Werkausgabe Elfriede Gerstl

Sie sei „ein auf Füßen gehendes Gedicht“, schrieb Elfriede Jelinek einmal, wie immer knapp und wie immer präzise. „Untertreibungskünstlerin“ hatte der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler sie genannt.

Ihre ersten Gedichte veröffentlichte Gerstl 1955, da war sie gerade einmal 23 Jahre alt. Die letzten Lebenszeichen. Gedichte Träume Denkkrümel erschienen posthum 2009. Literarische Momentaufnahmen, von jedem Phrasenballast befreite autobiografische Beobachtungen aus den verschiedensten „Gesprächsbezirken“, wie es ihr Lebensmensch Herbert J. Wimmer einmal ausdrückte. Bis zu ihrem Tod im April 2009 schrieb Gerstl, bereits schwer krank, Essays, Gedichte, Gedanken, kein Wort zu üppig, kein Adjektiv zu viel, in aller gebotenen Kürze. Sie schrieb, herzzerreißend gnadenlos, zum Weinen fröhlich, über die dichterdroge oder wie man sich trotz alt & krank bei laune hält, fragte sich unsentimental, woher soll jemand der denkt wie ich trost holen, berichtete über neue plagen, den oldie-alltag und darüber, wie es sich  im krankenzimmer anfühlt: „die schwäche ist meine partnerin / wir arbeiten gut zusammen.“

(…)

Ihre literarischen Hinterlassenschaften sind (selbst-)ironische, illusionslose, schmerzhafte Vorstöße in die allertiefsten Tiefen menschlicher Existenz: „ich möchte niemandem / die maske vom gesicht reissen / ich will nicht sehen / was darunter alles nicht ist“, schrieb sie im Herbst 2008. / Andrea Schurian, Der Standard 23.6.

Elfriede Gerstl, „Tandlerfundstücke“: Werke Band 4, Hrsg. Christa Gürtler, Martin Wedl, Droschl-Verlag, 354 Seiten, 29 Euro

Jenseits des Mainstream

Texte, Klänge und Bilder vermengen sich, Poesie wird zur politischen Aktion: Das Sommerloch im Wiener Museumsquartier versteht sich als Festival abseits des literarischen Mainstream. Autoren, Musiker und Tänzer stellen von 2. bis 3. Juli ihre Arbeiten vor. / Franz Schörkhuber, Der Standard

Mit: Flo Staffelmayr und Julia Meinx, Dalibor Plecic, Natalie Deewan, Eva Schörkhuber, Alex Miksch, Anja Golob, Kristin Gruber, Literaturzeitschrift PS, Thomas Havlik u.a.

Für Liebhaber

Lyrik ist was für Liebhaber. Sie kann gefällig und liebreizend sein, schwer und melancholisch, sperrig und unangepasst und ist mitunter alles auf einmal. „Wohlstandshasen“ heißt der neue Gedichtband der Lörracher Autorin Claudia Gabler. Wer die ersten zwei Gedichtbände der Autorin kennt, weiß, dass sie sich nicht mit Gefälligem zufrieden gibt. Auch dieses Mal zieht sie den Leser in neue Welten – auf 80 luftig bedruckten Seiten, in denen Sinn nicht gleich Sinn ist und Verstehen nicht gleich Verstehen. Gabler entwirft Wort- und Satz-Collagen. Fragmente verschmelzen zu etwas Neuem, eröffnen eine andere Sicht auf die Welt. (…) / Susanne Ehmann, Badische Zeitung

Claudia Gabler, „Wohlstandshasen“, Horlemann Verlag, 2015, 80 Seiten, 14,90 Euro

Poetikdozent Lutz Seiler

Über den Heidelberg-Poetik-Dozenten Lutz Seiler schreibt Jan Wiele, FAZ:

Seine Intonation hat keine große Amplitude, aber umso erstaunlicher ist die Sprachmelodie im engen Raum der kleineren: Eine Wortfolge wie „auf Mön, Hawaii oder sonstwo“ wird da zu einem vorsichtigen Gesang. Dazu noch ein feiner thüringisch-sächsischer Einschlag, bei dem sich ein Wort wie „dort“ fast auf „Geburt“ reimt, und wir sind an einer nicht verschwiegenen Schlüsselstelle seiner Poetik: Von den „müden Dörfern“ spricht Seiler in der ersten Vorlesung, jenen Dörfern Ostthüringens also, aus denen er stammt, von Kindheitstagträumen auf einem „halbtoten Gutsbesitz nach der Kollektivierung“. Er findet dort die fast märchenhafte Erinnerung an die Mutter, die zugleich die Herkunft seiner Stimme erklärt: Sie ließ ihn Gedichte memorieren, mit jeder neu einstudierten Strophe musste er zum Vortrag in die Küche kommen, das war die Liturgie der langen Sonntagvormittage: „Enjambement, diesen Ausdruck kannte keiner, es gab nur den Löffel, der mit diktierte, das Wippen und Nicken über den Töpfen mit Klößen und Thüringer Soßen. Erst die Worte, dann die Punkte, auch die Kommas hat der Autor schließlich nicht umsonst gesetzt.“

Noch einen Schlüssel zum Lyriker Lutz Seiler, aber vielleicht auch für den Lyriker schlechthin, gibt ein Verweis auf Francis Ponge und das „Eindringen der Dinge in die Persönlichkeit“ – und da wären in den müden Dörfern neben Pferdeschlitten und Sensenblättern etwa grünes Malachit, Kobalterze und weitere schillernde Wörter aus dem Uranbergbau, die später seinen Gedichtband „Pech & Blende“ prägen sollen. Auch von „leisen Liederloreleien“ ist einmal die Rede: Seiler ist einer, der den hohen Ton noch riskiert, einer, der Dichtervorbilder fast heiligt, wie es sich auch in seinem Roman „Kruso“ in der Verehrung Georg Trakls niederschlägt.

Lyrikmarkt

Lesungen auf dem diesjährigen Lyrikmarkt des poesiefestivals berlin

Garip

Turkish literature’s most ‚peculiar‘ book of poems, ‚Garip,‘ is reprinted in a special edition

In 1941, Resimli Ay Matbaası, one of the legendary printing presses of the early republican era, published a book of poems entitled „Garip.“ The book’s title had different meanings (peculiar, strange, forlorn, poor), and the poems in the book seemed to embody many of those adjectives. In the fashion of Wordsworth and Coleridge’s „Lyrical Ballads,“ which marked the beginning of the English Romantic movement, „Garip“ began a literary movement through artistic collaboration. It featured works by Oktay Rifat, Melih Cevdet and Orhan Veli, three poets who had been high school friends and who had contributed to the same magazines (most significantly to „Varlık“) in previous years.

In „Millennium of Turkish literature,“ the eminent literature scholar Talat Sait Halman praised the group’s „Poetic Realism“ and wrote: „Their urge for literary upheaval was revolutionary, as expressed in a joint manifesto of 1941 that called for ‚altering the whole structure from the foundation up … dumping overboard everything that traditional literature has taught us.‘ The movement did away with rigid conventional forms and meters, reduced rhyme to a bare minimum and avoided stock metaphors, stentorian effects and specious embellishments. It championed the ideal of ‚the little man‘ as its hero, the ordinary citizen who asserted his political will with the advent of democracy.“ / Daily Sabah

Club der verhafteten Dichter

Wer interessiert sich noch für Poesie? Die Tyrannen. In der französischen Zeitschrift Marianne ein Porträt von vier Musenlieblingen – einem Kameruner, einem Chinesen, einem Südafrikaner und einem Kolumbianer -, die mit einer Freiheitsstrafe für das Verbrechen bezahlt haben, einen Diktator zu beleidigen. Frédérique Briard, Alain Léauthier und Laurent Nunez schreiben über Enoh Meyomesse (Kamerun), der es wagte, bei Präsidentschaftswahlen gegen den Diktator Paul Biya anzutreten und der zu sieben Jahren Haft und 200000 CFA-Francs Geldstrafe verurteilt wurde; Li Bifeng, der wie Liao Yiwu wegen „konterrevolutionärer Verbrechen“ verurteilt wurde und immer noch in Haft ist; den südafrikanischen Dichter Breyten Breytenbach, der bei einer heimlichen Reise in sein Heimatland verhaftet wurde und wegen seines Engagements gegen die Apartheid sowie wegen „Mischehe“ verurteilt wurde; und den kolumbianischen Dichter Alvaro Mutis, der Ende der 50er Jahre aus Kolumbien nach Mexiko floh und dort verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurde.

Die Zeitschrift druckt 3 Gefängnisgedichte von Enoh Meyomesse, Li Bifeng und Breyten Breytenbach.

  • Les Carnets du palais noir, d’Alvaro Mutis, Grasset, 192 p., 17 €.
  • La Femme dans le soleil, de Breyten Breytenbach, éd. Bruno Doucey, 112 p., 14,50 €.

Wo die Exilanten stören

Kurz vor Ende der Diskussion sorgte Liao Yiwu für einen Eklat. Er verließ das Podium. Er habe den Eindruck, er sei bei dieser Diskussion unerwünscht. Die Moderatorin habe ihm zu selten das Wort erteilt. Die in China lebenden Lyriker seien offensichtlich interessanter. Die Moderatorin war überfordert, Liao Yiwu provoziert. Ming Di, die als Autorin und Übersetzerin zwischen Los Angeles und Beijing pendelt, hatte die einseitige westliche Wahrnehmung von Exil-Schriftstellern kritisiert („was haben sie seit 1989 getan?“) und plakativ annonciert: „Wir sind hier, um Ihnen die neue Literatur aus China zu bringen.“ Hatte sie Liao Yiwu in diesem Moment vergessen? In ihrer wichtigen Lyriksammlung „New Cathay. Contemporary Chinese Poetry“ (Tupelo Press, North Adams 2013) ist er vertreten, sein Schicksal und seine politische Haltung kommen in der Anthologie klar zum Ausdruck.

Bei Dao, der in Hongkong lebt und nicht in Berlin war, aber als Bezugspunkt eine wichtige Rolle spielte, ist ein anderer Fall. Er gilt der nachfolgenden Generation als Hauptvertreter jener „misty poetry“, die sie bekämpfen. Liao Yiwu, der sich im Gefängnis von der „nebligen“ hermetischen Lyrik verabschiedet hat, warf ein, Bei Dao sei zu kompromissbereit gegenüber dem Regime. Zang Di wiederum, Jahrgang 1964, derzeit einer der einflussreichsten Lyriker in China und zugleich Universitätsprofessor in seiner Geburtsstadt Beijing, kritisierte Bei Dao in ganz anderer Perspektive. Für ihn ist er vor allem der Vertreter einer überkommenen lyrischen Sprache.

Auch Ming Di zitierte Joseph Brodsky: Die Sprache der Exildichter sei „alt“. Sie passe oft nicht mehr zu dem, was im Heimatland geschehe. Nun hat Brodsky das als Exildichter gesagt. Als Argument gegen verfolgte Schriftsteller ist es zumindest zweifelhaft. Man hatte öfter den Eindruck, in China sei eine der deutschen Nachkriegssituation verwandte Diskussion im Gang. Es gibt Leute, die „weitermachen“ möchten, und die im Ausland gelobten Exildichter stören dabei. / Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung

Verheißungsvoll

Einige ihrer Zeilen möchte man den halben Tag vor sich aufsagen: „der sturen gans melancholie/ musst ich an den kragen. sie lagert im ofen,/ denn ich ess wieder fleisch.“

Rike Scheffler hat ein bemerkenswertes und verheißungsvolles Debüt vorgelegt, ganz sicher mit Raum für weitere Resonanzen. Man wünsche ihr, dass sie den Faden der Ariadne aufnimmt, und jenes Labyrinth des Denkens und Fühlens, in dem wir leben, weiter und tiefer ergründet. / Tom Schulz, Signaturen

Rike Scheffler: der rest ist resonanz. Gedichte. Berlin (kookbooks) 2014. 72 Seiten. 19,90 Euro.

Junge Leute an Poesie heranführen

Di Ming: Ich glaube, es gibt zweierlei Arten von Dichtung. Die eine richtet sich wirklich an das große Publikum mit sehr plakativen Aussagen. Die andere ist sehr verhalten und still. Ich glaube aber auch, es gibt eine Kombination aus beiden Möglichkeiten, mit der wir vor allem die jungen Menschen auch für Dichtung gewinnen können, indem wir eben sehr stark sensibilisieren für die Schönheit der Dichtung, statt irgendetwas herauszubringen wie  „Nieder mit …“, oder „Lang lebe …“, „Lang lebe Chairman Mao“ oder „Nieder mit den ausländischen Kapitalisten!“ – pflegen wir jetzt Dichtung als Kunst. Und so können wir uns eben auch ein Publikum aufbauen und heranziehen, gerade unter den jungen Leuten.

Wir haben zum Beispiel Lü Yue, eine Frau, die sich sehr mit gesellschaftlichen Problemen befasst, die Frauenthemen anspricht und mit ihrer sehr direkten Art ein großes Publikum erreicht. Dann haben wir noch Zang Di, ein sehr, sehr einflussreicher Dichter, der vor allem an den ästhetischen Qualitäten von Sprache arbeitet, der Dichtung nicht als politische Waffe verwendet, der aber stilprägend und anregend für zwei Generationen in China gewirkt hat. Jeden Tag bringt er mindestens ein Gedicht neu heraus. Und er greift häufig alltägliche, unscheinbare Beobachtungen auf. Zum Beispiel ist es ja in den großen Städten, Beijing, sehr, sehr trübe und oft diesig, und er greift aus einer solchen Beobachtung, die Luftverschmutzung, eben Anlässe zu sehr überzeugenden Gedichten auf.

Korbinian Frenzel: Nun ist es immer schwierig, egal, zwischen welchen Sprachen, aber über Fremdsprachen auch Gedichte, Poesie zu transportieren. Haben Sie den Eindruck, dass es neben dieser Sprachbarriere, der natürlichen, vielleicht auch so etwas wie eine kulturelle Barriere gibt zwischen Poesie aus China und der Poesie, wie wir sie hier geprägt vorfinden?

Ming: Ja. Ich glaube durchaus, dass es unterschiedliche Aspekte gibt, die die chinesische Lyrik schwerer zu übersetzen machen als aus anderen Sprachen. Trotz aller Schwierigkeiten: Übersetzen von Lyrik ist möglich, wenn man nur die richtigen Fähigkeiten anwendet, wenn man eben hinhört auf diese Unterschiede. Solange der Glaube an literarische Verständigung, an die Möglichkeit von Dichtung da ist, wird eine Übersetzung zu Stande kommen.

Die chinesische Poetin und Mit-Kuratorin des diesjährigen Poesiefestivals in Berlin, Ming Di, sprach mit dem Deutschlandradio

Lyrik ist wichtig in China

Der chinesische Lyriker Yang Lian im Interview mit der Deutschen Welle (Sabine Peschel):

2011 bin ich das letzte Mal mit Zensur konfrontiert worden, als mein autobiographisches Gedicht in Buch-Länge, „The Narrative Poem“, nur einen Tag in chinesischen Buchläden überlebte. Alle 3.000 Ausgaben wurden zurückgerufen und zerstört.

Aus welchem Grund?

Das geschah aufgrund eines Teils des Gedichts: ein eigenständiges, kürzeres Gedicht mit dem Titel „Reality Elegy“. Ich konnte es mir darin nicht verkneifen, über das Tian’anmen-Massaker zu schreiben. Das war ein Wendepunkt in meinem Leben, aber auch einer für die Entwicklung der chinesischen Kultur der letzten Jahre. Es ist immer noch ein Tabu, darüber zu sprechen, wie die Regierung im Juni 1989 die demokratische Bewegung niederschlug und ein Massaker anrichtete. Deshalb schaute die Regierung sehr genau auf das Gedicht. Der Verlag „Huaxia“ wurde von der Regierung abgemahnt und damit ist dann leider auch auch das Buch gestorben.

Wie viele Bücher konnten Sie retten?

Ich erhielt etwa 25 Kopien vom Verlag. Das war aber nur der erste Akt für mich. Etwa eine Woche lang war ich traurig. Aber dann überlegte ich mir, dass ich eben die Bedeutung dieser Geschehnisse in meinem Leben und in der Literatur einordnen wollte. Ich wollte über Tian’anmen schreiben, auch, wenn ich darüber auf sehr poetische Art und Weise schrieb. Wäre das Buch veröffentlicht worden und niemand hätte daran Anstoß genommen, dann hätte ich mir Sorgen machen müssen. Demnach war die Tatsache, dass das Buch verboten wurde, eine Bestätigung der Wucht und der Ausdruckskraft der Dichtkunst. Das zeigte auch, dass selbst in einer Zeit, von der gesagt wird, dass niemand Gedichte liest, Menschen dies eben doch tun.

Dann wurde mein verbotenes Buch in Hongkong, Singapur, Taiwan und in Übersee veröffentlicht. Und nun sogar in China. Man kann das Gedicht kostenlos im Internet herunterladen.

Also kann man sagen, dass Gedichte subversiv wirken können?

In China ist Lyrik immer noch extrem wichtig. In der chinesischen Kultur genauso wie im sozialen Leben in China.

Warum ist das so? Lesen die Leute viele Gedichte in China?

Ja, das tun sie. Als ich beispielsweise 2012 von der Webseite artsbj.com gefragt wurde, deren künstlerischer Leiter zu werden, habe ich vorgeschlagen, einen Online-Poesie-Wettbewerb ins Leben zu rufen, der offen ist für jede Art chinesischer Lyrik. Wir bestimmten ein internationales Komitee und besetzten die Jury mit sieben bekannten chinesischen Dichtern. Doch niemand hatte damit gerechnet, dass mehr als 80.000 Einsendungen innerhalb von einem Jahr unser Postfach überfluten würden. Und an jedem guten Gedicht hingen noch 30 bis 40 Seiten Kommentare. Das war schon fast wie ein Poesie-Festival, das ein Jahr andauert.

Poetisches Kapital: das poesiefestival berlin endete mit einem Besucherrekord 

Lyrik als Publikumsmagnet: Mit einem großen Lyrikmarkt, an dem über 45 Lyrikverlage teilnahmen, ging am 27. Juni das 16. poesiefestival berlin erfolgreich zu Ende. Insgesamt kamen an die 13500 Besucher zu den 50 überwiegend ausverkauften Veranstaltungen in die Akademie der Künste am Hanseatenweg und an viele Orte Berlins, um internationale Gegenwartslyrik in ihrer ganzen Vielfalt zu erleben.

Über 140 Künstlerinnen und Künstler aus 32 Ländern waren zu Gast, u.a. Anneke Brassinga (Niederlande), Kwame Dawes (Ghana/Jamaika/USA), Zang Di (China), LaTasha N. Nevada Diggs (USA), Jochen Distelmeyer (Deutschland), Elena Fanailova (Russland), Steven J. Fowler (UK), Kenneth Goldsmith (USA), Reiner Kunze (Deutschland), Márió Z. Nemes (Ungarn), Christian Prigent (Frankreich), Lisa Robertson (Kanada), Warsan Shire (Somalia/UK), Jan Wagner (Deutschland) und Liao Yiwu (China/Deutschland).

In Lesungen, Performances, Diskussionen und Konzerten widmete sich das poesiefestival berlin dem Kapital der Poesie; ihren Traditionen, ihren Ressourcen und ihren Investitionen in die Zukunft.
„Weltklang- Nacht der Poesie“ eröffnete das Festival mit einem hochkarätigen und abwechslungsreichen Konzert aus Stimmen und Sprachen. Afrikanische Sprachkünstler brachten einen „Eilbrief an Europa“ mit, um zu zeigen, dass es neuer Perspektiven und Impulse bedarf, um dem schwierigen und komplexen Verhältnis von Afrika und Europa eine neue Richtung zu geben. Im Fokus des Festivals stand die „Chinesische Dichtung im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne“. Das poesiefestival diskutierte zudem in einem Kolloquium die „Zukünfte der Dichtung“, und entdeckte neue Wege der Lyrikvermittlung. Die große Ausstellung „Aufs Maul geschaut – Mit Luther in die Welt der Wörter“ illustrierte acht Redewendungen von Martin Luther, die heute Teil des täglichen Sprachgebrauchs sind. Bei „Tora Bibel Koran“ traten in einer theatralen Inszenierung die großen spirituellen Texte des Judentums, des Christentums und des Islam in einen poetischen Dialog. Bei „e.poesie“ traf elektronische Musik trifft auf Lyrik, beim Übersetzungsworkshop „VERSschmuggel“ trafen sich deutschsprachige und niederländischsprachige Dichter zum Verse schmuggeln. Ein umfangreiches Programm für Kinder, Jugendliche und Lehrer vervollständigte das Programm.

Das 16. poesiefestival berlin fand statt vom 19. – 27.6.2015 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin. Weitere Informationen unter www.poesiefestival.org

Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und durch den Hauptstadtkulturfonds.

Poetopie

der Sprecher verstummt – seine Sprache spricht weiter

Hansjürgen Bulkowski

What is Dada?

Historians, including Rasula, agree that the putative source of Dada was a soiree of mayhem at Cabaret Voltaire in Zurich, in February 1916, a month or two before the magical word “Dada” — which is also French for “hobbyhorse” and “nursemaid” — was found. The performers included Hugo Ball, a German mystic, philosopher and cabaret producer, along with the diminutive Tzara, who recited Romanian verses printed on scraps of paper he fished from his pockets. The hubbub of Cabaret Voltaire lasted only a few months, but it was sufficient for incubating a variety of novel artistic forms that were, at first, indistinguishable from earlier modern art rebellions like Cubism and Futurism. From this modest beginning came Dada.

A professor of English at the University of Georgia, Rasula uncovers why Dada didn’t expire along with the isms it either spawned or incorporated. The fertility of Dada found rich ground in America, where its spirit was active before it had a name. The French artists Marcel Duchamp and Francis Picabia, restless and tired of Europe, made New York their playground. They found the New World de facto Dadaist, and New York the perfect place to deploy their subversive imaginations. The Armory Show of 1913 brought the excitement of new ways of painting, sculpturing and making art to an American public that acted like crowds at a circus: Outraged and shocked grown-ups booed and hissed, while thrilled and rowdy children cheered. (Duchamp’s “Nude Descending a Staircase” drew “more than its share of lampoons” at the Armory Show, Rasula writes, but it would be “The Fountain,” a urinal Duchamp purchased in 1917 and signed “R. Mutt,” that would persist as “Dada’s most recognizable product.”) Rasula notes that “the visual assault” of the Armory Show “was what the genteel public — with its belief that art was a hothouse flower far removed from the rough and tumble of the street — held most objectionable. A setting more ripe for the assault of Dada could not be imagined.” From its birth Dada did not stand apart from cinema, vaudeville or popular culture: Dadaists were at home with Charlie Chaplin and the Marx Brothers, the comic-book pleasures of the masses and American-style publicity.

One of Rasula’s insights is to reveal Dada’s kinship to jazz, and thus to the specifically American “modernist” outlook that blossomed throughout the century but was more acceptable in Europe than in its birthplace: “For a while, many took jazz and Dada to be two faces of the same thing. . . . The early course of jazz was dominated by novelty and humor, and if the musicians heard about Dada, they probably would’ve agreed with Hoagy Carmichael that jazz was Dada’s twin.”

Rasula makes visible and obvious (though oddly obscured in previous accounts) the threads connecting Dada with the New World, and overthrows with nearly imperceptible flair the misconceptions separating the European avant-­garde from modernism. Rasula, himself a scholar of modernism, shows it to be both an umbrella term for the use of academic services to the art market, and a worldwide continuum of the necessarily contradictory human spirit in art. At today’s crossroads between “reality” and “virtuality,” this reassessment is of great use: It provides both a sense of the necessity for “the unmaking of the 20th century,” as the subtitle has it, and a reason for younger artists to go on, using the technologies of the 21st. This may be a magnificent moment of treason in conventional scholarship, which rarely departs from a careful reading of primary sources. The academic decorum is breached only occasionally by Rasula, as in the passages of obvious delight in one of his characters, the fabled and sexually adventurous Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, who may be the original body artist, a creator of weird and elaborate costumes that included decorations of her hair and skin. / Andrei Codrescu, New York Times 28.6.

DESTRUCTION WAS MY BEATRICE 
Dada and the Unmaking of the Twentieth Century
By Jed Rasula
Illustrated. 365 pp. Basic Books. $29.99.

Zwei Dichter

von den vielen, die auf dem poesiefestival berlin auftraten:

Als einer der wenigen verlässt sich Reiner Kunze auf die Wirkung des langsam gesprochenen Wortes.

„Vers zur Jahrtausendwende“

Der heute 81-jährige ehemalige DDR-Dissident, den die Staatssicherheit aus Angst vor der Macht seiner Worte unter dem Decknamen „Lyrik“ überwachte, setzt mit seinen bedächtigen Kurzgedichten den Kontrapunkt.

„Wir haben immer eine Wahl.
Und sei es, uns denen nicht zu beugen,
die sie uns nahmen.“

(…)

Kenneth Goldsmith: „We skim, parse, bookmark, copy, paste, forward, share and spam. Reading is the last thing we do with language.“

Wir schöpfen ab, zergliedern, bookmarken, kopieren, fügen ein, teilen und schmeißen weg. Lesen ist das Letzte, was wir mit Sprache tun, sagt der US-amerikanische Lyriker Kenneth Goldsmith, der sein „uncreative writing“, sein „unkreatives Schreiben“ bereits bei den Obamas im Weißen Haus vortragen durfte.

/ Cornelius Wüllenkemper, DLR