Garage inferno

Dante war in die innerpolitischen Kämpfe der stolzen, schönen, aber auch intriganten, streitsüchtigen Stadt Florenz verstrickt, und im Jahr 1302 wurde er unter Todesdrohung in die Verbannung geschickt. Bis zum Lebensende sah er seine Heimat nicht wieder und schrieb die „Commedia“ im Exil. Später erst ehrte Florenz den verlorenen Sohn; heute ist man so stolz auf ihn, dass der Jubilar und die Motive seiner Dichtung überall in der Stadt vorkommen. Es gibt da sogar ein Parkhaus mit dem eigentlich nicht so einladenden Namen „Garage inferno“. / Johan Schloemann, Süddeutsche Zeitung 24.6.

Dantes Rime

Um diese neue Übersetzung im Verhältnis zu den bereits vorliegenden beurteilen zu können, sei zumindest ein Beispiel angeführt. In dem Sonett „Un dí si venne a me Malinconia“, treten dem Sprecher seine Gefühle in personifizierter Form gegenüber und beginnen ein Gespräch, das die Vorausahnung des Todes der geliebten Dame zum Gegenstand hat:

Un dí si venne a me Malinconia
e disse „Io voglio un poco stare teco“;
e parve a me ch’ella menasse seco
Dolore e Ira per sua compagnia.
E io le dissi: „Partiti, va’ via“;
ed ella mi rispose come un greco:
e ragionando a grande agio meco,
guardai e vidi Amore che venia,
vestito di un drappo nero,
e nel suo capo portava un capello
e certo lacrimava pur di vero.
Ed eo le dissi: „Che hai, cattivello?“
Ed el rispose: „Eo ho guai e pensero,
Ché nostra donna mor, dolce fratello“.

Bei Kannegießer / Witte wird daraus 1842:

Kam eines Tags Melancholie zu mir,
und sprach: „Ich will ein wenig Rast hier halten“
Und wenn mich nicht mein Auge täuschte, wallten
Als Fahrtgenossen Schmerz und Zorn bei ihr.
Und ich begann darauf: „Fort, fort mit dir!“
Da hört ich sie wie einen Griechen walten,
und ganz gemächlich ihre Red’ entfalten;
Doch da ich aufsah, war auch Amor hier,
von einem schwarzen Kleide neu umfangen,
und einen Hut hat er aufs Haupt gesetzt,
aufricht’ge Thränen näßten seine Wangen,
und ich: „Was hat dich, armer Schelm, verletzt?“
Und er antwortete: „Mich muß wohl bangen,
denn, Bruder, unsre Herrin stirbt anietzt.“

Zoozmann, der das Sonett in seiner Ausgabe Dante. Gedichte von zweifelhafter Echtheit (2. Aufl. Berlin und Leipzig: Behrs und Feddersen 1927) übersetzt, bietet folgende Lösung:

Kam eines Tags zu mir Melancholie
Und sprach: „Ich will ein wenig bei dir halten.“
Und mir erschiens, als ob da mit ihr wallten
Der Schmerz und Zorn, der ihr Gesellschaft lieh.
Und zu ihr sprach ich: „Fort, und laß mich frei!“
Sie gab Bescheid, als wenns ein Grieche tue,
Und sprach zu mir behaglich, ganz in Ruhe –
Aufblickend sah ich, Amor kam herbei,
Gekleidet wiederum in schwarze Tracht,
Und auf dem Haupte trug er einen Hut,
und wirklich, seine Träne floß mit Macht.
Und ich: „Was ist es, Schelm, was wehe tut ?“
Und er: „Ich fühle Schmerz, weil ich gedacht,
daß, Bruder, unsre Frau im Tode ruht.“

Zoozmanns „wiederum“ in Vers 9 soll das „di novo“ des Ausgangstexts wiedergeben, verkehrt dieses aber in das Gegenteil, da „di novo“ hier ausweislich der Kommentare bedeutet, dass es sich um ein neues, noch nie getragenes Kleidungsstück handelt, wie das bei Trauerkleidern üblich gewesen sei. Während Kannegießer und Zoozmann für das „menare seco“ („mit sich führen“) des dritten Verses das wesentlich stärkere „wallten“ wählen, schlägt Hertha Federmann 1966 mit der ‚geteilten Gegenwart‘ eine nüchternere, aber nicht unbedingt verständlichere Lösung vor, die jedenfalls auch nicht genau das Bild des Originals trifft:

Melancholie kam eines Tages zu mir
und sprach: „Ich will bei dir ein wenig weilen.“
Es schienen ihre Gegenwart zu teilen
Trauer und Mitleid, die ich sah bei ihr.
Ich sprach: „Fort, hebe dich hinweg von mir.“
Stolz wie ein Grieche, ohne sich zu eilen,
geruhte sie mir Antwort zu erteilen.
Alsdann gesellte Amor sich zu ihr.
Er hatte einen schwarzen Mantel umgeschlagen,
sah einen Trauerhut ihn nun auch tragen.
Und weinen sah ich ihn vor großem Leid.
Ich sprach: „Was bringst du, Böser, für Verderben?“
Und er zu mir: „Ich bin voll Traurigkeit,
denn unsre Herrin, Bruder, liegt im Sterben!“

Dass der schwarze Umhang neu ist, erfährt man in dieser Übersetzung nicht. Dafür hat Federmann die etwas rätselhafte Stelle mit dem Griechen in Vers 6 gut getroffen, da „rispose come un greco“ („antwortete wie ein Grieche“) sich auf den im Italienischen nicht nur im 13. Jahrhundert sprichwörtlichen Stolz der Griechen bezieht, was bei Kannegießer und Zoozmann weitgehend unverständlich bleibt. Den „cativello“ aus Vers 12 verfehlt sie aber mit „Böser“ wohl ähnlich wie Kannegießer und Zoozmann mit „Schelm“, da es sich eher um eine unglückliche, traurige Gestalt handelt. Das Reimschema des Dante-Sonetts (abbaabbacdcdcd) hält nur Kannegießer durch, Zoozmann gibt schon im zweiten Quartett auf, Federmann entfernt sich in den Terzetten davon und weicht auf das Schema ccdede aus.

Hier liegt eine der Stärken von Vormbaums Übersetzung. Es gelingt ihm auf durchaus artistische Weise, Dantes Reimschemata im Deutschen versgenau nachzubilden, was aber, wie nicht anders zu erwarten, an manchen Stellen auf Kosten des genauen Verständnisses des italienischen Texts geht.

/ Olaf Müller, literaturkritik.de

Dante Alighieri: Gedichte – Rime. Italienisch und Deutsch.
Übertragung von Thomas Vormbaum.
LIT Verlag, Münster 2014.
250 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783643127563

Literaturvergessen

Kein europäisches Land ist in der Liquidierung seines literarischen Kulturerbes so konsequent gewesen wie Dänemark. Was sich darin zeigt, daß kaum ein Däne in leitender Position die Klassiker gelesen hat.

Suzanne Brøgger, Bedarf an Sündenböcken. In: Lettre international 109, Mai 2015, S. 141

Literaturverrückt

Literaturverrückte Schwaben, vor allem wenn sie aus der ehemaligen Arbeitervorstadt Heslach stammen, neigen offenbar zur Renitenz. In seinem autobiografischen Gedicht holzrauch über heslach (2007) hatte der Ex-Heslacher und Wahl-Berliner Ulf Stolterfoht von der verblüffenden revolutionären Sozialisation der jungen Vorstadt-Community berichtet. Diese Subkultur nährte sich, so die Legende seines Gedichts, in den aufsässigen 1970er Jahren von revolutionären Schriften anarchosyndikalistischen Ursprungs, darüber hinaus von Free Jazz, Stechäpfeln, Tollkirschen und anderen bewusstseinserweiternden Substanzen – und nicht zuletzt von Weizenbier und experimenteller Lyrik. Die Begeisterung für eine Poesie der experimentellen Aushebelung der geläufigen Sprache entzündete sich beim jungen Stolterfoht nach dem Besuch eines berühmten Jazz-Festivals. An den Pfingsttagen des Jahres 1983 pilgerte Ulf Stolterfoht aus Stuttgart mit vielen anderen Jazzbegeisterten nach Moers am Niederrhein, in das Mekka der improvisierten Musik, und hatte dort eine Art Offenbarungserlebnis. Im Auftritt einer wunderbaren kleinen Band, der Skeleton Crew, entdeckte er das Modell einer unerhörten Freiheit. Von den anarchischen Kompositionen der Tonkünstler nahm er dann die Lizenz für eine eigene poetische Freiheit – die Freiheit der spielerischen Wort- und Satzbildung.

(…)

„Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es Brueterich Press“: Der launige Werbeslogan verweist auf die Zielrichtung dieser Edition. Der annoncierte „hohe Preis“ indes erweist sich als koketter Schwindel. Die 20 Euro pro Band entsprechen längst den Marktüblichkeiten und können sogar durch ein Abonnement der kompletten Brueterich-Reihe auf 15 Euro pro Buch gesenkt werden. Ästhetisch gibt es aber keinen Rabatt: Die Passion für das Extrem-Poem ist zum Leitfaden des Programms geworden.

Die ersten drei Titel zeigen an, wohin die Reise geht. Der derzeit wohl bedeutendste Ästhetiker der Gegenwart, der österreichische Dichter Franz Josef Czernin, veröffentlicht im Band Beginnt ein Staubkorn sich zu drehn eine Auswahl seiner Essays zur Gegenwartsliteratur, die sich mit der von Czernin bekannten Akribie mit grundsätzlichen Fragen befassen, etwa mit dem Verhältnis von „Poesie, Autor und Intentionalität“ oder den für die Dichtung möglichen „Verwandlungen“. Am Ausgangspunkt dieser poetologischen Erkundungen steht eine Einsicht des Romantikers Novalis: „Dass wenn einer bloss spricht um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht. Will er aber von etwas Bestimmtem sprechen, so lässt ihn die launige Spache das lächerlichste und verkehrteste Zeug sagen.“

Diese Novalis-Sätze bilden so etwas wie das ästhetische Grundsatzprogramm der Brueterich Press. Sie gelten auch für die zwei anderen Introduktionen des neuen, wagemutigen Verlags, Hans Thills Gedichtband Ratgeber für Zeugleute und Oswald Eggers Gnomen & Amben. (…) / Michael Braun, literaturblatt

  • Hans Thill, Ratgeber für Zeugleute. Gedichte. BP 001. 128 Seiten, 20 Euro
  • Franz Josef Czernin, Beginnt ein Staubkorn sich zu drehn. Ornamente, Metamorphosen und andere Versuche. BP 002. 136 Seiten, 20 Euro
  • Oswald Egger, Gnomen & Amben. BP 005. 88 Seiten, 20 Euro

www.brueterichpress.org

Unangriffig

Ach, es war die Stunde der braven, nacherzählenden Rezension, gern mit empfehlendem Charakter. „Magie der Worte“, „brillant erzählt“ – mehr fiel kaum jemandem zur Machart literarischer Texte ein.

Es gibt eine lähmende Scheu vor angriffiger Kritik. Das ist nicht (nur) Charakterschwäche. Es liegt auch am Betrieb, der dafür sorgt, dass sich Kritiker und Autoren ständig über den Weg laufen. Die Begegnung mit einem Autor, den man verrissen hat, ist unangenehm, für beide Seiten. Als MRR seinen Freund Heinrich Böll verrissen hatte, flüsterte ihm dieser beim nächsten Zusammentreffen ins Ohr: „Du Arschloch!“, gab ihm die Hand und sagte: „Jetzt können wir wieder miteinander reden.“ Das hatte Stil. Heute könnte ich mir eine solche Szene bei niemandem vorstellen. / Sieglinde Geisel

Kritik: das absolute Gehör für Zukunft (Marina Zwetajewa)

New Culture poets

As their name suggests, the New Culture poets were a progressive group, drawing inspiration from the works of their Western confrères just as their Anglophone contemporaries, the Imagists, drew from the works of classical Chinese poets. In a poem about the Great Wall, a popular metaphor then for tyrannical rule, Liu [Bannong] recalls the legend of Lady Meng Jiang, whose husband was forced to help build the Wall. When Lady Meng journeyed to see her love, only to discover he was already dead, her tears were so abundant that they brought down a part of the wall. Liu wrote:

To this day people are still talking of Meng Jiang Nü
Yet no more is said of the First Emperor of Qin or the Martial Emperor of Han
Throughout the ages nothing is sadder than an ordinary tragedy
In her tears Meng Jiang Nü lives through all eternities.

/ David Volodzko, The Diplomat

Ausgezeichnet

Die israelischen Dichter Amira Hass und Dory Manor wurden am Sonntag mit dem diesjährigen Yehuda-Amichai-Preis ausgezeichnet. Während der Veranstaltung in Jerusalem sagte Kulturministerin Miri Regev, es sei ihr Amt, sich frei von Diskriminierungen für die Bedürfnisse der Schriftsteller einzusetzen und fügte hinzu, sie habe ein Komitee eingesetzt, das das Autorenrecht überprüfen solle, um negative Auswirkungen für Autoren zu verhindern. / israelnationalnews.com

Werkausgabe Elfriede Gerstl

Sie sei „ein auf Füßen gehendes Gedicht“, schrieb Elfriede Jelinek einmal, wie immer knapp und wie immer präzise. „Untertreibungskünstlerin“ hatte der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler sie genannt.

Ihre ersten Gedichte veröffentlichte Gerstl 1955, da war sie gerade einmal 23 Jahre alt. Die letzten Lebenszeichen. Gedichte Träume Denkkrümel erschienen posthum 2009. Literarische Momentaufnahmen, von jedem Phrasenballast befreite autobiografische Beobachtungen aus den verschiedensten „Gesprächsbezirken“, wie es ihr Lebensmensch Herbert J. Wimmer einmal ausdrückte. Bis zu ihrem Tod im April 2009 schrieb Gerstl, bereits schwer krank, Essays, Gedichte, Gedanken, kein Wort zu üppig, kein Adjektiv zu viel, in aller gebotenen Kürze. Sie schrieb, herzzerreißend gnadenlos, zum Weinen fröhlich, über die dichterdroge oder wie man sich trotz alt & krank bei laune hält, fragte sich unsentimental, woher soll jemand der denkt wie ich trost holen, berichtete über neue plagen, den oldie-alltag und darüber, wie es sich  im krankenzimmer anfühlt: „die schwäche ist meine partnerin / wir arbeiten gut zusammen.“

(…)

Ihre literarischen Hinterlassenschaften sind (selbst-)ironische, illusionslose, schmerzhafte Vorstöße in die allertiefsten Tiefen menschlicher Existenz: „ich möchte niemandem / die maske vom gesicht reissen / ich will nicht sehen / was darunter alles nicht ist“, schrieb sie im Herbst 2008. / Andrea Schurian, Der Standard 23.6.

Elfriede Gerstl, „Tandlerfundstücke“: Werke Band 4, Hrsg. Christa Gürtler, Martin Wedl, Droschl-Verlag, 354 Seiten, 29 Euro

Jenseits des Mainstream

Texte, Klänge und Bilder vermengen sich, Poesie wird zur politischen Aktion: Das Sommerloch im Wiener Museumsquartier versteht sich als Festival abseits des literarischen Mainstream. Autoren, Musiker und Tänzer stellen von 2. bis 3. Juli ihre Arbeiten vor. / Franz Schörkhuber, Der Standard

Mit: Flo Staffelmayr und Julia Meinx, Dalibor Plecic, Natalie Deewan, Eva Schörkhuber, Alex Miksch, Anja Golob, Kristin Gruber, Literaturzeitschrift PS, Thomas Havlik u.a.

Für Liebhaber

Lyrik ist was für Liebhaber. Sie kann gefällig und liebreizend sein, schwer und melancholisch, sperrig und unangepasst und ist mitunter alles auf einmal. „Wohlstandshasen“ heißt der neue Gedichtband der Lörracher Autorin Claudia Gabler. Wer die ersten zwei Gedichtbände der Autorin kennt, weiß, dass sie sich nicht mit Gefälligem zufrieden gibt. Auch dieses Mal zieht sie den Leser in neue Welten – auf 80 luftig bedruckten Seiten, in denen Sinn nicht gleich Sinn ist und Verstehen nicht gleich Verstehen. Gabler entwirft Wort- und Satz-Collagen. Fragmente verschmelzen zu etwas Neuem, eröffnen eine andere Sicht auf die Welt. (…) / Susanne Ehmann, Badische Zeitung

Claudia Gabler, „Wohlstandshasen“, Horlemann Verlag, 2015, 80 Seiten, 14,90 Euro

Poetikdozent Lutz Seiler

Über den Heidelberg-Poetik-Dozenten Lutz Seiler schreibt Jan Wiele, FAZ:

Seine Intonation hat keine große Amplitude, aber umso erstaunlicher ist die Sprachmelodie im engen Raum der kleineren: Eine Wortfolge wie „auf Mön, Hawaii oder sonstwo“ wird da zu einem vorsichtigen Gesang. Dazu noch ein feiner thüringisch-sächsischer Einschlag, bei dem sich ein Wort wie „dort“ fast auf „Geburt“ reimt, und wir sind an einer nicht verschwiegenen Schlüsselstelle seiner Poetik: Von den „müden Dörfern“ spricht Seiler in der ersten Vorlesung, jenen Dörfern Ostthüringens also, aus denen er stammt, von Kindheitstagträumen auf einem „halbtoten Gutsbesitz nach der Kollektivierung“. Er findet dort die fast märchenhafte Erinnerung an die Mutter, die zugleich die Herkunft seiner Stimme erklärt: Sie ließ ihn Gedichte memorieren, mit jeder neu einstudierten Strophe musste er zum Vortrag in die Küche kommen, das war die Liturgie der langen Sonntagvormittage: „Enjambement, diesen Ausdruck kannte keiner, es gab nur den Löffel, der mit diktierte, das Wippen und Nicken über den Töpfen mit Klößen und Thüringer Soßen. Erst die Worte, dann die Punkte, auch die Kommas hat der Autor schließlich nicht umsonst gesetzt.“

Noch einen Schlüssel zum Lyriker Lutz Seiler, aber vielleicht auch für den Lyriker schlechthin, gibt ein Verweis auf Francis Ponge und das „Eindringen der Dinge in die Persönlichkeit“ – und da wären in den müden Dörfern neben Pferdeschlitten und Sensenblättern etwa grünes Malachit, Kobalterze und weitere schillernde Wörter aus dem Uranbergbau, die später seinen Gedichtband „Pech & Blende“ prägen sollen. Auch von „leisen Liederloreleien“ ist einmal die Rede: Seiler ist einer, der den hohen Ton noch riskiert, einer, der Dichtervorbilder fast heiligt, wie es sich auch in seinem Roman „Kruso“ in der Verehrung Georg Trakls niederschlägt.

Lyrikmarkt

Lesungen auf dem diesjährigen Lyrikmarkt des poesiefestivals berlin

Garip

Turkish literature’s most ‚peculiar‘ book of poems, ‚Garip,‘ is reprinted in a special edition

In 1941, Resimli Ay Matbaası, one of the legendary printing presses of the early republican era, published a book of poems entitled „Garip.“ The book’s title had different meanings (peculiar, strange, forlorn, poor), and the poems in the book seemed to embody many of those adjectives. In the fashion of Wordsworth and Coleridge’s „Lyrical Ballads,“ which marked the beginning of the English Romantic movement, „Garip“ began a literary movement through artistic collaboration. It featured works by Oktay Rifat, Melih Cevdet and Orhan Veli, three poets who had been high school friends and who had contributed to the same magazines (most significantly to „Varlık“) in previous years.

In „Millennium of Turkish literature,“ the eminent literature scholar Talat Sait Halman praised the group’s „Poetic Realism“ and wrote: „Their urge for literary upheaval was revolutionary, as expressed in a joint manifesto of 1941 that called for ‚altering the whole structure from the foundation up … dumping overboard everything that traditional literature has taught us.‘ The movement did away with rigid conventional forms and meters, reduced rhyme to a bare minimum and avoided stock metaphors, stentorian effects and specious embellishments. It championed the ideal of ‚the little man‘ as its hero, the ordinary citizen who asserted his political will with the advent of democracy.“ / Daily Sabah

Club der verhafteten Dichter

Wer interessiert sich noch für Poesie? Die Tyrannen. In der französischen Zeitschrift Marianne ein Porträt von vier Musenlieblingen – einem Kameruner, einem Chinesen, einem Südafrikaner und einem Kolumbianer -, die mit einer Freiheitsstrafe für das Verbrechen bezahlt haben, einen Diktator zu beleidigen. Frédérique Briard, Alain Léauthier und Laurent Nunez schreiben über Enoh Meyomesse (Kamerun), der es wagte, bei Präsidentschaftswahlen gegen den Diktator Paul Biya anzutreten und der zu sieben Jahren Haft und 200000 CFA-Francs Geldstrafe verurteilt wurde; Li Bifeng, der wie Liao Yiwu wegen „konterrevolutionärer Verbrechen“ verurteilt wurde und immer noch in Haft ist; den südafrikanischen Dichter Breyten Breytenbach, der bei einer heimlichen Reise in sein Heimatland verhaftet wurde und wegen seines Engagements gegen die Apartheid sowie wegen „Mischehe“ verurteilt wurde; und den kolumbianischen Dichter Alvaro Mutis, der Ende der 50er Jahre aus Kolumbien nach Mexiko floh und dort verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurde.

Die Zeitschrift druckt 3 Gefängnisgedichte von Enoh Meyomesse, Li Bifeng und Breyten Breytenbach.

  • Les Carnets du palais noir, d’Alvaro Mutis, Grasset, 192 p., 17 €.
  • La Femme dans le soleil, de Breyten Breytenbach, éd. Bruno Doucey, 112 p., 14,50 €.

Wo die Exilanten stören

Kurz vor Ende der Diskussion sorgte Liao Yiwu für einen Eklat. Er verließ das Podium. Er habe den Eindruck, er sei bei dieser Diskussion unerwünscht. Die Moderatorin habe ihm zu selten das Wort erteilt. Die in China lebenden Lyriker seien offensichtlich interessanter. Die Moderatorin war überfordert, Liao Yiwu provoziert. Ming Di, die als Autorin und Übersetzerin zwischen Los Angeles und Beijing pendelt, hatte die einseitige westliche Wahrnehmung von Exil-Schriftstellern kritisiert („was haben sie seit 1989 getan?“) und plakativ annonciert: „Wir sind hier, um Ihnen die neue Literatur aus China zu bringen.“ Hatte sie Liao Yiwu in diesem Moment vergessen? In ihrer wichtigen Lyriksammlung „New Cathay. Contemporary Chinese Poetry“ (Tupelo Press, North Adams 2013) ist er vertreten, sein Schicksal und seine politische Haltung kommen in der Anthologie klar zum Ausdruck.

Bei Dao, der in Hongkong lebt und nicht in Berlin war, aber als Bezugspunkt eine wichtige Rolle spielte, ist ein anderer Fall. Er gilt der nachfolgenden Generation als Hauptvertreter jener „misty poetry“, die sie bekämpfen. Liao Yiwu, der sich im Gefängnis von der „nebligen“ hermetischen Lyrik verabschiedet hat, warf ein, Bei Dao sei zu kompromissbereit gegenüber dem Regime. Zang Di wiederum, Jahrgang 1964, derzeit einer der einflussreichsten Lyriker in China und zugleich Universitätsprofessor in seiner Geburtsstadt Beijing, kritisierte Bei Dao in ganz anderer Perspektive. Für ihn ist er vor allem der Vertreter einer überkommenen lyrischen Sprache.

Auch Ming Di zitierte Joseph Brodsky: Die Sprache der Exildichter sei „alt“. Sie passe oft nicht mehr zu dem, was im Heimatland geschehe. Nun hat Brodsky das als Exildichter gesagt. Als Argument gegen verfolgte Schriftsteller ist es zumindest zweifelhaft. Man hatte öfter den Eindruck, in China sei eine der deutschen Nachkriegssituation verwandte Diskussion im Gang. Es gibt Leute, die „weitermachen“ möchten, und die im Ausland gelobten Exildichter stören dabei. / Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung