Wo die Exilanten stören

Kurz vor Ende der Diskussion sorgte Liao Yiwu für einen Eklat. Er verließ das Podium. Er habe den Eindruck, er sei bei dieser Diskussion unerwünscht. Die Moderatorin habe ihm zu selten das Wort erteilt. Die in China lebenden Lyriker seien offensichtlich interessanter. Die Moderatorin war überfordert, Liao Yiwu provoziert. Ming Di, die als Autorin und Übersetzerin zwischen Los Angeles und Beijing pendelt, hatte die einseitige westliche Wahrnehmung von Exil-Schriftstellern kritisiert („was haben sie seit 1989 getan?“) und plakativ annonciert: „Wir sind hier, um Ihnen die neue Literatur aus China zu bringen.“ Hatte sie Liao Yiwu in diesem Moment vergessen? In ihrer wichtigen Lyriksammlung „New Cathay. Contemporary Chinese Poetry“ (Tupelo Press, North Adams 2013) ist er vertreten, sein Schicksal und seine politische Haltung kommen in der Anthologie klar zum Ausdruck.

Bei Dao, der in Hongkong lebt und nicht in Berlin war, aber als Bezugspunkt eine wichtige Rolle spielte, ist ein anderer Fall. Er gilt der nachfolgenden Generation als Hauptvertreter jener „misty poetry“, die sie bekämpfen. Liao Yiwu, der sich im Gefängnis von der „nebligen“ hermetischen Lyrik verabschiedet hat, warf ein, Bei Dao sei zu kompromissbereit gegenüber dem Regime. Zang Di wiederum, Jahrgang 1964, derzeit einer der einflussreichsten Lyriker in China und zugleich Universitätsprofessor in seiner Geburtsstadt Beijing, kritisierte Bei Dao in ganz anderer Perspektive. Für ihn ist er vor allem der Vertreter einer überkommenen lyrischen Sprache.

Auch Ming Di zitierte Joseph Brodsky: Die Sprache der Exildichter sei „alt“. Sie passe oft nicht mehr zu dem, was im Heimatland geschehe. Nun hat Brodsky das als Exildichter gesagt. Als Argument gegen verfolgte Schriftsteller ist es zumindest zweifelhaft. Man hatte öfter den Eindruck, in China sei eine der deutschen Nachkriegssituation verwandte Diskussion im Gang. Es gibt Leute, die „weitermachen“ möchten, und die im Ausland gelobten Exildichter stören dabei. / Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung

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