Mein Buchhändler erzählt

Seit der Umstellung auf Bachelor und dem Einknicken der Lehrerausbildung werden so gut wie keine geisteswissenschaftlichen Bücher mehr gekauft. Sie haben ja gemerkt, wir haben noch eine Abteilung, aber viel kleiner. Und Lyrik? Ja, was denken Sie, wie schwer es durchzusetzen war, daß wir noch ein Klassiker- und Lyrikregal behalten. Und auch da müssen wir den Umsatz beobachten, es schlägt sich halt etwas länger um. Auch daß es den Großen Conrady nicht mehr gibt, ein schlechtes Zeichen, neulich war ein Norweger da, ich habs ihm empfohlen, aber da wars nicht mehr lieferbar.

Der Buchpreis für Jan Wagner? Das war eine Katastrophe für den Buchhandel. Vielleicht paar Buchhandlungen in Berlin, aber hier? Das kann man doch nicht machen, einen Buchpreis, bei dem Gedichtbände mit Romanen konkurrieren. Ja, wenn sie einen speziellen Preis für Lyrik hätten, das könnte man einordnen, das wäre auch eine Förderung, eine Anerkennung der Lyrik, aber so? Schon neulich mit dem Nobelpreis für den schwedischen Lyriker, wie hieß der, Tranströmer, eine Katastophe! Da haben sich Buchhändler aufgehängt.

Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769)

Ein weltlicher Schriftsteller war Gellert eigentlich nur in den vierziger Jahren. Da erschienen zuerst seine «Fabeln und Erzählungen», die zu einem Bestseller des 18. Jahrhunderts wurden, dann in rascher Folge drei Komödien, schliesslich 1747/48 der Roman «Leben der schwedischen Gräfin von G***», sein aus heutiger Sicht aufschlussreichstes Buch. 1751 folgte, eine Art Ausklang, eine Sammlung von Musterbriefen, mit deren Hilfe die bürgerlichen Leser einen neuen, «natürlichen» Briefstil erlernen konnten. Danach hat er nur noch ein Buch veröffentlicht: Die «Geistlichen Oden und Lieder», 1757 gedruckt, wurden wie die Fabeln ein Massenerfolg, aber nun auf der ganz anderen Schiene des Religiösen. Dank zahlreichen Vertonungen und der Aufnahme der Lieder in protestantische Gesangbücher blieb Gellert in den Kirchen des deutschsprachigen Raums präsent. / Manfred Koch, NZZ

Oberfläche

„Alles ist Oberfläche.“
Diesen Satz hielt mir vor kurzem ein Schriftsteller entgegen, als ich eine Aussage von ihm kritisiert hatte und in meinem Kommentar das Bild der Tiefe im Zusammenhang mit poetischer Sprache gebraucht hatte (“Lyrik ist ein Mittel der Verflachung entgegenzuwirken, indem sie verweilt und Bohrungen vornimmt, Dimensionen erkundet, andere Chemie wahrnimmt.”).

Er benötigte den Oberflächensatz, um mir zeigen zu können, daß es Tiefe in der Lyrik nicht gibt. Eigentlich aber, um mich zum alten Knacker zu machen, weil „Tiefe“ etwas von vorgestern ist und die Postmoderne das als überwunden ansieht. Sie wiegt sich im „Hervortreten einer neuen Flachheit und Seichtheit, einer neuen Oberflächlichkeit im wortwörtlichen Sinne, die das vielleicht auffälligste formale Charakteristikum aller Spielarten der Postmoderne ist.“ (Frederic Jameson: Postmoderne, 1986, S. 54). / Frank Milautzcki, Fixpoetry

Lichtuniversität

Liebhabern der Provokation wird der dritte Lyrikband des Tom Schulz gefallen – vorausgesetzt, sie lassen sich auf ein Studium an der „Lichtuniversität“ des Autors ein. Keine „Hochschule für Avatare“, wie der Titel eines Gedichts nahelegen könnte, eher eine Schule des Sehens. „Zu viel was ich gesehen hatte“, heißt es eingangs über das Sehen, Hören und Sprechen auf Reisen in Prag, Paris, Breslau.

(…)

Das gesamte letzte Kapitel ist eine Hommage an gegenwärtige Verwandte im Geiste: Jan Wagner, Eberhard Häfner, Ron Winkler, Björn Kuhligk und Mirko Bonné. Allesamt sind sie Garanten für den gegenwärtigen literarischen Paradigmenwechsel. / Dorothea von Törne, Die Welt

Tom Schulz: Lichtveränderung. Berlin Verlag. 96 S., 15,90 €.

Ingolds Einzeiler

Die Au am Ende des Glaubens mottet ein Jahrhundert weiter und … aber nur bis gestern.

Jeden Donnerstag punkt 11 Uhr veröffentlicht L&Poe ein ungedrucktes Monostichon des Schweizer Dichters Felix Philipp Ingold. Mehr

Lavants Minenfelder

Im ersten Gedichtband, «Die unvollendete Liebe» (1949), wird noch «Tröstung» gesucht; da hört das lyrische Ich sich «unentwegt Gebetlein sagen», und «Mutlos singt das ungeschützte / Klageantlitz zu den Sternen». Rilke und Hölderlin sind da, und das Vokabular kommt oft aus der Kirchensprache, dem einzigen Hochdeutsch, das im Dorf zu hören war. Meist noch in «Demut» soll «Gottes Ohr» erreicht werden. Als dann die irdische Liebe zu Werner Berg ausbricht, «zum dreifachen Laut deines Namens», da explodiert auch die Sprache, ihr Sinn, ihre Form. Das weibliche Ich bettelt nun hochmütig um Glück und randaliert vor Gott und der Welt: «Horch! das ist die leere Bettlerschale, / halb aus Lehm noch, aber halb schon Stein, / und sie trommelt dir bei jedem Mahle / Hungerlieder zwischen Brot und Wein.» So beginnt das Titelgedicht von «Die Bettlerschale» (1956), in der die lyrischen Bilder meist noch bestürzend konkret sind: «Mein Schälchen freilich war ein Sieb», vermerkt die zornige Bettlerin.

Wie Sprengkörper detonieren die Anfangsverse in den titellosen Gedichten, mal in grell ironischer Hohnrede («Wie pünktlich die Verzweiflung ist»), mal in poetisch dunklem Raunen («Steig in den zornigen Brunnen hinab»). Glaube, Liebe und Hoffnungslosigkeit, Katholizismus, Armut und Aberglaube sind Lavants Minenfelder. / Franz Haas, NZZ

Rückert-Preis

Der Coburger Rückert-Preis wandert durch die Regionen des Vorderen Orients, aus deren Sprachen der in Coburg ansässige Dichter und Orientalist Friedrich Rückert (1788-1866) übersetzte. Nachdem die ersten drei Preisrunden für arabische bzw. persische Literatur vergeben wurden, ist der Coburger Rückert-Preis 2016 der türkischen Literatur in deutscher Übersetzung gewidmet. Der Preis wird am 31.01.2016, dem 150. Todestag Friedrich Rückerts, in Coburg festlich verliehen.

Auf der Shortlist zum Coburger Rückert-Preises 2016 stehen die neu entdeckte Lyrikerin Yeşim Ağaoğlu, die auch bildende Künstlerin ist, die Romanautorin Oya Baydar, die lange in Frankfurt gelebt hat und die politische Lage in ihrer Heimat in ihren Romanen engagiert und kritisch betrachtet, die Physikerin Aslı Erdoğan, die ihre Identität in der Fremde, in den Favelas Brasiliens, erkundet, die Schriftstellerin Sema Kaygusuz, die die Mythologie der Ägäis ebenso verarbeitet wie die Vertreibung und Vernichtung der Armenier im 1. Weltkrieg sowie der urwüchsige Erzähler Ali Hasan Toptaş, ein humorvoller Chronist des anatolischen Dorfs.

Diese Auswahl zeigt, dass die Literatur der Türkei – weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit – in Thematik und Sprachkunst auf Weltniveau mitspielt. Auffällig ist der hohe Anteil an hochintelligenten Romanen und Gedichten von Frauen. Eine Generation von bedeutenden Schriftstellerinnen hat die vermeintlich männliche Domäne des literarischen Schaffens erobert, heißt es in einer den Deutsch Türkischen Nachrichten vorliegenden Mitteilung.

Die Jury setzt sich zusammen aus Prof. Dr. Erika Glassen, Türkei-Expertin und Herausgeberin der 20bändigen „Türkischen Bibliothek“, Dr. h.c. Michael Krüger, Präsident der Bayerischen Akademie der Künste und früherer Verleger des Hanser-Verlags, und der Orientalistin und Übersetzerin Dr. Claudia Ott. / Mehr bei Deutsch-Türkische Nachrichten

Spycher: Literaturpreis Leuk für Katharina Schultens

Der Spycher: Literaturpreis Leuk 2015 geht an Katharina Schultens.

Aus der Jury-Begründung: „Katharina Schultens gelingt es mit federleichter Selbstverständlichkeit, das naturwissenschaftlich-technische Hintergrundrauschen unserer Gesellschaft ebenso wie die mythologisierenden Begrifflichkeiten der globalen Finanzwelt zum Material ihrer oft hymnischen Gedichte zu machen. Buch für Buch hat sich die 1980 geborene Schriftstellerin dabei in beeindruckender Konsequenz von ihrem 2004 veröffentlichten Debüt ‚Aufbrüche‘ über ‚gierstabil‘ (2011) bis zu ‚gorgos portfolio‘, das im letzten Jahr erschienen ist, eine ganz eigene, ebenso kühl-analytische wie spielerisch-lockende Sprache erschrieben. Katharina Schultens beantwortet mit einem spezifisch weiblichen Blick auf die Rede- und Sprechformen unserer Gesellschaft die Frage, wie zeitgenössische Lyrik auf gesellschaftlich-ökonomische Verhältnisse reagieren kann.“

Die Preisverleihung findet am 27. September um 11 Uhr im Rahmen einer festlichen Matinee auf Schloss Leuk statt. Die Laudatio auf die Preisträgerin hält ihre Verlegerin Daniela Seel.

Die Mitte und kein Ende

Bertram Reinecke schrieb einen Kommentar zu Nora Bossongs Artikel über die „Mitte“ und die Lyrik (Dichter, traut euch ins Zentrum). Aber mehreren Zeitungen war er wohl zu randständig, sie lehnten ab oder wollten einen anderen Text. Liest man Bertram Reineckes kurzen ersten Satz: „Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht.„, versteht man warum sie ihn nicht nehmen. Stand nicht in fast jeder Zeitung, mit der Auszeichnung für einen Gedichtband statt eines Romans stünde endlich wieder die Lyrik im Rampenlicht etc. pp., sah man sie nicht fast schon abheben? Wer so frech anfängt, kann nicht verlangen, daß man ihm auch noch zuhört. –  Jetzt erschien er in erweiterter Form da, wo heute eben die Debatten geführt werden, im Netz. Lyrikzeitung dokumentiert Anfang und Schluß – wer Essays von Bertram Reinecke gelesen hat, weiß schon, daß man auch die Fußnoten mitlesen muß, die verweisenden Zahlen bleiben hier stehen, Fußnotenverweis ohne Fußnotentext.  Wir verweisen auf das Original beim Magazin Signaturen.

Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht. Zwar wurde über Wagner geschrieben, aber das Thema Lyrik wurde oft schnell durch die abgedroschene Story vom Erfolg und seinen Neidern ersetzt. Wenn sich mit Nora Bossong auch eine Lyrikerin, die es besser wissen sollte, an diesem Spiel beteiligt, gibt das zu denken.
Oberflächlich betrachtet, macht ihr Text bescheidene Vorschläge, in Wahrheit sät sie Misstrauen gegen jedes andere Kriterium als das des Erfolgs. Sie unterhöhlt damit die Glaubwürdigkeit jener, denen es bei der Lyrik stattdessen um Inhalte geht.

Sie behauptet etwa, der Erfolg Wagners habe die Solidarisierung der Lyriker untereinander als der per se Erfolglosen durchbrochen. So mag sich mancher Lyriker-Kreise vorstellen. Wer nur einmal ein mittelgroßes Poesiefestival besucht, wird eines Besseren belehrt. Nicht nur wird er sofort erleben, dass Lyriker nach wie vor oft solidarisch miteinander umgehen, sondern ebenfalls, dass die Lyrik keine verschworene Gemeinschaft auf ein gemeinsames Ziel hin ist. Hartnäckig, wenn auch freundlich wird dort um Positionen gerungen. Kurz: Eben weil es in der Lyrik um Kriterien geht, um Normen und Menschen, die gegenseitige Positionen kritisch ernst nehmen, steht die reine Verkäuflichkeit hier hintan und solche Festivals sind keineswegs die Rückzugsoase mit Wohlfühlfaktor für bedrohte Tierarten, zu der Nora Bossong sie stilisiert. Die Solidarität, die sie wie einen Klüngel beschreibt, kommt nicht von der Abwesenheit des Erfolgs sondern aus der zusätzlichen Anwesenheit von etwas anderem: dem Ringen um gute Literatur. Eher ist es anders herum: Nora Bossong geht mit einem Publikum, das die Heterogenität der Gegenwartslyrik als zu schwierig ignoriert, eine Wohlfühlallianz ein, indem sie ihm zuruft: „Ihr braucht Euch darum nicht zu kümmern, lest lieber etwas Wagner, da habt ihr alles“. Nur solch einem Publikum kann man ja weismachen, dass es irgendetwas für die Lyrik als Ganzes heißt, wenn einer einen Preis bekommt. Für wie schläfrig hält Nora Bossong denn die Lyrikszene? Hätte dieses Zerbrechen des Konsenses der Erfolglosen nicht spätestens seit Günter Grass‘ „Eintagsfliegen“ eintreten müssen? Was ist diesmal anders? Dass sich eine Jury, die sich bisher durch die Bevorzugung von Romanen profiliert hat, zur Lyrik „herabbeugt“? Warum sollte jemand gerade diesen Preis, bloß weil er Nora Bossongs Geschmack entgegenkommt, begrüßen wie das Manna vom Himmel? Ist das nicht eher eine der Artenschutzmaßnamen, an denen Nora Bossong auf der Bühne offenbar so leidet? Natürlich sind Literaturbeamte, die sich für Lyrik nur noch dienstlich interessieren und deswegen nur Indifferentes zu ihrem Gegenstand zu sagen wissen, ein Problem. Ich weiß nur nicht, warum Nora Bossong deren Meinung wichtig ist und warum sie darin ein Problem der Lyrik sieht, die ja in anderen Foren gut ohne diese Beamten auskommt. Und gerade auf der Bühne könnte man ja zeigen, dass der Lyriker weniger schützenswert als vielmehr durchaus bissig sein kann. Das muss man sich natürlich auch trauen.
Mit Nora Bossong kann man offenbar über Wagners Lyrik nicht diskutieren, wenn man sich nicht sofort von ihr anhängen lassen will, man führe eine Neiddebatte: „Prompt gibt es denn auch Distanzierungen. Wagners Texte seien so konventionell, dass sie zeitgenössische Dichtung überhaupt nicht widerspiegelten.“  „Prompt“ – als hätten sich die Lyriker das eigens ausgedacht, um ihm zu schaden. Es ist aber so: Wagner gilt vielen schon seit jeher als konventionell, und jeder der es wissen wollte, wusste es. Es hat vor dem Preis bloß kaum einen interessiert. Kurz lässt sie drei LyrikerInnen zu Wort kommen: Sabine Scho nennt ihn restaurativ, Yevgeniy Breyger wirft ihm einen metaphysischen Essentialismus vor, Mara Genschel findet ihn konventionell … Und wischt dann alle Argumente mit der Autorität ausgerechnet Jan Wagners vom Tisch. (Natürlich muss es den bösen Zauberer geben, wenn doch der gestiefelte Kater seine Existenz so fest behauptet!) Der meint über seine Kritiker: „Zu glauben, dass eine auf den ersten Blick zugänglichere Oberflächenstruktur bedeutet, es sei keinerlei Abgründigkeit vorhanden, ist ein Missverständnis.“ Nicht nur bleibt Bossong einen Beweis für seine Behauptung schuldig, das Zitat redet gar nicht zur Sache. Denn auch einem Nietzsche wird man Abgründigkeit zubilligen. Jemand, der sich dieser Schreibweise bediente, schriebe heute dennoch recht konservativ. Das Beispiel stellt bereits eines klar. Natürlich kann auch ein Dichter der wie Wagner mit konventionell verständlichen Mitteln arbeitet, ein guter Dichter sein.² Erst Nora Bossong unterstellt, dass alle, die Wagner konventionell finden, ihm damit gleichzeitig die Qualität absprechen. Das ist schlicht falsch. Weil sie Lyriker so wenig ernst nimmt, sei hier zum Beweis Medienfrau Wiebke Porombka zitiert, die in ihrer Eloge, ebenfalls in der ZEIT, an den Gedichten „klassische Formen“ bemerkte und betont: „Wagner ist kein Avantgardist“. Für sie ist also Verständlichkeit eher mit dem Althergebrachten im Bunde. Man kann ja sogar Jan Wagner als einen bis zum Abwinken würdigen Preisträger empfinden, sein Werk schätzen, und dennoch ist der Gedanke schwer von der Hand zu weisen, er würde im Moment der Glorie etwas überschätzt. Der Rechtfertigung hingegen bedarf Nora Bossong, die es anders sieht. Sie müsste an Jan Wagners Texten zeigen können, woran es liegt, dass er momentan so viel mehr Gedichtbände verkauft als Lyriker mit verwandtem Ansatz, sagen wir x mal mehr als Norbert Hummelt oder y mal mehr Bücher als Lutz Seiler. Das Ressentiment, welches ihre Rhetorik ausbeutet und perpetuiert, trifft also nicht nur Avantgardisten oder unbekannte Dichter, sondern alle Richtungen.
Um Argumente geht es Nora Bossong freilich nicht, sondern um verhohlenes Bashing derjenigen, die sich dem Angesagten nicht unterwerfen. Dazu stellt sie als nächstes eine schwache Kolumne von Diez in eine Reihe mit den klügeren Rezensenten Wagners. Warum macht sie sich hier plötzlich die Mühe zu argumentieren, zumindest Michael Brauns richtige Beobachtung zu wiederholen, Diez hätte über die Weidenkätzchen die düstere Thematik des von ihm kritisierten Gedichtes vergessen? (Dass Jan Wagner eine Kontrastfigur verwendet, wie man sie schon im evangelischen Gesangbuch findet, weist ihn aber nicht automatisch als besonders unkonventionellen Dichter aus.) Warum hat sie nicht vorher bei den interessanten Stimmen genauer zugehört? Sie tut implizit so, als hätten alle Wagnerkritiker nicht mehr auf der Pfanne als Diez. Der Rückgriff auf Brauns Argument ist deswegen bemerkenswert, weil der Kontext seines Beitrags zu Wagners „Im Brunnen“ eher das Gegenteil des von Bossong Angezielten nachweisen soll. Braun zeigt eher, dass Wagner ein durchaus schwierigerer Dichter ist, als mancher annimmt, indem er darlegt, welche Anspielungen auf antike Bildungsgüter Wagner lesenswert machen.
³  Nora Bossong möchte gar keine Klarheit in diesen Fragen, sondern vor allem ihr missliebige Meinungen an der Dummheit eines Einzelnen haftbar machen. Da ist Nora Bossong nicht die einzige. Auch bei Braun hatte Diezens Gerede schon die Ehre, exemplarisch für die Wagnerkritik einzustehen. Ein Argument, etwa so schlagkräftig wie die Behauptung, Wagner müsse schlecht sein, wenn er eine so schwache Verteidigerin hat wie Bossong. (Immerhin redet Braun ansonsten wirklich über Poesie. Oh, dass man es loben muss!)

Pappkameraden erschlagen ist freilich leichter, als mit klugen Leuten zu streiten. Diese Art der Verunglimpfung ist in deutschen Feuilleton eher schon die Regel als die Ausnahme. Walter Delabar, auch er könnte es als Literaturprofessor besser wissen, mag zwar Wagner ebenfalls nicht, macht aber wiederum gerade dafür gleich die ganze Szene haftbar. Auch sein Argument erinnert an die Täter-Opfer-Umkehr: Man liest so viel über schlechte Lyrik in der Zeitung, also muss die Lyrik schlecht sein und nicht etwa die Berichterstattung. Man stelle sich vor, so würde über Bürger mit Migrationshintergrund geschrieben: „In der Zeitung steht viel über kriminelle Ausländer, Ausländer sind also schlecht.“ Als Lyriker muss man derlei Verunglimpfungen offenbar hinnehmen, ja sie sind so üblich, dass viele sie kaum mehr bemerken und sie als Selbstzweifel internalisieren.

(…)

Nora Bossongs Text pfeift, was die Spatzen seit jeher pfeifen, und tut als wäre es neu. Die Schnapsidee, dass schwierige Lyrik die Verbreitung der Gattung hemme, begleitet ja nicht erst die Jan Wagner-Debatte von Anfang an. (Wenn auch zögerlicher klingt das schon in den ersten Artikeln an, z.B. taz vom 12.3.). Die Forderung bildet schon seit Jahrzehnten ein Ostinato der Zeitungsberichte über Lyrik, Gernhardt war endlich verständlich, die Lyrik-von-Jetzt-Generation war endlich wieder verständlich, die Verständlichkeit der umstrittenen Gedichte von Günter Grass bezweifelt niemand: Man kann es sich sofort in der nächsten Buchhandlung anschauen, wie diese Kur angeschlagen hat. Und ist es nicht im Gegenzug auch schon vorgekommen, dass auch ein Band des schwierigen Stolterfoht, der schwer zugänglichen Mayröcker sich weit öfter verkauft, als es die uralte Enzensbergersche Konstante vorhersagt? (Sie schenkt es sich nicht einmal, diese Zahl für ihre Zwecke um ein gutes Viertel abzurunden.) Spannender wäre die Frage, was denn einen Kleinverleger sonst dazu treiben könnte, immer wieder Bücher zu machen, deren ökonomischer Nutzen so fraglich ist. Der mag ja auch seine Gründe haben.

Nora Bossongs Text ist das alles egal. Die ewig junge hässliche Geschichte vom Neid, die sie nun auch in der ZEIT wiederkäut, erschwert schon jetzt jede Internetdiskussion über Lyriker oder die Urteile von Jurys. Jeder, der Inhalte diskutieren wollte, ist dort schon einmal mit dieser Story an die Wand gespielt worden. Nora Bossong ist dagegen in der schönen neuen marktförmigen Welt angekommen. Die Träne in ihrem Knopfloch erweist sich als Krokodilsträne, ein modisches Accessoire.

 

Was verlangen wir?

„Das lässt mich ratlos zurück“, lese ich immer wieder in Leserkommentaren von online-Zeitungen. Das ist es – denke ich immer wieder: das Gedicht muss mich ratlos zurücklassen. Das ist eine der Eigenschaften eines gelungenen Gedichts, denke ich neben dem vielen anderen, das ich denke. Zum Beispiel auch, was ich tue, wenn ich ratlos bin, und erst ratlos zurückgelassen. Soll denn das Gedicht mir sagen, wo’s langgeht? Was mute ich dem Gedicht damit zu? Was verlange ich denn immer? Immer was verlangen, das kannst du, denke ich. Bloß nicht selber was tun, bloß nicht selber denken, bloß keine eigenen Gedanken haben, immer nur das von andern Gedachte eintüten und etikettieren, als eine eigene Beobachtung ausgeben. Aber gut, wie weit hinunter muss ich denn? Welche Quelle soll’s denn sein, Gnädigste? Wie durch- und abgekaut ist das? Allein das Wort Quelle! Wie weit zurück geht es eigentlich, kann es eigentlich gehen? Das ist doch Irrsinn. Ich tue doch im Jahr 2015 nichts anderes als mich an den Tod zu gewöhnen. Durch den Tod der andern. Jetzt fangen sie an zu sterben, denke ich, um mich herum wird gestorben. Ich war auf einer Beerdigung, es war Frühling, die Knospen schlugen aus. Die Nachricht, dass eine befreundete Künstlerin um Ostern herum plötzlich und unerwartet gestorben sei, kam aus heiterem Himmel. / Aus einem Beitrag von Marcus Roloff, lyrikkritik.de

Afrika im Gedicht

Gedichte? Und dann auch noch aus Afrika? Wen soll das interessieren, nein danke, lautete der Tenor bei den Verlegern, denen der Schweizer Afrikanist und Theologe Al Imfeld sein Projekt vorlegte: eine grosse Anthologie, die – rund ein halbes Jahrhundert nach Janheinz Jahns «Schwarzer Orpheus» von 1954 – den Kontinent anhand seiner Lyrik neu vermessen sollte. Imfeld, ein Geist, der Konventionelles stets verneint, wäre nicht er selbst, hätte er sich mit diesem Bescheid abspeisen lassen. Nun liegt, 15 Jahre später als einst geplant, «Afrika im Gedicht» vor: gut anderthalb Kilo kompakte lyrische Materie, mit der sich unbelehrbaren Köpfen gründlich eins überziehen liesse.

(…) Um eine durch europäische Sicht und Wertmassstäbe gefilterte Selektion möglichst zu vermeiden, bat Imfeld ihm bekannte afrikanische Dichterinnen und Dichter um Beiträge – und darum, die Kunde von dem Grossprojekt unter Berufskollegen weiter zu streuen. So wurde ein beträchtlicher Anteil der abgedruckten Texte von den Verfassern selbst als repräsentativ oder wichtig ausgewählt; allein dort, wo eine Kontaktnahme mit dem Autor nicht möglich war, entschied der Herausgeber, welche Texte in den Band aufgenommen werden sollten.

570 Gedichte kamen so zusammen, in einem Prozess, der sich nicht von vornherein steuern liess. Um die erratische Materialfülle zu bändigen, wurde der Band in zwei Teile und 63 Unterkapitel gegliedert, die mehrheitlich zwischen 5 und 15 Gedichte enthalten. Nachdem zum Auftakt Klassiker des frankofonen und anglofonen Raums von Senghor bis Soyinka vorgestellt worden sind, ist der erste Teil der Sammlung mehrheitlich geografisch organisiert; Ländern mit besonders gewichtiger Dichtungstradition – etwa Nigeria und Südafrika – werden dabei mehrere Sektionen zugeteilt, während bei weniger prominenten Kulturräumen gleich mehrere Länder in einer Sektion zusammengefasst sind. Eingestreut finden sich Kapitel, die etwa Zentren des Freiheitskampfs «von Soweto bis Tahrir» in den Fokus stellen oder Dichtern gewidmet sind, die Opfer staatlicher Repression wurden.

(…) Es ist ein Buch, über dem Bibliophile ins Schwärmen geraten können: Leineneinband und schöner Druck auf gediegenem Papier sind selbstverständlich; dazu kommen Extras wie die Kunstwerke des ivoirischen Dichters und Künstlers Frédéric Bruly Bouabré, die den Einführungstexten beigegeben wurden, die braun und blau abgesetzten Margen, auf denen verdienstvollerweise auch die Originaltexte zu lesen sind, und farblich passende seidene Lesebändchen. / Angela Schader, NZZ

Al Imfeld (Hg.): Afrika im Gedicht. Verlag Offizin, Zürich 2015. 815 S., Fr. 72.–.

Christine-Lavant-Platz

Seit Samstag hat die kleine Ortschaft St. Stefan im Lavanttal einen „Christine-Lavant-Platz“. Die 100. Wiederkehr der Geburt von Christine Thonhauser, die als Christine Lavant bekannt wurde, sei „ein großer Tag für Wolfsberg, ein großer Tag für Kärnten, ein großer Tag für die Literatur“, sagte Bürgermeister Hans-Peter Schlagholz (SPÖ) bei dem Festakt im Haus der Musik in St. Stefan.

Schlagholz gestand jedoch: „Ich kannte diese Frau gar nicht.“ Im Literaturunterricht seiner Schulzeit sei ihr Name „in all‘ den Jahren“ kein einziges Mal gefallen. (…) Bischof Alois Schwarz nahm die Platzsegnung mit dem ersten Band der Lavant-Gesamtausgabe statt der Bibel in der Hand vor, las Gedichte, nannte Lavant „eine Frau mit einer inneren Intuition, den Pisa-Test hätte sie nie bestanden“, und verneigte sich vor der 1973 gestorbenen Dichterin. „Die große Lyrikerin hilft mir als Bischof sehr, dieses Land und seine Menschen zu verstehen.“ / Kleine Zeitung

Poetopie

an heißen Tagen köcheln im Radio leise die Nachrichten

Hansjürgen Bulkowski

Hausacher LeseLenz

Unter dem Motto „mehrseitig / meersaitig“ sind vom 8. bis zum 17. Juli Autorinnen, Autoren und Musiker aus Europa und der ganzen Welt angekündigt. Teils sind die illustren Gäste, die ihr Kommen zugesagt haben, griechischer, irakischer, iranischer, marokkanischer, nigerianischer und syrischer Herkunft. Die seit fast zwanzig Jahren in Hausach und im Mittleren Kinzigtal stattfindenden Literaturtage genießen über die Landesgrenzen hinaus Renommee. Zum Auftakt wird der Schriftsteller José F. A. Oliver, Initiator und passionierter Kurator dieses funkelnden Literaturfestivals, die drei diesjährigen Stadtschreiber begrüßen. Die folgende Eröffnungsveranstaltung mit dem arabischen Dichter Adonis darf als Highlight gelten; es gibt weitere Höhepunkte, darunter die Gesprächsrunde „Vom poetischen W:ort“. Kulturjoker-Mitarbeiterin Cornelia Frenkel hat José F. A. Oliver zu den Veranstaltungen befragt.

Zitat:

Wir haben drei Stadtschreiber, den Lyriker Tom Schulz aus Deutschland, den Erzähler Constantin Göttfert aus Österreich und den Romancier Franco Supino aus der Schweiz. Sie werden in Hausach schreiben und eigene Projekte entwickeln. Franco Supino hat gleichzeitig auch die Poetik-Dozentur des Hausacher LeseLenzes für Kinder- und Jugendbuch an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe inne. Ein Projekt, das ins zweite Jahr geht.

(…)

Mehrkulturelle Autoren sind nicht allein Brückenbauer zwischen den Kulturen. Das wäre zu wenig und zu „statisch“! Ihre Literaturen sind eine Art Fähren; diese bieten den Menschen, die sich auf sie einlassen, die Möglichkeit, sich selbst im Anderen, im Fremden zu begegnen. Das bringt Welt in die deutsche Sprache.

18. Hausacher LeseLenz. Vom 8. – 17. Juli 2015 an verschiedenen Orten: www.leselenz.com

Poetry is not a museum

The newly-elected professor of poetry at Oxford University will use rap and hip hop to explore the definition of modern poetry so the literary form is not thought of „as a museum“.

Simon Armitage, who won the prestigious position last month, has said he also wants to use his new role to expand what people understand to be poetry and challenge “ideas of ownership”. (…)

He said: “I do want to broaden the things that we investigate. We are a hypochondriac lot, we are always thinking that our form is in peril on or the point of expiring and yet you look … at what’s happening in the world of rap – which I am not saying this is necessarily poetry per se – but it is certainly dealing in poetry technique.These are the forthcoming generations and for me that’s about connecting with the present and not thinking of poetry as a museum.

“We might need to consider what constitutes poetry, and rap might be one of the answers. If it comes up I’ll probably talk about Kate Tempest – though she might be hip hop.”

The 52-year old Huddersfield poet won the spot at Oxford with some controversy. Mr Armitage beat his closes rival – the Nobel Prize for literature, Wole Soyinka – after amassing the highest number of nominations. / Javier Espinoza, The Daily Telegraph