109. Poetopie

was im vergangenen Jahr geschehen ist , werden wir in Zukunft erfahren

Hansjürgen Bulkowski

108. Zwei Leipziger

Wann bekommt der große Werner Heiduczek (Sein Tod am Meer muss man gelesen haben!), der seit Jahrzehnten in Leipzig lebt, endlich den Lessing-Preis?

Das Gleiche trifft auf unseren Andreas Reimann zu, einer der großen Dichter! / Clemens Meyer, Die Zeit 1/2014, 27.12.

107. Wer ist das, dieser Endler

Sie sei „eine Art Grand Mère der Ost-Intelligenz“, schrieb die westlich gelegene Zeit am 21.11. über Katja Lange-Müller. Moritz von Uslar sprach mit ihr im Rahmen seiner Kolumne „Auf ein Frühstücksei mit…“. Zitate:

War je eine deutsche Schriftstellerin Rock ’n‘ Roll, dann sie – so rau, präzise und unsentimental ihre Sprache, so viel gerühmt ihre Trink- und Rauchfestigkeit. Mit ihrer Berliner Schnauze kann sie ganze Kneipenrunden unterhalten.

(…)

Wer ist das, dieser Adolf Endler, von dem sie immer wieder spricht? Sie ist überrascht, dass man so offen ahnungslos fragt. „Vor allem ein großer, großer Dichter. Und ein großer Anarchist.“ Neben Clemens Meyer, der wirklich Gas gibt: Ist die deutsche Gegenwartsliteratur zu brav? „Der Meyer hält den Stab der großen Empiriker wie Wolfgang Hilbig hoch. Das macht er gut.“

106. Vergessenes Gedicht

Felix Philipp Ingold liest ein vergessenes Gedicht, als wärs ein fremdes:

Beim vorliegenden Text (wie überhaupt in meinen Gedichten) sind als Dominanten die Assonanz und das Paradoxon auszumachen, beides ist für meine poetische Rhetorik gleichermassen bestimmend. Die Assonanz wird, ausgehend von einem beliebigen Leitwort, als Klangentfaltung bewerkstelligt, das Paradoxon gibt dem Widersinn eine gleichsam definitorische Bedeutung. Allein an diesen Charakteristika kann ich mein vergessenes Gedicht als meinen Text wiedererkennen. Für dessen aufwendige, stellenweise vielleicht etwas aufdringliche Instrumentierung werden auf engem Raum so gut wie alle dafür sich anbietenden Möglichkeiten genutzt – die einfache Lautähnlichkeit, die Paronomasie, der Gleichklang, der Stabreim. Assonantisch sind in diesem weiten Verständnis Klangverbindungen und Echoklänge wie ähnlich :: nämlichnährt :: nähertSchwester  :: Schwere ::  Begehren;  nährt :: wehrt ::währtLuft :: Lust :: (ent)lässt usf.

Mit den Klangähnlichkeiten kontrastieren die hier gehäuften paradoxalen Wortverbindungen und Metaphernbildungen, z. B. „fremd ist was sich berührt“; „Entferntes so ähnlich“; „kostet Gabe“; „keine Lust ihr Lachen nicht entlässt“; „Sieg und Schmerz“; „eine Nacht wie Wir hereinbricht von unten“ usf. Aus der Spannung zwischen harmonischer beziehungsweise harmonisierter Klanggestalt und entschiedenem Widersinn ergibt sich die poetische Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit des Gedichts, dessen Qualität sich darin allerdings nicht erschöpft. Die hier erwähnten technischen Daten und Verfahren seiner Herstellung machen aus ihm noch lange kein Meisterwerk. / Mehr bei Planet Lyrik

“Mittagswut”, Lesung mit Felix Philipp Ingold. Musik Heinz-Erich Gödecke im Greifswalder Koeppenhaus, 27.11.
“Mittagswut”, Lesung mit Felix Philipp Ingold. Musik Heinz-Erich Gödecke im Greifswalder Koeppenhaus, 27.11.

105. Tanzgedichte

27.12.2013, 22:58 Uhr  ·  Kann man beschreiben, was nachts auf der Tanzfläche in einem vorgeht? Die Dichterin Martina Hefter kann es. Jan Wagner tanzte als Kind mit der Mangelwäsche. Wie das ging, steht hier auch.

Der Winter, nicht der Sommer birgt die schönsten Tage zum Lesen von Gedichten. Es ist früh dunkel, es ist kalt, Weihnachten ist vorüber. Aber Sylvester scheint noch weit zu sein, das neue Jahr ein Phantom. Nichts und niemand könnte uns ablenken. Die Zeit steht still. Jesus liegt in seiner Krippe, die Theater spielen bloß Komödien. Die Museen sind zu voll. Der Baum duftet. Wir wollen nichts essen und nichts kaufen und nichts einlösen und nichts umtauschen. Wir wollen nur lesen. Wir wollen nur Gedichte.

Von Martina Hefter und Jan Wagner stammen die hier wiedergegebenen Gedichte. Es sind Tanzgedichte! Wenn auch auf sehr verschiedene Weisen. Den Werken sind biographische Hinweise vorangestellt. / Wiebke Hüster, faz.net

104. Helga M. Novak

Zu Unrecht gehört sie zu den weniger bekannten Autoren Deutschlands. Ihr Revier war die Spreewelt rund um Erkner. Deren herber Glanz findet sich in ihren schönsten Gedichten. Nun ist Helga M. Novak „äußerster Gewalt“ gewichen. Ein Nachruf von Gert Loschütz, FAZ.net 26.12.

Dass sie im alten Westen nicht so bekannt ist, wie sie es hätte sein können, oder so, wie ihre Freundin Sarah Kirsch es war, hat wohl seinen Grund darin, dass sie sich immer wieder entzog. Mit fünfzehn meldete sie sich selbst auf einem Internat an, das zugleich Kaderschule war. Einer lupenreinen DDR-Karriere hätte nichts mehr im Weg gestanden, wäre das trotzige Kind nicht mit jener scharfen Beobachtungsgabe geschlagen gewesen, die es den Widerspruch zwischen Propaganda und Wirklichkeit rasch erkennen und bald auch spitzzüngig kommentieren ließ.

Wer wissen möchte, wie junge Menschen, die nach der Erfahrung mit dem Nazifaschismus ihre Hoffnung auf den Sozialismus setzten, die ersten DDR-Jahre erlebten, lese „Vogel Federlos“, das zweite ihrer autobiographischen Bücher, das eine solche Fülle von Material enthält, dass ich mich beim Wiederlesen fragte, wie es ihr gelungen ist, alles das über die Zeit zu retten. Parteitagsbeschlüsse, Lehrpläne, Auszüge aus Zeitungen, Reden und Flugblättern, alles hat Eingang in dieses verrückte Buch gefunden. (…)

Nein, die Autorin Novak existierte und existiert einfach nicht: wenn man so will, ein Sieg der den Staat überdauernden Totschweigestrategie des MfS, und als nach dem Untergang der DDR ihre Bücher endlich erscheinen konnten, gab es an den Erfahrungen der Ausgewiesenen und Weggegangenen, deren bloße Existenz ein stiller Vorwurf war, kein Interesse mehr.

Dabei ist sie die große Dichterin der Mark, die Einzige, die Peter Huchel das Wasser reichen kann. Wie er in der Havellandschaft verwurzelt ist, ist sie es in der Spreewelt rund um Erkner. „Löcknitz Werlsee Peetzsee Möllensee und Grünheide“, das ist ihr Revier, ihre Gegend, der sie die schönsten (fast immer aus Trennungsschmerz geborenen) Gedichte gewidmet hat. Hierher ist sie, „ausgerüstet mit einem falschen Pass“, immer wieder zurückgekehrt, hier, schwor sie, „bleibe ich und weiche nur noch äußerer Gewalt“.

103. American Life in Poetry: Column 448

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I open every spring with a garden more precisely laid out and cared for than the year before, and by the end of summer it’s collapsed into a tangle of weeds, bugs and disorder. Here’s Gabriel Welsch, a poet from Pennsylvania, carrying a similar experience right into winter.

A Garden’s End

Forsythia, scaled and bud-bangled,
I pruned to a thatch of leaves
for the curb, by the squirrel-gnawed
corn, silk strewn, kernels tooth carved
and husks shorn over the ground
pocked with paw prints.

The borers mashed the squash vine,
the drought tugged the roots of sage,
catmint languished by the sidewalk,
tools grew flowers of rust.

That winter we left our hope
beneath the snow, loved through the last
of the onions, watched the late leeks freeze
to crystal, bent like sedges, their shadows
on the snow. That winter we left
our hope beneath the snow.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Gabriel Welsch from his most recent book of poems, The Death of Flying Things, WordTech Editions, 2012. Poem reprinted by permission of Gabriel Welsch and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

102. Bericht aus Istanbul

Demonstrationen finden nur noch in kleinem Umfang am nahegelegenen Galatasaray-Platz auf der Mitte der Istiklal Caddesi statt, und sobald ein paar Leute sich versammeln, Transparente zeigen, Slogans rufen, baut sich die Polizei vor ihnen auf: Wasserwerfer, Mannschaftsbusse, Gewehre für Plastikgeschosse und Tränengasgranaten im Anschlag. Das Drohpotential ist permanent sichtbar.

Mitte Dezember lässt man eine kleine Demo gewähren, doch als die Kundgebung vorbei ist und die Gruppe sich auflöst, schlägt die Polizei ohne Vorwarnung zu, jagt eine Handvoll Protestler die Gassen zum Tarlabasi Boulevard hinab und ballert auf der vierspurigen Straße mit Tränengas um sich. Eine Woche später kommen rund zweihundert Menschen im Gezi-Park zusammen, um der Toten vom Sommer zu gedenken. Sie werden mit Tränengas und Wasserwerfern verjagt, einige werden vor dem Divan Hotel verhaftet. Im Sommer hatten dort Hunderte Schutz gefunden. Die Koc Holding, die das Hotel betreibt, hat nun die Steuerfahndung am Hals. Erdogans Retourkutsche für Zivilcourage.

Die Stimmung unter jenen, die im Sommer so voller Hoffnung auf den Straßen für mehr Demokratie eintraten, wirkt resigniert. Jede kleine Demonstration wird von der Polizei attackiert, um zu verhindern, dass aus 20 doch wieder 2000 werden, wenn man sie in Ruhe lässt. Gegen hunderte Gezi-Protestler wird Anklage erhoben, immer wieder gibt es Razzien und Verhaftungen, Journalisten werden gefeuert oder massiv unter Druck gesetzt, in keinem Land der Welt sitzen laut Reporter ohne Grenzen so viele Journalisten in Haft wie in der Türkei, nicht einmal Iran und China können da mithalten. / Gerrit Wustmann, heise online

101. Gott, Moral & Sitte

Suchrätsel: was paßt nicht in diese Reihe?

Aus SRF mySchool von heute, 09:49 Uhr

So liebt die Welt: Ägypten (3/6)

Gott steht über allem, auch in der Liebe. Sex vor der Ehe gibt es nicht. Ägypten ist ein Land, wo Moral und Sitte eine grosse Rolle spielen. In diesem traditions-bewussten Land geben 83 Prozent der Frauen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein.

100. Zwei iranische Lyriker verhaftet

Als ihre Freunde und Kollegen wollen wir Sie darauf aufmerksam machen, dass die Lyriker und Aktivisten Fateme Ekhtesari und Mehdi Moosavi seit dem 7. Dezember verschwunden sind. Es wurde bestätigt, dass die beiden sich seit Heiligabend in dem berüchtigten Evin-Gefängnis im Teheran befinden.

Fateme Ekhtesari, geboren 1986, ist Teil des 2013 initiierten Literaturaustauschs “Eine Widerstandsbewegung auf meinem Schreibtisch”, in dem sechs Lyrikerinnen aus dem Iran und sechs Lyrikerinnen aus Schweden gemeinsam die persischen Gedichte ins Schwedische übersetzt haben. Die Zusammenarbeit führte zu einer Ausgabe der Zeitschrift ”Kritiker” mit dem Thema persische Gegenwartspoesie sowie Poesiefestivals in Stockholm und Göteborg im September. Bei der Rückkehr wurde Fateme verhaftet und stundenlang verhört, ihr Facebook-Account wurde gehackt und ihr Blog gelöscht.

Am 6. Dezember war Fateme gemeinsam mit ihrem Lehrer in kreativem Schreiben, dem 1976 geborenen Lyriker und Aktivisten Mehdi Moosavi, auf dem Weg in die Türkei. Am Flughafen wurde ihnen mitgeteilt, sie hätten Ausreisevorbot und wurden zu einem Verhör am folgenden Tag vorgeladen. Sie entschieden sich, nicht zum Verhör zu erscheinen. Einige Stunden später waren sie verschwunden. Seitdem hat niemand etwas von ihnen gehört. Am 24. Dezember bestätigten Quellen innerhalb des Evin-Gefängnis, sie befänden sich dort. Kontaktieren Sie bitte die Administratoren für weitere Informationen und Vermittlung der Kontaktangaben. Bitte machen Sie auf alle Ihnen möglichen Wegen auf diese Veranstaltung aufmerksam.

Wir würden uns wünschen, dass sie alle Ihnen verfügbare Kanäle und Foren benutzen, um von der Situation der Autoren zu berichten. Die Angehörigen von Fateme und Mehdi haben sich entschieden, die Außenwelt mit lauter Stimme darauf aufmerksam zu machen, was gerade passiert.

Dieser Text findet sich auf Schwedisch, Englisch, Deutsch, Spanisch und Persisch auf einer schwedischen Facebookseite. Unter den Kommentaren auf der Seite auch u.a. ein Gedicht beider Autoren auf Tschechisch und Englisch.

Sveriges Radio: Poet fängslad efter Sverigebesök / Intervju med Fateme Ekhtesari.

99. American Life in Poetry: Column 447

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Perhaps you’ve experienced the sudden, unsettling intimacy of putting on somebody else’s jacket and finding a wad of tissue in the pocket. Here’s a fine poem by Debra Nystrom, raised in South Dakota and now teaching in Virginia.

Little Parka

Dream of Mom’s red parka gone—
someone stole it right out of the closet
of the burned-down house—what
good could it do anybody else, broken
zipper that always got caught,
she’d jimmy it loose, just part
of putting it on—and she was so tiny,
the arms too short even for me,
too-tiny gloves in the pockets, thumbs
stubby, practically useless to anyone
but her—they deserve it if they shove in
a hand, find the tissue she used and then
left there who knows which cold day,
what she needed it for, or why.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Debra Nystrom, from her most recent book of poems, Bad River Road, Sarabande Books, 2009. Reprinted by permission of Debra Nystrom and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

98. Das Feuer machte ihm keiner nach

Versuch über Thomas Böhme

‚Das Feuer machte ihm keiner nach‘ (1) und ich will sehen woher der Rauch kommt über Leipzig – der ehemaligen Kohlestadt. Irgendwo muss er sein, der ‚alte Schnakenhascher‘ (2) und ich folge dem Ruß auf den Wegen dorthin. Hinter einer Landschaft mit ausgeweideten Fabriken und Bahngleisen bündeln sich die dunklen Luftschichten und brechen zusammen in einem Knäuel großmäuliger Plattenbauten: Stadtteil Grünau. Irgendwo dazwischen lese ich Rauchzeichen und ich brauche ihrer Geheimsprache nur zu folgen – in eine Straße mit Zwergenhäusern und dort muss es sein. Das Klingelschild trotzt den fiesen Jahrzehnten, der Rost wäscht die Namen nicht vom Blech: Böhme.

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das feuer machte ihm keiner nach (Martin Holz)

Wie ich das Ende der Hühnerleiter erreiche, die zum Dachboden, dem Arbeitszimmer, führt umzingeln mich Fotografien wie lebendige Fossilien: alle reden ihre Geschichten in verschiedenen Sprachen, sie quengeln und nörgeln, denken aber nicht daran ihre Worte zu übersetzen. Thomas Böhmes Texte tun das oder man glaubt, dass sie das tun, für einen Moment jedenfalls, den, bevor das Schweben einsetzt oder eine Art erotischer Schwerkraft. Sie wickelt sich wie die Wiesen der Kindheit um die Füße und das Rascheln der Gräser dabei – es erzählt einen ‚latenten Roman‘ (3). Es kritzelt ‚Flüchtigkeitsprotokolle‘ (4), ‚die sich der leimgewordenen Wirklichkeit entziehen'(5). Der Duft der Worte droht dabei manchmal die Zirkulation der Texte wie ein Stromnetz zu überlasten und so läuft die Sprache Gefahr sich selbst zu überfrachten. Mit dem gut gehüteten Blick der Kindheit kann man dieser Sinnlichkeit jedoch folgen und die geheimen Schlupfwinkel aufspüren. In manchen Gedichten werden diese Verstecke durchschnitten, aus der eben noch erotischen Schwerkraft wächst ein bedrohliches, aber dennoch anziehendes Du, das die Panzerung abschält im ‚Duft deiner schweren Waffen‘ (6). Magst du ein, zwei Texte hören, fragt er, zündet sich eine Pfeife an und ich habe geglaubt ihm bereits zu zuhören.

Während ich ihm folge, verirre ich mich, ähnlich wie die Figuren Bell und Alker aus ‚Dämmerung mit Dingen‘ (7), deren Bewegungen sich im Verlaufen erschöpften (8). Während diese Figuren als ‚kulinarische Kategorien versagt […] haben‘ (9) laufe ich das eigene Verirren wie eine kreisrunde Route immer wieder ab. Es setzt ein, wenn man nicht bereit ist den Text zu verlassen, denke ich, man steigt in die Haut der Figuren und sie werden das Schneckenhaus der eigenen Handlung. Dieser Gefahr zu verfallen ist leicht, wenn man sein Buch ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘ (10) gelesen hat, denn es kann sein, dass man dort nicht mehr herauskommt. Welchen Text er an diesem Abend auch liest, er buchstabiert die Buchstaben dieses Buches, das so anfängt, wie es aufhört und das so aufhört, wie es anfängt. Dieses Knäuel tut sich in Böhmes Arbeiten immer wieder auf: eine in Schleifen verknotete Handlung entwirft ein Spinnennetz, in das man hineingeht wie in einen Tunnel. Er endet mit dem Schweigen, dass eimerweise verschüttet wird, wenn die letzte Zeile gesprochen wurde. Ein umgekehrter Brunnen: wenn man nicht aufpasst, bleibt man zurück auf der anderen Seite und sucht die Spindel im Schatten der Buchstaben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich heraus geschafft habe, als ich die Straße betrat, angestarrt von Zwergenhäusern mit dem Geruch von Ruß in den Ohren.

Anmerkungen
Artikel zuerst erschienen auf www.conquering-places.de
Beitragsbild im ursprünglichen Artikel: Nancy Martin
1 Zit. nach ‚Das Feuer machte ihm keiner nach‘ aus ‚Heimkehr der Schwimmer‘ (Druckhaus Galrev 1996)
2 Zit. aus ‚Der Schnackenhascher‘ (Projekte-Verlag Cornelius 2010)
3 Zit. aus ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘ (Druckhaus Galrev 1995)
4 Zit. aus ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘ (Druckhaus Galrev 1995)
5 Zit. aus ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘ (Druckhaus Galrev 1995)
6 Zit. aus ‚Der Duft deiner schweren Waffen‘ aus ‚Alle Spur wird Fell‘ (Druckhaus Galrev 1998)
7 ‚Dämmerung mit Dingen‘: Roman, Galrev, Berlin 2001
8 Ich paraphrasiere den Klapptext zu ‚Dämmerung mit Dingen‘ verfasst von Thomas Kunst.
9 Ich paraphrasiere den Klapptext zu ‚Dämmerung mit Dingen‘ verfasst von Thomas Kunst.
10 ‚Vom Fleisch verwilderte Flecken‘: Roman, Galrev, Berlin 1995 Weiterlesen

97. Wortlos

Über den Essayisten, Herausgeber und unermüdlichen Chronisten wird unter den Kurz­sichtigen des Betriebs der vielseitige Lyriker Theo Breuer, dessen erstes Gedichtbuch 1988 erschien, gelegentlich gern übersehen. »Wortlos und andere Ge­dichte« heißt, programmatisch, das 2009 erschienene Ly­rikbuch, in dem sich ne­ben neuen Gedichten auch bereits be­kannte Ge­dichte in neuen Fassungen fin­den. Das Buch ist im Anhang mit ausführli­chen Anmerkungen versehen, die ei­nen differenzierten und un­terhaltsamen Einblick in die Textwerkstatt des Autors gewähren.

Ähn­lich »Mittendrin« (1991), »Der blaue Schmetterling« (1993), »Das letzte Wort hat Brinkmann« (1996), »Land Stadt Flucht« (2002) oder »Nacht im Kreuz« (2006) läßt Theo Breuer lite­rarische Heimatkunde auf Exotismus treffen, zeitgenössische Wirklichkeit auf Vergangenheitsgespenster. Es offenbaren sich Reibungsflächen der Moderne, die Gedichte deuten auf ein linguistisches System: Logik, Behaup­tung, Spekulation und Instruktion sind wie beiläufig zu lesen. Was im diesem selbsternannten Hin­terland entsteht, ist ein wortwörtliches oder visuelles Spiel, das der Lyrik offenbar mühelos den Hintergrund verleiht.

»Wortlos« ist wahrhaft wortstark. Gleich das erste Gedicht – »auf der straße« – ist eine Wucht. Und »du! (ruchu dur spruchu ust dus guducht)« sollte auf Pla­katwänden kleben, zu den Favoriten von Sprayern gehören. Theo Breuer ent­deckt die Narreteien der Sprache immer mehr und immer wieder aufs Neue, laufend fällt der Leser in schöne Stolperfelder, drempels bis in die reine visuellpoetische Zeichen­haftigkeit hinein ziehen das Auge an: ‚Sprachstreu­gutbreuergut’. Was auch immer für Erwägungen und Telefonate hinter dem Gedicht »forever young« stecken mögen – ich empfinde es als ein leises und zartes Gedicht mit der herrlichen Wortschöp­fung: »mond­schraubengroßmutter«. Das Gedicht ist natürlich sati­risch, aber auch leise-melancholisch.

/ Matthias Hagedorn über Theo Breuer: Lauschender Leser und redender Schreiber

Mit einem Motto von Gerhard Falkner:

Der Kritiker hasst den Dichter. Weil er wohl seine schwierigen, nicht aber seine einfachen Sätze versteht.

  • Wortlos und andere Gedichte, mit Linoldrucken von Karl-Fried­rich Hacker, 40 Seiten, geheftete Broschur, Silver Horse Edition, Marklkofen 2010.
  • Das gewonnene Alphabet, 89 Gedichte von A bis Z ∙ Glossar ∙ Essay, 121 Seiten, Pop Verlag, Ludwigsburg 2012.

96. Verlorene Piktogramme

Im kommunistischen China wurden die Schriftzeichen vereinfacht. Dadurch sind vielfach die ursprünglichen (bildhaften) Bedeutungen und auch Hinweise auf traditionelle Ideen verlorengegangen. Die Epoch Times gibt verschiedene Beispiele, darunter hier über den Zusammenhang der Zeichen für Mensch, Auge, Hand, sehen und suchen.

Auszug aus dem Artikel:

東 (东) bedeutet Osten und wird Dong ausgesprochen. Die Sonne(日) in der Mitte erhebt sich hinter einem Baum (木), der in Richtung Osten zeigt. Dieses traditionelle Schriftzeichen hat einen sehr engen Bezug zur Natur. In der vereinfachten Form 东 lässt sich dies kaum erkennen, da hier die Sonne fehlt. (…)

Auf den ersten Blick führte die Reform dazu, dass sich die Schriftzeichen einfach schreiben lassen, aber es gibt nun mehr Schriftzeichen, die sich ähnlich sehen, sodass sie leichter verwechselt werden und die Verbindung mit der traditionellen Kultur ist sehr beschnitten, wenn nicht sogar völlig zerstört worden.  / Blake Li, Epoch Times

95. Helga M. Novak †

Die Schriftstellerin Helga M. Novak ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Novak sei an Heiligabend in Rüdersdorf bei Berlin einem langen Leiden erlegen, teilte der Verlag Schöffling in Frankfurt mit.

Für ihre Werke erhielt Novak, die in der DDR aufwuchs und später nach Island ging, zahlreiche Preise, darunter 1997 den Brandenburgischen Literaturpreis, die Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Bad Gandersheim und der Drostepreis der Stadt Meersburg. 1979 war sie Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim in Frankfurt. Novak gehörte dem Verband Deutscher Schriftsteller und seit 1973 dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland an. Der dritte Band ihrer autobiografischen Prosa „Im Schwanenhals“ ist erst im September erschienen.

Helga Maria Novak wurde 8. September 1935 in Berlin-Köpenick als Maria Karlsdottir geboren und wuchs bei Adoptiveltern auf. Nach dem Abitur ging sie nach Leipzig und studierte an der Universität Journalistik und Philosophie, für ein Jahr am dortigen Literaturinstitut „Johannes R. Becher“.

Zuletzt erschien der dritte Band ihrer Prosa „Im Schwanenhals“.
Ihren Lebensunterhalt verdiente sie anfangs als Monteurin und Buchhändlerin. Anfang der 1960er Jahre ging sie nach Island, heiratete ihren Mann und arbeitete dort in verschiedenen Fabriken. 1966 wurde ihr die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt, weil sie regimekritische Texte verteilt hatte. Nach verschiedenen Reisen siedelte sie deshalb 1967 in die Bundesrepublik über.

Literarisch galt Novak lange als Außenseiterin. In ihrer zunächst politisch geprägten Lyrik prangerte sie die Eingriffe des DDR-Regimes ins Privatleben an. Später machte sie mit Natur- und Liebeslyrik auf sich aufmerksam. Sie veröffentlichte verschiedene Bände mit Kurzprosa, Lyriksammlungen und Romane, die die Kritik überwiegend positiv aufnahm. / RBB online

Eine absolut Freie: Mit „Im Schwanenhals“ schließt die Dichterin Helga M. Novak ihre große autobiografische Trilogie ab / Julia Schoch, Die Welt 13.12.