Mehr Lust für Ohren

Andreas Tscherning (* 18. November 1611 in Bunzlau; † 27. September 1659 in Rostock)

Andere Fassung (da ich auf Reisen bin, kann ich nicht überprüfen):

Wer ungereget
Die Sinnen träget /
Wenn Künstler singen
und Sayten klingen

Mehr Lust für Ohren
Ist nicht gebohren;
Sie treibt von Hertzen
Verdruß vnd Schmertzen /
Kan Eifer dempfen
Gibt muth zu kämpfen /
Macht durch die Ohren
Uns neu geboren. etc.

Statt kampfgenössisch Sturm zu läuten

Ernst Wilhelm Lotz

BEGREIFT

Von Dumpfheit summt das halbe Kaffeehaus,
Das halbe ist getaucht in weißes Glühen
Und flackert in den Lampentag hinaus,
Wo dünne Nebel an die Scheiben sprühen.

Es wollen ernste Freunde mich bedeuten,
Ich sei zu leicht für diese Gründerjahre,
Weil ich, statt kampfgenössisch Sturm zu läuten,
Auf blauer Gondel durch den Äther fahre.

Ich sah bisher nur Zeitungsfahnenwische
Und warte längst auf Barrikadenschrei,
Daß ich mich heiß in eure Reihen mische,
Besonnt vom Wind des ersten Völkermai!

Den Kopf ganz rot, malt ihr Kulissenbrand
Und überträumt die Zeiten mit Besingung.
Begreift: Ich wirke, spielend freier Hand,
Mein helles Ethos silberner Beschwingung.

Aus: Ernst Wilhelm Lotz: Wolkenüberflaggt. Gedichte (Sechsunddreißigster Band der Bücherei Der Jüngste Tag), Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1917 Digitale Ausgabe

Ernst Wilhelm Lotz „fiel“ 24jährig am 26. September 1914 in einem Schützengraben bei Bouconville, Frankreich.

(Die Danteserie wird nach einer kurzen Reise nächste Woche fortgesetzt)

Dantes Schwert

Zustand

dieser Wehgarten Dantes Schwert Vögelchen
in Alters-
wildnis / -widmung
fliegt August Mond / -mund
und läßt
schreckliche Ohrentrunkenheit / Tritt-
spur »wie schön dich ankommen hören« aller
Frühlinge Sommer
obskure Baum Zeichen blaues
Schmerz-
auge aber wie Zirbe
hart!
nämlich versagter Speise
         »vasennacht« bin zu
Gefangenschaften / Beere
Beerung / entbeeren / pflücken
Mohnblumenblatt
Lippe (h) und
Hauch /
Reise zur Welt /
Leier und Laute
(ein Kind nur eben so geboren)
und schreiend / seine Zähne der grüne
Flaum von Haselnüssen

Friederike Mayröcker

Aus: Mein heimliches Auge. Tübingen:  KONKURSBUCHVERLAG Claudia Gehrke, 1982, S. 163

Schatten meines eignen Denkens

Ich könnte bis Weihnachten weitermachen mit Dante (und noch die letzten vergraulen, die sowieso nicht mitlesen). Aber gut, vielleicht 2 oder 3 noch. Aber heute: Ramón de Campoamor, spanischer Dichter, geboren am 24. September 1817. Àxel Sanjosé hat ein Gedicht für uns übersetzt:

¡Ay! ¡Ay!
Más cerca de mí te siento
cuando más huyo de ti,
pues tu imagen es en mí,
es en mí,
sombra de mi pensamiento,
sombra de mi pensamiento.
¡Ay! Vuélvemelo a decir,
vuélvemelo a decir
pues embelesado ayer
te escuchaba sin oír
y te miraba sin ver,
y te miraba sin ver. ¡Ay!

Ach! Ach!
Näher fühl ich mich bei dir,
umso mehr ich von dir flieh,
denn dein Bild das ist in mir,
ist in mir,
Schatten meines eignen Denkens,
Schatten meines eignen Denkens.
Ach! Sag’s noch einmal zu mir,
sag es noch einmal zu mir,
gestern nämlich, ganz betört
lauscht ich dir, ohne zu hörn
schaut’ dich an ohne zu sehn,
schaut’ dich an ohne zu sehn. Ach!

Die Auswanderung der Dichter

Dieses Gedicht aus dem Jahr 1934 bezieht sich doppelt auf Dante: zuerst im biographischen Fakt des Exils: Dante floh und Brecht floh. Zum andern aber steckt im „Dichterkatalog“ dieses Gedichts eine danteske Struktur: der neue Dichter schreibt sich in die Geschichte der Weltpoesie ein wie der ältere, der sich von Vergil durch die Hölle führen läßt.

DIE AUSWANDERUNG DER DICHTER

Homer hatte kein Heim
Und Dante mußte das seine verlassen.
Li-Po und Tu-Fu irrten durch Bürgerkriege
Die 30 Millionen Menschen verschlangen
Dem Euripides drohte man mit Prozessen
Und dem sterbenden Shakespeare hielt man den Mund zu.
Den François Villon suchte nicht nur die Muse
Sondern auch die Polizei
»Der Geliebte« genannt
Ging Lukrez in die Verbannung
So Heine und so auch floh
Brecht unter das dänische Strohdach.

Ein paar Jahre später faßte er die Situation schärfer. Die Schlußzeile vom dänischen Strohdach wanderte in das Mottogedicht der Sammlung „Svendborger Gedichte“, der „Dichterkatalog“ aber verwandelt sich in eine echte Comedia-Szene. Die verbannten Dichter sitzen in ihrem speziellen Bereich der Hölle, in Hörweite der verbannten Lehrer. Wie Vergil für Dante übernimmt nun Dante für Brecht, den noch lebenden, die Führung.

BESUCH BEI DEN VERBANNTEN DICHTERN

Als er im Traum die Hütte betrat der verbannten
Dichter, die neben der Hütte gelegen ist
Wo die verbannten Lehrer wohnen (er hörte von dort
Streit und Gelächter), kam ihm zum Eingang
Ovid entgegen und sagte ihm halblaut:
»Besser, du setzt dich noch nicht. Du bist noch nicht gestorben. Wer weiß da
Ob du nicht doch noch zurückkehrst? Und ohne daß andres sich ändert
Als du selber.« Doch, Trost in den Augen
Näherte Po Chü-i sich und sagte lächelnd: »Die Strenge
Hat sich jeder verdient, der nur einmal das Unrecht benannte.«
Und sein Freund Tu-fu sagte still: »Du verstehst, die Verbannung
Ist nicht der Ort, wo der Hochmut verlernt wird.« Aber irdischer
Stellte sich der zerlumpte Villon zu ihnen und fragte: »Wie viele
Türen hat das Haus, wo du wohnst?« Und es nahm ihn der Dante bei Seite
Und ihn am Ärmel fassend, murmelte er: »Deine Verse
Wimmeln von Fehlern, Freund, bedenk doch
Wer alles gegen dich ist!« Und Voltaire rief hinüber:
»Gib auf den Sou acht, sie hungern dich aus sonst!«
»Und misch Späße hinein!« schrie Heine. »Das hilft nicht«
Schimpfte der Shakespeare, »als Jakob kam
Durfte ich auch nicht mehr schreiben.« – »Wenn’s zum Prozeß kommt
Nimm einen Schurken zum Anwalt!« riet der Euripides
»Denn der kennt die Löcher im Netz des Gesetzes.« Das Gelächter
Dauerte noch, da, aus der dunkelsten Ecke
Kam ein Ruf: »Du, wissen sie auch
Deine Verse auswendig? Und die sie wissen
Werden sie der Verfolgung entrinnen?« – »Das
Sind die Vergessenen«, sagte der Dante leise
»Ihnen wurden nicht nur die Körper, auch die Werke vernichtet.«
Das Gelächter brach ab. Keiner wagte hinüberzublicken. Der
Ankömmling
War erblaßt.

Brecht, Große Berliner und Frankfurter Ausgabe. Frankfurt/Main und Berlin: Suhrkamp und Aufbau. Bd. 14, 1993, S. 256. Bd. 12, 1988, S. 35f

Ein schwerer Titel

Ernst Jandl

göttliche komödie

beginnen Sie
mit dem titel?
fast nie, diesmal aber schon
es ist ein schwerer titel
oder vielleicht
erst schwer und dann leicht
er reicht um die ganze europäische literatur
wie ein ring für jeden liebsten
an den fingern einer jungen frau

Aus: Ernst Jandl: Werke 4. München: Luchterhand, 2016, S. 36

Dante’s Gattin.

Alle reden von Beatrice. Aber wer nennt Dantes Ehefrau? Nicht einmal Dante selber – kein Wort über sie oder seine 4 Kinder. Josefa von Hoffinger (1820-1868) aber kennt

Dante’s Gattin.

Beatrix’ Name tönt in allen Zungen,
Dich, arme starke Frau, besingt kein Lied;
Der Trennung Pfeil, der deine Brust durchdrungen,
Schlug eine Wunde, die kein Auge sieht.
Die Kunst bringt ihren Weihrauch nur dem Schönen;
Doch schlichte Tugend muss der Himmel krönen.

Selbst er, für den so Herbes du getragen,
Gab seine Liebe nicht in Worten kund;
Dem Vaterlande galten seine Klagen,
Es schwieg von dir der vielberedte Mund.
Drum traf so ihn, wie dich, der Seichten Tadel,
Verkennend des verschwiegnen Schmerzes Adel.

Die tiefste Wunde duldet kein Berühren,
Sie frisst verzehrend in sich selbst hinein;
Des Wortes Hauch kann ihre Glut nur schüren,
Ein stummer Bettler muss das Elend sein;
Der bangste Schmerz, den keine Worte fassen,
Kann nur gebrochne Laute hören lassen.

Sie wissen nicht: wo alle Fibern beben,
Da sinkt gelähmet auch des Künstlers Hand,
Und wo im tiefsten Wehe zuckt das Leben,
Schliesst auch des Dichters Mund ein ehern Band;
Zum Lied sind stumm die allerherbsten Schmerzen,
Der Angstschrei nur bleibt dem gepressten Herzen.

“Das Liebste selbst wirst du verlassen müssen”,
So scholl der bang gebrochne Klagelaut;
Aus weiter Fern’ ein wehmuthvolles Grüssen
Der treuen Gattin, die ihm angetraut,
Ein Abschiedsblick aus Augen, wo die Thränen
Versiegten in dem ungestillten Sehnen.

Des Pilgers Weh beim Abendglockenläuten
Am Tage, wo er von den Seinen schied:
So bebt Erinnrung in der Seele Saiten,
Der schmerzerstickte Keim zu einem Lied,
Ein Schrei des Wehs, von Seufzern unterbrochen.
Dumpf übertönet von des Herzens Pochen.

Aus: Jahrbuch der Deutschen Dante-Gesellschaft, Band 2, F. A. Brockhaus, Leipzig 1868, Seite 96. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrbuch_der_Deutschen_Dante-Gesellschaft,_Band_2.djvu/110&oldid=2862984 (Version vom 24.7.2016)

„Und“-Material (3)

Texte von Ernst Jandl (Zitatnachweis unten)

(1)

Dann fällt der Donner um
 und der Donnerstag um und der Tag um 
 und der dicke Asphaltelefant steht und zittert
 und ich stehe unrasiert verdrossen erschrocken und zittere
 und die Uhr steht und zittert
 und der Kalender steht und zittert
 Und die winzgen Mädchen stehn und zittern
 und müssen ein neues Lied suchen in der dicken 
                                 Elefantenhaut
 und stehen
 und zittern 
    denn das alles ist furchtbar und schwer.

(2)

 und weinte bitterlich
 und doktor oppelt kam
 und weinte bitterlich
 und frau direktor reichert kam
 und weinte bitterlich
 und gemüsehändler dungl kam
 und weinte bitterlich
 und ottokar prohaska kam
 und weinte bitterlich
 und bernhard röhrig von röhrig und co. kam
 und weinte bitterlich
 und anton ast, dentist‚ täglich außer sonnabend
    von 9—12 und 2—6, kam
 und weinte bitterlich
 und trude weitz kam
 und weinte bitterlich
 und edi ritter kam
 und weinte bitterlich
 und rudi vacek kam
 und weinte bitterlich

(3)

rilkes widerspruch

und dennoch klein und weiß
 und dennoch groß und schwarz
 und dennoch klein und schwarz
 und dennoch groß und weiß
 und dennoch klein und groß
 und dennoch weiß und schwarz
 und dennoch klein und schwarz und weiß
 und dennoch groß und klein und schwarz

(4)

                 hh
                 und
                 hh
                 und
                 hh
                 und
                 hh
                 und
                 hh


           »keuchenderhund«

(5)

sieben weltwunder

und das wievielte bin ich?
 und das wievielte bist du?
 und das wievielte ist die kuh?
 und das wievielte ist der uhu?
 und das wievielte ist das känguruh?
 und das wievielte ist der marabu?
 und wieviele bleiben übrig
 wenn es den marabu und das känguruh und den uhu
   und die kuh und dich und mich
 einmal nicht mehr gibt?

(6)

 und
 drüben
 das
 
beginnt 
 keinen vers mit
 und
 
kennt kein
 vorher und
 nachher

 kennt
 keinen übergang
 nur

 lang wie
 lang wie
 lang

(7)

da ist ein garten


& im garten, da ist ein haus
& im haus, da ist ein mann
& im mann, da ist ein junge
& im jungen, da ist ein mädchen
das die ganze zeit sagt
pissie—daddy pissie—daddy
aber der junge tut’s nur
alle zwei drei stunden

(8)

daliegen
 sich anscheißen
 und gewaschen werden
 und daliegen
 sich anscheißen
 und gewaschen werden
 und daliegen
 und sich anscheißen
 und gewaschen werden
 und daliegen
 Und die letzte ölung kriegen
 und sich anscheißen
 und gewaschen werden
 und daliegen
 daliegen
 und in himmel kommen

(9)

antipoden
 

                ein blatt
 und unter diesem
                ein blatt
 und unter diesem
                ein blatt
 und unter diesem
                ein blatt
 und unter diesem
                ein tisch
und unter diesem
                ein boden 
und unter diesem
                ein zimmer
und unter diesem
                ein keller
und unter diesem
                ein erdball
und unter diesem
                ein keller
und unter diesem
                ein zimmer
und unter diesem
                ein boden
und unter diesem
                ein tisch
und unter diesem
                ein blatt
 und unter diesem
                ein blatt
 und unter diesem
                ein blatt
 und unter diesem
                ein blatt

(10)

 rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
und
 ffffffffffffffffffff
un
krrruuuuuuuuuuuuuuuu
ndfffuuuuuuuuuuuuuuu
nnnnnnnnnnkrrrrrrrrr
und
fffunnnnnnnnnnnnnnnn
krrrrrrrrrrrrrrrrrru
ndfffffffffffffffffu
nk nk nk nk nk nk nk 

Quelle: ernst jandl: werke in 6 bänden. hrsg. Klaus Siblewski. München: Luchterhand, 2016

Bd. 1 S. 70, 404
Bd. 3 S. 24, 125, 193
Bd. 2 S. 78, 374, 375, 512, 697

(im Material nicht in der Reihenfolge der Werkausgabe)

Zu sehn ein altes Buch

Emily Dickinson findet einen Zugang (zu Sappho, zu Dante) über alte Bücher. Seltsamerweise auch bei Ihr Moder, moulder, aber nicht abschreckend, sondern vergnügt:

Emily Dickinson

A precious — mouldering pleasure — ‚tis —
To meet an Antique Book —
In just the Dress his Century wore —
A privilege — I think —

His venerable Hand to take —
And warming in our own —
A passage back — or two — to make —
To Times when he — was young —

His quaint opinions — to inspect —
His thought to ascertain
On Themes concern our mutual mind —
The Literature of Man —

What interested Scholars — most —
What Competitions ran —
When Plato — was a Certainty —
And Sophocles — a Man —

When Sappho — was a living Girl —
And Beatrice wore
The Gown that Dante — deified —
Facts Centuries before

He traverses — familiar —
As One should come to Town —
And tell you all your Dreams — were true —
He lived — where Dreams were born —

His presence is Enchantment —
You beg him not to go —
Old Volumes shake their Vellum Heads
And tantalize — just so —

F569 (1863)

In der Übersetzung von Gunhild Kübler:

Ein kostbar — modriges Vergnügen –
Zu sehn ein Altes Buch —
Im Kleid seines Jahrhunderts –
Ein Privileg — denk ich –

Die ehrwürdige Hand zu fassen —
Dass unsre sie erwärmt —
Und ein – zwei Rückreisen zu tun —
In seine Jugendzeit –

Sein kurioses Urteil — prüfen —
Sein Denken zu erkunden
Zu Themen die uns alle angehn —
Die Literatur des Menschen –

Was die Gelehrten fesselte —
Was für ein Wettkampf lief
Als Plato sichre Größe – und
Ein Mann war – Sophokles —

Als Sappho — junges Mädchen war —
Und Beatrice getragen
Das Kleid das Dante — heilig sprach —
Stoff von viel hundert Jahren

Durchquert das Buch — vertraut –
Als käme Einer her –
Der lebte — als das Träumen aufkam —
Und nennt dein Träumen — wahr —

Seine Präsenz ist magisch —
Du bittest ihn – so bleib —
Den Pergamentkopf schütteln Bücher
So — foltert uns ihr Reiz —

Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. München: Hanser, 2015

Modergrün aus Dantes Hölle

Goethe konnte mit Dante nicht viel anfangen. Kleine Auswahl von Dantebezügen in Goethes Werk:

Modergrün aus Dante’s Hölle
Bannet fern von eurem Kreis,
Ladet zu der klaren Quelle
Glücklich Naturell und Fleiß.

Aus: Zahme Xenien III, Weimarer Ausgabe Bd. 3, S. 281, V. 756-759

Eine Anmerkung nennt den satirischen Hintergrund. Zu einer Berliner Ausstellung hatte der junge Maler Julius Schoppe ein Gemälde eingereicht, das abgelehnt wurde. Goethe beschreibt es so: »Lebensgroße Figur mit grüner Haut. Aus dem enthaupteten Halse sprützt ein Blutquell, die Hand des rechten, ausgestreckten Armes hält den Kopf bei den Haaren, dieser, von innen glühend, dient als Laterne, wovon das Licht über die Figur ausgeht.«

Weimar, den 23. Juli 1824.

Welch hoher Dank ist dem zu sagen,
Der frisch uns an das Buch gebracht,
Das allem Forschen, allem Klagen
Ein grandioses Ende macht.

Aus: Nachlaß. Zahme Xenien VIII, Weimarer Ausgabe Bd. 5-1, S. 113

Man nimmt an, daß sich das Gedicht auf den Dante-Übersetzer Streckfuß bezieht, der ihm im Juli 1824 seine Übersetzung des „Inferno“ übergeben hatte. Das Lob klingt zwiespältig.

Voß contra Stolberg. 1820.

Voß contra Stolberg! ein Proceß
Von ganz besonderm Wesen,
Ganz eigner Art; mir ist indes,
Das hätt‘ ich schon gelesen.
Mir wird unfrei, mir wird unfroh
Wie zwischen Gluth und Welle,
Als läs‘ ich ein Capitolo
In Dante’s grauser Hölle.

Aus: Gedichte. 5. Teil. Nachlaß, Invectiven. Weimarer Ausgabe 5-1, S. 186

Voß hatte Stolberg heftig angegriffen („Wie ward Friz Stolberg ein Unfreier“). Goethe hatte zumindest Mitleid mit Stolberg (der kurz nach der Polemik starb, Goethe schloß nicht aus, daß die Attacke dazu beigetragen habe).

Albertine stand vor sich hinschauend, einzeln, kaum bemerkt; jene erholten sich, nahmen sich zusammen, der Schade war geschehen, man war denn doch genötigt, sich wieder in den Wagen zu setzen, und in der Hölle selbst könnten widerwärtig Gesinnte, Verratene mit Verrätern so eng nicht zusammengepackt sein.

Aus: Wilhelm Meisters Wanderjahre – Kapitel 10 (Schluß)

Noch ein Stück über Kunstgespräche, das auch unabhängig von Dante nicht unaktuell sein mag:

Viel schlimmer aber war es, wenn Dante zur Sprache kam. Ein junger Mann von Stande und Geist und wirklichem Anteil an jenem außerordentlichen Manne nahm meinen Beifall und Billigung nicht zum besten auf, indem er ganz unbewunden versicherte, jeder Ausländer müsse Verzicht tun auf das Verständnis eines so außerordentlichen Geistes, dem ja selbst die Italiener nicht in allem folgen könnten. Nach einigen Hin- und Widerreden verdroß es mich denn doch zuletzt, und ich sagte, ich müsse bekennen, daß ich geneigt sei, seinen Äußerungen Beifall zu geben; denn ich habe nie begreifen können, wie man sich mit diesen Gedichten beschäftigen möge. Mir komme die »Hölle« ganz abscheulich vor, das »Fegefeuer« zweideutig und das »Paradies« langweilig; womit er sehr zufrieden war, indem er daraus ein Argument für seine Behauptung zog: dies eben beweise, daß ich nicht die Tiefe und Höhe dieser Gedichte zum Verständnis bringen könne. Wir schieden als die besten Freunde; er versprach mit sogar einige schwere Stellen, über die er lange nachgedacht und über deren Sinn er endlich mit sich einig geworden sei, mitzuteilen und zu erklären.

Leider war die Unterhaltung mit Künstlern und Kunstfreunden nicht erbaulicher. Man verzieh jedoch endlich andern den Fehler, den man an sich bekennen mußte. Bald war es Raffael, bald Michelangelo, dem man den Vorzug gab, woraus denn am Schluß nur hervorging, der Mensch sei ein so beschränktes Wesen, daß, wenn sein Geist sich auch dem Großen geöffnet habe, er doch niemals die Großheiten verschiedener Art ebenmäßig zu würdigen und anzuerkennen Fähigkeit erlange.

Aus: Italienische Reise. Zweiter römischer Aufenthalt: Störende Naturbetrachtungen

„Und“-Material (2)

Zwei Gedichte von Günter Eich

Und

Und
macht die Welt begreiflich:
Der Schlieffenplan
und
eine Klingelanlage für Scheintote.

Günter Eich, Anlässe und Steingärten, »Nachträge zu Clausewitz«, in: Gesammelte Werke, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1991, Bd. 1, S. 148. Das Gedicht ist datiert: 24.6.64. Der Band Anlässe und Steingärten erschien 1966.


Und

Nebel Nebel Nebel
und in den Ohren
Haare, eine
unverbindliche
Freundlichkeit
und
und
Rajissas süßes Gelächter.

Was zusammengehört,
eine Erfahrung,
was mit und zusammengehört
nur mit und,
keine Begründungen.

Das wird anhalten
wenn mir das und nicht
mit den andern Wörtern entfällt.
Es reicht, es reicht, danke, es reicht.

Aus den zu Lebzeiten unveröffentlichten Gedichten, in: GW Bd. 1, S. 299f. Datiert: 31.10.71

Materialien zum Thema „Und“ (1)

Georg Büchner

Danton.
Oh, es versteht sich alles von selbst. Wer soll denn all die schönen
Dinge ins Werk setzen?

Philippeau.
Wir und die ehrlichen Leute.

Danton.
Das »und« dazwischen ist ein langes Wort, es hält uns ein wenig weit
auseinander; die Strecke ist lang, die Ehrlichkeit verliert den Atem,
eh‘ wir zusammenkommen. Und wenn auch! – den ehrlichen Leuten kann man Geld leihen, man kann bei ihnen Gevatter stehn und seine Töchter an
sie verheiraten, aber das ist alles!

Elisabeth Borchers

Die vielen Bücher

und ist ein langes Wort,
sagt Danton.
Da warten sie.
Diese vielen Bücher, denke ich.
Heine und Benn

und Brecht.
Die vielen zuvor.
Die vielen danach.
Verweilen, Lieben,
Vergessen.
Und das Leben,
sagt Danton.

Da mußte er sterben.
Ich sehe die weite Landschaft und
das die Wärme
und Kälte umfassende Haus.

Anarchie

Ohne besonderen Anlaß unterbreche ich die kleine Danteserie (die ab morgen weiter geht) für ein paar Zeilen von Goethe:

Warum mir aber in neuster Welt
Anarchie gar so wohl gefällt? —
Ein jeder lebt nach seinem Sinn,
Das ist nun also auch mein Gewinn.
Ich lass‘ einem jeden sein Bestreben,
Um auch nach meinem Sinne zu leben.

Aus: Zahme Xenien IV. Weimarer Ausgabe, Bd. 3, S. 296

An Dante

MICHELANGELO BUONARROTI

AN DANTE

VOM Himmel stieg er, sterblich noch, und hatte
Gerichtes Hölle wie des Heils durchfahren,
Dann lebend Gott erblickt, damit den wahren
Bericht er über alles uns erstatte.

Leuchtender Stern, der unverdienterweise
Dem Nest aus dem ich stamme, half zum Glanze!
Und war sein Preis die Welt, die arge, ganze:
Du nur, der du ihn schufst, genügst zum Preise!

Von Dante sage ich, daß seinem Sange
Dies undankbare Volk verschloß die Ohren
Das stets den Wackern läßt beiseite stehen.

Wär ich doch er — zu solchem Los geboren!
Für seinen bittern Bann samt seinem Range
Gab ich der Welt glückseligstes Ergeben.

Deutsch von Max Kommerell

Aus: Italienische Gedichte mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger. Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 115/117

Dal ciel discese, e col mortal suo, poi
 che visto ebbe l’inferno giusto e ’l pio
 ritornò vivo a contemplare Dio,
 per dar di tutto il vero lume a noi.
   Lucente stella, che co’ raggi suoi5
 fe’ chiaro a torto el nido ove nacq’io,
 né sare’ ’l premio tutto ’l mondo rio;
 tu sol, che la creasti, esser quel puoi.
   Di Dante dico, che mal conosciute
 fur l’opre suo da quel popolo ingrato10
 che solo a’ iusti manca di salute.
   Fuss’io pur lui! c’a tal fortuna nato,
 per l’aspro esilio suo, co’ la virtute,
 dare’ del mondo il più felice stato.

Das zwölfte Sonett

Bertolt Brecht

Das zwölfte Sonett
(Über die Gedichte des Dante auf die Beatrice)

Noch immer über der verstaubten Gruft
In der sie liegt, die er nicht vögeln durfte
Sooft er auch um ihre Wege schlurfte
Erschüttert doch ihr Name uns die Luft.

Denn er befahl uns, ihrer zu gedenken
Indem er auf sie solche Verse schrieb
Daß uns fürwahr nichts andres übrigblieb
Als seinem schönen Lob Gehör zu schenken.

Ach, welche Unsitt bracht er da in Schwang
Als er mit so gewaltigem Lobe lobte
Was er nur angesehen, nicht erprobte!

Seit dieser schon beim bloßen Anblick sang
Gilt, was hübsch aussieht und die Straße quert
Und was nie naß wird, als begehrenswert.

Aus: Brecht, Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe XI. Gedicht 1. Berlin u. Weimar: Aufbau und Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1988, S. 190

Entstanden: 1934. Brecht nahm dieses Sonett in die 1938 zusammengestellte Sammlung „Studien“ auf, ein Exemplar gab er Walter Benjamin zu lesen. Der Abdruck der „Studien“ in Versuche Heft 11, Berlin (West): Suhrkamp, 1951 weist folgende Varianten auf: Z. 2: vögeln] haben, Z 6: auf sie solche Verse] solche Verse auf sie, Z. 11: erprobte!] erprobte., Z. 13: aussieht und die Straße] aussieht, wenn’s die Straße