuen Lyrik« (oder dem, was er dafür hält): Sie sei das »Diktat des Mittelmäßigen«, ein »Übermaß an hohlem Geräusch«, »armseliges Gedöns« etc. Mollnitz’ Gedichte im Krautgarten belegen, daß sie selbst an den von ihm beklagten Mißständen leiden. Augenfällig ist die »bemühte Naturlyrik«: »über kahlem feld … nebel überall nebel … das wiehern verendender pferde / und raben raben raben … die krähen haben die äcker für sich … es nebelt nur so … die aale ziehen flußabwärts«, etc.
Nicht nur zahlreiche Leser, auch manche Verfasser von Gedichten begreifen Lyrik als ein Medium für den entrückten, gehobenen Sprachgebrauch. Im Krautgarten manifestiert sich das in der Hälfte aller Gedichtbeiträge, wo in beinahe jedem Poem das Wort Himmel auftaucht, und fehlt der Himmel, dann sind es wahlweise das Blau, die Wolken, die Sonne, das Licht bzw. Firmament, Horizont, Äther, Abglanz, Geblitz, Leuchten etc. Manches geht aber gut los. So läßt der frischgekürte Walter-Bauer-Preisträger André Schinkel in seinem Dreiteiler »Die Dünung des Leibs« zwei Wesen »übereinander herfalln«, bis »die Nippel glühn«, bis – leider, leider – die Verse »An den Gebresten / Der Tage« versanden.
Randnummer
Sehr schön ist jedenfalls das Interview »Nein« von Mara Genschel, der »wohl erste[n] und einzige[n] Textnegatorin deutscher Sprache«. Das Problem der Randnummer besteht in ihrem Gewicht: 530 Gramm* bei 256 Seiten, die allerdings sehr großzügig gesetzt und aus schwerem Bilderdruckpapier sind, so daß sich durchaus Einsparpotential ergeben hätte!
Signum
Gewidmet ist es dem 1992 freiwillig aus dem Leben gegangenen Schriftsteller Manfred Streubel. Für den unbefangenen Leser bleibt es ein Rätsel, wieso Streubel, weder »Dissident« noch »Mitläufer«, als »Außenseiter« bezeichnet wird; derselbe Streubel, der Anfang der 1950er Jahre, nach einem Volontariat bei der jungen Welt, als Redakteur der Kinderzeitschrift Frösi tätig war; derselbe Streubel – Hausautor beim Mitteldeutschen Verlag, ein gutes Dutzend Bücher, diverse Preise, Mitarbeit beim Film, Lyrikvertonungen, mehrere aufgeführte Theaterstücke, der den Text zum Lied der jungen Naturforscher schrieb – vielleicht ein früher Fall von Ecopoetic!
Hefte für Neue Prosa
Darin findet sich u.a. ein spannendes Gespräch, das Florian Neuner mit Jürgen Ploog führte. Der Altmeister der deutschsprachigen Cut-up-Literatur gibt darin zu bedenken: »Es gibt kaum Verlage, die sich um Abseitiges, Unangepaßtes kümmern, kaum Zeitschriften, die sich Andersartigem annehmen. Die deutsche Mentalität neigt dazu, sich romantisch zu stilisieren. Sie will anders und dagegen sein, ohne das zu artikulieren und sich dazu zu bekennen.«
Der Basler Lyrikpreis wird jährlich vom Verein Internationales Lyrikfestival Basel verliehen. Er zeichnet ein Werk aus, das die zeitgenössische Lyrik mit neuen Impulsen bereichert und mit Konsequenz und Originalität sowie einem hohen formalen und ästhetischen Anspruch überzeugt.
Der Basler Lyrikpreis ist mit Fr. 10’000 dotiert und wird mit freundlicher Unterstützung der GGG Basel vergeben.
Der Basler Lyrikpreis 2013 geht an Elisabeth Wandeler-Deck
Elisabeth Wandeler-Deck entwirft in ihren Gedichten neue Sprachräume, mit deren Inventar sie Erlebniswelten erkundet und vermisst. Sie gibt die Sprache, mit der wir vertraut sind, nicht auf, aber sie verschiebt und verdichtet deren Gesetze und Regeln von Zeile zu Zeile, von Text zu Text. Ihr lyrisches Werk steht dabei in engem Zusammenhang mit musikalischen Ausdrucksformen. Elisabeth Wandeler-Deck publiziert seit gut dreissig Jahren regelmässig und hat neun Gedichtbände veröffentlicht.
Bisherige Träger des Basler Lyrikpreises
2012 Klaus Merz
2010 Werner Lutz
2009 Felix Philipp Ingold
2008 Kurt Aebli
Grusswort: Thomas Schmid, Vorsteher GGG
Laudatio: Wolfram Malte Fues
Aus: Geschichten und Lieder der Afrikaner. Ausgewählt und verdeutscht von A. Seidel, Sekretär der Deutschen Kolonialgesellschaft, Herausgeber der Zeitschrift für afrikanische und ozeanische Sprachen. Berlin: Verein der Bücherfreunde. Schall & Grund, (1896), S. 39-41.
7 von 32 numerierten Sprichwörtern (die in Klammern hinzugefügten Erläuterungen habe ich weggelassen).
3. Seine Katze ist ein Kamel.
6. Zwanzig sind bei Nacht neun.
10. Sie haben ein „Wenn“ auf ein „Vielleicht“-Feld gesät, und es ist ein „Nichts“-Baum gewachsen.
14. Wenn dein Freund von Honig ist, lecke ihn nicht ganz auf.
18. Wer’s nicht kennt, sagt, es sind Linsen.
24. Verdorbene Augen sind besser als Blindheit.
29. Thue Gutes und wirf es ins Meer.
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