Adolf Endler

„Ficken“; gegen den stacheligsten inneren Widerstand dieser DDR-nostalgischen Notiz vorausgeschickt, gehört diese Vokabel neben einigen anderen („vögeln“, „bumsen“ et cetera) zu den vom Autor bis heute strikt gemiedenen; man wird, so lange man auch sucht, dieses Wort schwerlich in meinen bisherigen Texten finden – es handelt sich hier also um eine Premiere! –, selbst in den zotigsten nicht, also in „Ohne Nennung von Gründen“, „Schichtenflotz“ und „Vorbildlich schleimlösend“, alle im Rotbuch-Verlag Berlin erschienen; kein Problem, den Wahrheitsgehalt meiner Behauptung mittels penibler Lektüre zu überprüfen! Wenigstens in dieser Beziehung fällt mein Werk nicht aus dem Rahmen der übrigen DDR-Literatur, wie sie sich bekanntlich trotz Brechts kontradiktorischen Bemühungen durch die fast vollkommene Abwesenheit solchen Schmuddel-Vokabulariums ausgezeichnet hat.

Weil unsre Augen sie nicht sehn

Das Gedicht des Tages heute als Bildergeschichte. Gestern nachmittag waren wir am Strand bei Gahlkow. Es war klare Sicht rüber nach Rügen. Mit bloßen Augen sah man die Berge von Zicker an der Südostspitze der Insel. Der Südperd vor Thiessow eine markante Nase, aus 20 Kilometer Luftlinie sieht sie wie eine Insel vor der Insel aus. Die Kamera zeigt ein schönes Bild mit wenig Details.

Über dem Strauch in der Bildmitte das Südperd, eine kleine Ausbuchtung. (Mehr Details durch Anklicken).

Wir können heranzoomen.

Wir gehen zum Strand, da liegt ein markanter Findling.

Am rechten Rand, links neben dem Segelboot, das Südperd. Wenn man näher herangeht (Klick), sieht man zwischen Segelboot und der Küste von Rügen einen Leuchtturm. Das ist die Greifswalder Oie, wirklich eine (kleine) Insel vor der großen Insel, 12 Kilometer vor Rügen.

Weiter kommen wir ohne Fernglas nicht.

Aber wir haben das Smartphone dabei. Augmented Reality: verbesserte Wirklichkeit. Schaun wir mal.

Da stehe ich, meine Koordinaten, und das sind die Berge. Nix für Alpenländer, aber am Meer. Die Nase bei Thiessow ist der Lotsenberg. 36 Meter hoch. Der Zickerberg 66 Meter.

Jetzt will ich mehr sehen und gehe auf Sternenmodus.

Der augmentierte (to augment: vermehren, vergrößern, erweitern, ausdehnen, verbessern) Horizont ebnet die so schon flachen Berge fast völlig ein. Dafür sehe ich am helllichten Tage die Sterne. Sie sind da, ihr seht sie nur nicht. Rechts über dem Findling Vega im Sternbild Lyra. Lyra!

Links oben Deneb im Schwan. Ist er nicht schön?

Die zwei Sterne darunter, genau im Norden, Gamma Cygni und Sadr, der Körper des Schwans. Von rechts oben nach links unten geneigt die Flügel. Die Füße noch unter Wasser. Ein schönes Bild, da drüben über Rügen.

Deneb und Lyra bilden zusammen mit Atair im Sternbild Adler (noch unter dem Horizont, im Bild genau in der Mitte am unteren Rand zwischen Kieseln und Schlick) das markante Sommerdreieck

Der Schwan geht auf über Rügen. Ich habe es selbst gesehen. Lacht nicht! Das Sommerdreieck geht wirklich auf, nicht virtuell. Ihr seht es nur nicht.

So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

Jetzt das Gedicht.

Matthias Claudius

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Puschkin Zeitgenosse

Prosaübersetzungen gelten als Notbehelf. Aber in diesem Gedicht fehlt nichts. Der prägnante Parallelismus und die zweimal dreifache Anapher ergeben ein dichtes Gebilde, jeder Versuch, Reim und Jambus hineinzuzwingen, könnte es nur abdrängen. Die Mitte eines kurzen Gedichts, deutsch von Kay Borowsky. Puschkin war etwa 25, als er es schrieb, es ist 1824. Er hat gerade drei Jahre Verbannung wegen revolutionärer Umtriebe hinter sich. Er ist Romantiker, die Romantiker sind nicht romantisch, sie sind die ersten modernen Menschen, ein Labor der Moderne.

Nicht für die kalten Nachahmer,
nicht für die hungernden Übersetzer,
nicht für die schüchternen Reimschmiede
bereite ich meine Verderben bringenden Epigramme!
Friede euch, ihr glücklosen Poeten,
Friede euch, ihr Konsorten von der Journaille,
Friede euch, ihr demütigen Dummköpfe!
Ihr aber, ihr Schufte – hervor!
Euch ganzes Gesindel werde ich
quälen mit der Strafe der Schande!
Und sollte ich einen vergessen,
bitte, erinnern Sie mich dann, meine Herren!

Aus: Alexander Puschkin: Gedichte. Russisch/Deutsch. Übersetzt von Kay Borowsky und Rudolf Pollach. Stuttgart: Reclam, 1998, S. 49. Das überschriftlose Gedicht beginnt mit der Zeile „O Muse der flammenden Satire“.

(Abweichend vom Buch,das Prosa mit Trennstrichen verwendet, habe ich hier die Zeilengestalt wiederhergestellt.)

Kaspar Hauser

Am 26. Mai 1828 tauchte der 16-jährige Kaspar Hauser in Nürnberg auf und sprach den Schuhmachermeister Weickmann an. Sein Fall wurde vielfach literarisch gestaltet. Hier einige Beispiele.

Richard Dehmel

Lied Kaspar Hausers
Nach Verlaine

Ich kam so fromm, ein Waisenkind,
das nichts als seine stillen Augen hat,
zu den Leuten der großen Stadt;
sie fanden mich zu blöd gesinnt.

Mit zwanzig Jahren ward ich klug
und fand die Frauen schön und gut;
sie nennen das die Liebesglut.
Ich war den Fraun nicht schön genug.

Ohne Vaterland und Königshaus,
und wohl auch kein sehr tapfrer Held,
wollt ich den Tod im Ehrenfeld;
der Hauptmann schickte mich nach Haus.

Kam ich zu früh kam ich zu spät
in diese Welt? was soll ich hier!
Ach Gott, ihr lieben Leute ihr,
sprecht für den Kasper ein Gebet!

Georg Trakl

Kaspar Hauser Lied

Für Bessie Loos

Er wahrlich liebte die Sonne, die purpurn den Hügel hinabstieg,
Die Wege des Walds, den singenden Schwarzvogel
Und die Freude des Grüns.

Ernsthaft war sein Wohnen im Schatten des Baums
Und rein sein Antlitz.
Gott sprach eine sanfte Flamme zu seinem Herzen:
O Mensch!

Stille fand sein Schritt die Stadt am Abend;
Die dunkle Klage seines Munds:
Ich will ein Reiter werden.

Ihm aber folgte Busch und Tier,
Haus und Dämmergarten weißer Menschen
Und sein Mörder suchte nach ihm.

Frühling und Sommer und schön der Herbst
Des Gerechten, sein leiser Schritt
An den dunklen Zimmern Träumender hin.
Nachts blieb er mit seinem Stern allein;

Sah, daß Schnee fiel in kahles Gezweig
Und im dämmernden Hausflur den Schatten des Mörders.

Silbern sank des Ungebornen Haupt hin.

Aus „Sebastian im Traum“

Paul Verlaine

Aus: Kaspar Hauser singt:
ALS WAISE kam ich, sanft und stumm,
die nichts als stille Augen hat,
zu Menschen in der großen Stadt,
und alle hielten mich für dumm.

Mit zwanzig litt ich neue Pein:
Ich brannt’ in Liebe zu den Frauen,
sie sind so herrlich anzuschauen,
doch keine, keine wurde mein.

(…)

Aus: VERLAINE, PAUL: Poèmes. Gedichte. Neu übertragen von Hans Krieger. Mit Zeichnungen von Christine Rieck-Sonntag. Oreos Verlag, Waakirchen 2005. 168 S., 20,- €.

Paul Verlaine

Gaspard Hauser chante:
JE SUIS VENU, calme orphelin,
Riche de mes seuls yeux tranquilles,
Vers les hommes des grandes villes:
Ils ne m’ont pas trouvé malin.

À vingt ans un trouble nouveau,
Sous le nom d’amoureuses flammes,
M’a fait trouver belles les femmes:
Elles ne m’ont pas trouvé beau.

Bien que sans patrie et sans roi
Et très brave ne l’étant guère,
J’ai voulu mourir à la guerre:
La mort n’a pas voulu de moi.

Suis-je né trop tôt ou trop tard?
Qu’est-ce que fais en ce monde?
Ô vous tous, ma peine est profonde:
Priez pour le pauvre Gaspard!

Wuchert die Torheit

Friedrich Bodenstedt (1819-1892)

Völkerhaß

Durch Zäune trennt man Herden auf der Weide,
Nach Grenzen, die durch Herrschermacht sich ändern,
Nach Ursprung, Sitten, Sprachen und Gewändern
Zieht man der Menschheit bunte Völkerscheide.

Doch Gott will nicht, daß Volk und Volk sich meide:
Das Meer bis zu des Erdballs fernsten Rändern
Wogt als Vermittler zwischen allen Ländern,
Es trennt zwei Welten und vereinigt beide.

Allein der Vorurteile tiefe Kluft
Trennt Volk von Volk. Wie Gras auf beiden Seiten
Wuchert die Torheit, die das Fremde meidet.

Doch hohe Bäume ragen durch die Luft,
Die Zweig′ und Krone sich entgegenbreiten
Der Kluft nicht achtend, die die Wurzeln scheidet.

„Lebt man denn, wenn andre leben?“

Johann Wolfgang Goethe

Keinen Reimer wird man finden,
Der sich nicht den besten hielte,
Keinen Fiedler, der nicht lieber
Eigne Melodien spielte.

Und ich konnte sie nicht tadeln;
Wenn wir andern Ehre geben,
Müssen wir uns selbst entadeln;
Lebt man denn, wenn andre leben?

Und so fand ich’s denn auch juste
In gewissen Antichambern,
Wo man nicht zu sondern wußte
Mäusedreck von Koriandern.

Das Gewesne wollte hassen
Solche rüstige neue Besen,
Diese dann nicht gelten lassen,
Was sonst Besen war gewesen.

Und wo sich die Völker trennen
Gegenseitig im Verachten,
Keins von beiden wird bekennen,
Daß sie nach demselben trachten.

Und das grobe Selbstempfinden
Haben Leute hart gescholten,
Die am wenigsten verwinden,
Wenn die andern was gegolten.

Aber dem war nicht so

Er kannte sich und wußte, daß ihm die Poesie abhandengekommen war. – Er kannte seine Genossen und wußte, daß sie ihn dafür loben würden. Einmal noch, nach Chrustschows halbverstecktem Tauwetter, erwachte ein poetischer Funken. Aber nach Niederschlagung der ungarischen Revolution war damit Schluß. Er beugte sich dem Brauch und übte Selbstkritik. Seine besten neuen Gedichte versteckte er unter vielen schlechten. Wer die 22 Bände der Werkausgabe durchackern mochte, könnte sie ja finden. Hier, zum 126. Geburtstag Johannes R. Bechers, eins der Tauwettergedichte:

Auswahl

Die wenig gelungenen Stellen
aus meinen kaum gelungenen Gedichten
wird man auswählen,
um zu beweisen,
ich wäre euresgleichen.

Aber dem ist nicht so:
Denn ich bin
meinesgleichen.

So werde ich auch im Tode
mich zu wehren haben,
und über meinen Tod hinaus
– wie lange wohl? –
erklären müssen,
dass ich meinesgleichen war
und dadurch euresgleichen,
aber nicht euresgleichen
in eurem Sinne.

Indem ich mir glich,
glich ich euch.
Aber nur so.

Johannes R. Becher

.Parkbahn

Von Franz Hofner

Als die Cloud noch nicht abgeregnet war
in Computern Festplatten verbaut waren, träge
wie die Styroporklötze unter den Füßen Wasser
tretender Frauen – weißt du noch das Hände

klatschen das imitierte Headbanging
langhaariger Models im Kleinwagen
wenn das Lenkrad selbsttätig einparkte
da fing das ok Glotzen an mit auf

gerissenen Mündern ein
Hamster der sein Rad
nicht mehr versteht

Die Sprache der Dinge
werden Menschen
nur langsam lernen

Àxel Sanjosé

So falsch und gewollt die Formeln der Metaphysik, so leicht zu verwechseln
mit Schnörkeln, mit Zufall, Glaube, Nemesis, wirrer Kunde aus Zeiten:
so unscharf zerfiel, zerlief das Mederreich, verwischt auch die Blüte,
und niemand, nein niemand befolgte je Netschajews Katechismus.
Viel Gotik und immer wieder das alte Tedeum, Trost in der Tiefe,
Gesang auch in Schenken, der Abschied der Kelten so mählich und schlicht, ja fügsam.
Wir lasen gerührt den letzten Bericht aus Utopia in stotterndem Versmaß
mit längst nicht mehr gültigen Namen der Parzen, mit ungenauen Listen
von ersten und vorletzten Dingen, von Singularitäten und Mustern.

Aus: Anaptyxis. Aachen: Rimbaud, 2013

Jetzige Generation

Von Friedrich Schiller

War es stets so wie jetzt? Ich kann das Geschlecht nicht begreifen,
   Nur das Alter ist jung, ach! und die Jugend ist alt!

Geschrieben im Januar 1796, Erstveröffentlichung im Musenalmanach für das Jahr 1797

Jürgen Landt

verschollen, doch als jammergestalt noch sichtbar, von ärzten anschreibar, zu verhöhnen, zu bedrohen, zu nötigen und zu demütigen

alle die mal gelebt haben sind tot.
und ich ersticke am vorhandensein.
schlafe nicht in erlösung ein.

alle einmal gelebten sind nicht mehr da.
aber viele konnten vorher leben als sie noch lebten.
verliere über den ewigen zustand des verstandverlierens
jeden tag zusätzlich noch einmal und zusätzlich grausamst den verstand,
wenn ich in den qualen nach einer stunde des schlafens
erneut erwache, nicht verstorben bin und in nicht beschreibbaren grausamen zuständen
registriere, daß ich immer noch vorhanden bin,
die pausenlosen qualen weitergehen,
in atemlähmung und im inneren und äußeren zittern der erstarrungen quieke, nur weil ich registriere…, weil ich in und durch die zustände nach kurzer zeit erwache und in unbeschreibbaren… dann erneute 23 stunden… und dann die eine stunde schlaf voller alpträume zusätzlich zu den alpträumen der restlichen 23 stunden…

alle die mal gelebt haben sind tot.
und alle die leben, werden… aber viele konnten im leben ein leben leben…
und ich kann nicht einmal beschreiben wie grauenvoll… schreie nur und quieke…
schreie um hilfe und es gibt keine hilfe,
zerstört durch ärzte und deren psychopharmaka,
die pausenlosen qualen von menschenhand gemacht, hil…

Erstellungsdatum: 09.01.2017

Wie möcht es die Toten verstören

Rosalía de Castro 1837 – 1885

DIE GLOCKEN

Und ich lieb sie, und ich hör sie,
und hör sie wie Windgestöber
und wie der Quellen Rauschen
oder der Lämmer Blöken.

Und dämmert über den Himmel
die erste Morgenröte,
begrüßen sie sie jubelnd
wie die erwachten Vögel.

Aus ihren Klängen, die hallend
um Tal und Hügel tönen,
klingt eine ferne Einfalt,
klingt Frieden und Versöhnen.

Wenn sie für immer schwiegen —
wie weinten Himmel und Höhen!
Wie wären die Kirchen stille!
Wie möcht es die Toten verstören!

Deutsch von Rudolf Großmann aus: Gedichte der Spanier. Zweisprachig. Hrsg. Rudolf Großmann. Leipzig: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, 1948. Bd.2: Vom Klassizismus bis zum Modernismus. S. 267

Der 17. Mai ist ihr zu Ehren in Galicien der „Día das Letras Galegas“.

LAS CAMPANAS

Yo las amo, yo las oigo
cual oigo el rumor del viento,
el murmurar de la fuente
o el balido del cordero.

Como los pájaros, ellas,
tan pronto asoma en los cielos
el primer rayo del alba,
le saludan con sus ecos.

Y en sus notas, que van repitiéndose
por los llanos y los cerros,
hay algo de candoroso,
de apacible y de halagüeño.

Si por siempre enmudecieran,
¡qué tristeza en el aire y el cielo!,
¡qué silencio en las iglesias!,
¡qué extrañeza entre los muertos!

Horst Samson

NACHDENKEN ÜBER TRAKL

Auf dem Rand der Vernunft,
Sitze ich über dem Hanauer Ring,

Denke an Trakl und Bossert,
Lasse im dritten Stockwerk

Die Füße baumeln. Verschicke
Im offenen Fenster Rauchzeichen.

Hinter mir das Zimmer, vor mir die dunkle
Stirn, unter mir Asphalt, über mir

Ein Fetzen Freiheit, dunkelblau wie mein
Auge – wann fliege ich los?

(1989/2014)

Hälfte des »Lebens«

Mit 42 stellt er fest:
Da war kein Abenteuer
Einmal im Jahr Familienfest
Zum Sommeranfang Steuer.

Der Reifenwechsel kommt im Lenz
Im Herbst dann gleich schon wieder
Zweimal im Jahr ist die Frequenz
Dazwischen blüht der Flieder.

Den Müll stellt er am Morgen raus
Er würde sonst wohl stinken.
Sein Standing, Quatsch: Prestige im Haus
Möglicherweise sinken.

Er mag das Bier, er ißt gern viel
Und schimpft auf die Regierung,
Er träumt von Sieg und Liebesspiel
Am Rücken: Tätowierung

So sitzt er schwer am Thekenplatz
Und seufzt: alles beim Alten
Er ordert noch ein Bier und denkt:
So will ich’s immer halten.

Gunnar Homann, Preisträger des Großen Dinggang 2017, gelesen beim Finale am 13. Mai.

In: Peter P. Neuhaus (Hrsg.): Der Große Dinggang. Ein Preis für Komische Lyrik. Das Beste vom Guten 2017. Menden (Sauerland): Katastrophenkultur e.V., 2017