3. Hafis und die Dichter von Schiras

Nach Dick Davis, Lyriker und Wissenschaftler, ist der persische Dichter Hafis für die Welt der Poesie, was Bach für die Musik ist. „Man sagt, daß Bach alles aufgesammelt hat, was es vor ihm in der Musik gab, und es auf eine neue Stufe versetzte. So verfuhr Hafis mit den Konventionen der Lyrik.“ Das lyrische Gedicht erreiche in Hafis seinen Höhepunkt. Zum Großen an Hafis gehöre, daß seine Gedichte extrem mehrdeutig seien und auf verschiedene Weise gelesen werden könnten. Man kann sie säkular oder religiös lesen.

Hafis sei universeller als der im Westen bekanntere Rumi. Er spreche über alle Seiten des geistigen und Gefühlslebens, während Rumi nur über eine Seite spreche, wenn auch sehr emphatisch, stark und überzeugend.

Hafis sei ein kanonischer Dichter in der Kultur Irans, wie Shakespeare, Milton, Wordsworth und Tennyson in einer Person. „Kaum ein gebildeter Iraner, der nicht Gedichte oder wenigstens viele Zeilen von Hafis auswendig weiß.“

In seinem neuen Buch „Faces of Love: Hafez and the Poets of Shiraz“ übersetzt Davis Gedichte von Hafis, Jahan Malek Khatun und Obayd-e Zakani, alles Dichter des 14. Jahrhunderts aus Schiras.

Hier liest der Übersetzer ein Gedicht von Hafis, das in seiner Übersetzung so beginnt:

I see no love in anyone,
Where, then, have all the lovers gone?
And when did all our friendship end,
And what’s become of every friend?

Life’s water’s muddied now, and where
Is Khezr to guide us from despair?
The rose has lost its coloring,
What’s happened to the breeze of spring?

 

/ Text und Film hier und hier.

2. Exzellenz & Ganzheitlichkeit

Mit der Erfindung des Buchdrucks wurden Zugang und Verteilung von Wissen nachhaltig verändert. Das bisherige Selbstverständnis der Dichter wurde in Frage gestellt. Das Weltnetz revolutioniert den Wissenszugang noch radikaler als der Buchdruck. Was an Wissen nicht nachgefragt wird, verkommt zur Marginalie. Umgekehrt erschliesst das Weltnetz abgelegene Spezialgebiete und abseitige Expertisen. Marginalien erhalten auf diese Weise eine zweite Chance. Die Quantitätsspirale dreht sich somit nicht in Richtung Exzellenz. (…)

Im Internet organisieren sich die vereinzelten Artisten wieder wie ursprünglich Stämme, die über die Fingerspitzen, Augen und Ohren miteinander verbunden sind. Die Verständigungsgrundlage sind Zeichen, Symbole und Sounds. Das verändert jede Vorstellung nationaler oder lokaler Arten der Kommunikation – hoffentlich zum Positiven. Während sich die Schere zwischen Theorie und Praxis weiter öffnet, wächst die Distanz zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und kulturellem Leben. Es gilt, sich für ein Mehr an interkultureller Kompetenz einzusetzen und eine Vielfalt zu erschliessen. Nach diesem ironischen Beipacktext ist Lyrik: 58 Prozent Poesie, 11 Prozent Theorie, 31 Prozent Philosophie.

Ein Spannungsfeld offenbart sich in der Gegenläufigkeit von Ganzheitlichkeit und Spezialisierung. Immer mehr Lyriker bewegen sich innerhalb des Literatur–Betriebs der Selbstreferenzierung. Sie suchen im Weltnetz die herkömmliche Geschlossenheit der Literatur zu erhalten. Unbemerkt unterlaufen sie aber dabei, was Schriftstellerei ausmacht: Ganzheitlichkeit. Von hier aus ist es nicht weit zur Spezies der Transferspezialisten, die das erarbeitete Wissen in Poesie übersetzen. Poesie zu verfertigen, ist zu 89 Prozent Instinkt, diese Inspiration nutzt allerdings überhaupt nichts, wenn man kein Hirn hat, um Poesie durch Faktenwissen in der Sprache zu verorten. Diese Dialektik von Intuition und Informiertheit macht Lyrik erst zur Poesie.

/ A.J. Weigoni: VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie. vordenker.de

1. American Life in Poetry: Column 451

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Most of us will never touch a Klansman’s robe, or want to touch one. Rachel Richardson, who lives in North Carolina, here touches one for us, so that none of us will ever have to.

Relic

The first time I touched it,
cloth fell under my fingers,
the frail white folds
softened, demure. No burn,

no combustion at the touch of skin.
It sat, silent, like any other contents
of any other box: photographs
of the dead, heirloom jewels.

Exposed to thin windowlight it is
exactly as in movies:
a long gown, and where a chest
must have breathed, a red cross

crossed over. The crown, I know,
waits underneath, the hood with eyes
carefully stitched open, arch cap
like a bishop’s, surging to its point.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Rachel Richardson from her most recent book of poems, Copperhead, Carnegie Mellon University Press, 2011. Poem reprinted by permission of Rachel Richardson and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

121. Auch ich und du

Eva Strittmatter gehört nicht zu meinen LieblingsautorInnen. Aber ich habe ihr erstes Buch und etliche danach gelesen. Verse auch von ihr haben sich mir ins Hirn gebrannt, manche benutze ich im Alltag. So auch heute aus gegebenem unerfreulichem Anlaß. Ich nehme das mir wieder zugefallene, 40 Jahre alte Gedicht in meine Anthologie, Erinnerung an einen Freund, den ich nicht halten konnte.

Bilanz


Wir alle haben viel verloren.

Täusche dich nicht: Auch ich und du.

Weltoffen wurden wir geboren.
Jetzt halten wir die Türen zu
Vor dem und jenem. Zwischen Schränken

Voll Kunststoffzeug und Staubkaffee

Lügen wir, um uns nicht zu kränken.

Und draußen fällt der erste Schnee…
Wir fragen kalt, die wir einst kannten:

Was machst denn du, und was macht der?
Und wie wir in der Jugend brannten…
Jetzt glühn wir anders. So nie mehr.

Aus: Eva Strittmatter, Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973, S. 123.

120. Bartomeu Rosselló-Pòrcel

Das Espriu-Jahr geht zu Ende. Darüber und über Espriu selbst wurde in der Lyrikzeitung mehrfach berichtet (u.a.hier, hier,und hier). Es jährte sich allerdings auch zum hundertsten Mal die Geburt von Bartomeu Rosselló-Pòrcel, einem mallorquinischen Dichter, der bereits 1938 starb. Er war mit Espriu befreundet, beide schätzten sich gegenseitig auch als Dichter sehr. Rosselló-Pòrcel hinterließ drei schmale Gedichtbände, das Erscheinen des dritten (Imitació del foc [Nachahmung des Feuers], 1938) erlebte er nicht mehr. Daraus hier das vorletzte Gedicht:

Escolto la secreta
harmonia de l’aire
i l’ardor que tremola
d’unes grans aigües lliures.

Ales i dansa! Déus
que ara passen i canten
altes músiques! Llum
dels ulls sagrats i verges!

Estic sol en aquestes
ombres i sento caure
ones de sang, enmig
d’una alba trista i aspra.

Ich höre die geheime
Harmonie der Luft
und die Glut, die bebt
von großen freien Wassern.

Flügel und Tanz! Götter
ziehen nun vorbei und singen
hohe Weisen! Licht
der heiligen und jungfräulichen Augen!

Ich bin allein in diesen
Schatten und höre, wie
Wellen aus Blut niedergehen, mitten
im traurigen und rauen Tagesanbruch,.

[aus dem Katalanischen von à.s.]

119. Mehr Tanzgedichte

Auf Lyrik von Martina Hefter und Jan Wagner im letzten Blog (siehe hier) folgen hier Gedichte von Adrian Nichols und Monika Rinck.

Von WIEBKE HÜSTER

118. Stimmen und Gnome

Ein ruhiges Leben, jedenfalls an der Oberfläche, so wollte Miłosz es selbst sehen. In seinem Gedicht „Für Allen Ginsberg“ skizzierte er seine Form der dichterischen Kraft: „Auch so kann die Schule der Visionen sein, ohne die Drogen und das abgeschnittene Ohr von van Gogh, ohne die Bruderschaft der besten Geister hinter Krankenhausgittern.“

Doch Miłosz hatte seine eigenen Stimmen und „teuflischen Gnome“. In seinen stärksten Gedichten lässt er die Sprache pulsieren. Es sind oft Langgedichte, die verschiedene Töne und Bildwelten zu Konstellationen formieren. Kleine Skizzen, Erinnerungen, Reflexionen oder imaginäre Streifzüge – und darin Bilder, die sich nie auflösen lassen, die mit jedem neuen Vers die Perspektive verschieben: „Alle sind vierbeinig, ihre Schenkel freuen sich, wenn sie die Weichheit von Bär und Dachs berühren, wenn rosige Zungen sich gegenseitig das Fell ablecken. / Erstaunt spürt man das ,ich’ im Herzschlag, aber die ganze Erde mit ihrem Frühling und Sommer kann seine Weite nicht füllen.“

Es ist ein wenig schade, dass die Ausgabe nicht zweisprachig ist. Gerne hätte man versucht, der polnischen Sprache zu folgen und so wenigstens ein Gespür zu bekommen für die Klänge, mitunter auch Reime, die Miłosz benutzt. Dafür falten gleich vier Übersetzer seine Verse auf. Ihnen gelingt es nicht zuletzt, auch jene Stücke in ein gut lesbares Deutsch zu verwandeln, die weniger überzeugen. So verschränkt viele Gedichte in den Schichtungen ihrer Bilder und Ideen sind, so plan erscheinen manche andere in der Behauptung bloßer Aussagen. Aber Miłosz’ Ton trägt über solch schwächere Zeilen hinweg. Es ist ein Ton, der um die Brüche und Ängste im Untergrund des Bewusstseins weiß. Nur im Denken an jenen Untergrund, das machen die Gedichte immer wieder deutlich, lässt sich die Welt überhaupt „preisen“. Und nur so lassen sich die einzelnen Menschen beschreiben, mitsamt ihren „Ohrringen, Spiegeln, einem verrutschten Träger“. / Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung 30.12.

Czesław Miłosz: Gedichte. Aus dem Polnischen von Doreen Daume, Karl Dedecius, Gerhard Gnauck und Christian Heidrich. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Adam Zagajewski. Carl Hanser Verlag, München 2013. 175 Seiten, 17,80 Euro.

117. American Life in Poetry: Column 450

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Here’s a lovely poem about snow falling on San Antonio by Mo H. Saidi, an obstetrician and writer who, in addition to his medical training, has a Master’s degree in English and Literature from Harvard.

The Night of the Snowfall

Snow falls gently in the Hill Country
covering the meadows and the valleys.
The sluggish streaks of smoke climb quietly
from the roofs but fail to reach the lazy clouds.

On Alamo Plaza in the heart of the night
and under the flood of lights, the flakes float
like frozen moths and glow like fireflies.
They drop on the blades of dormant grass.

They alight on the cobblestones and live awhile
in silence, they dissolve before dawn.
The wet limestone walls of the mission
glow proudly after the night of snowfall.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Mo H. Saidi from his most recent book of poems, The Color of Faith, Pecan Grove Press, 2010. Poem reprinted by permission of Mo H. Saidi and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

116. Strenge Rätsel

Von Karl Kraus stammt die schöne Maxime: „Künstler sollten Rätsel schaffen, nicht Lösungen.“ An einer avancierten „Tropen- und Rätselsprache“ (Novalis) arbeitet auch die sehr verschlossene, alle Stoffe, Themen, Substanzen und Motive extrem konzentrierende Dichtung Àxel Sanjosés. Der 1960 in Barcelona geborene, seit 1978 in München lebende Sanjosé bevorzugt eine poetische Engführung der Motive, die sich stark an die Sprachkunst des französischen Symbolisten Stéphane Mallarmé anlehnt, an dessen Verfahren der „orphischen Entfaltung“. Eine zweite Bezugsfigur ist der fast schon vergessene Günter Eich, von dem Sanjosé die Neigung zur Verkürzung und Verknappung adoptiert hat und den Widerstand gegen jegliches Dekor.

Nun hat Àxel Sanjosé den schmalen, aber äußerst substantiellen Gedichtband „Anaptyxis“ vorgelegt, nur 32 Gedichte, an denen der Autor freilich über zehn Jahre gearbeitet hat. Die Strenge des Dichters gegen sich selbst hat sich gelohnt. In diesem Buch findet man keine Zeile, die nur ornamentale Funktion hat oder ein geläufiges Metaphernrepertoire bedienen würde. / Michael Braun, Tagesspiegel

Àxel Sanjosé:
Anaptyxis. Gedichte. Rimbaud Verlag,
Aachen 2013.
56 Seiten, 12 €.

115. Erziehung

Heute vor 148 Jahren (1865) wurde Rudyard Kipling in Bombay (Indien) geboren. Während einer Epidemie schickten ihn die Eltern zur Sicherheit nach England, wo er strenge Pflegeeltern hatte. Oft steckten sie ihn zur Strafe in den Keller wegen irgendwelcher Vergehen, einmal schickte man ihn in die Schule mit einem Schild auf dem Rücken: „Lügner“. Später sagte er, das habe ihn gelehrt, auf die kleinen Notlügen zu achten, zu denen er sich gezwungen sah – ein Fundament für das spätere Schreiben. Eine häufige Strafe bestand darin, daß er auf sein  Zimmer gehen und die Bibel lesen mußte. Er liebte das.

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114. American Life in Poetry: Column 449

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I’m a sucker for miniatures, I suppose because it’s easy to believe I have control over my world when some of its parts are very small and I have positioned them to my liking. Here’s a telling poem about a tiny plastic soldier by Mary M. Brown of Indiana.

Classic Toy

The plastic army men are always green.

They’re caught in awkward poses,
one arm outstretched as if to fire,
legs parted and forever stuck on a swiggle
of support, as rigid and green as the boots.

This one has impressions of pockets,
a belt, a collar, a grip on tiny binoculars
intended to enlarge, no doubt, some
tiny enemy.

In back, attached to the belt is a canteen
or a grenade (it’s hard to tell). The helmet
is pulled down low, so as to hide the eyes.

If I point the arm, the gun, toward me,
I see that this soldier is very thin.

It’s almost unreal, how thin he is.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Mary M. Brown, who is working on a collection of poems about John Steinbeck. Poem reprinted from Third Wednesday, Vol. 4, Issue 3, by permission of Mary M. Brown and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

113. Gryphius-Preis für Hans Bergel

Am 22. November wurde Hans Bergel im vollbesetzten Ausstellungssaal des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Düsseldorf der nach Andreas Gryphius (1616-1664) benannte Große Literaturpreis der KünstlerGilde von deren Vorsitzendem, Prof. Dr. Wolfgang Schulz, überreicht. Der Direktor des Hauses, PD Dr. Winfried Halder, hatte die Gäste begrüßt, die Berliner Historikerin und Germanistin Renate Windisch-Middendorf hielt die Laudatio. Bergel sei „Zeitzeuge u n d Chronist des 20. Jahrhunderts“, sagte sie einleitend, „sein Werk erwächst aus leidenschaftlicher u n d genauer Befragung autobiografischer Erfahrung“. Sie nannte Bergel einen „Sprachvirtuosen“, einen „Sachwalter des Kulturgedächtnisses“ und seinen Roman „Die Wiederkehr der Wölfe“ (2006) ein „polyhistorisches Erzählwerk als Epochenanalyse“. Sein gesamtes Werk sei als „Schreiben gegen das Vergessen“ zu verstehen. Bergel, der als erster Siebenbürger Sachse den Gryphius-Preis erhielt, dankte mit einer Ansprache.

112. Doppelblick & -lebenslauf

Einige Autoren sind nicht nur Wanderer mit Doppelblick aus zwei Systemen in Rumänien und Deutschland, sondern interferieren auch zwischen der Welt der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben: Horst Samson, der im Bărăgan geboren, im Banat aufwuchs und in Siebenbürgen zur Schule ging, oder Ilse Hehn, im Banat geborene und in Mediasch tätige Lehrerin, auch sie ist eine Schriftstellerin zwischen zwei Welten, ebenso Franz Heinz, der vom Banat nach Österreich evakuiert wurde und nach dem Studium in Bukarest als Redakteur des Neuen Weg tätig ist.

Diese Autoren sind nicht nur Banater oder Siebenbürger, sie sind auch Wanderer zwischen verschiedenen Welten, Kulturen, Traditionen und Systemen. So schildert Hans Bergel in „Der Barackentrottel“ und „Der Major und die Mitternachtsglocke“ Erlebnisse aus der politischen Haft an der Donau. Klaus Hensel analysiert in seinen Gedichten „Beschnittenes Leben“, „Versimstes Glück“ oder „Der Koffer meiner Mutter“ oder „Taxi“ Erinnerungen, Reflektionen auf Reisen. Franz Hodjak ist angekommen in „Riemenschneiders Heilig-Blut- Altar“, im Blau der Bilder von Yves Klein, im Gedicht „Ausführung“ oder bei den „Walen“ Tomi Ungerers.

Rolf Bossert, dessen tragischer Tod bekannt ist, ist in der Anthologie mit seinem Gedicht von „Einem, der nie ankam“ vertreten und spricht vom „Niemandsland von Vaterland und Muttersprache“. Von Frieder Schuller stammt in der Sparte „Dramatik“ das Stück „Ossis Stein oder Der werfe das erste Buch“. Der kürzlich verstorbene Ingmar Brantsch ist vertreten mit einem Essay über die deutschsprachige Literatur in und aus Rumänien. (…)

Siebzehn Autoren der von Horst Samson, Generalsekretär des Exil-P.E.N., herausgegebenen Anthologie „Heimat – gerettete Zunge“, davon neun Siebenbürger, sieben Banater Dichter und eine Literaturdozentin, schildern „bestimmte Einblicke in politisch brisante Phasen der rumänischen Nachkriegsgeschichte“, die „repressiven Erfahrungen mit dem kommunistischen Regime“, „Geschichten aus dem Hinterland“, die „dörfliche Gemeinschaft“ aus einer „untergehenden Welt, die längst ihre magische Anziehungskraft verloren hat“ – so Wolfgang Schlott, Vorsitzender des Exil P.E.N.-Clubs, im Vorwort. Die Autoren der „poetisch verdichteten Reflexionen“ sind: Hans Bergel, Ingmar Brantsch, Walter Engel, Franz Heinz, Ilse Hehn, Klaus Hensel, Franz Hodjak, Johann Lippet, Peter Motzan, Gerhard Ortinau, Horst Samson, Helmut Seiler, Olivia Spiridon, Dieter Schlesak, Frieder Schuller, Balthasar Waitz, Renate Windisch. (…)

Samson, der in seinem Gedicht „Pünktlicher Lebenslauf“ den Blick des Vaters mit jenem des Sohnes vereint, wird zum Mitwisser der Erlebnisse und des Schweigens, wie seinem Prosastück „Exkurs über die Endlosschleife“ zu entnehmen ist. Ilse Hehn, die zurückkehrt nach Temeswar, reflektiert: „T. eine Stadt wirre Ver/ flechtungen das Wort nicht auf/ gehoben vermisst ein/ Grinsen…“. Horst Samson nimmt in „Die Vermessung der Traurigkeit“ Abschied von „Wörtern,/ Landschaften,/ Vom Schicksal der Vögel,/ Dem Wind“ und von der Heimat, der „alten Welt“, die er verlässt. Sein Kopf wird zur „Urne der Erinnerungen“.

(…) Viele Autoren pflegen den Doppelblick und gelten zu Recht nicht als Heimatdichter. Die deutschen Autoren aus Rumänien hingegen sind nicht nur Doppelblickende, sondern haben auch Doppel-Lebensläufe; sie sind „Dolmetscher einer Erfahrung“, wie Peter Motzan im Essay „Eine Erfolgs- und /oder eine Endzeitgeschichte?“ zitiert.

/ Katharina Kilzer, Siebenbürgische Zeitung

Horst Samson (Hrsg.): „Heimat – gerettete Zunge. Visionen und Fiktionen deutschsprachiger Autoren aus Rumänien. Eine literarische Begegnung“ (mit einem Vorwort von Prof. Dr. Wolfgang Schlott), Ludwigsburg Pop-Verlag 2013, 373 Seiten, Preis: 25 Euro. ISBN: 978-3-86356-051-5.

111. Einwurf

Ein Kommentar von  Felix Philipp Ingold

Grossartig! Der Perlentaucher initiiert unter der kundigen Kuratel von Marie Luise Knott eine Lyrik-Kolumne – noch ein Beleg dafür, dass die Poesie, vorab die zeitgenössische, bei den Medien, auch den neuen, an Terrain und Interesse gewinnt. Und grossartig doch, wieviel Positives die Kolumnistin von ihrem „Streifzug durch das lyrische Jahr 2013“ zu berichten hat, nicht nur über die von ihr ausgewählten Autoren und Texte, nein, über Dichtung schlechthin.

Dichtung, so wird uns hochgemut mitgeteilt, kann so gut wie alles – sie vermag „die Zeit aufzuheben“, lässt uns „ins Fantasieren geraten“, sie bewirkt, dass uns beim Lesen „das Glück befällt“, sie „lässt Worte, Bilder, Gedanken gehegt wuchern“, und was sie „mit ihrer Sprache berührt, wird lebendig“. Und ja – da verlässt ein Dichter seine „Versschmiede“ und geht (frei nach Baudelaire) „in den Zauberwald der Sprache mit der Absicht, sich … zu beleben“!

Das alles grenzt an Magie. Hier soll, allen Ernstes, die Macht der Poesie bezeugt werden, Wirklichkeit nicht bloss in Worten vorzuführen, sie vielmehr in Tat und Wahrheit zu erschaffen. Sieben recht verschiedenartige Autoren hat Marie Luise Knott bei ihrem Streifzug aufgegriffen, doch alle – ob Zeitdiagnostiker oder Naturlyriker, Bildungskrämer oder Sprachakrobaten ‒ scheinen gleichermassen zu bestätigen und zu liefern, was sie sich im Umgang mit Gedichten als „ein Ereignis von Lust und Freiheit“ erhofft: Poesie soll „in aller Schönheit eine Störmaschine“ sein.

Auffallend ist nun aber – und dies betrifft schon eher die Dichter als deren geneigte Leserin ‒ , dass sich die vielen herbeizitierten Verszeilen trotz unterschiedlichster Intention in ihrer Machart wie in ihrer Gesinnung kaum von einander abheben. Vorherrschend ist ein Kammerton, der zwischen Plaudern und Raunen seinen Hallraum findet – zwischen lyrischen Versatzstücken wie diesen: „Es ist warm und ich rieche Regenschauer. / Der Barhocker dreht sich. Wenn ich mein Bein bewege.“ – „gezeichnetes gelände in gestundeter seligkeit der verwahrlosung.“ – „Warum tanzte ich nicht auf den Champs Elisées / als die Menge mit Hurrarufen das Kriegsende begrüsste?“ – „Die Welt der Türrahmen, Flure, Treppenhäuser und Wege … wie ein Widerschein des Mondes in dunklem Wasser.“ – „Wir fanden Freude am Geplänkel / wir lösten im Auto den Augen die / Binde und den Worten die Fesseln …“ – „Jetzt müssten die Kirschbäume blühen, dass es heisst: wieder und wieder.“ – Oder auch: „pop! geht das wiesel, kanister mit diesel, stiefel voll blut, pop, pop!“ Usf.

Marie Luise Knotts durchweg wohlwollende Einzelhinweise auf Stolterfoth, Lindner, Egger, Kennel, Kinsky, Mort und Hartwig können für zeitgenössisches, zumal deutschsprachiges Dichten als einigermassen repräsentativ gelten, doch sie liessen sich auch – mit den gleichen Worten – auf (zum Beispiel:) Popp, Krüger, Scheuermann, Bossong, Bleutge, Falb oder Rost beziehen. Geplaudert wie geraunt! Und … aber wer hat noch was mit andern, also eigenen Worten zu sagen?

 

110. Lange Gedichte

Tom Bresemann: Du beschäftigst dich mit langen Gedichten. Nach Walter Höllerers Thesen zum langen Gedicht wird in ihnen und ihrer »Art sich zu bewegen und da zu sein … die Republik erkennbar, die sich befreit«. Sind lange Gedichte für Dich Metropolen des Sprechens?

A. Becker: Eigentlich komme ich ja vom Gedicht her – das will heißen, dass ich dort in meiner Kindheit in Polen von Poesie und von Dichtern umgeben gewesen bin. Es war ganz natürlich, dass wir Gedichte ge­schrieben und über sie gesprochen haben. Ein Prosa­autor war jemand, der im Ausland lebte oder zum Kanon der polni­schen Literatur gehörte: Es waren hohe Berge und Elfenbeintürme, die uns verdächtig vor­kamen. (…)

In meinem neuen Gedicht­band, dessen Ver­öffent­lichung für 2014 geplant ist, gibt es ein langes Poem von 18 Seiten, in dem ich von meiner kleinen Heimat erzähle. Ich erzähle auf drei Ebenen: privat (autobiografisch), historisch (universell irdisch) und meta­physisch (himmlisch trans­zenden­tal). Der Gesang, gepaart mit dem Poem, also die Minne­sänger­tradition und natürlich die griechischen Dichter, die auf dem Hof und auf der Straße Unterhaltung und Bildung geboten haben – das ist sicherlich eine Art der Dichtung, die ich sehr bewundere. In der ich mich wohlfühle. / Poetenladen

Dieses Gespräch und weitere Gespräche  und Beiträge zum Thema in poet nr. 15

Literaturmagazin
poetenladen, Leipzig Herbst 2013
232 Seiten, 9.80 Euro