L&Poe ’17-06

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound.  In der heutigen Ausgabe: Kritik der Kritik, Arten der Kritik nach Borges, ferner Drawert und Campbell, Shakespeare, Eva Strittmatter, Clemens Schittko und manches andere. Lesen!

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Die Themen in dieser Ausgabe

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Das neue Gedicht

Katerina Angelaki-Rooke

POETISCHES POSTSCRIPTUM

Die Gedichte können nicht mehr schön sein,
 seit die Wahrheit hässlich geworden ist.
 Die Erfahrung ist jetzt der einzige Körper der Gedichte,
 und je reicher die Erfahrung wird,
 desto mehr nährt und stärkt sich das Gedicht.
 Meine Knie schmerzen
 und ich kann mich der Dichtung nicht mehr
                                    zu Füßen werfen,
 nur meine erfahrenen Wunden kann ich ihr schenken.
 Die Adjektive sind verblüht:
 Ich kann jetzt nur noch mit meinen Phantasien
 die Dichtung ausschmücken.
 Und doch werde ich ihr dienen,
 immer und solange sie mich will,
 denn nur sie kann mich ein wenig
 den verschlossenen Horizont meiner Zukunft
                             vergessen machen.

(2011)

Aus: Katerina Angelaki-Rooke, Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017

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Kritik der Kritik

Vermutlich soll man froh sein, daß Gegenwartslyrik, junge zumal, überhaupt besprochen wird. Vielleicht soll man nicht an den zarten Pflänzchen der Kritik herumzupfen. Ich lobe an Kurt Drawert, daß er sich für junge Autoren einsetzt. Schließlich, selbst eine schlechte Kritik ist besser als gar keine.
Ist das eine schlechte Kritik?  Mehr über Kurt Drawerts zu Recht lobende Kritik zu Gedichten Paul-Henri Campbells.

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Arten von Literaturkritiken nach Borges
  • Schlechte Literaturkritiken
  • Gute Literaturkritiken
  • Literaturkritiken die mit „Ich“ beginnen
  • Selbstanzeigen
  • Getarnte Selbstanzeigen
  • Literaturkritiken in denen ein Autor gelobt wird um den Rest der Szene niederzumachen
  • Literaturkritiken in denen ein Autor niedergemacht wird um den Rest der Szene zu loben
  • Gefälligkeitsgutachten
  • Kurze Literaturkritiken
  • Literaturkritiken im Internet
  • Literaturkritiken in der Qualitätspresse
  • Schlechte Literaturkritiken in der Qualitätspresse
  • Literaturkritiken von mir
  • Nacherzählende Literaturkritiken
  • Ideologische Literaturkritiken
  • Kritiken von Marcel Reich-Ranicki
  • Essays
  • Schlechte Essays
  • Schlechte Literaturkritiken

An der Systematik wird weitergearbeitet

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Mittelfinger

Clemens Schittko streckt der Welt den Mittelfinger entgegen: Im Gedichtband „Ein ganz normales Buch“ klagt er den Kapitalismus als Grundübel der Menschheit an. Seine Texte sind frei von Metaphern. Er poltert lieber mit der Kunst der Übertreibung. / DLR

Clemens Schittko: Ein ganz normales Buch
Freiraum-Verlag, Greifswald 2016
128 Seiten, 14,95 Euro

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Wer kennt Ales Rasanau?

Wer kennt Ales Rasanau? Der bedeutendste zeitgenössische Dichter weissrussischer Sprache lebt zurückgezogen in Minsk, macht von seiner Person kein Aufhebens, schreibt jedoch beharrlich an seinem Œuvre, das mittlerweile rund zwei Dutzend Bände umfasst. Seine jüngste poetische Arbeit stellt einen Dialog mit den Schriften des Buchdruckers Franzisk Skaryna dar, der vor fünfhundert Jahren den Psalter ins Altbelarussische übertrug. / Mehr
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Gestorben
  • 3.2. Dritëro Agolli, albanischer Schriftsteller (85) Mehr (frz.)
  • 5.2. Thomas Lux, poet and professor at Georgia Tech, published 14 collections of poetry, and influenced a generation of writers. † Mehr
  • 7.2. Der französische Philosoph und Essayist Tzvetan Todorov starb in Paris im Alter von 77 Jahren. Er hat sich als Sprachwissenschafter einen Namen gemacht, publizierte aber auch zu gesellschaftspolitischen Themen. Mehr
  • 8.2. Tom Raworth, britischer Dichter und visueller Künstler (78) (Nachricht in Vorbereitung)
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Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #24: MIne eye hath play’d the painter and hath steeld, deutsch von Karl Simrock: Mein Auge wird zum Maler, und geschickt

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Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

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Eva Strittmatter

Ihre Bücher waren begehrt, wurden teilweise als Bückware gehandelt, die Auflagen gingen in die Hunderttausende. Eva Strittmatter legte 1973 mit „Ich mach ein Lied aus Stille“ ihren ersten Gedichtband vor. Da hatte sie schon über viele Jahre Lyrik geschrieben, zunächst im Verborgenen. / Mehr

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Neue Zeitschriften
  • Eleven Eleven 21. Poetry. Fiction. Drama. Literary Nonfiction. California Interest. Asian & Asian American Studies. African & African American Studies. Latino/Latina Studies. Native American Studies. Jewish Studies. Middle Eastern Studies. Women’s Studies. Gay. Lesbian and Transgender Studies. Art. Featuring Michael McClure, Erín Moure, Uri Zvi Greenberg, Philippe Soupault, Abraham Sutzkever et al. Mehr

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Kurz gesagt
  • «Der Verlust der eigenen Sprache ist etwas, was einem spätestens beim Gedichteschreiben als ein Handicap auffällt, weil es hier nicht nur darum geht, eine Sprache zu beherrschen, sondern auch umgekehrt: von der Sprache beherrscht zu sein»  Kathy Zarnegin, bzbasel
  • Γ􀎍α 􀎑α γε􀎑􀎑􀎋􀎌εί έ􀎑α 􀎔􀎓ί􀎋􀎐α 􀎌έ􀎏ε􀎍 / 􀎑α 􀎘􀎓 γε􀎑􀎑ή􀎗ε􀎍 􀎐􀎍α 􀎔􀎏􀎋γή.  Damit ein Gedicht entstehen kann, / muss es eine Wunde geben. Katerina Angelaki-Rooke, Motto in dem gerade erschienenen zweisprachigen Band von Katerina Angelaki-Rooke: Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017
  • Als Leser sehe ich es gar nicht ein, mich auf eine bestimmte Art von Literatur festzulegen. Jan Kuhlbrodt, Postkultur
  • Most meanings of / the word [irascible] descend from clunky antonyms / found only in Spanish- English dictionaries or in authoritive / archival audio recordings of forum discussions in proto-Catalan. Mark Young , in: Ygdrasil. Journal of the Poetic Arts. January 2017
  • Equations are the cornerstone on which the edifice of science rests. Yet, argues Graham Farmelo, they can be as exquisite as the finest poetry. / The Guardian 26.1. 2002

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Kurz berichtet
  • Zum Wettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt, der am 17. und 18. März stattfindet, sind eingeladen: Jennifer de Negri, Sebastian Hage-Packhäuser, Natascha Huber, Mario Osterland, Tobias Pagel, Sigune Schnabel, Andra Schwarz, Jan Skudlarek und Christoph Szalay
  • Die Sylt Foundation schreibt bereits zum 18. Mal das „Sylt-Quelle Literaturstipendium Inselschreiber“ für deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus. Mehr hier
  • Zum 14. Mal wird in Lana der Lyrikpreis vergeben, der nach dem Südtiroler Dichter N.C. Kaser benannt ist. Diesmal kommt er dem irischen Dichter Trevor Joyce (*1948) zu und wurde am 6. Februar 2017 um 18.00 im Vigilius Mountain Resort mit dem Preisträger, seiner Übersetzerin Swantje Lichtenstein und der Preisstifterin Ursula Flora gefeiert. Vorgeschlagen hatte ihn der vorige Preisträger Tom Raworth. Mehr
  • Der südkoreanische Dichter Ko Un erhält den Preis der italienischen Fondazione Roma. Seit 2006 organisiert sie ein internationales Poesiefestival, und seit 2014 vergibt sie einen Preis in diesem Rahmen. Ko Un ist der vierte Preisträger nach Adam Zagajewski (Polen), Jacobo Cortines (Spanien) und Carol Ann Duffy (Großbritannien). Mehr
  • Hier gibts 10 Anti-Love poems zum Valentinstag (Englisch)

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Lyrikkalender

Am 11. ist Tag der vietnamesischen Poesie, am 12. Darwin Day, am 14. Valentinstag. Am 11. feiert Britannien (bzw. die anglikanische Kirche) den ältesten englischen Dichter, den man mit Namen kennt: Cædmon, der nicht von Poesie wußte, bis ihm im Traum die Dichtergabe erschien, das war im 7. Jahrhundert. Am 14.2. 1989 ruft Ayatollah  Chomeini zur Tötung des Schriftstellers Salman Rushdie auf. .Geburtstage haben: am 11. Karoline von Günderrode (1780), Else Lasker-Schüler (1869), Hans-Georg Gadamer (1900), Gerhard Kofler (1949), am 12. Friedrich de la Motte Fouqué, (1777), Abraham Lincoln (1809), Lou Andreas-Salomé (1861), am 13. Elijah Levita (deutsch-jüdischer Dichter, 1469), Sigmund Jähn (1937 – 80. Geburtstag), F.C. Delius (1943), Katja Lange-Müller (1951), am 15. Carl Michael Bellman (1740), am 16. Victor von Scheffel (1826), Alfred Kolleritsch (1931), Makoto Ōoka (1931), Aharon Appelfeld (1932), am 17.  Minamoto no Sanetomo (1192), Friedrich Maximilian Klinger (1752), Max Schneckenburger (1819) (Die Wacht am Rhein), Lola Montez (1821), Georg Weerth (1822), Gustavo Adolfo Bécquer (1836), Banjo Paterson (1864),  Emmy Hennings (1885), Georg Britting (1891).

Todestage: am 11. 1795: Carl Michael Bellman, 1798: Karl Wilhelm Ramler, 1829: Alexander Sergejewitsch Gribojedow, 1905: Otto Erich Hartleben, 1960: Victor Klemperer, 1963: Sylvia Plath, 1978: Harry Martinson, am 12. Henjō, japanischer Priesterdichter (890), Muriel Rukeyser (1980), Julio Cortázar (1984), Thomas Bernhard (1989), am 13. 1142: Fujiwara no Mototoshi, 1798: Wilhelm Heinrich Wackenroder, 2004: Selimchan Abdumuslimowitsch Jandarbijew (tschetschenischer Dichter, Separatistenführer), am 14. 869: Kyrill von Saloniki, griechischer Slawenapostel, 1826: Johannes Daniel Falk (O du fröhliche), am 15. 1781: Gotthold Ephraim Lessing, am 16. 1656: Johann Klaj, 1907: Giosuè Carducci, 1938: Otto zur Linde, 1939: Jura Soyfer, 2003: Aleksandar Tišma, 2011 – Justinas Marcinkevičius, am 17. 1647: Johann Heermann, 1856: Heinrich Heine, 1970: Shmuel Yosef Agnon, 1998 – Ernst Jünger, 2010: Lucille Clifton, 2015: Philip Levine
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Rückblende: Januar 2002

Das niedre Pack, das miese Gesocks schreit ja nur so laut, weil es nichts anderes kann als schreien“, schreibt Hermann Lenz am 25. März 1959 an Paul Celan. Manifest eines ägyptischen Dichters vor 3800 Jahren: „O dass ich unbekannte Sätze hätte, seltsame Aussprüche, / neue Rede, die noch nicht vorgekommen ist, / frei von Wiederholungen, / keine überlieferten Sprüche, die die Vorfahren gesagt haben“. Was Israels Rechte gegen Lyrik hat. Warum Silke Scheuermann gegen das Unverständlich-Verpickelte ist. Benn, ein krasser Fall von Niveauverlust.

Dies und mehr hier.
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Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie

auch wenn du kein Wort sagst – du schweigst in deiner Sprache

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Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2017 an SAID

Der deutsch-iranische Lyriker SAID wird in diesem Jahr mit dem renommierten Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur ausgezeichnet.
Diese Auszeichnung, dessen Namensgeber der 2007 verstorbene Autor Alfred Müller-Felsenburg ist, wird seit 1988 jährlich vergeben.
Seit 2012 wird der AMF-Preis im Rahmen des Projektes „literaturland westfalen“  in Kooperation mit dem Westfälischen Literaturbüro Unna im Nicolaihaus in Unna  verliehen
Die öffentliche Preisverleihung findet im Rahmen des diesjährigen Literaturfestivals “hier!” , welches vom Westfälischen Literaturbüro im Rahmen des Projektes Literaturland Westfalen organisiert wird, am Sonntag, 10. September, um 12 Uhr im Nicolaihaus, Nicolaistr. 3, 59423 Unna, statt.
Mit dem in München lebenden lebenden Lyriker zeichnet die Jury einen Schriftsteller aus, dessen Werke auch nach Jahrzehnten im deutschen Exil nicht durch Wortlosigkeit, sondern durch Wortmächtigkeit in Erscheinung treten.
SAID wurde 1947 in Teheran geboren und hat mit 17 Jahren seine Heimat verlassen.  Seit 1965 lebt er als freier Autor in Deutschland. Sein literarisches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Infos über SAID gibt es hier:
Auf Radio Bayern 2  gibt es den Beitrag Eine Kindheit in Teheran zu hören
Informationen zum Literaturpreis gibt es hier:
Informationen zum Literaturfestival “hier!” werden in den nächsten Tagen hier eingestellt:

Tzvetan Todorov †

Der französische Philosoph und Essayist Tzvetan Todorov starb am Dienstag in Paris im Alter von 77 Jahren. Er hat sich als Sprachwissenschafter einen Namen gemacht, publizierte aber auch zu gesellschaftspolitischen Themen.

Von den Debatten des russischen Formalismus und dessen Kritik durch Bachtin geprägt und ausgehend, widmet sich Todorov ganz dem Problem, ob und wie sich ein literarisches Werk verstehen lässt, ohne es dabei «fremden» Diskursen, also soziologischen oder psychologischen Paradigmen, zu unterwerfen. Die Lösung findet er in den Beziehungen, die ein Text zwischen den ihn konstituierenden Elementen stiftet. Denn diese sind eben nicht beliebig, sondern folgen den Prinzipien der Auswahl und Kombination.

Zur Aufgabe der Literaturwissenschaft wird es, das Verhältnis zwischen den ergriffenen und verworfenen literarischen Optionen zu verstehen. Oder, wie Todorov es in seinem Aufsatz «Poetik» formuliert: Literaturwissenschaft befasst sich «nicht mehr mit der wirklichen Literatur, sondern mit der möglichen».
(…)
Die Verteidigung der Aufklärung gegen die sie zersetzenden, stets aber auch von ihr selbst hervorgebrachten Kräfte blieb ihm bis zum Ende ein Anliegen: Das noch unübersetzte «Les Ennemis intimes de la démocratie» (2012) ist eine unabdingbare Diagnose unserer Lage – und des politischen Messianismus, der sie zunehmend zu bestimmen scheint. In der Nacht auf Dienstag ist Tzvetan Todorov im Alter von 77 Jahren in Paris verstorben. /
Philipp Theisohn, NZZ

L&Poe Rückblende: Januar 2002

„Das niedre Pack, das miese Gesocks

schreit ja nur so laut, weil es nichts anderes kann als schreien“, schreibt Hermann Lenz am 25. März 1959 an Paul Celan . „Stampfen wir sie alle in den Abfalleimer, lassen wir sie von der Müllabfuhr wegtransportieren oder blasen sie wie eine Hand voll Asche in den Wind.“ / FR 5.1.02

Moderne vor 4000 Jahren

Der Autor steht der Überlieferung gegenüber und muss sie überbieten. Das ist nicht erst die Erfahrung der Moderne, wie die um 1800 v. Chr. entstandene Klage des Chacheperreseneb zeigt:

«O dass ich unbekannte Sätze hätte, seltsame Aussprüche, / neue Rede, die noch nicht vorgekommen ist, / frei von Wiederholungen, / keine überlieferten Sprüche, die die Vorfahren gesagt haben.» / Jan Assmann, NZZ 19.1.02

Israels Rechte gegen Lyrik

In einem großen Leitartikel der Wochenendbeilage der angesehenen liberalen Zeitung „Ha‘aretz“ rechnet Arie Caspi nicht nur in diesem Zusammenhang mit Livnat ab, sondern er zeigt auch die Richtung auf, in welche sich die Regierung Sharon und damit Israel insgesamt bewegen – und er erklärt 24 Stunden vor der Zerstörung von Radio Palästina, warum diese zwangsläufig erfolgen musste: „Die Rechte in Israel kann kein Machtzentrum ertragen, das nicht unter ihrer Kontrolle ist. Deshalb entwickelt sie so große Gewalt gegen die Palästinenser. Deshalb verachtet sie das Oberste Gericht. Deshalb kämpft sie jahrelang gegen jede kritische Erscheinung in der Presse, der Literatur, der Lyrik. Jetzt kommt die Akademie dran. Die Unterdrückung der Akademie ist eine weitere Etappe in der Zerstörung des demokratisch-liberalen Regimes des Staates Israel.“ / Kleine Zeitung 19.1.02

In der taz schreibt Jamal Tuschick über Silke Scheuermann:

Silke Scheuermann will, dass das „Unverständlich-Verpickelte“ in der Lyrik aufhört. Die aus Karlsruhe gebürtige Theaterwissenschaftlerin des Jahrgangs 1973 stammt aus einem Milieu, das jeder Kunst fern steht. Allenfalls in einer „geheimen Abteilung“ ihres Wunschraums ließ sich etwas in der Art aufheben. Sie war schon über zwanzig, als ihre lyrische Produktion in Gang kam. / taz 9.1.02

Wolfgang Hilbig lebt und erhält den Peter-Huchel-Preis 2002

Die in Freiburg im Breisgau tagende unabhängige Jury bewertete Hilbigs erschienen Band „Bilder vom Erzählen“ (Verlag S. Fischer) als herausragende Gedichtedition des Jahres 2001. Hilbig wurde 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren. Der Peter-Huchel-Preis wird alljährlich am 3. April in Staufen im Breisgau verliehen. Peter-Huchel-Preisträger früherer Jahre waren u.a. Manfred Peter Hein, Sarah Kirsch, Durs Grünbein und Raoul Schrott .insert_ende:text3 / SWR

Im Januar wurde mitgeteilt, daß die kanadische Dichterin Anne Carson den T. S. Eliot-Preis für 2001 bekommt, meldet BBC :

Ms Carson’s poetry describes the death of a marriage through poetry that is „tart, lyrical, erotic, plain-spoken and highly charged“, according to Helen Dunmore, chair of the panel of judges.
und The Times ,22.1.02:
Anne Carson , who has been hailed by Michael Ondaatje as “the most exciting poet writing in English today”, won the £10,000 T. S. Eliot Prize with a collection about the breakdown of a marriage.

Deutsch-jüdische Symbiose? Stefan George jedenfalls war krank und konnte leider nicht

Im September 1933 – George lebte inzwischen in der Schweiz – wollte der Jude und Mussolini-Anhänger Karl Wolfskehl den Meister bitten, etwas zu Gunsten der Juden zu sagen. Der ließ seinem alten Gefährten durch seinen Jünger Frank Mehnert, der mit den Nationalsozialisten sympathisierte, mitteilen, er sei krank und könne ihn nicht empfangen. Das von einigen erwartete Schelt- und Absagegedicht gegen die Nazis hat George nicht geschrieben. / Süddeutsche 21.1.02

In der Serie von Carl Zuckmayers Berichten über Persönlichkeiten aus Hitlerdeutschland druckt die FAZ am 19.1. 2002 einen Text von etwa 1944 über Benn :

Eine Zeitlang verfiel er sogar dem Führer- und Hitlermythos und machte sich zu seinem Fürsprech – was zu einem sofortigen rapiden und gradezu grotesken Sturz seiner dichterischen Fähigkeiten führte. Ich gebe einen Beweis, ein Beispiel das mir seiner Krassheit halber im Gedächtnis geblieben ist. Im Jahr 34 veröffentlichte Benn in der Sonntagsbeilage der DAZ ein Gedicht, deutlich auf den Führer und „die Bewegung“ gemünzt, das mit folgenden greulichen Versen begann:.

„Der kategorische Nenner.
Der hinter Jahrtausenden schlief.
Heißt: Ein paar große Männer -.
Und die litten tief.“

Schlechter gehts nicht mehr / FAZ 19.1.02.

Fritz J. Raddatz lebt – und wundert sich über Benn:

Rätsel Benn. Wunder Gottfried Benn . Da lebt einer zwischen Kasino-Besäufnissen und Kaffeehausamouren, zwischen Schoppen-Dämmer, Bierabend, Vorortausflug und Kaserne, in einem Wrasen aus Spießigkeit und Schneidigkeit, mal bei den schnieken Adligen, mal bei ondulierten Kellnerinnen; und dann geht er nach Hause, Kaffee, Zigaretten – und schreibt so schöne Gedichte, wie sie kaum einer der deutschen Sprache abgerungen hat.
So spricht Fritz J. Raddatz. Seine Benn-Biographie und mehr bespricht Georg Pichler in der Presse , Wien / 11.1.02 .

Gestorben

In Graz ist am vergangenen Donnerstag der Dichter Alois Hergouth im Alter von 76 Jahren gestorben. Der vielfach ausgezeichnete Lyriker war u. a. maßgeblich an der Gründung des „forum stadtpark“ und der Literaturzeitschrift „manuskripte“ beteiligt. / Wiener Zeitung 22.1.02

Im Alter von 85 Jahren ist gestern in Madrid der spanische Romanautor und Nobelpreisträger Camilo José Cela gestorben. Sein vielseitiges Werk zeugt von grosser, lebensnaher Ausdrucksfähigkeit … Camilo José Cela wurde am 11. Mai 1916 in Iria Flavia (Provinz La Coruña) als Sohn einer englischen Mutter und eines galizischen Vaters geboren. 1925 übersiedelte die Familie nach Madrid. In Madrid begann Cela ein Medizinstudium, wandte sich aber bald der Literatur zu und schloss auch sein Jusstudium nicht ab. In den 30er Jahren arbeitete er als Journalist bei der Zeitung «Arriba». Im Bürgerkrieg schloss er sich den aufständischen Truppen General Francos an und wurde schwer verwundet. Nach dem Krieg schrieb Cela zunächst für Blätter der faschistischen Organisation Falange und arbeitete als Zensor des Franco-Regimes. Sein 1942 erschienener Roman «Pascual Duartes Familie», in dem Cela seine Kriegserlebnisse verarbeitete, fiel allerdings selbst der Zensur zum Opfer und wurde verboten. Mit ihm hatte Cela die realistische Literaturform des «tremendismo» geschaffen, die sich durch eine düstere, raue und gewaltsame Sprache auszeichnete und die Literatur in Spanien und Lateinamerika stark beeinflusste. / Landbote Winterthur 18.1.02

Zum Tod von Ian Hamilton

Die englischen Lyriker verfehlen liebend gern ihren Beruf. Andrew Motion , der gerade als Hofpoet waltet, wäre viel lieber Bob Dylan geworden. Seinen Vorgänger Ted Hughes trieb es zur Jagd. In Feld, Wald und auf den Fluren stellte er dem Wild nach oder doch wenigstens den Frauen. Ian Hamilton wäre am liebsten Fußballer geworden, aber sie haben ihn schon in der Schule nie mitspielen lassen.
Er rächte sich, wurde einer der bösartigsten Kritiker und schrieb eine hymnische Monografie über Paul Gascoigne. Im Hauptberuf aber verfehlte er weiter seine Berufung, arbeitete also beim Times Literary Supplement und gründete eigene Literaturzeitschriften. / Süddeutsche Ztg 3.1.02

Außerdem starben im Januar 2002

  • 5. Januar Wadim Schefner (86), sowjetischer, russischer Schriftsteller
  • 17. Januar Anatoli Gawrilowitsch Kowaljow sowjetischer Diplomat und Dichter (78)
  • 23. Januar Herbert Walz deutscher Schriftsteller und Heimatlyriker 86
Rosen und Kognak

Ein paar Jahre lang konnte L&Poe über ein seltsames Geburtstagsritual für Edgar Allan Poe berichten

BALTIMORE (AP) — A small crowd gathered at the old church where Edgar Allan Poe lies buried, waiting, as they do every year, for the arrival of a stranger.
A black-clad man arrived at 2:59 a.m. Saturday, marking the poet’s birthday with the traditional graveside tribute: three red roses and a half bottle of cognac. Only this and nothing more.
It is a rite that has been carried out by a mysterious stranger every Jan. 19 since 1949, a century after Poe drank himself to death in Baltimore at age 40. / New York Times 19.1.:

E. E. Cummings wird Jazz

Es ist nicht nötig, Edward Estlin Cummings einmal eines seiner eigenen Gedichte vortragen gehört zu haben, aber es hilft. Wie er Pausen setzt, die Wörter über seine Stimmbänder gleiten lässt, die Vokale zum Klingen bringt – Musik ist das, nichts anderes. Leute wie Leonard Bernstein, Morton Feldman oder Philip Glass merkten das und vertonten Gedichte des amerikanischen Lyrikers. Jetzt hat das Cummings-Fieber auch auf Jazz und Pop übergegriffen. Auf der aktuellen Björk-Platte „Vespertine“ finden sich Zeilen des Dichters ebenso wie auf dem bemerkenswerten internationalen Platten-Debüt der Schweizer Jazz-Sängerin Susanne Abbuehl bei ECM. / Josef Engels, Die Welt 22.1.02

Schlechter geht es der Gegenwartslyrik. Ruth Padel weiß:

British poetry is currently in a rich, interesting state. The one thing wrong with it is that it is not being read. Or not by the people you would think are its natural audience: the culture-minded middle classes. / Ruth Padel: Death of the reader, Prospect 1.1.02

In der NZZ 19.1.02 bespricht Ralf Müller die Bände 7/8 der Frankfurter Hölderlinausgabe

Die Frankfurter Ausgabe macht einen modernen Schriftsteller lesbar, der die Sprache nicht einfach wie ein Werkzeug zu einem Zweck benutzt, der Gedicht heisst. Immer wieder korrigiert Hölderlin seine Zeilen, streicht oder überschreibt, verändert auch vermeintlich Fertiges. Alles scheint im Fluss der Schrift, nichts endgültig. Hölderlins Manuskripte zeigen mitunter die verwirrende Schönheit mittelalterlicher Palimpseste.

  • Friedrich Hölderlin: Historisch-Kritische Ausgabe. Hrsg. von D. E. Sattler. Band 7/8: Gesänge I/II. Stroemfeld-Verlag, Frankfurt am Main, Basel 2001. Zus. 1023 S., Fr. 386.- (Subskriptionspreis bei Abnahme aller Bände Fr. 335.-).
  • Ders.: Hesperische Gesänge. Hrsg. von D. E. Sattler. Neue Bremer Presse, Bremen 2001. 144 S., Euro 24.60.
  • D. E. Sattler: Am Euphrat. Neue Bremer Presse, Bremen 2001. 96 S., Euro 18.60.
Nazim Hikmet 100

Basler Zeitung 15.1.:
Nazim Hikmet hat Empfehlungen für jene hinterlassen, die wie er viele Jahre im Gefängnis verbringen müssen. Wieder halb ernst, halb ironisch empfiehlt er: «Ausserdem vergiss zu keiner Zeit, aus vollem Halse zu lachen.» Diese Empfehlung stammt aus einer Zeit, als es noch keine Isolierzellen gab, wie sie heute für politische Häftlinge in der Türkei vorgeschrieben sind. In jahrelanger Isolation werden Nazim Hikmets Vorschläge absurd. Man kann nicht immer für sich alleine lachen. Die Gefängniszellen, in denen Nazim Hikmet steckte und aus denen ein guter Teil der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts kam, geschrieben entweder von ihm selbst oder von Mithäftlingen, die unter seinem Einfluss zu schreiben begannen, sind Geschichte.

John Berger über Nazim Hikmet

Ich weiß nicht mehr, ob ich Nazim Hikmet überhaupt je gesehen habe. Ich könnte darauf schwören, kann aber die Indizien dafür nicht finden. Ich glaube, es war 1954 in London. Vier Jahre, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, neun Jahre vor seinem Tod. Er sprach auf einer politischen Versammlung am Red Lion Square in London. Er sagte ein paar Worte, dann las er einige Gedichte. Manche auf englisch, andere auf türkisch. Seine Stimme war kräftig, ruhig, äußerst persönlich und sehr musikalisch. Aber es war, als käme sie nicht aus seinem Hals – jedenfalls nicht in dem Augenblick. Es war, als hätte er ein Radio in der Brust, das er mit einer seiner großen, leicht zittrigen Hände an und aus schaltete. … In einem seiner langen Gedichte beschreibt er, wie sechs Menschen Anfang der vierziger Jahre eine Symphonie von Schostakowitsch im Radio hören. Drei der sechs sind (wie er) im Gefängnis. Die Übertragung ist live; die Symphonie wird zeitgleich in Moskau gespielt, mehrere tausend Kilometer entfernt. Als ich ihn am Red Lion Square seine Gedichte lesen hörte, hatte ich den Eindruck, dass die Worte, die er sagte, ebenfalls vom anderen Ende der Welt kamen. Nicht, weil sie schwer zu verstehen gewesen wären (das waren sie nicht), auch nicht, weil sie verschwommen oder müde gewesen wären (sie waren erfüllt vom Vermögen zu überdauern), sondern weil sie so gesagt wurden, als triumphierten sie irgendwie über Entfernungen und transzendierten endlose Trennungen. / FR 12.1.02

Atatürks verlorener Poet

Nazim Hikmet dagegen gelang der geistige und künstlerische Brückenschlag von der Vergangenheit zur Gegenwart. Er bewahrte den Wohlklang der traditionellen Dichtkunst, schuf aber aus unregelmäßig gebildeten Versen und in freien Rhythmen eine moderne Lyrik, die durch einfache Formen und universelle Themen höchste Bewunderung und Popularität erlangte. … In einem seiner späten Verse bekannte er, der Enkel eines Paschas, der ehemalige Student aus Moskau, der an Lenins Leichnam Wache hielt, der Bewunderer Atatürks, den er in seinem „Epos vom Befreiungskrieg“ als „blonden Wolf mit funkelnden blauen Augen“ beschrieb: „Die Lieder der Menschen sind schöner, als sie selber es sind. Mehr als die Menschen liebte ich ihre Lieder.“ / Dietrich Gronau, Berliner Zeitung 15.1.02

Saddam Hussein lebt und bestellt die Dichter seines Landes ein:

Mutter aller Dichter

Im Februar 2000 hatte der Regent (nämlich Saddam Hussein) die Schriftsteller des Landes einberufen, um ihnen sein Verständnis von Literatur aufzunötigen… Vor etwa fünfzig Romanciers, Dichtern, Dramatikern und Jugendbuchautoren verkündete der Regent, dass «Wort und Waffe ein Gewehrlauf» seien und die Literatur sich der Darstellung der «Mutter aller Kriege» zu weihen habe… Hamid Said , einer der bedeutendsten Lyriker des Landes, liess sich gar zu folgendem Kommentar herbei: «Der Führer hat sein präzises Vokabular, das ihm zur Beschreibung dient, als hätte er dasselbe Verhältnis zur Sprache, das ein Juwelier zum Gold hat . . . Er verbindet den Sprachfluss der Lyrik mit der Akkuratesse der Syntax.» Abdul Razak Abdul Wahid wiederum, ebenfalls ein bekannter Dichter, beginnt seine Huldigungsgedichte an den Regenten mit der Anrede «Mein Herrscher». / NZZ 14.1.02

Kritik der Kritik

Vermutlich soll man froh sein, daß Gegenwartslyrik, junge zumal, überhaupt besprochen wird. Vielleicht soll man nicht an den zarten Pflänzchen der Kritik herumzupfen. Ich lobe an Kurt Drawert, daß er sich für junge Autoren einsetzt. Schließlich, selbst eine schlechte Kritik ist besser als gar keine.
Ist das eine schlechte Kritik?

Kurt Drawerts zu Recht lobende Kritik zu Gedichten Paul-Henri Campbells erschien in der Dresdner Literaturzeitschrift Ostragehege und wurde jetzt bei Faustkultur digital zugänglich gemacht. Wenn ich die vermutlich redaktionelle Moderation beiseitelasse, löst der erste Absatz überwiegend Zustimmung bei mir aus:

Wer länger in Amerika war, versteht sicher besser, warum die amerikanische Lyrik narrativer ist, stofflich oft ausschwingender als die europäische und vor allem die deutsche. Damit verbunden sind keine Qualitätskriterien, sondern andere poetische Dispositionen, die anderen Systemen von Wahrnehmung folgen. Schon in den 1960er Jahren hat es in Deutschland die Gespräche über das kurze und das lange Gedicht gegeben, wie sie etwa Karl Krolow mit Walter Höllerer führte, und auch in der zeitgenössischen Lyrik herrscht alles andere als Tendenzgleichheit vor. Die Lakonie, ihre enorme Komprimierung und Assoziationsfähigkeit, ist dabei eine Möglichkeit, Sprache lyrisch zu verwenden. Der Langvers, der die Vorgänge des Gedichtes in eine tiefere Bewegung führt und seine Nähe zur Prosa immer wieder auflösen muss, ist eine andere. Paul-Henri Campbell, ein junger deutsch-amerikanischer Lyriker, der, nach einem Studium in klassischer Philologie und katholischer Theologie, heute in Frankfurt am Main lebt, beherrscht beide Tonlagen. Vor allem aber das Langgedicht, das sich über Motivketten und einem seriellen Ordnungssystem aus sich selbst heraus entfaltet, ist seine Stärke. (…) Entscheidend aber ist das ästhetische Ding, das Gedicht, ob es oder ob es nicht gelungen ist. Und Campbell, der leider noch zu wenig bekannt ist, schreibt geradezu atemberaubende, in ihrem Rhythmus, ihrem Sound, ihrer Bildlichkeit unverwechselbar eigene, soll heißen: dem Leben „abgerungene“ Gedichte.

Die Aussage zum narrativeren und oft ausschwingenden Charakter (eines Teils) der amerikanischen Lyrik ist mir vertraut. Allenfalls das Wörtchen „sicher“ im ersten Satz irritiert etwas: was ist schon sicher. Allem, was man sagen kann, wird widersprochen werden. Ich war nicht lang genug in den USA und nur als Tourist, über die amerikanische Lyrik gelesen und nachgedacht hab ich großteils zu Hause. Ich sehe ähnliche Frontstellungen im Lyrikdiskurs wie hierzulande, so zwischen „akademischer“ und „verständlicher“ Lyrik, nur in weiterem Rahmen. Öfter als bei uns scheinen mir dort die sprachorientierten („sprachverliebten“ sagt man merkwürdigerweise, wenn man es kritisieren will, als wäre Verliebtsein peinlich) Dichter auch zum langen, narrativeren, ausgreifenden Gedicht zu tendieren, während wir uns vorwiegend im kurzen Gedicht austoben und die Unterscheidung vielleicht eher darin besteht, wieviel humoriges, „niederes“ Sprachmaterial zugelassen wird. Wenn ich es an Preiszuerkennungen messe, z.B. beim Huchelpreis, so scheinen dort starke Einzelgedichte Vorrang vor großen Entwürfen zu haben. Im Jahr, als Marion Poschmanns „Geistersehen“ ausgewählt wurde, gab es mit Paulus Böhmers „Am Meer. An Land. Bei mir“ und Ann Cottens „Floridaräume“ starke Konkurrenz von der ausgreifenderen Art. Für 2015 gab es einen starken Bewerber und eine Bewerberin: Sabine Scho und Andreas Töpfer: The Origin of Senses.  Ein langes Gedicht, das „Lyrik“ mit Kunst, Wissenschaft und Kommentar vermischt, unreine Poesie. Spielte es eine Rolle? Wäre es in Frage gekommen? Ausnahmen bestätigen die Regel, Ulf Stolterfohts „Holzrauch über Heslach“ fällt mir ein. Böhmer wurde zwei Jahre später doch noch bedacht, aber z.B. Oswald Egger kam „nur“ mit einem kleineren Nebenwerk quasi zum Zuge.

Also da bin ich ganz bei Drawert. Bin ich? Unversehens nämlich stürzt dieser erste Absatz dann komplett ab mit dem letzten Teilsatz „unverwechselbar eigene, soll heißen: dem Leben ‚abgerungene‘ Gedichte.“ Scho, Cotten, Böhmer: raus seid ihr! Er will blutvolle, dem wahren Leben abgerungene, reine Poesie, nicht so intellektuelles Zeug. Ich sehe den Dichter mit „dem Leben“ ringend. Aber ist es sein eignes? Fremdes? Oder „das Leben“ schlechthin? Kommt man dabei ins Schwitzen? Drawerts Satz impliziert einen Gegensatz von „blutvollem“ Leben und „blutleerer“ Kunstfertigkeit als der „wahren“ Kunst Fremdem. (Thomas Kling hilf!)

Überwiegend prekär wird Drawerts Argumentation im Folgenden. Ich kommentiere es mal punktuell.

Es sind Körpertexte, Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Welt, die sich, einem Möbiusband gleich, notorisch ineinander verschieben und ihre Perspektiven, ihre Orte des Anschauens, wechseln.

Was „Körpertexte“ sind, was daran Körpertext ist, wird nicht ausgeführt, die Teilsätze dieses Satzes schieben sich gleichsam „einem Möbiusband gleich, notorisch ineinander“. Körpertexte, Möbiusband, klingt (post)modern, aber wieso „Schnittstellen“ (Chirurgie?). Es geht [ich spreche von Drawerts Satz, nicht von Campbells Gedicht) gar nicht um Schnitte, sondern um Vermittlung. Es ist Dialektik (bald wird das Wort auftauchen), aber es ist keine schneidende Dialektik, keine hart im Raume stoßende Materie – es ist jene eigenartig vermittelnde „Dialektik“, wie sie im DDR-Sprachgebrauch bis in die Umgangssprache gedrungen war. „Das mußt du dialektisch sehen“ hieß da: nimm die Schärfe raus, frag nicht so dumm nachbohrend, alles iiiiiiiiiist wie es iiiiiiiiiist. Damit nahm man jeder schüchternen oder forschen Frage den Schneid, was IST, IST, weil es IST… Die Perspektive wird eben nicht gewechselt, wie das Möbiusband suggerieren will. Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Welt, das ist der älteste Hut der sozialistischen Ästhetik und des irgendwie hegelianischen idealistischen deutschen 19. Jahrhunderts.

Weiter im Text:

Das Subjekt im Gedicht wird so zu einem Allgemeinen, wie das Allgemeine im Subjekt erscheint.

Idealistischer Budenzauber, „erscheint“. 50er Jahre:

„Lyrik (…) unmittelbare Gestaltung innerseelischer Vorgänge im Dichter, die durch gemüthafte Weltbegegnung (…) entstehen, in der Sprachwerdung aus dem Einzelfall ins Allgemeingültige, Symbolische erhoben werden …) (Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur – West -, 1955). – „literar. Hauptgattung, in der die subjektive Aussage bzw. die auf das Subjekt bezogene Widerspiegelung der Wirklichkeit ihren allgemeinsten Ausdruck findet.“ (DDR-Lexikon)

Im weiteren spricht er von „Form“ und „Stoff“, geht kurz auf Campbell ein, um dann in die große „positive“ Zwischenbilanz zu münden:

Das jedoch mündet nie in absoluter Negation oder einer Lust an der Zerstörung dessen, das über zerstörerische Kräfte verfügt. Im Gegenteil, es ist reines dialektisches Denken und nimmt poetisch auf, was die Erfolgsgeschichte in sich selbst nicht mehr spiegelt.

Es ist kein „unreines“, negatives dialektisches Denken, sondern „reines dialektisches Denken“, das heißt bei ihm nicht „absolut negierend“, sondern eben vermittelnd. Damit ist er bei seinem Thema:

– „die verschleppte rache / der schlachten, die im wechselspiel kalter schultern / verschlungene wege der schuld vergelten. // diese seltsame periode, darin in jeder aggression/ eine notwehr trauert, hilflos vor angst (…).“ Das ist im expressiven O-Menschheits-Ton vielleicht nicht ganz so modern, wenn man die oft sprachverspielten und in sich selbst versunkenen Poetiken anderer Autorinnen und Autoren seiner Generation dagegenhält, die sich manchmal an Harmlosigkeit noch überbieten. Aber es ist, in eben dieser Unterscheidung, überhaupt ein Ton, eine Stimme, eine Haltung.

Es gibt Kritiken, da verreißt Rezensent die Konkurrenten, damit sein zu lobender Gegenstand desto heller strahle. Bei Drawert kommt es mir anders herum vor. Der lobt Campbell – zu Recht. Ich sage nicht, daß er es nicht meint. Ich sage, er benutzt die Gelegenheit, um seine Position im Lyrikkampf zu bekräftigen. Campbell ist ihm zu einem Rundumschlag gut.

Im folgenden Absatz spricht Drawert von sich selber:

Es mag an meinem Alter liegen, dass ich wie das Huhn über dem Kochtopf hängend die digitale Welt mehr erleide als verstehe und deren Reflexe in der Literatur eben darum auch nicht oder eben nur schlecht lesen kann.

Aha; bis hierhin war nur von – analogen – poetischen Positionen die Rede, Campbell versus „andere Autorinnen und Autoren seiner Generation“, die er für „sprachverspielt“, „in sich selbst versunken“ und harmlos hält. Offensichtlich sind das „Reflexe“ der digitalen Welt, wie nur? „Digitale Welt“ ist für ihn eine Metapher für alles, was ihn an der Gegenwartslyrik stört. Um die geht es im Folgenden wieder. Ein Satz noch zur Betrachtung:

Aber es erschreckt mich zutiefst, wenn das sowieso schon bis zur Auslöschung zerstreute Subjekt auch von denen aufgegeben wird, die es zu bewahren und sprachlich neu zu organisieren hätten – den Schriftstellern nämlich, und im besonderen den Dichtern.

Das ist interessant. Aufgabe der Dichter wäre es, die Risse im Weltbau zu kitten und das „sowieso schon“ bedrohte „Subjekt … zu bewahren und sprachlich neu zu organisieren“? Starker Tobak. Wenigstens im Gedicht möge die Welt heil sein. Das Subjekt ganz sein.

Es war, beiläufig, Sigmund Freud vor über hundert Jahren, der der kosmologischen Kränkung – daß die Erde nicht mehr im Mittelpunkt des Weltalls stand – und der biologischen Kränkung durch Darwin – daß der Mensch nicht mehr das Zentralgestirn des Lebens und Krone der Schöpfung, sondern Ergebnis der Evolution war – die psychologische Kränkung hinzufügte: daß der Mensch auch nicht mehr Herr im eigenen Ich war. Dichter, antreten zur Wunderheilung! kann man da nur sagen. Man braucht nicht mehr den folgenden Satz, in dem er direkt seine Position „kürzlich“ gegenüber anderen jüngeren Autoren rechtfertigt. Das hat Campbell nicht verdient.

Nachsatz: Aber ab der Stelle, wo Drawert sagt, hier frage er nicht weiter, sondern zitiere, kann ich ihm wieder uneingeschränkt zustimmen, der Schluß lautet:

„wie axthieb wie hindurch wie brustbein/ wie ein kalter nasser schmerz wie krass/ wie im erwachen wie ohne wie mit naht/ der nacht (…)/ und auskehrend wieder o atem/ und er geht fort (…)/ jener/ komplize des skalpells der offen sah dich/ dir ins herz“. Würde er die Verse laut lesen, könnten wir seinem hastigen Gestus folgen, seiner Geschwindigkeit, mit der er denkt, lebt und handelt. Es ist, als hätte einer niemals Zeit, auch wenn er Zeit hat. In diesem Zyklus nämlich geht es um Leben und Tod, denn Paul-Henri Campbell muss mit einer schweren Herzkrankheit leben, und er lebt so immer auch in einem Bewusstsein von der Endlichkeit. Und wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt, beschleunigt sie auch seine Zeit, seine Dichtung, seine kluge, hellwache Art, die Welt sich verständlich zu denken.

11. Februar

Am 11. Februar

  • 2017 findet zum 15. Mal der Tag der vietnamesischen Poesie statt. Ort: Tempel der Literatur, Hanoi. U.a. mit einem Gedicht- und Rezitationswettbewerb: Gedichte auf das Land, die Partei und Präsident Ho Chi Minh (1890-1969). Auch wird eine „Gedichtstraße“ eröffnet. Mehr

 

Leseecke 24

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

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MIne eye hath play’d the painter and hath steeld,
Thy beauties forme in table of my heart,
My body is the frame wherein ti’s held,
And perspectiue it is best Painters art.
For through the Painter must you see his skill,
To finde where your true Image pictur’d lies,
Which in my bosomes shop is hanging stil,
That hath his windowes glazed with thine eyes:
Now see what good-turnes eyes for eies haue done,
Mine eyes haue drawne thy shape, and thine for me
Are windowes to my brest, where-through the Sun
Delights to peepe, to gaze therein on thee
   Yet eyes this cunning want to grace their art
   They draw but what they see, know not the hart.

Einige Anmerkungen zum Text:

steeld stelled, a) gesetzt, gestellt b) gemalt, porträtiert; könnte aber auch mit steel zusammenhängen: gehärtet, gestählt

2 table (Bild)Tafel oder Notizbuch

3 ti’s ‚tis (it is)

perspectiue gesprochen pèrspective

5, 8 der Wechsel von thy zu you Zufall oder Absicht? In diesem Fall laut Plessow selbstgewisses Bekenntnis versus ungeschützte Nähe

glazed zweisilbig zu sprechen: glazèd

12 peepe peep, blicken gaze starren

13 cunning Können, Fähigkeit: lassen diese Fähigkeit vermissen

Deutsche Fassung von Karl Simrock:

Mein Auge wird zum Maler, und geschickt
 Malt es dein Bild in meines Herzens Tiefe.
 Der Rahmen ist mein Leib, durch den man blickt;
 Des Malers beste Kunst ist Perspektive.
Nur durch den Künstler schaut dein Herz hinein
 Und sieht dein wohlgetroffen Angesicht:
 Es hängt in meines Herzens Kämmerlein
 Und dies empfängt von deinen Augen Licht.
So schafft ein Aug dem andern Auge Wonne:
 Meins malt dein Bild, und deins in meiner Brust
 Dient mir als Fenster, wo hindurch die Sonne
 Zu blicken liebt und dich beschaut mit Lust.
  Ach, daß den Augen eine Kunst gebricht:
  Sie malen was sie schaun, die Liebe nicht.

Quellen

  • Q = Shake-speares Sonnets. Never before imprinted (1609) (Quelle der Originaltexte)
  • B = Benson, Poems: Written by Wil. Sh. (1640)
  • Burrow = W. Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems. Ed. Colin Burrow (Oxford World’s Classics), Oxford University Press, 2002
  • B/H = Shakespeare, The Sonnets. Hrsg. Raimund Borgmeier, Michael Hanke. Stuttgart: Reclam, 2006
  • Borgmeier = Shakespeare: The Sonnets. Die Sonette. Engl. u. in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Hrsg. Raimund Borgmeier. Stuttgart: Reclam, 1974

Wer kennt Ales Rasanau?

Wer kennt Ales Rasanau? Der bedeutendste zeitgenössische Dichter weissrussischer Sprache lebt zurückgezogen in Minsk, macht von seiner Person kein Aufhebens, schreibt jedoch beharrlich an seinem Œuvre, das mittlerweile rund zwei Dutzend Bände umfasst. Seine jüngste poetische Arbeit stellt einen Dialog mit den Schriften des Buchdruckers Franzisk Skaryna dar, der vor fünfhundert Jahren den Psalter ins Altbelarussische übertrug.

(…)

Obwohl er politische Inhalte mied, trugen ihm nach Lukaschenkos Machtübernahme 1994 einige allegorisierende Texte mit regimekritischem Unterton jahrelanges Publikationsverbot ein. Ab 1999 weilte Rasanau auf Einladung häufig in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo einige seiner Bücher in deutscher Übersetzung erschienen und wo er den Versuch unternahm, Kurzgedichte auf Deutsch zu schreiben. «Wortdichte» nannte er diese Miniaturen, die nun, durch neue Proben ergänzt, unter dem Titel «Von nah und fern» einen aparten Band der Minsker Werkausgabe bilden. Rasanau spielt so souverän auf den Registern der deutschen Sprache, dass es einem schwerfällt, ihn nicht als Muttersprachler anzusehen. Vor allem aber bleibt er sich auch in der Fremdsprache treu. / Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung

Ales Rasanau: Von nah und fern. Neue Wortdichte. Verlag Logvinau, Minsk 2016. 143 S.

Inselschreiber Sylt 2018 – „Wandel und Identität“

Die Sylt Foundation schreibt bereits zum 18. Mal das „Sylt-Quelle Literaturstipendium Inselschreiber“ für deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus.

Das Stipendium beinhaltet einen acht Wochen langen Aufenthalt auf der Insel Sylt. Neben kostenfreiem Wohnen in einem komfortablen 2-Zimmer-Appartment auf dem reizvollen Gelände der Sylt-Quelle in Sylt/Rantum umfasst das Stipendium eine einmalige Zahlung von 2.000 Euro. Während des Stipendiums besteht Präsenzpflicht.

Bewerben können sich deutschsprachige Autor/innen, die bereits in Buchform publiziert haben, unabhängig von Alter, Wohnsitz oder Staatsangehörigkeit. Publikationen im Selbstverlag/Selbstzahlerverlag sowie Beiträge in Anthologien erfüllen die Voraussetzung nicht. Der Bewerbung hinzuzufügen sind ein Lebenslauf und ein noch unveröffentlichter Essay oder eine noch unveröffentlichte Erzählung von ca. 4 DIN A4 Seiten Länge. Mit der Teilnahme am Wettbewerb willigen die Bewerber/innen ein, dass der Gewinnertext auf der Website der Stiftung veröffentlicht wird. Die Rechte am Text bleiben beim Autor/der Autorin.

Thema des Essays / der Erzählung 2018: „Wandel und Identität“

Die Bewerbungsunterlagen bitte nur per Mail (max. 9 MB) an:
inselschreiber@syltfoundation.com, Stichwort: Inselschreiber.

Bewerbungsschluss ist der 5. Juni 2017.

Über die Vergabe des Sylt-Quelle Literaturstipendiums entscheidet eine unabhängige Jury in einem zweistufigen Auswahlverfahren. Der Preisträger / die Preisträgerin wird im Juli bekannt gegeben.

Die bisherigen Gewinner waren André Georgi, Uwe Kolbe, Britta Boerdner, Jan Brand, Katharina Hartwell, Petra Morsbach, Gunther Geltinger, Gernot Wolfram, Judith Kuckart, Franzobel, Jan P. Bremer, Jenny Erpenbeck, Thomas Hettche, Juli Zeh, Feridun Zaimoglu, Moritz Rinke, Terézia Mora.


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  • Ausschreibung
    Ausschreibung

Eleven Eleven 21

Eleven Eleven 21
Hugh Behm-Steinberg, Editor

Poetry. Fiction. Drama. Literary Nonfiction. California Interest. Asian & Asian American Studies. African & African American Studies. Latino/Latina Studies. Native American Studies. Jewish Studies. Middle Eastern Studies. Women’s Studies. Gay. Lesbian and Transgender Studies. Art.

Featuring poetry by Frank Lima, Michael McClure, K. Lorraine Graham, Dong Li, Jennifer Elise Foerster, Heather Bourbeau, Cole Swensen, Erín Moure, Mónica de la Torre, Dan Encarnacion, Rajiv Mohabir, Laura Da‘, Jesse Nissim, Shamala Gallagher, nick johnson, Marcela Sulak, Joshua Merchant, Paula Cisewski, Will Alexander, and Chloé Veylit;

Prose by Shizue Seigel, Katie Farris, J.K. Fowler, Lisa Locascio, Sequoia Nagamatsu, Harrison Candelaria Fletcher, Lucas Church, Sonya Huber, Jennifer Zeynab Maccani, Joel Hans, Tessa Mellas, Deborah Steinberg, Na’amen Gobert Tilahun, Rochelle Spencer, Janet Towle, Kevin A. Thayer, Sandy Yang, Tom Pyun, Jenny Bhatt, Megan Padilla, and Erika T. Wurth;

Translations and adaptations of Sara Tuss Efrik (Johannes Göransson), Laura Cesarco Eglin (Jesse Lee Kercheval & Catherine Jagoe), Surah al-Jinn (Adam al- Sirgany), Marosa di Giorgio (Jeannine Marie Pitas), The Chemical Wedding by Christian Rosencreutz (Adapted by John Crowley), Minerva Reynosa (Stalina Emmanuelle Villarreal), Elisa Biagini (Gregory Conti), Uri Zvi Greenberg (Leonard Kress), Philippe Soupault (Alan Bernheimer), Shuzo Takiguchi (Mary Jo Bang & Yuki Tanaka), Maruxa Vilalta (Alia Volz), Dalthon Pineda (Jake Sandler), Abraham Sutzkever (Maia Evrona), Dashdorjiin Natsagdorj (Ottilie Mulzet), Kazuko Shiraishi (Yumiko Tsumura), Florencia Castellano (Alexis Almeida), and Nhã Thuyên (Kaitlin Rees);

Plays by Erik Ehn and Zakiyyah Alexander; Art by Joshua Lee, Cianna Valley, Hyeyoung Kim & Arlo Keo Valera, Devin Leonardi, Ellen Kooi, Jason Adkins, Fran Herndon, Mequitta Ahuja, Paper Buck, Max Papeschi, Samuel Ribitch Martin, and Shannon Ebner;

Reviews of IF, by Nicholas Bourbaki (Emily Swaim), PRESENTIMIENTO: A LIFE IN DREAMS by Harrison Candelaria Fletcher (Sonja Swift), Know The Mother by Desiree Cooper (Audrey T. Williams), and MOSS-HAIRED GIRL: THE CONFESSIONS OF A CIRCUS PERFORMER: By Zara Zalinzi: Annotated by Joshua Chapman Green by R.H. Slansky (Nathan Freeman);

Plus an interview with John Crowley by Will Waller, and excerpts from the diaries of Lola Ridge, afterword by Terese Svoboda.

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Pub Date:9/14/2016
Publisher: Eleven Eleven
Product Number:24304
ISBNNo ISBN
SKU #: H11G

Binding:PAPERBACK
Pages:248
Weight1 lbs.0 oz.
Quantity Available: 23
Price:
$ 12.00

L&Poe ’17-05

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound.  In der heutigen Ausgabe: Scho, Hansen, Huidobro, Söllner, Shakespeare, Harry Mathews, Rinck und manches andere. Lesen!

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Die Themen in dieser Ausgabe

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Das neue Gedicht

Sabine Scho

alligator

man stelle sich einfach vor
man habe diesen alligator
dieses krokodil, ich frag’
besser den kurator (später)
als farbenblindes, oder nur
mit einem schwarzweiß-tv
auf diesen schrank hier, dabei
fällt mir ein, es müsste wie
bei dickinson sein, wir
sperren es gleich da rein
regeln die temperatur hoch
und backen uns eins aus
blätterteig, schicht um schicht
krokodile häuten sich nicht
die schuppen sich auf
mit fingergleichen tastorganen
fingern sie nach den häppchen
baklava. das sieht nur nicht
ganz so filigran wie hier
beschrieben aus, ich such’
sofort den kanal, dann alles
nochmal in zeitlupe

 

 

 

 

 

Die Tastsinnrezeptoren sind bei Krokodilen höher entwickelt als bei allen anderen Reptilien. Sie liegen in der Unterhaut und erreichen die Sensibilität menschlicher Fingerspitzen, sind allerdings über den ganzen Krokodilkörper verteilt. Mit ihnen nehmen sie Druckwellen wahr
und spüren so unter anderem ihre Beute auf.

Emily Dickinson

They shut me up in Prose –
As when a little Girl
They put me in the Closet –
Because they liked me “still” –

Still! Could themself have peeped –
And seen my Brain – go round –
They might as wise have lodged a Bird
For Treason – in the Pound –

Himself has but to will
And easy as a Star
Abolish his Captivity –
And laugh – No more have I –

(ca. 1862)

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Mit freundlicher Genehmigung aus: Sabine Scho. Andreas Töpfer. The Origin of Senses. An Intervention. Museum für Naturkunde Berlin 2015, S. 20

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Hansens Flaschenpost

Eine neue Kolumne von Dirk Uwe Hansen

hansen1In diesem Sinne leicht ist das Übersetzen von Gedichten für mich häufig dann, wenn das Zwischen-den-Wörtern mir klar zu sein scheint. Dann muss ich, wie ein Regisseur, dem ein guter Plot vorliegt, nur noch ein Ensemble geeigneter Wörter zusammensuchen und sie mit etwas diplomatischem Geschick dazu bringen, im Sinne dieses Plots miteinander zu agieren. Ich idealisiere. Aber manchmal klappt das wirklich so.
Aber wenn die Wörter sich vordrängeln, und ich, noch ehe ich weiß, was auf der Bühne passieren soll, mit dem fertigen Ensamble konfrontiert bin, dann wird die Sache schwierig. Denn auch wenn ich brav griechische Vokabeln gelernt habe, und mir auch eine Reihe von Wörterbüchern zur Verfügung stehen: Da werden aus harmonischen Paaren erbitterte Gegner, die, kaum in der Zielsprache angekommen, wie Eteokles und Polyneikes einander an die Gurgel gehen, oder aus erbitterten Gegnern harmonische Langweiler, die einander müde anschnarchen, oder die Ensemblemitglieder kümmern sich überhaupt nicht umeinander und erfinden jeder für sich neue Handlungen. Hier gehts zum kompletten Text
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Sprechenmüssen

Alexandru Bulucz: Deine Zeilen „Freiheit, wort- / los zu sein! // Als sei jenseits der Sprache / eine andere, flüssige Welt.“ („Seestück“) kann man auch mit dem verstehen, was du soeben gesagt hast: Wir müssen gar nichts. Als ich deine Zeilen gelesen habe, dachte ich vielmehr an Celans berühmtes Gedicht „Fadensonnen“: „Fadensonnen / über der grauschwarzen Ödnis. / Ein baum- / hoher Gedanke / greift sich den Lichtton: es sind / noch Lieder zu singen jenseits / der Menschen.“

Werner Söllner: Wenn du Celan erwähnst, fühle ich mich fast auf Metaphysisches verwiesen, und dann fühle ich mich ein bisschen klein. Ich selber habe nichts Metaphysisches im Sinn. Ich habe mich jahrelang dazu verpflichtet gefühlt, zu sprechen, zu schreiben. Das hat in der Jugend angefangen. Das Schreiben, auch das Nachdenken über Schreiben und Sprechen, hat oft in der Gruppe stattgefunden, im Freundeskreis, im Kollegenkreis. Sprechen war wie eine moralische Verpflichtung, eine moralische Selbstverpflichtung. Das war aber nicht nur in der Jugend so, die ich in einer Diktatur verbracht habe, wo man auch nachvollziehen kann, dass Sprechen, das Sprechen gegen die Diktatur, so etwas wie eine moralische Verpflichtung sein kann. Ich habe auch in den Jahren danach das Sprechen und das Schreiben als ein Muss teilweise praktiziert, teilweise empfunden. Dieses Sprechenmüssen gibt es auch hier unter ganz anderen Voraussetzungen. Hier hat es etwas mit dem Kommerz zu tun. Man muss andauernd im Gespräch sein, man muss andauernd liefern, man muss präsent sein, wenn man berufsmäßig schreibt oder diesen Beruf ausübt, man muss andauernd artikulieren bis zum Gehtnichtmehr. Was passiert, wenn man unter diesen Voraussetzungen vielleicht ganz normal nur eine Phase erlebt, in der man einfach Lust hat, die Schnauze zu halten. Im Extremfall ist man beruflich tot.

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Gestorben
  • Am 28.1. meldete die Rheinische Post, daß Hans Braam (Jg. 1939) in Kleve verstorben ist. „Dreißig Jahre hat er am Ende an seiner Statistik gearbeitet, etwa 60.000 Gedichte von circa 6.000 Autoren in nahezu 600 Anthologienbänden wurden erfasst, von denen ungefähr 20.000 Texte mehrfach belegt sind … Seine Datenbank ist am Deutschen Literaturarchiv Marbach angesiedelt.
  • Am 27. starb der österreichische Theatermacher und Dichter Ernst M. Binder (64) (ORF)

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Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #23: AS an vnperfect actor on the stage, deutsch von Eduard Saenger: Dem schlechten Spieler auf der Bühne gleich

shaksperssongs

Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

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Begriffsstudio

12 von 4160 Begriffen aus dem Begriffsstudio von Monika Rinck, Supplement zur Dezemberliste, Stand (27) Jan 2017,

  • 4140     leichtfertige Hirsche im Äther weidend
  • 4141     Schwere, Schere, Schurke
  • 4142     Hauptstraße des Seelengartens
  • 4143     der durchsiebte Elefant
  • 4144     von Käse, Pistazien und Sirup trunken
  • 4145     Schwarmgeisterei
  • 4146     katastrophenblindes Vertrauen auf Kulturharmonie
  • 4147     munter, kühl und gesättigt
  • 4148     das eintägige Laub
  • 4149     Lauben mit Amoretten
  • 4150     der schmelzende Wohllaut O
  • 4151     Schabernack mit Maulbeersaft

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Harry Mathews †

Mr. Mathews, an idiosyncratic novelist, poet, essayist, translator and self-described refugee from an upper floor of an apartment building on the Upper East Side of Manhattan, died on Jan. 25 in Key West, Fla., after decades of confounding critics and captivating readers. He was 86. (…)

Since his first book was published, in 1962, when he was 32 and living in Paris, he had become a cult figure, more so to non-English-speaking fans abroad than in his native United States. In its interview with him, The Paris Review said Mr. Mathews “rightfully belongs to the experimentalist tradition of Kafka, Beckett and Joyce.” / New York Times

Ein Artikel in der Zeit vom 11.9. 1992
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Neue Zeitschriften
  • Lettre International 115. Winter 2016. Trumps Amerika. Donald Trump hatte sich als erigierter Phallus beworben, als sexuell aggressiver Mann, der die Regeln verletzen, unsere Feinde zerschmettern und Amerika wieder stark machen könne. – Im Posthistoire werden die Visionäre durch Manager ersetzt, fleißige Arbeitsgruppen nähmen die Rolle der Gründerväter ein. Jede Vernunfttätigkeit, die dem pragmatischen Prinzip widerspreche, stehe als l’art pour l’art und Orchideenwissenschaft unter Generalverdacht. – Lange Gedichte von Vicente Huidobro und Yang Lian. – Der Staat, der einen unerklärten Krieg führt, steht vor demselben Problem wie der klassische Mörder: Wohin mit der Leiche? (Die russische Autorin Oksana Timofejewna über den Krieg ihres Landes gegen die Ukraine) Mehr hier
  • Weimarer Beiträge 4/2016. Gerd Irrlitz: Erkennen – Beschreiben – Abbilden. Diagramme als Darstellungs- und Fortbildungaweise von Erkenntnissen. Zu John Bender, Michael Marrinan: Kultur des Diagramms

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Kurz gesagt
  • I’ve always felt that I’ve written poetry more by not writing it than writing it. Elizabeth Bishop More
  • If “Neruda is the great river” that Chile doesn’t have, then Zurita is its current. He is the poem that man will contemplate at the far edge of paradise. / Nathalie Handal, Prairieschooner

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Kurz berichtet
  • Nach über 50 Jahren schließt Katharina Wagenbach-Wolff aus Altersgründen Ende März 2017 ihren Verlag Friedenauer Presse, wie sie mitteilt. Mehr
  • Im Rahmen der 67. Wangener Gespräche hat der frühere Hanser-Verleger Michael Krüger den Eichendorff-Literaturpreis entgegengenommen. Die Auszeichnung ist mit 5.000 Euro dotiert. / Börsenblatt
  • Ansicht der leuchtenden Wurzeln – Die erste Lyrikanthologie aus allen vier Literaturinstituten – Leipzig, Hildesheim, Biel, Wien erscheint beim Poetenladen
  • Zeichnungen von Rimbaud stehen bei Sotheby’s zur Auktion (hier eine französische Nachricht mit Faksimile eines frühen Comics von Rimbaud)
  • Tehran-born poet Kaveh Akbar began tweeting out poetry written by poets from the seven countries — Iran, Libya, Yemen, Sudan, Somalia, Iraq, and Syria — impacted by President Donald Trump’s executive order that temporarily bans immigrants from those countries. / More
  • Über den Großen Tag der jungen Münchner Literatur berichtet die Süddeutsche Zeitung
  • 42 Dichter aus 16 Ländern stehen auf der Shortlist des Wettbewerbs „Prinz der Poeten“ in Abu Dhabi / The Gulf Today
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Lyrikkalender

Zum Lyrikkalender gehts hier. Wintermitte. Zum 70. Todestag Hans Falladas am 5. gibt es im Geburtshaus in Greifswald, Steinstraße 58, ein Festival vom 3.-5.
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Rückblende: Dezember 2001

Christian Saalberg, Thomas Kling und Richard Anders leben. Léopold Sédar Senghor stirbt und viele Deutsche haben ihre Probleme mit dem „Neger“. Viel Traum (Draesner, Rinck), Halluzinogenes (Anders) sowie Liebeswahn (Lavant). Die Dichter haben immer recht (sogar Stalin zögert einen Moment), aber die Dichtung wirft nicht viel ab., Dies und mehr hier.
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Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie

Werte wackeln – Wünsche werden immer dringlicher

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02-08

Am 8. Februar

In Slowenien ist Prešerentag (siehe unter 1849)

  • 1487: Ulrich, Herzog von Württemberg *. „Da nemlich ist Ulrich / Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt, / Ein groß Schicksaal / Bereit, an übrigem Orte.“ (Hölderlin: Der Winkel von Hahrdt)
  • 1552: Agrippa d’Aubigné, französischer Dichter und Soldat † (* 1630)
  • 1612: Samuel Butler, englischer Dichter und Satiriker *. Witzigerweise ist sein Taufdatum und -jahr (!)  Gegenstand gelehrten Streits: „His date of birth is unknown, but there is documentary evidence for the date of his baptism of 14 February.The date of Butler’s baptism is given as 8 February by Treadway Russell Nash in his 1793 edition of Hudibras. Nash had already mentioned Butler in his Collections for a History of Worcestershire(1781), and perhaps because the latter date seemed to be a revised account, it has been repeated by many writers and editors. However, The parish register of Strensham records under the year 1612: „Item was christened Samuell Butler the sonne of Samuell Butler the xiiijth of February anno ut supra“. Lady Day, 25 March, was New Year’s Day in England at the time, so the year of his baptism was 1613 according to the modern Gregorian calendar. (Wikipedia)
  • 1750: Aaron Hill, englischer Dichter † (* 1685)
  • 1794: Agnes Franz, schlesische Schriftstellerin *
  • 1795: Moritz Gottlieb Saphir, österreichischer Schriftsteller *. 1827 gründete er in Berlin die literarische Gesellschaft „Tunnel über der Spree“ nach dem Vorbild der Ludlamshöhle, der er in Wien angehört hatte.
  • 1819: John Ruskin, einflußreicher englischer Schriftsteller, Kunstkritiker * (†1900)
  • 1819: Carl Friedrich Wilhelm Jordan, deutscher Schriftsteller und Politiker *
  • 1822: Hermann Grieben, deutscher Journalist und Dichter *. Ostsee-Zeitung in Stettin,  Lübeckische Zeitung, Pommersche Zeitung in Stettin, Kölnische Zeitung.  Ernst Moritz Arndt von Rügen. Beitrag zum Arndt-Denkmal auf dem Rugard. 1869. (Gedichte)
  • 1822: Maxime Du Camp, französischer Schriftsteller *. Les convulsions de Paris (1875/79, 4 Bde.) – Chants modernes. Gedichte (1860) – Les convictions. Gedichte (1858) – Chants de la matière. Gedichte (1860)
  • 1828: Jules Verne, französischer Schriftsteller * († 1905)
  • 1834: Dmitri Iwanowitsch Mendelejew, russischer Chemiker * (27. Jan. alten Kalenders). Schuf das Periodensystem der Elemente. Oskar Pastior: Das Periodische System (1955), Zitat: „…Beli Boku / Stisa Flune / Namagalsi Phoschwehklar…“ (Berillium, Lithium, Bor, Kupfer, Stickstoff, Sauerstoff, Fluor, Neon)
  • 1835: Zacharie Astruc, französischer Kunstkritiker, Journalist, Dichter, Komponist, Maler und Bildhauer *
  • 1849: France Prešeren, slowenischer Dichter † (* 1800). Gilt als Nationaldichter.  Der Text der Nationalhymne stammt von ihm. Schrieb auch deutsche Gedichte. Deutsche Dichtungen, herausgegeben von Wilhelm Baum (Reihe Tangenten). Kitab, Klagenfurt 1999. Preširenklänge (1880) (Lyrikzeitung)
  • 1882: Mary S. B. Dana, US-amerikanische Schriftstellerin †
  • 1892: Ralph Chubb, britischer Dichter, Drucker und Künstler *
  • 1908: Emil Staiger, Schweizer Professor der Germanistik an der Universität Zürich *. Grundbegriffe der Poetik (1946), Die Kunst der Interpretation (1955). Nach 1945 lange Zeit der „Papst“ der (textimmanenten) Literaturwissenschaft. „Begreifen was uns ergreift“. Demontierte sich selber mit einer Generalattacke auf die Moderne bei einer Rede in Zürich 1966 („Zürcher Literaturstreit“). (Lyrikzeitung)
  • 1911: Elizabeth Bishop, US-amerikanische Schriftstellerin * († 1979) (Lyrikzeitung)
  • 1911: Gustaf Fröding, schwedischer Lyriker †
  • 1914: Adam Trabert, deutscher Schriftsteller und Jurist †. Deutsche Gedichte aus Österreich, 1. Bd. Schwertlieder eines Friedsamen, 1888, 2. und 3. Bd., 1889
  • 1915: Nagatsuka Takashi, japanischer Schriftsteller †.
  • 1916: Gustav Falke, deutscher Schriftsteller †
  • 1920: Richard Dehmel, deutscher Dichter und Schriftsteller † (Lyrikzeitung)
  • 1921: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, russischer Anarchist, Geograph und Schriftsteller †
  • 1922: Erika Burkart, Schweizer Schriftstellerin * (Lyrikzeitung)
  • 1926: Neal Cassady, US-amerikanischer Autor, Beatnik *
  • 1930: Eva Strittmatter, deutsche Dichterin * (Lyrikzeitung)
  • 1940: Hans Ostwald, deutscher Journalist und Schriftsteller †. Rinnsteinsprache, Berlin 1906 – Das Berliner Dirnentum, 10 Bände, Leipzig 1905–1907 – Hrsg. Lieder aus dem Rinnstein, 3 Bände, Leipzig/Berlin 1903, 1904, 1906
  • 1943: Pirzada Qasim, pakistanischer Dichter (Urdu) *
  • 1944: Alfons Paquet, deutscher Autor †
  • 1950: Gründung der Stasi in Ostberlin (Biermann: Die Stasi ist mein Eckermann https://youtu.be/v2K47KkZc_M)
  • 1952: Das Statistische Bundesamt teilt mit, dass 9,6 Millionen Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland leben.
  • 1959: Josef Friedrich Perkonig, österreichischer Schriftsteller †. „„In mir selbst wirkt aus den Ahnen väterlicherseits ein leiser Tropfen slawischen Blutes“ oder „…zu deutscher Seele hin ist mein Sinn gerichtet, slawischer Seele aber weiß ich nachzuspüren“. Perkonig erläutert vor allem die Menschen und Landschaften des österreichisch-slowenischen Grenzgebiets: „Als ein Dichter des deutschen Grenzlandes weiß ich wohl, daß ich für mein Volk auf Vorposten stehe, daß ich ein Vermittler sein muß zwischen Drüben und Herüben.“ Man betrachtet sein schriftstellerisches Tun als Beginn der eigenständigen Kärntner Dichtung. Er gilt indes vor allem als „Dichter eines ganzen, ungeteilten Kärnten, der in der Sprache des deutschen die Geheimnisse und Schönheiten des slowenischen preist““ (Wikipedia) Außerdem NS-Sympathisant und -Propagandist.
  • 1960: J. L. Austin, englischer Philosoph und Linguist † (* 1911). Sprechakttheorie. How to Do Things with Words.
  • 1962: August Lämmle, schwäbischer Mundartdichter †
  • 1986: Ishizuka Tomoji, japanischer Haikudichter t
  • 1998: Halldór Laxness, isländischer Schriftsteller, Nobelpreisträger †
  • 1999: Iris Murdoch, anglo-irische Schriftstellerin †
  • 2000: Angelika Mechtel, deutsche Schriftstellerin †
  • 2016: Margaret Forster, englische Autorin † (* 1938)
  • 2016: Nida Fazli, indischer Dichter und Liedermacher † (* 1938)

10. Februar

Am 10. Februar

  • 1126: Wilhelm IX., Herzog von Aquitanien (Guillaume IX de Poitiers) * Hier sein heute berühmtestes Lied „Ich mach ein Lied aus reinweg nichts“ (Textkette | Lyrikgeschichte mit der Fassung Norbert Langes)
  • 1609: John Suckling, englischer Dichter * († 1642)
  • 1685: Aaron Hill, englischer Dichter * (†1750)
  • 1695: Daniel Triller, deutscher Mediziner und Schriftsteller *
  • 1729: Johann von Besser, deutscher Dichter †
  • 1775 – Charles Lamb, englischer Schriftsteller * († 1834)
  • 1837: Alexander Puschkin, russischer Dichter † (* 1799) (Lyrikzeitung)
  • 1847: Nabinchandra Sen, bangladeschischer (indischer) Dichter * († 1909)
  • 1878: Katayama Hiroko, japanische Lyrikerin und Übersetzerin *
  • 1888: Giuseppe Ungaretti, in Ägypten geborener italienischer Dichter * († 1970) „Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches“ (Lyrikzeitung)
  • 1890: Boris Pasternak, russischer Dichter, Literaturnobelpreis * († 1960) (Lyrikzeitung)
  • 1898: Bertolt Brecht * († 1956) (Lyrikzeitung | Textkette)
  • 1899: Archibald Lampman, kanadischer Lyriker †
  • 1906: Anton Hermann Albrecht, deutscher evangelischer Theologe und Dichter †
  • 1909: Min Thu Wun, myanmarischer Dichter, Wissenschaftler und Politiker * († 2004)
  • 1921: Margarete Hannsmann, deutsche Schriftstellerin *
  • 1934: Kareen Fleur Adcock, britisch-neuseeländische Dichterin und Übersetzerin *
  • 1938: Aleksander Majkowski, kaschubischer und polnischer Autor †. Studierte 1900-1901 in Greifswald Medizin, wurde wegen patriotischer Betätigung für Polen der Universität verwiesen und studierte in München weiter.
  • 1952: Macedonio Fernández, argentinischer Schriftsteller †
  • 1956: Leonora Speyer, amerikanischer Dichter und Musiker † (* 1872)
  • 1961: Jakub Deml, tschechischer Priester und Dichter †
  • 1966: Renata Przemyk, polnische Liedermacherin *
  • 1975: Nikos Kavvadias, griechischer Dichter und Seemann † (* 1910)
  • 1995: Paul Monette, amerikanischer Schriftsteller und Aktivist † (* 1945)
  • 2005: Arthur Miller, US-amerikanischer Schriftsteller †

02-07

Am 7. Februar

  • 1127: Frau Ava, Ava von Göttweig, erste namentlich bekannte deutschsprachige Dichterin †. (Lyrikzeitung | Textkette)
  • 1478: Thomas Morus, englischer Staatsmann, Philosoph und Autor *. Katholischer Märtyrer, Luthergegner. Utopia.
  • „Anfang Februar 1497 ließ Savonarola große Scharen von Jugendlichen und Kindern („fanciulli“) durch Florenz ziehen, die im Namen Christi alles beschlagnahmten, was als Symbol für die Verkommenheit der Menschen gedeutet werden konnte. Dazu zählten nicht nur heidnische Schriften (oder solche, die von Savonarola dazu gezählt wurden) oder pornographische Bilder, sondern auch „Luxusgegenstände“ wie Gemälde, Schmuck, Kosmetika, Spiegel, weltliche Musikinstrumente und -noten, Spielkarten, aufwändige Möbel oder teure Kleidungsstücke. Teilweise lieferten die Besitzer diese Dinge auch selbst ab, sei es aus tatsächlicher „Reue“ oder aus Angst vor Repressalien. Am 7. Februar 1497 und am 17. Februar 1498 wurden all diese Gegenstände auf einem riesigen Scheiterhaufen auf der Piazza della Signoriaverbrannt. Der Maler Sandro Botticelli warf einige seiner Bilder selbst in die Flammen.“ (Wikipedia)
  • 1529: Baldassare Castiglione, italienischer Höfling und Schriftsteller †. „so erwidere ich, daß alles, was die Männer begreifen können, auch von den Frauen begriffen werden kann und daß, wohin der Verstand des einen dringt, der der anderen auch dringen kann.“ Schrieb auch Liebessonette.
  • 1603: Bartholomäus Sastrow, deutscher autobiographischer Schriftsteller † in Stralsund. Geboren 1520 in Greifswald. Bürgermeister von Stralsund.
  • 1637: Mit dem Ende der großen Tulpenmanie in den Niederlanden kommt es zum ersten „Börsencrash“ der Geschichte. Der Handel stoppt gänzlich, die Preise fallen um über 95 %. Vgl. Bertram Reinecke: Andreas Gryphius im Jahre 1638, als er sahe, wie sie zu Holland Tulipan for Gold genommen… In: Sleutel voor de hoogduitsche spraakkunst. Roughbook 019 (2012)
  • 1775: Johann Diederich Gries, deutscher Übersetzer (Tasso, Ariost) *. „Lieber gute Übersetzungen als mittelmäßige Gedichte“
  • 1802: Johann Nepomuk Vogl, österreichischer Schriftsteller *. Balladen. Schnadahüpfeln. Ein Beitrag zur österreichischen Volkspoesie (1860)
  • 1809: Frederik Paludan-Müller, dänischer Schriftsteller *
  • 1823: Ann Radcliffe, britische Schriftstellerin †. (* 1764). Ode to Terror, 1810. Pionierin des Gothic Novel und „erste Poetin der Liebesromane“ (Walter Scott). Schrieb auch Gedichte (Textkette)
  • 1834: Estanislao del Campo, argentinischer Dichter und Journalist *
  • 1841: Hermann Menge, deutscher Altphilologe, Bibelübersetzer (Menge-Bibel) *
  • 1864: Vuk Karadžić, Serbischer Dichter, Philologe, Sprachreformer † (* 1787). Propagierte ein Großserbien „überall, wo serbische Sprache gesprochen wird“, also Kroatien und Bosnien eingeschlossen. Volkslieder der Serben. Metrisch übersetzt und historisch eingeleitet von Talvj. 1825 ff. – Serbische Volkslieder. Aus dem Serbischen. Teile einer historischen Sammlung. Gesammelt und hrsg. von Vuk Stefanović Karadžić. Übersetzt von Talvj. Ausgewählt und mit einem Nachwerot versehen von Friedhilde Krause. Reclam, Leipzig 1980.
  • 1867: Laura Ingalls Wilder, US-amerikanische Schriftstellerin (Our little Farm) *. „If I would have been an Indian, I think I would have scalped more white folks“
  • 1889: Ludwig Winder, österreichischer Schriftsteller und Literaturkritiker *. Gehörte zum „Prager Kreis“. Sein Theaterstück „Die Frau ohne Eigenschaften“ diente Robert Musil zur Vorlage für seinen Roman.
  • 1904: Emil Rosenow, deutscher Schriftsteller, Reichstagsabgeordneter †
  • 1904: Ernst Ginsberg, deutscher Schauspieler, Regisseur, Schriftsteller, Theaterleiter *. Litt an Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). „Als er sich schon nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen konnte, diktierte er seiner Pflegerin noch, mit Hilfe des Morsealphabets, mit den Augenlidern Gedichte.“ (Wikipedia)
  • 1910: Max Bense, Physiker, Philosoph, Schriftsteller *. Theoretiker der Konkreten Poesie. Stuttgarter Gruppe. „Bense bekannte sich ausdrücklich dazu, Rationalist und Atheist zu sein; er entwarf eine Informationsästhetik, die darauf angelegt war, ihre Urteile auch statistisch zu fassen und empirisch zu begründen. Er liebte es, im Radio und im Fernsehen diskussionsfreudig aufzutreten, rhetorisch kühn zu pointieren und sich auch essayistisch an eine breitere Öffentlichkeit zu wenden. Er war einer der führenden Köpfe in der Literatur- und Kunstszene der ›experimentierenden‹ Avantgarde jener Jahre, veranstaltete Ausstellungen und Lesungen und schrieb selber ›experimentelle Texte‹. CDU-Politiker in Stuttgart fühlten sich von ihm so provoziert, dass sie der TH Stuttgart eine zweite Philosophie-Professur bewilligten, unter der Auflage, dass sie mit einem christlich orientierten Philosophen zu besetzen sei. (So kam Robert Spaemann nach Stuttgart, dem freilich nur allzubald von der Universität München ein größerer Wirkungskreis mit Erfolg angeboten wurde). Helmut Kreuzer (Lyrikzeitung)
  • 1925: Herbert Eisenreich, österreichischer Schriftsteller *
  • 1929: Alejandro Jodorowsky, chilenischer Regisseur, Schauspieler und Autor *. „1975 begann Jodorowsky mit der Arbeit an der Verfilmung von Frank Herberts Roman Der Wüstenplanet. Nach Jodorowskys Ideen sollte der Film zehn Stunden lang sein und sah Orson Welles, Salvador Dalí und Gloria Swanson als Darsteller vor. Die Filmmusik sollte von Pink Floyd und der französischen Musikgruppe Magma, jeweils eine der beiden Bands sollte eines der Herrscherhäuser repräsentieren, die Ausstattung von HR Giger stammen. Als sich die Geldgeber aus dem Projekt zurückzogen, wurde David Lynch mit der Verfilmung beauftragt.“ (Wikipedia)
  • 1935: Heinz Czechowski, deutscher Lyriker * (Lyrikzeitung)
  • 1937: Doris Gercke, deutsche Krimi-Schriftstellerin (Bella Block) * in Greifswald
  • 1938: Friedrich Karl Barth, deutscher Pfarrer und Liedautor *
  • 1940: Christopher John Arthur, britischer Philosoph und Autor *. „Er vertritt die sogenannte „Homologiehypothese“ („Homology Thesis“), nach der sich die dialektischen Methoden von Marx und Georg Wilhelm Friedrich Hegel von der Form her gleichen, aber auf unterschiedlichen ontologischen Ebenen befinden. Die reale Bewegung des Austausches, wie sie Marx in Das Kapital darstellt modelliere demnach die selbstbewegenden Gedankenformen aus Hegels idealistischer Theorie.“ (Wikipedia)
  • 1940: Julius Wahle, österreichischer Literaturwissenschaftler †. Leiter des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar. Mitarbeiter an der Weimarer Ausgabe von Goethes Werken. 1933 als Jude zum Austritt aus der Goethe-Gesellschaft gezwungen.
  • 1941: Kevin Crossley-Holland, englischer Dichter, Kinderautor *
  • 1947: Ruth Aspöck, österreichische Schriftstellerin *. Gedichtet. Prosaische Lyrik (1995)
  • 1948: Friedrich Ach,  fränkischer Mundartautor *
  • 1955: Alban Nikolai Herbst, deutscher Schriftsteller *
  • 1957: Lioba Happel, deutsche Schriftstellerin  *
  • 1969: Alma Rogge, deutsche Schriftstellerin †
  • 1971: 66 % der Schweizer stimmen für die Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen auf Bundesebene.
  • 1972: Walter von Sanden-Guja, deutscher Schriftsteller, Naturforscher, Fotograf †
  • 2008: Frank Geerk, deutscher Dichter †

Lyrikkalender 6-2017

Am Sonnabend, 4.2.

Wintermitte. Aßmann von Abschatz, Bellman, Ulrike von Levtzow, Jacques Prévert, Dietrich Bonhoeffer, Neal Cassady u.a. hier

Am Sonntag, 5.2.

Hans Fallada (70. Todestag), Lou Andreas-Salomé (80. Todestag). Runebergtag in Finnland u.v.a. hier

Am Montag, 6.2.

Nationaler Tag der Samen. Zwei politische Antipoden haben an diesem Tag Geburtstag: Der Pole Julian Ursyn Niemcewicz (* 1757) schrieb ein verschwörungstheoretisches Buch über eine organisierte „jüdische Verschwörung“ gegen Polen. Der deutsche und jüdische Schriftsteller Saul Ascher (* 1767) schrieb gegen die mit Namen wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahr verbundene völkische und antisemitische Ideologie an und bemerkte hellsichtig, dass nach der Verdammung der Philister und Juden nun „Indier, Mohammedaner, Chinesen und ungläubige Barbaren an die Reihe kommen“. Mehr hier

Am Dienstag, 7.2.

Botticelli verbrennt seine pornographischen Bilder. Baldassare Castiglione glaubt, daß alles, was Männer begreifen, auch Frauen begreifen können. 66% der Schweizer stimmen ihm 450 Jahre später zu. Max Bense, Alejandro Jodorowsky und viele andere hier.

Am Mittwoch, 8.2.

Prešerentag (Slowenien). France Prešeren, Samuel Butler, Arndt von Rügen? Eva Strittmatter und Austin mehr hier

Am Donnerstag, 9.2.

Der größte tschagataiische Dichter, der wichtigste moderne japanische Dichter, der Erneuerer des englischsprachigen Theaters und wichtigste irische Dichter… und andere Koryphäen und Kuriositäten hier Plus: 90. Geburtstag von Rainer M. Gerhardt

Am Freitag, 10.2.

Geburtstag Bertolt Brechts und des ersten Trobadors Wilhelm IX. von Aquitanien („Ich mach ein Lied aus reinweg nichts“). Außerdem von Giuseppe Ungaretti, Boris Pasternak und Margarete Hannsmann. Und der 180. Todestag Alexander Puschkins. Mehr hier