„Angekommen“

Nach Musik von Ernst Krenek, Hans Boll und unbekannten Meistern aus dem Schweriner Lautenbuch folgte eine Uraufführung von Alfred Huber: „Angekommen“, op. 28 für zwei Gitarren, Sprecher und Zuspielungen. Der Linzer hat die hochemotionale Musik, die er zu Kunze-Gedichten komponiert hat, dem Schriftsteller gewidmet. Mal unterstützt sie das Wort, mal erzählt sie eigene kleine Geschichten. Die höchst anspruchsvolle und spannende Komposition reagiert intensiv auf das Wort Reiner Kunzes und verlangt Gitarristin Yvonne Zehner viel ab./ Passauer Neue Presse

Papierblüten

Heuer müsste die Schreibkünstlerin und Illustratorin von Büchern für Kinder und Erwachsene [Angelika Kaufmann] dann eigentlich genau 80 Punkte in ihren Haaren haben. Für jedes Lebensjahr einen. In der Galerie Splitter Art hat sie jedenfalls 80 Papierblüten duftig an die Wand gesteckt. Lauter behutsam zerknüllte Mayröcker-Gedichte. Den Wälzer „Gesammelte Gedichte“ hat sie irgendwo aufgeschlagen und, nein, nicht die Seiten herausgerissen und zu Klumpen zusammengedrückt. Sondern in der Reihenfolge des Umblätterns abgeschrieben. Auf spinnwebfeinem Japanpapier. Ohne die Verse vorher zu lesen. („Es ist spannend, Gedichte schreibend zu erleben.“)

Je länger das Gedicht, desto dichter die lyrisch aufgeladene Handschrift und desto dünkler das Bauscherl. (Manchmal wird die geballte Poesie auch ganz intim in einem Plexiwürfel verschlossen.) Ob das „gestische Origami“ ein zarter Hinweis auf die Vergänglichkeit ist? Auf den Papierkorb? Wobei: Grad im Zerknüllen erblüht das Papier doch erst. (Und wer ein Mayröcker-Gedicht lesen will, soll sich halt ein Buch kaufen.) / Wiener Zeitung

Galerie Splitter Art
(Salvatorgasse 10)
„poetry“, bis 14. August
Mo. – Fr.: 11.30 – 13.30 Uhr
und 15.30 – 17.30 Uhr

Gedichte im Minenfeld

Eine Nachricht aus Irak, die ist zwar ein paar Wochen alt, aber immer noch, leider immer aktuell:

France 24 erzählte eine unwahrscheinlich klingende Geschichte von Irakern, die darangingen, in einem Minenfeld mit den Mitteln der Kunst gegen die in ihrem Land herrschende Gewalt aufzutreten und dem Tod zu trotzen. 28 Millionen Minen gibt es im ganzen Land verteilt. „Wir haben die Minen [für unsere Aktion] ausgewählt, da ein Viertel der Landminen der Welt auf irakischem Boden liegt. Das ist schrecklich! Aber die Gewalt wird bei uns banalisiert, man nimmt sie gar nicht mehr wahr“, erklärt die Dichtergruppe. „Für gewöhnlich schreiben die Dichter. Die irakischen Dichter schreiben viel über Anschläge und Tod. Aber uns reicht es nicht, zu reden. Wir glauben, um das Unsägliche sagen zu können, muß man vom Wort zur Tat schreiten. Wir müssen uns dem Tod aussetzen, statt nur darüber zu reden.“

Man kann Gedichte auch auf dem Minenfeld oder im Wrack ausgebombter Autos vortragen. „In Irak gibt es an jedem Stadtrand einen Autofriedhof mit den Überbleibseln der Bombenanschläge.“ Also veranstalteten sie eine Aktion auf einem dieser Autofriedhöfe. Oder eine Lesung von einem Krankenwagen aus, mit bandagierten Körpern, um die Auswirkungen der Anschläge zu simulieren. / ActuaLitté

Schatten in Dachau

Acht Jahre lang hat Dorothea Heiser Zeilen von Opfern und Überlebenden des Dachauer Konzentrationslagers gesammelt – Zeilen in zehn verschiedenen Sprachen, voller Trauer und Traumata. Seit Ende vergangenen Jahres ist ihre 1994 erschienene Sammlung von Gedichten ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau auf Englisch erhältlich. (…)

„Die Gedichte sollen den Lesern bewusst machen, wie lebenslang prägend diese Erlebnisse waren. Diese Menschen konnten nie wieder diejenigen sein, die sie vorher waren“, sagt Heiser. Die ersten Zeilen Nevio Vitellis lassen das schmerzlich präsent werden: „Mama, I am not coming back, / God told me so. / Hell, / without a sense of soul, /I have seen it like this / as I touch my painful body / not even in words, / Mama, I can tell you / because I cannot repeat / the mark of terror.“

„La mia ombra a Dachau“ war das einzige Gedicht, das der junge Italiener in seinem Leben schrieb. Zwei Jahre später, mit 18 Jahren, starb er an den Folgen seiner Gefangenschaft. / Leonie Sanke, Süddeutsche Zeitung

Vgl. hier

Zappa, Teufel, Penisfrau

In Berlin sagte Zappa: Revolution ist the wrong word, Evolution ist the right word. Daraufhin eroberten die Genossen einige Verstärker und auch Instrumente auf der Bühne. Fritze Rau beruhigte den Mob und verhinderte zugleich die Erstürmung des Moabiter Gefängnisses. Man wollte Fritze Teufel befreien. Als ich die Penisfrau an der Hand habe und sie zum Bierstand führe, ist der Fotograf Zint verschwunden. Es kann also kein fachmännisches Beweisfoto von ihr und mir durch ihn gemacht werden. / Peter Wawerzinek schreibt über das Bad Doberaner Festival Zappanale, Die Welt

Nanni Balestrini

Der nun aufgelegte Sammelband zum 80. Geburtstag würdigt neben weiteren bedeutsamen Werken (“Der Verleger“, 1989) vor allem das lyrische und bildnerische Werk des Autors. Balestrinis Gedichtmontagen aus Zeitungsschnipseln erinnern an die Formexperimente der italienischen Neoavantgarde. Manche seiner Gedichte wirken von heute aus gesehen aber ziemlich ideologisch. / Andreas Fanizadeh, taz 2.7.

Frida Langer

Manchmal scheint es so, als sei die nationalsozialistische Judenverfolgung ein Phänomen der Großstadt gewesen.

Doch sie fand auch auf dem platten Land statt, eben in Giengen an der Brenz, wo sich Frida Langer am Karfreitag 1942 das Leben nahm, bevor sie mit dem zweiten Transport von württembergischen Juden deportiert werden sollte. Jetzt erinnert das von Helga Dombrowsky herausgegebene „Blaue Notizbuch“ mit Langers Gedichten und Texten an die Kunsthandwerkerin. / Brigitte Werneburg, taz 24.6.

Verstörende Brisanz

Kurz gesagt: Callies legt mit ihrem Debut-Band eine Sammlung sprachlich-ästhetisch ansprechender, gehaltvoll durchgearbeiteter, bewusst schwieriger Gedichte vor, die mir (!) wegen ihrem mich (!) provozierend-verstörenden Gehalt nicht gefallen können, die ich (!) ungern an mich heran, ungern in mich (!) hinein lasse … aber gerade das macht sie (meine Widerstände reflektierend) auch besonders und empfehlenswert, verleiht ihnen Schärfe und persönliche Brisanz. / Matthias Rürup, Fixpoetry

Callies’ Sprache ist manchmal derart knapp und verschlüsselt, dass sie mich überfordern, wenn meine Interpretationen dort, wo alle gleich möglich sind, ins Beliebige driften. Doch die eigenen Grenzen lesend zu weiten, ist nicht die schlechteste Übung.

Callies’ Gedichte sind frei von pathetischem Gefühlsüberschwang oder triefender Innerlichkeit. Eher sind es nüchterne, beinah wissenschaftliche Betrachtungen unserer Körperlichkeit, Feldforschungen, die getränkt sind von Witz, Komik und schwarzem Humor, oft burlesk und frivol. Erfrischend! / Monika Vasik, Fixpoetry

Carolin Callies

fünf sinne & nur ein besteckkasten
Schöffling & Co

2015  ·  112 Seiten  ·  18,95 Euro

ISBN: 

978-3-89561-448-4

Die große Stille hat keinen Namen*

Paul Wühr nannte ihn einen „Chagall der Poesie“. Heise hielt ihn für einen „Pfadfinder der Einbildungskraft“. Harig sprach vom „Wortmetz aus Serralongue“.
Am 1. Juli ist Dieter P. Meier-Lenz im Alter von 85 Jahren verstorben.
Die Beisetzung hat am 10. Juli in seiner Wahlheimat in den französischen Pyrenäen stattgefunden.
/ Andreas Noga
Aus dem Gedicht „die stille“ im Gedichtband, „hirnvogel. ausgewählte Gedichte 1990 – 2014“, Pop Verlag, Ludwigsburg 2014 

#şiirsokakta

Ich muß noch einen Auszug posten, danke Achim Wagner für diesen Artikel:

Lyrik in ihrem Ausdruck als Straßenkunst ist in türkischen Städten unübersehbar geworden. Waren es für mehrere Monate insbesondere die Verse Cemal Süreyas, wie „Hayat kısa, / Kuşlar uçuyor“ („Das Leben ist kurz, / Die Vögel fliegen“), und Turgut Uyars, wie „İkimiz birden sevinebiliriz göğe bakalım“ („Wir beide können uns auf einmal freuen lass uns in den Himmel schauen“), die sich im öffentlichen Raum lesen ließen, führte das immer weitere Anwachsen der Bewegung dazu, dass man sich inzwischen beinahe die komplette jüngere türkische Lyrikgeschichte von der Straße aus erschließen kann (oder natürlich über ihre Spiegelung im Internet), von Tevfik Fikret über die Dichter der Garip-Bewegung, von Ahmed Arif, Nilgün Marmara, Özdemir Asaf, Can Yücel oder Attilâ İlhan bis zu bekannten Gegenwartsdichtern, wie etwa Gülten Akın, Haydar Ergülen, Birhan Keskin. Dabei gehört es zu den Verdiensten von #şiirsokakta, u. a. die Verse des 1973 mit 25 Jahren verstorbenen Ankaraner Dichters Arkadaş Z. Özger einem breiteren Publikum bekanntgemacht zu haben.

Zentren dieser Lyrik-Bewegung sind natürlich die drei größten Städte der Türkei: İstanbul, Ankara, İzmir, mit ihrem zugehörigen Aufkommen an Studenten (die Gelände der Universitäten sind häufig selbst auch zu begehbaren Lyrikanthologien geworden), aber sie ist bis in die Kleinstädte aktiv.

Poetopie

liegen gelassen im Abteil – rasend veraltet die Zeitung von heute

Hansjürgen Bulkowski

Das Gedicht ist auf der Straße

Arslans Slogan „Defteri kapat, şiir sokakta!“ in Zusammenhang mit der Verwendung eines Gedichtausschnitts meint konkret: „Schließ das Heft, das Gedicht ist auf der Straße!“ und wurde in den folgenden Wochen und Monaten als Aufruf verstanden und propagiert, die Straßen mit Gedichten (oder einzelnen Strophen beziehungsweise Versen) zu beschriften.

Die Präsenz von Lyrik während der türkischen Proteste im Sommer 2013 war von Beginn an auffällig. Gedichtlesungen waren Teil von Protestveranstaltungen, Gedichtzitate fanden sich immer wieder in den Reden auf Kundgebungen. Nâzım Hikmets berühmte Verse „Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür / ve bir orman gibi kardeşçesine / bu hasret bizim…“ („Leben wie ein Baum einzeln und frei / und brüderlich wie ein Wald, / das ist unsere Sehnsucht …“) war auf gedruckten und selbstbeschrifteten Plakaten und Bannern der Protestierenden im Gezi-Park zu sehen, dessen Bäume von der Abholzung bedroht waren; Hikmets Verse verbreiteten sich über die sozialen Medien, wurden u. a. großflächig auf die Ufermeile von Alsancak in İzmir gesprüht, und wiederum für Plakate und Banner im Ankaraner Widerstandspark, dem Kuğulu Park, verwendet.

Als Anfang Juni die ersten Demonstranten starben, waren es verschiedene Verse aus Hasan Hüseyins Korkmazgils bekanntem Gedicht Haziranda ölmek zor („Es ist schwer im Juni zu sterben“), ursprünglich auf Orhan Kemal und Nâzım Hikmet verfasst, die sich als Ausdruck der Trauer in den sozialen Medien und im öffentlichen Raum wiederfanden. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden per Hand zwei Vierzeiler von Ataol Behramoğlu auf ein großes Transparent geschrieben und im Gezi-Park an einer Stange über der temporären Mahnstelle für die Toten der Proteste aufgehängt.

Einen großen Bekanntheitsgrad sollte ein Foto erlangen, das eine junge Demonstrantin mit einem selbstgemachten Plakat zeigt, auf dem zu lesen war: „Turgut Uyar’ın dizeleriyiz!“ („Wir sind die Verse Turgut Uyars“). Der Spruch ist eine ironisierte Abwandlung des bekannten Slogans der Kemalisten, der Anhänger des Gründers der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk: „Mustafa Kemal’in askerleriyiz!“ („Wir sind die Soldaten Mustafa Kemals“), in Anspielung auf den türkischen Unabhängigkeitskrieg. / Achim Wagner, aus: Das Gedicht ist auf der Straße. Über die Bewegung #şiirsokakta in der Türkei. Fikrun wa Fann

Sebald’s poems

The fact that W. G. Sebald, who has come to be recognized as one of the most important prose writers of contemporary Europe, was also a prolific and accomplished writer of lyric poetry remains something of a well-kept secret. Sebald wrote poetry throughout most of his life, from the early 1960s until his death in 2001, publishing it chiefly in literary magazines and anthologies. His first major literary work was the extensive epic poem Nach der Natur, which was published in 1988. Toward the turn of the millennium, after his international reputàtion had been established by Die Ausgewanderten and Die Ringe des Saturn, he seems to have devoted more and more attention to his poetry. When he passed away, he had just published a collection of brief English-language lyric poems entitled For Years Now, and was also working on a closely related German lyric cycle, which was published in 2003 under the title Unerzählt. In 2008, finally, all of his published poems (apart from those included in the aforementioned volumes) along with a selection of hitherto unpublished poems, were collected and printed posthumously under the title Über das Land und das Wasser, which recently appeared in English translation. / Axel Englund,The German Quarterly

Fotointerview

mit Katharina Schultens im Lettretagebuch

F: Was beschreibst du in deinem letzten Gedicht?

A:

Foto: Michaela Frey

Einsam auf der Säule

Die Wochen-ZEIT, deren Literaturredakteurin gern mitteilt, daß sie nichts von Lyrik verstünde, scheint dieselbe (die Lyrik, nicht die Redakteurin) retten zu wollen. Vor Jahren das politische Gedicht, bei dem sie achtbare und auch einige mir sehr liebe DichterInnen einlud, politische Gedichte zu schreiben (nur waren die Aktivisten des politischen Gedichts unter Alten wie Jungen nicht dabei). Und nun Schlag auf Schlag. Zunächst noch positiv, als Nora Bossong „die Lyriker“ aufforderte, sich „ins Zentrum“ zu trauen. Vorige Woche schlug Thomas Böhm vor, Galerien für Lyrik zu gründen und statt auf Gedichtbände auf Einzelgedichte zu setzen. Das es alles das und noch viel mehr längst gibt, tat dem Messianismus seines Vorschlags keinen Abbruch.

Beide, Bossong und Böhm, lehnten sich noch an den im Frühjahr ausgebrochenen Jubelton an. „Das Gedicht ist als Ware wiederentdeckt – vielleicht das Wundersamste an diesem Bücherfrühling.“ (Bossong). „Der Erfolg von Jan Wagner zeigt: Lyrik hat kein Aufmerksamkeitsproblem.“ (Böhm) Aber jetzt ist Schluß mit lustig. Dem Jubellenz folgt der Summer of our Discontent, auf Deutsch Muffelsommer.

„Dann lieber Einkaufszettel lesen: Wenn man das neue „Jahrbuch der Lyrik“ als Kursbuch der Literatur versteht, kann einem angst und bange werden, wohin die Reise geht.“ So stöhnt Heike Kunert in der aktuellen Zeit. Eine „von Langeweile und Empörung angetriebene Schnappatmung“ löst die Lektüre von 149 Gedichten, zumindest eines Großteils davon, bei ihr aus. Es sei „kein guter Jahrgang: verhalten, trocken, unreif, artig.“ (Bis dahin geht der Rezensionsrezensent mit.)

Nicht daß sie nicht auch Lichtblicke findet. „Natürlich gibt es auch kleine Oasen in diesem geistigen Brachland. Dafür sorgen bekannte Autoren wie Herta Müller, Elke Erb oder Michael Krüger.“* Ja, und dann noch „eine als Lyrik getarnte kleine Erzählung“ über Fingernägel, „die als solche gelesen, tatsächlich Spaß macht.“ Na gut. Die Lösung von Böhm, die Fingernägel als Einzelblatt, hätte hier geholfen. Zumindest der Rezensentin Schnappatmung erspart.

Ich teile die Begeisterung über den Fingernägeltext nicht, aber auch ich finde, daß das aktuelle Jahrbuch keins von den besseren ist. Nur will die Rezensentin nicht einfach eine schwache Anthologie kritisieren, sie zielt auf mehr. „Denn es ist doch so, dass die Lyrik auch immer ein Seismograph des Geisteszustandes einer Gesellschaft ist; ein Destillat der Erfahrungen und Schmerzen.“

Heißt das, wie ein Leserkommentar meint, unsere Zeit hat die Lyrik, die ihr entspricht? Oder fordert sie ein, was die Gedichte nicht liefern? Der nächste Satz scheint die Vermutung zu bestätigen: „Überdies fällt auf, dass sich so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht im Jahrbuch findet. Möchte man kein Mahner mehr sein oder ist Politik nur noch ein Synonym für Langeweile?“

Leider hört das Nachdenken an dieser Stelle auf.  Auf die Frage, ob die Herausgeber vielleicht politische Gedichte herausgefiltert haben, kommt Rez. nicht. Überhaupt: Wer ist „man“? Zum Vergleich:

„Nach den ersten 50 flüchtet man zu Gottfried Benn; nach weiteren 30 zu Thomas Brasch und Paul Celan, und hat man die Fibel der Lyrik endlich ausgelesen, so begibt man sich unter die Fittiche von Joseph Brodsky.“ – „Man möchte überhaupt einmal vielen Lyrikern zurufen, dass die Bedeutung ihrer Texte durch permanente Kleinschreibung aller Wörter nicht größer wird.“ – „Man möchte nicht einen letzten Vers lesen, der da lautet: ‚und im Keller faulen die Äpfel von innen‘ “. – „Möchte man kein Mahner mehr sein oder ist Politik nur noch ein Synonym für Langeweile?“ Man, man, man…

Der größte Denkfehler in dieser Rezension ist der Schluß von 149 Gedichten auf „die Lyrik“ heute. Nicht nur daß die Frage nicht gestellt wird, was die Herausgeber aus den 7000 Einsendungen herausgefiltert haben, wirklich nur die noch schlechteren? Und auch nicht die Frage, welche Autoren gar nicht erst eingeschickt haben. Wenn ich unter den 30 Jahrbüchern suche, erinnere ich mich an starke oder spannende, zum Beispiel als Adolf Endler (2002), Elke Erb (1986), Karl Mickel (1990), Ulf Stolterfoht (2008) oder Michael Lentz (2005) Mitherausgeber waren. Offensichtlich gibt es starke und schwache Ko-Herausgeber, solche, denen es gelingt, Autoren unterzubringen, die bisher unterrepräsentiert oder gar nicht vertreten waren, und andere, weniger durchsetzungsfähige oder bequemere. Erwarte ich zuviel von einer Rezension, wenn ich fordere, dies zu berücksichtigen? Ulf Stolterfoht hatte das Problem in seiner Nachbemerkung angesprochen: „Christoph Buchwald fiel es leicht, sich von mir Gedichte aus dem experimentellen Lager nahebringen/unterjubeln zu lassen, mir fiel es schwerer, die Machart vieler eher konventioneller Gedichte zu akzeptieren. ‚Damit kann ich leben!‘ war wahrscheinlich der am häufigsten geäußerte Satz während unseres Berliner Auswahl-Treffens.“ Im Stolterfohtband finden sich Allemann, Ames, Egger, Filips, Koziol, Lange, Reinecke, Scherstjanoi neben Bossong, Hartung, Küchenmeister. Kooperation ist Kompromiß. Bei Erb (1986) stechen mir Anders und Anderson, Böhmer, Bossert, Claus, Döring, Igel, Kling ins Auge, bei Mickel 1990 Stolterfoht, Hüge, Wichner, Hilbig, Pastior, bei Endler 2002 Domašcyna, Klünner, Köhler, Koziol, Lorenc, bei Lentz Behrens-Hangeler, Hausmann, Mon, Struzyk, jeweils als Beispiel, in keinem der Fälle weiß ich, welchem der Herausgeber die Aufnahme zu verdanken ist, aber diese Bände tragen das Gesicht des Mitherausgebers. Wie ist es mit dem vorliegenden Band? Die Rezensentin stellt auch diese Frage gar nicht, ja sie lobt sogar die Herausgeberin, wo sie unterstellt, sie habe eben viele schwächere Gedichte in Kauf nehmen müssen:

„Ansonsten wird aber schnell klar, dass sich Gomringer über die magere lyrische Ernte enttäuscht zeigt. Viel Spreu unter wenig Weizen. Gomringer erklärt es so: ‚Und mancher wird in der Auswahl dieses Bandes natürlich Dinge vermissen, die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.‘

Das erklärt hinreichend, warum so viel Schlechtes auch ins Köpfchen, ergo Buch musste.“

Wirklich hinreichend??

Unterscheidung, Alternativen, Schwerpunktsetzung? Fehlanzeige. Rez. zieht es vor, sich als scharfe Kritikerin zu inszenieren, jede Differenzierung schwächte das Bild nur. Lieber auf der Schulter von Riesen, hier neben Krüger, Benn & Co. vor allem Jossif Brodsky, auf die behauptet magere deutsche Szene herabblicken. Einsam ist es dort oben auf der Säule!

*) Eine beliebte Figur, die Alten herauszuheben, Bossong nutzt sie auch, für ihren Zweck: „Und neben all dem Jugendkult bleibt die zärtliche Erhabenheit einer Friederike Mayröcker hoch geachteter Bezugspunkt genauso wie die störrische Neugier einer Elke Erb.“ Beide, Mayröcker und Erb, galten nicht zu jeder Zeit als unanfechtbar vorbildhafte Ausnahmegestalten. (Wenn nicht alles täuscht, ja auch für Bossong nicht)