Gedichte über Polen

Adam Zagajewski

(* 21. Juni 1945 in Lemberg, Ukrainische SSR; † 21. März 2021 in Krakau)

Gedichte über Polen

Ich lese Gedichte über Polen, geschrieben
von fremden Dichtern, Deutsche und Russen
haben nicht nur Gewehre, auch
Tinte, Federn, auch etwas Herz und viel
Phantasie. Das Polen in ihren Gedichten
erinnert an ein verwegenes Einhorn,
das von der Wolle der Gobelins sich nährt, das
schön ist, schwach und unvernünftig. Ich weiß nicht,
worin der Mechanismus der Täuschung besteht,
aber auch mich, den nüchternen Leser,
betört dieses märchenhafte, wehrlose Land,
von dem sich die schwarzen Adler, die hungrigen
Kaiser, das Dritte Reich und das Dritte Rom nähren.

Deutsch von Karl Dedecius, aus: »Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts«. Herausgegeben von Karl Dedecius/Deutsches Polen-Institut. 5 Abteilungen in sieben Bänden. Zürich: Ammann Verlag 1996ff. Abteilung »Poesie«. Hrsg. und übertragen von Karl Dedecius. Zürich: Ammann 1996. (c) Hanser Verlag München

Künstlers Abendlied

Johann Wolfgang Goethe

(* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar)

Lied des phisiognomischen Zeichners

O daß die innre Schöpfungskraft
Durch meinen Sinn erschölle
Daß eine Bildung voller Saft
Aus meinen Fingern quölle.
Ich zittre nur ich stottre nur
Ich kann es doch nicht lassen
Ich fühl ich kenne dich Natur,
Und so muß ich dich fassen.

Wenn ich bedenk wie manches Jahr
Sich schon mein Sinn erschließet,
Wie er wo dürre Heide war,
Nun Freudenquell genießet
Da ahnd ich ganz Natur nach dir
Dich frei und lieb zu fühlen
Ein lustger Springbrunn wirst du mir
Aus tausend Röhren spielen
Wirst alle deine Kräfte mir
In meinem Sinn erheitern
Und dieses enge Dasein hier
Zur Ewigkeit erweitern.

Erste Fassung ohne Titel, aber mit zwei zusätzlichen Strophen am 5.12.1774 in einem Brief an Merck, mit dem hier verwendeten Titel kurze Zeit später an Lavater gesandt und so 1775 in den Physiognomischen Fragmenten gedruckt. 1789 in bearbeiteter Form unter dem Titel Künstlers Abendlied in Schriften veröffentlicht.

Was sage ich ihm

Nizar Qabbani

(* 21. März 1923 in Damaskus; † 30. April 1998 in London; arabisch نزار قباني)

Was sage ich ihm?

Was sage ich ihm wenn er zu mir kommt
und fragt, ob ich ihn hasse oder liebe?
Was sage ich, wenn seine Finger die Nacht
aus meinen Haaren streichen und sie hüten?
Wie gestatte ich’s ihm, seinen Stuhl heranzurücken
und daß seine Hände auf meinen Hüften ruhen?
Morgen, wenn er kommt, geb’ ich ihm seine Briefe
zurück und wir füttern das Feuer mit dem Schönsten das wir uns schrieben.
Oh meine Geliebte! Bin ich wirklich seine Geliebte?
Kann ich nach der Trennung seinen Absichten trauen?
Ist meine Affäre mit ihm nicht schon vor Jahren geendet?
Ist die Erinn’rung an ihn nicht wie Sonnenstrahlen erstorben?
Haben wir nicht schon vor langer Zeit die Gläser der Liebe zerbrochen?
Wie könnten wir um Gläser weinen, die wir zerschlagen haben?
Oh Gott, mich martern seine kleinen übriggebliebenen Spuren
wie kann ich mich retten, oh Gott, vor diesen Dingen?
Hier seine Zeitung, in einer Ecke liegengelassen
dort ein Buch, das wir gemeinsam gelesen haben
Auf den Sesseln verstreut die Asche seiner Zigaretten
und in den Winkeln Spuren seiner Überbleibsel
Was starre ich in den Spiegel, ihn fragend
nach dem Kleid, in dem ich ihm begegnet bin.
Soll ich behaupten, daß ich ihn hasse? Wie könnte ich
jemanden hassen, der unter meinen Lidern wohnt?
Und wie könnte ich vor ihm fliehen? Er ist mein Schicksal
hat denn der Fluß die Macht, sein Bett zu verlassen?
Ich liebe ihn! Ich weiß nicht, was ich an ihm liebe
selbst seine Makel sind nicht länger Makel
Die Liebe hienieden ist Teil unsrer Vorstellungskraft
hätten wir sie nicht vorgefunden, so hätten wir sie erfunden.
Was soll ich ihm sagen, wenn er kommt und wissen will
ob ich ihn liebe? Ich, ich liebe ihn tausendfach.

Aus: Khalid al-Maaly (Hrsg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Berlin: Das Arabische Buch, 2000, S. 49ff
(Übersetzer nicht angegeben – außer dem Herausgeber haben Heribert Becker und Suleman Taufiq mitgewirkt).

Vom Übersetzen. Und Machen.

Frühlingsanfang, Geburtstag von Ovid und Hölderlin. Ich entscheide mich für Goethe, „Der Mann von funfzig Jahren“:

Jene Stelle des Ovid fiel ihm wieder ein, und er glaubte jetzt durch eine poetische Umschreibung, so wie damals durch eine prosaische, sich am besten aus der Sache zu ziehen. Sie hieß:
»Nex factas solum vestes spectare juvabat,
Tum quoque dum fierent; tantus decor adfuit arti.«
Zu Deutsch:

»Ich sah’s in meisterlichen Händen
– Wie denk‘ ich gern der schönen Zeit! –
Sich erst entwickeln, dann vollenden
Zu nie gesehner Herrlichkeit.
Zwar ich besitz‘ es gegenwärtig,
Doch soll ich mir nur selbst gestehn:
Ich wollt‘, es wäre noch nicht fertig,
Das Machen war doch gar zu schön!«

Mit diesem Übertragenen war unser Freund nur wenige Zeit zufrieden; er tadelte, daß er das schön flektierte Verbum: dum fierent, in ein traurig abstraktes Substantivum verändert habe, und es verdroß ihn, bei allem Nachdenken die Stelle doch nicht verbessern zu können. Nun ward auf einmal seine Vorliebe zu den alten Sprachen wieder lebendig, und der Glanz des Deutschen Parnasses, auf den er doch auch im stillen hinaufstrebte, schien ihm sich zu verdunkeln.
Endlich aber, da er dieses heitere Kompliment, mit dem Urtexte unverglichen, noch ganz artig fand und glauben durfte, daß ein Frauenzimmer es ganz wohl aufnehmen würde, so entstand eine zweite Bedenklichkeit: daß, da man in Versen nicht galant sein kann, ohne verliebt zu scheinen, er dabei als künftiger Schwiegervater eine wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm zuletzt ein: jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso geschickten als hübschen und zierlichen Weberin. Wurde nun aber diese durch die neidische Minerva in eine Spinne verwandelt, so war es gefährlich, eine schöne Frau, mit einer Spinne, wenn auch nur von ferne, verglichen, im Mittelpunkte eines ausgebreiteten Netzes schweben zu sehen. Konnte man sich doch unter der geistreichen Gesellschaft, welche unsre Dame umgab, einen Gelehrten denken, welcher diese Nachbildung ausgewittert hätte. Wie sich nun der Freund aus einer solchen Verlegenheit gezogen, ist uns selbst unbekannt geblieben, und wir müssen diesen Fall unter diejenigen rechnen, über welche die Musen auch wohl einen Schleier zu werfen sich die Schalkheit erlauben. Genug, das Jagdgedicht selbst ward abgesendet, von welchem wir jedoch einige Worte nachzubringen haben.

Musik

Maksim Rylski

(ukrainisch Максим Тадейович Рильський; * 19. März greg. [7. März jul.] 1895 in Kiew; † 24. Juli 1964 ebenda)

Musik

Zum Gedenken an Innokentij Annenskij

Schwarzer Sturm in schwarzer Welt –
Sie stürzen herbei in der Nacht.
Der Schrei von Sohn und Tochter gellt:
Die Eltern, die Eltern sind umgebracht!

Wartet! Auch ihr bleibt nicht verschont,
Kein Erbarmen für liebliche Kinder:
Ihr werdet gekreuzigt am hohen Ort,
Der Wind bläst über die Felder …

Wer spielt zum Tanz auf für den Tod
Und nickt mit dem Kopf im Takt?
Seine Königskrone funkelt und loht
Mit Juwelen in eisiger Pracht!

Schwarzer Sturm, der Schrecken steigt.
Das heilige Denkmal eine Ruine …
… Und mit barbarischem Bogen geigt
Die Florentiner Nacht, Paganini.

Музика

Пам’яті Інокентія Aнненського

Уночі налетіли вони –
Чорний вихор у чорному світі, –
І заплакали дочки й сини,
Що батьки їх, батьки їх убиті.

Почекайте! і вас не мине,
І ясних немовлят не жаліє:
На високім хресті розіпне,
По широкому полю розвіє.

Хто це грає для смерті танець,
Головою у такт їй киває?
Як її королівський вінець
Самоцвітною кригою сяє!

Чорний вихор, незнаного жах,
Недобиті, розбиті святині…
… Із нелюдським смичком у руках
Флорентійських ночей Паганіні.

Deutsch von Adrian Wanner. Aus: Der Klang von Sonnenklarinetten. Drei Lyriker der ukrainischen Moderne. Gedichte ukrainisch-deutsch. Hrsg. Adrian Wanner. M.e.Vorwort von Juri Andruchowytsch. Zürich: Pano, 2008, S. 70f

Sag es wieder! Laß es geschehn!

Stephan Hermlin

(* 13. April 1915 in Chemnitz; † 6. April 1997 in Berlin)

Ballade nach zwei vergeblichen Sommern

Man friert in den großen Städten
An Pfosten klettert der Reif
Wenn die Kinder in den Schatten sich retten
In den Schatten in der Ratten Gekeif
Wo die seltsamen Stimmen wandern
Die Standarten der Tränen wehn
Begruben wir mit den andern
Zwei Sommer so laßt es geschehn!

Die Krähen hängen im Winde
An den Herzen wächst der Schorf
In Tiefen Blatt und Rinde
Verwittern in Mull und Torf
Doch knistert elektrisch die Stunde
Und die blassen Stimmen gehn
Unterm Schnee sprichts aus manchem Munde:
Sag es wieder! Laß es geschehn!

Die Straßen waren verlassen
Die Schatten vor den Füßen gestaut
Wir standen auf den Terrassen
Des Schreckens von der Tiefe umblaut
Auf den Terrassen verachtet
Von Schlägen gefleckt müßten wir stehn
Vom Brombeergesträuch umnachtet
Ließen die Toten alles geschehn

In den Kaschemmen der Städte
Wo man leiser zur Vesperzeit spricht
Wenn die letzte Zigarette
An der speichelnden Lippe verzischt
Stand man schief zwischen Türen
Und sah wie die Nebel sich drehn
Wie die Blicke der Spitzel spüren
Und die Taten der Nacht geschehn

Laßt sie wieder geschehn in den Gräben
Voll Wegerich und schwarzem Mohn
Wo Schreie gleich feurigen Stäben
An getürmten Kasernen lohn
Und splittern Herzen wie Blüten
In der Brust von Inez oder Madeleine
Die den Morgen der Zukunft behüten
Unvergleichliche! Laßt sie geschehn!

Schräg auf der unentschiednen
Straße lag der Sieg wie ein Stein
Unverrückt vor dem kaum vermiednen
Lächeln der Toten — Wein
Und Olive neigte dem Volke
Bei Huesca sich und Almaden
Wenn der Regen aus der Wolke
Verlangt: Laßt ihn geschehn!

Und die Männer aus Löwengruben
Gesichtslose Flammen Die Hand
Fühlte kalt in den armen Stuben
Das Gewehr hinter der Wand
Die wandelnden Wälder konnten
Bis zum Horizont nur die Leere sehn
Auf den feindlich besonnten
Plätzen beganns zu geschehn

Im blauen Abendstaube
Von Liedern und Tränen naß
Wo der Mond wie eine Taube
Uns links auf der Schulter saß
Partisanenchöre: Gewitter
Die fahl in den Wäldern stehn
Süß schmeckte das Brot und bitter
Erinnerung — Laßt es geschehn!

Grüne Blitze aus Oleander
Haben unsern Mittag entzückt
Wenn des Blutes schwarzer Mäander
Das Pflaster der Städte bestickt
Gekreuzigt von brüllenden Sonnen
Flogen Arme und Münder im Föhn
Der Revolten von Glorie umronnen
Laßt sie laßt sie wieder geschehn

Um die erloschenen Oefen
Brandet der Stille Geräusch
Die toten Tänzer in den Höfen
Hängen im Drahtgesträuch
Blinde Sonnen gespiegelt
In gestirnten Helmen stehn
Wo an der Oder und Elbe beflügelt
Die letzten Gefechte geschehn

Die Magier singen die neuen Lieder
Auf die alte Melodie
Die Nacht ist durchrauscht vom Gefieder
Unserer Agonie
Gaukler und Kartenschläger
Vertauschen auf den Märkten den
Gejagten mit dem Jäger
Und wir lassen es wieder geschehn

In den offenen Augen der Toten
Wächst nicht mehr der neue Tag
Unversehrt suchen schweifende Boten
Die Reste vom früheren Schlag
Doch der Reigen der Möglichkeiten
Hebt nächstens an sich zu drehn
Weil die Zeiten nicht weiterschreiten
Weil die Zeiger im Frost stillstehn.

12/4/1947

Aus: Ulenspiegel. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Satire. 1945-1950. Ausgewählt und herausgegeben von Herbert Sandberg und Günter Kunert. Berlin: Eulenspiegel, 1978, S. 80f

Wenngleich man verliebten Dichtern nicht aufs Wort trauen soll

Michael Gorlin

(Geboren 1909, Verließ Rußland 1919; ab 1922 in Berlin, 1933 zweite Emigration nach Paris, dort 1942 von den Deutschen deportiert)

WENNGLEICH MAN VERLIEBTEN DICHTERN NICHT AUFS WORT TRAUEN SOLL…

Wenngleich man verliebten Dichtern nicht aufs Wort trauen soll,
Ich weiß: es ist wirklich so gewesen.
Bucklig und krumm fielen – schien es – über­einander die Straßen des Ghetto,
Und auf dem Dachboden des fahlen gelben Hauses wohnte ich.
Man hielt mich für einen sehr begabten Kabbalisten.
Rabbi Nachum ben Joschia selbst auf der Reise durch unser Städtchen
Beehrte mich mit einem Gespräch über den Gehei­men Weg.
Ich erinnere mich: er hatte einen braunen, zer­schlissenen Kaftan an.
Und er erzählte, daß er den Raben des Propheten Elias begegnet sei.
Einmal in der engen Stille meines Zimmers (gelb leuchteten die Kerzen)
Tat ich Beschwörungen nach dem Buche Rasiel und sah dich plötzlich vor mir.
Ich wollte dich nicht hervorrufen, ich wußte nicht einmal, wer du warst.
Deine Augen waren wie ein paar Tauben – so steht es im Lied der Lieder –
Und deine Lippen eine Seidenschnur – so steht es ebenfalls dort.
Seitdem sind vielleicht dreihundert Jahre ver­gangen.
An einem Abend des XXten Jahrhunderts begeg­nete ich dir.
Ich wußte nichts weder von dir noch von dem Ghetto.
Ich war ein anfangender Dichter; ich verwechselte Traum und Wirklichkeiten,
Und ich las meine Gedichte nur gezwungen, weil ich fürchtete, daß man mich verlacht.
Es gibt Kommoden: man sucht, drückt nachlässig irgendwo,
Und plötzlich geht ein Fach auf, worin Briefe, Moneten und Staub.
So geschah es auch mir. Einmal waren wir zu­sammen;
Die Tischlampe leuchtete, wie eine Kerze, gelb, altertümlich und sanft.
Auf ging plötzlich von selbst das geheime Fach in den Tiefen,
Und ich sah das fahle Haus im Ghetto und sah, wie du mir erschienen
Und glaubte an dich, wie früher ich nur an Träume geglaubt.

Aus: Michael Gorlin, Märchen und Städte. Gedichte. Teil-Nachdruck der Erstausgabe von 1930. Aus dem Russischen von D. Mirajew. Nachwort Helmut Kreuzer, . S. 14f (Vergessene Autoren der Moderne X, Siegen 1985)

Wider das Sauffen

Georg Neumark

(* 16. März 1621 in Langensalza; † 8. Juli 1681 in Weimar)

Der nächste Jubilar: Georg Neumark, ein Dichter aus der Generation von Sibylla Schwarz, wurde heute vor 400 Jahren geboren. Man kennt von ihm das Kirchenlied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Ich bringe zur Geburtstags-Jubelfeier ein Sonett und zwei Epigramme über das Saufen, das ein Problem war.

Sonnet/
An die unmässigen Weinsäuffer. 

Ihr Helden / die ihr Euch selbst saufft vom Witz und Sinne /
  Die ihr euch spät und früh mit vollem Glas' ergetzt/
  Die ihr anstatt der Kirch euch in ein Weinhaus setzt /
Die ihr an GOttes statt die geile Lustgöttinne
Und euren Bachus ehrt / bedenkt/ was Sauffen könne /
  Hat nicht der Wein den Loht zur Unzucht angehetzt?
  Hat Alexander nicht den Klitus hingemetzt
Jn voller Trunkenheit? O Seelenmörderinne!
O Lasterquell'! es ist mit Thränen zu beklagen /
  Wie mancher Mord / Verraht / wie manche Hurerei/
  Wie mancher Diebstahl auch durch dich verübet sei.
Bedenk dieß Trunkenbold. Dieß muß ich dir noch sagen:
  Der Wein der ist gesund / wenn man ihn recht geneust /
  Ein Gift/ im fall man ihn / wie Wasser / in sich geust.

Aus: G. Neumarks von Mühlhausen aus Thüringen Fortgepflantzter Musikalisch-Poetischer Lustwald / Zweite Abtheilung : Jn welcher so wohl geist- als weltliche weitläuftigere poetische Gedanken, Glükkwünschungen, Lobschriften, Leichreden, Trauer- und Hochzeitsversche neben etlichen Geschichtreden begriffen sind. Jehna : Georg Sengenwald, 1657, S. 297

An einen Vielsäuffer.

Du praalst: Ich sauffe viel / krieg aber keinen Dummel /
  Und söff' ich auch das Bier bei halb-und gantzen ein/
So werd ich doch nicht voll. Hör du / versoffne Hummel/
  Gleich solch' ein' Heldenthat kan auch ein volles Schwein.

Aus: G. Neumarks von Mühlhausen aus Thüringen Fortgepflantztes Musikalisch-Poetisches Lustwaldes Dritte Abtheilung/ In welcher allerhand kurtze Getichte / Überschriften / Sinn-Lehr-Trost-Straf-und Wahlsprüche/ Geist-und Weltlich zu befinden sind. Jehna: Georg Sengenwald, 1657,  S. 21

Gegenverweiß des Teutschen
und Spaniers.

LAß ab / du Teutsche Sau / von deinem großen Sauffen!
Und du / du Spanscher Hund / vom Raub' und Hurenlauffen!

Ebd. S. 39

Auch die Troer also

Es gibt nicht die eine gültige Übersetzung. Sehen wir einmal von individuellen Auffassungen ab (es ist bekannt, dass Shakespeare, Rimbaud & Co. in den deutschen Fassungen von George, Rilke oder Celan immer auch Ähnlichkeiten mit dem Werk ihrer Übersetzer haben). Mindestens müsste jede Generation das ihr wichtige neu übersetzen – aber wie findet man heraus, was wichtig ist, wenn es keine aktuellen Übersetzungen gibt?

Haben wir gute, aktuelle Übersetzungen von Puschkin, Keats, Eminescu, Petöfi, Majakowski?

Ich kann die Frage nicht beantworten. Ich sehe mein Bücherregal durch nach Übersetzungen eines Gedichts von Konstantin Kavafis (vgl. gestern aus einer aktuellen Übersetzung). Kavafis hat wahrscheinlich Glück gehabt bei seinen deutschen Lesern, weil er seit Jahrzehnten immer wieder neu übersetzt wurde. Dieses Gedicht wurde bei deutschen Lesern (oder mindestens bei Brechtforschern) relativ berühmt, weil Bertolt Brecht eine Übersetzung von seinem Verleger bekam und daraus ein eigenes Gedicht bildete, das Teil des Zyklus „Buckower Elegien“ von 1953 wurde. Ich reihe es hier chronologisch mit ein, obwohl es keine Übersetzung ist.

1905

Geschrieben im Juni 1900, gedruckt 30.11.1905

1928

Troer

Mit unserm Trachten geht’s uns wie den Troern:
Wir kommen ein Stück vorwärts, glauben gleich
uns obenauf, und alsobald beginnen
sich Mut und Hoffnungen in uns zu regen.

Doch etwas tritt sofort uns in den Weg:
Im Graben vor uns ein Achill emporwächst,
der uns mit lautem Rufen treibt zurück.

Ja, wie den Troern geht es unserm Trachten:
Wir glauben, daß mit Willenskraft und Kühnheit
wir des Geschickes Schlägen wehren können,
und stehn schon draußen, fertig, kampfgerüstet.

Doch naht die große Stunde der Entscheidung,
dahin alsbald ist Willenskraft und Kühnheit.

Verwirrt wird unsre Seele und erlahmet,
wir jagen sinnlos um den Mauerring
und suchen nur noch Rettung in der Flucht.

Doch unser Fall steht unumstößlich fest:
Dort auf den Mauern hebt schon an die Klage;
beweinend denkt man unsrer großen Tage,
Laut jammern Priamos und Hekuba.

Deutsch von Karl Dieterich, aus: Neugriechische Lyriker. Mit einem Geleitwort von Gerhart Hauptmann. Leipzig: Haessel, 1928, S. 71

1953 (1)

TROER

Unsre Bemühungen, die von Schicksalsduldern,
Unsre Bemühungen sind wie jene der Troer.
Stückchen richten wir grade, Stückchen
Nehmen wir über uns und beginnen,
Mut zu haben und gute Hoffnungen.

Immer doch steigt etwas auf und heisst uns stillstehn.
Aufsteigt in dem Graben uns gegenüber
Er, Achill, und schreckt uns mit grossen Schreien. –

Unsre Bemühungen sind wie jene der Troer.
Kühn gedenken wir, mit Entschluss und Wagmut
Fallenden Schlag des Geschickes zu ändern,
Und wir stellen uns draussen auf zum Kampfe.

Aber sobald die grosse Entscheidung nahkommt,
Geht uns der Wagmut und der Entschluss verloren,
Unsere Seele erbebt, fühlt Lähmung,
Und in vollem Kreis um die Mauern laufen wir,
Durch die Flucht zu entrinnen bestrebt.

Dennoch ist unser Fall gewiss. Dort oben
Auf den Mauern begann schon die Totenklage.
Unsrer Tage Erinnrungen weinen, Gefühle weinen.
Priamos bitter um uns und Hekabe weinen.

Deutsch von Hellmuth von den Steinen, aus: Gedichte des Konstantin Kavafis. Berlin 1953, S. 15

1953 (2)

Bertolt Brecht

Bei der Lektüre eines spätgriechischen Dichters

In den Tagen, als ihr Fall gewiß war
Auf den Mauern begann schon die Totenklage
Richteten die Troer Stückchen grade, Stückchen
In den dreifachen Holztoren, Stückchen.
Und begannen Mut zu haben und gute Hoffnung.

Auch die Troer also…

Aus: Brecht, Große Kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 12, Berlin u. Frankfurt/Main, 1988, S. 312

1997

Trojaner

Unsere Anstrengungen, wir Unglücklichen,
Unsere Anstrengungen sind wie die der Trojaner.
Wir erreichen schon einiges,
Fassen etwas Vertrauen und fangen an,
Mutig und voller Hoffnung zu sein.

Doch stets erscheint ein Hindernis und hält uns auf.
Aus dem Graben erhebt sich vor uns Achilles
Und erschreckt uns mit lautem Geschrei.

Unsere Anstrengungen sind wie die der Trojaner.
Wir glauben, daß mit Entschlossenheit und Kühnheit
Wir den Schlägen des Schicksals entgehen,
Und kampfbereit stehen wir draußen vor den Mauern.

Aber im entscheidenden Augenblick
Verlassen uns Kühnheit und Entschlossenheit,
Und unser Mut wird erschüttert, gelähmt
Wir laufen rings um die Mauer
Und suchen in der Flucht unser Heil.

Unser Untergang ist jedoch sicher. Oben
Auf den Mauern beginnt schon der Klagegesang.
Es jammern die Erinnerungen und Gefühle unserer Vergangenheit.
Bitterlich beweinen uns Priamos und Hekuba.

Aus: Konstantinos Kavafis, Das Gesamtwerk. Griechisch und Deutsch. Aus dem Griechischen übersetzt von Robert Elsie. Zürich: Ammann, 1997, S. 75

2001

TROER

Unsere Mühen sind die von Stürzenden.
Wir mühen uns wie die Troer.
Stückwerk gelingt uns; Bruchmauern
Richten wir über uns auf, fangen an.
Uns selbst zu vertrauen und guter Hoffnung zu sein.

Immer drängt uns etwas vom Weg und bringt uns zum Stehen.
Aus seinem Graben stürmt Achill
Vor und erschreckt uns mit lauter Stimme.

Wir mühen uns wie die Troer.
Glauben, entschlossen und mutig,
Uns der Schläge des Schicksals erwehren zu können.
Wir stellen uns draußen auf und wollen kämpfen.

Doch wenn der große Kampf kommt.
Sind wir verlassen von Wagemut und Entschlossenheit.
Angstgeschüttelt und starr ist unser Herz.
Wir laufen um die Mauern
Und suchen das Heil in der Flucht.

Und trotzdem fallen wir ganz gewiß. Droben auf den Zinnen
Hat schon die Totenklage begonnen,
Weint die Erinnerung unserer Tage, weinen die Gefühle.
Bitter weinen um uns Hekabe und Priamos.

Aus: Konstantinos Kavafis, Gefärbtes Glas. Historische Gedichte. Griechisch und Deutsch. Übersetzung und Nachwort Michael Schroeder. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2001, S. 15

Dezember 1903

Konstantínos Kaváfis,

(Κωνσταντίνος Πέτρου Καβάφης; * 29. April 1863 in Alexandria; † 29. April 1933 ebenda)


Aus: Konstantinos Kavafis, Im Verborgenen. Übersetzung Jorgos Kartakis & Jan Kuhlbrodt, Illustration Anja Nolte, Nachwort Ricardo Domeneck. Berlin: Verlagshaus J. Frank, 2014, S. 47

Deutschland, alte Mutter

Inge Müller

(* 13. März 1925 in Berlin; † 1. Juni 1966 ebenda)

MEINE MUTTER WOLLT MICH NICHT HABEN
Sie wollte einen Sohn
Und da kam ich schon
Und mein Bruder war noch nicht begraben.

Deutschland, alte Mutter
Wollte einen Sohn
Und da kamen Kanon’
Immer wieder Kanonen statt Butter.

Fritz und Krupp und Karl der Starke
Geheiligte Nation
Ja wir wissen schon
Das ist unsre Welt: Weltmarke.

Und die Welt ging in Scherben
Deutschland, eine Scherbe davon
Die Scherbe der Nation’
Favorit beim großen Sterben.

Unsre Denker und Dichter
Mußten immer gehn
Die Mutter blieb am Grabstein stehn
In Nürnberg am Trichter.

Meine Mutter wollt mich nicht haben
Ich wollt die Mutter nicht
Drum hab ich kein Gesicht
Bis sie mich begraben.

Aus: Inge Müller, Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher. Hrsg. Ines Geipel. Berlin: Aufbau, 1996, S. 19

Adelaide

Friedrich von Matthisson

(* 23. Januar 1761 in Hohendodeleben bei Magdeburg; † 12. März 1831 in Wörlitz bei Dessau)

Adelaide.

Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten,
Mild vom lieblichen Zauberlicht umflossen,
Das durch wankende Blüthenzweige zittert,
     Adelaide!

In der spiegelnden Flut, im Schnee der Alpen,
In des sinkenden Tages Goldgewölken,
Im Gefilde der Sterne stralt dein Bildnis,
     Adelaide!

Abendlüftchen im zarten Laube flüstern,
Silberglökchen des Mais im Grase säuseln,
Wellen rauschen und Nachtigallen flöten,
     Adelaide!

Einst, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe,
Eine Blume der Asche meines Herzens;
Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen:
     Adelaide!

Aus: Friedrich Matthissons Gedichte. Hrsg. Johann Heinrich Füssli,  Vermehrte Auflage. Zürich: Orell, Gessner, Füssli & Co., 1792, S. 19 (Das Buch als Digitalisat in der Digitalen Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern)

Goethes Faust

Georg Maurer (* 11. März 1907 in Reghin (Sächsisch Regen), Siebenbürgen, Königreich Ungarn; † 4. August 1971 in Potsdam)

Aus: LAUFEN

Komplizierter als Goethes „Faust“,
sag ich frech, ist jedermanns Bein
(ach, was kann ich von Beinen sagen,
als daß sie laufen und uns tragen)
und komplizierter noch Goethes Faust,
als sie aufs Pult niederschlug
in die Finsternis:
„Um Mitternacht wohl fang ich an,
spring aus dem Bette wie ein Toller;
nie war mein Busen seelenvoller,
zu singen den gereisten Mann …
Und ich, mir fehlt zur Nacht der Kiel,
ergreif wohl einen Besenstiel…“

(…)

Aus: Georg Maurer: Bäume im Rosental. Gedichte. Hrsg. Heinz Czechowski. Leipzig: Reclam, 1987, S. 107

Der große Regenmacher EA

Jürgen Rennert

(* 12. März 1943 in Berlin-Neukölln)

Der große Regenmacher

Für Erich Arendt

Der große Regenmacher aber macht es
Mit Steinen, die er dreht und wendet, bis
Sie nichts sind als Metaphern, Niederschlag,
Traumhaftes Regnen in
Vulkanisch eruptiver Landschaft.

Des Regenmachers Zuflucht: Felsenbuchten,
Darin sich die Geschichte ihm
Als Muschelrauschen offenbart.
Steinlippiges Orakel, die behende
Meerzunge zischelt welchen Spruch?

Allein der große Regenmacher weiß es
Von Bildern, die er dreht und wendet, bis
Sie nichts mehr sind als Steine, Tropfen,
Gischtspritzer der befreiten Brandung
Cala Monjoys, der Bucht am Herzen.

Aus: Jürgen Rennert, Märkische Depeschen. Gedichte. Berlin: Union, 1976, S. 28

Alles wird gedenken

Rajzel Żychliński

(רייזל זשיכלינסקא . Geboren 27. Juli 1910 in Gąbin; † 13. Juni 2001 in Concord, Kalifornien)

alz wet gedenken

alz wet gedenken
as ich bin do gewen.
di schifn weln hobn dem kolir
fun majne klejder,
di fejgl weln rufn mit majn kol,
der fischerman ojfn schtejn
wet trachtn majn lid,
der tajch
wet nochgejn majne trit.

ALLES WIRD SICH ERINNERN

Alles wird sich erinnern,
dass ich da war.
Die Schiffe werden die Farben
meiner Kleider tragen,
die Vögel werden rufen mit meiner Stimme,
der Angler auf dem Stein
wird mein Gedicht bedenken,
der Fluss
wird meinen Tritten folgen.

Deutsch von Hubert Witt. Aus: Rajzel Zychlinski, di lider. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2003, S. 832f