18. Radio-Fundsachen

Sendezeit: So., 9:05 – 10 Uhr

Neue Sendezeit ab 07.01.2014
Sendezeit (14-tägig):
So., 16:05 – 17 Uhr
Wiederholung:
Do., 21:05 – 22 Uhr

17. Elementar & plebejisch

Von seinen Genossen, die den ehemaligen Berliner Anarchokommunisten als Trotzkisten verdächtigten, trennte er sich 1939 mit der Klage, „dass sie mein Talent niederzuhalten bestrebt sind“. Er starb 1952 bei einem Besuch in der Heimat, von seiner Tante in Wien gepflegt und von Freunden im Osttiroler Lienz begraben.

Literaturlexika verzeichnen ihn deshalb mit Recht als deutsch-österreichischen Dichter. Schon Peter Hamm, Herausgeber seiner Gedichte bei Suhrkamp, hat auf Thoors Verwandtschaft mit der Dichtung seines österreichischen Landsmanns Theodor Kramer hingewiesen, mit dem er auch das Emigrantenschicksal im britischen Exil teilte. Bei beiden Dichtern entdeckte Hamm eine „Unmittelbarkeit des Elementaren“ und einen „plebejischen Tonfall“ – mit dem Unterschied, dass sich Kramers Lyrik vor und nach dem Exil gleichgeblieben sei, während seinem Landsmann „im Exil völlig neue Dimensionen zuwuchsen, die aus Höfler schließlich Jesse Thoor werden ließen“.

Diesen Dichternamen, eine Kombination des alttestamentarischen Propheten Jesaja mit dem germanischen Donnergott, nahm Höfler 1938 an, und unter ihm ist sein einziger zu Lebzeiten gedruckter Gedichtband 1948 fast unbeachtet erschienen. Jetzt ist er „Ich, der Dichter Jesse Thoor – / dem Zünglein, Zeh und Ohr / und die Seele fror!“ Als sein posthumer „Entdecker“ kann Walter Höllerer gelten, der 1954 fünf der letzten „Rufe und Reden“ im ersten Jahrgang der Zeitschrift „Akzente“ druckte, damals ein Zentralorgan der deutschen Gegenwartsdichtung. / Hannes Schwenger, Tagesspiegel

Jesse Thoor:
Das Werk. Hrsg. auf Grundlage der von
Michael Hamburger besorgten Edition und mit einem Essay von Michael Lentz.
Wallstein, Göttingen 2013. 468 Seiten, 24 €.

16. Poetopie

der neue Kalender an der Wand versteht zu warten

Hansjürgen Bulkowski

15. Aber wir wollten doch schön seyn

Wer köpft hier wen? Hält Robespierre seinen eigenen Kopf der Menge hin, oder zeigt ein Henker dessen abgeschlagenen Kopf dem Volk? Die Titelseite der neuen Lyrik-Zeitschrift Aber wir wollten doch schön seyn wirft Fragen auf, für die es keine klare Antwort gibt. Warum die Gründer der Zeitschrift, Patrick Thor und Wouter Wirth, den französischen Politiker und Revolutionär zum Leitbild erkoren haben, ist allerdings verständlich: Robespierre steht mit seinen philosophischen Ansätzen für Zukunftsdenken und Neuanfang. (…)

„Sowohl Wirth als auch ich hatten das Gefühl, dass sich im Moment nichts verändert – sowohl politisch als auch gesellschaftlich. Mit der Zeitschrift wollen wir einen neuen Ansatz bieten, der zum Nachdenken anregt“, erklärt Thor die Idee hinter der neuen Publikation. Seit ihrem Studium spielten sie mit dem Gedanken, etwas zu schaffen, das mit inhaltlichen und formellen Konventionen bricht und zeigt, dass sich auch in München etwas bewegt. / Süddeutsche Zeitung 28.12.

14. Neuer Leiter des Lyrik Kabinett

Zum 1. Januar 2014 übernimmt Dr. Holger Pils die Leitung der Münchner Stiftung Lyrik Kabinett, die die europaweit zweitgrößte Lyrik-Bibliothek (mit 50.000 Medien) unterhält, regelmäßig Autorenlesungen ausrichtet und Editionen vorlegt.

Dr. Pils leitet seit April 2009 das Buddenbrookhaus in Lübeck und tritt in München die Nachfolge von Dr. Maria Gazzetti an, die seit September die Casa di Goethe in Rom verantwortet. Geboren 1976, studierte Holger Pils Germanistik und Geschichte in Heidelberg und promovierte dort über Thomas Mann. Von 2005-2007 war er Pressesprecher der Kulturstiftung Hansestadt Lübeck und danach Dozent am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg.

Ursula Haeusgen, die Stifterin des Lyrik Kabinetts, freut sich sehr, so schnell einen kenntnisreichen, erfahrenen, begeisterten – kurz: einen überzeugenden – Nachfolger gefunden zu haben. Holger Pils selbst zu seiner neuen Aufgabe: „Ich freue mich sehr darauf, in München eine Institution zu leiten, die in der deutschen Literaturlandschaft einmalig ist: gewachsen aus reiner Begeisterung und privater Initiative, ganz der Lyrik gewidmet, d.h. einer einzelnen Gattung – in ihrer unendlichen inneren Vielfalt. Ich bin gespannt auf die Programmarbeit, die internationaler und gegenwartsbezogener ist als meine bisherige Tätigkeit. Ich möchte die von Ursula Haeusgen und Maria Gazzetti gepflegten hohen Ansprüche fortsetzen. Zugleich möchte ich Wege finden, das Kabinett noch weiter zu öffnen und der Poesie eine noch stärkere Lobby zu verschaffen.“ Im Zentrum der Aufmerksamkeit soll weiterhin die Begegnung mit dem Wort des Dichters stehen: die Lesung. Mit den Planungen für das Programm hat Holger Pils bereits begonnen.

Ursula Haeusgen und Holger Pils
für die Stiftung Lyrik Kabinett

Video: Chefsache Poesie

13. Bayrische Dichter

Bayerische Dichterinnen und Dichter wohnen nicht in Elfenbeintürmen. Seit jeher mischen sie sich unters Volk, um möglichst nah das Ohr an dessen Mund zu haben. Und wo lässt sich das am besten bewerkstelligen? Natürlich im Wirtshaus! Genau genommen ließe sich bayerische Literaturgeschichte genauso gut als bayerische Wirtshausgeschichte schreiben. / Lesen Sie über die Kneipenschicksale von Jean Paul und Lena Christ, bayern2

12. Der Schläfer im Tal

Arthur Rimbaud

Der Schläfer im Tal

Ein Fleck von Grün, drin eines Bächleins Singen,
das Silberflitter an die Gräser hängt,
die in dem stolzen Sonnenglanz entspringen —
ein kleines Tal von Helle ganz durchtränkt.

Mit unbedecktem Haupt und offnem Munde
schläft ein Soldat, im frischen roten Kraut
den Nacken badend, blaß auf grünem Grunde
im Bett von Gras, darauf die Wolke schaut.

Mit Blättern deckt ihn leise zu der Wind
er schläft und lächelt wie ein krankes Kind —
o wieg ihn warm Natur, ihn friert so heute . . .

Die Nüster bebt vom starken Waldduft nicht
er liegt ganz still im weißen Sonnenlicht —
er hat zwei rote Löcher in der Seite.

Nachdichtung von Heinrich Horvát für Vilma Balogh

in: Der Sturm 172/173, August 1913, S. 74

(Aus Anlaß der Onlinepublikation aller Ausgaben des „Sturm“ 1910-1932 im Blue Mountain Project der Princeton University)* hier

* Mit Dank an Daniela Seel fürs Aufstöbern

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11. Tod der Lyrik? Nie!

“Poetry is dead!,” someone shouts happily every now and then, to the relief of parents and those among the educated who never read poetry. No such luck. One just has to see the number of poetry submissions the magazines, including ones that never publish poetry, receive every day. Today more than ever, there are thousands and thousands of people writing poetry in this country, some of them attending one of the hundreds of writing workshops being given in universities, colleges and various other venues, and others writing their own, most likely in complete secrecy and with the modest hope of publishing in a literary journal of some repute and perhaps eventually having a book that will be read and admired by fellow poets and a few others who care for poetry.

/ Charles Simic, NYRB-Blog

10. Lyrik und Copyright

“If people only read poetry, which you can never stop poets producing even when you pay them nothing at all, then the law of copyright would disappear in a trice.” —Tim Parks

Wonderful! I said to myself after I read this. The world is going to hell, but we poets have something to look forward to. We never got rich in the past and won’t see a dime in the future. Despite copyright laws, most of our poems are already freely available to millions of people on the Internet and in this age of short attention spans, poetry may end up by being the only literature people will read. With no bookstores left and libraries shut down, lovers in need of additional romantic stimulus will have to reach for their iPhones and find a poem suitable for the occasion to read to each other. Poetry’s strength comes from such practical uses.

/ Charles Simic, NYRB-Blog

9. Gedächtnis

„Wenn man einmal angefangen hat, kann man nur schwer aufhören, weil jeder Name, den man aus dem Gedächtnis hervorkramt, unausweichlich einen anderen hervorruft, und bevor man es merkt, ist es fast Mitternacht und Zeit für einen letzten Song oder Filmclip, bevor man unter die schweren Daunendecken schlüpft.“ So bekennt sich der 75-jährige Dichter Charles Simic, im Jahr 2007 offizieller „Poet Laureate“ der USA, zum Vertrödeln seiner Tage auf YouTube. / Niklas Hofmann, Süddeutsche Zeitung 23.12.

Charles Simic: It’s on YouTube, Kid hier

8. Dieser Jesse Thoor

Neben dem unstet umherziehenden Handwerker Peter Karl Höfler ist da Jesse Thoor. Mit Beginn der Flucht aus Deutschland gerät Höfler in immer größere Distanz zu den Kommunisten. Im tschechischen Exil nimmt Höfler den neuen Namen an, den er ableitet von Jesus und dem nordgermanischen Gott des Donners.

Und dieser Jesse Thoor – balanciert er am Wahnsinn entlang? Immer wieder sucht er die Einsamkeit, hat quälende Kopfschmerzen. Er entwickelt sich zum religiösen Mystiker. Bei einem deutschen Luftangriff steht er in London auf der Straße und brüllt seine Engelvisionen heraus.

Viele seiner späten Gedichte sind religiöse Lyrik – aber etwas Vergleichbares hat man noch nicht gelesen: Die Sprache leuchtet visionär, verbindet scheinbar Unvereinbares, ihre Bilder wirken, als könne man sie mit Händen anfassen.

Diese Eigenschaft hatten schon Thoors frühere Gedichte: Klang, Duft, auch Geheimnis. Immer wieder wird da etwas kurz angedeutet, das im Leser nachschwingt. Von einem „Olle Michael“ etwa heißt es, dass ihn „die Sonne nicht mehr blendet“. Was ist mit diesem Menschen geschehen? Ist er erblindet, gestorben? /  Edwin Baumgartner, Wiener Zeitung

Jesse Thoor
Das Werk
Hg. auf Grundlage der von Michael Hamburger besorgten Edition und mit einem Essay von Michael Lentz. Eine gemeinsame Veröffentlichung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung
€ 24,00 (D) | € 24,70 (A) | SFr 33,30

498 S., Leinen, Lesebändchen, in Schmuckhülse
ISBN: 978-3-8353-0527-4

Wallstein 2013

7. conquering places: Kunst, Literatur und Wissenschaft

conquering places‚ ist ein interdisziplinäres Projekt, das als Labor angelegt ist. Es findet von Mai bis Juni 2014 an verschiedenen Orten in Greifswald statt und vereint Künstler, Autoren und Wissenschaftler (siehe hier), die gemeinsam ein Experimentierfeld bilden. Austausch, Diskussion, Forschung. Durch unterschiedliche Strategien können thematische Schwerpunkte weiträumig ausgeleuchtet werden. Diese entstehen vor dem Ausgangspunkt, dem, was das Projekt einmal war: eine Invasion, ein Tatbestand, die Eroberung von Orten mit Briefkästen und Dietrichen, etwas Unerlaubtes, das an toten Adressen durchgeführt wurde.

cropped-dead-03_klein.jpgden strom anzünden

Diese Strategie ist mit den bisherigen Interessenten und Teilnehmern auf andere Ideen und Herangehensweisen getroffen. Es sind Blickwinkel: Was zeichnet aufgegebene Orte aus? Wie entstehen sie, wie entstand Detroit? Und welche gesellschaftlichen Prozesse sind wesentliche Faktoren für diese Entwicklung? Welche Möglichkeiten bieten sie – die sogenannten ‚Lost Places‘? Welche Auswirkungen hat technische Überformung auf Landschaft, Lebensverhältnisse und soziale Architektur? Welche Alternativen gibt es? Und was ist mit den Orten, die es auf keiner Landkarte gibt? Die inneren Räume und die psychischen Systeme? Kann man das aufgeben, kann man das erobern? Was haben Körperexperimente, Empraxis und radikaler Selbstausdruck mit alledem zu tun? Und wie können wissenschaftliche, künstlerische und literarische Kenntnis und Praxis einander bereichern?

Schnittpunkte, Dialoge, Verbindungen: das Projekt ist für weitere Teilnehmer offen und sein Drehbuch verändert sich damit stetig. Ideen und Beiträge können unterschiedliche Formen annehmen: Ausstellungen, Workshops, Vorträge, Lesungen, Aktionen, aber auch Arbeiten im öffentlichen Raum oder gänzlich eigensinnige Umsetzungsarten sind möglich. Es wird zudem über den Projektzeitraum ein laborativer Raum für eine kooperative Werkstattsituation in verschiedenen Ausstellungsräumen eingerichtet.

Mehr Informationen über das Projekt, zu den Teilnehmern und zur Teilnahme unter:

www.conquering-places.de

Fragen, Kritik und Kontakt unter:

info(at)conquering-places.de

6. „Ich wache endlich auf“

„Bis jetzt habe ich immer gedacht, ich müsste die Beste sein“, sagt eine Freundin zu mir. „Aber langsam merke ich, dass im Privatleben mehr zu holen ist als im Beruf. Es ist, als wache ich endlich auf.“

Ist das nun der Backlash der Frauenbewegung oder die Emanzipation auf nächsthöherer Stufe, die Befreiung von einer allzu streng, allzu einseitig gewordenen Emanzipation und von einem gesellschaftlichen Erwartungsdruck, in dem Leistung und Erfolg als Glücksversprechen per se gelten? Das Weiten des Blicks für all das, was zunehmend in die Banlieues der Lebensentwürfe verbannt wurde? Oder doch eine Kapitulation vor beruflicher Verantwortung, für die das Selbstbewusstsein am Ende nicht reicht, sodass der Rückzug ins Warm-Häusliche angetreten wird?

Mittlerweile wird Noras Erbe in der Pi mal Daumen fünften Generation durchgespielt, von Frauen der 1980er Jahrgänge, die in den ins Heute übersetzten Verhältnissen von Ibsens Nora leben. Frauen aus dem Bürgertum also, oder für die, denen dieser Begriff zu sehr 19. Jahrhundert ist, aus der Mittelschicht, und von der Mittelschicht eher nicht die untere Hälfte. / Nora Bossong, taz

5. Gestorben

Die Komponistin, Dichterin, Bildhauerin und Erzieherin Cécile Nobrega starb im Alter von 94 Jahren. In den 90er Jahren startete sie das Bronze Woman Project, benannt nach dem Titel eines ihrer Gedichte. Nach jahrelangem Planen, Werben und Spendensammeln gelang es ihr 2008, eine Bronzestatue als Denkmal der Mutterschaft in London zu errichten, gestaltet von dem Bildhauer Aleix Barbat.  Es war zugleich die erste Statue einer schwarzen Frau in Großbritannien.

Cécile Nobrega wurde in Georgetown, Guyana geboren. 1969 emigrierte sie nach Großbritannien. / Guardian 30.12.

Hier der Text ihres Gedichts „Bronze Woman“ sowie Bilder und Informationen zur Plastik.

4. American Life in Poetry: Column 452

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Nancy Willard, who lives in New York state, is one of my favorite poets, a writer with a marvelous gift for fresh description and a keen sense for the depths of meaning beneath whatever she describes. Here’s a poem from her newest book.

The Vanity of the Dragonfly

The dragonfly at rest on the doorbell—
too weak to ring and glad of it,
but well mannered and cautious,
thinking it best to observe us quietly
before flying in, and who knows if he will find
the way out? Cautious of traps, this one.
A winged cross, plain, the body straight
as a thermometer, the old glass kind
that could kill us with mercury if our teeth
did not respect its brittle body. Slim as an eel
but a solitary glider, a pilot without bombs
or weapons, and wings clear and small as a wish
to see over our heads, to see the whole picture.
And when our gaze grazes over it and moves on,
the dragonfly changes its clothes,
sheds its old skin, shriveled like laundry,
and steps forth, polished black, with two
circles buttoned like epaulettes taking the last space
at the edge of its eyes.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Nancy Willard from her most recent book of poems, The Sea at Truro, Alfred A. Knopf, 2012. Poem reprinted by permission of Nancy Willard and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.