Abenteuer der deutschen Grammatik

Yoko Tawada

Die japanisch-deutsche Schriftstellerin wurde am 23. März 1960 geboren.

4 Seiten aus: Yōko Tawada: Abenteuer der deutschen Grammatik. Gedichte. Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2010



Über Zentauren

Zuzanna Ginczanka, ursprünglich Zuzanna Polina Gincburg oder Zuzanna Pola Gincburżanka, * 22. März 1917 in Kiew, dam. Russisches Kaiserreich; † Dezember 1944 in Krakau, war eine polnische Lyrikerin. Sie wurde von der Gestapo verhaftet, gefoltert und erschossen.

Aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin: Aufbau, 1975

Gefährliche Dichter

ʿAsmāʾ bint Marwān (Asma, Tochter des Marwan) war eine jüdische Dichterin (nach anderen Berichten eine arabische Konvertitin) in Medina zur Zeit des Propheten Mohammed. Sie kommt in der Biographie des Propheten als seine Widersacherin vor und wird auf sein Geheiß getötet.

Auszug des Omeir I. Adii zur Ermordung der Assma‘, Tochter Merwan’s.

Assma’, die Tochter Merwan’s, gegen welche Omeir I. Adii auszog, war von den Benu Omejja, und zeigte sich als eine Heuchlerin nach der Ermordung Abu Afak’s.* Abd Allah I. Alhârith I. Fudheil berichtet von seinem Vater: sie war die Gattin eines Mannes von den Benu Chatmeh, welcher Jezid I. Zeid hiess. Sie schmähte den Islam und seine Bekenner in folgenden Versen:

„Ihr gehorchet den niedrigen Benu Mâlik, Nebît, Auf und Chazradj, und erwartet von Fremden Geschenke, nicht von Murad und Madshidj, nach der Ermordung der Häupter, wie man den Saft reifender Früchte erwartet. Gleicht ihr nicht dem der eine kranke Nase hat und ein schönes Gesicht wünscht, und Hoffnungen hegt die nie erfüllt werden?“

Hassan erwiederte hierauf:

„Die Söhne Wail’s, Wâkif’s und Chatmehs stehen unter den Benu—l-Chazradj. Wehe ihr, als sie ihr thörichtes Geschrei erhob, als das Geschick kam und einen Mann antrieb von ruhmvollem Stamm und ehrenhaftem Ein- und Ausgang, der sie ohne Zagen, als ein Theil der Nacht vorüber war, mit ihrem schwarzen Blute färbte. “

Als Mohammed diess hörte, sagte er: befreit mich Niemand von der Tochter Merwan’s? als Omeir I. Adii Alchatmi, der bei ihm war, diess hörte, gieng er noch in derselben Nacht zu ihr und tödtete sie. Am folgenden Morgen begab er sich zu Mohammed und sagte ihm, er habe sie getödtet. Mohammed sagte: Du bist Gott und seinem Gesandten beigestanden. Da fragte er: ob er um ihretwillen etwas zu befürchten habe? Mohammed antwortete: es werden sich um ihretwillen nicht Böcke stossen. Omeir begab sich hierauf zu den Seinigen zurück. Die Benu Chatmeh waren in grosser Erregung wegen der Tochter Merwan’s, denn sie hatte damals fünf erwachsene Söhne. (…) Als aber am Tage der Ermordung der Tochter Merwan’s die Benu Chatmeh die Stärke des Islams sahen, bekehrten sich noch andere von ihnen.**

Aṣmāʾ bint Marwān wurde am 21. März 624 ermordet.

*) Der Dichter Abu Afak hatte ein Schmähgedicht auf Mohammed geschrieben. Mohammed sagte: wer befreit mich von diesem Bösewicht? Salim I. Omeir (…) zog aus und erschlug ihn. Aus: Das Leben Mohammed´s nach Mohammed Ibn Ishak. Bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischam
Aus dem Arabischen übersetzt von Gustav Weil. Suttgart: Metzler, 1864. Bd. 2, S. 337
**) Ebd. S. 337f

Die erste amerikanische Dichterin klagt

ANNE BRADSTREET

(geboren um 1612 in Northampton, England; gestorben am 16. September 1672 in Andover, Massachusetts)

Zu ihren Beinamen gehörten „die zehnte Muse“ und „die erste amerikanische Dichterin“ (zumindest in englischer Sprache). Ihre Probleme „gehören nicht“ nur zum Amerika des 17. Jahrhunderts.

Aus: Der Prolog

Ein Ärgernis bin ich den Kritikastern,
Des Dichters Feder, schmähn sie, sei entweiht,
In meine Hand würd nur die Nadel passen;
Solche Verachtung trifft die Frau von Geist.
Was hilfts, wenn, was ich schreibe, etwas taugt:
Sie sagen, Zufall seis oder geklaut.

Deutsch von K. Bartenstein. Aus: Englische und amerikanische Dichtung. Gesamtwerk in 4 Bänden. Zweisprachig. München: C.H. Beck, 2000. Rund 2700 S.: In Kassette ISBN 978-3-406-46464-5 Herausgegeben von Werner von Koppenfels, in Verbindung mit Eva Hesse, Heinz Ickstadt, Friedhelm Kemp, Horst Meller, Manfred Pfister und Klaus Reichert
Band 4: Amerikanische Dichtung. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 978-3-406-46463-8 Hrsg. Eva Hesse u. Heinz Ickstadt, S. 11

I am obnoxious to each carping tongue
Who says my hand a needle better fits.
A Poet’s Pen all scorn I should thus wrong,
For such despite they cast on female wits.
If what I do prove well, it won’t advance,
They’ll say it’s stol’n, or else it was by chance.

Adam und Eva

Anna Kamieńska

(* 12. April 1920, Krasnystaw, Polen, † 10. Mai 1986, Warschau)

Adam und Eva

"Vertrieben aus meinem Wetterleuchten,
aus Regenguß, Donner, Frost und Feuer."

   "Vertrieben aus der Krippe des Lichts,
   aus Nebeln, Stille, schaukelnden Kräutern."

"Aus Unwissenheiten, Traum und Nichtsein,
vertrieben mit den Peitschen des Bluts."

   "Aus süßer Fühllosigkeit ohne Liebe
   verstoßen in deine harte Umarmung."

Deutsch von Karl Dedecius

Aus: Polnische Liebesgedichte. Mit Zeichnungen von Pablo Picasso. Ausgewählt und übertragen von Karl Dedecius. Frankfurt/Main: Insel, 1980, S. 7

L’origine du monde

Hans Arnfrid Astel

L’ORIGINE DU MONDE (November 1996)
für Courbet & Lacan

Die Innenlippen blinzeln aus den äußern.
Im Lebenswasser spiegelt sich das Land,
lachendes Ufer aller Landungswünsche.
Hier springt die Welt zur Welt bei der Geburt,
nachdem zuvor die Welt zur Welt gedrungen.

Kommunikation über Bande

Ise war eine japanische Dichterin, die im späten 9. und frühen 10. Jahrhundert lebte. 178 ihrer Gedichte sind in kaiserlichen Anthologien überliefert. Das folgende hat eine lange Überschrift, die gewisse biographische Informationen liefert. Es „verrät“ sich aber nur über Bande. Es spricht über einen Berg. Nur wer die Überlieferung kennt, versteht es als Einladung. Hier zuerst ihr Gedicht, dann das Antwortgedicht des Eingeladenen. Beide Gedichte kommunizieren über ein drittes, das Briefpartnern und Lesern bekannt war. Die lesende und dichtende Gesellschaft hatte ihren Klatsch, aber sie spielten intertextuelle Spiele.

Ise:

Nachdem sie sich von Nakahira, mit dem sie vertraut gewesen war, entfremdet hatte, ging sie zu ihrem Vater in die Provinz Yamato und sandte Nakahira diese Verse

Du, Berg Miwa, wie
kannst du warten und warten
und weißt doch, soviel
Jahre auch vergehen, kein
Gast wird je sich dir nahen.

Nakahira:

Und säß sie versteckt
auf Yoshinos Bergen im
fern, fernen China!
Überallhin würd ich ihr
folgen, meiner Geliebten!

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Perode. 9. bis 13. Jahrhundert. Köln: DuMont Buchverlag. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1992 (2L)

 

Wozu Lyrik heute?

Hans Arnfrid Astel

Hilde Domins Frage
„Wozu Lyrik heute?“
erinnert mich an einen Witz,
wo der Leutnant
den Rekruten fragt,
„Weshalb soll der Soldat
sein Gewehr nicht fallen lassen?“
worauf dieser antwortet,
„Ja, warum soll er eigentlich nicht?“

Aus: Neues (& Altes) vom Rechtsstaat & von mir. Alle Epigramme von Arnfried Astel. Frankfurt/Main: 2001, 1978

Wien: heldenplatz

Heute vor 80 Jahren stand der 13jährige Ernst Jandl in Wien in einer grölenden Menschenmasse, die dem Führer zujubelte. Viele Jahre später verarbeitete er das akustische und haptische Erlebnis in einem Gedicht.

Ernst Jandl

wien : heldenplatz

der glanze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick.
und brüllzten wesentlich.

verwogener stirnscheitelunterschwang
nach nöten nördlich, kechelte
mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme
hinsensend sämmertliche eigenwäscher.

pirsch!
döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz
mit hünig sprenkem stimmstummel.
balzerig würmelte es im männechensee
und den weibern ward so pfingstig ums heil
zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.

Jandl liest das Gedicht

Über das Gedicht bei Planet Lyrik

Aus Leibeskräften

Hans Arnfrid Astel (eigtl. Arnfrid Astel, Pseud. Hanns Ramus, * 9. Juli 1933 in München; † 12. März 2018 in Trier), deutscher Lyriker

Aus Leibeskräften
brüllt er ins leere Weltall.
Man hört ihn nicht weit.

Aus: Sternbilder. West-östliche Konstellationen. Heidelberg: Wunderhorn Verlag, 1999

Russland — Deutschland: literarische Begegnungen nach 1945

Zeit: 14.-15. Mai 2018

Veranstaltungsort: Maxim Gorki-Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau
Zum Andenken an Prof. Vladimir Sedelnik

Am 14.-15. Mai 2018 veranstalten die Abteilung für neuere Literaturen Europas und Amerikas und die Abteilung für neuere russische Literatur und Literatur des russischen Exils des Maxim Gorki-Instituts für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften zusammen mit der Axel Springer-Stiftungsprofessur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und dem Forschungslabor „Erforschung der national-kulturellen Codes der russischen Identität im Kontext der europäischen Mentalität an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert“ des Instituts für Philologie und Journalistik der Staatlichen Lobachevski-Universität Nižni Novgorod eine wissenschaftliche Konferenz zum Andenken an Prof. Vladimir Sedelnik „Russland — Deutschland: literarische Begegnungen nach 1945“.

Die Konferenz findet im Rahmen des Langzeitprojekts „Der literarische Prozess in Deutschland des 20. und 21. Jahrhunderts“ statt.
Im Anschluss an die Konferenz ist eine gemeinsame Buchpublikation geplant.
Die Konferenzteilnehmer*innen, die auch zur anschließenden Buchpublikation beitragen werden, kommen aus den Bereichen vergleichende Literaturwissenschaft, interkulturelle Kommunikation sowie Geschichte der deutschen und russischen Literatur.
Das neue Projekt setzt das 2017 bereits abgeschlossene Forschungsvorhaben „Russland — Deutschland: literarische Begegnungen 1918-1945 fort. Genauso wie sein Vorgänger zielt es auf die Erforschung der Interdependenzen, Überschneidungen, typologischen Affinitäten, rezeptiven Projektionen und imagologischen Stereotypen, die an den Grenzen zwischen deutschen und russischen Kulturräumen, allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen.

Die Konferenzvorträge sollen diese Thematik auf vier Ebenen untersuchen. Das Panel „Russland in den Augen deutscher Autorinnen“ umfasst die Referate, welche die axiologisch aufgeladenen Darstellungen Russlands in den Werken deutscher Schriftstellerinnen aus imagologischer Perspektive präsentieren. Im Fokus des Panels „Deutschland in den Augen russischer Autorinnen“ steht die Rezeption von Deutschland und Deutschen in den Werken der russischsprachigen Gegenwartsschriftstellerinnen. Im Panel „Das ‚russische‘ Deutschland vs. das ‚deutsche‘ Russland: literarische Kontakte“ wird den direkten und indirekten Kontakten zwischen russischen und deutschen Künstlerinnen und Literaturforscherinnen sowie den vielschichtigen Einflüssen dieser Kontakte auf die in der internationalen Kommunikation entstehenden kulturellen Texte in Russland und in Deutschland nachgegangen. Das Panel „Die künstlerische Praxis: Affinitäten, Überlagerungen, Parallelen“ widmet sich schließlich den vielfältigen Formen der literarischen Interaktion, die das Entstehen des gemeinsamen russisch-deutschen Kulturtextes ermöglichen.

Die Exposés der Konferenzvorträge werden frühzeitig in der elektronischen Edition des Gorki-Instituts für Weltliteratur „Neue russische geisteswissenschaftliche Forschungen“ veröffentlicht. Aus diesem Grund bitten wir Sie, uns ihr Thema und das Exposé als rtf-Datei (am besten ohne Fußnoten) bis 30. März 2018 auf folgende Mailadresse zukommen zu lassen: muchina@yandex.ru

Noch ein Bier!

Inge Müller

(geb. Inge(borg) Meyer, * 13. März 1925 in Berlin; † 1. Juni 1966 ebenda)

M.B.*

Im Wein ist Wahrheit, sagst du
Bier macht ehrlich
Und Schnaps löst mir die Zunge.
Im Rausch erst bin ich was ich bin:
Narr, Weiser, Revolutionär und Dulder
Gottgläubiger und Atheist
Mensch oder Tier
Zum Teufel mit der Wahrheit:
Noch ein Bier!

*) Manfred Bieler

Aus: Inge Müller: Irgendwo, noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher. Hrsg. Ines Geipel. Berlin: Aufbau, 1996, S. 137

Lyrik-Empfehlungen 2018 veröffentlicht

Eine Initiative der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und des Hauses für Poesie

Welche Gedichtbücher sind besonders bemerkenswert, interessant, überraschend? Die Liste mit den diesjährigen Lyrik-Empfehlungen ist jetzt unter http://www.lyrikempfehlungen.de veröffentlicht. 20 Gedichtbände wurden aus den Neuerscheinungen von Anfang 2017 bis März 2018 ausgewählt.

Veranstaltungen finden am 16. März in Leipzig auf der Buchmesse und in der Galerie KUB statt, am 12. April im Haus für Poesie in Berlin. Zum Welttag der Poesie am 21. März werden die Lyrik-Empfehlungen in fast 100 Buchhandlungen und Bibliotheken deutschlandweit präsentiert.

Die Lyrik-Empfehlungen sind ein gemeinsames Projekt der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und dem Haus für Poesie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bibliotheksverband. Sie werden jährlich von einem wechselnden Kreis von Kritikerinnen und Kritikern sowie Lyrikerinnen und Lyrikern ausgesprochen und zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht. In diesem Jahr stammen die Empfehlungen von: Nico Bleutge, Michael Braun, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Marion Poschmann, Monika Rinck, Joachim Sartorius, Daniela Strigl und Uljana Wolf.

Kurzübersicht der Lyrik-Empfehlungen

Deutschsprachige Lyrik
• Nico Bleutge: nachts leuchten die schiffe. C.H.Beck, München 2017.
• Paul-Henri Campbell: nach den narkosen. Wunderhorn, Heidelberg 2017.
• Ann Cotten: Jikiketsugaki. Tsurezuregusa. Peter Engstler, Berlin 2017.
• Sylvia Geist: Fremde Felle. Hanser Berlin, Berlin 2018.
• Ulrich Koch: Selbst in hoher Auflösung. Jung und Jung, Salzburg 2017.
• Barbara Köhler: 42 Ansichten zu Warten auf den Fluss. Edition Korrespondenzen, Wien 2017.
• Jürgen Nendza: picknick. Poetenladen, Leipzig 2017.
• Tobias Roth: Grabungsplan. Verlagshaus Berlin, Berlin 2018.
• Herbert J. Wimmer: Kleeblattgasse Tokio. Klever, Wien 2017.
• Joseph Zoderer: Die Erfindung der Sehnsucht. Haymon, Innsbruck 2017.

Lyrik in deutscher Übersetzung
• Maricela Guerrero: Reibungen. Aus dem mexikanischen Spanisch von Johanna Schwering. hochroth, Berlin 2017.
• Catherine Hales: 08/15-hegemonien. Englisch-Deutsch. Übersetzt von Konstantin Ames. Brueterich Press, Berlin 2017.
• Milena Marković: bevor sich alles zu drehen anfängt. Aus dem Serbischen von Peter Urban. Edition Korrespondenzen, Wien 2017.
• Tristan Marquardt und Jan Wagner (Hrsg.): Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Zweisprachige Ausgabe. Hanser, München 2017.
• Wsewolod Nekrassow: Ich lebe ich sehe. Russisch-Deutsch. Ausgewählt, aus dem Russischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Günter Hirt und Sascha Wonders. Vorwort von Eugen Gomringer. Helmut Lang, Münster 2017.
• Ron Padgett: Die schönsten Streichhölzer der Welt. Englisch-Deutsch. Übersetzt, herausgegeben und mit einem Nachwort von Jan Volker Röhnert. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2017.
• Jerome Rothenberg: Khurbn. Englisch-Deutsch. Übersetzt von Barbara Felicitas Tax und Norbert Lange. Wunderhorn, Heidelberg 2017.
• Giorgos Seferis: Logbücher. Griechisch-Deutsch. Übersetzt und kommentiert von Andrea Schellinger. Elfenbein, Berlin 2017.
• Matthew Sweeney: Hund und Mond. Englisch-Deutsch. Übersetzt von Jan Wagner. Hanser Berlin, Berlin 2017.
• Keith Waldrop: gravitationen 1. ausgewählte gedichte (1968-1997). Englisch-Deutsch. Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von David Frühauf und Jan Kuhlbrodt. gutleut, Frankfurt a.M. 2017.

Gedichte, die ihre Bedeutung unmittelbar ausdrücken

Ein Gedicht der Hofdame Nijō-in no Sanuki (1141-1217) aus der Anthologie „Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Perode. 9. bis 13. Jahrhundert“ (Köln: DuMont Buchverlag Köln. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1992) (8R).

Ein Gedicht über die Liebe

Auf unserem Lager
für eine Nacht, wo er mich
zurückgelassen,
ist alles so wie es war,
nur Staub hat sich aufgehäuft.

Aus dem Japanischen von Peter Pörtner.

Eine poetologische Abhandlung von Anfang des 13. Jahrhunderts zitiert dieses Gedicht als Beispiel für Gedichte, die ihre Bedeutung unmittelbar ausdrücken.

Fern in den Bergen

Die japanischen Formen Tanka und Haiku scheinen dem westlichen Leser vielfach unmittelbar zugänglich. Auch weil seit Anfang des vorigen Jahrhunderts Künstler und Dichter sie adaptiert und unsere Augen und Ohren geschult haben. Klingt der folgende Tanka nicht wie aus Brechts Spätlyrik?

 
Hätt ich nicht gewußt
daß dieser Welt des Leidens
nicht zu entfliehen ist
hätte ich mir einen Ort
fern in den Bergen gesucht.

Er stammt von einer japanischen Dichterin, die bis etwa 1263 lebte: Shikikenmon-in no Mikushige.

Die Anthologie „Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Perode. 9. bis 13. Jahrhundert“ (Köln: DuMont Buchverlag Köln. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1992) widmet jedem der enthaltenen Fünfzeiler vier großformatige Seiten: Eine Doppelseite aus dem 1801 erschienenen Album „Die sechsunddreißig unsterblichen Dichterinnen in Farbdrucken“ mit Porträts der Dichterinnen und einer Kalligraphie des Gedichts, eine Seite, auf der das Gedicht in Übersetzung und Transkription des japanischen Textes steht und eine Seite mit Kommentaren. Die Anthologie lädt zum Genießen und Studieren ein. Die Kommentare und Gedichte wurden von Peter Pörtner aus dem Japanischen und Amerikanischen übersetzt.

Die Original-Tanka haben 31 Silben:

mi o saranu
onaji ukiyo to
omowazu wa
iwao no naka mo
tazune mitemashi

Übrigens auch Pörtners Nachdichtung, wenn man in der dritten Zeile „entfliehn“ zweisilbig liest.

Die „zentrale Aussage des Gedichts, daß man an keinem Ort der Welt vor Leid und Trauer entfliehen kann“ [Zitate in Anführungsstrichen im Folgenden aus der zitierten Ausgabe, a.a.O. p. 17R], wiederhole eine Grundlehre des Buddhismus, beziehe sich aber auch unmittelbar auf ein Gedicht der klassischen Tradition. Die drei Wörter „iwao no naka“, wörtlich „fern in den Bergen (zwischen hohen Felsen)“ stammen aus einem Gedicht der Sammlung Kokin wakashū, de Ausdruck „iwao no naka“ sei mit diesem Gedicht zu einem „später vielgebrauchten Topos für ‚vollkommenes Entronnensein'“ geworden.

Mikushige habe nicht nur zitiert, sondern die Überlieferung schöpferisch weiterentwickelt. Die Anfangszeile „mi o saranu“ sei eine Bereicherung des poetischen Vokabulars. Es bedeutet wörtlich „sich meiden“, „sich nichts ersparen“, in der nachfolgenden Poesie werde es in der Bedeutung „unentrinnbar, unvermeidbar, vorbestimmt sein“ verwendet. Der buddhistische Priester Prinz Kakujo (1250-1336) zitiert die Wendung in einer Anspielung auf „den ursprünglich erleuchteten Geist“ (in der Übersetzung kommt der „Mond meines innersten Herzens“ ins Spiel: Brecht meets Rilke!).

Das Wort ukiyo in der zweiten Zeile, wörtlich „Welt des Leidens“ oder „Welt des Elends“, bezeichne eine buddhistische Vorstellung, und auch die „fernen Berge“ verweisen den Leser auf einen Ort religiöser Übungen. All dies verleihe Mikishuges Gedicht eine ausgeprägte religiöse Färbung.

(Auch die beiden Gedichte, das von ihr Beerbte und das sie Beerbende, sind vollständig in Nachdichtung und Transkription wiedergegeben, so daß auch der des Japanischen unkundige Leser den Wanderungen der Topoi nach-gehen kann.)