49. Stadt der toten Dichter

Eine Reise nach Czernowitz, ukrainisch Tscherniwzi, beginnt in der eigenen Bibliothek. Kaum eine Provinzstadt hat so viele Dichter und Denker hervorgebracht wie die alte Hauptstadt der Bukowina: Die Lyriker Paul Celan und Rose Ausländer, auch der berühmte Biochemiker und Essayist Erwin Chargaff wurden hier geboren, die Schriftsteller Karl Emil Franzos und Mihail Eminescu sowie der Psychoanalytiker Wilhelm Reich gingen hier zur Schule. Nicht umsonst wird die Stadt am Pruth als „Stadt der toten Dichter“ bezeichnet. (…)

Mit Beginn der österreichischen Herrschaftsperiode wurde eine Einwanderungspolitik in Gang gesetzt, die eine beispiellose Völkervielfalt mit sich brachte. Vor allem Deutsche, Juden, Armenier und Ungarn ließen sich in der bis dahin überwiegend von Ukrainern und Rumänen besiedelten Gegend nieder. Der Aufstieg von Czernowitz vom abgelegenen Provinznest zur multiethnischen Großstadt erfolgte in beachtlichem Tempo und endete erst 1918 mit dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. (…)

Wie entleert und seelenlos muss dieses Czernowitz gewesen sein, nachdem man* die Juden, Roma, Rumänen und Polen deportiert, versklavt und ermordet, die Deutschen „heim ins Reich geholt“ hatte. / Georg Christoph Heilingsetzer, Die Welt

*) vornehm gesagt. Wikipedia sagt (übrigens auch mit einem merkwürdig passivischen Akzent):

Am 28. Juni 1940 wurde die Stadt von der Sowjetunion besetzt, der Großteil der deutschen Bevölkerung wurde nach Verhandlungen mit Deutschland anschließend „Heim ins Reich“ geholt. Von 1941 bis 1944 gehörte Czernowitz wieder zu Rumänien, das mit dem Dritten Reich verbündet war. In dieser Zeit kam es zur Ermordung und Deportation eines großen Teils der jüdischen Gemeinde. Als 1944 die Rote Armee die Stadt erneut einnahm, wurden die noch verbliebenen deutschen Bewohner der Stadt vertrieben, auch ein Großteil der rumänischsprachigen Bevölkerung verließ Czernowitz. Es siedelten sich nun tausende Ukrainer und Russen in der Stadt an. Die ehemals deutschsprachige Kultur der Stadt verschwand fast vollständig.

Die ukrainische Fassung ergänzt:

Während der sowjetischen Periode verschwanden die Deutschen und Polen, sank die Zahl der Rumänen (17%), Juden und stieg die Zahl der Ukrainer (62%) und Russen (11%).

Muttersprache, nach der Volkszählung von 2001:

  • Ukrainisch – 79,2%,
  • Russisch – 15,27%
  • Rumänisch / Moldovan – 4,34%
  • Polnisch – 0,12%
  • Hebräisch (?? „єврейська“ evtl. auch Jiddisch?) – 0,11%
  • Weißrussisch – 0,09%
  • Armenisch – 0,05%
  • Bulgarisch – 0,03%
  • Deutsch – 0,03%
  • Gypsy – 0,02%
  • Ungarisch – 0,01%

Die deutsche Version hat leider keine Liste berühmter Bewohner der Stadt. In der ukrainischen heißt es:

Berühmte Einwohner der Stadt (vor dem Krieg, 1941):

Die deutsche Dichterin Rose Ausländer (1901-1988), der österreichische und rumänische Historiker Daniel Verenko (1847-1940), der deutsche Dichter, Romancier, Dramatiker, Übersetzer, Journalist, Schauspieler George Drozdowsky (1899 – 1987), der deutsche Dichter Paul Celan (1920-1970 ), der Biochemiker Erwin Chargaff (1905-2002), der jüdische (jiddische) Schriftsteller Itzik Manger (1901-1969), die rumänische Pianistin Karol Mikuli (1821-1892), der deutsche Schriftsteller und Journalist Gregor von Rezzori (1914-1998), der jüdische Schriftsteller Elizer Shtaynbarh (1889-1932), die ukrainischen Schriftsteller Yuri Fedkovich (1834-1888) und Olga Kobylyanskaya (1863-1942).
In Czernowitz arbeitete der rumänische Dichter Mihai Eminescu (1850-1889), der Schriftsteller und Journalist Karl Emil Franzos (1848-1904), der Dichter und Übersetzer Alfred Margul-Sperber (1898-1967), der Dichter Moses Rosenkranz (1904-2003), der Tenor Joseph Schmidt (1904-1942) und der Wirtschaftswissenschaftler (damals Finanzminister) Joseph Schumpeter (1883-1950).

Berühmte Einwohner der Stadt in der Nachkriegszeit (1941)

Vladimir Ivasyuk – 1949-1979 – ukrainischer Komponisten und Dichter. Held der Ukraine;
Ivan Mykolaychuk – 1941-1987 – ukrainischer Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor;
Dmitry Hnatiuk – ukrainische Opernsängerin (Bariton);
Sofia Michailowna Rotaru – Sängerin;
Arthur Kogan – Schachspieler, Großmeister.

Die englische Fassung nennt:

Many well-known historical figures were born in the city, including poet and writer Paul Celan, actress Mila Kunis, musician and essayist Roman Vlad and Selma Meerbaum-Eisinger, the former Speaker of the Parliament Arseniy Yatsenyuk, anarchist political activist Zamfir Arbore, and the Vienna Secession artist Oskar Laske. Many other famous people lived and worked in the city, such as Ukrainian national poet Ivan Franko, the first President of Ukraine Leonid Kravchuk, Romanian national poet Mihai Eminescu, Yiddish actress Sidi Tal, novelist Aharon Appelfeld, Eudoxiu Hurmuzachi, Aron Pumnul, Ciprian Porumbescu, Ion Nistor, Gala Galaction, economist and political theorist Joseph Schumpeter, jurist and sociologist of law Eugen Ehrlich, Nikolai Vavilov, Abraham Goldfaden, Ruth Wisse, and Avigdor Arikha.

Die rumänische nennt u.a. bemerkenswert viele weitere deutsch- und anderssprachige Autoren:

Moisei Fișbein (n. 1947), Alfred Gong (geboren als Alfred Liquornik) (1920–1981), Alfred Kittner (1906–1991), Dan Pagis (1930–1986), Gregor von Rezzori (d’Arezzo; 1914–1998), James Immanuel Weissglas, auch bekannt als Ion Iordan, (1920–1979), Hermann Bahr (1863-1934), Isaac Schreyer, auch Herbert Urfahr (1890 – 1948), Eliezer Steinbarg (1880–1932).

48. In Augenschein

Morgen beginnt Fixpoetry mit einer neuen Reihe, die in regelmäßigen Abständen erscheinen wird:  IN AUGENSCHEIN, Gespräche über anonymisierte Texte von und mit Tobias Roth.

Tobias Roth stellt Autoren vier Gedichte vor, Titel und Autor bleiben verdeckt. In einem gemeinsamen Gespräch über die Texte, versucht der befragte Autor den Autor des Gedichtes zu ermitteln. Um Sie selbst zum Nachdenken anzuregen, finden Sie die „Lösung“ dann immer via Link in der Rubrik FIXative in unserem Feuilleton.

Erster Gast dieser Reihe ist Asmus Trautsch. Asmus Trautsch, 1976 in Kiel geboren, ist ein Lyriker mit feinen Ohren, ein Komponist mit scharfem Sprachgefühl. Bereits 1994, 1996 und 1997 Teilnehmer am Treffen junger Komponisten auf Schloss Weikersheim, konnte er in den letzten Jahren seine Vorliebe für Schlossstipendien im brandenburgischen Wiepersdorf und im stuttgarter Solitude fortsetzen. Die Spannweite seiner Studien und Arbeiten lässt das nur berechtigt erscheinen: 2003 gründete er nicht nur den Verein Klangnetz, sondern auch den Lunardi Verlag, den er gemeinsam mit Bettina Hartz bis 2010 leitete. Er studierte an der Universität der Künste Berlin, der Humboldt-Universität und dem University College London Philosophie, ältere und neuere deutsche Literatur sowie Komposition. Sein lyrisches Debut Treibbojen erschien 2010 im Berliner Verlagshaus J.Frank.

Der Fülle des lyrischen Textes steht die besonders hingegebene Lektüre gegenüber. Wie es den Text zu neuen, erleuchtenden Wortverbindungen treiben kann, wenn er sich den Spielen, Zwängen und Anforderungen eines lyrischen Einfalls hingibt, so kann auch die Lektüre durch Beschränkung in neue Richtungen wachsen: und an Aufmerksamkeit gewinnen, wenn die Sicherheit gewohnter Fangnetze fehlt. In dieses Wagnis will sich die Reihe Augenschein begeben, indem sie im Gespräch mit Lyrikern über Lyrik Namen und Titel verdeckt. Der blinde Fleck über dem Namenszug der Autoren soll einen freieren Blick auf das erlauben, was die Signatur ihrer Texte ausmacht. Da geht es um Stile, mehr als um Inhalte; gerade deshalb geht es um Beobachtungen und nicht um Wertungen. Kein Quiz, sondern ein Spiel, dessen Regeln sich im Moment erst formen. Nur das Material ist gegeben und älter als wir. Wir bleiben familiär, wir wollen spazieren, die Augen, Ohren und Hirne weit aufsperren. Deutlichkeit und Lösung können dabei selbstverständlich nicht in unserem Interesse liegen. (Tobias Roth)

47. Gedicht für Millionen

Robert Frost machte den Anfang bei der Amtseinführung Präsident Kennedys 1961. Dann gab es eine lange Pause – erst Bill Clinton 1993 (Maya Angelou) und 1997 (Miller Williams) nahm wieder Lyrik ins Feierprogramm auf, Barack Obama machte es nach und ließ 2009 Elizabeth Alexander auftreten und bei seiner zweiten Amtseinführung am 21.1. wird der kubano-amerikanische Lyriker Richard Blanco ein Gedicht vortragen. Neben Popgrößen wie Beyoncé (sie wird die Nationalhymne singen), Kelly Clarkson („My Country, ‚Tis of Thee“) und James Taylor („America the Beautiful“) tritt so die Stimme der Poesie. Vielleicht ist es ja nunmehr eine Tradition, der sich auch republikanische Präsidenten nicht entziehen werden? Hierzulande spielt die Amtseinführung von Präsident oder Kanzler kaum eine Rolle und auch viele Lyrikfreunde sehen die Inaugurationspoeme eher skeptisch. Dabei hat es etwas Einmaliges, wie Ron Charles in der Washington Post schreibt, nicht nur für die auserwählten DichterInnen, sondern für die Lyrik insgesamt: „Dutzende Millionen Menschen in der ganzen Welt werden einem Gedicht zuhören. Für viele wird es das einzige bleiben für die nächsten vier Jahre.“

46. Auf Die Kakke Haun

Dann Haben Beide Auf Die Kakke Gehaun
Das Hat Wohl Weit Gespritzt Aber
……Es Ist Nichts Dabei Herausgekommen

Aus: Nachricht 19hundert Unferbindlich, in: Bert Papenfuß-Gorek: dreizehntAnz. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1988, S. 68.

45. Gipfel

22:30 Uhr BR alpha

20 Jahre „Das Gedicht“
Internationales Gipfeltreffen der Poesie
1993 gründete Anton G. Leitner die Zeitschrift „Das Gedicht“ – Seitdem hat sich seine Jahresschrift aus Weßling, dem „Hauptdorf der deutschen Poesie“, zu einem zentralen Forum für zeitgenössische Poesie im deutschen Sprachraum entwickelt. Im Oktober 2012 feierte „Das Gedicht“  im Literaturhaus München den 20. Geburtstag. Beim „Internationalen Gipfeltreffen der Poesie“ ließen 60 Dichter aus vier Nationen zwei Lyrikjahrzehnte Revue passieren, darunter namhafte Schriftsteller wie Friedrich Ani, Ulrike Draesner, Helmut Krausser, Franz Xaver Kroetz, Paul Maar, Matthias Politycki, Said, Robert Schindel und viele andere*

*) nicht so namhafte

44. Lyrikdebüts des Jahres

Mit Anne-Marie Kenessey (Autorin, Zürich), Dagmara Kraus (Autorin, Beaumont-les-Autels), Hans Unstern (Musiker und Autor, Berlin), Levin Westermann (Autor, Biel)
Kurator und Moderator: Christian Metz (Kritiker und Literautrwissenschaftler, Frankfurt/ Main)

Vier der Autoren und Autorinnen, die im letzten Jahr erstmals mit einem eigenen Lyrik-Band an die Öffentlichkeit traten, werden von Christian Metz an diesem Abend vorgestellt. Es sind die wichtigsten Lyrikdebüts des Jahres 2012. Die Dichter sprechen über ihre Arbeit und lesen aus ihren Texten.
Anne-Marie Kenesseys (*1973 Zürich) Debüt »Im Fossil versteckt sich das Seepferd vor dir« erschien in der Edition Klaus Isele. Die NZZ sprach von »virtuosem Wortgestöber« und staunte über die »ungewöhnliche Vielfalt, über den Formwillen« und die »spielerische Attitüde« dieser Gedichte.
»kummerang«, der Erstling von Dagmara Kraus (*1981 Breslau, Polen), 2012 bei kookbooks erschienen, ist »sommerlich heiter und klangsatt« (poetenladen.de). Die Gedichte zeichnen sich aus durch »eine geradezu lexikalische Lust an Sprache« (fixpoetry.com).
Der Musiker und Dichter Hans Unstern (Berlin) debütierte im Merve Verlag mit dem Band »Hanky Panky Know How«. Das Buch enthält, neben den Gedichten, Liedtexte der CD »Kratz Dich Raus«. Der Tagesspiegel spricht im Zusammenhang mit Unstern von der »besseren Lady Gaga«, und Die Zeit nennt ihn den »wohl talentiertesten Skeptiker im deutschen Songwriterpop«.
Levin Westermanns (*1980 Meerbusch) erstes Buch »unbekannt verzogen« erschien bei luxbooks. »Er schreibt Gedichte, in denen sich ein Ich auf sein Verschwinden vorzubereiten scheint.« (Michael Braun); es handle sich um »Protokolle eines imaginären Gangs in die Abgeschiedenheit«. Westermann gewann 2010 den Lyrikpreis des open mike.
Die Auswahl der Autoren für diesen Abend übernahm der Literaturwissenschaftler und Kritiker Christian Metz.
Im Anschluss an die Veranstaltung wird es einen kurzen musikalischen Soloauftritt von Hans Unstern geben.

Mit freundlicher Unterstützung durch Pro Helvetia – Schweizer Kulturstiftung.

28.02.2013 20:00 Uhr – Literaturwerkstatt Berlin

43. Punkt

Das Reimschema spielt keine Rolle, es muss sich auch gar nicht reimen – Gedicht ist, was gefällt. Punkt.

/ Mindener Tageblatt

42. Hautnah

Lyrik-Wettbewerb „Hautnah“

Das Online-Voting

Wir haben Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, uns ihre Gedichte samt Präsentation auf DVD oder CD vorzustellen. Gesucht war eine Kombinationsleistung aus Text und Darstellung.

Aus den mehr als 150 Einsendungen hat die Literaturredaktion die zwanzig besten ausgewählt. Fünf davon erhalten 2013 eine Auftrittsmöglichkeit im RadioKulturhaus. Und einen Platz davon bestimmen SIE! Die Bewerbung mit den meisten Votings wird ins RadioKulturhaus geladen. Die vier weiteren Plätze werden von einer Fachjury bestimmt.

Jetzt sind SIE am Wort

  • Zur Abstimmung müssen Sie eingeloggt sein.
  • Sie können nur eine Stimme abgeben.
  • Die Abstimmung läuft bis zum 13. Jänner 2013.

Gedichte von Hermann Niklas, Martin Klaus M. Menzinger, Petra Ganglbauer, Valerie Fritsch, Christoph Szalay, Gudrun Egger, Ludwig Reiter, Julia Trompeter, Xaver Römer, Markus Köhle, Carolina Schutti, Thomas Havlik, Fritz Triendl, Robert Streibel, Heidi Prüger, Angela Flam, Jörg Zemmler, Johann Reißer, Martina Sens u.a.

/ ORF

41. Nichtgedicht

Gedicht zum Gedicht

Mehr als ein Gedicht
ist beispielsweise: Kein Gedicht,
denn das Nichtgedicht lebt
als sanfte Lauheit der Inspiration:
Umweltgefühl
des Tropfens im Wasser.
Der Leib fühlt sich geborgen.
Das Herz fühlt nichts.
Die Waage ist ausgeglichen.
Das Lot hängt still.

Gedicht ist Zustand,
den das Gedicht zerstört,
indem es
aus sich selber hervortritt.

Günter Kunert: Offener Ausgang. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag, 1972 (Edition Neue Texte), S. 76.

40. Lyrik aus Indien

Seit 22 Jahren schon stellt Tina Stroheker mit muttersprachlichen Partnern in der Stadtbücherei internationale zeitgenössische Lyrik in Original und Übersetzung vor. Das Gemeinschaftsprojekt von Volkshochschule und Stadtbücherei ist zu einer festen Größe im literarischen Leben Eislingens geworden. Dieses Jahr wird es Dichtung aus Indien sein. Hindi? Bengali? Urdu? Tamil? Lyrik aus Indien „redet in vielen Zungen“. In den indischen Literaturen des gegenwärtigen nachkolonialen Zeitalters – die Akademie der Literatur (Sahitya Akademi) nennt 22 Literatursprachen – wird die Identitätsfrage neu gestellt. (…)

Die zweisprachige Lesung findet am Dienstag, 15. Januar, in der Stadtbücherei im Schloss statt und beginnt um 20 Uhr.  / Südwestpresse

Lesung mit hebräischer Lyrik

39. Lebensräume

Dagmar Leupold ist die neue Kuratorin des forum:autoren beim Literaturfest München 2013

„Stadt Land Fluss: Geschichten von der Gegenwart“ heißt das Motto des nächsten forum:autoren, das vom 6. bis 15. November 2013 im Rahmen des Literaturfests München stattfinden wird. Im Zentrum wird die literarische Auseinandersetzung mit Lebenswirklichkeiten stehen: „Wie erfahren wir die Gegenwart? Die Literatur ist eine besondere Auskunftei, sie bietet echte Begegnungen mit Gesellschaften und Landschaften anderer. In den durch sie eröffneten Räumen sind wir nicht als Touristen unterwegs, sondern als Entdecker“, so Dagmar Leupold über ihr Konzept. „Kreuzungspunkte zwischen Zeit und Ort(en) zu erkunden ist die Spielregel des nächsten forum:autoren, dessen Suchbewegungen in alle Himmelsrichtungen führen sollen, in Metropolen, Dörfer und Vorstädte, befriedete und unfriedliche Landstriche, die trotz vieler Ähnlichkeiten in einer globalisierten Welt ganz unterschiedliche Geschichten erzählen. Zum forum:autoren 2013 werden sich Erzähler und Dichter begegnen, die in ihren Büchern Aufschluss geben über ihre Lebensräume, ob in Istanbul oder im Allgäu, in Bogotá oder Galizien. Erweitert werden ihre erzählerischen Bestandsaufnahmen u.a. durch Kulturwissenschaftler, Architekten und Stadtplaner, die über die ‚Einrichtung‘ unserer privaten und öffentlichen Lebensräume nachdenken.“

/literaturportal-bayern

38. Performance: Jaap Blonk: Mundlaut und Sprachspuren

11-01-2013 (20:30) „Buchhändlerkeller
Carmerstr.1, 10623 Berlin-Charlottenburg

Mit freundlicher Unterstützung der Botschaft des Königreichs der Niederlande in Berlin und des Letterenfonds Amsterdam.

Jaap Blonk (* 1953 in Woerden, Holland) ist Komponist, Dichter, Klangpoet und Performer. Er studierte zunächst Physik, Mathematik und Musikwissenschaft, brach diese Ausbildung später jedoch ab. In den späten 70er Jahren begann er, Saxophon zu spielen und zu komponieren. Wenige Jahre später entdeckte er sein stimmliches Potential, zunächst beim Rezitieren von Gedichten, dann beim Improvisieren und bei der Aufführung eigener Vokalkompositionen. Fast zwanzig Jahre blieb die Stimme sein Hauptmittel beim Entdecken und Erforschen neuer Klänge. Um das Jahr 2000 begann Blonk auch Elektronik in seine Arbeit mit einzubeziehen. Neben Samples seiner Stimme verwendete er zunehmend dabei auch synthetisch erzeugte Klänge. 2006 zog er sich ein Jahr von der Bühne zurück, in dieser Zeit widmete er sich seinem Interesse für die Mathematik, er begann mit der Erforschung der Möglichkeiten algorithmischer Kompositionen für die Schöpfung von Musik, visueller Animation und Poesie.

Auftritte führten und führen Jaap Blonk durch Europa, die USA, Kanada, Indonesien, Japan, Südafrika und Lateinamerika.

Hartmut Andryczuk (* 1957 in Barsinghausen/Deister) ist Künstler, Autor und Verleger.

1993 gründete er den Hybriden Verlag, der sich zu einem internationalen Forum für zeitgenössische Künstlerbücher entwickelt.

37. Literaturkritik 3.0

Goethes „Werther“? „Hätte sich dieser Lappen nur gleich erschossen, als er angefangen hat, rumzuheulen, wäre mir einiges erspart geblieben. Hemingway hätte den gesamten Inhalt auf einer Seite besser rüberbringen können.“ Oder: „Dieses Buch ist selbst unter dem niedrigen Niveau Goethes. Außerdem besitzt Werther keinerlei Tiefgang, und somit fehlt dem Leser jegliche Identifikationsmöglichkeit, außer er besitzt einen ähnlich miserablen Charakter.“

Kurz fällt das Urteil eines anderen Lesers über Goethe aus: „Er labert.“ Natürlich wird auch jeder Bibelkäufer von Amazon dazu eingeladen, eine Rezension zu schreiben. „Mrs Betty Bowers“ erklärt sich enttäuscht: „Ich weigere mich, die kostbaren Seelen meiner christlichen Kinder mit lasziven Geschichten von Töchtern zu vergiften, die ihren Vater betrunken machen und dann Sex mit ihm haben (Genesis 19:30–38) – oder von Huren, die nach eselsgroßen Penissen gieren (Ezechiel 23:20).“ / Kostproben aus Amazons Leserkritiken in: Die Presse

Weitere Pröbchen:

„Faust I“
„Ich bin kein Goethe-Fan und lese sonst auch eher Krimis, aber der Tragödie erster Teil kann man sich durchaus mal gönnen.“
„Der Plot ist aus heutiger Sicht mittelmäßig; Fausts Midlife-Crisis könnte aus jeder drittklassigen Soap-Opera stammen. Die Mär vom Teufel und der Seele ist für Leser, die weder an das eine noch an das andere glauben, im besten Fall ermüdend. Die textliche Umsetzung des Werkes ist mehr als bescheiden.“

„Romeo und Julia“

„Ich habe dieses Buch gekauft, weil ich dachte, es wäre normal zum Lesen, doch es ist ein Theaterstück und auch so gegliedert.“

„Hamlet
„Natürlich wird Willy als der beste Schreiber aller Zeiten bejubelt, aber das kommt nur daher, dass britische Medien den Mann hypen, nach 400 Jahren.“

36. Auszeichnung

Caroline Manring aus Skaneateles, N.Y., gewann den National Poetry Review Book Prize 2012 fürihren ersten Band “Manual for Extinction.” Sie unterrichtet „environmental literature, creative writing and birding“ in Geneva, N.Y. Die Zeitung The Post-Standard fragte sie nach dem Geheimnis beim Gedichteschreiben: „Das Geheimnis? Nun, ich glaube das ist kein Geheimnis. Ich spreche lieber von ‚Funken‘, es ist die Musik der Worte. Das hat mit Zuhören zu tun – etwas, worin nicht viele Menschen gut sind. Ich sage nicht daß ich es bin, aber ich versuchs. Man muß auf Silben hinhören, die es in Gang setzen können… der Klang eines Wortes, eine Klanggeste, ein physisch fühlbarer Klang. Das genügt.“

Leiden Sie manchmal an Selbstzweifel, Angst, daß das nie jemand lesen wird?

Natürlich.

Wie gehen Sie damit um?

Nun, ich lese es ja. Und mir machts Spaß. Das ist schon mal da.

Und wenn Leute Sie nach ihrem Beruf fragen, sagen Sie „Ich bin Dichterin“?

Normalerweise sage ich, ich unterrichte. Vom Schreiben spreche ich erst, wenn sie mindestens dreimal fragen. Denn die meisten interessiert es sowieso nicht. Bei Cocktailparties genügt es zu sagen, daß ich lehre.

35. Maruša Krese gestorben

Im Dezember 2012, kurz vor ihrem Tod, veröffentlichte sie noch einmal ein Debüt. „Da me je strah?“ – „Ob ich mich fürchte?“ – ist der erste Roman von Marusa Krese. Bei der Lesung in Ljubljana war sie noch als Gast dabei. Am Montag ist sie im Alter von 65 Jahren gestorben, wie der Drava-Verlag mitteilte. Bekannt wurde Marusa Krese als Dichterin und Publizistin. Geboren in Ljubljana, hatte sie Schwierigkeiten, sich eine Slowenin zu nennen. Denn das Land ihrer Kindheit hieß Jugoslawien. / Berliner Zeitung