39. Poetopie

urossalideh – Wort einer zukünftigen Sprache: was bildet es ab? wohin führt es?

Hansjürgen Bulkowski

38. Dichter & Zeitung

Zum freundlich kredenzten Leitungswasser, teilt Marco Tschirpke ungefragt Schmeicheleien aus. „Ziemliches Käseblatt, Ihre Zeitung.“ Na, schönen Dank auch, Herr Dichter.

Der Dichter Marco Tschirpke ist auch Musiker, die Zeitung heißt Tagesspiegel und schreibt über ihn:

Wenn er irgendwo hingeht, möchte er etwas Neues erfahren, nie nur unterhalten werden. Getreu seinem Credo: „Du sollst das Publikum nicht unterfordern, das ist ein Verbrechen.“ Das ist sicher der Grund dafür, warum er die musikalische Form Lapsuslieder erfunden hat. Wer sich da nicht wie verrückt auf den Punkt konzentriert, ist draußen. So wie in der Ballade „Das Kleid“. Der eine halbe Minute kurze Song geht so: „Ich hatte dir ein Kleid gekauft. Sagte, wenn du’s trägst, mich freut’s. Du trugst es noch am selben Tag – zum Roten Kreuz.“ Ein tolles Lied. Gerade wegen der für schlichtere Gemüter vom Dichter gnädig angefügten Pointe.

37. Warten auf die Barbaren

Es ist eines der berühmtesten Gedichte des 20. Jahrhunderts, unzählige Male in zahllose Sprachen übersetzt, immer wieder analysiert und in literarischen Titeln aufgegriffen. Konstantinos Kavafis’ „Warten auf die Barbaren“ suggeriert indes nicht, dass die Schreckgestalten seines Titels nur eine erfundene Gefahr seien, wie oft irrtümlich angenommen. Was soll das Gedränge am Forum? / Die Barbaren werden heute erwartet, beginnt es in der deutschen Übersetzung von Olga Martynova. Warum beschließen die Senatoren keine Gesetze? / Wozu denn? Die Barbaren werden ihre Gesetze erlassen. // Was hat der Kaiser so feierlich in der Frühe auf seinem Thron zu suchen? / Oh, er erwartet den Führer der Barbaren, um ihn mit Titeln zu ehren.

Warum eilt das Volk verwirrt und erschrocken nach Hause? / Späher sind von den Grenzen zurückgekommen und sagten: / Es gibt weit und breit keine Barbaren. // Wie werden wir nun leben ohne die Barbaren? / In der Tat. Sie waren uns Erklärung, Hoffnung und Rechtfertigung / Oleg Jurjew, Tagesspiegel

36. Fix Zone

Seit März bietet Frank Milautzckis Kolumne Fix Zone auf Fixpoetry eine herausragende Quelle für Kulturnachrichten. Aktuell u.a.:

Celan und Trakl – Texte als Konzept   Recht neu auf Youtube sind durch den Komponisten Johannes Kreidler nach verschiedenen Vorschriften „vertonte Gedichte“ (er bedient sich dabei ausschließlich materieller textualer Aspekte = Struktur pur).

Zeitgehöft“ – 697 Gedichte von Paul Celan werden durch einen Sonifizierungsalgorithmus vertont. Jedem Buchstaben ist eine per Zufall bestimmte Tonhöhe zugeordnet. Zwischen jedem Gedicht ist eine halbsekündige Pause. Am Steinspiel: Ada Lovelace.

Der Herbst des Einsamen“ – 180 Gedichte von Georg Trakl als Binärcode, auf der Geige gespielt. Die Gedichte liegen als Binärcode vor. Auf der Geige wird der Ton „d“ entweder auf der leeren Seite (0) oder mit dem 1. Finger gegriffen (1) gespielt. Claude Shannon spielt die Violine.

Johannes Kreidler über das geflügelte Wort „Anything goes“:  „Weil die Digitalisierung ein Massenphänomen ist, heißt für mich mit dieser Technologie zu komponieren, gesellschaftlich aufgeweckt und thematisch bezogen zu komponieren. Das „Anything“ ist kein Selbstzweck, sondern ein riesiges Repertoire, aus dem ich aus inhaltlichen Gründen wähle, ob die Klarinette in pianopianissimo-Septolen oder einen Drumloop – jedenfalls kann beides Neue Musik sein. Der Kunstcharakter liegt für mich nicht mehr definitorisch an der klanglichen Oberfläche und in der strukturellen Tiefe, sondern wesentlich in Konzepten und Semantiken.“

35. Deutsche Schrift für Deutsche

Studenten sind sprachmächtig und gedankenvoll oder jedenfalls arbeiten sie daran. 1933 gingen sie den Professoren voran und verlangten ein Ende des undeutschen Geistes, Auszüge:

3. Reinheit von Sprache und Schrifttum liegt an Dir! Dein Volk hat Dir die Sprache zur treuen Bewahrung übergeben.

4. Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude, und der, der ihm hörig ist.

5. Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er. Der Deutsche, der deutsch schreibt, aber undeutsch denkt, ist ein Verräter! Der Student, der undeutsch spricht und schreibt, ist außerdem gedankenlos und wird seiner Aufgabe untreu.

6. Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken, wir wollen für den Studenten nicht Stätten der Gedankenlosigkeit, sondern der Zucht und der politischen Erziehung.

7. Wir wollen den Juden als Fremdling achten, und wir wollen das Volkstum ernst nehmen.

Wir fordern deshalb von der Zensur:

Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in deutsch, sind sie als Uebersetzung zu kennzeichnen.
Schärfstes Einschreiten gegen den Mißbrauch der deutschen Schrift.
Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung.
Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt.
Flugblatt der Deutschen Studentenschaft, 1933. Quelle: Wikisource

 

Ich probiers mal in meiner noch unvollkommenen Schriftkenntnis mit einer Zeile des Juden Heine. Transkribiert aus dem Jüdischen:

 

Ich weiß nicht was soll es bedeuten

 

יך באיס ניכט באס זול עס באדאיטנ

34. Kritik

Wir kennen die Klage zur Genüge. Sie ist so berechtigt wie freilich auch müssig: Seit nach der Jahrtausendwende der Werbemarkt für Tageszeitungen richtiggehend zusammengebrochen ist, sind auch ein paar schöne Illusionen geschwunden. Mochte man bis dahin glauben, eine Zeitung werde nach dem Geschmack der Redaktion und dem Interesse der Leserinnen und Leser gemacht, so bleibt seither nur Ernüchterung: Redaktionen können, um es zugespitzt auszudrücken, genau jene Zeitung produzieren, die der Werbemarkt zulässt. Das betrifft zunächst weniger die Inhalte als die Umfänge. Aber mit gekürzten Umfängen fallen auch viele Inhalte dahin. Nicht zuletzt die Literaturkritik bekam dies zu spüren. Sowohl die überregionale wie vor allem die regionale Presse strichen über die vergangenen Jahre das Volumen der Literaturkritik massiv zusammen (nachdem dieses notabene in den Jahren zuvor ebenso stark ausgebaut worden war). (…)

Rezensenten sind Diener verschiedener Herren. Nicht immer lässt sich dabei schlüssig sagen, welchen diesen durchaus auch widersprüchlichen Interessen sie sich am ehesten verpflichtet fühlen.

Da ist zunächst und vielleicht zuvörderst die mitunter etwas narzisstische Ambition, sich als Wortführer unter den Literaturkritikern zu profilieren und zu positionieren, um, wie es Max Rychner einmal hinsichtlich seiner «Dr. Faustus»-Besprechung gesagt hatte: den Ton anzugeben, in dem über ein Buch gesprochen wird. Rezensenten sind dann immer so etwas wie hybride Wesen zwischen Schlegel und Benjamin: Mit dem einen versuchen sie, den Autor besser zu verstehen, als dieser sich selber verstanden hat; mit dem anderen gehen sie als Strategen im Literaturkampf in Stellung. / Roman Bucheli, NZZ

33. Prager Buchmesse

Die 19. Prager Buchmesse „Svět knihy“, Buchwelt 2013, findet vom 16. bis 19.5. statt. Ehrengast ist die Slowakei, Messeschwerpunkt in diesem Jahr: Die Vielfalt der Poesie / Bücher die nicht loslassen / Blogger als Schriftsteller, Schriftsteller als Blogger.

Auf der Messe wird auch ein spezieller Preis vergeben, der „Folterbank“-Preis für schlechte Übersetzungen, also solche, denen es nicht gelingt, einen Text faktisch und semantisch korrekt zu übersetzen, die die künstlerische Absicht des Originals mißachten und gegen die übersetzerische Ethik verstoßen.

2010 ließen tschechische Verlage Bücher aus 44 Sprachen übersetzen. An der Spitze steht Englisch, etwa die Hälfte, dann Deutsch (17%) und Französisch (5%)

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Deutschsprachige Literatur auf der Prager Buchmesse „Svět knihy“

32. Doreen Daume †

Vorige Woche starb die Übersetzerin Doreen Daume. Sie wurde 1957 in Dortmund geboren. Sie übersetzte seit 1999 polnische Literatur (u. a. Bruno Schulz, Czesław Miłosz, Ewa Lipska, Mariusz Grzebalski, Piotr Sommer, Andrzej Kopacki). Für ihre Übersetzungen erhielt sie 2008  den Österreichischen Staatspreis. In einem Nachruf schrieb Werner Richter:

Aber mit derselben Ausdauer lernte sie dann eben die neue Sprache, und zwar so gut, dass es nicht lange dauerte, bis sie sich unter die (durchaus schon vorhandenen) Größen der Polnischübersetzer einreihte. Es war nur eine kurze Karriere (2000-2013), aber alle Achtung: Angefangen hat sie gleich richtig weit oben, aber anscheinend reicht’s nicht, dass einer wie Czesław Miłosz den Nobelpreis für Literatur kriegt – trotzdem gab es Sachen von ihm, die nie ins Deutsche gekommen waren. So auch sein Hündchen am Wegesrand, eine Sammlung aphoristischer Essays, die Doreen (wieder)entdeckte und bei Hanser unterbrachte, wo sie dann immer neue Texte, vor allem Gedichte von Miłosz, übersetzt hat. Lyrik war überhaupt ihre Spezialität, die Hälfte ihrer Bibliographie fällt in dieses Genre. Und für poetische Sprachwucht wurde auch ihre Übersetzung der beiden Romane von Bruno Schulz gerühmt, vor allem die „vitale und intensive“ Neufassung seiner Zimtläden.
(…)
Zornig war sie in den letzten Jahren auch darüber, wie unbedankt und mies bezahlt unser Beruf doch ist. Sie hat sogar vor kurzem noch einen Fernkurs als Werbetexterin abgeschlossen, weil ihr klar war, dass man in der Branche die Tricks der Sprachkunst, die wir halt drauf haben, genug zu schätzen weiß, um auch richtig Geld dafür zu bezahlen.

31. Lyrikdebatte

A: the poetry that streams through this community is so fucking bad and uninspiring that i have to remove it from my feed, even though i love poetry, at least i thought i did, until i read the shit that you fucking idiots are sharing. sorry.

E: If you don’t like what you read, offer solutions, not profanity.

A: Solution? read a fucking book.
a book of poetry. by fucking t.s. elliott or dante or some shit
i think frost has a couple that dont suck too. or fucking whats his face, fuckin,,,, thats right POE. READ SOME FUCKING POE.

M: ooh a..i understsnd yr frustration..i dnt often enhoy some of the poetry i read..but i dnt realy post on here..i think its refreshon u sayin what u think an not censorin yrself..gd luck on the quest of findin beautiful great poetry matey…xo
i mean the poetry i read thats new..not neccesarily on here..excuse the poor typin..predictive tx is ruinin my life lol xo
I think a lack of predictive text is more a problem

A: THATS THAT SHIT IM TALKIN ABOUT! Where can I read your stuff?

M: truue story..not jus harshly critiqued..some were destroyed by poetry teachers..they did get published tho so it jus shows one mans terrible piece of writing is someone elses 5 minute literary haven

R: Suffering from omnipotence syndrome are we? Dante wouldn’t have appreciated. Beside, contemporary poetry is what people want to read and write. ..free verses mean also freedom

30. Kookbooks 10

Zum Jubiläum schreibt Christoph David Piorkowski in tip Berlin kritisch-panegyrisch (ich spendiere einem Namen ein „c“, während ich ganz unten im Zitat einen von Pedanten erwartbaren Buchstaben lasse wo er fehlt):

Nun ist man auch offiziell in Berlin, wo ohnehin alles seinen Anfang nahm, damals, Ende der 90er-Jahre, als junge Lyriker wie Uljana Wolf, Jan Böttcher, Monika Rin[c]k und eben Daniela Seel sich in Netzwerken verbanden, gemeinsam Lesungen organisierten, aneinander lernten; zu einer Zeit, als die großen Verlage die Lyrik aus ihren Programmen verbannten. „Und aus diesen Zusammenhängen heraus sind dann Manuskripte entstanden, die einfach druckreif waren“, sagt Daniela Seel. So entschied sie sich, die in vieles mal hineinstudiert und außerdem eine Ausbildung zur Verlagskauffrau absolviert hat, zur Gründung von kookbooks als infrastrukturellem Kristallisationspunkt für die sich avantgardistisch wähnende Poetenszene. Auch Andreas Töpfer, der bis heute die ansehnliche Gestaltung der meist schmalen Gedichtbände zu verantworten hat, war von Anfang an dabei.

Man verstand sich immer schon als transmediales Künstlerensemble. Bereits seit Beginn der Nullerjahre gab es musikalisch-literarische Mischformate. Daniela Seel präferiert denn auch jene Art von Lyrik, die „ein Bewusstsein für musikalische und prosodische Kompositionselemente mitbringt und nicht von einer narrativen Richtung herkommt.“ Überhaupt scheint es ihr mehr um das Wie zu gehen als um das Was. Immer wieder regt sie an, aus „gewissen Sprachstandards“ auszubrechen, konventionelle „Satzförmchen“ zu hintergehen und die allen gemeinsame Sprache zu übersteigen.

(…) Aber etwas mitteilen will man ja auf jeden Fall und fällt dann zumindest mit dem programmatischen Slogan „Poesie als Lebensform“ ins „Förmchenhafte“ zurück. ei’s drum.

Das amortisiert sich nicht 
10 Jahre kookbooks – Labor für Poesie als Lebensform. Das Geburtstagsfest,
im Theater­discounter Berlin, Klosterstraße 44, Mitte,
Di 14.5., 19 Uhr, www.kookbooks.de

 

29. Weltbürger aus Niš

Reisefreiheit, kulturelle Vielfalt, Autonomie der Kulturszene und nicht zuletzt Rock ’n’ Roll – das schien für die heutige Generation 50+ in Titos Jugoslawien das große Versprechen der Weltzugehörigkeit zu sein. Das Lebensgefühl der damaligen Protagonisten war eine Mischung aus Zuversicht, Übermut und Rebellion. Der beste Ausdruck dieses Lebensgefühls waren sicherlich die Rockmusik und die Lyrik – insbesondere die frühe Lyrik von Zvonko Karanović. Die urbane Abwendung von jeglicher Provinzialität wurde vollzogen, programmatisch und praktisch, in der Lyrik und im Lebensstil.
Danach kam die Ernüchterung – im zerfallenden Land organisierten sich politisch und kulturell die Mehrheiten um die rückwärtsgewandten Utopien – die große Zukunft lag für sie in der ruhmreichen, ethnisch definierten Vergangenheit. Zvonko Karanović lehnte es ab, in diesem Massenchor mitzusingen, und folgte seiner eigenen Stimme. So blieb seine Lyrik im Jahrzehnt der Zerfallkriege notgedrungen marginalisiert. Er blieb ein Weltbürger aus Niš, der seine Seelenverwandtschaft mit Leuten wie Jack Kerouac oder Allen Ginsberg, Ralf Dieter Brinkmann oder Luis Buñuel, David Lynch oder Leonard Cohen offen zeigt.
Im Klagenfurter Drava Verlag ist eine Auswahl seiner Gedichte zweisprachig (serbisch und deutsch) erschienen: „Burn, baby, burn!“, übersetzt von Matthias Jacob und Alida Bremer. / Frank Milautzcki, Fixpoetry

28. Schierer Genuß

Seit sie 1968 mit zwei Bänden debütierte, hat Annemarie Zornack kontinuierlich Lyriksammlungen veröffentlicht – unter anderem im Claassen Verlag, in der Eremiten-Presse und bei Wallstein. Die Autorin fand rasch Anerkennung. Bei der Kritik. Beim Lesepublikum. Auch bei Größen der schreibenden Zunft wie Günter Eich oder Ernst Jünger. Karl Krolow sagte in einer Rezension: »Annemarie Zornacks grazile, graziöse, von zarten Einfällen lebende Texte sind luftig wie lyrische Wimpel … Gedichte feinster Art … Es ist eine bestimmte Lebenslust darin, die die Worte – ich möchte sagen – tänzerisch werden läßt … zärtliche lyrische Offerten, die nie zu verbalen Anstrengungen entarten … Angesichts einiger Strapazen, die sich Lyrik bei uns nennen, sind solche Gedichte schierer Genuß. Man atmet danach erheblich leichter.«
Man hat Zornacks Versen attestiert, daß sie gleichsam mit einem Kopfsprung begännen und sich umstandslos in die Welt ihrer Themen stürzen. Realität und Traum, auch Alptraum sind Aggregatzustände ein und desselben Bewußtseins, und einem Abgleiten vom Gefühl ins Gefühlige wird durch Ironie, assoziative Übersprünge und harte Schnitte entgegengewirkt. Eine Auswahl ihrer Gedichte erscheint nun im Verlag Ralf Liebe unter dem Titel „morgenmantelkapriolen“.

 / Frank Milautzcki, Fixpoetry

27. Gestorben

Der bretonische Schriftsteller Alain Jégou starb am 6.5. nach langer Krankheit im Alter von 65 Jahren. Hier ein Blog zu seinem Werk, auch mit Texten, die er über die Beat Poets und die Lyrik der Indianer schrieb.

/ Agence Brétagne Presse

26. Stötzers Lied

Jan Kuhlbrodt hat ein Requiem geschrieben, einen Gesang vom Leben danach. Grundiert durch unterschiedliche Tätigkeiten in seinem Leben, gestattet der Lyriker auch dem Stötzer viele Ausdrucksformen, Philosophisches trifft auf Humor und Schärfe. Spielerisch probiert der Lyriker die Sprache semantisch, rhythmisch, metrisch aus; das Sinnganze ist kein Ideal mehr. Als poetisches Personal treten weitere Helden auf: Marx, Lenin und Hitler neben Chemiearbeitern, Spitzeln und Theo Waigel. Utopien und Dystopien begegnen sich in Denkmälern, Bibliotheken, in politischen Systemen. Als Antiheld gibt sich dieser Stötzer zuweilen eigenbrötlerisch, er differenziert die unterschiedlichen Schattierungen der Farbe Grau und deutet die Zeichen des Verfalls inmitten blühender Landschaften. Dieser Zyklus trägt viel Bewußtsein für die eigenen Quellen in sich, gelegentlich glaubt man das Faksimile-Knistern alter Amigaplatten zu hören. Dieser Gedichtband enthält eine Vielstimmigkeit in der Einheit.

 Nicht wiederholbar vielleicht. Aber auch darin unterscheide / es sich nicht von andere Episoden. Wir leben im Vorübergehen.

Dieses Langgedicht erzeugt einen Sog, man möchte sich, von Kuhlbrodts Versen geführt, gerne in dieser Stadt verlaufen. Auch wenn das Zentrum seiner Wahrnehmung Leipzig ist, gestattet sich Stötzer Ausflüge ins Hinterland, etwa nach Passendorf alias Halle-Neustadt, oder an den steinigen Grund der Chemnitz alias Kameniza. Hier wird der Text herzzermörsend traurig und bewegt sich nahe am großen Verschwinden. In eben diesen Passagen bekommt dieses Langgedicht eine fluffige Weite, die den Stötzer zu einem Aufklärer werden läßt, jedoch einem, der der Aufklärung misstraut. In diesem Zusammenhang ähnelt Kuhlbrodt konzeptionell dem Ansatz von Weigonis Parlandos. In hochkonzentrierter Form machen diese Lyriker etwas, was nur die Literatur kann: Sie macht Dinge vorstellbar, die man sich nicht vorstellen kann, weil es nicht auszuhalten wäre, wenn man es täte. / Matthias Hagedorn, KuNo

Jan Kuhlbrodt: Stötzers Lied – Gesang vom Leben danach. Versepos. llustrationen: Ivonne Dippmann 180 Seiten, Preis 13,90 Euro  ISBN: 978-3-940249-67-8 Verlagshaus J. Frank Berlin 2013

25. Debatte im Winkel

Deutschlands große Zeitungen wehren sich ja dagegen, von Google erfaßt zu werden. Mehrmals täglich erhalte ich vom Google-Nachrichtendienst Snippets, die auf Lyriknachrichten aus aller Welt in mehreren Sprachen verlinken. So heute morgen vom Trierischen Volksfreund und der Agence Bretagne Presse. Nur Süddeutsche Zeitung und FAZ/FAS sind nicht dabei. Kauft uns, wenn ihr uns wollt, sagen sie uns. Am Sonntag, dem 28.4., wäre ich zum Bahnhofskiosk gepilgert (gleich neben dem RILKE-Täggg), wenn mir Google einen beliebigen Ausschnitt aus einem längeren, ganzseitigen Artikel über junge Lyrik hätte schicken dürfen. Aber nein! So bedurfte es erst einiger Flüsterpropaganda und Besuchen in Universitäts- und Stadtbibliothek (übrigens vergeblich, beide haben die FAZ abonniert aber nicht deren Sonntagszeitung). Die sind so exclusiv, die wollen gar nicht gefunden werden. Nicht einmal die Website dieser Zeitung, wie sie sich selber gerne nennt, bietet auch nur die Überschrift an. Welche Exclusivität [bloß nicht mit „k“ schreiben jetzt!], was für ein stolzer Conservatismus! Eine Lyrikdebatte im Winkel. Endlich hab ich sie doch noch gefunden, obwohl ich nicht sollte. Hier ein paar Auszüge.

Die Lyrik, wie jede Kunstgattung, macht immer wieder glanzlose Zeiten durch. Die letzten zehn Jahre aber haben geleuchtet. Eine neue Generation trat in Erscheinung: in Zeitschriften, die ihr, wie die inzwischen legendäre „Bellatriste 17“, ganze Sondernummern widmeten; in neu gegründeten Verlagen wie Luxbooks, J. Frank, Urs Engelers roughbooks und dem berühmtesten, Kookbooks, der nicht nur Lyrik verlegt, sondern die „Poesie als Lebensform“ versteht. (…)

Auch in der Lyrik ist der Gegensatz von konventionell und experimentell aufgehoben – das ist ähnlich wie in der Neuen Musik. Mit Metrum, Reim, lyrischen und prosanahen Formen wird in großer Unverkrampftheit umgegangen. Und doch lassen sich noch immer zwei Pole ausmachen, zwischen denen sich Dichtung bewegt: Einmal gibt es da eine eher dem Erzähl- als dem Materialcharakter zuneigende Dichtung, die alte Formen wiederbelebt, sich dem hohen Dichterton anlehnt, auch wenn sie ihn zuweilen ironisch modernistisch bricht. Und dann eine formengebärende Dichtung mit einer frechen, manchmal rotzigen, aus Vergangenheitssättigung und Gegenwartshingabe geborenen Sprache, die überrascht, vor den Kopf stößt, verführt.

Nora Bossong, Jan Wagner und Marion Poschmann neigen zweifellos dem ersten der beiden Pole zu. Ihre Gedichte sind weniger in einem klassischen als einem biedermeierlichen Sinne schön: Zu sehr vertrauen sie darauf, dass Schönheit entsteht, indem man schöne Wörter aneinanderreiht. (…)

Zu den Traditionalisten gehören, trotz des exzessiv betriebenen urbanistischen Wir-Kults, auch Tom Schulz, Daniel Falb, Alexander Gumz. Ihre Verse, prosanah, emotionsscheu, lapidar, sind eine Sammlung von Oberflächenbeobachtungen, kühle parataktische Narrationen in räumlicher wie zeitlicher Unbestimmtheit („da gab es“, „oder ein anderer ort“, „einmal“, „dann“), mit großer Vorliebe für neutralisierende Plurale („foyers oder lobbys“, ,,knorrige damen“, „männer“), Passivkonstruktionen und neugefügte Komposita. Die Syntax wird nur wenig variiert, ebenso wie das Metrum. So entsteht ein dünner stakkatohafter Sound, der das lyrische Sentiment trockenlegt.

Handwerklich ist das so gut gemacht, dass sich die Wiederholung eine Zeitlang als Innovation ausgeben kann. Auf die Dauer aber wirken diese Gedichte, die zu viele nur behauptete Gewissheiten aneinanderreihen, wie dekorative Fertigkost. In ihr drückt sich, in zeitgeistigem Vokabular, ein ähnlicher Konservativismus aus wie bei den Traditionalisten, nur freudloser. (…)

Ron Winkler, der mit den Lebensformpoeten auf den ersten Blick manches gemeinsam hat – auch er huldigt dem lyrischen Wir, liebt die parataktische Syntax, ist geradezu neologismentrunken und hat eine Schwäche für Unbestimmtheiten –, hält seine Synapsen dagegen neugierig ins Offene. An bloßer mimetischer Verdopplung abgepackter Wirklichkeitsfasern ist er nicht interessiert. Und er unterliegt auch nicht dem Irrtum, Dichtung erschöpfe sich in der Etikettierung medial gefilterter Wirklichkeit. Er erfindet sich seine eigene, faltet die Sprache auf, hinein in einen Möglichkeitsraum, der nur noch seinem eigenen Referenzsystem gehorcht, das ihn mit seiner Unerschöpflichkeit ebenso zu überraschen vermag wie den Leser. Im zuletzt erschienenen Band, „Frenetische Stille“ (erschienen 2010 im Berlin- Verlag), hat Winkler den früheren Hang zu photoshop-bunter Tapetenpoesie zwar nicht gänzlich abgestreift, die lyrische Immanenz aber glücklich verlassen – in Richtung überschießender poetischer Welterfindung. (…)

Ähnlich lebendig wie Winkler, wenn auch von anderem Temperament, ist Steffen Popp. Ein schwermütiger Metaphysiker, ohne Scheu, seine Sensibilität zu zeigen, hier und da ein wenig pathosverliebt. Schon im ersten Band („Wie Alpen“, Kookbooks 2004) hatte er seinen ganz eigenen Ton, der, ohne Vorabgewissheit und doch auf die eigenen sanften Kräfte vertrauend, sich einer vorwärtstastenden, mäandernden Bewegung überlässt, über ihnen schwebend die Entstehung der Verse begleitet (…)

Popp ist ein Metamorphotiker, Kosmossehnsüchtiger (der zweite Band, „Kolonie Zur Sonne“, vier Jahre später im gleichen Verlag erschienen, zeigt es klar) – nur in den abschließenden anderthalb Versen erdet er sich zu oft. Als hätte er Angst, zu entschweben. (…)

Auf je eigene Weise haben Ann Cotten, Monika Rinck und Anja Utler solche lyrischen Räume geschaffen. Der von Cotten ist wild, anarchisch, überschießend, verspielt. Einer frühromantischen Ästhetik folgend, die immer das Unfertige dem Fertigen, das Fragment dem Werk, die Heterogenität der Homogenität vorgezogen hat, sind ihre Gedichte nicht Resultate, sondern Versuche.

Dass man das zunächst als unordentlich empfindet, liegt nicht daran, dass Cotten ästhetisch gescheitert sein könnte – es ist vor allem Ausdruck dafür, wie überfordert man beim Lesen ist. Das erlebt man nicht nur in Cottens erstem Band, den 2007 erschienenen „Fremdwörterbuchsonetten“ (Suhrkamp), die einer Neuerfindung der Gattung in Einzelgedicht wie Zyklus (Sonettenkranz) gleichkommen, sondern vor allem in den „Florida-Räumen“, die drei Jahre später Prosa und Lyrik kombinieren. Erst wenn man wiederholt liest, bilden sich allmählich die Wahrnehmungsstrukturen heraus, die in der scheinbaren Unordnung den hochkomplexen, alles andere als Willkür und Zufall gehorchenden Bau zu erkennen vermögen. (…)

Diese Lust findet man auch bei Monika Rinck – und in noch gesteigertem Maß. Was eine Vielzahl von Lyrikerinnen und Lyrikern im Einzelnen sucht, formal, tonal, thematisch, all das hat sie in ihren im letzten Jahr erschienenen „Honigprotokollen“ (Kookbooks) zur Synthese geführt. Verblüffend und beglückend, wie mehrstimmig ihre Gedichte sind. Nirgendwo finden sich überraschendere, gelungenere Assonanzen, Konsonanzen, Alliterationen als bei Rinck, wie auch ihre Verbneologismen auf ganz neue Pfade verführen. Jedes Wort, jeder Vers, jeder Reim, jeder Klang ist mit dem ihm Benachbarten verknüpft, öffnet einen Sprachraum, in dem alles allem begegnet: die Tradition der Zukunft, der Ernst dem Humor, die Romantik der Klassik der Moderne, die Naivität der Analyse der Reflexion dem Hohn, die Poesie der Prosa der Poesie. (…)

Anja Utler ist weder an Mimesis noch Fiktion interessiert, sie braucht keine Vergleiche, keine Metaphern, sie überlässt sich in ihrer Dichtung ganz den Klangbewegungen. Es geschieht nichts – außer in der Sprache. Der Leser aber erfährt gerade so, was Sprache ist: Speicher einer Körperlichkeit, einer Gewalt, die sich in ihrem Gebrauch offenbart – wie in „marsyas, umkreist“ oder „für daphne: geklagt“ (aus „münden – entzüngeln“, einem Band der Edition Korrespondenzen von 2004). (…)

Utlers Gedicht erzeugt, wovon es spricht. Wir müssen uns nur für seine sprachliche Bewegung öffnen, uns seinem Klang überlassen, seiner syntaktischen Struktur, der Offenheit seiner Form, der Polyvalenz und Schönheit seiner Sprache sowie den Assoziationen, die sie in uns auslöst; wir müssen ihm nur vertrauen und uns den eigenen Gefühlen anvertrauen: Freude, Verwirrung, Begeisterung, Erschauern, Furcht. Es versetzt uns zurück an den Ursprung aller Dichtung, ihr Verwurzeltsein in Kult, Beschwörung, Magie. Macht aus uns, seinen Leserinnen und Lesern, exzentrischen Beobachtern, Erkunder von Relationen, Schwellenbewohner, durchlässig für neue Erfahrungen.

/ Bettina Hartz, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 28.4.