Veröffentlicht am 8. Juli 2015 von lyrikzeitung
Bertram Reinecke schrieb einen Kommentar zu Nora Bossongs Artikel über die „Mitte“ und die Lyrik (Dichter, traut euch ins Zentrum). Aber mehreren Zeitungen war er wohl zu randständig, sie lehnten ab oder wollten einen anderen Text. Liest man Bertram Reineckes kurzen ersten Satz: „Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht.„, versteht man warum sie ihn nicht nehmen. Stand nicht in fast jeder Zeitung, mit der Auszeichnung für einen Gedichtband statt eines Romans stünde endlich wieder die Lyrik im Rampenlicht etc. pp., sah man sie nicht fast schon abheben? Wer so frech anfängt, kann nicht verlangen, daß man ihm auch noch zuhört. – Jetzt erschien er in erweiterter Form da, wo heute eben die Debatten geführt werden, im Netz. Lyrikzeitung dokumentiert Anfang und Schluß – wer Essays von Bertram Reinecke gelesen hat, weiß schon, daß man auch die Fußnoten mitlesen muß, die verweisenden Zahlen bleiben hier stehen, Fußnotenverweis ohne Fußnotentext. Wir verweisen auf das Original beim Magazin Signaturen.
Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht. Zwar wurde über Wagner geschrieben, aber das Thema Lyrik wurde oft schnell durch die abgedroschene Story vom Erfolg und seinen Neidern ersetzt. Wenn sich mit Nora Bossong auch eine Lyrikerin, die es besser wissen sollte, an diesem Spiel beteiligt, gibt das zu denken.
Oberflächlich betrachtet, macht ihr Text bescheidene Vorschläge, in Wahrheit sät sie Misstrauen gegen jedes andere Kriterium als das des Erfolgs. Sie unterhöhlt damit die Glaubwürdigkeit jener, denen es bei der Lyrik stattdessen um Inhalte geht.
Sie behauptet etwa, der Erfolg Wagners habe die Solidarisierung der Lyriker untereinander als der per se Erfolglosen durchbrochen. So mag sich mancher Lyriker-Kreise vorstellen. Wer nur einmal ein mittelgroßes Poesiefestival besucht, wird eines Besseren belehrt. Nicht nur wird er sofort erleben, dass Lyriker nach wie vor oft solidarisch miteinander umgehen, sondern ebenfalls, dass die Lyrik keine verschworene Gemeinschaft auf ein gemeinsames Ziel hin ist. Hartnäckig, wenn auch freundlich wird dort um Positionen gerungen. Kurz: Eben weil es in der Lyrik um Kriterien geht, um Normen und Menschen, die gegenseitige Positionen kritisch ernst nehmen, steht die reine Verkäuflichkeit hier hintan und solche Festivals sind keineswegs die Rückzugsoase mit Wohlfühlfaktor für bedrohte Tierarten, zu der Nora Bossong sie stilisiert. Die Solidarität, die sie wie einen Klüngel beschreibt, kommt nicht von der Abwesenheit des Erfolgs sondern aus der zusätzlichen Anwesenheit von etwas anderem: dem Ringen um gute Literatur. Eher ist es anders herum: Nora Bossong geht mit einem Publikum, das die Heterogenität der Gegenwartslyrik als zu schwierig ignoriert, eine Wohlfühlallianz ein, indem sie ihm zuruft: „Ihr braucht Euch darum nicht zu kümmern, lest lieber etwas Wagner, da habt ihr alles“. Nur solch einem Publikum kann man ja weismachen, dass es irgendetwas für die Lyrik als Ganzes heißt, wenn einer einen Preis bekommt. Für wie schläfrig hält Nora Bossong denn die Lyrikszene? Hätte dieses Zerbrechen des Konsenses der Erfolglosen nicht spätestens seit Günter Grass‘ „Eintagsfliegen“ eintreten müssen? Was ist diesmal anders? Dass sich eine Jury, die sich bisher durch die Bevorzugung von Romanen profiliert hat, zur Lyrik „herabbeugt“? Warum sollte jemand gerade diesen Preis, bloß weil er Nora Bossongs Geschmack entgegenkommt, begrüßen wie das Manna vom Himmel? Ist das nicht eher eine der Artenschutzmaßnamen, an denen Nora Bossong auf der Bühne offenbar so leidet? Natürlich sind Literaturbeamte, die sich für Lyrik nur noch dienstlich interessieren und deswegen nur Indifferentes zu ihrem Gegenstand zu sagen wissen, ein Problem. Ich weiß nur nicht, warum Nora Bossong deren Meinung wichtig ist und warum sie darin ein Problem der Lyrik sieht, die ja in anderen Foren gut ohne diese Beamten auskommt. Und gerade auf der Bühne könnte man ja zeigen, dass der Lyriker weniger schützenswert als vielmehr durchaus bissig sein kann. Das muss man sich natürlich auch trauen.
Mit Nora Bossong kann man offenbar über Wagners Lyrik nicht diskutieren, wenn man sich nicht sofort von ihr anhängen lassen will, man führe eine Neiddebatte: „Prompt gibt es denn auch Distanzierungen. Wagners Texte seien so konventionell, dass sie zeitgenössische Dichtung überhaupt nicht widerspiegelten.“ „Prompt“ – als hätten sich die Lyriker das eigens ausgedacht, um ihm zu schaden. Es ist aber so: Wagner gilt vielen schon seit jeher als konventionell, und jeder der es wissen wollte, wusste es. Es hat vor dem Preis bloß kaum einen interessiert. Kurz lässt sie drei LyrikerInnen zu Wort kommen: Sabine Scho nennt ihn restaurativ, Yevgeniy Breyger wirft ihm einen metaphysischen Essentialismus vor, Mara Genschel findet ihn konventionell … Und wischt dann alle Argumente mit der Autorität ausgerechnet Jan Wagners vom Tisch. (Natürlich muss es den bösen Zauberer geben, wenn doch der gestiefelte Kater seine Existenz so fest behauptet!) Der meint über seine Kritiker: „Zu glauben, dass eine auf den ersten Blick zugänglichere Oberflächenstruktur bedeutet, es sei keinerlei Abgründigkeit vorhanden, ist ein Missverständnis.“ Nicht nur bleibt Bossong einen Beweis für seine Behauptung schuldig, das Zitat redet gar nicht zur Sache. Denn auch einem Nietzsche wird man Abgründigkeit zubilligen. Jemand, der sich dieser Schreibweise bediente, schriebe heute dennoch recht konservativ. Das Beispiel stellt bereits eines klar. Natürlich kann auch ein Dichter der wie Wagner mit konventionell verständlichen Mitteln arbeitet, ein guter Dichter sein.² Erst Nora Bossong unterstellt, dass alle, die Wagner konventionell finden, ihm damit gleichzeitig die Qualität absprechen. Das ist schlicht falsch. Weil sie Lyriker so wenig ernst nimmt, sei hier zum Beweis Medienfrau Wiebke Porombka zitiert, die in ihrer Eloge, ebenfalls in der ZEIT, an den Gedichten „klassische Formen“ bemerkte und betont: „Wagner ist kein Avantgardist“. Für sie ist also Verständlichkeit eher mit dem Althergebrachten im Bunde. Man kann ja sogar Jan Wagner als einen bis zum Abwinken würdigen Preisträger empfinden, sein Werk schätzen, und dennoch ist der Gedanke schwer von der Hand zu weisen, er würde im Moment der Glorie etwas überschätzt. Der Rechtfertigung hingegen bedarf Nora Bossong, die es anders sieht. Sie müsste an Jan Wagners Texten zeigen können, woran es liegt, dass er momentan so viel mehr Gedichtbände verkauft als Lyriker mit verwandtem Ansatz, sagen wir x mal mehr als Norbert Hummelt oder y mal mehr Bücher als Lutz Seiler. Das Ressentiment, welches ihre Rhetorik ausbeutet und perpetuiert, trifft also nicht nur Avantgardisten oder unbekannte Dichter, sondern alle Richtungen.
Um Argumente geht es Nora Bossong freilich nicht, sondern um verhohlenes Bashing derjenigen, die sich dem Angesagten nicht unterwerfen. Dazu stellt sie als nächstes eine schwache Kolumne von Diez in eine Reihe mit den klügeren Rezensenten Wagners. Warum macht sie sich hier plötzlich die Mühe zu argumentieren, zumindest Michael Brauns richtige Beobachtung zu wiederholen, Diez hätte über die Weidenkätzchen die düstere Thematik des von ihm kritisierten Gedichtes vergessen? (Dass Jan Wagner eine Kontrastfigur verwendet, wie man sie schon im evangelischen Gesangbuch findet, weist ihn aber nicht automatisch als besonders unkonventionellen Dichter aus.) Warum hat sie nicht vorher bei den interessanten Stimmen genauer zugehört? Sie tut implizit so, als hätten alle Wagnerkritiker nicht mehr auf der Pfanne als Diez. Der Rückgriff auf Brauns Argument ist deswegen bemerkenswert, weil der Kontext seines Beitrags zu Wagners „Im Brunnen“ eher das Gegenteil des von Bossong Angezielten nachweisen soll. Braun zeigt eher, dass Wagner ein durchaus schwierigerer Dichter ist, als mancher annimmt, indem er darlegt, welche Anspielungen auf antike Bildungsgüter Wagner lesenswert machen.³ Nora Bossong möchte gar keine Klarheit in diesen Fragen, sondern vor allem ihr missliebige Meinungen an der Dummheit eines Einzelnen haftbar machen. Da ist Nora Bossong nicht die einzige. Auch bei Braun hatte Diezens Gerede schon die Ehre, exemplarisch für die Wagnerkritik einzustehen. Ein Argument, etwa so schlagkräftig wie die Behauptung, Wagner müsse schlecht sein, wenn er eine so schwache Verteidigerin hat wie Bossong. (Immerhin redet Braun ansonsten wirklich über Poesie. Oh, dass man es loben muss!)
Pappkameraden erschlagen ist freilich leichter, als mit klugen Leuten zu streiten. Diese Art der Verunglimpfung ist in deutschen Feuilleton eher schon die Regel als die Ausnahme. Walter Delabar, auch er könnte es als Literaturprofessor besser wissen, mag zwar Wagner ebenfalls nicht, macht aber wiederum gerade dafür gleich die ganze Szene haftbar. Auch sein Argument erinnert an die Täter-Opfer-Umkehr: Man liest so viel über schlechte Lyrik in der Zeitung, also muss die Lyrik schlecht sein und nicht etwa die Berichterstattung. Man stelle sich vor, so würde über Bürger mit Migrationshintergrund geschrieben: „In der Zeitung steht viel über kriminelle Ausländer, Ausländer sind also schlecht.“ Als Lyriker muss man derlei Verunglimpfungen offenbar hinnehmen, ja sie sind so üblich, dass viele sie kaum mehr bemerken und sie als Selbstzweifel internalisieren.
(…)
Nora Bossongs Text pfeift, was die Spatzen seit jeher pfeifen, und tut als wäre es neu. Die Schnapsidee, dass schwierige Lyrik die Verbreitung der Gattung hemme, begleitet ja nicht erst die Jan Wagner-Debatte von Anfang an. (Wenn auch zögerlicher klingt das schon in den ersten Artikeln an, z.B. taz vom 12.3.). Die Forderung bildet schon seit Jahrzehnten ein Ostinato der Zeitungsberichte über Lyrik, Gernhardt war endlich verständlich, die Lyrik-von-Jetzt-Generation war endlich wieder verständlich, die Verständlichkeit der umstrittenen Gedichte von Günter Grass bezweifelt niemand: Man kann es sich sofort in der nächsten Buchhandlung anschauen, wie diese Kur angeschlagen hat. Und ist es nicht im Gegenzug auch schon vorgekommen, dass auch ein Band des schwierigen Stolterfoht, der schwer zugänglichen Mayröcker sich weit öfter verkauft, als es die uralte Enzensbergersche Konstante vorhersagt? (Sie schenkt es sich nicht einmal, diese Zahl für ihre Zwecke um ein gutes Viertel abzurunden.) Spannender wäre die Frage, was denn einen Kleinverleger sonst dazu treiben könnte, immer wieder Bücher zu machen, deren ökonomischer Nutzen so fraglich ist. Der mag ja auch seine Gründe haben.
Nora Bossongs Text ist das alles egal. Die ewig junge hässliche Geschichte vom Neid, die sie nun auch in der ZEIT wiederkäut, erschwert schon jetzt jede Internetdiskussion über Lyriker oder die Urteile von Jurys. Jeder, der Inhalte diskutieren wollte, ist dort schon einmal mit dieser Story an die Wand gespielt worden. Nora Bossong ist dagegen in der schönen neuen marktförmigen Welt angekommen. Die Träne in ihrem Knopfloch erweist sich als Krokodilsträne, ein modisches Accessoire.
Veröffentlicht am 7. Juli 2015 von lyrikzeitung
„Das lässt mich ratlos zurück“, lese ich immer wieder in Leserkommentaren von online-Zeitungen. Das ist es – denke ich immer wieder: das Gedicht muss mich ratlos zurücklassen. Das ist eine der Eigenschaften eines gelungenen Gedichts, denke ich neben dem vielen anderen, das ich denke. Zum Beispiel auch, was ich tue, wenn ich ratlos bin, und erst ratlos zurückgelassen. Soll denn das Gedicht mir sagen, wo’s langgeht? Was mute ich dem Gedicht damit zu? Was verlange ich denn immer? Immer was verlangen, das kannst du, denke ich. Bloß nicht selber was tun, bloß nicht selber denken, bloß keine eigenen Gedanken haben, immer nur das von andern Gedachte eintüten und etikettieren, als eine eigene Beobachtung ausgeben. Aber gut, wie weit hinunter muss ich denn? Welche Quelle soll’s denn sein, Gnädigste? Wie durch- und abgekaut ist das? Allein das Wort Quelle! Wie weit zurück geht es eigentlich, kann es eigentlich gehen? Das ist doch Irrsinn. Ich tue doch im Jahr 2015 nichts anderes als mich an den Tod zu gewöhnen. Durch den Tod der andern. Jetzt fangen sie an zu sterben, denke ich, um mich herum wird gestorben. Ich war auf einer Beerdigung, es war Frühling, die Knospen schlugen aus. Die Nachricht, dass eine befreundete Künstlerin um Ostern herum plötzlich und unerwartet gestorben sei, kam aus heiterem Himmel. / Aus einem Beitrag von Marcus Roloff, lyrikkritik.de
Veröffentlicht am 7. Juli 2015 von lyrikzeitung
Gedichte? Und dann auch noch aus Afrika? Wen soll das interessieren, nein danke, lautete der Tenor bei den Verlegern, denen der Schweizer Afrikanist und Theologe Al Imfeld sein Projekt vorlegte: eine grosse Anthologie, die – rund ein halbes Jahrhundert nach Janheinz Jahns «Schwarzer Orpheus» von 1954 – den Kontinent anhand seiner Lyrik neu vermessen sollte. Imfeld, ein Geist, der Konventionelles stets verneint, wäre nicht er selbst, hätte er sich mit diesem Bescheid abspeisen lassen. Nun liegt, 15 Jahre später als einst geplant, «Afrika im Gedicht» vor: gut anderthalb Kilo kompakte lyrische Materie, mit der sich unbelehrbaren Köpfen gründlich eins überziehen liesse.
(…) Um eine durch europäische Sicht und Wertmassstäbe gefilterte Selektion möglichst zu vermeiden, bat Imfeld ihm bekannte afrikanische Dichterinnen und Dichter um Beiträge – und darum, die Kunde von dem Grossprojekt unter Berufskollegen weiter zu streuen. So wurde ein beträchtlicher Anteil der abgedruckten Texte von den Verfassern selbst als repräsentativ oder wichtig ausgewählt; allein dort, wo eine Kontaktnahme mit dem Autor nicht möglich war, entschied der Herausgeber, welche Texte in den Band aufgenommen werden sollten.
570 Gedichte kamen so zusammen, in einem Prozess, der sich nicht von vornherein steuern liess. Um die erratische Materialfülle zu bändigen, wurde der Band in zwei Teile und 63 Unterkapitel gegliedert, die mehrheitlich zwischen 5 und 15 Gedichte enthalten. Nachdem zum Auftakt Klassiker des frankofonen und anglofonen Raums von Senghor bis Soyinka vorgestellt worden sind, ist der erste Teil der Sammlung mehrheitlich geografisch organisiert; Ländern mit besonders gewichtiger Dichtungstradition – etwa Nigeria und Südafrika – werden dabei mehrere Sektionen zugeteilt, während bei weniger prominenten Kulturräumen gleich mehrere Länder in einer Sektion zusammengefasst sind. Eingestreut finden sich Kapitel, die etwa Zentren des Freiheitskampfs «von Soweto bis Tahrir» in den Fokus stellen oder Dichtern gewidmet sind, die Opfer staatlicher Repression wurden.
(…) Es ist ein Buch, über dem Bibliophile ins Schwärmen geraten können: Leineneinband und schöner Druck auf gediegenem Papier sind selbstverständlich; dazu kommen Extras wie die Kunstwerke des ivoirischen Dichters und Künstlers Frédéric Bruly Bouabré, die den Einführungstexten beigegeben wurden, die braun und blau abgesetzten Margen, auf denen verdienstvollerweise auch die Originaltexte zu lesen sind, und farblich passende seidene Lesebändchen. / Angela Schader, NZZ
Al Imfeld (Hg.): Afrika im Gedicht. Verlag Offizin, Zürich 2015. 815 S., Fr. 72.–.
Veröffentlicht am 6. Juli 2015 von lyrikzeitung
Seit Samstag hat die kleine Ortschaft St. Stefan im Lavanttal einen „Christine-Lavant-Platz“. Die 100. Wiederkehr der Geburt von Christine Thonhauser, die als Christine Lavant bekannt wurde, sei „ein großer Tag für Wolfsberg, ein großer Tag für Kärnten, ein großer Tag für die Literatur“, sagte Bürgermeister Hans-Peter Schlagholz (SPÖ) bei dem Festakt im Haus der Musik in St. Stefan.
Schlagholz gestand jedoch: „Ich kannte diese Frau gar nicht.“ Im Literaturunterricht seiner Schulzeit sei ihr Name „in all‘ den Jahren“ kein einziges Mal gefallen. (…) Bischof Alois Schwarz nahm die Platzsegnung mit dem ersten Band der Lavant-Gesamtausgabe statt der Bibel in der Hand vor, las Gedichte, nannte Lavant „eine Frau mit einer inneren Intuition, den Pisa-Test hätte sie nie bestanden“, und verneigte sich vor der 1973 gestorbenen Dichterin. „Die große Lyrikerin hilft mir als Bischof sehr, dieses Land und seine Menschen zu verstehen.“ / Kleine Zeitung
Veröffentlicht am 5. Juli 2015 von lyrikzeitung
an heißen Tagen köcheln im Radio leise die Nachrichten
Hansjürgen Bulkowski
Veröffentlicht am 5. Juli 2015 von lyrikzeitung
Unter dem Motto „mehrseitig / meersaitig“ sind vom 8. bis zum 17. Juli Autorinnen, Autoren und Musiker aus Europa und der ganzen Welt angekündigt. Teils sind die illustren Gäste, die ihr Kommen zugesagt haben, griechischer, irakischer, iranischer, marokkanischer, nigerianischer und syrischer Herkunft. Die seit fast zwanzig Jahren in Hausach und im Mittleren Kinzigtal stattfindenden Literaturtage genießen über die Landesgrenzen hinaus Renommee. Zum Auftakt wird der Schriftsteller José F. A. Oliver, Initiator und passionierter Kurator dieses funkelnden Literaturfestivals, die drei diesjährigen Stadtschreiber begrüßen. Die folgende Eröffnungsveranstaltung mit dem arabischen Dichter Adonis darf als Highlight gelten; es gibt weitere Höhepunkte, darunter die Gesprächsrunde „Vom poetischen W:ort“. Kulturjoker-Mitarbeiterin Cornelia Frenkel hat José F. A. Oliver zu den Veranstaltungen befragt.
Zitat:
Wir haben drei Stadtschreiber, den Lyriker Tom Schulz aus Deutschland, den Erzähler Constantin Göttfert aus Österreich und den Romancier Franco Supino aus der Schweiz. Sie werden in Hausach schreiben und eigene Projekte entwickeln. Franco Supino hat gleichzeitig auch die Poetik-Dozentur des Hausacher LeseLenzes für Kinder- und Jugendbuch an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe inne. Ein Projekt, das ins zweite Jahr geht.
(…)
Mehrkulturelle Autoren sind nicht allein Brückenbauer zwischen den Kulturen. Das wäre zu wenig und zu „statisch“! Ihre Literaturen sind eine Art Fähren; diese bieten den Menschen, die sich auf sie einlassen, die Möglichkeit, sich selbst im Anderen, im Fremden zu begegnen. Das bringt Welt in die deutsche Sprache.
18. Hausacher LeseLenz. Vom 8. – 17. Juli 2015 an verschiedenen Orten: www.leselenz.com
Veröffentlicht am 5. Juli 2015 von lyrikzeitung
The newly-elected professor of poetry at Oxford University will use rap and hip hop to explore the definition of modern poetry so the literary form is not thought of „as a museum“.
Simon Armitage, who won the prestigious position last month, has said he also wants to use his new role to expand what people understand to be poetry and challenge “ideas of ownership”. (…)
He said: “I do want to broaden the things that we investigate. We are a hypochondriac lot, we are always thinking that our form is in peril on or the point of expiring and yet you look … at what’s happening in the world of rap – which I am not saying this is necessarily poetry per se – but it is certainly dealing in poetry technique.These are the forthcoming generations and for me that’s about connecting with the present and not thinking of poetry as a museum.
“We might need to consider what constitutes poetry, and rap might be one of the answers. If it comes up I’ll probably talk about Kate Tempest – though she might be hip hop.”
The 52-year old Huddersfield poet won the spot at Oxford with some controversy. Mr Armitage beat his closes rival – the Nobel Prize for literature, Wole Soyinka – after amassing the highest number of nominations. / Javier Espinoza, The Daily Telegraph
Veröffentlicht am 4. Juli 2015 von lyrikzeitung
Colin Robinson visits Lawrence Ferlinghetti (96) remembering his friends Gregory Corso & Allen Ginsberg. About a reading at the Albert Hall:
I suggest that the performances of the American poets that night – himself, Ginsberg and Corso – looked more self-assured than those of their British counterparts, among them Christopher Logue, Adrian Mitchell, Tom McGrath and Michael Horovitz. “The thing about the British poets was that though they looked like Beats, when they opened their mouths, out came these beautiful Oxford accents. It sort of destroyed the image.” So were the Beats in America more working class? “ Gregory certainly was, he had a strong New York accent. Allen was from Jewish intellectuals in Newark who were old communists and identified with the workers’ movement.” / The Guardian
Veröffentlicht am 4. Juli 2015 von lyrikzeitung
Beeinflusst vom deutschen Idealismus und vom strengen Ding-Realismus eines Francis Ponge und eines Rainer Maria Rilke, steht die Aufgabe des Notierens, Umkreisens, Verdichtens und Totalisierens – des Festhaltens – von «Wirklichkeitsfragmenten» im Zentrum all seiner Schreibbemühungen: «Man muss die Dinge sagen, wie sie waren.»
(…)
Jaccottet ist, im besten Sinn, ein altmodischer Dichter, in den Klassikern ebenso bewandert wie in den Modernen, ein Asket des Schreibens, in dessen Leben sich alles, vom Rückzug ins ländliche Grignan bis zu seinen Äusserungen in Interviews, auf Klarheit und «Richtigkeit» richtet. Sein Stolz: die kurzen Momente der Verzückung, in denen die transzendente, sinnvolle Dimension der Welt spürbar wird, festzuhalten; die zarte Spur zwischen Auge und Empfindung aufzuspüren in der Evokation von Lichtreflexen, Vogelstimmen, Wetter und Wind – so, als gehöre die Sprache tatsächlich und zwingend zur Welt, als «gebe es wirklich Wendungen, Rhythmen, Worte, die wahrer sind als andere».
(…) Er ist der Traditionalist unter den Modernen; und sein Werk trägt den Beweis, dass Dichten möglich ist, zu jedem Zeitpunkt und nach jeder Katastrophe. «Zerbrechlich ist der Schatz der Vögel», schrieb er in seinem ersten Gedichtband: «Dennoch, möge er funkeln!» – Heute feiert Philippe Jaccottet seinen neunzigsten Geburtstag. / Milo Rau, NZZ
Veröffentlicht am 4. Juli 2015 von lyrikzeitung
Ein 800-Seiten-Band mit den zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichten ist bereits erschienen. Ein ebenso voluminöser Band mit bislang unveröffentlichten Gedichten wird folgen, dazu zwei Erzählungsbände, einer in diesem Herbst. Nach Amanns Worten eine geradezu unfassbare Menge für eine Autorin aus bildungsfernsten Verhältnissen:
„Es ist ein Phänomen, dass eben jenseits der Vorstellung, dass bestimmte Bildungsvoraussetzungen, soziale Voraussetzungen, ästhetische Voraussetzungen (…) das sein müssen, (…) irgendwie den Beweis antritt, dass es so etwas wie eine Begabung gibt, die quer liegt zu all diesen Traditionen. (..) Natürlich hat ihr Ansatz was mit Trakl zu tun oder mit Rilke. Aber von heute auf morgen sind bei ihr Gedichte entstanden, die einfach fertig sind und makellos. Das finde ich das Faszinierende.“
(…)
Zum runden Geburtstag liegen nun neben einer Neuedition der Erzählung „Das Kind“ auch ein Band mit Texten und Gedichten zeitgenössischer Autoren zu Christine Lavant vor: „Drehe die Herzspindel weiter für mich. Christine Lavant zum 100.“ Friederike Mayröcker, Sibylle Lewitscharoff, Teresa Präauer, Ulf Stolterfoth – sie und viele andere mehr erweisen hier der Kärntner Dichterin ihre Reverenz und treten sozusagen in Kommunikation mit ihr, ihrer Poetik, ihren Bildern, dem Nachhall ihres von Mystik, Spiritualität, Gottesfurcht und Gotteshader, Märchen und ländlichem Naturerleben geprägten Werkes. Dieser Band offenbart die erstaunliche Tatsache, dass Lavant immer, obwohl sie mit ihren Büchern jahrzehntelang kaum präsent war, subkutan sozusagen, einen beachtlichen Einfluss auf andere Autoren ausübte. Thomas Bernhard gab 1988 bei Suhrkamp zwei Auswahlbände mit Lyrik der österreichischen Kollegin heraus. Und Thomas Kling begeisterte sich in einem viel zitierten Text für das, wie er schrieb, „kontrollierte Außersichsein“ der Lavant’schen Verse. (…)
Das Interessante an diesem Geburtstagsband, besonders an den Texten von Grünzweig, Rakusa, aber auch von Marlene Streeruwitz und Konstantin Ames ist vor allen Dingen, dass sie jeglicher Verklärung Christine Lavants entgegentreten. Ihr Lebensweg hat für Verklärungen jeglicher Art immer beste Voraussetzungen geboten: nur vier Jahre Volksschule, eine Existenz in unvorstellbarer Armut, geschlagen von schweren Krankheiten, eingeengt von einem 30 Jahre älteren, offensichtlich unerträglichen Ehemann, Selbstmordversuche, Aufenthalte in Nervenheilanstalten. In Österreich sah man in ihr lange Zeit so etwas wie ein dichtendes Strickliesel-Wunder mit katholischer Erdung. Aber die Lavant taugt weder zur Leidens-Ikone noch zur Heroine. Es ist eher die manchmal schwer erträgliche Zwiespältigkeit, die sie auszeichnet. So sei in ihrem Werk eben nicht nur das Aufbegehrende zu finden, sondern auch das sich willfährig fügende Opferlamm, so Grünzweig. Eine Sprache der Ausgrenzung sei ihr eigen gewesen, so Marlene Streeruwitz, weniger durch Reflexion geprägt als durch ein „Fühldenken“, das von der Vergeblichkeit auf Rettung wisse. Das Werk der Christine Lavant Werk ist eine Provokation. Aber gerade deshalb, so schreibt Konstantin Ames, stemmt es sich gegen „Regierbarkeit und Kanonisierbarkeit“. / Angela Gutzeit, DLF
Christine Lavant: Das Kind. Erzählung. Neuausgabe in der Originalhandschrift. Hrsg. Von Klaus Amann. Wallstein Verlag. 88 Seiten, 16,90 Euro.
„Drehe die Herzspindel weiter für mich“. Christine Lavant zum 100. Hrsg. von Klaus Amann, Fabjan Hafner und Doris Moser. Wallstein Verlag. 184 Seiten, 19,90 Euro.
Veröffentlicht am 4. Juli 2015 von lyrikzeitung
Zum wichtigsten Förderer der Autodidaktin wurde der Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner, Ludwig von Ficker, der in ihren Gedichten ein Nachhallen der Verse Trakls und Rilkes erkannte. Bei ihm suchte Christine Lavant Beistand: »Eines Eines – ich bitte Sie! Müssen Sie immer wieder einmal in mir stärken dies, dass meine grauenhafte Selbstpreisgabe gerechtfertigt ist.« Zwischen 1956 und 1962 erschienen drei Gedichtbände von ihr, »Die Bettlerschale«, »Spindel im Mond« und »Der Pfauenschrei«, die ihren Ruf als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen begründeten. Ihre Leserinnen und Leser fanden sich in ihren Gedichten, die so stark aus dem intimen Erleben schöpften, wieder und suchten oft Rat in Lebenskrisen bei der Dichterin. Für die Literaturkritik war es »Dichtung aus einem extremen inneren und äußeren Abseits«, für die Literaturwissenschaft war es »radikale Dichtung« eines in ambivalenten Bildern zweifelnden Subjekts.
Keineswegs inszenierte sich Christine Lavant als »Kräuterweiblein« und »Nonne«, wie in einem Feuilletonbeitrag der Frankfurter Allgemeinen im Februar behauptet. Der Religion als Trösterin erteilte sie in einem ihrer Gedichte eine Absage: »Kauf uns ein Körnchen Wirklichkeit! / Wir könnten doch endlich auch Schwarzbrot essen / statt eingezuckerte Engel (…) Ich mag nicht mehr durstig schlafen gehen, / ich mag auch die fluchende Kehle nimmer / mit Essig ans Beten gewöhnen.« / Christiana Puschak, junge Welt
Veröffentlicht am 3. Juli 2015 von lyrikzeitung
Hier sammeln zwei Typen Geld für die Kämpfer der Nationalen.
Verlassen sehen sie aus, diese zwei Einsamen, über ihren Köpfen tanzt die schwarz-rote Fahne Stepan Banderas. Mit den Geschichten über diesen ukrainischen Nationalisten und Partisanenführer, der mit den Nazis kollaboriert hat, füttert die russische Propagandamaschinerie heute das Volk, denn wenn sie Ukrainer nicht „Faschisten“ nennt, dann „Banderowzi“.
Als ich [Serhij] Zhadan später noch einmal treffe, frage ich sofort nach den ukrainischen Nationalisten, nach Bandera. „Bandera ist lange nicht für alle, die jetzt im Osten kämpfen, ein Held. Er ist, natürlich, der Held von den Nationalisten.
Aber in Wahrheit kämpfen im Osten Menschen mit sehr unterschiedlichen Ansichten und Gesinnungen“, antwortet Zhadan. „Und so geht Propaganda: Entweder bist du für Bandera oder für Putin. Ich aber bin für die Ukraine.“
Und wieder gehen wir durch Charkiw und reden, und Zhadan erklärt mir leicht sarkastisch die „psychedelische Welle des Patriotismus“, die über sein Land zog und jeden zweiten Zaun in Blau und Gelb einfärben musste. „Ich liebe mein Land“ sagt er dann aber auch, spricht den Satz seltsamerweise aus ohne jedes Pathos. Und während ich überlege, wie er das macht, dass er so klingt, stehen wir auf einmal am Freiheitsplatz.
Ein ruhiges, riesiges Meer aus Beton ist dieser Platz, mehr als elf Hektar groß. An einem Ende stand früher mal Lenin, am anderen haben vergangenes Jahr Separatisten das Gebietsverwaltungsgebäude gestürmt.
Es war der Tag, an dem mir auf meinem Laptop-Bildschirm immer wieder ein- und dasselbe Zhadan-Bild entgegen strahlte: Es zeigte den Schriftsteller, gestützt von zwei Polizisten, über seinem Gesicht ein Schleier aus hellrotem, frischem Blut.
Mit zweihundert Leuten war Zhadan damals im Parlament, als die Pro-Russen und die Russen in das Gebäude einfielen, auf die Maidan-Aktivisten einprügelten. Und auch auf Serhij Zhadan. Und heute, mehr als ein Jahr später, frage ich ihn, ob die Stadt immer noch die Stadt ist, in der er gerne wohnt, nachdem, was hier mit ihm passierte.
„Natürlich. Meine Einstellung zu der Stadt und den Mitbürgern hat sich gar nicht geändert“, sagt er und lächelt schüchtern bis aufrichtig. Und ich verstehe Zhadan nicht. / Anna Prizkau, FAS
Veröffentlicht am 3. Juli 2015 von lyrikzeitung
Bayerns spanischer Startrainer Pep Guardiola hat im Münchner Literaturhaus seine Lieblingsgedichte vorgetragen. Er las auch katalanische Werke von seinem verstorbenen Freund Miquel Marti i Pol vor. Guardiola: «Jedes Mal, wenn ich bei ihm war, kam ich als besserer Mensch raus. Er hatte eine Art, mich auf dem Boden zu halten.» 75 Minuten trug Guardiola in seiner Muttersprache vor. Auf Deutsch übersetzte Schauspieler Thomas Loibl. Das «Buch der Einsamkeiten» widmete Marti i Pol 1997 Guardiola und seiner Frau Christina. «Er hatte so seltsame Ideen. Eine Überraschung», sagte Guardiola. / Der Bund
Veröffentlicht am 3. Juli 2015 von lyrikzeitung
This week’s poem is the first of a group that appears in Arthur Waley’s 170 Chinese Poems entitled Five “Tzŭ-Yeh” Songs. But we don’t know with any certainty that Tzŭ-Yeh was the author!
Lady Night, aka Lady Midnight, Tzŭ-Yeh was said to have been a Chin Dynasty poet from Jiangnan, who worked as a courtesan or a “sing-song” girl. But the many poems attributed to her may have been written by various hands, one or none of them hers. Whatever the authorship, a new genre, Midnight Songs Poetry, was established towards the end of the fourth century, and remained influential for many years to come.
The intimate tone and vivid natural imagery of the Songs recall Ezra Pound’s version of the poem by Rihaku/Li-Po*, The River-Merchant’s Wife: A Letter, published in Cathay in 1915. Li-Po himself must have been influenced by the “Tzŭ-Yeh” songs. And it’s more than likely that Pound and Waley – who met from time to time at Pound’s poetry soirees – shared technical notes on their common task. The use of unrhymed free verse and everyday diction is an important common element in the success of these English translations. Waley, of course, translated far more extensively than Pound, and had the superior grasp of Chinese. But there seems little doubt that he learned from Pound’s poetics. / Carol Rumen, Guardian
Veröffentlicht am 2. Juli 2015 von lyrikzeitung
Das Röcheln Goliaths am Anfang der Vergangenheit ist (nicht wahr) das gängige Zukunftsversprechen geblieben.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
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