Der Ritter Rokoko

Albert Ehrenstein (* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; † 8. April 1950 in New York)

Der Ritter Rokoko

Der Ritter Rokoko
ritt auf seinem Pferde
weit weg von seiner Burg,
der schönen, die da hieß »Reim auf erde«,
weit weg von seinem Weib,
der Schönen, die da hieß »Reim auf urg«.
Als Ritter Rokoko von seinen Buhurten
kam, da winkte nicht sein Weib
vom Söller mit dem weißen
Seidentuche, der alte Reim auf urten,
so hieß der graue Knappe,
kam nicht entgegen, wie geheißen,
bis zur dürren Föhre. Rappe,
das Roß, zog scheu den Weg
zur Burg, der tauben, todesstillen.
Der Ritter dann sprang ab
und eilte, rufend seiner Fraue
Namen, seiner Säle Geheg
durch, durch Todesstillen.
Und an der kahlen Mauer ab
eine Spinne sich Verhaue
machte, ganz dem Ort gemäß,
und das allein der Ritter sah.
Und wieder eilte hin und her
der Ritter Rokoko,
schon nicht mehr klagend, seinem Sinn gemäß,
doch Tränenspuren viel man sah,
wo sein rüstungswunder Fuß
sorgend eilte hin und her.
Doch endlich, als zum erstenmal
ins Schlafgemach des Ritters Fuß
trat, lag so bleich und kalt und kühl
wie Marmorstein die Frau im Pfühl.
Und bald lag bleich und kalt und kühl,
so sanft umschlungen mit der Frau
der Ritter Rokoko.

Aus: Albert Ehrenstein, Werke. Hrsg. Hanni Mittelmann. Band 4/1. Gedichte. Erster Teilband. Boer, 1997, S. 14. Erstveröffentlichung in Der Sturm 3 (1912/13), 142-143, S. 248. Das Gedicht entstand 1902. Es erschien 1914 in dem Band Die weisse Zeit. Textfassung nach diesem Band. Einzige Abweichung in der Sturm-Fassung: Vers 15 lautet „zur Burg, der bleichen, todesstillen.“

Die hohnvolle Stadt

Filippo Tommaso Marinetti

(* 22. Dezember 1876 in Alexandria, Ägypten; † 2. Dezember 1944 in Bellagio, Italien)

DER ABEND UND DIE STADT
(Aus »La Vie Charnelle«)

Die Stadt stand gemauert in Stolzes Wonne und Sonne …

Die hohnvolle Stadt für den Schauder der Nacht,
der aus der Ferne stieg zum Kampf mit der Helle,
sträubte plötzlich mit der Hand, brunstentfacht
der Türme erklingend Bündel gen Himmel,
und die Türme, gezückt wie schwarze Speere,
zerrissen des Abends Fleisch, das schlaffe und hehre.

Und der Abend ward wund; und seine Goldstimme schwieg …
Und sein schlotterndes Fleisch, überwältigt von Weh,
sank über die Stadt, bei der Holztauben sanftem Lied.

Und den biedren Türmen kamen blaue Tränen.
Weinen um ihrer Spitzen übereilter Missetat.
Und die Stadt, von Stolz berauscht und von Hohn,
ganz verängstet, des Abends fernes Geweine zu hören,
lehnte sich auf die Ebene, harrend der Nacht.
Und ihr Antlitz, geschminkt mit Blut und Grauen,
tränkt sich im Fluß, der melancholisch rinnt
und großer Wolken Geschmeide wälzt
und der Speere Reflex, den seine Flut verdünnt.

Sodann hob der verletzte Abend, keuchend unter der Schwere
unendlicher Finsternis, sein traurig Gesicht
stadtwärts und dachte, ob wohl am andern Tag ob der Sünde
die entsetzte Armut ihre Stimme in Raunen verkehre,
wenn ihr Blick sein rotes Blut am erhabnen Gemäuer finde.

Über die Gießbäche geneigt, die sich entfärben,
füllte mit kläglichem Wasser der Abend seinen güldenen Becher
und wusch großmütig weg die Spur der verbrecherischen Tat,
denn der Abend verzieh der grausamen Stadt.

Und zerschunden ging er hin, in der Augen Grunde
höchstes Mitleid … und sein Schritt ward sacht,
auf daß sein Tritt am Himmel nicht Sterne verwunde.

Und mit blauen Tränen starben die Türme in der Runde.

Aus: Die Aktion 1911-1918. Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst. Herausgegeben von Franz Pfemfert. Eine Auswahl von Thomas Rietzschel. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1986, Sp. 230 – Nr. 37, 1913, Sp. 330)

Originalausgabe: Die Aktion 37 / 1913. Sondernummer. ANTHOLOGIE JUENGSTER FRANZOESISCHER LYRIK. Gedichte von Henri Martin Barzun, Nicolas Beauduin, Blaise Cendrars, Jean Clary, Tristan Derème, Léon Deubel, Fernand Divoire, Henri Hertz, Louis Mandin, P. T. Marinetti, Alexandre Mercereau, Florian Parmentier, Lucien Rolmer, Jean Royère, Valentine de Saint-Point, Theo Varlet. Ausgewählt und übersetzt von Hermann Hendrich (Auderghem-Bruxelles) (so auf der Titelseite).

Hirtenlied in Kriegszeiten

Miklós Radnóti

(* 5. Mai 1909 in Budapest; von Deutschen ermordet am 9. November 1944 bei Abda nahe Győr)

Erste Ekloge

Quippe ubi fas verstim atque nefas:
tot bella per orbem,
tam multae scelerum facies; …*)
Vergil

Hirt:

Lange schon sah ich dich nicht; war’s der Amselschall, der dich herlockte?

Dichter:

Gern lausch ich ihm, der Wald ist voll Lärm, es kam schon der Frühlingl

Hirt:

Dies ist kein Lenz noch, der Himmel betrügt, sieh nur diese Lache,
jetzt wohl lächelt sie sanft, doch bindet Nachtfrost ihren Spiegel,
fletscht sie dich an, denn April ist’s, glaub nie diesem Narren –,
schau, ganz erfroren sind dort schon die Tulpen, die kleinen.
Doch warum bist du so traurig? Willst du auf den Stein dich nicht setzen?

Dichter:

Nicht einmal traurig bin ich; ich hab mich an diese verruchte
Welt dermaßen gewöhnt, daß sie mich nicht schmerzt, nur mehr ekelt.

Hirt:

Wirklich, ich höre, daß auf den pyrenäischen Gletschern
zwischen blutstarren Leichnamen glühnde Kanonenrohre
widereinander brüllen und daß Soldaten und Bären
von dort gemeinsam fliehn und daß Frauen, Greise und Kinder
mit geschnürten Bündelchen laufen und bäuchlings hinschlagen,
wenn über ihnen der Tod zu kreisen beginnt, und so viele
Tote liegen schon dort, daß es keinen mehr gibt, der sie wegräumt.
Nicht wahr, du kennst Frederico?**) Sag mir, ist er geflohen?

Dichter:

Nein! Vor zwei Jahren schon hat man ihn in Granada getötet.

Hirt:

García Lorca ist tot! daß mir das noch keiner gesagt hat!
Schnell eilt die Kunde von Kriegen einher, doch wer Dichter ist, schwindet
einfach so weg. Sag, hat denn Europa um ihn nicht getrauert?

Dichter:

Man hat es gar nicht gemerkt. Und es ist noch gut, wenn der Wind einst
sich der Brandstätte entsinnt, wo er kohlende Verse gelesen.
Soviel nur wird von dem Werk den neugierigen Nachfahren bleiben.

Hirt:

Tot. Nicht geflohn. Freilich, wohin könnt der Dichter auch flüchten?
Auch der teure Attila***) floh nicht, kopfschüttelnd nur sprach er
ständig sein Nein zu der Welt. Doch sag, wer beweint den Entschwundenen?
Und wie lebst du? Kann dein Wort heutzutage ein Echo noch finden?

Dichter:

Unter Kanonengebrüll? Zwischen Trümmern und brandschwarzen Dörfern?
Doch ich schreibe und lebe inmitten dieser verrückten
Welt wie die Eiche dort lebt, die weiß, daß man morgen sie fälln wird,
da schon das Kreuz auf ihr leuchtet, das sie dem Holzfäller anzeigt,
wissend erwartet sie ihn und treibt bis dahin dennoch Neulaub.
Du hast es gut, hier ist Ruhe, und selten auch gibt es hier Wölfe,
ja du vergissest sogar, daß das Vieh, das du hütest, nicht dein ist,
kam doch der Herr schon seit Monaten nicht, um nach dir zu sehen.
Aber lebe nun wohl, es wird dunkeln bevor ich zu Haus bin,
Nachtfalter regen sich schon und durchrieseln die Luft rings mit Silber.

1938

*) Hier, wo Recht sich verkehrt in Unrecht, Kriege den Erdkreis / So durchtoben in Meng‘ und der Gräul in so mancher Gestalt… Vergil, Georgica (Landbau) 1, 505ff (Übers. Wilhelm Binder)

**) Der spanische Dichter Federico García Lorca wurde nach dem Putsch Francos 1936 ermordet und am Straßenrand begraben.

***) Der ungarische Dichter Attila József (1905-1937) stürzte sich 1937 vor einen Güterzug.

Deutsch von Franz Fühmann, aus: Miklós Radnóti, Ansichtskarten. Nachdichtung und Nachwort von Franz Fühmann. Berlin: Volk und Welt, 1967, S. 37ff

Első ecloga

Quippe ubi fas versum atque nefas: tot bella per orbem, tam multae scelerum facies;…
Vergilius*

PÁSZTOR

Régen láttalak erre, kicsalt a rigók szava végre?

KÖLTŐ

Hallgatom, úgy teli zajjal az erdő, itt a tavasz már!

PÁSZTOR

Nem tavasz ez még, játszik az ég, nézd csak meg a tócsát,
most lágyan mosolyog, de ha éjszaka fagy köti tükrét
rádvicsorít! mert április ez, sose higgy a bolondnak, –
már elfagytak egészen amott a kicsiny tulipánok.
Mért vagy olyan szomorú? nem akarsz ideülni a kőre?

KÖLTŐ

Még szomorú se vagyok, megszoktam e szörnyü világot
annyira, hogy már néha nem is fáj, – undorodom csak.

PÁSZTOR

Hallom, igaz, hogy a vad Pirenéusok ormain izzó
ágyucsövek feleselnek a vérbefagyott tetemek közt,
s medvék és katonák együtt menekülnek el onnan;
asszonyi had, gyerek és öreg összekötött batyuval fut
s földrehasal, ha fölötte keringeni kezd a halál és
annyi halott hever ott, hogy nincs aki eltakarítsa.
Azt hiszem, ismerted Federícót, elmenekült, mondd?

KÖLTŐ

Nem menekült. Két éve megölték már Granadában.

PÁSZTOR

Garcia Lorca halott! hogy senki se mondta nekem még!
Háboruról oly gyorsan iramlik a hír, s aki költő
így tünik el! hát nem gyászolta meg őt Európa?

KÖLTŐ

Észre se vették. S jó, ha a szél a parázst kotorászva
tört sorokat lel a máglya helyén s megjegyzi magának.
Ennyi marad meg majd a kiváncsi utódnak a műből.

PÁSZTOR

Nem menekült. Meghalt. Igaz is, hova futhat a költő?
Nem menekült el a drága Atilla se, csak nemet intett
folyton e rendre, de mondd, ki siratja, hogy így belepusztult?
Hát te hogy élsz? visszhang jöhet-é szavaidra e korban?

KÖLTŐ

Ágyudörej közt? Üszkösödő romok, árva faluk közt?
Írok azért, s úgy élek e kerge világ közepén, mint
ott az a tölgy él; tudja, kivágják, s rajta fehérlik
bár a kereszt, mely jelzi, hogy arra fog irtani holnap
már a favágó, – várja, de addig is új levelet hajt.
Jó neked, itt nyugalom van, ritka a farkas is erre,
s gyakran el is feleded, hogy a nyáj, amit őrzöl, a másé,
mert hisz a gazda se jött ide hónapok óta utánad.
Áldjon az ég, öreg este szakad rám, míg hazaérek,
alkonyi lepke lebeg már s pergeti szárnya ezüstjét.

1938

„Itt, hol a bűn az erény, harcok dúlják a világot, oly sok alakban lép fel a vétek” (Trencsényi-Waldapfel Imre fordítása, Vergilius – Georgica)

Friederike Mayröcker zum 96. mit herzlichen Grüszen

Friederike Mayröcker

(* 20. Dezember 1924 in Wien)

Die Eisenbahnen

die Eisenbahnen
mit ihren gewissenhaften Rädern,
emsig nähen sie die grüne
(oder graue oder weisze)
Landschaft zusammen
wie eine Nähmaschine
das Tuch

Aus: Friederike Mayröcker, Gesammelte Gedichte 1939-2003. Hrsg. Marcel Neyer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 68.

Das Gedicht entstand „vermutlich 1957/1958“)

Du sei wie du, immer

Noch einmal im Celanjahr 2020:

Paul Celan

DU SEI WIE DU, immer.

Stant vp Jherosalem inde
erheyff dich

Auch wer das Band zerschnitt zu dir hin,

inde wirt
erluchtet

knüpfte es neu, in der Gehugnis

Schlammbrocken schluckt ich, im Turm,

Sprache, Finster-Lisene,

kumi
ori.

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2018/2020, S. 308f

Entstanden am 3.12.1967. Das Gedicht zeigt Spuren der Lektüre Meister Eckharts (Zitate in Kursiv) und des aktuellen Spiegel.

Die ersten beiden kursiven Zitate sind Eckharts Übersetzung einer Bibelstelle, Jes. 60, 1, Steh auf, Jerusalem, und erhebe dich und werde erleuchtet.

Gehugnis: Gedächtnis (bei Eckhart)

Schlammbrocken: Bezieht sich auf eine Nachricht im Spiegel, dass US-amerikanische Streitkräfte eine H-Bombe verloren und aus dem Schlamm geborgen hatten.

Finster-Lisene: Eine nicht identifizierte Lektürenotiz Celans

kumi / ori sind die hebräische Entsprechung „erhebe dich, leuchte“. Celan notierte im März 1969: „Kumi ori: / es verdeutlicht sich im Verschwiegensten“.

Schurm und Stirm

Paul Klee

(* 18. Dezember 1879 in Münchenbuchsee, Kanton Bern; † 29. Juni 1940 in Muralto, Kanton Tessin)

  1. Strophe:
    Rach und Degen
    ein Dach dem Regen
    Schurm und Stirm
    im Sturm ein Schirm
  2. Strophe:
    Rach und Degen
    im Sturm ein Schirm
    ein Dach dem Regen

  3. Strophe:
    Schurm und Stirm
    im Sturm ein Schirm
    Rach und Degen
    ein Dach dem Regen

Neue Möglichkeiten:
Degen und Rach
dem Regen ein Dach
Stirm und Schurm
ein Schirm im Sturm

Schurm und Stirm
Rach und Degen
ein Dach und Regen
im Sturm ein Schirm

Aus: Paul Klee, Gedichte. Zürich, Hamburg: Arche, 2001, S. 15

Der Trieb, der Treiber und die Trift bist du

Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī  (Rumi)

(* 30. September 1207 in Balch, heute in Afghanistan, oder Wachsch bei Qurghonteppa, heute in Tadschikistan; † 17. Dezember 1273 in Konya),

Du bist der Schreiber und die Schrift bist du,
  Tint' und Papier und Schreibestift bist du.
Du bist die Sternenschrift am Himmel dort,
  Im Herzen hier die Liebeschrift bist du.
Das Blatt, das treibt, das ausgetriebne Lamm,
  Der Trieb, der Treiber und die Trift bist du.
Du bist die Ruh', die Unruh bist du auch,
  Das Gift und auch das Gegengift bist du.
Du Ebb' und Flut, Windstill' und Sturm und Meer;
  Schiffbruch und Schiff, und der drin schifft, bist du.
Was kann ich treffen? was kann treffen mich?
  Was trifft der Sinn, und was ihn trifft, bist du.

Friedrich Rückert Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi. #18

––––––––––––––––––––––––––––

Buchstaben sind Behälter; die Bedeutung ist darin wie Wasser;
das Meer der Bedeutung ist bei dem, der die Urschrift hat. a)

a) D. i. die Tafel, auf der alles dem Menschen durch Offenbarung gewordene Wissen verzeichnet ist

Aus: Ğalāl ad-Dīn Rūmī جلال الدين رومی Das Maṯnawī مثنوی معنوی Spirituelle Verse. 1001 Verse – Leseprobe. Aus dem Persischen übertragen von Bernhard Meyer.

Falsche Tür

Wassily Kandinsky

(* 4. Dezember jul./ 16. Dezember greg. in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)

FALSCH HANDELN

Ich saß und wartete auf zwei Frauen und einen Mann. Ich saß auf Ziegelsteinen, die (ich wusste es) für Käfige gebraucht werden. Vor mir war das niedere Gebäude mit vielen Tieren darin und fetten Schlangen, die ihre Zunge zeigten. Ich saß und guckte auf die kleine Tür, über der ein Schild hing: „Ausgang“. Ich saß und wartete auf eine Frau, die grünlichgelb war, auf eine Frau, die blau war, auf einen Mann, der lange graue Beine hatte und viel Blau im Gesicht. Viele Frauen und viele Männer kamen heraus. Es waren aber lauter falsche für mich und richtige für andere. Ich wartete aber auf die, die für mich richtig waren und für andere falsch. Und sie kamen, aber von der falschen Seite. Es kommt immer so, wenn man statt durch die Tür, über der ein Schild „Ausgang“ hängt, durch die Tür geht, über der ein Schild „Eingang“ hängt. So falsch können richtige Menschen handeln … Ich war froh, die Ziegelsteine loszuwerden, aus denen man Käfige baut.

Aus dem Russischen von Alexander Filyuka. In: Wassily Kandinsky, Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlaß. Verlagshaus Berlin, 2016, S. 15

 

Sinnenchemie

Elsa von Freytag-Loringhoven

(* 12. Juli 1874 in Swinemünde / Pommern (heute Polen); † 15. Dezember 1927 in Paris)

Sinnenchemie

Blut schafft Wissen
Wissen schafft
Wissenschaft.
Blut Äther —
Äther Blut.
Fleisch demaskierte
Sphinx.
Mensch
Am
Tor:
ALL NICHTS.

ca. 1923

Aus: Mein Mund ist lüstern. I got lusting palate. Dada-Verse von Elsa von Freytag-Loringhoven. Hrsg. u. übersetzt von Irene Gammel. Berlin: edition ebersbach, 2005, S. 79

Die Beschränkten und Bösen

Paul Éluard

(* 14. Dezember 1895 in Saint-Denis bei Paris; † 18. November 1952 in Charenton-le-Pont bei Paris)

Paul Éluards Gedichte gegen die deutschen Besatzer erschienen während des Krieges unter Pseudonym und gesammelt nach der Befreiung im April 1945 in dem Band „Au rendez-vous allemand“.

Die Beschränkten und Bösen

Von innen kommend
Von außen kommend
Unsere Feinde
Sie kommen von oben
Sie kommen von unten
Von nah und von fern
Von rechts und von links
In grünem Kleid
In grauem Kleid
Der Rock zu kurz
Der Mantel zu lang
Und schief das Kreuz
Groß von Gewehr
Kurz von Messer
Stolz auf ihre Spione
Stark durch ihre Henker
Und schwer von Leid
Bewaffnet bis zum Boden
Bewaffnet bis in den Boden
Steifen Grußes
Und steif vor Furcht
Vor ihren Hütern
Bierdurchtränkt
Monddurchtränkt
Gewichtig singend
Das Lied der Stiefel
Sie vergaßen die Freude
Geliebt zu sein
Sagen ja sie heißt
Aller Antwort nein
Sprechen sie von Gold
Wird alles zu Blei
Aber gegen ihren Schatten
Macht sich alles zu Gold
Alles verjüngt sich
Mögen sie gehen mögen sie sterben
Ihr Tod genügt uns

Wir lieben die Menschen
Sie werden entkommen
Wir wollen dafür sorgen
Im glorreichen Morgen
Einer neuen Welt
Einer rechten Welt

Deutsch von Stephan Hermlin, aus: Paul Éluard, Trauer schönes Antlitz. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1974, S. 79/81

Bêtes et méchants

Venant du dedans
Venant du dehors
C’est nos ennemis
Ils viennent d’en haut
Ils viennent d’en bas
De près et de loin
De droite et de gauche
Habillés de vert
Habillés de gris
La veste trop courte
Le manteau trop long
La croix de travers
Grands de leurs fusils
Courts de leurs couteaux
Fiers de leurs espions
Forts de leurs bourreaux
Et gros de chagrin
Armés jusqu’à terre
Armés jusqu’en terre
Raides de saluts
Et raides de peur
Devant leurs bergers
Imbibés de bière
Imbibés de lune
Chantant gravement
La chanson des bottes
Ils ont oublié
La joie d’être aimé
Quand ils disent oui
Tout leur répond non
Quand ils parlent d’or
Tout se fait de plomb
Mais contre leur ombre
Tout se fera d’or
Tout rajeunira
Qu’ils partent qu’ils meurent
Leur mort nous suffit

Nous aimons les hommes
Ils s’évaderont
Nous en prendrons soin
Au matin de gloire
D’un monde nouveau
D’un monde à l’endroit

Ebd. S. 78/80

Kandinskys Lied

Wassily Kandisnky

(* 4. Dezember 1866 alten = 16. Dezember neuen Stils in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)

LIED

Es sitzt ein Mann
Im engen Kreis,
Im engen Kreis
Der Schmäle.
Er ist vergnügt.
Er hat kein Ohr.
Und fehlen ihm die Augen.
Des roten Schalls
Des Sonnenballs
Er findet keine Spuren.
Was ist gestürzt,
Das steht doch auf.
Und was nicht sprach.
Das singt ein Lied.
Es wird der Mann.
Der hat kein Ohr.
Dem fehlen auch die Augen
Des roten Schalls
Des Sonnenballs
Empfinden feine Spuren.

Aus: Wassily Kandisnky: Klange. digter 1912. Klänge. Gedichte 1912. Kopenhagen: Brøndum, 1989, S. 74

Spät

Elvio Romero

(* 12. Dezember 1926 in Yegros, Paraguay; † 19. Mai 2004 in Buenos Aires)

SPÄT

Jemand erzählt mir etwas
aus meinem Land, erinnert mich an seinen Regen,
seine unbegreifliche Verlassenheit, formt
Worte und Worte, Honig und Sprache, rein,
meines Landes.

Und dennoch, die Stunde ist vorgerückt.

Jemand spricht zu mir
von einem glänzenden Vergehen, vom Vergehen der Sonne,
die ein Mädchen im Sand verbrennt,
im vollsten Licht, und sie selbst ist es, die
mir jetzt zulächelt, das Antlitz der Sonne zugewandt.

Und dennoch, die Stunde ist vorgerückt.

Und dennoch, die Stunde ist vorgerückt für mich.

Deutsch von Fritz Rudolf Fries, aus: Elvío Romero, Poesiealbum 62. Berlin: Neues Leben, 1972, S. 19

OBSKURE GEDICHTE SIND WIEDER DIE SIEGER – 袁源 Yuan Yuan

Geteilt von banianergoutoukeyihe.com

Yuan YuanOBSKURE GEDICHTE SIND WIEDER DIE SIEGER In Xi’an, im alten Chang’an,bei der 29. Buchmesse, in der Qinghai-Halle,unsere Lesung von …

OBSKURE GEDICHTE SIND WIEDER DIE SIEGER – 袁源 Yuan Yuan

„In diesem Lande gelten nur die Dummen“

Max Herrmann-Neiße

(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)

Absage an ein ganzes Land

Ich möchte doch den ersten Lenz begehen,
ich möchte irgendeine Orgie sehen!
O Land, in dem ich nie ein Laster traf:
was hat in deine Kargheit mich verschlagen?
Du ödest mich mit immer gleichen Tagen,
mit Nächten voller Mühsal, Stumpfsinn, Schlaf!

Gleich fremd bin ich in jeder Stadt geblieben
und hockte nur zu Haus und hab geschrieben,
trank einsam mich in wüster Träume Trug.
Hernach war jeder Morgen desto grauer.
Mein Maskenkleid auf Festen war die Trauer,
denn ihrer Feste tat mir keins genug.

Die Sprüche selbst in ihren Pißlokalen,
und was sie trunken an die Wände malen,
sind plumpe Zoten oder »Juden raus!«
Und ihre Weiber protzen mit Finessen,
die sie gehappig mit dem Messer fressen,
und sind gleich unbegabt für Bett wie Haus.

Warum bin ich nicht so wie andre Dichter
gelitten und geliebt bei dem Gelichter
und der Vertraute vieler Liebesfraun?
Geschätzt von Kritikern und Kunstmäzenen,
daß mich zu kennen, sich die Söhne sehnen
und daß die Töchter lüstern nach mir schaun?

In diesem Lande gelten nur die Dummen,
die ohne Widerpart nach Wunsch verstummen
ist alles abgekartet stramm und brav.
Die eigne Fratze mag ich nicht mehr sehen.
Ich möchte einen saftgen Mord begehen –
schon hat mich dieses Landes ewger Schlaf!

    1. 1924

Aus: Max Herrmann-Neiße: Mir bleibt mein Lied. Gedichte 4. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1990 (2. Aufl.), S. 22

Die Jüdin

Gertrud Kolmar

(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)

Die Jüdin

Ich bin fremd.

Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,
Will ich mit Türmen gegürtet sein,*
Die steile, steingraue Mützen tragen
In Wolken hinein.

Ihr findet den erzenen Schlüssel nicht
Der dumpfen Treppe. Sie rollt sich nach oben,
Wie platten, schuppigen Kopf erhoben
Eine Otter ins Licht.

Ach, diese Mauer morscht schon wie Felsen,
Den tausendjähriger Strom bespült;
Die Vögel mit rohen, faltigen Hälsen
Hocken, in Höhlen verwühlt.

In den Gewölben rieselnder Sand,
Kauernde Echsen mit sprenkligen Brüsten –
Ich möcht’ eine Forscherreise rüsten
In mein eigenes uraltes Land.

Ich kann das begrabene Ur der Chaldäer **
Vielleicht entdecken noch irgendwo,
Den Götzen Dagon***, das Zelt der Hebräer,
Die Posaune von Jericho.

Die jene höhnischen Wände zerblies,
Schwärzt sich in Tiefen, verwüstet, verbogen;
Einst hab’ ich dennoch den Atem gesogen,
Der ihre Töne stieß.

Und in Truhen, verschüttet vom Staube,
Liegen die edlen Gewänder tot,
Sterbender Glanz aus dem Flügel der Taube
Und das Stumpfe des Behemoth. †

Ich kleide mich staunend. Wohl bin ich klein,
Fern ihren prunkvoll mächtigen Zeiten,
Doch um mich starren die schimmernden Breiten
Wie Schutz, und ich wachse ein.

Nun seh’ ich mich seltsam und kann mich nicht kennen,
Da ich vor Rom, vor Karthago schon war,
Da jäh in mir die Altäre entbrennen
Der Richterin und ihrer Schar.

Von dem verborgenen Goldgefäß
Läuft durch mein Blut ein schmerzliches Gleißen,
Und ein Lied will mit Namen mich heißen,
Die mir wieder gemäß.

Himmel rufen aus farbigen Zeichen.
Zugeschlossen ist euer Gesicht:
Die mit dem Wüstenfuchs scheu mich umstreichen,
Schauen es nicht.

Riesig zerstürzende Windsäulen wehn,
Grün wie Nephrit, rot wie Korallen,
Über die Türme. Gott läßt sie verfallen
Und noch Jahrtausende stehn.

Aus: Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk [Bd. 2) Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 91f

*) Hoheslied 8, 10: Ich bin eine Mauer, und meine Brüste sind wie Türme. Sprüche 31, 17: Sie gürtet ihre Lenden mit Kraft und regt ihre Arme.
**) In der Bibel wird „Ur in Chaldäa“ als Heimat des Stammvaters Abraham genannt.
***) Gott der Philister mit Tempeln in Aschdod und Gaza
†) Wasserungeheuer in der Bibel

Erstdruck: Blätter der jüdischen Buchvereinigung. 3. Jg. H. 2, Berlin, September 1936, S. 7. – Das Gedicht gehört zum Zyklus Weibliches Bildnis, der 1938 in dem Band Die Frau und das Tier (Berlin, Jüdischer Buchverlag E. Löwe) gedruckt wurde. Das Buch erschien im August, der Verlag wurde nach der Pogromnacht vom 9. November aufgelöst.

Das Gedicht entstand 1933 und war für einen geplanten Gedichtband 1933 bei der Deutschen Verlagsanstalt bestimmt, der dann nicht erschien.