Herrn Dotzauer stelle ich mir als ernsthaften Menschen vor, der zwischen seinen journalistischen Pflichten im, immerhin oder sozusagen Hochfeuilleton auch noch die Hochkultur à la Recherche du temps perdu, Tractatus logico-philosophicus oder Grundlegung zur Metaphysik der Sitten durchackert. Wie schnell entsteht da ein Widerspruch zwischen „der Kontingenz allen Wissens und der Begrenztheit des menschlichen Daseins“, sozusagen. Listen als Ordnungsfaktor könnten helfen, aber „ach, wie oft sind auch sie zu lang, und wie sehr strapaziert auch ihre Ordnung den geistigen Haushalt“.
Zu solchen Angestrengtheiten verführt ihn eine Ausgabe der Zeitschrift Edit (Nr. 61, 128 S., 5 €, http://www.editonline.de), und sichtlich goutiert er es nicht. Wie schnell kann sowas zu „neuen lebenszeitvernichtenden Abwägungen führen“. Tatsächlich, das steht da. Vielleicht sollte er einen weniger stressigen Beruf wählen? Wo er in Ruhe seinen Proust und Wittgenstein lesen kann und muß nicht in die Niederungen der Gegenwart abtauchen.
Aber nein, wahrscheinlich widerspräche das seiner (Rhein-Donau-Isarländer würden vielleicht sagen protestantischen) Arbeitsethik. Schließlich hat das hohe Feuilleton Verpflichtungen seiner konservativen Leserschaft gegenüber. Also meint er das alles ernst und will diese vor dem Verbrauch dieser 128 S., 5 € warnen. Dort trefft ihr so unernste Leute wie Monika Rinck oder Norbert Lange, die das Glück der Albernheit mit Kristevazitaten kaschieren. Aber der Tagesspiegelleser durchschaut das nun:
Doch so theoriegesättigt diese Prosa mit Zitaten von Foucault und Lévi-Strauss vor sich hinwuchert – es geht hier gerade nicht darum, etwas Bestimmtes zu sagen, sondern das Material so mürbe zu machen, bis es etwas Überraschendes preisgibt: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Neue, um ans Licht zu kommen, einen dunklen Korridor der Dummheit durchqueren muss.“ Und: „Womöglich bringt die poetische Sprache zur Akzentuierung ihres Aufklärungs- oder Erneuerungspotenzials immer ein gewisses Maß an Verdunkelung mit sich.“
Das ist ein Freibrief für vielerlei Unsinn – auch wo er sich wie bei Rincks Dichterkollegen Norbert Lange auf tiefe Bewunderung berufen kann. Die Proben aus seinen „Dummkopfelegien“, einer Hommage an Rilkes „Duineser Elegien“, drehen jedem Vers den lautlichen Kragen mittelhochdeutsch bis schwittershaft um. Der partielle Reiz des Verfahrens hat seinen Preis: Er zerstört Rilkes Gedanklichkeit, ohne ihr eine neue hinzuzufügen. Das Ergebnis ist nicht parodistisch, aber parasitär.
Zerstört Rilkes Gedanklichkeit, man denke! Lukács läßt auch grüßen. Nein, das können wir abschreiben. Ohnehin würde wohl kein Leser jenes sozusagen geschätzten Blattes die 5 Euro riskieren. Da verliert ihr eh nichts. Das ist nicht ernst, diese Zeitung überlassen wir den Biedermännern und Freizeitkantianern.
(Tiefe Bewunderung für Rilke, lieber Norbert, schützt auch nicht. Also dann!)

Niki Marangou starb am Donnerstag, dem 7.2., bei einem Verkehrsunfall in Ägypten. Sie wurde 1948 in Limassol geboren und studierte in Deutschland Soziologie. In Zypern arbeitete sie als Dramaturgin und leitete eine Buchhandlung. Außenminister Erato Kozakou-Marcoullis nannte ihren Tod eine echte Tragödie.
1998 erhielt sie in Alexandria den Kavafispreis für Poesie, 2006 den Lyrikpreis der Athener Akademie für ihr Buch Divan.
Beim diesjährigen Sydney Writers’ Festival vom 18.-26. Mai werden die Müllautos zu Poesieträgern. Auf 11 Fahrzeuge werden Verse berühmter Dichter aufgesprüht, darunter W.B. Yeats, Judith Wright und Rainer Maria Rilke.
Hier die Liste der Titel:
Flüstere solange bis es regnet.
Aus: Jerome Rothenberg, Harris Lenowitz (Ed.): Exiled in the Word: Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present. With Commentaries by Jerome Rothenberg. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 1989, S. 247
Verschiedene Quellen, z.B.: The Friday Night Book. London: Soncino Press, 1933
Kommentar des Herausgebers:
(1) Das hebräische Wort für Zauberei, kishuf, bedeutet wörtlich: raunend*, flüsternd
(2) „Wenn man eine Generation antrifft, über welcher sich der Himmel rost-, kupferfarben wölbt, dann liegt das daran, daß dieser Generation Flüsterer fehlen. Wie kann man das beheben? Sie sollen einen Flüsterer suchen.“ (Talmud, Ta’anit 8a)
(3) „In orientalischen Ländern gelten die Juden, aus welchem Grund auch immer, als gute Regenmacher.“ (Raphael Patai, The Hebrew Goddess)
*) vgl. raunen, ahd. rūnēn, flüstern, heimlich reden, Runenzauber aussprechen
Lies einen Vers.
Lies jedes Wort rückwärts.
Lies den ganzen Vers rückwärts.
Aus einer Beschreibung in J. Trachtenberg, Jewish Magic and Superstition. New York: Atheneum, 1939, 1970, p. 111. Gefunden in: Jerome Rothenberg, Harris Lenowitz (Ed.): Exiled in the Word: Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present. With Commentaries by Jerome Rothenberg. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 1989. S. 243
Wer es gleich ausprobieren möchte, hab durch Fingerorakel in Thomas Klings Sprachspeicher diese Zeile von Heine ausgewählt, bittesehr:
Das Weib nicht zähmen kunnt er
Wer vergleichen möchte, dasselbe Verfahren an Palgraves Golden Treasury of Modern Lyrics, Ausgabe 1927:
And all around was fragrant air
(Dante Gabriel Rossetti)
Man bringt den Studenten oft bei, in Gedichten nach einer tieferen Bedeutung zu suchen.
Mia Alvarado, Englischdozentin, sagt etwas anderes.
„Daß Lyrik eine von ihr unterschiedene Bedeutung hat, ist eine irrige Annahme. Sie ist kein Code, den man knacken müßte“, sagte sie.
Alvarado, deren Buch “Hey Folly” im Februar erschien, sagte, Gedichte „handeln“ normalerweise nicht von Sachen. Es seien Gedichte, keine Essays und nichts Abstraktes.“ / April Wefler, The Scribe
(Lesungskritik)
Frühstück auf dem Hof der Burg Klempenow nach der Lesung Uwe Kolbes. Hinter mir sitzt ein Ehepaar aus dem Westen („wir sitzen hier weit im Osten“, sagt sie am Telefon), er Gymnasiallehrer, Kunst und Musik, sie im „kreativen Bereich“. Ich hab sie nicht belauscht, sie sprachen sehr laut.
Er: „Also mein Eindruck: Lyrik ist eine hohe Kunst.“ Sie: „Aber viele schreiben auch einfach so banales Zeug.“ Er: „Um sowas schreiben zu können, muß man viel von Gedichten verstehen. – In Musik und Kunst weiß ich das ja, aber nicht in der Lyrik. … Ein Wort, das immer wiederkehrte, es sollte ernst klingen und doch banal sein. … Ich kannte den ja nicht und du hast mich nicht gebrieft und ich hab nicht erwartet, so abseits was Wichtiges zu finden, aber ich merkte gleich, daß das was Hochkarätiges ist. Sonst mach ich da bei Lyrik gleich zu.“ Sie: „Ich drück mich mal in der Fußballsprache aus, er spielt in der ersten Liga.“
Mein Eindruck: auch wenn sie den Namen offensichtlich vom Feuilleton kannte – seine Reaktion verdankte sich nicht der mit dem Namen verbundenen Aura, sondern der Performance – dem gekonnten Vortrag, aber auch der Textur. Die meisten gelesenen Texte waren gebunden, kaum gereimt, aber meist Jamben, ein Denken in Jamben, das zumindest dem musikalisch geschulten Ohr etwas „rüberbringt“.

einmal am Tag schleudert die Erde langsam um sich herum ein Weltall
Hansjürgen Bulkowski
Asteris Kutulas ist ein unermüdlicher Literaturbotschafter. Seit Beginn der achtziger Jahre sorgt der 1960 im rumänischen Exil geborene und in der DDR aufgewachsene Autor, Herausgeber und Übersetzer dafür, dass die großen griechischen Dichter der Moderne wie Jannis Ritsos und Odysseas Elytis, Konstantin Kavafis und Georgos Seferis sowie die Musik Mikis Theodorakis’ vor allem in Ostdeutschland ein größeres Publikum fanden und behielten.
Er tut dies seit einem Vierteljahrhundert zusammen mit seiner Frau Ina. Nun haben beide gemeinsam unter dem Titel „Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt….“ Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land eine sorgsam edierte Sammlung griechischer Literatur als Heft 249 der Horen vorgelegt. Wie Asteris Kutulas im Vorwort schreibt, wollen sie damit das „andere Griechenland“ beschreiben, das eigentliche, jenseits des von der Bild-Zeitung als faul und bankrott beschriebene Griechenland. / Annett Gröschner, Freitag
„Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt…“ Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land
Zusammengestellt von Asteris und Ina Kutulas
Die Horen, Heft 249, Wallstein Verlag 2013, 14 €
Im Zusammenhang mit dem geplanten MAVEN-Flug zum Mars veranstaltet die NASA einen Lyrikwettbewerb. Auf Going to Mars Site kann man bis 1.7. ein Haiku eingeben. Zwischen dem 15. und 29.7. wählt das Publikum die besten 3 Haikus aus, die an Bord der MAVEN im November zum Mars aufbrechen werden. / examiner.com

In ihrer kleinen grammaturgie hat die polnisch-stämmige Dichterin Dagmara Kraus nun gleich vier dieser Plansprachen lyrisch verwendet.
“Myrana” von Josef Stempfl; “Volapük” des katholischen Priesters Johann Martin Schleyer; die neue, noch etwas unausgegorene Plansprache “Tcatcalaqwilizi“ aus dem Jahr 2009 und vor allem “Langue bleue”, nach ihrem Erfinder Léon Bollack auch “Bolak” genannt.
Eine Menschheit – eine Sprache, ist zumeist der Traum, der hinter einem Plansprachenprojekt steckt. Und so muss eine Lyrikerin, die ihre Gedichte in Plansprachen zusammenstellt, wohl auch den Traum von einer universalgültigen und -verständlichen Poesie träumen.
Gerade Kraus, die sich auch als Übersetzerin polnischer Gedichte hervorgetan hat, etwa von Miron Białoszewski, weiß um die Schwierigkeit ein Gedicht von einer Sprache in die andere zu übertragen. Ein solcher Übersetzungsprozess geht vor allem in der Lyrik nie ohne bedeutende Verluste von statten, sei es die Form, die Musikalität, der besondere Ton, etwas muss der Verständlichkeit immer geopfert werden. Welch eine schöne Utopie bietet da eine Allpoesiesprache, die allen gleich zugänglich und verständlich ist. Eine Sprache transportiert zugleich aber auch immer eine Weltanschauung. Deshalb beherbergt eine Allsprachenutopie auch immer zugleich die Dystopie einer Weltanschauung, die dann über all den anderen stünde. (…)
Es erübrigt sich zu betonen, dass sich diese Dichterin im Elfenbeinturm der Gelehrsamkeit eingerichtet hat und der Leser sich unter Mühen zu ihr hinaufarbeiten, oder besser gesagt, hinaufschwingen muss.
Diese Herausforderung kann nach einer Weile aber auch ein Auseinandersetzungs- und Enträtselungsfieber hervorrufen, und man infiziert sich bei Kraus mit der maladie de la langue bleue, dem Blauzungenvirus, der nur bei Wiederkäuern vorkommt.
/ Mónika Koncz, Fixpoetry
Dagmara Kraus: kleine grammaturgie, 72 Seiten, 12,00 Euro, roughbooks 2013.
In der Rezension zitiertes Gedicht in langue bleue:
ne seri nif ib gev[1]
dog[2]
kval[3]
virt[4]
div[5]
madr[6]
per di lers[7]
it ag sor A[8]
tanɥ sfaksed is mis mri[9]
be smoko gaɥ[10]
ileɥ sigaretu oni treɥ[11]
it lu tim nu sferno[12]
me tvevo[13]
bo ɥe sor A ra ru komo[14]
__________________
[1] wir sind neun auf der Erde
[2] ein hund
[3] ein pferd
[4] eine tugend
[5] ein gott
[6] eine heimat
[7] ein vater aus eisen
[8] und dieser Herr A
[9] so zufrieden wie fräulein marie
[10] sie rauchen schon seit langem
[11] viel weniger zigaretten
[12] und die zeit ist nicht weit
[13] ich zaudere
[14] aber da ist ja herr A, der zurückkommt
«Am Fenster, wo die Nacht einbricht»: Das Buch der am 14. April 2010 verstorbenen Dichterin enthält nachgelassene Aufzeichnungen aus dem Zeitraum zwischen Herbst 1996 und Jahresanfang 2010. Es handelt sich nicht um Tagebücher – Erika Burkart hat nie Diarien verfasst. Sechzehn Hefte lagen dem Herausgeber Ernst Halter vor; weitere Hefte tauchten später auf, nachdem er die Arbeit abgeschlossen hatte. Etwas mehr als die Hälfte des Textes hat Halter für die Veröffentlichung berücksichtigt und in Kapitel eingeteilt, deren Inhalte Leitthemen aus Erika Burkarts Werk aufgreifen. /
Erika Burkart: Am Fenster, wo die Nacht einbricht. Aufzeichnungen. Hrsg. von Ernst Halter. Limmat-Verlag, Zürich 2013. 306 S., Fr. 38.–.
Der Deutsche Literaturfonds fördert Literatur (also Sachen die richtig Arbeit machen, Romane und Übersetzungen), im einzelnen:
Ergebnisse der Kuratoriumssitzung vom 26. und 27. April 2013
Folgende Autorinnen und Autoren bzw. Übersetzerinnen und Übersetzer erhielten ein Halbjahres- bzw. Jahres-Stipendium:
Einen Projektzuschuss für zwei Ausgaben erhielt die Zeitschrift
Insgesamt wurden 271.380 Euro an Fördermitteln vergeben.
Valzhyna Mort wurde 1981 in Minsk geboren und wuchs in einer russisch sprechenden Familie auf. Das Weissrussische, die in der Sowjetunion unterdrückte Volkssprache, lernte sie erst in der Schule. Es sei das musikalische Moment, hat sie einmal erzählt, das sie an dieser Sprache so anziehe, die Möglichkeit, Vokale und Silben miteinander spielen zu lassen. Gleichwohl ist ihr Verhältnis zur weissrussischen Sprache nicht ungebrochen: «diese sprache hat nicht einmal ein system. / ein gespräch mit ihr zu führen ist unmöglich – / sie schlägt einem sofort in die fresse». So hat sie es in ihrer zweiten Gedichtsammlung formuliert, die auf Deutsch 2009 unter dem Titel «Tränenfabrik» erschienen ist. Dort setzte sie noch ganz auf das Weissrussische. Nun kommt die englische Sprache hinzu. Seit einigen Jahren wohnt Valzhyna Mort in Washington. Und so wie sie in ihrem neuen Band Prosa und Lyrik nebeneinanderstellt, verbindet sie die Sprache ihrer Kindheit mit jener ihres gewählten Wohnorts.
Aus dieser Mischung der Sagweisen und Genres gewinnt Mort einen eigenen, einmal kindlichen, dann wieder von Reflexion durchsträhnten Ton. «Koste keine Früchte vom Familienbaum!», heisst es an einer Stelle. / Nico Bleutge, NZZ
Valzhyna Mort: Kreuzwort. Deutsch von Katharina Narbutovic und Uljana Wolf. Edition Suhrkamp, Berlin 2013. 107 S., Fr. 19.90.
Im Focus Jürgen Prochnow „über deutsche Rente, deutsche Lyrik und Bürokratie. Und über die Sehnsucht des Kapitänleutnant aus „Das Boot“ nach ewiger Ruhe im Meer“:
Bei uns wurde wirklich nicht täglich Rilke gelesen oder ins Theater gegangen.
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