Colin Robinson visits Lawrence Ferlinghetti (96) remembering his friends Gregory Corso & Allen Ginsberg. About a reading at the Albert Hall:
I suggest that the performances of the American poets that night – himself, Ginsberg and Corso – looked more self-assured than those of their British counterparts, among them Christopher Logue, Adrian Mitchell, Tom McGrath and Michael Horovitz. “The thing about the British poets was that though they looked like Beats, when they opened their mouths, out came these beautiful Oxford accents. It sort of destroyed the image.” So were the Beats in America more working class? “ Gregory certainly was, he had a strong New York accent. Allen was from Jewish intellectuals in Newark who were old communists and identified with the workers’ movement.” / The Guardian
Beeinflusst vom deutschen Idealismus und vom strengen Ding-Realismus eines Francis Ponge und eines Rainer Maria Rilke, steht die Aufgabe des Notierens, Umkreisens, Verdichtens und Totalisierens – des Festhaltens – von «Wirklichkeitsfragmenten» im Zentrum all seiner Schreibbemühungen: «Man muss die Dinge sagen, wie sie waren.»
(…)
Jaccottet ist, im besten Sinn, ein altmodischer Dichter, in den Klassikern ebenso bewandert wie in den Modernen, ein Asket des Schreibens, in dessen Leben sich alles, vom Rückzug ins ländliche Grignan bis zu seinen Äusserungen in Interviews, auf Klarheit und «Richtigkeit» richtet. Sein Stolz: die kurzen Momente der Verzückung, in denen die transzendente, sinnvolle Dimension der Welt spürbar wird, festzuhalten; die zarte Spur zwischen Auge und Empfindung aufzuspüren in der Evokation von Lichtreflexen, Vogelstimmen, Wetter und Wind – so, als gehöre die Sprache tatsächlich und zwingend zur Welt, als «gebe es wirklich Wendungen, Rhythmen, Worte, die wahrer sind als andere».
(…) Er ist der Traditionalist unter den Modernen; und sein Werk trägt den Beweis, dass Dichten möglich ist, zu jedem Zeitpunkt und nach jeder Katastrophe. «Zerbrechlich ist der Schatz der Vögel», schrieb er in seinem ersten Gedichtband: «Dennoch, möge er funkeln!» – Heute feiert Philippe Jaccottet seinen neunzigsten Geburtstag. / Milo Rau, NZZ
Ein 800-Seiten-Band mit den zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichten ist bereits erschienen. Ein ebenso voluminöser Band mit bislang unveröffentlichten Gedichten wird folgen, dazu zwei Erzählungsbände, einer in diesem Herbst. Nach Amanns Worten eine geradezu unfassbare Menge für eine Autorin aus bildungsfernsten Verhältnissen:
„Es ist ein Phänomen, dass eben jenseits der Vorstellung, dass bestimmte Bildungsvoraussetzungen, soziale Voraussetzungen, ästhetische Voraussetzungen (…) das sein müssen, (…) irgendwie den Beweis antritt, dass es so etwas wie eine Begabung gibt, die quer liegt zu all diesen Traditionen. (..) Natürlich hat ihr Ansatz was mit Trakl zu tun oder mit Rilke. Aber von heute auf morgen sind bei ihr Gedichte entstanden, die einfach fertig sind und makellos. Das finde ich das Faszinierende.“
(…)
Zum runden Geburtstag liegen nun neben einer Neuedition der Erzählung „Das Kind“ auch ein Band mit Texten und Gedichten zeitgenössischer Autoren zu Christine Lavant vor: „Drehe die Herzspindel weiter für mich. Christine Lavant zum 100.“ Friederike Mayröcker, Sibylle Lewitscharoff, Teresa Präauer, Ulf Stolterfoth – sie und viele andere mehr erweisen hier der Kärntner Dichterin ihre Reverenz und treten sozusagen in Kommunikation mit ihr, ihrer Poetik, ihren Bildern, dem Nachhall ihres von Mystik, Spiritualität, Gottesfurcht und Gotteshader, Märchen und ländlichem Naturerleben geprägten Werkes. Dieser Band offenbart die erstaunliche Tatsache, dass Lavant immer, obwohl sie mit ihren Büchern jahrzehntelang kaum präsent war, subkutan sozusagen, einen beachtlichen Einfluss auf andere Autoren ausübte. Thomas Bernhard gab 1988 bei Suhrkamp zwei Auswahlbände mit Lyrik der österreichischen Kollegin heraus. Und Thomas Kling begeisterte sich in einem viel zitierten Text für das, wie er schrieb, „kontrollierte Außersichsein“ der Lavant’schen Verse. (…)
Das Interessante an diesem Geburtstagsband, besonders an den Texten von Grünzweig, Rakusa, aber auch von Marlene Streeruwitz und Konstantin Ames ist vor allen Dingen, dass sie jeglicher Verklärung Christine Lavants entgegentreten. Ihr Lebensweg hat für Verklärungen jeglicher Art immer beste Voraussetzungen geboten: nur vier Jahre Volksschule, eine Existenz in unvorstellbarer Armut, geschlagen von schweren Krankheiten, eingeengt von einem 30 Jahre älteren, offensichtlich unerträglichen Ehemann, Selbstmordversuche, Aufenthalte in Nervenheilanstalten. In Österreich sah man in ihr lange Zeit so etwas wie ein dichtendes Strickliesel-Wunder mit katholischer Erdung. Aber die Lavant taugt weder zur Leidens-Ikone noch zur Heroine. Es ist eher die manchmal schwer erträgliche Zwiespältigkeit, die sie auszeichnet. So sei in ihrem Werk eben nicht nur das Aufbegehrende zu finden, sondern auch das sich willfährig fügende Opferlamm, so Grünzweig. Eine Sprache der Ausgrenzung sei ihr eigen gewesen, so Marlene Streeruwitz, weniger durch Reflexion geprägt als durch ein „Fühldenken“, das von der Vergeblichkeit auf Rettung wisse. Das Werk der Christine Lavant Werk ist eine Provokation. Aber gerade deshalb, so schreibt Konstantin Ames, stemmt es sich gegen „Regierbarkeit und Kanonisierbarkeit“. / Angela Gutzeit, DLF
Christine Lavant: Das Kind. Erzählung. Neuausgabe in der Originalhandschrift. Hrsg. Von Klaus Amann. Wallstein Verlag. 88 Seiten, 16,90 Euro.
„Drehe die Herzspindel weiter für mich“. Christine Lavant zum 100. Hrsg. von Klaus Amann, Fabjan Hafner und Doris Moser. Wallstein Verlag. 184 Seiten, 19,90 Euro.
Zum wichtigsten Förderer der Autodidaktin wurde der Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner, Ludwig von Ficker, der in ihren Gedichten ein Nachhallen der Verse Trakls und Rilkes erkannte. Bei ihm suchte Christine Lavant Beistand: »Eines Eines – ich bitte Sie! Müssen Sie immer wieder einmal in mir stärken dies, dass meine grauenhafte Selbstpreisgabe gerechtfertigt ist.« Zwischen 1956 und 1962 erschienen drei Gedichtbände von ihr, »Die Bettlerschale«, »Spindel im Mond« und »Der Pfauenschrei«, die ihren Ruf als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen begründeten. Ihre Leserinnen und Leser fanden sich in ihren Gedichten, die so stark aus dem intimen Erleben schöpften, wieder und suchten oft Rat in Lebenskrisen bei der Dichterin. Für die Literaturkritik war es »Dichtung aus einem extremen inneren und äußeren Abseits«, für die Literaturwissenschaft war es »radikale Dichtung« eines in ambivalenten Bildern zweifelnden Subjekts.
Keineswegs inszenierte sich Christine Lavant als »Kräuterweiblein« und »Nonne«, wie in einem Feuilletonbeitrag der Frankfurter Allgemeinen im Februar behauptet. Der Religion als Trösterin erteilte sie in einem ihrer Gedichte eine Absage: »Kauf uns ein Körnchen Wirklichkeit! / Wir könnten doch endlich auch Schwarzbrot essen / statt eingezuckerte Engel (…) Ich mag nicht mehr durstig schlafen gehen, / ich mag auch die fluchende Kehle nimmer / mit Essig ans Beten gewöhnen.« / Christiana Puschak, junge Welt
Hier sammeln zwei Typen Geld für die Kämpfer der Nationalen.
Verlassen sehen sie aus, diese zwei Einsamen, über ihren Köpfen tanzt die schwarz-rote Fahne Stepan Banderas. Mit den Geschichten über diesen ukrainischen Nationalisten und Partisanenführer, der mit den Nazis kollaboriert hat, füttert die russische Propagandamaschinerie heute das Volk, denn wenn sie Ukrainer nicht „Faschisten“ nennt, dann „Banderowzi“.
Als ich [Serhij] Zhadan später noch einmal treffe, frage ich sofort nach den ukrainischen Nationalisten, nach Bandera. „Bandera ist lange nicht für alle, die jetzt im Osten kämpfen, ein Held. Er ist, natürlich, der Held von den Nationalisten.
Aber in Wahrheit kämpfen im Osten Menschen mit sehr unterschiedlichen Ansichten und Gesinnungen“, antwortet Zhadan. „Und so geht Propaganda: Entweder bist du für Bandera oder für Putin. Ich aber bin für die Ukraine.“
Und wieder gehen wir durch Charkiw und reden, und Zhadan erklärt mir leicht sarkastisch die „psychedelische Welle des Patriotismus“, die über sein Land zog und jeden zweiten Zaun in Blau und Gelb einfärben musste. „Ich liebe mein Land“ sagt er dann aber auch, spricht den Satz seltsamerweise aus ohne jedes Pathos. Und während ich überlege, wie er das macht, dass er so klingt, stehen wir auf einmal am Freiheitsplatz.
Ein ruhiges, riesiges Meer aus Beton ist dieser Platz, mehr als elf Hektar groß. An einem Ende stand früher mal Lenin, am anderen haben vergangenes Jahr Separatisten das Gebietsverwaltungsgebäude gestürmt.
Es war der Tag, an dem mir auf meinem Laptop-Bildschirm immer wieder ein- und dasselbe Zhadan-Bild entgegen strahlte: Es zeigte den Schriftsteller, gestützt von zwei Polizisten, über seinem Gesicht ein Schleier aus hellrotem, frischem Blut.
Mit zweihundert Leuten war Zhadan damals im Parlament, als die Pro-Russen und die Russen in das Gebäude einfielen, auf die Maidan-Aktivisten einprügelten. Und auch auf Serhij Zhadan. Und heute, mehr als ein Jahr später, frage ich ihn, ob die Stadt immer noch die Stadt ist, in der er gerne wohnt, nachdem, was hier mit ihm passierte.
„Natürlich. Meine Einstellung zu der Stadt und den Mitbürgern hat sich gar nicht geändert“, sagt er und lächelt schüchtern bis aufrichtig. Und ich verstehe Zhadan nicht. / Anna Prizkau, FAS
Bayerns spanischer Startrainer Pep Guardiola hat im Münchner Literaturhaus seine Lieblingsgedichte vorgetragen. Er las auch katalanische Werke von seinem verstorbenen Freund Miquel Marti i Pol vor. Guardiola: «Jedes Mal, wenn ich bei ihm war, kam ich als besserer Mensch raus. Er hatte eine Art, mich auf dem Boden zu halten.» 75 Minuten trug Guardiola in seiner Muttersprache vor. Auf Deutsch übersetzte Schauspieler Thomas Loibl. Das «Buch der Einsamkeiten» widmete Marti i Pol 1997 Guardiola und seiner Frau Christina. «Er hatte so seltsame Ideen. Eine Überraschung», sagte Guardiola. / Der Bund
This week’s poem is the first of a group that appears in Arthur Waley’s 170 Chinese Poems entitled Five “Tzŭ-Yeh” Songs. But we don’t know with any certainty that Tzŭ-Yeh was the author!
Lady Night, aka Lady Midnight, Tzŭ-Yeh was said to have been a Chin Dynasty poet from Jiangnan, who worked as a courtesan or a “sing-song” girl. But the many poems attributed to her may have been written by various hands, one or none of them hers. Whatever the authorship, a new genre, Midnight Songs Poetry, was established towards the end of the fourth century, and remained influential for many years to come.
The intimate tone and vivid natural imagery of the Songs recall Ezra Pound’s version of the poem by Rihaku/Li-Po*, The River-Merchant’s Wife: A Letter, published in Cathay in 1915. Li-Po himself must have been influenced by the “Tzŭ-Yeh” songs. And it’s more than likely that Pound and Waley – who met from time to time at Pound’s poetry soirees – shared technical notes on their common task. The use of unrhymed free verse and everyday diction is an important common element in the success of these English translations. Waley, of course, translated far more extensively than Pound, and had the superior grasp of Chinese. But there seems little doubt that he learned from Pound’s poetics. / Carol Rumen, Guardian
Das Röcheln Goliaths am Anfang der Vergangenheit ist (nicht wahr) das gängige Zukunftsversprechen geblieben.
Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr
Dante war in die innerpolitischen Kämpfe der stolzen, schönen, aber auch intriganten, streitsüchtigen Stadt Florenz verstrickt, und im Jahr 1302 wurde er unter Todesdrohung in die Verbannung geschickt. Bis zum Lebensende sah er seine Heimat nicht wieder und schrieb die „Commedia“ im Exil. Später erst ehrte Florenz den verlorenen Sohn; heute ist man so stolz auf ihn, dass der Jubilar und die Motive seiner Dichtung überall in der Stadt vorkommen. Es gibt da sogar ein Parkhaus mit dem eigentlich nicht so einladenden Namen „Garage inferno“. / Johan Schloemann, Süddeutsche Zeitung 24.6.
Um diese neue Übersetzung im Verhältnis zu den bereits vorliegenden beurteilen zu können, sei zumindest ein Beispiel angeführt. In dem Sonett „Un dí si venne a me Malinconia“, treten dem Sprecher seine Gefühle in personifizierter Form gegenüber und beginnen ein Gespräch, das die Vorausahnung des Todes der geliebten Dame zum Gegenstand hat:
Un dí si venne a me Malinconia
e disse „Io voglio un poco stare teco“;
e parve a me ch’ella menasse seco
Dolore e Ira per sua compagnia.
E io le dissi: „Partiti, va’ via“;
ed ella mi rispose come un greco:
e ragionando a grande agio meco,
guardai e vidi Amore che venia,
vestito di un drappo nero,
e nel suo capo portava un capello
e certo lacrimava pur di vero.
Ed eo le dissi: „Che hai, cattivello?“
Ed el rispose: „Eo ho guai e pensero,
Ché nostra donna mor, dolce fratello“.
Bei Kannegießer / Witte wird daraus 1842:
Kam eines Tags Melancholie zu mir,
und sprach: „Ich will ein wenig Rast hier halten“
Und wenn mich nicht mein Auge täuschte, wallten
Als Fahrtgenossen Schmerz und Zorn bei ihr.
Und ich begann darauf: „Fort, fort mit dir!“
Da hört ich sie wie einen Griechen walten,
und ganz gemächlich ihre Red’ entfalten;
Doch da ich aufsah, war auch Amor hier,
von einem schwarzen Kleide neu umfangen,
und einen Hut hat er aufs Haupt gesetzt,
aufricht’ge Thränen näßten seine Wangen,
und ich: „Was hat dich, armer Schelm, verletzt?“
Und er antwortete: „Mich muß wohl bangen,
denn, Bruder, unsre Herrin stirbt anietzt.“
Zoozmann, der das Sonett in seiner Ausgabe Dante. Gedichte von zweifelhafter Echtheit (2. Aufl. Berlin und Leipzig: Behrs und Feddersen 1927) übersetzt, bietet folgende Lösung:
Kam eines Tags zu mir Melancholie
Und sprach: „Ich will ein wenig bei dir halten.“
Und mir erschiens, als ob da mit ihr wallten
Der Schmerz und Zorn, der ihr Gesellschaft lieh.
Und zu ihr sprach ich: „Fort, und laß mich frei!“
Sie gab Bescheid, als wenns ein Grieche tue,
Und sprach zu mir behaglich, ganz in Ruhe –
Aufblickend sah ich, Amor kam herbei,
Gekleidet wiederum in schwarze Tracht,
Und auf dem Haupte trug er einen Hut,
und wirklich, seine Träne floß mit Macht.
Und ich: „Was ist es, Schelm, was wehe tut ?“
Und er: „Ich fühle Schmerz, weil ich gedacht,
daß, Bruder, unsre Frau im Tode ruht.“
Zoozmanns „wiederum“ in Vers 9 soll das „di novo“ des Ausgangstexts wiedergeben, verkehrt dieses aber in das Gegenteil, da „di novo“ hier ausweislich der Kommentare bedeutet, dass es sich um ein neues, noch nie getragenes Kleidungsstück handelt, wie das bei Trauerkleidern üblich gewesen sei. Während Kannegießer und Zoozmann für das „menare seco“ („mit sich führen“) des dritten Verses das wesentlich stärkere „wallten“ wählen, schlägt Hertha Federmann 1966 mit der ‚geteilten Gegenwart‘ eine nüchternere, aber nicht unbedingt verständlichere Lösung vor, die jedenfalls auch nicht genau das Bild des Originals trifft:
Melancholie kam eines Tages zu mir
und sprach: „Ich will bei dir ein wenig weilen.“
Es schienen ihre Gegenwart zu teilen
Trauer und Mitleid, die ich sah bei ihr.
Ich sprach: „Fort, hebe dich hinweg von mir.“
Stolz wie ein Grieche, ohne sich zu eilen,
geruhte sie mir Antwort zu erteilen.
Alsdann gesellte Amor sich zu ihr.
Er hatte einen schwarzen Mantel umgeschlagen,
sah einen Trauerhut ihn nun auch tragen.
Und weinen sah ich ihn vor großem Leid.
Ich sprach: „Was bringst du, Böser, für Verderben?“
Und er zu mir: „Ich bin voll Traurigkeit,
denn unsre Herrin, Bruder, liegt im Sterben!“
Dass der schwarze Umhang neu ist, erfährt man in dieser Übersetzung nicht. Dafür hat Federmann die etwas rätselhafte Stelle mit dem Griechen in Vers 6 gut getroffen, da „rispose come un greco“ („antwortete wie ein Grieche“) sich auf den im Italienischen nicht nur im 13. Jahrhundert sprichwörtlichen Stolz der Griechen bezieht, was bei Kannegießer und Zoozmann weitgehend unverständlich bleibt. Den „cativello“ aus Vers 12 verfehlt sie aber mit „Böser“ wohl ähnlich wie Kannegießer und Zoozmann mit „Schelm“, da es sich eher um eine unglückliche, traurige Gestalt handelt. Das Reimschema des Dante-Sonetts (abbaabbacdcdcd) hält nur Kannegießer durch, Zoozmann gibt schon im zweiten Quartett auf, Federmann entfernt sich in den Terzetten davon und weicht auf das Schema ccdede aus.
Hier liegt eine der Stärken von Vormbaums Übersetzung. Es gelingt ihm auf durchaus artistische Weise, Dantes Reimschemata im Deutschen versgenau nachzubilden, was aber, wie nicht anders zu erwarten, an manchen Stellen auf Kosten des genauen Verständnisses des italienischen Texts geht.
/ Olaf Müller, literaturkritik.de
Dante Alighieri: Gedichte – Rime. Italienisch und Deutsch.
Übertragung von Thomas Vormbaum.
LIT Verlag, Münster 2014.
250 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783643127563
Kein europäisches Land ist in der Liquidierung seines literarischen Kulturerbes so konsequent gewesen wie Dänemark. Was sich darin zeigt, daß kaum ein Däne in leitender Position die Klassiker gelesen hat.
Suzanne Brøgger, Bedarf an Sündenböcken. In: Lettre international 109, Mai 2015, S. 141
Literaturverrückte Schwaben, vor allem wenn sie aus der ehemaligen Arbeitervorstadt Heslach stammen, neigen offenbar zur Renitenz. In seinem autobiografischen Gedicht holzrauch über heslach (2007) hatte der Ex-Heslacher und Wahl-Berliner Ulf Stolterfoht von der verblüffenden revolutionären Sozialisation der jungen Vorstadt-Community berichtet. Diese Subkultur nährte sich, so die Legende seines Gedichts, in den aufsässigen 1970er Jahren von revolutionären Schriften anarchosyndikalistischen Ursprungs, darüber hinaus von Free Jazz, Stechäpfeln, Tollkirschen und anderen bewusstseinserweiternden Substanzen – und nicht zuletzt von Weizenbier und experimenteller Lyrik. Die Begeisterung für eine Poesie der experimentellen Aushebelung der geläufigen Sprache entzündete sich beim jungen Stolterfoht nach dem Besuch eines berühmten Jazz-Festivals. An den Pfingsttagen des Jahres 1983 pilgerte Ulf Stolterfoht aus Stuttgart mit vielen anderen Jazzbegeisterten nach Moers am Niederrhein, in das Mekka der improvisierten Musik, und hatte dort eine Art Offenbarungserlebnis. Im Auftritt einer wunderbaren kleinen Band, der Skeleton Crew, entdeckte er das Modell einer unerhörten Freiheit. Von den anarchischen Kompositionen der Tonkünstler nahm er dann die Lizenz für eine eigene poetische Freiheit – die Freiheit der spielerischen Wort- und Satzbildung.
(…)
„Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es Brueterich Press“: Der launige Werbeslogan verweist auf die Zielrichtung dieser Edition. Der annoncierte „hohe Preis“ indes erweist sich als koketter Schwindel. Die 20 Euro pro Band entsprechen längst den Marktüblichkeiten und können sogar durch ein Abonnement der kompletten Brueterich-Reihe auf 15 Euro pro Buch gesenkt werden. Ästhetisch gibt es aber keinen Rabatt: Die Passion für das Extrem-Poem ist zum Leitfaden des Programms geworden.
Die ersten drei Titel zeigen an, wohin die Reise geht. Der derzeit wohl bedeutendste Ästhetiker der Gegenwart, der österreichische Dichter Franz Josef Czernin, veröffentlicht im Band Beginnt ein Staubkorn sich zu drehn eine Auswahl seiner Essays zur Gegenwartsliteratur, die sich mit der von Czernin bekannten Akribie mit grundsätzlichen Fragen befassen, etwa mit dem Verhältnis von „Poesie, Autor und Intentionalität“ oder den für die Dichtung möglichen „Verwandlungen“. Am Ausgangspunkt dieser poetologischen Erkundungen steht eine Einsicht des Romantikers Novalis: „Dass wenn einer bloss spricht um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht. Will er aber von etwas Bestimmtem sprechen, so lässt ihn die launige Spache das lächerlichste und verkehrteste Zeug sagen.“
Diese Novalis-Sätze bilden so etwas wie das ästhetische Grundsatzprogramm der Brueterich Press. Sie gelten auch für die zwei anderen Introduktionen des neuen, wagemutigen Verlags, Hans Thills Gedichtband Ratgeber für Zeugleute und Oswald Eggers Gnomen & Amben. (…) / Michael Braun, literaturblatt
Ach, es war die Stunde der braven, nacherzählenden Rezension, gern mit empfehlendem Charakter. „Magie der Worte“, „brillant erzählt“ – mehr fiel kaum jemandem zur Machart literarischer Texte ein.
Es gibt eine lähmende Scheu vor angriffiger Kritik. Das ist nicht (nur) Charakterschwäche. Es liegt auch am Betrieb, der dafür sorgt, dass sich Kritiker und Autoren ständig über den Weg laufen. Die Begegnung mit einem Autor, den man verrissen hat, ist unangenehm, für beide Seiten. Als MRR seinen Freund Heinrich Böll verrissen hatte, flüsterte ihm dieser beim nächsten Zusammentreffen ins Ohr: „Du Arschloch!“, gab ihm die Hand und sagte: „Jetzt können wir wieder miteinander reden.“ Das hatte Stil. Heute könnte ich mir eine solche Szene bei niemandem vorstellen. / Sieglinde Geisel
Kritik: das absolute Gehör für Zukunft (Marina Zwetajewa)
As their name suggests, the New Culture poets were a progressive group, drawing inspiration from the works of their Western confrères just as their Anglophone contemporaries, the Imagists, drew from the works of classical Chinese poets. In a poem about the Great Wall, a popular metaphor then for tyrannical rule, Liu [Bannong] recalls the legend of Lady Meng Jiang, whose husband was forced to help build the Wall. When Lady Meng journeyed to see her love, only to discover he was already dead, her tears were so abundant that they brought down a part of the wall. Liu wrote:
To this day people are still talking of Meng Jiang Nü
Yet no more is said of the First Emperor of Qin or the Martial Emperor of Han
Throughout the ages nothing is sadder than an ordinary tragedy
In her tears Meng Jiang Nü lives through all eternities.
/ David Volodzko, The Diplomat
Die israelischen Dichter Amira Hass und Dory Manor wurden am Sonntag mit dem diesjährigen Yehuda-Amichai-Preis ausgezeichnet. Während der Veranstaltung in Jerusalem sagte Kulturministerin Miri Regev, es sei ihr Amt, sich frei von Diskriminierungen für die Bedürfnisse der Schriftsteller einzusetzen und fügte hinzu, sie habe ein Komitee eingesetzt, das das Autorenrecht überprüfen solle, um negative Auswirkungen für Autoren zu verhindern. / israelnationalnews.com
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