94. Die Nacht

24. Dezember 1828: Der fünfzehnjährige Georg Büchner widmet seinen «guten Eltern» das Gedicht «Die Nacht». Sein «kleines Weihnachtsgeschenk» in Schülerschönschrift hat Trennungsschnörkel zwischen den Strophen. Es beginnt mit den Zeilen: «Niedersinkt des Tages goldner Wagen, / Und die stille Nacht schwebt leis‘ herauf, / Stillt mit sanfter Hand des Herzens Klagen, / Bringt uns Ruh‘ im schweren Lebenslauf.»

Wie hat der jugendliche Georg diese Verse wohl vorgetragen? Im Lichterglanz des Weihnachtsbaums im Wohnzimmer der Familie im grossherzoglichen Darmstadt? Ob es Vater, Mutter und Geschwister irritiert hat, wie viel darin von Tod die Rede ist – aber kein Wort von Geburt? «Und die Sterne funkeln in der Ferne / Schau’nd herab auf Leben und auf Grab.» / Ralf Beil, NZZ 24.12.

Hier in der ersten kritischen Gesamtausgabe von 1879 im DTA

93. Shī

Das chinesische Schriftzeichen 詩 (shī) steht für Poesie oder Gedicht, Vers, Hymne oder Ode.

詩 ist eine phono-semantische Verbindung, und ist einer Art von chinesischen Zeichen zugehörig, die aus einer Klang- und einer Bedeutungskomponente bestehen.

In dem Zeichen 詩 , verweist 言 (yán), der Teil auf der linken Seite auf die Bedeutung, während 寺 (sì) auf der rechten Seite den Klang beschreibt.

寺  ist das Zeichen für „Tempel, Kloster, Gericht oder Büro“, während 言 der Wortstamm oder das Zeichen ist, das sich auf  „Wörter oder Rede“ bezieht, und die Bedeutung „zu sagen“ hat. Es ist ein Ideogramm, das die Idee des Sprechens durch das Bild einer Zunge darstellt, die aus dem Mund herausgestreckt ist.

Die beiden Komponenten zusammen können so verstanden werden, dass sie die Poesie als eine besonders durchdachte Form der Sprache oder Vortrags symbolisieren.

Zu den Begriffen, die das Zeichen 诗 verwenden,  gehören zum Beispiel 詩人 (shī rén) für „Dichter“; 古詩 (gǔ shī) für „klassische chinesische Poesie“, 詩歌 (shī gē), „Oden und Lieder“, wobei 歌 (gē) „Lied“ bedeutet; 詩句 (shī  jù), „Vers“, wobei 句 (jù) „Satz“ bedeutet, und 詩韻 (shī yùn) die Bedeutung hat „Reim von einem Gedicht“.

(…)

唐詩三百首 (tang shī  sān bǎi shǒu) bezieht sich auf die „300 Tang-Gedichte“, eine Zusammenstellung von über 300 der besten Gedichte der bedeutendsten Dichter aus der Tang-Dynastie (618 – 907), dem goldenen Zeitalter der chinesischen Poesie.

Die Sammlung wurde von Sun Zhu (孫誅) um 1763 herum während der Qing-Dynastie (1644 – 1911) erstellt. Sun wählte die Gedichte auf der Grundlage ihrer Popularität und Fähigkeit, den Menschen zu helfen, ihren persönlichen Charakter zu kultivieren oder zu verbessern.

Die Sammlung ist auch heute noch ein beliebter Klassiker, der weithin studiert wird. Es ist zu einem beliebten Spruch geworden, zu sagen: „Wenn du nicht weißt, wie Gedichte schreiben, wirst du das können, wenn du die ‚300 Tang Gedichte‘ auswendig lernst.“ / Cindy Chan, Epoch Times

92. Komparativst

Hilft nix, ich muß noch mal Titanic zitieren:

Neinnein, FAZ.net!

Du hattest schon ganz recht, die Megadiva Madonna qua Schlagzeile als »bestbezahlteste Musikerin« der Welt zu bezeichnen. Und es war völlig unnötig, diese Überschrift nach geschätzten zehn Minuten Onlinezeit von den kleinkarierten Germanistengreisen aus der Redaktionsbesenkammer vom Netz nehmen und durch ein mattes »bestbezahlte« ersetzen zu lassen. Das Immerreicherwerden der Superreichen sprengt nun mal die Grenzen jeder Logik (»Ich bin sogar reicher als ich selbst«, staunte schon Dagobert Duck), und die Grammatik hat sich da anzupassen wie wir anderen alle auch.

Und bedenke, FAZ.net: Wer erwirtschaftet diesen Reichtum nicht zuletzt? Unterbezahlte und unbeaufsichtigte Kräfte in den Online-Redaktionen!

Das Sein bestimmt die Komparationsform

91. Salafisten gegen Adonis

Der syrische Dichter Adonis wurde von einem algerischen Salafistenführer zum Ketzer erklärt. Adonis reagiert mit Verachtung. Seinem Hauptkritiker Abdelfettah Ziraoui Hamadache riet er, er solle erst mal Arabisch lernen, bevor er im Namen des Islam spreche.

Abdelfettah Ziraoui Hamadache ist Chef der nicht zugelassenen Partei der Sahwa-Front. Er ist ein Salafi-Prediger, der lange in Saudi-Arabien lebte. Er forderte die sunnitische Welt auf, die Bücher und Briefe „des Atheisten Adonis“ zu verbrennen. Er wirft ihm vor, berühmte muslimische Führer wie Mouaouia, Khaled Ibn El-Walid, Salaheddine El-Ayoubi (Saladin) zu beleidigen und die Vernichtung sunnitischer Städte wie Damaskus , Homs und Deraa, wo diese historischen Figuren lebten, zu fordern.

Adonis wirft ihm vor, nichts von Poesie zu verstehen und die Feinheiten der arabischen Sprache nicht zu kennen. Man brauche nur die angeblich von ihm stammenden Schmähschriften zu lesen, um zu bemerken, daß sie niemals von ihm sein könnten. Die Erklärung des Salafistenführers sei ein Angriff auf die Kultur und Geschichte des Islam. / Maghreb emergent

90. Deutschest

Ein paar schöne Beispiele für Superlative (siehe hier) hat Titanic ausgegraben:

„Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, / mit Wogenprall und Sturmgebraus, / dann wäre Deutschland nicht zu retten / und gliche einem Irrenhaus.“ Kästner, 1930

Wie sowieso aus Sicht der guten Deutschen, die nach Auschwitz, laut Tagesschau „eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte überhaupt“ (nebst nämlich Bautzen und dem unrechtmäßig verlorenen WM-Endspiel ’66), Tag für Tag die Pflicht reklamieren, der Welt mitzuteilen, was das Menschenrecht sei und was nicht, zumal den alten Kriegsgegnern USA (Stasi 2.0) und Rußland (Lagerhaft für Steuersünder), die sich in Nürnberg noch so aufgeblasen haben. Auch so läßt sich Geschichte entsorgen, und die deutsche Seele ist mittlerweile so randvoll rechtschaffen, daß es uns noch aus den Schnurren im Vermischten entgegensuppt: „Er“ – Jürgen Prochnow als vorbildlich anständiger „Kaleu“ im Nazifilm „Das Boot“ – „ist der dunkle Kommandant für die Drecksarbeit“, die, da hätten die Angeklagten im Auschwitzprozeß, der vor 50 Jahren begann, zugestimmt, halt auch einer machen muß. „Der Kaleu war der zerrissenste Kapitän, insofern ist er … bis heute der deutscheste“ (SZ).

Wie nationale Gesinnung nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Muttersprache auf den Grund schickt; und sich das so furchtbar anständige Deutschland jeden Tag ein bißchen schwerer ertragen läßt.

89. Schönheit des Wassers

Nicht von ungefähr scheint die elementare Gewalt des Wassers gleich im ersten Zyklus auf. Und zugleich taucht mit der Namensgebung des Zyklus (Opheliate) auch das Motiv der Opheliengestalt auf, die seit ihrem Auftritt in Shakespeares Hamlet zu einem Mythos verklärt worden ist, auf den sich insbesondere in der Romantik und im Expressionismus immer wieder sowohl Literaten als auch Bildende Künstler bezogen haben, den Dissonanzen und Koinzidenzen zwischen Schönheit, Schmerz und Tod auf der Spur, diesem vornehmlich weiblichen Tod. Crauss löst sich in seiner Lesart vom Bild der sich opfernden Jungen und Schönen, von Hinfälligkeit gezeichnet, deren Leichnam man dann aus dem Wasser zieht. Vielmehr läßt er das dichterische Ich vom diesseitigen Ufer des (Alb-) Traums ans andere Ufer gelangen, wobei in diesem Falle der tod der fluß, den es gilt zu passieren (OPHELIATE VIII). / Jayne-Ann Igel, Signaturen. November 2013

Crauss: Schönheit des Wassers. 66 pseudoromantische Kalligraphien. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2013. 80 S., 13,90 Euro.

88. American Life in Poetry: Column 446

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Anyone who has followed this column since its introduction in 2005 knows how much I like poems that describe places. Here’s one by Joseph Hutchison, who lives in Colorado. This is the kind of scene that Edward Hopper might have painted. I especially love the way Hutchison captures the buzz of the neon sign.

Winter Sunrise Outside a Café

Near Butte, Montana

A crazed sizzle of blazing bees
in the word EAT. Beyond it,

thousands of stars have faded
like deserted flowers in the thin

light washing up in the distance,
flooding the snowy mountains

bluff by bluff. Moments later,
the sign blinks, winks dark,

and a white-aproned cook—
surfacing in the murky sheen

of the window—leans awhile
like a cut lily . . . staring out

into the famished blankness
he knows he must go home to.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Joseph Hutchison, whose most recent book of poems is Marked Men, Turning Point Books, 2013. Reprinted from Thread of the Real, Conundrum Press, 2012, by permission of Joseph Hutchison and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

87. Poetopie

wer’s auch immer gezeugt, von wem auch für sich beansprucht – am Dienstagabend, wenn die Marktplage vorbei ist, freuen wir uns doch über unser gemeinsames Kind

Hansjürgen Bulkowski

86. „Lyriker“

Schöne Stellen aus dem und über das 19. Jahrhundert zum (verächtlichen)  Status von Lyrik, Lyrikern oder Literaten hat Florian Voß ausgegraben:

Anders stand es bei der Lyrik – sie war auch für Leihbüchereien kein attraktiver Geschäftsgegenstand, und es blieb den gesamten Zeitraum hindurch selbstverständlich, daß der Autor den Druck seiner Gedichte entweder gänzlich selbst bezahlte und dem Verleger gegen einen hohen Anteil am Erlös den Vertrieb überließ oder doch zumindest die Hälfte der Druckkosten bestritt. Dieses Verfahren brachte sehr geringe Auflagen mit sich, für die der Verfasser oft Absatzgarantien übernehmen mußte: etwa 250 – 500 Exemplare galten als üblich.

(Reinhard Wittmann über Lyrikproduktion im 19. Jahrhundert in „Buchmarkt und Lektüre im 18. und 19. Jahrhundert“, Tübingen 1982)

Die Schriftstellerei ist gegenwärtig kein Amt, sondern ein Geschäft, und die freie Concurrenz, das Gesetz der Natur, wie der ökonomische Liberalismus sie nennt, erzeugt überall hunderttausend Bettler als Staffage eines einzigen Millionärs

(Joseph Lukas in „Die Presse“, 1867)

In der Meinung der „soliden“ Leute sowie der hohen Obrigkeit rangiert er zu den Vagabunden und muß es sich gefallen lassen, gelegentlich per Schub transportiert zu werden. Es ist so weit gekommen, daß die Bezeichnung „Literat“ von dem Begriffe der Geringschätzung, der Mißachtung unzertrennlich ist.

(Karl Weller in „Jahrbuch deutscher Dichtung“, 1858)

85. Hüter

DIE JOURNALISTEN spotten gern über DIE DICHTER. Wahrscheinlich nach dem Motto: Wer im Glashaus sitzt, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Auf der der Wahrheit verpflichtetsten (sic) Seite der taz räsoniert Peter Köhler:

Die Dichter sind die Hüter der Sprache, die Schatzmeister des Wortes und die Bewahrer des guten und richtigen Deutsch: Diese lustige alte Auffassung machte vermutlich in den fünfziger, sechziger Jahren ihren letzten Mucks. Falsch war sie bereits damals und vielleicht schon früher.

Oder ist es richtig, wenn Friedrich Schiller in seiner Geschichte über ein „Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache“ von einem Marquis schreibt: „Er rufte einen seiner Leute“? Oder wenn Bertolt Brecht im „Mann-ist-Mann-Song“ so loslegt: „Ach, Tom, bist du auch beir Armee, beir Armee? / Denn ich bin auch beir Armee, beir Armee!“?

Friedrich Nietzsche forderte, man müsse an einer Seite Prosa arbeiten wie an einer Bildsäule; doch ihm selbst ist der Meißel gelegentlich ausgerutscht. So feierte er Zarathustra in seiner Schrift „Ecce homo“ als die „höchste Art alles Seienden“ und die „umfänglichste Seele“, „die nothwendigste“, „die weiseste Seele“ und endlich als „die sich selber liebendste“. Chapeau!

Um Ihre Fragen zu beantworten, lieber Peter Köhler: die Antwort lautet in jedem einzelnen Fall: Ja, es ist richtig. Ist es richtig, wenn Friedrich Schiller in seiner Geschichte über ein „Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache“ von einem Marquis schreibt: „Er rufte einen seiner Leute“? Ja, doppelt und dreifach. Erstens weil Schiller als Dichter, also im Privatgebrauch der Sprache, kein Beamter war und deshalb nicht verpflichtet war, sich an eine mit Staats Segen kodifizierte Sprachregelung zu halten, die ja zweitens erst über 100 Jahre später von Konrad Duden und später seinen Nachfolgern überhaupt geleistet wurde; und drittens, weil er als Württemberger aus dem oberdeutschen Sprachgebiet stammte, und dort hat man die Aufgebung der schwachen Konjugationsform „rufte, geruft“, die im Alt- und Mittelhochdeutschen noch gebräuchlich war, nicht mitgemacht. Siehe z.B. im Grimm:

Schwache und starke formen des verbums im nhd. erst in diesem jahrh. hat die schriftsprache die schwachen formen rufte und geruft, die reste des mhd. rüefen aufgegeben. dagegen ist in oberd. mundarten die schwache flexion zum theil neben der starken gewahrt. bair. ich rueffet, geruefft, gerüefft neben ich rieff, gerueffen Schm. 2, 68, in Tirol rueffen, rüeffen, grüefft Schöpf 566, kärnt. geruoft, girüeft neben giruofn Lexer 210, schweiz. rüeffe, rief und rüefti, grueffe und grüeft

Ebenso in jedem anderen ihrer Beispiele. Weglassen von Lauten aus klanglichen oder rhythmischen Gründen ist im mündlichen und dichterischen Sprechen erlaubt. Ob es ein höchstes Wesen gibt, fragen Sie am besten den Papst, bei notwendigst oder liebendst genügt ein Stilistiker oder besser ein Philosoph. Als Faustregel kann man aber gelten lassen: 1. Alles ist erlaubt, was nicht verboten ist, und 2. Verboten ist der freie Gebrauch der Sprache nur Staatsdienern nach Maßgabe von Dienstvorschriften. Der kann auch Hüter der Sprachrichtigkeit einsetzen: im Schuldienst. Dafür sind die Dichter wirklich nicht zuständig.

84. Adventsrätsel

Sky
00000god
0000000000girl.

Pick out the one
that doesn’t belong.

Auflösung hierunter

Weiterlesen

83. Erwartbarkeit

Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, ist, daß er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung für recht und nützlich hält.

Goethe: Maximen und Reflexionen. Dritten Bandes erstes Heft (1821). Eigenes und Angeeignetes in Sprüchen

82. Junge finnische Dichtung

Junge Dichtung gibt es in allen Ländern und wir wissen viel zu wenig davon. Wir von Babelsprech.org wollen mit der Reihe den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung in Richtung Europa und darüber hinaus überschreiten. Denn was ist Europa ohne einen Ort gemeinsamer Dichtung? – so kommen also die Autor_innen und ihre Texte in den Raum und werden vorgestellt. Die Vorstellungsrunde beginnt mit einem Beitrag von Oravin zur jungen finnischen Dichtung.

Auszug:

im Kirjailijatalo hält auch ein auf dichtung spezialisierter kleinverlag seine sitzungen ab: Poesia. Poesia ist ein kollektiv, von dichtern selbst geführt. der verlag ist seit einigen jahren im besitz einer eigenen druckerpresse und stellt gedichtbände von hoher qualität und schönheit her, die in den großen verlagshäusern Finnlands keine existenzmöglichkeit fänden. sämtliche bücher sind dabei kostenlos als download auf der homepage des verlags verfügbar, in kombination mit den bibliophilen ausgaben eine zeitgenössische vertriebsform in der aufdämmernden zeit raubkopierter ebooks.
seit den späten 2000er-jahren krempelt Poesia die finnische dichtung um. lange nur insidern bekant, folgte im jahr 2013 erstmals auch öffentliche anerkennung. der verlag und seine autoren gewannen den zentralfinnischen förderpreis für literatur, den Runeberg-Preis und den Helsingin-Sanomat-Literaturpreis. Helsingin Sanomat ist die größte tageszeitung Finnlands: die junge dichtergeneration ist somit ins blickfeld einer breiten masse von lesern gerückt.

vor gut zehn jahren, das höre ich immer wieder, sahen die bedingungen für zeitgenössische lyrik anders aus. es gab keinen einzigen unabhängigen kleinverlag, und die vier großen verlagshäuser behandelten die dichtung stiefmütterlich. austausch mit den europäischen oder amerikanischen szenen fand kaum statt, die finnische dichtung folgte ihren eigenen gesetzen. experimentelle szenen wie Oulipo, FLARF oder Google Poetry, die für die junge szene wichtig werden sollte, waren den etablierten dichtern und ihren lektoren unbekannt. die neue generation begann sich zu vernetzen, unpublizierbare manuskripte wurden herumgereicht. erster anlaufpunkt wurde für viele das bis heute einflussreiche magazin Tuli&Savu (“Feuer&Rauch”). 1994 gegründet, wurde die redaktion des magazins im jahr 2002 von Leevi Lehto übernommen, einem damals fünfzigjährigen, der neuen dichtung aufgeschlossenen lyriker. die ihm nachfolgenden, jährlich wechselten herausgeber stammten selbst aus der jungen dichterszene und machten Tuli&Savu zur wichtigsten plattform neuer lyrik.

Vorgestellt werden: Harry Salmenniemi, V. S. Luoma-aho, Mikael Brygger, Olli-Pekka Tennilä, Kristian Blomberg, Pauliina Haasjoki, Teemu Manninen, Henriikka Tavi, Miia Toivio, Marko Niemi, Mari Laaksonen, Erkka Filander, Harri Hertell, Kasper Salonen, Juho Nieminen, Juho Kuusi,  Matinpoika, Eli Solana, Leevi Lehto

/ Oravin, Babelsprech

81. Lateinischer Dichter gegen Hitler

Schon als Schüler und später auch als Student hatte sich Weller an lateinischen Gedichten versucht. In Ellwangen aber fand er endlich die Zeit, sich intensiv damit zu beschäftigen. Seit 1915 nahm er fast jedes Jahr am „Certamen Hoeufftianum“ teil, einem lateinischen Dichterwettbewerb in den Niederlanden. 1922 errang er erstmals mit der Goldmedaille den Hauptpreis. Insgesamt 12 Goldmedaillen wurden ihm über die Jahre zugesprochen. (…)

In den letzten Jahren hat besonders Wellers lateinisches Gedicht „Y“ Aufmerksamkeit erregt. Der Text, 1936 entstanden, schildert eine scheinbar amüsante Geschichte: Der Ich-Erzähler, nicht zufällig wie Weller Lateinlehrer, nimmt, nachdem er einen weinseligen Herbstabend im Freundeskreis verbracht hat, vor dem Einschlafen ein lateinisches Gedichtbändchen zur Hand. Plötzlich bemerkt er, wie die Buchstaben aus dem Büchlein purzeln. Und nicht nur das – sie streiten und kämpfen miteinander. Das A als erster Buchstabe des Alphabets übernimmt die Führung, fordert seine Kameraden auf, das Y zu verhaften. Es sei ein ausländischer, ein griechischer Buchstabe und habe im lateinischen Alphabet nichts verloren.

Die scheinbar heitere, phantasievolle Geschichte entpuppt sich, wenn man den historischen Hintergrund in den Blick nimmt, als bittere Fabel auf die Zeitläufe: 1935, ein Jahr vor dem Entstehen des Gedichts, hatten die Nazis die „Nürnberger Rassengesetze“ erlassen, die Verfolgung der deutschen Juden, die man als Fremdlinge und „Volksschädlinge“ ansah, wurde immer offensichtlicher und brutaler. Und wenn in Wellers Gedicht vom „Führer A“, dem Anführer der Buchstaben, die Rede ist, liegt auf der Hand, wer damit gemeint ist. Das A hält eine warnende Rede an sein Buchstabenvolk: „Das Ypsilon“, so mahnt er, „versucht allmählich, die lateinische Sprache zu verfälschen: Männer, es geht hier um unseren Staat und unser Leben! Diese verfluchte Pest ist schon bis tief in die Eingeweide eingedrungen. Ihr solltet nicht sorglos dieses Übel ignorieren!“ Fremdartig sei das Y, es gehöre nicht zu unserer Kultur, eine Seuche sei es, ein Virus, zudem heimtückisch und hinterlistig, weil es sich heimlich in unsere Kultur schleiche. / Michael Spang, Schwäbische Post

80. Ausgepackt

und das Prüfen kann beginnen!

  • Poesiealbum 309: Hilde Domin. Auswahl Klaus Siblewski, Grafik Cy Twombly. 32 S., 4€. Mehr
  • Poesiealbum 310: Friederike Mayröcker. Auswahl Sonja Harter. Grafik Max Ernst. 32 S., 4€.
  • Mara Genschel: Referenzfläche 3# 8/50
  • Mara Genschel: Referenzfläche 3# 10/50 (Foto s. unten)
  • Lettre international. Europas Kulturzeitung. # 103. 138 S., 14,50€ (Beiträge von/über Gertrude Stein, Péter Nádas, Andrzej Stasiuk, Eliot Weinberger u.v.a.)
  • Richard Pietraß: Pariser Lust. Au plaisir de Paris.  Deutsch-Französisch. Ins Französische übertragen von Alain Lance und Gabriele Wennemer. Warmbronn: Ulrich Keicher, 2011.
  • Ludwig Steinherr: Flüstergalerie. Gedichte. München: Allitera, 2013.
  • Dirk Uwe Hansen: zwischen unge/ sehnen orten. silbende_kunst 2013.
  • floppy myriapoda. Subkommando für die freie Assoziation. Heft 23. 5€ (Mit Clemens Schittko, Kai Pohl, Gerd Adloff, HEL Toussaint, Linkeck u.v.a.).
  • Tone Avenstroup: ineinandersetzung samstemmelse. Distillery 38. 6€.
  • Katja Horn: Mengenleere. Gedichte. Distillery 39. 6€.
  • John Ashbery: FLOW CHART / Flussbild. Langgedicht, zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Matthias Göritz und Uda Strätling. Wiesbaden: Luxbooks 2013. 384 S.,  29,80 €
  • Sprache im technischen Zeitalter 208. Mit & über: Rolf Haufs, Nico Bleutge, Annett Gröschner, Frank Milautzcki, Aris Fioretos, Matthias Göritz, John Ashbery u.a.
  • Risse 31: Zensur. Mit & über Wolfgang Schreyer, Reinhard Jirgl, Kristoffer Cornils, Christa Wolf u.a. 5€
  • Zeitschrift für Ideengeschichte H. VII/4, Winter 2013: Die spinnen. Mit & über Anthony Grafton, Bruno Latour, Günter Figal, Derrida u.a.
  • manuskripte. Zeitschrift für Literatur. 202/ 2013. Mit Swantje Lichtenstein, Ann Cotten, Ulrike Draesner, Fabjan Hafner, Norbert Hummelt, Nadja Küchenmeister, Ales Rasanau, Martin Piekar, Marcel Beyer, Peter Hamm u.v.a.
  • Jenny Feuerstein: Lyriklos. Gedichte und Fotografien. Köln: silbende_kunst, 2013.
DSCI1543
Eine Doppelseite im Vergleich. Fans oder Archivare: Auflage aufkaufen!

DSCI1539