Das Istanbuler Institut für Geschichte und Sozialwissenschaften veranstaltet das achte Internationale Poetistanbul- (ŞiirIstanbul-) Festival vom 1.-4.6. Bislang nahmen an dem festival bereits 181 bekannte Dichter aus 67 Ländern teil sowie mehr als 300 türkische Dichter. In diesem Jahr nehmen 39 Dichter teil, 17 aus der Türkei und 12 aus dem Ausland.
Hürriyet Daily News 27.5.
Zu den Teilnehmern gehören: Abdulselam Hallum (Syrien), Ahmed El Şahavi (Ägypten), Aische Basri (Marokko), Dimitru M.Ion und Carolina Ilica (Rumänien), Gassan Zaqdan und Hanan Awwad (Palästina), Sanja Domazet (Serbien), Sasho Serafimov (Bulgarien), Jean-Luc Pouliquen (Frankreich) und Katica Kulavkova (Kata Ćulavkova) (Mazedonien).
Hier Programm und Texte der Teilnehmer (auch Englisch)
call for poems
stumm der name, unsterblich die verse (sagt der epigrammatiker pinytos); unsterblich nicht, weil sich die wenigen reste, die der nachwelt von sapphos versen geblieben sind, als reliquien verehren lassen, sondern weil zu allen zeiten dichter_innen sie zum material genommen und am leben erhalten haben. doch wo findet die unsterbliche sappho in unserer gegenwart ihren platz?
diese frage zu beantworten, soll im herbst 2014 im greifswalder freiraum-verlag eine anthologie heutiger deutschsprachiger gedichte über / für / nach / gegen / mit sappho erscheinen, ausgewählt und herausgegeben von michael gratz und dirk uwe hansen.
wir bitten daher um einsendung einschlägiger dichtungen in einem unkomplizierten format (doc, odt, txt) und in begleitung der üblichen bio-bibliographischen angaben an:
bis ende april 2014. die gedichte sollten frei von rechten dritter sein.
und neben dem pflicht- wird das buch auch einen kürteil haben: mit einer eigenen version / bearbeitung von oder reaktion auf sapphos gedicht vom untergegangenen mond (fr. 168b – ihre vier unsterblichsten verse) soll jede teilnehmerin / jeder teilnehmer vorgestellt werden.
hier zwei übersetzungen:
Moon has set
and Pleiades: middle
night, the hour goes by,
alone I lie.
(Anne Carson, aus: If not, winter. Fragments of Sappho, New York 2002)
Untergegangen ist der Mond
und die Pleiaden. Mitte der
Nacht, vorüber geht die Stunde
ich aber schlafe allein.
(Dirk Uwe Hansen, aus: Sappho – Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen, Potsdam 2012)
Wübben führt den Psychiater als Sprachkritiker und Protophilologen ein, einen neuen Typus, der sich nicht mehr über Schädel und Anstaltsinsassen beugt, sondern in Briefen und Handschriften, Romanen und Gedichten Indizien der Entrückung sucht. Der Schulterschluss von Psychiatrie und Philologie ist eine Mesalliance mit oft irrwitzigen Zügen. Einem spröden Realitätssinn verpflichtet, bemäkeln die psychiatrischen Sprachdiagnostiker den hohen Dichterton, wo sie nur können. Jede syntaktische und lexikalische Eigenheit ist irrsinnsverdächtig. Wo vorher Genie waltete, sieht man Zerfahrenheit, Sprachverwirrtheit, zielloses Schweifen. Schon orthographische Unregelmäßigkeiten gelten als Vorboten des Wahns.
Wübben führt die Dissonanz auf das anachronistische Wertungssystem zurück. Sie spricht vom Klassik-Pakt. Die Psychiater hätten ihre engen stilistischen Normen von Autoren der Weimarer Klassik übernommen. Die Spuren der Avantgarde mussten sie da verkennen. Für das Assoziative und Klangliche in der modernen Dichtung hatte man weder Norm noch Organ. Stattdessen versuchte man, mit assoziationspsychologischen Experimenten jeden Abweg vom korrekten Gedankengang zurechtzurücken. Neu an der psychiatrischen Pathoskritik war, dass sie nicht mehr an Verstand und Vorstellungskraft ansetzte, sondern am Gehirn.
Eine der wegweisenden Gestalten in diesem Prozess ist die Gründerfigur der Psychopathologie, Emil Kraepelin. An Kraepelin verfolgt Wübben beispielhaft den Übergang von der metaphorischen zur objektiven klinischen Sprache. Was Kraepelin für Wübbens Absicht aber besonders interessant macht, ist sein Interesse an der Lyrik als Diagnoseinstrument. Obwohl und gerade weil ihm jeder Formsinn fehlt – schon eine Satzkonstruktion wie „Ferner Länder Städte“ war ihm verdächtig -, bringt er zur Jahrhundertwende das Gedicht in den Schraubstockgriff der Psychiatrie.
Der fulminante Höhepunkt des Kampfs zwischen den Kulturen wird mit Hölderlin erreicht. Hier trafen die diametralen Erkenntnishaltungen mit voller Wucht aufeinander. Die Rede ist von der Pathographie, die der Tübinger Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum zu Jahrhundertbeginn verfasste und die auf unfreiwillige Weise maßgeblich für das moderne Hölderlin-Bild wurde. In Lange-Eichbaums kunstferner Interpretation trifft jede einzelne von Hölderlins mittleren Hymnen von „Patmos“ bis „Germanien“ das Wahnsinnsverdikt.
Der Psychiater schmäht sie als „ausscheidungen seiner geschwülste und faulen säfte“. Neuschöpfungen wie „Lebendigstewige“ sind ihm leeres Wortgeklingel, „An Neckars Weiden“ fehlt ihm der Artikel, Hymnen sind ihm zu hymnisch, Abstrakta in gefährlicher Nähe zum Ideen-Platonismus, ein springender Gedankengang gilt als Zerfall der Autorregie, manchmal genügt schon eine krakelige Handschrift für den Krankheitsverdacht. Kein Vers ist hier sicher.
Das neue antikisierende Kompositionsprinzip, das sich in diesen Versen ankündigt, muss diesem formblinden Realismus entgehen. Der Weg in die Moderne bleibt zunächst verschlossen. Wübbens Pointe liegt nun darin, dass ausgerechnet der schulmeisterliche Psychiater unwissentlich den entscheidenden Hinweis für die moderne Hölderlin-Philologie gab. Bei der Analyse eines Briefes waren ihm syntaktische Merkmale aufgefallen, die er als Zeichen der Zerfahrenheit wertete, während sie der Hölderlin-Enthusiast Norbert von Hellingrath, der die Pathographie las, als Vorbote eines neuen Stils erkannte, einer neuen „Sangart“, von der in dem Brief auch explizit die Rede war: dem Pindarstil. / Thomas Thiel, FAZ 29.10.12
Yvonne Wübben: „Verrückte Sprache“. Psychiater und Dichter in der Anstalt des 19. Jahrhunderts. Konstanz University Press, Konstanz 2012. 333 S., Abb., geb., 39,90 Euro.
Auch Falkner ist gut. Aber der Markt ist nicht da. Es gibt in Deutschland eine Lyrikphobie. Gute Fotos hingegen schaut sich jeder gerne an. Sie sind meistens leichter zu verstehen als gute Gedichte.
Gerhard Falkner veröffentlichte mit Anfang zwanzig seinen ersten Gedichtband, schrieb Essays, Prosa Theaterstücke, arbeitete als Übersetzer für englischsprachige Literatur. Er wurde mit Preisen und Stipendien überhäuft, es gibt Universitäten, an denen man Seminare zu seinem Werk belegen kann. Einem breiten Publikum ist er aber nicht bekannt. In diesem Jahr sieht es jedoch so aus, als gewinne Falkners Karriere an Tempo. Im Januar war er zu Gast in der Literatursendung „Druckfrisch“ von Denis Scheck, um über seinen Gedichtzyklus „Pergamon Poems“ zu reden. Auf Youtube kann man sich das noch angucken. Falkner steht vor dem Pergamonaltar in Berlin, ein kleiner, grauhaariger Mann mit sehr korrekt gestutztem Kinnbart, schwarzrandiger Brille, schwarzem Jackett und Strickjacke. Er lächelt und sagt kluge Dinge über Dichtung und Fries, während hinter ihm Museumsbesucher langgehen und neugierig gucken. Erst in die Kamera, dann auf Falkner, bei sehr bekannten Leuten ist es ja meistens umgekehrt. Der Auftritt muss Falkner Nerven gekostet haben. Während er Scheck antwortet, kneten seine Hände auf irgendetwas herum. „Ich würde dringend dafür plädieren, die Arena wieder größer werden zu lassen“, sagt Falkner zu Scheck. Er meint damit den Raum, dem Dichtung zugestanden wird. Scheck ist da aber schon im Begriff, seine Arena für Falkner wieder zu schließen. Er lobt Falkners Buch. Nach sieben Minuten ist der Beitrag vorbei. / Karen Krüger, FAZ
Rede auf der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933
von Liao Yiwu
Wegen seines Protestes gegen das Massaker auf dem Tiananmen Platz wurde der namenlose Lyriker Li Bifeng verhaftet und war mein Leidensgenosse im Gefängnis. Mehrmals musste er danach wieder ins Gefängnis. Dort und in der Freiheit hat er Gedichte, Romane, Essays und Theaterstücke geschrieben und Gesellschaftsstudien verfasst.
Der größte Teil seiner Werke wurde von den Behörden beschlagnahmt. Nur ein kleiner Bruchteil ist auf der Webseite zu lesen, die wir für ihn eingerichtet haben, um seine Freilas- sung zu fordern. Für den 4. Juni dieses Jahres organisiert das Internationale Berliner Literaturfestival zum 24. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens das Worldwide Reading for Li Bifeng. Zahlreiche Schriftstellerkollegen haben bereits zugesagt, für seine Freilassung zu lesen. Hiermit bitte ich die anwesenden Schriftsteller darum, ihm ihre Solidarität mit eigenen Initiativen zu bekunden.
Li Bifeng liebt die Freiheit. Unter den politischen Gefangenen Chinas gilt er als der Meister der Fluchtversuche. Doch alle seine sieben Ausbrüche endeten damit, dass er wieder festgenommen und sogar gefoltert wurde. Einmal konnte er sogar bis nach Birma flüchten, wo er jedoch von einer kommunistischen Guerilla-Truppe gefangen und an die chinesischen Grenztruppen ausgeliefert wurde. Wie einen Fußball haben ihn acht Soldaten eine halbe Stunde lang hin und her getreten, so dass er heute immer noch unter den Folgen der Verletzungen an den Ohren, den Wangenknochen und am Hodensack leidet.
Das Leben von Li Bifeng, der dem Tod mehrmals entgangen ist, besteht hauptsächlich aus Schriftstellerei, Flucht und Gefängnis. Im November 2012, zwei Tage nach dem 18. Parteitag der KP Chinas wurde er wegen angeblicher Wirtschaftskriminalität zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er war gerade 48 Jahre alt geworden, zwölf Lebensjahre hat er bereits im Gefängnis verbracht.
Verschiedene chinesisch-sprachige Medien berichten jedoch, dass der eigentliche Grund für seine erneute Verurteilung seine jahrelange Unterstützung anderer Dissidenten gewesen sei und dass er im Jahr 2011 seinem Leidensgenossen aus dem Gefängnis, Liao Yiwu, bei der Flucht aus dem Land geholfen habe. Ich habe wiederholt erklärt, dass er mit meiner Flucht nicht das Geringste zu tun hatte. Doch sein Schicksal verursacht mir endlose Albträume. Ich danke dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, den deutschen Schriftstellern, dem PEN und der Akademie der Künste dafür, dass sie sich heute, anlässlich des Jahrestags der Bücherverbrennung, für seine Freilassung aussprechen. Sie ziehen somit eine Verbindungzwischen der Verfolgung von Schriftstellern durch die Nationalsozialisten und der heutigen Situation nicht nur in China. Denn wer sich für die Freiheit eines einzelnen Schriftstellers ein- setzt, macht somit auf das Schicksal aller verfolgten Autoren aufmerksam.
Lange vor der Bücherverbrennung durch die Nazis hat bereits der chinesische Tyrann Qin Shihuangdi, der die Chinesische Mauer erbauen ließ, als erster in der Geschichte der Menschheit Bücher verbrennen und Gelehrte lebendig begraben lassen. Und nicht lang nach der Bücherverbrennung Hitlers ließ der moderne Tyrann Chinas, Mao Zedong, in der von ihm ausgerufenen Kulturrevolution durch die Rotgardisten unter der Parole „Weg mit den Vier- Alten“ überall im Land Bücher verbrennen. Im gegenwärtigen China ist es längst Alltag geworden, dass Menschen wegen unliebsamer Äußerungen verurteilt werden. Es ist auch keine Seltenheit, dass Manuskripte von Schriftstellern beschlagnahmt und vernichtet werden. Die Schicksale von Li Bifeng, Liu Xiaobo, Gao Zhisheng, Tan Zuoren, Shi Tao, Ya Xin (Yassin) und vielen anderen besagen nur, dass der düstere Geist eines Hitler, Mao Zedong, Stalin oder Deng Xiaoping sich in absehbarer Zeit nicht verflüchtigen wird und dass das Feuer, das Bücher vernichtet, noch weiter lodert. / Mehr
Aufruf zur Solidarität mit dem chinesischen Lyriker Li Bifeng
Ich weiß noch wie einer meiner Germanistikdozenten vor ein paar Jahren den Zustand der deutschsprachigen Gegenwartslyrik beklagte. „Die jungen Dichter“, meinte er, „schreiben doch nur noch Germanistenlyrik. Sehr gelehrt, reich an Anspielungen, Zitaten und Assoziationen, ohne Herz und Seele.“ Welche Autoren der Dozent damit meinte, sagte er nicht. Allerdings ließ er keinen Zweifel daran, dass er durchaus weiß, was die so genannten Independent Verlage veröffentlichen.
Seither musste ich bei so manchem Gedichtband an diese Worte denken. Nie aber kamen sie mir so schnell in den Sinn wie bei der Lektüre des neuen Gedichtbandes von Carl-Christian Elze. Und das nicht etwa, weil Elzes neuen Texten Herz und Seele fehlen. Ganz im Gegenteil. Sie vereinen vielmehr einen stilsicheren Umgang mit sprachlichen Variationen und einen gefühlvollen Ausdruck, der in der deutschsprachigen Lyrik sehr selten geworden ist. Schon allein deshalb ist ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist ein mutiges Buch. Der Gegenwind von so manchem Lyrikkollegen dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Vielleicht provoziert ihn Elze auch ein wenig, bedenkt man das Robert-Walser-Zitat, das dem Band voranstellt ist. In einem Gespräch mit Carl Seelig sagte Walser: „Finden Sie nicht auch, dass die jetzigen Lyriker zu malerisch empfinden? Sie haben geradezu Angst, ihre Gefühle zu zeigen. Da suchen sie denn als Ersatz nach originellen Bildern. Aber machen Bilder das Wesen eines guten Gedichtes aus? Gibt nicht erst die Empfindung jedem Gedicht seinen Herzschlag?“ / Mario Osterland, Fixpoetry
Carl-Christan Elze: ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist. Gedichte. ISBN: 978-3-939557-69-2, 22€, luxbooks, Wiesbaden 2013
Bereits 2010 nahm die Schule an dem Literaturprojekt „Viele Kulturen – eine Sprache“ teil; jetzt, drei Jahre später, fiel der Startschuss für die zweite Auflage.
Und das im gleichen Umfang und mit dem gleichen Autor und Schreibwerkstatt-Leiter namens José F. A. Oliver und wieder einmal ausgelobt von der Robert-Bosch-Stiftung, die das Projekt finanziell unterstützt. (…)
Das angestrebte Werk mit Gedichten und Prosatexten soll bis zum Herbst rund 100 Seiten dick sein. Dabei stünde, so Oliver, literarisches Schreiben und weniger das kreative Schreiben im Vordergrund.
„Ein Dichter fällt nicht einfach so vom Himmel. Ich glaube nicht an Genies, aber an harte Arbeit“, weiß der Schriftsteller, der schon mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Auf die harte Arbeit kann er sich sicherlich verlassen, schließlich ist die Teilnahme der Schüler freiwillig und die Begeisterung groß. „Das ist eine super Möglichkeit, die darüber hinaus großen Spaß macht. Aufgrund der vollen Lehrpläne hat so etwas ja leider nicht viel Platz in der Schule“, so Teilnehmer Jan Kurowski und seine Mitschülerin Sarah Becker ergänzt: „Ein tolles Gefühl, dass wir ernst genommen und respektiert werden.“ / Julia Witte, WAZ
Im Verlag Toubkal erscheint der neue Gedichtband des marokkanischen Dichter Yassin Adnan, der bereits vier Gedichtbände, zwei Sammlungen von Kurzgeschichten und einen Band poetischer Prosa über Marrakesch veröffentlichte. Er sagt über sich: «Je suis un poète trahi par les cafés et les bars de Paris, mais servi par la poésie» („Ich bin ein Dichter den die Cafés und Bars von Paris verrieten und dem die Poesie aufwartete“). Die Poesie wird ihm Zuflucht, wenn es keinen Schutz mehr gibt, Kompass gegen Abwege.
Diese Sammlung ist voller Anspielungen. Er zitiert Abu Taib Al-Mutanabbi, Al-Imam Al-Shafi, aber auch René Char. Der Wunsch, dem poetischen Welt-Gebäude ein Steinchen hinzuzufügen, zeigt sich deutlich in der großen Zahl von zitierten Dichtern. Sie erscheinen auf den Seiten als Boje, die den direkten Weg zum Ufer des Heils zeigt. Durch dieses Verfahren zeigt Adnan, dass die Poesie keine Sprache hat, sie ist einfach die universelle Sprache par excellence, die Sprache, derer sich alle Nationen bedienen können, ohne sich um den Code zu sorgen. Der Dichter zitiert Abdellatif Laâbi, Sadi Youssef, Adonis, Al-Mustanabbî, Ibn Arabi, Bukowski, Bob Dylan, Jack Kerouac, Jacques Brel etc.
Man wünscht sich mehr solcher Produktionen, die der poetischen Schöpfung ihren wahren Wert zurückgeben und sie den Pseudo-Dichtern, die in letzter Zeit grassieren, wegnehmen.
/ My Seddik Rabbaj, Libération (Marokko)
es hängt von dir ab, wie morgen das Wetter wird
Hansjürgen Bulkowski
Gelegentlich leistet sich Wisława Szymborska auch ein bisschen Koketterie, so wenn sie im Gedicht Einfall ebendiesem Einfall, der sich bei ihr einstellt, den Rat erteilt, sich an einen anderen, besseren Dichter zu wenden.
Es gab in Polen diesen »besseren Dichter«, und wenn das Werk der Szymborska überhaupt mit einem winzigen Makel belastet ist, dann mit einem, für den sie absolut nichts kann, gemeint ist der Nobelpreis, der – als in Stockholm Polen auf dem Plan stand – doch mehr Zbigniew Herbert gebührt hätte als ihr; sein Werk zeichnet sich durch größere Dringlichkeit aus und eröffnet Dimensionen, die Wisława Szymborska verschlossen blieben oder die sie vielleicht gar nicht erschließen wollte. Aber was zählen alle Hierarchien von Ehre und Ruhm angesichts eines einzigen geglückten Gedichts, das sich dem Weltenlauf entgegenstellt? Wisława Szymborska sind nicht wenige solche Gedichte geglückt, eines von ihnen und eines ihrer letzten, Vermeer überschrieben, sei zuletzt zitiert: »Solange diese Frau aus dem Rijksmuseum / in der gemalten Stille und Andacht / Tag für Tag Milch / aus dem Krug in die Schüssel gießt, / verdient die Welt / keinen Weltuntergang.« / Peter Hamm, Die Zeit 22, S. 51
Wisława Szymborska:
Glückliche Liebe und andere Gedichte
A. d. Poln. v. Karl Dedecius und Renate Schmidgall; Kommentar von Adam Zagajewski; Suhrkamp Verlag, Berlin 2012; 104 S., 18,95 €
Die Zeit (Nr. 22, S. 38) berichtet über ägyptische Funde, die seit 100 Jahren in Kisten lagern und jetzt digitalisiert und entziffert werden:
Götter sind in weltlichen Texten zumindest erwähnt oder in radikaler Agitprop-Prosa als Adressat genannt, wie auf dem Papyrus P23040; das Klagelied, gerichtet an Gott Chnum, ist nichts anderes als ein Aufruf priesterlicher Kreise zum bewaffneten Widerstand gegen die persische Herrschaft: »Wir rufen dich an, Herr der Götter / Mögest Du zerlegen ihre Anführer / Mögest Du schlachten ihre Starken / Mögest Du töten ihre Vertrauten.«
Am 28.4. erschien in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein Artikel von Bettina Hartz über jüngere deutsche Gegenwartslyrik – (siehe Debatte im Winkel) in gekürzter Form, wie jetzt zu erfahren. Bei Fixpoetry gibt es jetzt den vollständigen Text. Darin über Nora Bossong, Alexander Gumz, Ron Winkler, Monika Rinck, Ann Cotten, Anja Utler, Jan Wagner, Marion Poschmann, Tom Schulz, Daniel Falb, Steffen Popp.
Peter Bürger, engagierter Heimatforscher aus Düsseldorf, macht sich für die Umbennung von Straßennamen stark. Die WAZ sprach mit ihm:
Ich beschäftige mich seit 27 Jahren mit sauerländischer Regionalforschung. Was ich in den Archiven entdeckt habe, war oft eine braune Sauce, vor allem was die Heimatdichtung betrifft. Mein Credo ist dabei, dass wir einerseits die schöne Lyrik vermitteln müssen, wie etwa bei Christine Koch, aber auch die Schattenseite.
In welcher Form?
Zum Beispiel habe ich in einem Dossier sämtliche fragwürdige Dichtungen von Christine Koch – wie das seit 1990 bekannte Gedicht zur Schuleinweihung in Stockum – dokumentiert. Allerdings gehörte Christine Koch nie der NSDAP an. Auch das Führer-Lob hörte nach 1936 auf. Und, ganz wichtig für mich, sie hat nie einen Hauch von Antisemitismus gezeigt und sich für das Menschenrecht von Minderheiten stark gemacht.Kommen wir auf die drei Sunderner Straßen. Was ist mit Georg Nellius?
Schon vor 1933 war er Kopf der rechten Republikfeinde im Heimatbund. Seine glühenden Hitler-Hymnen habe ich für die Kommunalpolitiker und – öffentlich zugänglich – für die Stadtbibliothek in Sundern kopiert. Seine plattdeutsche Messe bleibt eine Pioniertat. Aber das ist kein Argument, dieses NSDAP-Mitglied mit hochkarätiger NS-Kulturfunktion heute noch auf einem Straßenschild zu zeigen.Was ist mit Karl Wagenfeld?
Dieser Dichter hat den Nazis Brücken in die katholische Heimatwelt Westfalens gebaut. Er war schon vor 1933 nationalistischer Kriegshetzer und Rassist. Er rückte Juden in die Nähe Satans und sympathisierte mit der Vorstellung von „minderwertigem Leben“. Nach Hitlers Machtantritt war er über Nacht NSDAP-Mann. Das Dritte Reich galt ihm als Erfüllung seiner Lebensträume. Viele Kommunen haben ja schon die Konsequenzen daraus gezogen und Straßen umbenannt.Wie stehen sie zu Maria Kahle?
Diese völkische Pseudokatholikin predigte schon bald nach 1920 Judenhass und fanatische Hitlerverehrung. Sie war führende Kriegspropagandistin der Nazis und geistige Mittäterin der Verbrechen im Ostfeldzug. Der Fall kann eindeutiger nicht sein. Eine Kahle-Straße ist eine Schande für jeden Ort.
Münster-Roxel – Die 25 Fünftklässler der Sekundarschule wirkten motiviert und gut vorbereitet: Christoph Wenzel (34), Autor und Herausgeber aus Aachen, las im Rahmen des münsterischen Lyrikertreffens aus seinem dichterischen Werk.
„Gedichte sind Frischzellen fürs Gehirn“, unterstrich der studierte Germanist und mehrfache Preisträger. Lyrik ermögliche Kindern – entgegen weit verbreiteter Vorstellungen – einen unmittelbaren und ungefilterten Zugang zur Sprache „ohne analytischen Duktus“.
Mit seinen jungen Zuhörern führte der Autor spannende Gespräche über die Wirkungsweise von Versen und Reimen. Sein Appell („Neugierde ist der erste Schritt zum Verständnis“) zeigte schnell Wirkung. So skizzierten die Schüler eindrucksvoll die Faszination selbstverfasster Gedichte: „Es macht Spaß, Worte zu reimen. Lustig ist, was dabei rauskommt!“ / Thomas Usselmann, Westfälische Nachrichten
Das 14. Poesiefestival von Montréal, veranstaltet von der Maison de la poésie, findet vom 27.5.- 2.6. 2013 statt. Mexiko steht in diesem Jahr im Mittelpunkt. Die Veranstaltung ist offen für alle Ausdrucksformen der zeitgenössischen Poesie. 150 Dichter, Schriftsteller und Künstler aus allen Bereichen nehmen am Festival an verschiedenen Orten der Stadt teil in rund vierzig reichhaltigen und abwechslungsreichen Aktivitäten, von denen viele auf Französisch und Spanisch präsentiert werden.
Unter dem Motto 25 Jahre Austausch zwischen Mexiko und Québec wird das Festival die Aufmerksamkeit auf die langjährigen Verbindungen der Dichter beider Nationen lenken. / Mehr
U.a. mit Hubert Antoine, Élise Turcotte, Yolande Villemaire et Paloma Martinez, Claude Beausoleil, Bernard Pozier, Nicole Brossard, Émile Martel, Marco Antonio Campos, Silvia Eugenia Castillero, Gabriel Martín, Cristine Carmona, Mathilia Daudier, Alain Dumont, Carole Dupuis, Denis Gendron, Diane Lavigne, Maria Bautista, José Villagomez, Taulina Gonzalez, Louise Berthiaume, Maria Helena Monge, Réjean Morel, Carole Roy
Hier das komplette Programm
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