L&Poe Rückblende: April 2002

Lyrik im „Spiegel“

Wenn Lyrik im „Spiegel“, muß schon irgend etwas Nachrichtenwürdiges:

Großmaul vom Gardasee. Zoten, Sex und Pornografie – ein Altphilologe hat den vulgärsten Dichter Roms neu entdeckt. Sein Name: Catull.

Aus dem Inhalt:
Und was sagte Cäsar? Ignorierte er den Tunten-Vorwurf? / Erfahren Sie die ganze Wahrheit im „Spiegel“ 14/2002 (mit erotischen Fresken).

Vorteile der Mehrsprachigkeit 1

Der Salzburger Slawist Otto Kronsteiner über die alte Literatursprache Slowenisch, ein neues Standardwerk und den Traum vom Nobelpreis :

Es ist bekannt, dass viele slowenischen Dichter zweisprachig gedichtet haben. Schon bei Preseren haben wir eine Reihe von schönen deutschen Gedichten, er kommt allerdings nur in der slowenischen Literaturgeschichte vor und sonst in keiner. Ich habe schon öfter vorgeschlagen, man müsste eine österreichische Literaturgeschichte schreiben, die auch die vielen zweisprachigen Dichter im alten österreichischen Kulturraum erfasst. Es hat nicht nur die slowenisch-deutsche Zweisprachigkeit gegeben. Die Polen, die Tschechen, die Ungarn – alle haben sie auch Deutsch gedichtet. Also müsste man eine österreichische Literaturgeschichte schreiben, in der auch Preseren und die anderen vorkommen, die in zwei Sprachen gedichtet haben. Das wäre für die Zukunft wichtig. (…)

Welche Chance haben eigentlich Sprachen wie das Slowenische? Es ist ja schwierig in dem großen Europa, sich mit einer Sprache, die von zwei Millionen Menschen gesprochen wird, durchzusetzen. (…) Eine Gefahr liegt darin, dass es in solchen Literaturen wie den slowenischen sehr viel Lyrik gibt. Lyrik ist sehr schwer zu übersetzen und bleibt daher relativ unbekannt. Die Sprachen und Literaturen, die viele Dramen und Romane haben, haben die besseren Chancen. Daher würde ich mir wünschen, dass sobald wie möglich ein Slowene einen schönen großen Roman schreibt und den Nobelpreis dafür bekommt. Dann würde die slowenische Literatur mit einem Schlag in der ganzen Welt berühmt. / Kleine Zeitung 9.4.02

  • „Geschichte der slowenischen Literatur“ von Marija Mitrovic. Übersetzung/Bearbeitung: Katja Sturm-Schnabl. Hermagoras/Mohorjeva, Preis: 36 Euro.-
Vorteile der Mehrsprachigkeit 2

Der Tagesspiegel interviewt den in Angola in einer portugiesisch-brasilianischen Ehe geborenen und heute abwechselnd in Rio de Janeiro, Lissabon und Luanda lebenden Autor José Eduardo Agualusa, der einige Monate als Stipendiat in Berlin lebte. 2 Zitate:

  • Die portugiesische Sprache ist inzwischen eine Komposition, die aus sieben Ländern in vier Kontinenten entstanden ist. Hinzu kommt, dass die Araber fünf Jahrhunderte in Portugal waren, das Portugiesische also nicht nur lateinische Wurzeln hat. Auch der Fado, die traditionelle Musik Lissabons, geht zurück auf den Gesang afrikanischer Sklaven in Brasilien im 19. Jahrhundert. Und bereits im 17. Jahrhundert kam jeder fünfte Bewohner Lissabons aus Afrika. … Im 17. und 18. Jahrhundert waren viele Lissaboner Intellektuelle afrikanischen Ursprungs.
  • Ich denke, die Deutschen sollten als Chance begreifen, dass nun auch das Türkische eine deutsche Sprache geworden ist. / Der Tagesspiegel 10.4.2002
Brasilianische Literatur

Doch bereits im 17. Jahrhundert hatten zwei Schriftsteller diesem Transkulturationsprozess in ihren Werken Ausdruck verliehen: der poète maudit Gregório de Matos, das «Höllenmaul» von Salvador, verhöhnte in seinen satirischen Versen den Standes- und Rassendünkel der Weissen, während der Jesuitenpater Vieira der neu entstehenden tropischen Zivilisation bescheinigte: «Brasilien hat den Körper Amerikas und die Seele Afrikas.» / NZZ 20.4.02

Peter-Paul Zahls Roman

… „Die Glücklichen“ hat derweil seine 26. Auflage erreicht. Als der Roman 1979 zum ersten Mal erschien, war es ein Skandal. Peter-Paul Zahl hatte ihn im Knast geschrieben, in Köln Ossendorf, Bochum und Werl. Hatte damit jenen früheren Weggefährten eine Nase gedreht, die sich um des Parteigehorsams willen auf die Tage der Kommune nicht mehr besannen, auf die Straßenkämpfe und Sprechchöre, die Demos und Steinwürfe. Für die Bonner Republik andererseits war das Buch ein 524 Seiten langes Ständchen mit dem Refrain: „Ich kenn ein putzig Städtchen am Rhein / da behaupten die Beschränktesten / Sachwalter ganz Deutschlands zu sein./ Sie verwalten die Kohlen und halten die Macht / aber jetzt jetzt werden sie ausgelacht.“

Dass der Knastschreiber, zu dem Zahl sich selbst ernannte, daraufhin den Förderpreis der Freien Hansestadt Bremen erhielt, ließ die Lordsiegelbewahrer des freien bundesdeutschen Staates aufschreien. Das hieße sozialdemokratische Kulturpolitik, posaunte Helmut Kohl an Straußens Statt. / Aureliana Sorrento, Berliner Zeitung 13.4.02

Retter der Unwahrheit

Gedichte, so Waterhouse, haben es mit einem «weit verzweigten System von Unwahrheiten» zu tun, ja sie fungieren geradezu als «Retter» von «Unwahrheit».
Um diese irritierende Einsicht zu belegen, führt Waterhouse an einem Gedicht des Lyrikers Andrea Zanzotto das unausweichliche Misslingen jedweder Übersetzung vor. Als Spezialist für das Aufspüren klanglicher Echos und Konnotationen in den einzelnen Wörtern, entriegelt Waterhouse den ursprünglichen Bedeutungsgehalt des Wortes «vera» (= «wahr») und überführt es in eine «desintegrierte, aufgelöste Form von Wahrsein». Aus «vera» für «wahr» entsteht dann irgendwann «vertigo», also Schwindel, Drehung und Taumel. Wer Gedichte schreibt und übersetzt, begibt sich laut Waterhouse nicht in den Einflussbereich der «Göttin der Treueschwüre», sondern in die Einflusszone der lateinischen «Vertumnen», der «Wandelgötter, Verschieber, Übersetzer». / Michael Braun , Basler Zeitung 24.4.02

Problem Nobelpreis

„Kein Gewinn für den menschlichen Geist“

Über die Veröffentlichung der Akten des Nobelpreiskomitees bis 1950 berichtet die NZZ:

Paul Valéry wurde ab 1930 fast jährlich lanciert, ehe er 1945 zu genau jenem Zeitpunkt starb, als das Komitee Bedenken wegen Valérys Exklusivität überwand. 1930 wird Valéry als «schwer zugänglich» beurteilt, man fürchtet, er würde das breite Publikum verwirren. Sein Werk sei kein Gewinn für den «menschlichen Geist». Auch danach wird er als dunkel und pessimistisch abgelehnt. Der Nobelpreis sei für ein «breiteres menschliches Interesse» reserviert, heisst es etwa. 1939 wird dem Kandidaten verhaltener Respekt gezollt. Man spricht jetzt von «erlesenen und graziösen egozentrischen Gedankenspielen, ohne eigentlichen Bezug zum Leben und zur Welt». 1943 rühmt dann der Experte für französische Literatur Valérys «ehrliche Wahrheitssuche». Der Schriftsteller Per Hallström als Vorsitzender bekennt aber, dass er in diese «esoterische» Lyrik nicht einzudringen vermöge. Der Scharfsinn der Aphorismen vernichte den seelischen Stoff, den Valéry bearbeite. Der Leser sei nach der Lektüre nicht klüger als zuvor. Erstmals regt sich mit Fredrik Böök, Schwedens einflussreichstem Kritiker, eine Stimme, die für Valéry plädiert. 1945 stirbt Valéry. Hallström lobt jetzt dessen unvergleichliche «geistige Erhebung und Selbständigkeit». Der Vorschlag, ihn postum auszuzeichnen, fällt aber durch. T. S. Eliot indessen wird im selben Jahr als zu exklusiv eingestuft . NZZ 8.4.02

Nordlicht aus Dresden

Aber Däublers Haupt- und Lebensstück, das lyrische Großepos „Das Nordlicht“, ist so gründlich verschollen, dass es selbst im „Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher“ kaum Spuren hinterlassen hat. Sehr zu Unrecht, denn dieses ebenso großartige wie törichte Gedicht ist eines der größten deutschen Sprachexperimente, „halb Pyramide und halb Urwald“, wie Däubler selbst meinte. Das Gedicht soll nicht weniger als die Geschichte der gesamten Schöpfung erzählen, von der anfänglichen Trennung der Erde von ihrer Mutter, der Sonne, bis zur künftigen Vereinigung im Kosmus unter dem Zeichen des Nordlichts. Vollständig erschienen ist „Das Nordlicht“ zum ersten Mal 1910 (Florentiner Fassung), dann, nach einer durchgreifenden Umarbeitung zum zweiten Mal 1921 (Genfer Fassung). Bis 1930 arbeitete Theodor Däubler an der dritten, der „Athener Fassung“. Sie blieb allerdings ungedruckt und liegt heute im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Der Dresdner Literaturwissenschaftler Walter Schmitz hat nun zusammen mit Stefan Niehaus (Universität Bari) und Paolo Chiarini (Universität Rom) mit der ersten Gesamtausgabe der Werke Theodor Däublers begonnen. Nachdem einer Reihe großer deutscher Verlage das finanzielle Risiko einer solchen Edition als zu groß erschien, hat nun der Dresdner Kleinverlag Thelem ( http://www.thelem.de ) die Ausgabe übernommen, deren erster Band, eben „Das Nordlicht“ in drei Fassungen und Teilbänden sowie einem Kommentarband, gegen Ende dieses Jahres erscheinen könnten – vorausgesetzt, es finden sich hundertzwanzig Subskribenten für die Gesamtausgabe. / Süddeutsche Zeitung 11.4.02

Benn und die Frauen

Die Frauen! Fast zwanzig Jahre, nachdem Gottfried Benn dem Freund Oelze seine Vorliebe für Affären mit eher ungebildeten Damen mehr herausposaunte als gestand (Brief vom 29. Juli 1938), verwickelte sich der Dichter in eine Doppelaffäre mit zwei jungen Literatinnen, die den fast siebzigjährigen Dichter häufig in Dispute über Lyrik verwickelten: über seine Verse ebenso wie über die eigene Lyrikproduktion. Denn Ursula Ziebarth und Astrid Claes, wiewohl grundverschieden, schrieben beide Gedichte und zögerten nicht, den Meister in deutlichen Worten zu kritisieren, wenn es ihnen nötig schien. „Sie sind der Dichter der Morgue und der Trunkenen Flut, Sie dürfen mit dem Namen Gottfried Benn doch heute nicht mehr machen, was Sie wollen. Sie haben die Welt beschenkt, wie sie es nie verdient hatte; sie hat dieses Geschenk angenommen. Was veranlasst Sie also zu dieser Ungeduld, die Sie dem von Ihnen selbstgestellten Anspruch untreu werden lässt? Warum warten Sie nicht mehr?“. / FAZ 27.4.

Und noch mehr Benn: FAZ verspricht für die Sonntagsausgabe – das muß ich zitieren: „Wie wird es enden? Der Kampf der letzten beiden Geliebten Gottfried Benns“ (S.10)

Die Antwort füllt am Sonntag wiederum fast eine ganze Seite (incl. 4 Bilder). Florian Illies wird Antwort von Frau Ziebarth: „Machen Sie sich keine Sorgen, junger Mann, als Liebhaber war er ganz hervorragend.“ / FAZ 28.4.02

Schwül… stigst

Thomas Mann als Lyriker kann man in der Frankfurter Anthologie erleben: schwül, -stigst (mit Achselbart, Hinterfleisch und Zeugezeug – außerdem einem handfesten editorischen Skandal). / FAZ 27.4.02

Apropos Schwulst

Lyrik (sagt die Sächsische Zeitung) ist, wenn man sich geschwollen ausdrückt:
Der Oberbürgermeister bemühte die Lyrik. „Sport ist eine Tätigkeitsform des Glücks“, sagte Ingolf Roßberg bei seiner Eröffnungsrede am Sonnabend auf der 10. Dresdner Sportlergala im Westin Hotel Bellevue. / 23.4.02

Gegenmodell Grünbein

Dr. Lutz Hagestedt, Literaturkritiker und Dozent am Institut für Neuere deutsche Literatur der Philipps-Universität, betonte in seiner kurzen Vorstellung des Autors, dass Grünbein in den letzten Jahren sogar noch weiter angezogen habe: „Quantitativ wie qualitativ.“ Der junge Autor bringe die erstarrten Formen des Kanons in Bewegung: „Das Gegenmodell zu Grünbein ist wohl der Pop-Literat.“ / Gießener Anzeiger 27.4.02

„Staatsdichter“ Grünbein

Obwohl man ihn seit einem Jahrzehnt durch allerlei «Ruhmhallen» hetzt, ist Durs Grünbein ein Ausnahme-Lyriker geblieben, der mit seinem Weltaneignungsgeschick und seiner Kompositionsfertigkeit selbst schwächere Phasen seiner Produktion zu überspielen vermag. … Vier Gedichttypen lassen sich in «Erklärte Nacht» unterscheiden: Im ersten Teil des Bandes dominiert die bildungstouristisch veredelte Reiseimpression. Hinzu tritt der lyrische Kommentar zu politischen Erregungszuständen wie dem Kosovo-Konflikt und dem Drama des 11. September. Die Mitte des Bandes bilden «neue Historien», konzentrierte Porträts zu bestimmten geschichtlichen Lagen in der römischen Kaiserzeit, in denen Grünbein seine antikisierenden Leidenschaften elaboriert vorzuführen weiss. Gegen Ende des Bandes kehrt der Autor in einer Reihe «unzeitgemässer Gedichte» zu den Landschaften und Urszenen seiner Kindheit zurück. / Michael Braun, Basler Zeitung 26.4.02

Jeanne Mammen, Lehrerin der Außenseiter

Für Lothar Klünner , der nach dem Krieg mehr als 25 Jahre lang fast jeden Donnerstagabend hier verbrachte, ist das Atelier so etwas wie Heimat, wie die „Wiege meines Kunstverständnisses“. Er und sein Freund Johannes Hübner Mammen, um mit ihr bei Rotwein über französische Literatur zu diskutieren. Die beiden, die zur ideengeschichtlich verwaisten jungen Kriegsgeneration gehörten, suchten Zuflucht beim literarischen Surrealismus der Franzosen. Sie begannen Apollinaire und René Char zu übersetzen und schrieben selbst Gedichte im Duktus ihrer großen Vorbilder. Die 30 Jahre ältere Mammen wurde ihnen zur Mentorin, denn im Französischen und der Literatur jener Zeit kannte sie sich aus.

Eines teilt Klünner mit seiner Lehrmeisterin: Als Schriftsteller ist er Außenseiter geblieben. Seine Lyrik, die dem Unbewussten huldigt, Logik und bewusstes Kalkül ablehnt und in der das Ich gern auf verlorenem Posten steht, bietet viel kryptischen Expressivität. Verständnis wird mit einer fantastischen Metaphernfülle zugedeckt. Das gibt den Gedichten die Schönheit des Augenblicks. Zeitlos aber ist nur die Idee, dass der Moment zeitlos sein kann. / taz Berlin 5.4.02

Lothar Klünner: Diese Nacht aus deinem Fleisch. Gesammelte Gedichte. Berlin: Jeanne-Mammen-Gesellschaft 2000. ISBN 3-89811-428-7

Seit mehr als 1000 Jahren

leben Juden in Deutschland, aber erstmals vor 230 Jahren schrieb einer von ihnen auf Deutsch*, lesen wir in der NZZ:

Mit den 1772 anonym erschienenen «Gedichten von einem pohlnischen Juden» war dieser Anfang in Deutschland für die Literatur gesetzt. Davor gab es zwar jiddische, aber keine deutschsprachige jüdische Literatur. Der Verfasser dieser Gedichte, Isachar Falkensohn Behr , 1746 in Litauen geboren, vollzog den Weg jüdischer Söhne der Aufklärung… [Der junge Goethe rezensierte den Band in Frankfurt]. / Andreas Kilcher, NZZ 25.4.02

  • Isachar Falkensohn Behr: Gedichte von einem polnischen Juden. Hg. mit einem Nachwort von Andreas Wittbrodt. Wallstein-Verlag, Göttingen 2002. 104 S., Fr. 39.50

*) Bestimmt nicht der erste! Es gab sogar einen jüdischen Minnesänger: Süßkind von Trimberg.

Island: Jeder liest und dichtet

Und der Erfolgsverleger Halldor Gudmundsson erzählt: „Jeder Isländer ist ein Leser oder Erzähler. Oder beides. Und zwischendurch schreibt er Gedichte.“ Dass die Isländer ebenso viele Lyrikbände kaufen und lesen wie 80 Millionen Deutsche, verschlug selbst Hans Magnus Enzensberger die Sprache. Jeder zehnte Inselbewohner hat ein Buch veröffentlicht. Selbstverständlich dichtet auch Ministerpräsident David Oddsson . / Die Welt 21.4.02

Oulipo & Co.

Dietmar Dath schreibt über die Schriftstellergruppe Oulipo (auf deren Mitgliederliste auch der Name Oskar Pastior steht) und ihre Ableger, darunter das vom Oulipoten Jacques Roubaud gegründete ALAMO:

„Regel“ hieß also der Anspruch, dem man gerecht werden wollte. Roubaud selbst steuerte zum oulipiensischen Kanon zwei solche Regeln bei, die „Roubaudschen Prinzipien“: Das erste schlägt vor, daß „ein Text, der entsprechend einer bestimmten restriktiven Prozedur erstellt ist, sich auch explizit auf diese bezieht“, das zweite verlangt, daß „ein Text, der nach einer mathematisch formulierbaren Prozedur geschrieben ist, auch die Konsequenzen der mathematischen Theorie tragen muß, die er illustriert“. Roubauds „Prinzessin Hoppy“ ist ein Exempel der zweiten Regel; die erste fand Verwirklichung in einer Dichtung Georges Perecs, die ohne den Buchstaben „e“ auskommt und zugleich dessen Verschwinden thematisiert („Anton Voyls Fortgang“). / FAZ 17.4.02

Maja Turowskaja erinnert an Joseph Brodsky

Mit fünfzehn hatte er die Schule verlassen, aber als sich herausstellte, daß man an moderne Literatur in der Sowjetunion nur auf polnisch herankam, eignete er sich Polnisch an. Danach fügte er seinem Russisch, gemäß Niels Bohrs Prinzip der Komplementarität, das Englische hinzu (seine Aussprachefehler hinderten ihn nicht, ein brillanter Essayist zu werden). …

Auf die Frage der Richterin Saweljewa, wer ihn in die Riege der Dichter aufgenommen habe und was ihm das Recht zu dieser Tätigkeit gebe, hatte Brodsky seinerzeit im Gerichtssaal geantwortet: „Ich glaube, das kommt – von Gott.“ Keine triviale Antwort für einen sowjetischen Burschen, der, von allem anderen abgesehen, des „Schmarotzertums“ angeklagt ist. Das Urteil – fünf Jahre Zwangsarbeit – bestätigte es, die Ausweisung bekräftigte es. / Frankfurter Allgemeine Zeitung , 16.04.2002

Verbal Pyrotechnics

Make way for the mind-bending experiments — the verbal pyrotechnics — of the Russian poet Velimir Khlebnikov (1895-1922), whose friends christened him „Velimir the First, King of Time.“ Khlebnikov’s early Futurist work has the hijinks glow and aggressive hilarity of youth („We rang for room service and the year 1913 arrived,“ he wrote, „it gave Planet Earth a valiant new race of people, the heroic Futurians“), and reading it, even in translation, often makes me burst out laughing. / Washington Post Sunday, April 28, 2002

William Blake

Sein erfolgreicher Dichterkollege Wordsworth , bei dem sich im Gegensatz zu Blake der revolutionäre und künstlerische Elan im mittleren Alter verflüchtigte, bemerkte immerhin nach der Lektüre einiger Blake’scher Verse: «Am Wahnsinn dieses Mannes ist etwas, das mich mehr anzieht als die geistige Gesundheit eines Lord Byron .» … Dem deutschsprachigen Publikum ist Blake, zumal in seiner Eigenschaft als Dichter und mythopoetischer Zivilisationskritiker, nach wie vor wenig bekannt; und dies, obgleich seine erste kritische Würdigung 1811 ausgerechnet auf Deutsch erschien, und zwar im «Vaterländischen Museum», verfasst von Henry Crabb Robinson, einem unermüdlichen, wenn auch wenig erfolgreichen Mittler zwischen englischer und deutscher Kultur in der Goethezeit. / Werner von Koppenfels, NZZ 13.4.02

Allen Ginsberg stirbt

Es steht in allen Zeitungen Es kommt in den Abendnachrichten Ein grosser Dichter stirbt Aber seine Stimme wird nicht sterben Seine Stimme schwebt über dem Land In Lower Manhattan in seinem Bett stirbt er Es lässt sich nichts dagegen tun Er stirbt den Tod eines jeden Er stirbt den Tod eines Dichters Er hält ein Telephon in Händen und ruft jeden an Rund um die Welt spät in der Nacht klingelt das Telephon «Ich bin’s, Allen» sagt die Stimme

so beginnt ein Text von Lawrence Ferlinghetti , den das St. Galler Tagblatt heute mit einem weiteren von Gregory Corso zum gleichen Thema druckt: Elegeia für Allen Von seinem geliebten Catull [schon wieder!] und seinem geliebten Gregory, dargebracht am 7. April 1997 im New York City Shambala Center . (Ginsberg starb heute vor 5 Jahren)/ Tagblatt 5.4.02

Prosagedicht. Erkundung mit 3 Überraschungen

Prosagedicht / poème en prose. Eine Spurensuche mit drei Überraschungen

Von Michael Gratz

Vor Wikipedia benutzte man Lexika. Gero von Wilperts lange Zeit kanonisches Sachwörterbuch der Literatur (1. Ausgabe von 1955) kennt weder Gedicht in Prosa noch Prosagedicht oder Poème en prose. Ein kurzer Eintrag zu Prosarhythmus bezieht sich ausschließlich auf Prosa, die er dann Kunstprosa nennt. Da der Begrff (heute?) meist aus der französischen Literatur bekannt ist, schaue ich in Das kleine Lexikon der Weltliteratur von Hermann Pongs (1954). Leider vergeblich. Aber Baudelaire kennen die wenigstens? Ja. Viel über die „berühmten ‚Fleurs du Mal‘ (Blumen des Bösen), 1857, die das Böse verherrlichen wie das Gute; frei von Bindungen der Humanität, ‚Poésie absolue‘ über dem Abgrund des ‚Ennui‘, der Leere.“ Naja. Hätte so auch in der frühen DDR gesagt werden können. In den 50er Jahren waren sie gar nicht so weit auseinander… Am Schluß noch die knappe Nennung: “ ‚Poèmes en Prose‘, 1869, Zauber freier Prosa (Bertrand).“ Erst der sehr kurze Eintrag über Aloysius Bertrand sagt dann: „Der unscheinbare Begründer des französischen Prosagedichts. Vorläufer Baudelaires.“ Irgendwie interessant, aber für den Lexikographen auch wieder nicht.

Vierzig Jahre später im „Killy“ ist nichts besser, im Gegenteil. Nicht einmal Prosa und Prosarhythmus.

Otto F. Best: Handbuch litearischer Fachbegriffe (1972): Fehlanzeige, ebenso wie Friedrich/ Killy: Fischer Lexikon Literatur (1965) und Haremberg Literaturlexikon (1989/1997). Kein Thema für die deutsche Germanistik?

Erst im von Claus Träger herausgegebenen Wörterbuch der Literaturwissenschaft aus dem VEB Bibliographisches Institut Leipzig (1986) werde ich fündig:

Poème an prose [franz., Prosagedicht]: in der franz. Literatur Sammelbegriff für Formen, die zwischen künstler Prosa und dem regelmäßigen Vers stehen; meistens handelt es sich um Gebilde, die sich vor allem in bezug auf Rhythmus und Klang lyr. Ausdruck nähern. Gelegentlich wird auch – namentlich verallgemeinernd – wie in anderen Sprachen bzw. Literaturen ebenfalls (dt., russ. usw.) von „prose poétique“, von poet. oder lyr. Prosa gesprochen (↑ Prosa, ↑ Prosarhythmus). Im engeren Sinn bezeichnet es eine äußerlich prosahaft erscheinende Form, die inhaltlich wie gestalterisch (Rhythmus, Klang, versähnl. Struktur, Alliteration, Binnenreime usw.) durch poet./lyr. Elemente geprägt ist (NOVALIS, Hymnen an die Nacht, Fassg. 1800). In Frankreich entstand das P. im Zusammenhang mit den romant. Versuchen, sich von überkommener Regelhaftigkeit zu befreien und neue Möglichkeiten des künstler. Ausdrucks zu finden. Zu hoher Vollendung wurde es von Ch. BAUDELAIRE entwickelt; er verfaßte ab 1857 etwa 50 Prosagedichte, die nach seinem Tode unter dem Titel Petits Poèmes en Prose (1869) herausgegeben wurden. J. Papenbrock

Bertrand fehlt, aber zumindest ist die Form als Fakt der Weltliteratur und namentlich der französischen (bis hin zur französischen Originalform des Terminus) anerkannt.

Ich versuchs noch im Metzler Literaturlexikon, 2. überarb. Aufl. 1990:

Prosagedicht [nach frz. poème en prose], frz. literar. Gattung: lyr. Aussage in formal geschlossener, kunstvoll strukturierter und klangl.-rhythm. ausgestalteter Prosa, die den Eigenbewegungen einer dichter. Aussage adaequater und ungebrochener als metr. gebundene Formen Ausdruck verleihen soll ; oft in kurze Absätze (Lautréamont: »Gesänge«) gegliedert; steht zwischen ↗︎rhythm. Prosa und ↗︎freien Rhythmen (↗︎vers libre). Geschaffen von A. Bertrand (»Gaspard de la nuit«‚ 1826—36, hrsg. 1842) in Weiterentwicklung der romant. poet. Prosa etwa F.-R. de Chateaubriands und entsprechend der romant. Tendenz zur Vermischung und Entgrenzung der Gattungen; aufgegriffen von A. Rabbe und M. de Guérin (»Centaure«‚ 1835, »La bacchante«‚ 1836), jedoch erst durch die Bertrand-Rezeption Ch. Baudelaires (»Petits poèmes en prose«, 1869 posthum: 50 P.e) breiter bekannt; gepflegt u. a. auch von Lautréamont (»Les chants de Maldoror«, 1869), A. Rimbaud (»Les illuminations«, entstanden 1872, »Une saison en enfer«, 1873, z. T. P.e), F. Ponge oder Saint-John Perse, auch v. O. Wilde. Das P. blieb aber als Gattung nicht unumstritten (P. Verlaine, Th. de Banville). Für die dt. Literatur schlug U. Fülleborn (erstmals 1966) die Bez. vor für entsprechende Dichtungen seit der Vorromantik und Romantik, die z. T. als Prosahymnen, -idyllen, -elegien‚ Skizzen oder poet. Prosa bezeichnet worden waren (S. Geßner, Ch. M. Wieland, der junge Goethe, Jean Paul, A. v. Arnim), und die seit 1900 bis zur Gegenwart immer häufiger auftreten (F. Nietzsche, »Zarathustra«‚ Expressionisten, Dadaisten, Kafka, B. Brecht, E. Lasker-Schüler, G. Trakl, H. Heißenbüttel, P. Handke, Sarah Kirsch u.a.).
Frz. P. : Texte: Chapelan, M: Anthologie du poème en prose. Paris 1959.
Lit. : Bernard, S: Le poème en prose de Baudelaire jusqu’à nos jours. Paris 1959. — Rauhut, E: Das frz. P. Hamburg 1929.
Dt. P. : Texte: Fülleborn, U./Dencker, K. P. (Hrsg.): Dt. P.e des 20. Jh.s. Mchn. 1976. – Dies.: Dt. P.e vom 18.Jh. bis zur letzten Jh.wende. Mchn. 1985.
L: Simon, J.: The Prose Poem. New York 1987. — Fülleborn. U: Das dt. P. Zu Theorie u. Gesch. einer Gattung, Mchn. 1970.

Die beiden letzten retten die Ehre der Gattung Literaturlexikon. Wie steht es im Ausland? Das Penguin Dictionary of Literary Terms & Literary Theory von Cuddon (rev. Preston), 1. Aufl. 1977, 5. 1998 hat einen Eintrag prose poem und verweist auf Bertrand als „offenbar einer der ersten Schriftsteller, die es als kleinere Gattung (minor genre) etablierten. Bertrand habe Baudelaire und die Symbolisten und Surrealisten beeinflußt.

Und in Frankreich? Das Dictionnaire de la poésie française von Jacques Charpentreau (2006) schießt den Vogel ab mit mehr als 6 Seiten. Das poème en prose leite sich üblicherweise von Aloysius Bertrand (1842), Charles Baudelaire (1862) und Max Jacob (1917) her. Man könne auch auf Fénelon (1699), Parny (1787), Rabbe (1835), Guérin (1840) und andere verweisen. Folgen zahlreiche Beispiele und differenzierte Hinweise zur Geschichte und Poetik der Form. Eine schöne Formel: „Kürze. Intensität. Unmotiviertheit (gratuité).“ (Maurice Chapelan). Und der Hinweis auf unterschiedliche Meinungen: „Prosa ohne Rhythmus“ (Baudelaire). – „Rhythmisierte Prosa“ (Paul Fort). Im übrigen fehlen Autoren aus anderen Sprachgebieten praktisch ganz.

Ein zweites Lexikon: Dictionnaire de Poétique et de Rhétorique von Henri Morier (1. Aufl. 1961, 2. 1975). Hier gibt es einen langen Eintrag prose cadencée, prose poétique et poème en prose (Rhythmische Prosa, poetische Prosa und Prosagedicht). Erwähnt wird, daß rhythmische Prosa bereits Griechen und Römern bekannt war und daß man Rousseau als Erfinder der „musikalischen Prosa“ bezeichnet habe. Folgen zwei Abschnitte „Das große Prosagedicht“ und „Das kleine Prosagedicht“. Das große Gedicht in Prosa wird auf Fénelons Télémaque (1699) zurückgeführt, vollständig Die Abenteuer des Télémaque, ein aufklärerischer und didaktischer Roman, der die Geschichte der Odyssee weitererzählt. Fénelon selber spricht von „epischer Prosa“, das verweist auf den poetischen Ursprung der Epen und zugleich auf die Überlebtheit der Versdichtung in der Neuzeit. So gesehen entspricht die Prosaform dem aufklärerischen Impetus. Mit dem „kleinen Gedicht in Prosa“ bei Bertrand und Baudelaire hat das nicht viel zu tun, darauf zielt wohl das Stichwort Unmotiviertheit bei Chapelan.

Die Wurzeln des kleinen Prosagedichts werden in der Romantik gesehen. Um 1840 hätten drei Dichter, Alphonse Rabbe, Aloysius Bertrand und Maurice de Guérin, die Idee entwickelt. Die Idee habe in der Luft gelegen. Romantik und Prosagedicht hätten diese sechs Gemeinsamkeiten: 1. Sinn für Harmonie, 2. für Mischung der Gattungen, 3. die Menge oder Zahl (nombre), 4. für Bewegung, 5. Freiheit, 6. Idealisierung. Viele interessante Details folgen, bis in die Gegenwartsliteratur des 20. Jahrhunderts, zu Camara Laye, ein guineischer Autor, der eigentlich Laye Camara heißt, wenn ich der deutschsprachigen Wikipedia folge.

Auch in diesem Buch fehlen Verweise auf Autoren aus anderen Sprachen völlig (obwohl man bei Stichworten wie Romantik oder Mischung der Gattungen an die deutsche Romantik denken könnte, die ja tatsächlich via Madame de Staëls Deutschlandbuch die französischen Autoren beeinflußt hat.

Ich fasse das bisherige zusammen: das Prosagedicht scheint eine vorwiegend französische Gattung zu sein, deren Tradition auf Fénelon und im engeren Sinn auf Bertrand zurückgeht, die Bezeichnung poème en prose scheint Baudelaire eingeführt zu haben.

Erste Überraschung

Das ist etwa der common sense, also unbedingt hinterfragbar. Denn tatsächlich gibt es einen Eintrag Poème en prose bereits in der berühmten Encyclopédie von Diderot und d’Alembert. Im Dezember 1765 erschien Band 12 der Encyclopédie: Parlement – Potytric. Darin steht:

Poeme en prose, (Belles – Lettres.)

genre d’ouvrage où l’on retrouve la fiction & le style de la poésie, & qui par – là sont de vrais poëmes, à la mesure & à la rime près; c’est une invention fort heureuse. Nous avons obligation à la poésie en prose de quelques ouvrages remplis d’avantures vraissemblables, & merveilleuses à la fois, comme de préceptes sages & praticables en même temps, qui n’auroient peut – être jamais vû le jour, s’il eût fallu que les auteurs eussent assujetti leur génie à la rime & à la mesure. L’estimable auteur de Télémaque ne nous auroit jamais donné cet ouvrage enchanteur, s’il avoit dû l’écrire en vers; il est de beaux poëmes sans vers, comme de beaux tableaux sans le plus riche coloris. (D. J.)

Gedicht in Prosa,

eine Art von Werken, in denen sich die Erfindung und der Stil der Poesie wiederfindet und die als solche echte Gedichte sind, nur ohne Versmaß und Reim; das ist eine höchst glückliche Erfindung. Wir verdanken der Poesie in Prosa einige Werke voller zugleich wahrscheinlicher und wundersamer Abenteuer, ebenso weise wie brauchbare Beispiele, die vielleicht nie das Licht des Tages erblickt hätten, wären die Autoren verpflichtet gewesen, ihr Genie dem Reim und Versmaß zu unterwerfen. Der schätzenswerte Autor des Télémaque hätte uns niemals dieses bezaubernde Werk geschenkt, hätte er in Versen schreiben müssen; es gibt gute Gedichte ohne Verse so wie es Bilder gibt ohne reiche Farbigkeit.

Soweit so gut. Halten wir fest, die Bezeichnung poème en prose wurde nicht im 19. Jahrhundert von Baudelaire geprägt, sondern im 18. von den Aufklärern. Ja, sie beziehen sich auf Fénelon, den Autor des Télémaque. Aber ist ein didaktischer Roman in Prosa wirklich ein echtes Gedicht?

Zweite Überraschung

An dieser Stelle des Nachdenkens stieß ich auf die Tatsache, daß die Macher der Enzyklopädie nicht nur Fénelons Roman kannten, sondern tatsächlich kürzere poetische Stücke. Viele Jahre vor Goethes Werther gab es einen deutschsprachigen Autor, der in zahlreichen Ausgaben ins Französische, Englische, Italienische und Portugiesische übersetzt wurde. Seine Bücher waren in Prosa verfaßt, mit Bezeichnungen wie: Gedicht in fünf Gesängen. Idyllen. Ländliche Gedichte. Hirtengedichte. Poetischer Hirtenroman. Zwischen 1760 und 1840 ein europäischer Starautor. Der berühmte Mann hieß Salomon Geßner, ein Schweizer, der heute im französischen, englischen und auch im deutschen Sprachraum weitgehend vergessen ist. (Die Überraschung für mich war nicht, daß Geßner Prosagedichte schrieb, die kannte ich; sondern daß die Enzyklopädisten ihn kannten). „Geßner – ein Vergeßner“, reimte Ulrich Berkes, Herausgeber einer Auswahl von Idyllen bei Reclam Leipzig (1980). Das Kind Mozart spielte in seinem Haus, Goethe machte einen Anstandsbesuch. Vielleicht weiß man heute am ehesten noch, daß er der Gründer der Zürcher Zeitung war (1780), aus der später die Neue Zürcher Zeitung wurde. Hier eine unvollständige Aufstellung von Übersetzungen in europäische Sprachen.

La mort d’Abel,: poëme, en cinq chants
Published 1760 by J.H. Schneider

Idylles et Poëmes champêtres de M. Gessner
traduit de l’allemand par M. Huber
Published 1762 by J. M. Bruyset in Lyon

Rural poems
Translated from the original German, of M. Gesner.
by Salomon Gessner
Published 1762. Printed for T. Becket, and P.A. de Hondt in London

Select poems from M. Gessner’s Pastorals
By the versifier of Anningait and Ajutt.
Published 1762 by printed for the author, and sold by J. Newbury in London

Rural poems
Translated from the original German, of M. Gessner.
by Salomon Gessner
Published 1763. Printed for Peter Wilson in Dublin

Daphnis
a poetical, pastoral novel. Translated from the German of Mr. Gessner, the celebrated author of the Death of Abel. By an English gentleman, … To which is prefixed, a prefatory discourse on the origin and use of pastoral poetry.
Published 1768 by sold by J. Dodsley, T. Cadell, W. Owen, G. Kearsley, J. Wilkie, and W. Nicoll, and W. Davenhill in London

Contes moraux et nouvelles idylles
de Diderot et Salomon Gessner.
Published 1773 in Zuric .
Vol. 2 has title: Œuvres de Salomon Gessner, traduits de l’allemand.
Illustrations and plates by Gessner.

„Contes moraux“ by Diderot (v.1, p. [1]-58) comprise „Les deux amis de Bourbonne“ and „Entretien d’un pere avec ses enfans.“

Pastoraes: Traduzidas em Portuguez
Published 1778 by Na officina que foi de A. Alvares Ribeiro

Oeuvres complettes de Gessner.
Published 1780 by Cazin in Paris

I nuovi idillj di Gessner
in versi italiani, con una lettera del medesimo sul dipingere di paesetti.
Traduzione del P. Francesco Soave.
Published 1792 by Nella stamperia di G. Storti in Venezia .

Oeuvres de Salomon Gessner.
Published 1795 by chez Dufarc in Paris

Œuvres completes de M. Gessner.
Published 1796 by Chez Patris … Gilbert … in Paris
Translated by M. Huber. Cf. t.p., v. 2 and 3.

Idyls, or pastoral poems; to which is annexed, a letter to M. Fuessli, on landscape painting. Translated from the German of Solomon Gessner, …
Published 1798 by printed for W. Mudie, and Arch. Constable. And John Murdoch, Glasgow in Edinburgh

Œuvres de Salomon Gessner …
Published 1799 by Chez A.-A. Renouard in Paris. 4 Bd.

The works of Solomon Gessner
from the German. With some account of his life and writings.
Published 1802 by T. Cadell, junr. and W. Davies in London .
Table of Contents
1. Preface by the translator. The death of Abel. Letter on landscape painting.
2. Idylls. Miscellanies. the first navigator.
3. Daphnis. Evander Alcimna. Erastus. The deluge. The wish.

Select idylls
or, Pastoral poems.
by Salomon Gessner
Published 1809. Printed for Longman, Hurst, Rees and Orme, by W. Savage in London .

Oeuvres complètes.
Nouv. éd.
by Salomon Gessner
Published 1812 by L. Duprat-Duverger in Paris

Il maestro di miniatura a guazzo ed all‘ acquerello
opera dedicata alle dame, con quattordici figure
Published 1822 by P. e G. Vallardi in Milano

Œuvres completes de Gessner …
Published 1836 by Decourchant in Paris

Manche der Prosagedichte sind verhüllend in englische Blankverse übersetzt oder in artige französische Verse. Zu fremdartig schienen diese Texte den Übersetzern, als daß man sie formgetreu übersetzen könnte. Der Übersetzer der Rural Poems gibt ein Beispiel. Übersetzer X übersetzt in jetzt beliebte, sagt der Kritiker Y, „prosaische Verse“ oder „poetische Prosa“ etwa so:

The sprightly lark, mounting aloft, hails with her chearful note the new-born day

Während das Original schlicht so lautet:

Wie froh singet die kleine Lerche in der hohen Luft!

Erklärend fügt Y hinzu, daß der bombastische Ton der „Übersetzung“ vermutlich daher rühre, daß der Übersetzung nicht das Original, sondern eine französische Übersetzung zugrundelag. Und doch traut sich auch der kritische Übersetzer nicht, die Gedichte in ebenso konzise und einfache Prosa zu übersetzen. Wenn er die Prosa ganz in „geschmeidiger fließende Verse“ übersetzte, wäre es dem Ohr des englischen Lesers wohl annehmbarer, aber es bliebe wenig Ähnlichkeit mit dem Original; aber wenn er eine exaktere Übersetzung in Prosa fertigte, würde er wahrscheinlich nicht nur den Dichter, sondern auch den Leser verlieren: wörtlich „keine Hoffnung, einen einzigen Leser zu gewinnen“. Also wählt er einen Mittelweg und übersetzt teils in Prosa, teils in mit Assonanzen gespickte Blankverse. Das zweite Gedicht der Idyllen etwa, Milon, besteht bei ihm aus zwei Seiten Blankversen und einem Schlußabsatz von neun Zeilen Prosa. Bei anderen ist der Prosaanteil etwas höher. Immerhin bekommt der Leser einen wenn auch abgemilderten Eindruck vom Original. Seine Übersetzung aber mögen die beurteilen, so der Übersetzer abschließend, die in beiden Sprachen gleich kompetent seien und einen Sinn für deutsche wie für englische Poesie haben.

Das Vorwort der ersten französischen Ausgabe der Idyllen von 1762 sagt, die italienischen und französischen Idyllendichter scheinen zu glauben, daß Schäfer nur über Liebe reden. Geßner sei vielleicht der erste, der die Schäfer als wirkliche Menschen mit allen dazugehörigen Bedürfnissen und Leidenschaften schildere. Nichts Menschliches sei ihnen fremd, sie seien arm, sie würden alt, und beides mache sie umso interessanter. Es würde ihn nicht wundern, wenn man ihn in Frankreich dafür tadeln würde, daß er zu sehr ins Detail ginge. In den Augen der Deutschen seien diese Details gerade sein Verdienst. Voltaire habe in seinem Essay über epische Dichtung geschrieben, daß von allen polierten Nationen die Franzosen am wenigsten poetisch seien. Er, der Übersetzer, wolle nicht entscheiden, was der Grund dafür sei und ob die Deutschen sensibler oder die Franzosen vernünftiger seien. Die Übersetzung ist jedenfalls durchweg in Prosa.

Die Wirkung Geßners auf die französischen Dichter war ungeheuer. Anscheinend war sein Name und Ruhm zu Baudelaires Zeit vergessen; aber Baudelaires Anreger und namentlich Aloysius Bertrand kannten ihn gut. Dann geriet er in Vergessenheit.

Wieso Geßner nicht in dem Enzyklopädieartikel erwähnt wird, kann ich nicht erklären. Zu spekulieren wäre, daß zwar Diderot, wie nachweisbar, Geßner kannte und schätzte und möglicherweise deshalb einen Artikel über den Terminus wünschte; aber er schrieb nicht alle Artikel selber. Louis de Jaucourt übernimmt den Artikel, aber offensichtlich kann er wenig damit anfangen. Ihm fällt nur der fast 70 Jahre frühere Fénelon mit seinem Télémaque ein. Aber stimmt das auch?

Dritte Überraschung

Beim Nachdenken über diese Frage machte ich einen erstaunlichen Fund. Jaucourts Enzyklopädieartikel über das Poème en prose von 1765 ist ein hundertprozentiges Plagiat… aus einer 30 Jahre älteren Schrift. 1733 veröffentlichte Jean-Baptiste Dubos Réflexions critiques sur la poésie et la peinture (édition de Paris : P.-J. Mariette). Darin findet sich der komplette Text des vermeintlichen Enzyklopädieartikels. Jaucourt fügt buchstäblich kein einziges Wort hinzu, sondern streicht nur Teile aus. (Tatsächlich werden wenige Verbindungswörter bzw. -buchstaben und zwei Superlative eingefügt). In der folgenden Strichfassung lasse ich nur den Encyclopédie-Text stehen, von Jaucourt hinzugefügte Wörter rot in eckigen Klammern:

des estampes et des poëmes en prose.

je comparerois volontiers les estampes, où l’on retrouve tout le tableau, à l’exception du coloris, aux romans en prose, [genre d’ouvrage] où l’on retrouve la fiction et le stile de la poësie. Ils [et qui par-là] sont des [vrai] poëmes à la mesure et à la rime près. [c’est une] L’invention des estampes et celle des poëmes en prose, sont également [fort] heureuses. Les estampes multiplient à l’infini les tableaux des grands maîtres. Elles mettent à portée d’en joüir, ceux que la distance des lieux condamnoit à ne les voir jamais. On voit de Paris par le secours d’une estampe, les plus grandes beautez que Raphaël ait peintes sur les murs du vatican. Un particulier peut même mettre dans son cabinet, tout l’esprit et toute la poësie qui sont dans des chef-d’ œuvres, dont les beautez sembloient reservées pour les cabinets des princes, ou de ceux qui se sont rendus aussi riches qu’eux en maniant leurs finances. De même nous avons l’obligation à la poësie en prose, de quelques ouvrages remplis d’avantures vrai-semblables et merveilleuses à la fois, comme de préceptes sages et praticables en même-temps, qui n’auroient peut-être jamais vû le jour, s’il eut fallu que les auteurs eussent assujetti leur génie à la rime et à la mesure. Les [estimable] auteurs de la princesse De Cleves et de Telemaque, ne nous auroient peut être donné jamais ces[t] ouvrages, [enchanteur] s’ils avoient dû les écrire en vers. Il est de beaux poëmes sans vers, comme il est de beaux vers sans poësie, et [comme] de beaux tableaux sans un [le plus] riche coloris. Qu’on ne dise point que c’est la partie du coloris qui constituë le peintre, et qu’on n’est peintre qu’autant qu’on sçait colorier. C’est alléguer pour preuve une question que je crois même devoir demeurer sans décision. Expliquons-nous.

Ein Fall für WikiPlag! – 1733 war Geßner gerade einmal 3 Jahre alt und der empfindsame Stil, der bei Rousseau und Diderot einschlug, war noch nicht erfunden. Der findige Enzyklopädist nimmt ein älteres, fern verwandtes Phänomen und … läßt darüber schreiben. Ob das der Grund ist, warum der Enzyklopädieartikel über das Poème en prose nirgends erwähnt wird?

Über Geßner, Bertrand, Baudelaire und die Gattung Prosagedicht ein andermal.

Zum Nachlesen:

  • Aloysius Bertrand: Gaspard de la Nuit – Phantasien in der Manier Callots und Rembrandts. Aus dem Französischen übertragen von Jürgen Buchmann mit einem Nachwort des Übersetzers. 150 Seiten, Paperback 19×12 ISBN: 978-3-9813470-9-8 11,90 Euro (D) Bestellen unter info[at]reinecke-voss.de
  • Lyrikwiki: Prosagedicht

Gespräch mit Bertram Reinecke

Der Blog Leipzig lauscht sprach mit dem Verleger und Lyriker Bertram Reinecke. Auszug:

L.L.: Von der Leipziger Buchmesse sind Lesungen nicht wegzudenken. Bemerken Sie unterschiedliche Reaktionen, wenn Leute ein Buch öffentlich vorgestellt bekommen im Gegensatz zum selbstständigen Lesen?

Reinecke: Wichtig scheint mir das gemeinsame Erlebnis von Literatur. Öffentliche Lesungen sind eine Möglichkeit, Umgangsweisen mit Texten zu erfahren. Oft braucht ein Leser nur ein paar Winke, damit sich ein Text in seinem Anliegen erschließt. Solche Winke können in der Leseweise oder dem Stimmfall gegeben sein, aber auch in den Reaktionen anderer Lesungsteilnehmer. Gerade vor schwierigen Texten haben viele Leser eine Scheu, die wohl mit der Schulangst zu tun hat, in Interpretationen Falsches zu schreiben. Da reicht es oft schon, zu erleben, wie andere Hörer gelassen dabei bleiben, wenn sie nicht alles ganz verstehen. Außerdem kann die Lesung Effekte des Mediums Schrift ausgleichen: Leser haben zum Beispiel bei Gedichten oft ein distanziertes Verhältnis zu Wiederholungen, im lauten Vortrag erschließen sich solche Texte besser. Schwierige syntaktische Konstruktionen hingegen wirken im Vortrag oft weniger.

Sie sind selbst Schriftsteller. 2012 erschien Ihr ungewöhnlichster Lyrik-Band »Sleutel voor de hooigduitsche Spraakkunst« bei roughbooks. Darin montieren Sie, vervollständigen oder beenden existierende Gedichte bekannter Autoren. Einige Texte bestehen komplett aus fremden Zeilen. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden und wie gestaltete sich das Schreiben?

Meine Arbeitsweise ist eng mit meinem Lesehabitus verbunden. Ich interessiere mich sehr für Epistemologie und die Vorsteuerung von Diskursen durch Vokabulare, was derzeit auch oft als Framing diskutiert wird. Jeder Text trägt in der Wahl seiner Worte und im Wie der Verwendung Annahmen über die Welt und alte, teils unreflektierte Erfahrungen in sich. Diesen spüre ich mit Neugier nach.

Auch als Kind war ich schon ein Mensch, der gerne verglich: technische Daten von Autokartenspielen, die Anhänge polytechnischer Kalender oder die kartografischen Darstellungen in unterschiedlichen Atlanten. Meine Lektüren hatten Züge nichtlinearen Lesens. Auch das spiegelt »Sleutel« wieder. Dass gerade die Montage aus unveränderten Fremdversen mich so reizt, liegt daran, dass hier noch Neuland betretbar ist: Man kann heute die rein mechanischen Prozesse dem Rechner überlassen, über Volltextsuchen etc. Man kommt so zu Ergebnissen, die sich vorhergehende Dichter nicht vorstellen konnten. Gleichwohl bleibt es eine recht langwierige Arbeit: Man muss für ein kürzeres Gedicht oft 70 bis 90 Stunden am Rechner sitzen.

Wie hat sich der Stellenwert von Literatur Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verändert? Wie hat sich das auf die Wahrnehmung Ihres Verlags niedergeschlagen?

Die audiovisuellen Medien sind dabei, einen Teil des Literaturmarktes zu übernehmen. Wer gute Unterhaltung während einer Busreise sucht, kann heute auf Internet und Mediatheken der Busfirma zurückgreifen. Literatur, die rein auf Spannung setzt, mag langfristig an Bedeutung verlieren. Das Ausloten alternativer Weltentwürfe hat neben dem Film im Computerspiel eine wachsende Konkurrenz. Ich staune immer, wie differenziert Gespräche meiner jungen Mitmenschen über Spielinhalte geworden sind und denke: So muss es anderen gehen, wenn ich über Literatur diskutiere. Andererseits vermag aber das Zelebrieren von Lektüre in Buchblogs, Booktubes oder bei Instagram das Lesen manchem nahezubringen, dem Lektüre bisher fern stand. Solche Blogs und Fanfiction-Seiten sowie die Verbesserung des Digitaldrucks führen dazu, dass die Fallhöhe zwischen dem Autor und dem reinen Leser schrumpft. Dies sind aber Beobachtungen, die am Verlagserfolg nicht direkt ablesbar sind. Unser Verlagsprogramm liegt jenseits dieser Trends, da Autorinnen bei uns größeren Wert auf die sprachliche Gestaltung und den sprachlichen Weltzugriff legen.

Mehr hier

Leseecke 28

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

27

HOw can I then returne in happy plight
That am debard the benifit of rest?
When daies oppression is not eazd by night,
But day by night and night by day oprest.
And each (though enimes to ethers raigne)
Doe in consent shake hands to torture me,
The one by toyle, the other to complaine
How far I toyle, still farther off from thee.
I tell the Day to please him thou art bright,
And do'st him grace when clouds doe blot the heauen:
So flatter I the swart complexiond night,
When sparkling stars twire not thou guil’st th’ eauen.
  But day doth daily draw my sorrowes longer,
  And night doth nightly make greefes length seeme stronger

Einige Anmerkungen zum Text:

  • plight Lage
  • That am debard dem versagt wird
  • ethers either’s raigne reign, Herrschaft
  • 7 toyle Mühe
  • 10 blot verdunkeln
  • 11 swart complexiond von schwarzer (Gesichts-)Farbe
  • 12 twire blicken, blinzeln eauen even(ing)

Deutsche Fassung von Otto Gildemeister:

 Wie soll ich denn wohl wieder fröhlich werden,
 Da mir des Ruhens Wohltat bleibt verwehrt,
 Da nie die Nacht wegnimmt das Tags Beschwerden,
 Da Nacht den Tag und Tag die Nacht beschwert?
 Die beiden, die doch sonst sich nie vertragen,
 Schütteln die Hand sich zur Tortur an mir,
 Der Tag mit Wandern und die nacht mit Klagen,
 Wie fern ich wandre, ferner stets von dir.
 Dem Tage schmeichl’ ich vor, wie deine Pracht
 Ihn schmücke, wann Gewölk am Himmel dunkle;
 So schmeichl’ ich auch der schwarzwangigen Nacht,
 Du seist ihr Kleinod, wann kein Sternchen funkle;
  Doch täglich macht der Tag mein Leiden länger,
  Nächtlich die Nacht die bange Trauer bänger.

Quellen

  • Q = Shake-speares Sonnets. Never before imprinted (1609) (Quelle der Originaltexte)
  • B = Benson, Poems: Written by Wil. Sh. (1640)
  • Burrow = W. Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems. Ed. Colin Burrow (Oxford World’s Classics), Oxford University Press, 2002
  • B/H = Shakespeare, The Sonnets. Hrsg. Raimund Borgmeier, Michael Hanke. Stuttgart: Reclam, 2006
  • Borgmeier = Shakespeare: The Sonnets. Die Sonette. Engl. u. in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Hrsg. Raimund Borgmeier. Stuttgart: Reclam, 1974

L&Poe ’17-09

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound.  In der heutigen Ausgabe: Charles Reznikoff, Fréderic Forte, Richard Duraj, Dirk Uwe Hansen, Monika Rinck, Hedonistische Internationale, Shakespeare und manches andere. Lesen!

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Die Themen in dieser Ausgabe

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Das neue Gedicht

Richard Duraj

passage aus ‚im anflug auf oneirograd‘

[…] kameras filmen. häuserwinkel, himmelblau. regelrecht glasiert im gebet in der kapelle zwischen dorf und dörfern (aller art). immer braut, nie jungfer, gesetzt den fall. auf knopfdruck die pflegekräfte. wo rinder, so große glocken. sind teil eines konvois zum geleit, für diesen pass und die täler dahinter, alpen, allgäu aus dem kataster, -volut, revoltierende zeiger der uhr, denn noch ist jahreszeit: hinterm gebimmel, im hohen gras bei einem bach die querfelder, ein pfad hindurch, steter ausbau der infrastruktur im ausgetretenen. vertreter jeweiliger branchen könnten und dürften, es liegen aber recht eng und krumm bach und pfad, auch beieinander, schüchtern, nach oben hin hoffen, auf dass ich ins wasser steige. gebrochener knochen, ins rollen geratene steine. ein ende der pause wird eingeläutet. schüler wie andere, die sich auf dem hof nach ihrer angenommenen bildung gegenseitig raufen, eine impulsion von allem frei. der übergriff der armhand um einen hals zu boden zieht. wer damit dann angefangen und zuerst. eine warnung als trigger, die antworten darauf auch per weisung, eine milch im gelernten fluss. selfies im ensemble; wir bemühen uns, sie beim namen zu nennen, mit anderen worten im nachhinein nämlich, bis, ja bis sie ziehen an haar von der haut ab, greifen die haut auf, wo keine wäre, wenn, legen frei, puhlten an fasern. erfasstes, es ist als ob im spiel. sie schenken ein saftkonzentrat in ausgespülte becher sich nichts, eine art versanden an ufern im lauf, hecheln, berühren. sie ranzen, in den gebärdeten kreis einer mitte zurück, eine reihe sticker mit botschaft die gereichte sammlung, laben sich am von lauge umhüllten teig und alkolat, schokoladenlikör, lakritze, angeleckt, sie in schlichtem licht an den kanten der schülerkunst, die jahrgänge arrangierten und körper in raten zur stunde öffnen können, sie wie sportlerinnen am ziel nun ruhen. die faxen dick, weil juvenil, zur transmission erzittert halb belangen einer vermittlung, und hast du nicht gesehen, im rasengrund versunken nicht maßstäblich gezeichnet, wo sich spinnen ins netz geht. nächste charge. scheibenwischer von links nach rechts nach links und von mir aus nach rechts abgebogen am früheren sexkino, dem landläufigen, lenker, schlenker, leben, wie sie nicht geführt werden, kavaliere zum aus-weichen allenthalben. von transportern werden dafür waren entladen. wegen eines nach hinten verschobenen endes, als sie im bus sitzen. sich erzählen, was es zu berichten gibt. hörbares hupen. und warten. in kabinen unterdruck, cherubische mutanten. vor ihnen ein gesicht gleich nazcas linien aus ihrer nähe, die gräulich oder bräunlich melierten klippen am nächsten tage vielleicht, zünftiges, das angerichtet, augen, die sich müde nicht öffnen. aus vorsorge um eine dose die hand, die dich im schlaf umfasst, wenn die gastgeber anderweitig und so fort am eigenen fabrikat zum beispiel. er sich servierte. konfliktfrei ein windspiel zu hören, gezwitsch, ein daumen übers display gleitet. zu neunzig grad gefalteter raum, jenseitlich kartenhäuser, stadtstraßen, satter das bleiche, das knopflöchern nach themen geordnet wie die reihe nationalmuseen hernach, demselben trödel tand, kunter-farben, eingeschlossener umtausch, die gefilde unter lustverdacht, der werte. jedem wüstling folgt ein frevelein, steht, dazu der tanz, von fängen eingefangen, schmiere, auch damit. notiz genommen, als röter die ampeln, sodann gelesen, einem verantwortlichen mit eigenem innenleben überreicht. dieser nickte. folgerichtig seine vorläufer wie alle anderen schrecken auch sogleich mit einer verklärung in posturen stracks einverstanden, also, und nach einer skizze wie wirksam erneuert, auf befehl fortlaufend. so den pläsierten ermüden sie krank, wenn liderlich, einem bange. ungewollte gewächse am spalier, anbei natur, die nistet, naturbelassen, die hälse streckt, sich jemand kümmert. auch dann bezeichnend keime, die man nicht los wird. von einer telefonzelle aus anrufungen, dass man sich umsieht. im port von rubacava liegen angelegt hingegen sonstig skelettierte yachten, von einem feuerwerk zum gefeierten wiederholt erhellt, weiter schoner, flügel aufsteigender flieger als kontrast, getränke aus dünnem eis auf spesen, witwer, bald die witwen über die stege zu, auch jeweils, eigenen kähnen, die gedrungen angelegt. es wurde abend. ein angestellter im automatenrestaurant gerade an den schwarzen weißen tasten, die einzeln einschnappenden schlösser, schnappschüsse, die sie ins netz stellen. am ende einer letzten zimmerflucht singende kanarien, vom alten schönen lieben arretiert. aber wer hier geburtstag hatte gestern nacht und sich angenehm unterhielt, ist weitergezogen, dass ich sagen muss, ich, der ich, im gleichen atemzug, wasser zu wasser ließ, gleichwie trompeten herausposaunten mit dem begreifen eines sechzehnjährigen, das lemarchands würfel zu lösen versucht. wie ein nationales pärchen auf wanderschaft durchs viertel zur nächsten sause. treffen, taxidermal camoufliert dem karnalen haut durch einen anstrich uhrzeit, glänzt im lämpchenschein, was nicht ermattet, gemäß den erfahrungen substanzieller altbau drunter, den stätten entlang angeordneter straßen, da penis oder vagina, die warzen am rechten fleck ein bedürfnis dem vernehmen nach, zum genuss am genital-bereich die steigung einer steigerung in verschlossen elterlichen schlafzimmern nicht negativ, ein riecher, eine decke dazu ausgebreitet, ausdauerjagd, zur verwirklichung vom ich losgelöst. besetzung einer nicht unromantischen komödie, so niedliches verhalten als solches deklariert, motiviert die hüften in schwung, kadaver eine oberfläche, arme wie beine sich entfalten; den unterschied macht die entropie: noch gala statt galgen, oder fordern statt fordern. monumente, überzählige einkaufszentren, die die gegend aufwerten und deren böden gäblich poliert werden im angrauen, die scheiben gereinigt vom dienst, der sich um den auftrag einer wartung bemühte, bei pausen sorten kaffee aus isolierkannen über ihre behältnisse in andere, zäh, dass sich ein bizeps wölbte, vor dem hotel metropol totgeholt eine brechstange am parkett, was da drunter anklopfte, vor den auffanglagern für regierungstreue. ihnen eigen eingefplanzt die transistoren, die klüger und schneller und wahrhaft machen, eine berührung ihrer hände an meiner wange weich und warm, wenn sie sich um mich kümmern, um mein zerbrechendes, die nahen lippen küssen, aufs prinzipbild von gewalten dabei zeigen, vor aufflatterndem geflügel mit seinen einzelheiten, versunken im morast dem ungelauschten, auch nur bei ihrer gartenarbeit faul, unverdauende, bessere hauttypen, eine ahnung von ahnen, gräuel verdecken mit laub und reisig, in einbäume sie steigen und unterdrückt von eigenen instinkten driften, schieben ganze fruchtstücke mit der zunge, die substanzgemische zur aufbewahrung. bis ins schlick, an dem wir halten bei reptilien. ein stratojet bricht die schallmauer durch. es rettet sich, wer kann. etablierte raumaufteilung auf den parkbänken den eingewiesenen. wohin sich zu setzen und schwellenländlich grasen mit seinem kleinen anteil an der besucherzahl, wenn wieder in sicherheit. zum fest auf empfehlung die horn- und ein einzelpaar paradeochsen, schön ausgeschmückt getrieben. es verlangt die sonnenmilch ein sich zum ende hin verjüngender lägeriger körper. lichteinfall, hohe absorptionsraten. strahlen der killersatelliten schneiden schneisen zumindest zum schutze des zivilen, wie ich weiß, und umläufig ins gelände. in dubio waldbrand, übernommen native symbole. dem geböte sich einhalt. schweißbad. mit, somit durch die initiierung nächster einstelliger instanzen aufgewacht, im pyjama, nonverbal, umrundete morgenstunden bei royaler färbung. bei gedanken, auf die ich nicht gekommen bin. viskoses in der kälte, das verbrennt. das horn in pulverform unterm stößel, ins wasser gemischt. aus der retorte tropfen. einige zauberworte. noch müssen wir warten gleich einer kahlo bei liebsten beschäftigungen auf den anruf, der uns im austausch einen übergabeort verrät. wer bin ich, dass ich abnehme. mitgeteiltes, ich nenne es sicherlich eine dem menschlichen alltag zugewandte kampfschau, oder maßnahme bei -gabe, chicsal, instagrammatisch, queue in händen. hatte ich hier schon mal was vorbereitet, vorgestellt voll, scheuselig, nahe im kommerziellen aroma der düfte im foyer, die olle karaffe aus ruinen, aus der man sich gestärkt, mit einem hinweis auf den menschenschlag, beugten arme oberkörper über tische. der ganze unflat aus oneirograd hoch sich schwemmt, überspielt, woraufs basiert, die erinnerungen. kleine, kleinere und größere, so nichts nachkommt, übernehmen alle qualitäten. das treibt die bösen zungen mir mit bösren aus, freilichkeit und solcherlei. wusste nicht nichts damit anzufangen, was man vergaß, sich zu notieren, und vergaß. scheiteln einer pracht. zum aufflauen den lodenmantel indikativ enger um mich band, aus dem filmstudio schritt, in dem sie inszenierten, ab zum nebenausgang raus, ins zimmer. erkanntes log, und bloße schlupflider transparent. bekömmliches. vor dem verfasser nicht dieser, jedoch anderer zeilen eine reisegruppe rentnerinnen auf freiem fuß […]

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Hansens Flaschenpost

Eine Kolumne von Dirk Uwe Hansen

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Ich muss einen Text nicht lieben, um ihn zu übersetzen, aber ich muss ihn respektieren, sonst geht die Sache garantiert schief. Allerdings darf der Respekt nie so groß werden, dass er in Angst umschlägt, denn zu übersetzende Texte sind wie Hunde: Sie können Angst riechen — und dann geht die Sache erst recht schief.

Soweit ist alles klar, aber trotzdem gibt es sicher für jedeN ÜbersetzerIn so etwas wie Angstgegner, und meine kommen hauptsächlich aus dem Bereich „Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten“. Das ist natürlich nicht die Sorte Angst, die vor Rezensenten zittern macht — als gelernter Altphilologe kenne ich die rabies philologorum, die Philologentollwut …

Hier gehts zum kompletten Text

 

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Jandlpreis für Monika Rinck

Der biennal vergebene Ernst-Jandl-Preis für Lyrik geht heuer an die deutsche Dichterin, Essayistin und Übersetzerin Monika Rinck. Das gab Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) am Mittwoch bekannt. Der mit 15.000 Euro dotierte Preis wird am 1. Juli im Rahmen der Ernst-Jandl-Lyriktage (30. Juni bis 2. Juli) im steirischen Neuberg an der Mürz vergeben. Drozda würdigte Monika Rinck in der Aussendung als „Meisterin des poetischen Denkens“. „Mit Monika Rincks ganz und gar eigensinnigen und unverwechselbaren Sprachschöpfungen kann man seine Geistesgegenwart trainieren, seinen Blick auf die Gegenwart schärfen und gegen die eigenen Gewohnheiten andenken, also auf höchst amüsante und vergnügliche Weise klüger werden.“ Die Jury* bezeichnete Rincks Werk als „eine große Versuchsanordnung in Sachen Gegenwart“. / Mehr

*) Friederike Mayröcker, Alfred Kolleritsch, Klaus Reichert, Paul Jandl und Thomas Poiss

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Where is poetry in your life?

Jonas Mekas: Where is poetry in your life?

Jim Jarmusch: It’s important to me. I read a lot of poetry. I studied with Kenneth Koch and David Shapiro at the New York School, and I’ve been guided by poets all my life. When I was a teenager in Akron I first discovered the 19th century French poets in translation – Baudelaire, Rimbaud and Verlaine. Parts of my life William Blake has been my guide. I wish someday when I’m gone, someone will consider me a descendant of the New York School of poets, they’ve been my guides because of the sense of humour, the kind of exuberance, you know, of Frank O’Hara –

JM: Yes, Frank O’Hara and Kenneth Koch. They have a humour but there’s also something very real and down to earth. Koch still has to be recognised properly.

JJ: Joe Brainard I love also very much, and Ron Padgett. Ron Padgett wrote the poems for our new film. The character is a poet. / More

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Kladde

Gesehenes, Hingekritzeltes, Beiseitegesprochenes, Kommentare und Zitate, Stoßseufzer und Wutausbrüche aus diversen – meist digitalen – Postmappen und Kladden. Mal anonym, mal namentlich.

Interesting that the Portuguese and Spanish are called conquerors in South America, and the English and French in North America are called settlers. / Klaus J. Gerken

S.K.: aus den kommentarspalten: „Is this the common sense conference I have been hearing about?“
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E.O.: Antwort: Duh.
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Hedonistische Internationale: „Den Mythos Arndt platzen lassen!“

Aufruf der Sektion H.i.G.H. (Hedonisten inna Greifswalder Hochschule)

Die Initiative „Ernst Moritz Arndt bleibt“, die sich für den Fortbestand des würdelosen Namenspatronats an der Greifswalder Universität einsetzt, plant für den kommenden Samstag ein weiteres ihrer wutbürgerlichen Protestevents: Auf dem Greifswalder Marktplatz möchte man laut Ankündigung u.a. 2000 Luftballons zu Ehren des Rassisten und Antisemiten Arndt in den Himmel steigen lassen. Wir, die Sektion H.i.G.H., rufen dazu auf, diese Aktion zu sabotieren!

Wir fordern ein Ende der Kundgebungen, die zum Ziel haben, einen Wegbereiter der biologistisch begründeten Judenfeindschaft zurück auf den Ehrensockel einer Universität zu hieven. Wir verurteilen die jüngsten Huldigungen Arndts, die in ihren Formen Anleihen nehmen bei humanistischen und pazifistischen Protestbewegungen. Rosen niederlegen, Menschenkette, Luftballons steigen lassen. Was kommt als nächstes? Ein Sternmarsch? Weiße Tauben? David Hasselhoff auf ’ner Hebebühne? / blog.17vier

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Tom Schulz

Der Dichter Tom Schulz, 1970 in der Oberlausitz geboren, hat ein aufmerksames Ohr für die Unter- und Zwischentöne, die er zum Klingen bringt und denen er mit grosser Gelassenheit, fast Heiterkeit, ihre Dissonanzen und Wider-Sprüche entlockt – und darin ihren eminent politischen Gehalt offenbart. Deshalb auch ist sein poetisches Ich sich seiner Aufspaltung ins vielstimmige poetische „Wir“ bewusst und nicht nur unbedacht hingesagt. / Andreas Kohm, Literatur und Kunst

Tom Schulz
Die Verlegung der Stolpersteine
Gedichte
Hanser Berlin 2017
128 Seiten, € 18.

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Gestorben
  •  Am 24. Februar Ren Hang (29), chinesischer Fotograf und Dichter
  • Am 25. Februar Gulshauchar Sejtschan (Сейтжан, Гульжаухар, 70) —sowjetische und kasachische Dichterin
  • Am 26. Februar Werner Hecht, deutscher Theater- und Literaturwissenschaftler, Brechtforscher (90)

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Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #27:

WEary with toyle, I hast me to my bed,

Deutsch von Stefan George:

Wenn müd der müh ich auf mein lager eile

Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

fullsizerender-59

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Neue Zeitschriften
  • Schreibheft 88, Februar 2017. Fréderic Forte. Wolfgang Welt. Charles Reznikoff. T.S. Eliot. Französische Lyrik. – Poetische Kontinente, die es einfach nicht auf Deutsch gäbe ohne Norbert Wehrs Schreibheft. – Er druckte fast alle seine Bücher selber auf einer Druckerpresse im Keller und verkaufte sich schlecht. Obwohl sein „Zeugnis“ alles andere als schwer verständlich ist. Eliot Weinberger nennt Testimony „das am wenigsten faßbare Langgedicht der Moderne“. Unfaßbar! Besprechung hier

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Kurz gesagt
  • Süddeutsche Zeitung: Sie sind Lyrikverleger. Wie sehr nervt die Frage, ob man davon leben kann? – Jo Frank: Kommt auf meine Stimmung an. Es ist einerseits eine berechtigte Frage. Andererseits fragt man das nie einen Schuster, und so anders als Schuster sind wir nicht. Vor allem ist es indiskret – also entschuldige mal, ich frage doch auch nicht, warum deine Frau so eine miese Frisur hat. / Mehr
  • Sind es nicht die allergrössten Dichter, deren dunkle Texte wir partout nicht ausdeuten können, egal, wie sehr wir uns bemühen? Warum soll das nicht für Kritiker gelten, die umso gehaltvoller wirken, je weniger klar sie sind? / Rainer Moritz, Neue Zürcher Zeitung
  • Wenn einem mit 14 die Kombination „Lyrik+Leistungsdruck“ eingeprägt worden ist, ist das natürlich bedauerlich. Aber da könnte man sich ja mal ganz ehrlich selbst befragen, welche Einschätzungen und Weltwahrnehmungen aus dem 15. Lebensjahr man sonst noch unverändert mit sich herumschleppt. Es sind hoffentlich nicht so viele. / Tobias Roth, Feuilletonscout
  • Das türkische Regime ist ruchlos machtbesessen und meuchelt dabei mit perfiden Methoden die kritische Berichterstattung. Die Erdokratur stranguliert in ungehemmter Perversion den Freitheitsanspruch des einzelnen Menschen und benutzt das Wort »Demokratie« als todbringende Travestie. / José F. A. Oliver im Interview über die verfolgte türkische Journalistin Asli Erdogan

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Kurz berichtet
  • Man muss es als einen Paukenschlag bezeichnen, dass die neue Ausgabe der Werke und Briefe von Ingeborg Bachmann – die vom Bundeskanzleramt geförderte Salzburger Bachmann-Ausgabe – mit einem Band beginnt, der diesen Überlebenskampf einer Frau und Schriftstellerin, in den Mittelpunkt rückt, und zwar durch die Veröffentlichung von Texten „von sehr privatem Charakter aus dem gesperrten Teil des Nachlasses“, wie die Herausgeber, die Salzburger Germanisten Hans Höller und Irene Fussl, einräumen. / Der Standard
  • In einem Alter, da heute für viele das Smartphone die einzige Lesebühne ist, hatte er bereits eine erste Karriere als genialischer Lyriker absolviert. Als Neunzehnjähriger veröffentlichte Hamm, den viele nur als einflussreichen Literaturkritiker kennen, in den führenden Zeitschriften und Anthologien der Nachkriegszeit seine ersten Gedichte. / Michael Braun über Peter Hamm, der am 27.2. 80 wurde
  • Über die Veranstaltung „Die besten Lyrikdebüts 2016“ im „Haus für Poesie“ berichtet die Berliner Morgenpost
  • Das Literaturfestival „lit.Cologne“ hat Kapazitätsprobleme: Auf der Suche nach neuen Orten für neue Veranstaltungen findet sie im Ruhrgebiet zahlungskräftige Partner. Dass die bisher wenig für Literatur übrig hatten, soll nicht stören. / Mehr
  • Mit dem Programmtitel „Deutsch ist eine jüdische Sprache“ widmet sich die engagierte Gruppe „Leseschwarm“ dieses Mal jüdischen Autorinnen und Autoren. Am Mittwoch, 29. März, um 19 Uhr werden in Lorsch unter anderem Gedichte von Mascha Kaléko (1907-1975), Hilde Domin (1909 – 2006) und Rose Ausländer (1901-1988) vorgetragen. / Mehr
  • Der Aufgabenträger Transport for London (TfL) gab am Montag sechs neue Gedichte heraus, die in den kommenden vier Wochen in U-Bahn-Zügen der britischen Hauptstadt ausgehängt werden sollen. Die ausgewählten Gedichte haben einen internationalen Fokus. Drei der Autoren sind bekannte internationale Poeten des 20. Jahrhunderts: Salvatore Quasimodo aus Italien, Yehuda Amichai aus Israel sowie Mahmoud Darwish aus Palästina. Außerdem: William Shakespeare, W. H. Auden, Elizabeth Jennings / Zughalt.de

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Lyrikkalender

In Frankreich findet vom 4.-19. März zum 19. Mal der Printemps des Poètes (Frühling der Dichter) statt. Thema in diesem Jahr: Afrique(s). – Noch bis zum 5: März: StAnza 2017, Scotland’s International Poetry Festival. Vom 6.-31. März findet das Festival: Berlin statt. Der 6. März ist seit 2012 der Europäische Tag der Gerechten, gewidmet denen, die ihre moralische Verantwortung im Kampf gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Totalitarismus wahrnahmen. 7. März: 7.-18.3. lit.Cologne. Am 7. März 1987 töten taiwanesische Soldaten im Lieyumassaker 19 unbewaffnete vietnamesische Flüchtlinge (Boat people). Am 8. März 1782 beim „Gnadenhütten-Massaker“ (Gnadenhutten, Ohio) erschlagen amerikanische Soldaten 96 christliche Indianer, die zwischen die Fronten des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges geraten sind. Der 8. März ist seit 1926 Internationaler Frauentag. Am 8. März 1010 vollendete der persische Dichter Firdusi sein Schahnameh (Buch der Könige). 10. März ist Gedenktag für den Aufstand in Tibet 1959.

Geburtstage haben am 4. März 1643: Franz Christoph Frankopan, kroatischer Lyriker, 1743: Salomone Fiorentino, italienisch-jüdischer Dichter, 1798: Sigurður Breiðfjörð, isländischer Dichter, 1819: Georg Zetter, Pseudonym: Friedrich Otte, elsässischer Dichter, 1862: Norman Gale, englischer Lyriker, 1869: Eugénio de Castro e Almeida, portugiesischer  Dichter, 1870: Thomas Sturge Moore, englischer Schriftsteller, 1873: Oskar Wiener, deutsch-tschechoslowakischer Schriftsteller, 1876: Léon-Paul Fargue, französischer Dichter, 1879: Josip Murn, slowenischer Lyriker, 1894: František Kubka, tschechischer Schriftsteller, 1901: Jean-Joseph Rabearivelo, madagassischer Dichter, 1927: Jacques Dupin, französischer Dichter, 1935: Edward Dębicki, ukrainisch-polnischer Dichter und Musiker, Roma, 1938: F. W. Bernstein, eigentlich Fritz Weigle, deutscher Lyriker, Grafiker und Satiriker, 1938: Kito Lorenc, sorbisch-deutscher Lyriker, 1949: Wolodymyr Mychailowytsch Iwasjuk, ukrainischer Musiker und Dichter, 1954: Irina Borissowna Ratuschinskaja, russische Dissidentin, Dichterin; am 5. März 1703Wassili Trediakowski, russischer Dichter,  1800: Georg Friedrich Daumer, Lyriker und Übersetzer (Hafis), von Brahms vertont, Erzieher von Kaspar Hauser, 1807: Karl August Timotheus Kahlert, schlesischer Dichter und Literaturhistoriker, 1871: Rosa Luxemburg, polnisch-deutsche Revolutionärin, 1888: Ramón Otero Pedrayo, spanisch-galicischer Schriftsteller, 1888: Friedrich Schnack, deutscher Dichter, 1895: Franz Richard Behrens, deutscher Expressionist, 1895: Fritz Usinger, deutscher Schriftsteller, 1901: Julian Przyboś, polnischer Dichter, 1922: Pier Paolo Pasolini, italienischer Filmregisseur und Dichter; am 6. März 1475: Michelangelo, italienischer Künstler und Dichter, 1495: Luigi Alamanni, italienischer Dichter, 1619: Cyrano de Bergerac, französischer Schriftsteller, 1663: Francis Atterbury, englischer Dichter, 1755: Jean-Pierre Claris de Florian, französischer Dichter, 1781: Ignaz Franz Castelli, österreichischer Dichter, 1806: Elizabeth Barrett Browning, britische Dichterin, 1839: Olegario Víctor Andrade, argentinischer Dichter, 1841: Viktor Burenin, russischer Schriftsteller, 1909: Stanislaw Jerzy Lec, polnischer Aphoristiker, 1929: Günter Kunert, deutscher Schriftsteller; am 7. März 1601: Johann Michael Moscherosch, Barockschriftsteller, 1715: Ewald Christian von Kleist, deutscher Dichter, 1785: Alessandro Manzoni, italienischer Schriftsteller, 1799: František Ladislav Čelakovský, tschechischer Dichter, 1802: Ludwig Halirsch, österreichischer Dichter, 1864: Wilhelm Arent, deutscher Dichter, 1866: Paul Ernst, deutscher Schriftsteller, 1907: Manuel del Cabral, dominikanischer Schriftsteller („poesía negra“), 1909: Léo Malet, französischer Krimischriftsteller und Dichter, 1936: Georges Perec, französischer Schriftsteller, Oulipot, 1944: Jürgen Theobaldy, deutscher Schriftsteller, 1967: Muhsin al-Ramli, irakischer Dichter, Übersetzer aus dem Spanischen; am 8. März 1607: Johann Rist, deutscher Dichter, 1650: Hans von Assig, deutscher Dichter, 1830: João de Deus, portugiesischer Dichter, 1892: Juana de Ibarbourou, uruguayischer Dichter, 1916: Robert Wolfgang Schnell, Berliner Schriftsteller, 1917: Leslie Fiedler, amerikanischer Literaturwissenschaftler, 1921: József Romhányi, ungarischer Lyriker,  1921: Sahir Ludhianvi, indischer Dichter, 1922: Heinar Kipphardt, deutscher Schriftsteller, 1923: Walter Jens, deutscher Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, 1931: Neil Postman, amerikanischer Theoretiker, am 9. März 1814: Taras Schewtschenko, ukrainischer Nationaldichter, 1856: Hermann Iseke, Eichsfelder Dichter, 1859: Peter Altenberg, österreichischer Schriftsteller, 1879: Agnes Miegel, deutsche Balladendichterin, begeisterte Anhängerin des Nationalsozialismus, 1883: Umberto Saba, italienischer Dichter, 1892: Josef Weinheber, österreichischer Lyriker, 1947: Keri Hulme, neuseeländische Dichterin,  1974: Marte Huke, norwegische Lyrikerin; am 10. März 1538: Gregor Bersman, lateinischer Dichter aus Sachsen, 1749: Lorenzo da Ponte, italienischer Dichter und Librettist (Hochzeit des Figaro, Don Giovanni, Cosi fan tutte), 1772: Friedrich Schlegel, deutscher Schriftsteller und Kritiker, 1788: Joseph von Eichendorff, deutscher Dichter, 1810: Samuel Ferguson, irischer Dichter, 1854: Arnošt Muka, sorbischer Schriftsteller, 1861: E. Pauline Johnson, kanadische Lyrikerin, 1886: Karl Bröger, deutscher Arbeiterdichter, 1920: Boris Vian, französischer Schriftsteller, 1923: Zdenka Bergrová, tschechische Dichterin, 1925: Manolis Anagnostakis, griechischer Dichter,  1933: Elizabeth Azcona Cranwell, argentinische Dichterin, 1936: Alfredo Zitarrosa, uruguayischer Sänger und Dichter, 1937: Dieter Schneider, DDR-Schlagertextdichter (Ich geh vom Nordpol zum Südpol zu Fuß), 1967: Omer Tarin, englischsprachiger pakistanischer Dichter

Todestage am 4. März 1872: Johannes Carsten Hauch, dänischer Dichter und Physiker, 1872: Johann Friedrich Raeder, deutscher Kaufmann und Kirchenlieddichter, 1916: Franz Marc („Als der Blaue Reiter war gefallen“), 1963: William Carlos Williams, amerikanischer Schriftsteller („No idea but in things“), 1970: Rodolfo Moleiro, venezolanischer Lyriker, 1977: Anatol E. Baconsky, rumänischer Dichter, 2000: Jón úr Vör, eigentlich Jón Jónsson, isländischer Dichter, 2002: Margarete Neumann, DDR-Schriftstellerin, 2009: Carl Guesmer, deutscher Lyriker, 2014: Mark Freidkin, russischer Dichter, Sänger, Übersetzer; am 5. März 1926: Otto Ernst, deutscher Dichter, 1944: Max Jacob, französischer Dichter, 1953: Josef Stalin, Generalissimus, „Verdienter Mörder des Volkes (Brecht), 1962: Wendelin Überzwerch, Schüttelreimer, 1966: Anna Achmatowa, russische Dichterin, 2014: Leopoldo María Panero, spanischer Dichter, am 6. März 1888: Louisa May Alcott, amerikanische Schriftstellerin, 1912: Heinrich Kämpchen, Arbeiterdichter, am 7. März 322 v. Chr.: Aristoteles, 1553: Wolfgang Dachstein, deutscher Organist und Kirchenlieddichter, 1833: Rahel Varnhagen von Ense, deutsche Schriftstellerin, 1913: E. Pauline Johnson, kanadische Lyrikerin, 1922: Carl Ludwig Schleich, Arzt und Schriftsteller aus Pommern, 1934: Ernst Enno, estnischer Dichter, 1945: Adolf Bartels, völkischer und antisemitischer Schriftsteller und Literaturhistoriker, 1957: Wyndham Lewis, britischer Schriftsteller und Maler, Mitbegründer des Vortizismus, 1975: Michail Bachtin, sowjetrussischer Literaturwissenschaftler, 2014: Ned O’Gorman, amerikanischer Dichter, am 8. März 1841: Christoph August Tiedge, deutscher Dichter („Urania“), 1876: Louise Colet, französische Dichterin, 1890: Hermann Conradi, deutscher Schriftsteller, 1897: Friedrich Emil Rittershaus, deutscher Dichter, 1941: Sherwood Anderson, amerikanischer Schriftsteller, 1986: Hubert Fichte, deutscher Schriftsteller, am 9. März 1589: Paul Dolscius (Dölsch), deutscher Mediziner und Dichter, 1825: Anna Laetitia Barbauld,  britische Dichterin, 1831: Friedrich Maximilian Klinger, deutscher Dichter, 1892: Vita Sackville-West, englische Schriftstellerin, 1902: Hermann Allmers, norddeutscher Heimatdichter, 1918: Frank Wedekind, deutscher Schriftsteller, 1947: Jhaverchand Meghani, indischer Dichter (Gujarati), 1994: Charles Bukowski, amerikanischer Schriftsteller; am 10. März 1510: Johann Geiler von Kaysersberg, deutscher Prediger und Schriftsteller, 1819: Friedrich Heinrich Jacobi, deutscher Schriftsteller, 1861: Taras Schewtschenko, ukrainischer Dichter und Maler, 1897: Savitribai Phule, indische Dichterin,  1930: Misuzu Kaneko, japanische Dichterin, 1948: Zelda Fitzgerald, amerikanische Autorin und Tänzerin,  1966: Frank O’Connor, irischer Schriftsteller, 1977: Friedrich Schnack, deutscher Dichter

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Bücherbord

Neu im L&Poe-Regal:

  • Volker Braun: Handbibliothek der Unbehausten. Neue Gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2016

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L&Poe Rückblende: März 2002

Viel Lob und ein wenig Kritik auch im März 2002. Peter Geist lobt Grünbein und Drawert. Michael Braun lobt Beyer. Alban Nicolai Herbst lobt Filips. Leipziger Volkszeitung lobt Kuhligk. Neue Zürcher lobt Ilma Rakusa. Wolf Biermann lobt Moses Rosenkranz aus Czernowicz. Kraus spottet über Hofmannsthal. Mosebach kritisiert Schlaffer. Außerdem New Nigerian Poetry, „Getürkte“ Lyrik und viel  mehr hier.

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Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie

in der Nacht sehnlich den Schlaf erwartet – nichts gemerkt, als er dann kam

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Schreibheft 88

Norbert Wehrs Schreibheft ist seit Jahrzehnten verläßliche Informationsquelle in Sachen Weltliteratur. Poetische Kontinente, die es einfach nicht auf Deutsch gäbe. Auch die neue Ausgabe so voll, daß ich wohl zwei Wochen brauche, um alles recht zu bedenken. Immerhin danke ich es dem sog. „Ruhestand“, daß ich so einen Brocken sofort lesen kann. Das waren zwei aufregende Lesetage!

Nummer 88 beginnt mit „Minutenopern“, einem Werk des französischen Dichters Fréderic Forte, mit dem er zum Mitglied der Gruppe Oulipo (Ouvroir de Littérature Potentielle – „Werkstatt für Potentielle Literatur“) wurde. Dagmara Kraus hat sie ins Deutsche geschmuggelt. Beim Schreibheft muß man auch die Anmerkungen über die Autoren mitlesen. Dagmara Kraus über Forte:

Wünschte Lichtenberg sich in seinen Sudelbüchern noch, „einen Finder zu erfinden für alle Dinge“, hat Fréderic Forte mit seinen Opéras-minute (2005) einen ebensolchen Finder erfunden: wenngleich nicht für „alle Dinge“, so doch für ein ganzes Konzeptbuch von (Bild-)Gedichten, die sich aus einer einzigen, fundamentalen Textproduktionsregel bzw. „contrainte“ generieren, der Titel gebenden „Minutenoper“.

Seit Erscheinen des Bandes Mitglied bei Oulipo, umreißt Forte seinen „Finder“ in einem ereignispartiturhaften Kurztext wie folgt: „Auf einem Blatt einen einfachen vertikalen Strich von der Länge 7,62 cm ziehen, der ‚Szene‘ und ‚Kulissen‘ trennt. Sich dazu zwingen, durch das konstante Spiel von Variationen das Potential des so definierten typographischen Raums in 110 Minutenopern zu erforschen. In der zweiten Hälfte des Buches 55 verschiedene feste poetische Formen (etwa Haiku, Quintine, Lai, Algol-Gedicht oder perfektes Rondeau) ‚als Minutenopern fixieren‘.“

Die wesentlich musikalische Idee der Minutenoper bestimmt mithin durchgängig Gestaltung und lnhalt des Buches. Die Kapiteltitel ausgenommen, spielt sich die poetische Handlung auf jeder Seite in verschiedenen, manchmal osmotischen Konstellationen links und rechts des linearen Vorhangs ab. Zu der strengen Zweiteilung kommt hier und da noch ein kleiner Handlungraum hinzu, ein im etymologischen Sinn obszönes Moment des Textes, ein Off, eine Art Orchestergraben in Miniatur. Unter den contraintes, die sich innerhalb einer Minutenoper umsetzen lassen, finden sich zahlreiche oulipotische Glanzstücke verschiedener Autorschaft wie die Grangaudsche Anagrammsestine (poteau) [(Pfeiler)], die zugleich eine der größten übersetzerischen Herausforderungen des Bandes darstellt.

(Der Strich ist im Heft fast 1 Zentimeter länger, was vielleicht daran liegt, daß der deutsche Text immer etwas länger wird als das Original).

Folgt ein Dossier zu Wolfgang Welt: Die Pannschüppe. Roman. Fragment mit Beiträgen von Peter Handke, Frank Witzel und Hermann Lenz. Wolfgang Welt lebte von 1952 bis 2016. Zuletzt arbeitete er als Nachtportier im Schauspielhaus Bochum. Peter Handke gerät ins Schwärmen: „Ausdruck meines Staunens über das, was er mit seinen Sekunden-, Zehntel- und Hundertstelsekundensätzen im Lauf seines oft mehr als schwierigen Lebens geschafft und geschaffen hat (…) Ich lese, habe gelesen und werde lesen Bücher von Wolfgang Welt als eine grundandere Art von Geschichtsschreibung (…) wie eben ich, der Leser, mit ihm, seinen Sekunden, seinen Bruchteilsekundensätzen mitstreune, mitirre, mithasple, mitstolpere, mittapere (…)“. Mini-Leseprobe aus dem Fragment:

Erstaunlicherweise hatten mein Bruder und seine Kumpels einen Buddy Holly- und keinen Beatles-Club gegründet. Die hörten sie zwar auf BFN oder auf Radio Luxemburg, aber sie waren nicht so begeistert wie von dem toten Texaner, von dessen Ableben sie erst überzeugt waren, als auch sie mit den B-Jugend nach Holland reisten und von den Einheimischen erfuhren, daß Buddy Holly tatsächlich ’59 mit dem Flugzeug abgestürzt war. Erst als dem Mummu die 37 Singles, die er von dem Peggy Sue-Sänger hatte, geklaut wurden, löste sich der Verein auf und die Jungs orientierten sich mehr nach Liverpool.

Drei weitere Dossiers folgen. Norbert Lange hat das erste zusammengestellt zu dem amerikanischen Dichter Charles Reznikoff (1894-1976). Abgedruckt wird eine Probe aus dem 500 Seiten langen Gedicht Testimony / Zeugnis. Die Vereinigten Staaten (1885-1915). Rezitativ mit Übersetzungen von Tobias Amslinger, Hannes Becker, Michael Duszat, Rainer G. Schmidt und Claudia Sinnig. Der Titel deutet schon an, daß es sich um eine „objektive“ Lyrik handelt – Objektivismus heißt eine Strömung in der amerikanischen Lyrik des 20. Jahrhunderts. In meinem Anglistikstudium an der Universität Rostock kamen die objektivistischen Dichter wie Louis Zukofsky oder George Oppen nicht vor, allenfalls William Carlos Williams als einer der Anreger und vor allem Edgar Lee Masters (1869-1950) mit seiner Spoon River Anthology, von der in der DDR 1966 eine Lizenzausgabe erschienen war (Die Toten von Spoon River). Masters zeichnet das Porträt der amerikanischen Provinz anhand von Grabgedichten, wie dies:

Amanda Barker

Henry hat mir ein Kind gezeugt
Und wußte dabei, daß ich Leben nicht geben könnte,
Ohne meins zu verlieren.
So trat ich jung in die Tore des Staubs.
Wandrer, sie glauben im Dorf, wo ich lebte,
Gattenliebe sei es bei Henry gewesen,
Aber ich ruf aus dem Staube dir zu,
Daß er mich tötete, weil er mich haßte.

(Übersetzt von Wolfgang Martin Schede).

HENRY got me with child,
Knowing that I could not bring forth life
Without losing my own.
In my youth therefore I entered the portals of dust.
Traveler, it is believed in the village where I lived
That Henry loved me with a husband’s love,
But I proclaim from the dust
That he slew me to gratify his hatred.

Reznikoffs Großgedicht hat vieles mit Masters gemein, Masters war zweifellos eine Anregung, ebenso wie Carl Sandburg, aber beide waren keine „Objektivisten“. Masters wie Sandburg wollten ein „Porträt“ der Vereinigten Staaten geben, aber beide liefern eine Moral mit, ob bürgerlich-sentimental oder „progressiv“-propagandistisch. Reznikoffs „Porträt“ der USA 1885-1915 ist aus Zeugenaussagen vor amerikanischen Gerichten komponiert. Nur die Namen der Personen und Orte seien verändert, sagt der Autor. (Michael Duszat vergleicht in einem Aufsatz an einem Beispiel Gedicht und Aktenlage).

Hier ein Beispiel aus Reznikoffs Gedicht:

DER SÜDEN / Auszug
HÄUSLICHE SZENEN

1
Es war fast hell, da brachte sie das Kind zur Welt,
sie lag auf der Steppdecke,
die er für sie gefaltet hatte.
Er hob das Kind auf seinen linken Arm
und trug es aus dem Zimmer,
und sie hörte ein platschendes Geräusch.
Als er wiederkam,
fragte sie nach dem Kind.
Er sagte: „Da draußen — im Wasser.“

Er schürte das Feuer
und kam mit einer Ladung Holz
und kam mit dem Kind
und legte das tote Kind ins Feuer.
Sie sagte: „Oh John, bitte nicht!“
Er blieb stumm,
aber wandte sich zu ihr um und lächelte.

(Deutsch von Tobias Amslinger)

Die Zeugenaussagen berichten, was geschehen ist, gesagt und gehört wurde, ohne Vermutungen und Schlußfolgerungen. Roubaud spricht von radikalem Objektivismus. Reznikoff erklärt sein Verfahren im Vergleich mit einer Zeugenaussage vor Gericht. Da könne man nicht sagen: dieser Mensch war fahrlässig, sondern müsse schildern, wie er gehandelt hat. Die Geschworenen im Gericht, die Leser des Gedichts sind es, die Schlußfolgerungen ziehen.

Masters und Sandburg waren ziemlich erfolgreich weit über den kleinen Kreis der Lyrikleser hinaus. Sandburgs Gedichte werden heute spottbillig in Chicagoer Souvenirläden feilgeboten. Anders mit Reznikoff. Er druckte fast alle seine Bücher selber auf einer Druckerpresse im Keller und verkaufte sich schlecht. Obwohl sein „Zeugnis“ alles andere als schwer verständlich ist. Eliot Weinberger nennt Testimony „das am wenigsten faßbare Langgedicht der Moderne“. Unfaßbar! Die meisten Kritiken seien „furchtbar“ gewesen, schreibt Weinberger. Er „belästige und verstöre“, die Gedichte seien „schmutzig und schmerzhaft“, und selbst C.P. Snow, damals und auch in meinem Rostocker Studium ein berühmter Gesellschaftskritiker, der ein Vorwort zum ersten „sichtbaren“ Gedichtband beisteuerte, das war 1962!, meinte, das Werk habe, „soweit ein Goy das beurteilen kann“ (ach ja, vergaß ich zu erwähnen, der Autor war also Jude), „Beiklänge außergewöhnlicher Fremdheit“. Zu groß war der Abstand zu den herrschenden Vorstellungen von Schönheit und Poesie, gleich ob bei Lesern, Literatur- oder Sozial-Kritikern. Weinberger urteilt: „Die größte Nähe zu Testimony – dem gewiß kein amerikanisches Gedicht im Entferntesten ähnelt – mögen in der Literatur merkwürdigerweise die isländischen Sagas haben, die Reznikoff liebte: Szenen des schieren menschlichen Dramas, in der schmucklosesten Weise geschildert“.

Auf Roubauds Aussagen über den Vers bei Reznikoff werde ich in der nächste Folge in Verbindung mit dem Dossier zu drei französischen Dichtern eingehen.

Absolute Leseempfehlung!

(Michael Gratz)

Schreibheft 88, Februar 2017. 200 Seiten, € 13,00

  • Fréderic Forte Minutenopern. Aus dem Französischen von Alain Jadot und Dagmara Kraus
  • WOLFGANG WELT: DIE PANNSCHÜPPE. Roman. Fragment Mit einem Brief von Peter Handke, E-Mails von Frank Witzel sowie Briefen von Wolfgang Welt an Siegfried Unseld und Hermann Lenz
  • CHARLES REZNIKOFF: ZEUGNIS. DIE VEREINIGTEN STAATEN (1885-1915) REZITATIV Zusammengestellt von Norbert Lange. Mit Beiträgen und Übersetzungen von Tobias Amslinger, Hannes Becker, Michael Duszat, Norbert Lange, Charles Reznikoff, Jacques Roubaud, Rainer G. Schmidt, Claudia Sinnig, Tim Trzaskalik und Eliot Weinberger
  • T.S. ELIOT, KRIMILESER. Kritiken aus The Criterion Zusammengestellt von Gerd Schäfer Mit einer Nachbemerkung von Friedrich Ani. Beiträge über Gilbert Keith Chesterton, Wilkie Collins, Charles Dickens, Sir Arthur Conon Doyle, Émile Gaboriau, Anna Katharine Green, Sherlock Holmes, Father Knox, Edgar Allan Poe, Robert Louis Stevenson, Philo Vance, S.S. Van Dine u.a.
  • DIE POESIE ÄUSSERT SICH. Dreimal französische Courage – Philippe Beck, Sylvie Kandé und Dominique Quélen Zusammengestellt von Leo Pinke und Tim Trzaskalik. Mit Beiträgen und Übersetzungen von Philippe Beck, Sylvie Kandé, Leo Pinke, Dominique Quélen, Arthur Rimbaud und Tim Trzaskalik

Manchmal muss man das Schwein eben im Gebirge lassen

(Hansens Flaschenpost)

Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)

Ich muss einen Text nicht lieben, um ihn zu übersetzen, aber ich muss ihn respektieren, sonst geht die Sache garantiert schief. Allerdings darf der Respekt nie so groß werden, dass er in Angst umschlägt, denn zu übersetzende Texte sind wie Hunde: Sie können Angst riechen — und dann geht die Sache erst recht schief.

Soweit ist alles klar, aber trotzdem gibt es sicher für jedeN ÜbersetzerIn so etwas wie Angstgegner, und meine kommen hauptsächlich aus dem Bereich „Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten“. Das ist natürlich nicht die Sorte Angst, die vor Rezensenten zittern macht — als gelernter Altphilologe kenne ich die rabies philologorum, die Philologentollwut (nein, das ist keine sprichwörtliche Redensart sondern eine Diagnose) zu gut, um mich bange machen zu lassen. Fehler zu machen schreckt mich also nicht, auch wenn Sprichwörter eine reichlich fließende Fehlerquelle sind, und mir der Kater, den man bekommt, wenn man eine Nacht lang versucht hat, in eulenspiegelscher Manier Ärmel an ein Wams zu werfen, wohl vertraut ist. Aber dagegen sind genug Kräuter gewachsen. Für das Neugriechische habe ich ja stets Muttersprachler an der Seite, und im Altgriechischen gibt es wohl kaum ein Wort, das in den letzten Jahrhunderten nicht schon zwei- oder dreimal umgedreht worden wäre, und das Umdrehen in umfangreichen Kommentaren und Lexika dokumentiert, für den Fall, dass sich eine Wendung nicht aus dem Stegreif übersetzen lässt; aus dem Steg-Reif, dem Steigbügel also ohne dafür extra vom Pferd abzusteigen. Und wenn nicht, dann kann man damit auch leben; wenn etwa in einem Fragment aus einer Komödie Menanders gesagt wird: „Das Schwein ist im Gebirge, wie man so sagt…”, dann könnte hier ein Sprichwort gemeint sein: Der Jäger prahlt schon mit seiner Beute, aber das Schwein ist noch lebendig und im Gebirge. Sicher ist das nicht, denn dieses Sprichwort lässt sich erst für das mittelalterliche Sizilien nachweisen. Also sollte auch der Übersetzer die Haut des Bären nicht vorzeitig zu Markte tragen und das Schwein eben in den Bergen lassen.

Angst habe ich vielmehr davor, den Lesern meiner Übersetzung ein Vergnügen vorenthalten zu müssen, das ich als Leser des Originals empfunden habe, und – vielleicht noch schlimmer – sie bevormunden zu müssen, als dürfte man ihnen die Spannung, die aus der Möglichkeit entsteht, den Blick zwischen der mehr oder weniger banalen Bedeutung und der vielschichtigen Formulierung eines Sprichwortes wandern zu lassen, nicht zumuten; als dürften sie nicht selbst entscheiden, ob sie „aus dem Stegreif“ nur als „schnell und einfach“ verstehen, oder ob sie Steigbügel und schnellen Ritt vor Augen und das Schnauben der Pferde im Ohr haben wollen (oder ist der Stegreif schon in tausend schalen Mündern so rundgelutscht, dass wir die heimliche Botschaft so wenig hören wie der Esel die Lyra, sozusagen?).

Ich fühle mich dabei oft wie ein Maler, der versucht, ein Aquarell mit Acrylfarben zu kopieren: Wo im Original durch die obere Farbschicht der übertragenen immer noch die untere Schicht der wörtlichen Bedeutung hindurchleuchtet, muss ich mit dem tumben Spachtel die eine unter der anderen begraben und es bleibt nur eine entweder eindeutig langweilige oder eine fremdartig unverständliche Schicht sichtbar.

Τὼ βόε μοι· σῖτον δὲ τετεύχατον, ἵλαθι, Δηοῖ,
δέχνυσο δ‘ ἐκ μάζης, οὐκ ἀπὸ βουκολίων·

δὸς δὲ βόε ζώειν ἐτύμω καὶ πλῆσον ἀρούρας
δράγματος, ὀλβίστην ἀντιδιδοῦσα χάριν.
σῷ γὰρ ἀρουροπόνῳ Φιλαλήθεϊ τέτρατος ἤδη
κτάδος ἑνδεκάτης ἐστὶ φίλος λυκάβας,
οὐδέποτ‘ ἀμήσαντι Κορινθικόν, οὔ ποτε πικρᾶς
τῆς ἀφιλοσταχύου γευσαμένῳ πενίης.

Wieder ein Genrestückchen aus der Anthologia Graeca (6,40), diesmal zum Thema „Lob der Bescheidenheit” von Makedonios Hypatos. Ein alter Bauer opfert der Demeter zwei aus Brotteig geformte Stiere, weil sein Vermögen für ein größeres Opfer nicht ausreicht.

Zwei Rinder; die haben mir mein Brot verschafft; sei gnädig, Deo,
nimm sie aus Teig geformt an, nicht wie sie aus dem Stall kommen.
Lass die Rinder am Leben, die echten, und fülle mein Land
mit Getreide; so erweist du mir die größte Gegengunst.
Denn dein Pflüger Philalethes lebt schon das vierte
Jahr seiner neunten Dekade,
hat nie korinthische Ernte eingebracht, hat aber auch nie
die bittere, ährenhassende Armut gekostet.

Das Problem ist die „korinthische Ernte”. Korinthisch steht im Griechischen sprichwörtlich für eine besonders reiche Ernte. Das lässt sich im Lexikon nachschlagen. Ich kann also den Farbtupfer, der ja zugleich neben diesem schlichten Bauern und seinem schlichten Opfer das prächtige Korinth dem Leser vor Augen bringt, im Text stehen lassen und in den Fußnoten erklären. Oder ich spachtele eben die aus dem Lexikon entnommene Bedeutung in der Übersetzung darüber („…hat nie besonders reiche Ernte eingebracht…”) und aus ist es mit der schönen Assoziation. Aber man kann ja mit Acrylfarben zwar nicht in Schichten malen, mischen kann man sie aber doch: „…hat nie gelebt wie Gott in Frankreich, hat aber auch nie die Armut kosten müssen.” Natürlich ist eine solche Übersetzung in die Gegenwartsprache verführerisch, macht den Übersetzer ein bisschen stolz und ja, Korinths Image in der Antike (luxuriös, kultiviert und ein bisschen frivol) spiegelt sich sehr schön im Image, das Frankreich in dieser Wendung anhaftet. Oder doch nicht? Hintergehe ich nicht den Leser der Übersetzung, wenn ich ihm den Eindruck vermittle, ein antiker Dichter habe so gesprochen und gedacht wie einer des 19. oder 20. Jahrhunderts? Es ist ein Elend; und ich habe, bevor ich mich für die erste Lösung entschieden habe, bestimmt einen ganzen Nachmittag mit Tupfen, Spachteln, Mischen und wieder abkratzen der Farbschichten verbracht.

Es kann aber auch passieren, dass ich in eine Falle tappe, in der ich mich so wohl fühle, dass ich sie gar nicht mehr verlassen mag. για ανέμους και για νερά (über Winde und Wasser) sagt man im neugriechischen sprichwörtlich für „über dieses und jenes sprechen”. Das wusste ich nicht nur nicht, die Wendung hat mir in dem Gedicht „Es ist untersagt” von Katerina Angelaki-Rooke so gut gefallen, dass ich in der Übersetzung auch dann nicht davon lassen wollte, als meine griechischsprachigen Freunde darauf hingewiesen haben. Der Farbtupfer allein hätte den Leser irregeführt, ihn zuzuspachteln habe ich nicht übers Herz gebracht, so wenig wie neu mischen (von Hölzchen auf Stöckchen kommen?) und am Ende haben wir beide Farbflächen einfach nebeneinander gesetzt.

Hier das ganze Gedicht in der Übersetzung von Jorgos Kartakis und mir, im Anschluss das griechische Original:

Es ist untersagt

Komm nicht näher;
ich kenne diesen Gang in der Dunkelheit,
die sich genauso anschleicht.
Geh nicht auf Zehenspitzen,
denn ich stelle mir deine Fußnägel vor wie kleine Muscheln,
die leuchten an deinem ozeanischen Körper.
Sprich nicht; ich kenne diese Unterhaltung,
angeblich über Winde und Wasser, über dies und das,
in Wahrheit jedoch über die Wesen und wie sie sich fühlen,
wenn du sie berührst.
Denk nicht; ich kenne diese Gedanken,
angeblich an Gott,
der im Tempel deiner Brust wohnt,
in Wirklichkeit aber,
damit du mich fernhältst
von jeder fleischlichen Schlussfolgerung.
Atme nicht mehr;
du sagst mir, dass es nötig ist,
damit du leben kannst.
Ich glaube es nicht; du tust all das,
um mich in Versuchung zu führen,
um mich umzubringen.
Existiere nicht; es gibt kein „Warum“. Einfach so.
Komm nicht näher.

Απαγορευτικό

Μην πλησιάζεις΄
το ξέρω αυτό το βήμα μες στο σκοτάδι
που σιμώνει κι αυτό.
Μη νυχοπατάς΄
γιατί φαντάζομαι τα νύχια των ποδιών σου
να λάμπουν σαν αχηβαδάκια στην άκρη του ωκεάνιου σώματός σου.
Μη μιλάς΄ την ξέρω αυτή την κουβέντα
για ανέμους δήθεν και για νερά
στην ουσία όμως για όντα και πώς νιώθουν αυτά
όταν τ΄αγγίζεις.
Μη σκέφτεσαι΄ τις ξέρω αυτές τις σκέψεις
για το Θεό τάχα
που κατοικεί στο ναό του στήθους σου
στην πραγματικότητα όμως
για να με κρατάς
έξω από κάθε ζωικό συμπέρασμα.
Μην ανασαίνεις΄
πως είναι μου λες απαραίτητο για να ζεις.
Δεν τα πιστεύω εγώ αυτά΄
για να με δαιμονίσεις το κάνεις να με πεθάνεις.
Μην υπάρχεις΄ δεν έχει «γιατί». Γιατί έτσι.
Μην πλησιάζεις.

 

L&Poe-Rückblende März 2002

Viel Lob und ein wenig Kritik auch im März 2002. – Aber zuvor über zwei Tote

Karl Krolow

„Die Gedichte, die er Tag für Tag schreibt“, liest man in Peter Härtlings schönem, sehr persönlichem Nachwort, „sind nicht mehr nur Gedichte, sie haben sich befreit von der Anstrengung, ein Gedicht sein zu wollen.“ Das ist gewiss richtig, ändert aber nichts am Vollkommenheitsstatus einer erstaunlich großen Zahl dieser mit scheinbarer Beiläufigkeit und mitreißender Geläufigkeit aufgezeichneten Verse. Er ist unüberhörbar und kann nur bewundernd und dankbar registriert werden. Ein „Achtzeiler“ aus dem September 1998 lautet so: „Zu viel wär übertrieben. / Zu wenig: wenig wert. / Und was ich aufgeschrieben, / was ich verdammt, verehrt, / ist schließlich aufgezehrt. / Nichts ist davon geblieben. / Was bleibt, sind leere Hände: / so geht die Zeit zu Ende.“ /  Albert von Schirnding, Süddeutsche 30.3.02

Inge Müller

Nach ihrem Selbstmord am 1. Juni 1966 verschwand Inge Müller umgehend aus den Annalen der DDR-Literaturgeschichte. Kurz nach ihrem Tod hatte der Aufbau Verlag den vergeblichen Versuch unternommen, ihre seit 1957/58 entstandenen Gedichte in einer Ausgabe vorzustellen. Für die paranoiden Literaturpolitiker der DDR bedeutete es indes eine Zumutung, eine Selbstmörderin als lyrische Entdeckung präsentieren zu sollen. Dass hier eine Autorin in knappen bitteren Fügungen von traumatischen Erfahrungen des Verlusts und der Angst sprach, brüskierte zudem die verbissenen Positivitäts- und Pathos-Doktrinen der SED-Kulturpolitik. Erst ein Jahrzehnt später gelang es Bernd Jentzsch in der populären Reihe Poesiealbum eine erste kleine Auswahl von 37 Gedichten zu veröffentlichen. Dann dauerte es noch einmal zehn Jahre, bis 1985 Richard Pietraß den poetischen Rang Inge Müllers in dem Auswahlband Wenn ich schon sterben muss demonstrieren durfte – freilich mit extrem schwacher Resonanz. Erst dreißig Jahre nach ihrem Tod erlebte die Dichterin Inge Müller eine Wiedergeburt – dank des Auswahlbandes, den die Schriftstellerin und Literaturhistorikerin Ines Geipel 1996 für den Aufbau Verlag zusammenstellte. / Michael Braun, Freitag 22.3.02

Peter Geist lobt Grünbein und Drawert

Ich habe nicht oft in den letzten Jahren so weltöffnende Gedichtbände lesen können wie die von Drawert und Grünbein. Aus der Flut neubiedermeierlicher Harmlosigkeiten ragen sie sowieso hervor. / Peter Geist, Freitag 22.3.02

  • Kurt Drawert: Frühjahrskollektion . Gedichte, Frankfurt a.M. 2002; 96 S., 15,- EUR
  • Durs Grünbein: Erklärte Nacht . Gedichte, Frankfurt a.M 2002. 160 S., 18,- EUR
Michael Braun lobt Beyer

Marcel Beyer schreibt Gedichte, die nicht von der Fremdheit der Phänomene erlösen, sondern … mitten in ihr „Geheimnis“ hinein führen. Hier qird in großer Eindringlichkeit über Geschichte bgesprochen – in Gedichten, die gleichermaßen aus benennen und Verschweigen bestehen. / Michael Braun, FR 20.3.02

Alban Nicolai Herbst lobt Filips

„Altklug“ kann nämlich immer auch „frühreif“ bedeuten, und von solcher frühen Reife legen Filips ‚ Gedichte Zeugnis ab. Nicht, dass immer alles gelungen wäre, nein, aber Zeilen wie „Die Zeit ist lang. Du brauchst sie nicht zu hetzen“ lassen einen plötzlich innehalten und werden genau dadurch konkret. Sie realisieren sich im Vorgang des Lesens. Da ist schon Kunst, wo der Leser selbst zum Subjekt seiner Lektüre gemacht wird. Und so ist er denn auch für den Zauber etwa der folgenden Heine-Paraphrase bereit: „Den Verschluß an die Wand / schleudern, aufprallen lassen, zurück- / kommend fangen, an der Flasche / nippen und immerzu / mit dem Zeigefinger / an die Stirn tippen, / da die Flammenschrift / auch heute nicht / antwortet.“ Ganz zu schweigen von der eleganten Frechheit, mit Mallarmé knobeln zu wollen: „zerfallen entschlüsse wie augenblicke, / die sich in falten legen, und wieder // sieh, zähl und fall“. / Alban Nicolai Herbst, FR 28.3.02

  • Christian Filips: Schluck Auf Stein. Gedichte. Elfenbein Verlag, Berlin 2001, 97 Seiten, 12,- .
Leipziger Volkszeitung lobt Kuhligk

Statt platter Provokation gelingen dem als „Asphalt-Rimbaud“ gefeierten Dichter kraftvolle Bilder: „… IN EINEM HAUSFLUR/grub ich mich dir ein und/entlockte deinem Mund/die Vögel, die ich/zwischen meine Finger nahm.“ / Leipziger Volkszeitung 25.3.02

Neue Zürcher lobt Ilma Rakusa

Es sind Langgedichte, der Rhythmus frei, hier beschleunigend, da verlangsamend, hier nachdenklich, da furios anklagend. Vor allem aber sind es Abschiedstexte, vom Wechselspiel zwischen Deutsch und Englisch, der Zweisprachigkeit jener verlorenen Liebe, unterspült: «Und mein Gesicht: blind. / Mein Haus: Verzicht. / Verzieh dich! / Leave me, lover. Belagerung beendet. / Die Festung freit sich selbst. Ruine. Aber frei. / Freit sich, lover. In frivoler Verzweiflung. / Don’t cry. / Don’t be shy. / Und das Pendel schwingt: Nein.» / Sibylle Birrer, Neue Zürcher Zeitung , 23. März 2002

  • Ilma Rakusa: Love after love. Acht Abgesänge. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001. 54 S., Fr. 12.20.
Wolf Biermann lobt Moses Rosenkranz aus Czernowicz

Für mich sind diese acht Zeilen (s.u.) ein großes Gedicht, geschrieben von einem kaum bekannten Dichter aus Czernowitz in der Bukowina. Moses (ursprünglich: Edmund) Rosenkranz wurde am Anfang des letzten Jahrhunderts geboren und starb an dessen Ende. Er überlebte die Lager unter Hitler und geriet gleich anschließend in Stalins GULag, wo er bis 1957 gefangen war. Vier Jahre später floh er aus Rumänien vor den Häschern des Geheimdienstes Securitate nach Westdeutschland. Im Schwarzwald erlebte er noch das Ende des Kalten Krieges. Die ihn kannten, beschreiben ihn als steilen Charakter, harten Knochen, stolz, unbeachtet, einsam, bitter. Vor allem das wird kolportiert: ungebrochen.
Sein kleines Gedicht ist groß. Es elektrisiert gleich in den ersten zwei Zeilen mein Herz, weil des sterbenden Bauern erotische Eskapade ausgerechnet angesichts seines Todes verraten wird: wie ungehörig und verboten der Mann die junge Magd da aufs Kreuz gelegt hat. Liebe und Tod sind hier im Kunstwerk so nahe beieinander wie im richtigen Leben. Schwer rauszukriegen, wo nun der Krampf größer war: im Geschlechtsakt oder im Sterben. Wer fickt hier wen? Der Mann das Mädchen? Der Tod den Mann? Der Poet die Muse?

Moses Rosenkranz

Des Bauern Tod

Er schlug die Arme um die Erde
Wie um die jüngste Magd, im Krampf;
Und fühlte: Rinder, Knechte, Pferde,
Und starken Schweiß, der Scholle Dampf.
Der Andre rollt ihn auf den Rücken
Und ließ ihn so; sein schwer Gewicht
Lag wie ein Stein im Flurenlicht,
Ein weicher Stein aus grauen Stücken. text>

Die Welt 25.3.02

Meyer-Gosau kritisiert Anderson

Ichzentrierte Beschreibungssprünge, Novalis-Zitate und spätexpressionistisches Dichterlallen: Der Prenzlauer-Berg-Dichter und gewissenhafte Stasispitzel Sascha Anderson hat mit „Sascha Anderson“ vor allem eine Autobiografievermeidung geschrieben / taz 2.3. 2002

Mosebach kritisiert Schlaffer

Martin Mosebach widerspricht heftig einer Rezension von Heinz Schlaffers Buch „Die kurze Geschichte der dt. Literatur“:

Die Bedeutung dieser Werke ist Schlaffer nicht bekannt: herablassend schreibt er von „den Stifters und Mörikes und Eichendorffs “ – allein dieser Plural sollte ein gerichtliches Nachspiel haben. / Süddt. Ztg 5.3.02

Kraus spottet über Hofmannsthal

«Will Hofmannsthal Goethes Entwicklung begleiten, / so wirkt es noch bis in die fernsten Zeiten. / Was immer auch dieser jenem leiht, / es reicht für beider Unsterblichkeit. / Müssen die, die späterhin beide lesen, / denn wissen, welcher der Ältre gewesen? / Die hundert Jahre, welche dazwischen, / werden weitere hundert wieder verwischen. / Nach tausend aber ist’s schon egal, / ob Goethe oder Hofmannsthal.» Dieser Spottvers von Karl Kraus schmückt eine Sammelrezension zu Hugo von Hofmannsthal in der NZZ , 16.3.02

Papenfuß liest Wolf

Bert Papenfuß: Christa Wolf hat mir immer ihre Bücher gegeben, hat aber immer dazu gesagt, dass ich sie nicht lesen brauche. Ich habe mich weitestgehend daran gehalten. Karl Mickel hat mich mal auf eine Stelle in „Nachdenken über Christa T.“ aufmerksam gemacht, an der, wenn ich mich richtig erinnere, Christa T. über das Elend der Welt nachdenkt, dann wird ihr schwindelig, und sie stößt mit dem Kopf an den Kaminsims. Das fand Mickel witzig. Am Kamin über das Elend der Welt nachzudenken. Daraufhin habe ich das Buch gelesen und fand es sehr gut. / 20.3.02

Zum Tod von Luise Rinser

Die NZZ zitiert Luise Rinsers selbstgeschriebenen Nachruf von 1992:
«Sie hat ihre Aufgabe als Störfaktor bis zum letzten Atemzug erfüllt. Jetzt hat und gibt sie (hoffentlich) Ruhe für eine Weile.» / NZZ 19.3.

Zweierlei griechische Literaturgeschichten

Die moderne griechische Literatur sei eine eigene Welt, die sich zwischen Nord- und Südpol erstrecke. Den einen Pol symbolisiere Dionysios Solomos, den anderen Konstantinos Kavafis . Solomos habe sich in seiner Dichtung der griechischen Sprache am kühnsten und konsequentesten genähert. Kavafis auf der anderen Seite habe in seiner Lyrik die höchstmögliche sprachliche Verknappung und Genauigkeit erreicht. Zwischen diesen beiden Polen, so sagte Odysseas Elytis 1979 in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur, bewegten sich alle anderen Schriftsteller und Lyriker. / So beginnt eine Besprechung von Barbara Spengler-Axiopoulos in der NZZ , 16.3.02

  • Evi Petropoulou: Geschichte der neugriechischen Literatur. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2001. 431 S., Fr. 57.-.
  • Pavlos Tzermias: Die neugriechische Literatur. Homers Erbe als Bürde und Chance. Francke-Verlag, Tübingen 2001 (2., neu bearbeitete und erweiterte Auflage). 336 S., Fr. 39.80.
New Nigerian Poetry

Meanwhile, across the ocean, a group of African poets is attempting to secure reputations outside its native land. Nigeria’s political upheavals throughout the ’90s, its military governments and the too-little publicized tragedy of the execution of environmental activist Ken Saro Wiwa, suggest a chaotic society of silenced or stillborn voices, but publisher Ishmael Reed discovers consistent literary activity. Twenty-Five New Nigerian Poets collects these voices into a small but thoroughly enjoyable volume. These Nigerian wordsmiths write an English transformed by their indigenous experiences and oral literature.

„Like a cloud, like a shroud/ In a grim, blurred dream/ Came the drift in my mind/ The images and hush memories/ Of this wobbly, goblin year/ Now astride the path to the past,“ writes Abubakar Othman in „This Year.“ There is little in this book that could be thought of as shrill protest poetry, and even the darkest poems have a strange, mythic beauty. / Washington Post 10.3.02

  • 25 NEW NIGERIAN POETS. Edited by Toyin Adewale. Ishmael Reed. 67 pp. Paperback, $9.95
„La Révolution surréaliste“ im Centre Pompidou

Sie soll zeigen, daß der Surrealismus keineswegs bloß ein Stil unter vielen war, nur einer von vielen Zeitgeist-Kometen, die eine Weile lang die Welt erleuchten und dann im Dunkel verschwinden. Der Surrealismus, so die These, war ein ästhetischer Aufstand, der zur Machtergreifung führte, er war eine siegreiche Revolution. Der Surrealismus hat zwar nicht als künstlerischer Stil gesiegt, wohl aber als ästhetisches Prinzip. Das ganze Reich des Sichtbaren hat er sich unterworfen. / FAZ 13.3.02

„Getürkte“ Lyrik

Die New York Times untersucht Bin Ladens Gedicht aus seinem Video vom 14. Dezember – ein Plagiat:

According to Roy Mottahedeh, a professor of Islamic history at Harvard, and Salameh Nematt, the Jordanian correspondent of Al Hayat, both of whom translated the poem for me, the poem, which comes from a 1998 collection of Abu Hilalah ’s work titled “Poems in the Time of Oppression,“ is in a neoclassical style, with a conventional rhyme scheme, high-flown literary language and the centuries-old imagery of Arabic war poetry. The poet declares that he has come to bear witness that “those who are as sharp as a sword“ have not lost their resolve. They remain committed to religion, struggle and sacrifice. Notwithstanding the horrors of occupation — the clothes of darkness that came over us,“ “the poisoned tooth that bit us“ and “the homes that overflowed with blood“ when “the assailant desecrated our land“ — these fighters will not be deterred until, the poet warns, “you leave our lands.“

Abu Hilalah’s cousin said in his article that bin Laden made two small but notable emendations to the last lines of the poem: “The fighters‘ winds blew, striking their monuments, telling the assailant that the swords will not be thrown down until you leave our lands.“

Where the poet wrote “monuments,“ bin Laden said “towers“; and where the poet wrote “swords will not be thrown down,“ bin Laden said “the raids will not stop.‘ / NYT *) 10.3.02

Annemarie Zornack 70

Wie denkt sie als Frau über Lyrik von Frauen? „Die weibliche Art, die Welt zu erleben, schafft Erkenntnisveränderungen und Erweiterungen des Empfindens. Sie durchmischt Animus mit Anima, rein Verstandesmäßiges mit gefühltem Denken“. Aber eigentlich ist ihr dies alles viel zu theoretisch: „Beim Schreiben von Gedichten bringe ich mich ein, mich als Person, als die Lyrikerin, die ich bin“.

Annemarie Zornack , die 1932 in Aschersleben im Harz geboren wurde und seit 1953 in Kiel lebt, hat den Friedrich-Hebbel-Preis und, als erste schreibende Frau, den Kulturpreis der Stadt Kiel (1998) erhalten. Sie ist Mitglied des PEN-Zentrums, war Ehrengast der Villa Massimo in Rom und ist Ehrenmitglied der Gesellschaft für Zeitgenössische Lyrik in Leipzig. Sie hat surreale Prosa und zwei Reisebücher publiziert. Doch den Schwerpunkt ihres Schaffens bilden 14 Gedichtbände, darunter der 300-seitige Sammelband strömungsgefahr , der 1999 bei der Düsseldorfer Eremiten-Presse erschienen ist und die bisher wichtigsten Texte enthält. / Kieler Nachrichten 12.3.02

Pratajev lebt

Er muss gelebt haben. Mit an mittelgroßer Sicherheit grenzender Höchstwahrscheinlichkeit ist das Gerücht, Pratajev sei eine Erfindung gesellschaftlich abgedrifteter Spinner, falsch. Der gerade erschienene zweite Band des Pratajev-Almanachs beweist: Derart seltsame Geschichten kann kein Hirn erfinden. Nicht zuletzt bezeugen angegilbte Fotos die gewesene Existenz des russischen Dichters, der 1902 in Kurtschinsk-Robersk aus dem Bauch heraus beschloss, sich der Welt zu nähern.

Der Sohn eines Heilkräutersammlers und einer Kuhbürsterin ist zu Unrecht vergessen und von den einschlägigen Literaturlexika ausgespart worden. Denn wer kann sich der Wirkung dieser einzigartigen Lyrik entziehen? Man nehme nur „Verzerrter Mund“: „Ein schönes Mädchen war sie / Längst nicht mehr. / Ihr Mund verzerrte sich / Für quer. / Und war der Krampf besonders lang / Kam ihr Mund / Am Rücken an.“ / Leipziger Volkszeitung 12.3.02

Lyriker aus Madeira

Die bekanntesten Schriftsteller Madeiras haben die Insel verlassen. Man darf behaupten, dass sie weggehen mussten, um ein Publikum zu finden. João Cabral do Nascimento (1897-1978) veröffentlichte die meisten seiner 16 Lyrikbände in Portugal, wo er auch starb. Edmundo de Bettencourt (1899-1973), Lyriker und Liederschreiber, hat sich in den dreissiger Jahren in Coimbra, später in Lissabon als Fado-Sänger einen Namen gemacht. Herberto Helder (*1930) hat die Insel früh verlassen, mausarm und ohne Kontakte. Heute gilt er als der bedeutendste zeitgenössische Lyriker Portugals. / NZZ 11.3.02

Fahrender Sänger

Während sich also die „Cosa Nostra des Geisteslebens“ wechselseitig umschmeichelt, tingelt der Autor Rühmkorf durch die Dörfer, bringt seine Produkte als fahrender Sänger an die Leser und stellt dabei fest, dass in den Heuschobern, Gemeindebibliotheken und Provinztheatern „allemal mehr Menschenleben“ anzutreffen sei „als zwischen den Phrasen-Terminals unserer sämtlichen Rezensierstationen“. / Claudia Stockinger, Berliner Zeitung 9.3.02

Wer kennt Gulzar?

Wer kennt in unseren Breitengraden schon die Gedichte des Urdu-Lyrikers namens Gulzar , die Romane von Amit Chaudhuni oder die Novellen von Shashi Tharoor? Selbst der Bestsellerautor Sunil Gangopadhyay ist in kaum einer unserer Buchhandlungen mit einem seiner Werke vertreten. Doch in 22 Sprachen mit vielen hundert Dialekten glänzt die Literatur Indiens. Über eine Milliarde Menschen, fünf Weltreligionen zugehörig, leben – nach China – im bevölkerungsreichsten Land der Welt, das auf eine mehr als 4000-jährige Kulturgeschichte zurückblicken kann.

Zeit wird’s also, nicht nur indische Computerexperten aus Bangalore, Bombay oder Neu-Delhi nach Deutschland zu holen, sondern das „Land der Dichter und Denker“ auch mit der zeitgenössischen Literatur Indiens vertraut zu machen. Bis 17. März ist allabendlich im Gasteig-Kulturzentrum, im Literaturhaus, in Bibliotheken und vielen anderen Kommunikationszentren der bayerischen Landeshauptstadt dazu Gelegenheit. / Donaukurier 9.3.02

 

Das Recht des Schwans

vom Friederikenhof leitete sich aus der Einsicht ab, dass es mehr schlechte als gute Verse gab und auch andere Poeten das Dichten deswegen nicht aufgaben. Die Leute genossen Kempnersche Verse, oder sie verdammten sie – gleichviel: «Pilz des Glücks ist dieser eine, / Jener Stiefpilz des Geschicks, / Einem sind als O die Beine, / Andern wuchsen sie als X.» * / Jost Nolte in der Berliner Morgenpost über Friederike Kempner (4.3.02)

*) Liest sich verdächtig wie eine der zahlreichen Kempner-Parodien. Kann es im Moment nicht überprüfen, aber ich werd dem mal nachgehn. M.G.

L&Poe ’17-08

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound.  In der heutigen Ausgabe: Hadayatullah Hübsch, Kerstin Preiwuß, Sabine Scho, Stanisław Dróżdż, Shakespeare und manches andere. Lesen!

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Die Themen in dieser Ausgabe

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Das neue Gedicht

Kerstin Preiwuß

Aus: Gespür für Licht: Gedichte. Berlin Verlag, 2016

Aus dem Kapitel „Frühling“

Selten so einen Frühling erlebt.
 Im April immer noch null Grad.
 Der Ostwind fegt vom Ural bis in die Mittelgebirge.
 Krähen brechen ihren Nestbau ab.
 Zugvögel treibt es zurück.
 Alles ist durchsichtig weil Laub fehlt.
 Das ist wie Leben unter dem Röntgengerät.

***

Der Morgen dickt mein Blut zu einer Suppe
 aber kalt 
tropft es durch den Leib 
und kippt von einem Organ ins andere. 
Ist doch schön in sich zu ruhn 
lächeln die Harpyien verbissen. 
Das Ohr an der Wand hör ich sie wimmern. 
Luft die durchs Fenster zieht.

***

Ich sitze am Fenster bis das Telefon schrillt 
betrachte die Bäume ob Wind sie bewegt 
während der Krankenwagen seine Kreise zieht. 
Jede Umkreisung formt einen Baumring. 
Ich rede kaum. 
Mein Atem ist laut. 
Ich halte meine Hand an den Bauch. 
Das Wasser schwappt gegen den Rand. 
Die Waage zittert leicht. 
Ich bin eine Höhle davor eine leere Hülle 
  danach. 
Taub leckt die Zunge die Mundöffnung ab. 
Nur meine Hände arbeiten der Körper ruht. 
Du bist noch ein Fremdwort. 
Atmest schwerelos in deinen Miniaturweltraum. 
Verzeih diese Zwangsabgeschiedenheit. 
Das übrig bleibende Nichtstun. 
Ich denke was soll ich sonst tun. 
Bin längst aus der Zeit geschwommen 
die mich wie ein Blutstrom umfließt. 
Eine Frau vom Stamm der Frauen 
sitzt auf ihrem Kind wie gepfählt. 
Von nun an bin ich an die Erde genäht.

***

Ich kann mir die Zukunft noch nicht genau vorstellen. 
Wird die Kommode jetzt schon verrückt 
oder hängt nur das Bild zu weit links an der Wand? 
Dagegen die Dinge die zuverlässig sind. 
Morgens die Zeitung und Post am Nachmittag. 
Husten wenn etwas die Luftröhre berührt. 
Beim Aufstehen schießt das Blut in die Beine zurück. 
Jeder Glockenschlag hackt Scheite vom Wimmelbild. 
Die Wörter greifen vor reichen nicht zurück. 
Alle Vergleiche münden ins Nichts. 
Phantomschmerzen von dem was man vermisst. 
Warten ist ein Ort für sich.

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Ex Libris: Hadayatullah Hübsch (2)

Sag ich ja, alles ist was andres als es ist, hinter allem steht was Essentielleres, alles steht immer für etwas andres, immer ein Bildchen im andern endlose Reihe, nichts darf auch mal selbst sein. Gab es keinen körperlichen Rausch, keinen Sex?. Weiter hier

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Wer den Lyrikavantgarden folgen will

muss sie zumeist auf Abwegen suchen, was nicht im Umkehrschluss heißen muss, dass ihre Protagonistinnen nicht hier und da schon zu Ruhm und Ehre gekommen wären, oder den Zug durch die Feuilletons und Goethe-Institute nicht längst angetreten hätten.
Aber selbst bekannte Vertreter
innen wie Ann Cotten, Elke Erb, Oswald Egger, Monika Rinck oder Ulf Stolterfoht sind der Off-Szene treu geblieben, lassen einige oder noch alle ihre Bücher dort verlegen, oder gründen gleich einen eigenen Lyrik-Verlag wie jüngst Ulf Stolterfoht die Brueterich Press.  Mehr hier

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Kladde

Gesehenes, Hingekritzeltes, Beiseitegesprochenes, Kommentare und Zitate, Stoßseufzer und Wutausbrüche aus diversen – meist digitalen – Postmappen und Kladden. Mal anonym, mal namentlich.

Nummer 1:

Sabine Scho  anstatt mir einfach das granteln zu gönnen, zwingen mich alle mehr kunst zu machen, die ihr dann alle gut finden müsst, ich protecte euch doch nur alle vor dem, was ihr wollt, machen ja auch die anderen immer schon so viel.
Mittwoch um 11:40

Sabine Scho und ich kann mich immer so schwer motivieren noch mehr von dem zu machen, was dann wieder nur ein paar handverlesene wollen. ich würde ja gern mal was machen, was echt viele wollen.
521 Antworten · Mittwoch um 11:41

Sabine Scho aber natürlich am liebsten so, wie ich es kann und will.

Nummer 2

Ricardo Domeneck Two comments made to one of my articles on ‚Deutsche Welle‘:

1. „Wise words! Thank you so much!“

2. „You, dear sir, need a psychiatrist urgently“

I personally do not think the two comments are mutually exclusive.

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Polnische Konkrete

Zu Unrecht bei uns kaum bekannte Beispiele konkreter Poesie von Stanisław Dróżdż (1939-2009) aus Wrocław, die man wegen der visuellen Komponente eben sehen kann, bevor man was versteht. Hier mit Wortübersetzungen

Vergeßlichkeit
Vergeßlichkeit

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Literaturförderung Ruhr

Für Oper und Ballett geben die Städte des Ruhrgebiets pro Jahr über 150 Millionen Euro aus. Für das Sprech-Theater über 50 Millionen. Und für die institutionelle Förderung der Literatur den vergleichsweise läppischen Betrag von rund 100.000 Euro. Mehr

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Gestorben

Am 13. starb Michael Naura. Rühmkorfleser (oder Leute, die in Greifswald den Grundkurs Textanalyse besucht haben, ggf. auch in Kombination) kennen ihn aus dem Gedicht „Haltbar bis Ende 1999“ als „den Krapotkin des Pianos“. Die Süddeutsche Zeitung schrieb:

Er konnte ein Porträt wie eine Novelle klingen lassen, aber auch richtig grob werden. Manche seiner Liebesgedichte an die Heroen des Jazz begannen wie Groupie-Lyrik, bevor sie plötzlich in einen Halbsatz echter Philosophie abbogen. Er schuf stehende Redewendungen wie den „akustischen Milchbrei“, wenn er seinen Jazz gegen die „Claydermansche Kotze“ abgrenzte, und auch Klassikattitüden bekamen regelmäßig ihr Fett weg, etwa wenn er den „revolutionären Gesellen“ Thelonious Monk gegen Chopin-Klimperer mit Perlenkette verteidigte. Michael Naura, der als Redakteur für Jazz im NDR bis 1999 und Autor zahlreicher Publikationen die Rezeption dieser Musik in Deutschland so intensiv prägte wie kaum ein anderer Journalist, war so etwas wie der Horst Janssen der Jazzkritik, ein dionysischer Furor, der in seinen Texten immer auch etwas über die eigene Biografie und das Zeitgeschehen mitlieferte.

(…) Am Montag ist der strengste Poet des verbalen Jazz mit 82 Jahren in Hollbullhüüs bei Husum gestorben. Thelonious Monk wird seinen besten Anwalt freudig im Pianistenhimmel begrüßen. Till Briegleb, Süddeutsche Zeitung 15.2.

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Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #26:

LOrd of my loue, to whome in vassalage

Deutsch von Dorothea Tieck:

Herr meiner Liebe, dessen heil'ge Banden

Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

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Neue Zeitschriften
  • Mütze #15. – scheiß latein und scheiß zentrale perspektive (Kobus). – Dinge, die man weiß, wenn man nicht an sie denkt. (Joubert). – Er schrieb nie ein Buch, er traf lediglich Vorbereitungen, eins zu schreiben. (Blanchot). – Dichter versuchen immer, Flüsse zu sein, formschön und seicht. Seid stattdessen Ozeane, weit und sehr tief. Und vergesst das Salz nicht. (Kelly). Mehr hier

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Kurz gesagt
  • Im Gegensatz zu Martina Hefter ist Jens Wonnebergers Roman politisch. / verstärker (so, so)
  • Rückert war auch ein Sprachgenie, berichtete Hub. Er beherrschte 44 Sprachen, darunter Arabisch, Armenisch, Russisch, Syrisch und Türkisch. Aber er hätte sich keinen Kaffee in Arabisch bestellen können, weil er diese Sprachen nur in der Schriftform beherrschte / mehr
  • University Days (one-line poem by Tom Raworth): this poem has been removed for further study

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Kurz berichtet
  • Von 6. März bis 4. April widmet sich die Alte Schmiede Modellpositionen des zeitgenössischen Hörspielschaffens: Mit HORCHPOSTEN II (Nachfolgeprojekt von Horchposten I im März 2016) lenkt die österreichische Autorin und Hörspielregisseurin FALKNER den Blick auf die Institutionen, die die Kunstform Hörspiel tragen, ermöglichen und fördern. An vier Abenden werden einerseits Hörspielredaktionen öffentlich-rechtlicher Sender vorgestellt, die mit ihren Produktionen die zeitgenössische Hörspielästhetik wesentlich prägen, andererseits studentische Hörspielprojekte vorgestellt. Wie bei Horchposten I werden auch diesmal exemplarische Hörspielproduktionen ganz oder in Ausschnitten zu hören sein, im Zentrum stehen aber die Gespräche mit RedakteurInnen, HörspielmacherInnen und -kritikern über Gegenwart und Zukunft einer Kunstform, die sich trotz schwindender finanzieller Mittel und der schwindenden öffentlichen Aufmerksamkeit beständig weiterentwickelt hat und auf ihrer künstlerischen Eigenständigkeit beharrt. Als Epilog zum Hörspielfestival präsentieren wir am 20. April den soeben erschienenen Band der Werkausgabe radiophone poesie von GERHARD RÜHM, der in über 50 Jahren Hörspielschaffen die Entwicklung einer radiophonen Kunst maßgeblich mitgeprägt hat.
  • Wole Soyinka hat seine Greencard zerstört. Wie der Guardian vor kurzem berichtete, hat der nigerianische Schriftsteller seine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für die USA nach dem Sieg von Donald Trump vernichtet. Das ist ein eindeutiges Statement des Literaturnobelpreisträgers, der mehrmals als Regierungskritiker im Gefängnis saß und später ins Exil ging. / Süddeutsche Zeitung 16.2.
  • März ist Monat der Poesie in der kanadischen Provinz Quebec. Hier gibts das Programm

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Lyrikkalender

Am 25. Februar ist viel passiert. Wie an jedem Tag natürlich, aber doch besonders. 1634 wurde Wallenstein in der Burg von Eger ermordet. (Das beliebte Epigramm „O Wallenstein, du großer Held / Bewundert viel, gescholten von der Welt / Im Tode doch blüht dir das Glück / Von Schillers Hand das hübsche Stück“  ist allerdings nicht von Friederike Kempner, sondern eine der vielen untergeschobenen Parodien). 1643 massakrieren niederländische Soldaten die Bewohner eines Indianerdorfs und spielen mit den abgeschlagenen Köpfen Ball. 1923 beenden französische Truppen die Existenz des versehentlich unbesetzten „Freistaats Flaschenhals“ am Rhein. 1932 wird Hitler gerade noch rechtzeitig deutscher Staatsbürger, um den Laden alsbald zu übernehmen. 1947 wird Paula von Preradovićs Gedicht Land der Berge, Land am Strome vom Ministerrat zum Hymnentext der Republik Österreich erklärt. (Es ist auch der Tag, an dem im Jahr 1147 das Wort Austria zum erstenmal verwendet wurde). Im gleichen Jahr, also 1947, wird der Staat Preußen aufgelöst. 1947 übernehmen die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei. 1956 rechnet Nikita Chrustschow in einer „Geheimrede“ auf dem 20. Parteitag der KPdSU mit Stalins Verbrechen ab. Sie bleibt nicht lange geheim, außer im Ostblock.In der DDR erschien sie im Januar 1990. Bis zum Mauerbau war sie aber problemlos in Westberlin zugänglich. Der sowjetische Liedermacher Bulat Okudshawa sang über Chrustschow: „Конешно он был дураком. Natürlich war er ein Dummkopf. Aber vielleicht baun wir ihm noch mal ein Denkmal“. (Aber nicht unter Putin). 1969 verbrennt sich in Prag der Student Jan Zajíc aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings als Zweiter nach Jan Palach. 1991 wird der Warschauer Pakt aufgelöst.

Am 26. in der evangelischen Kirche Gedenktag für Mechthild von Magdeburg, deutsche Mystikerin.

Am 28. Februar 1933 nimmt die Abschaffung der Demokratie Fahrt auf. An diesem Tag (einen Tag nach dem Reichstagsbrand) erläßt Reichspräsident Paul von Hindenburg die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat. Die ermöglicht Hitler die baldige „Gleichschaltung“ Deutschlands. Am gleichen Tag wird Carl von Ossietzky verhaftet. – In Finnland ist Kalevala-Tag. An diesem Tag 1835 erschien die erste Fassung der Dichtung, die zum Nationalepos der Finnen wurde.

Der 1. März  war im alten Rom ursprünglich der kalendarische Jahresanfang, an welchem im Tempel der Vesta das heilige Feuer entzündet wurde. Er wurde 153 v. Chr. auf den 1. Januar vorverlegt.Am 1. März 1700 holten die meisten protestantischen deutschen Länder mit großer Verspätung die Gregorianische Kalenderreform nach. Dem 18. Februar folgte der 1. März. Schweden folgte am 1. März 1753.

Am 3. März 1931 wird das 1814 gedichtete Star-Spangled Banner (Francis Scott Key) Nationalhymne der USA.

Geburtstage haben am 25. Februar 1591: Friedrich Spee, deutscher Dichter, 1651: Quirinus Kuhlmann, deutscher Dichter, Prophet und Mystiker, 1725: Karl Wilhelm Ramler, „deutscher Horaz“, 1822: Lew Alexandrowitsch Mei, russischer Dichter, 1842: Karl May, deutscher Auflagenmillionär, 1867: Rudolf Tarnow, plattdeutscher Schriftsteller, 1871: Lesja Ukrainka, ukrainische Dichterin († 1913), 1882: B. Traven, 1855: Cesário Verde, portugiesischer Schriftsteller († 1886), 1907: Sabahattin Ali, türkischer Dichter († 1948), 1943: George Harrison, am 26. Februar 1564: Christopher Marlowe, englischer Dichter (Taufdatum), 1590: Johann Lauremberg, niederdeutscher Schriftsteller, 1780: August Thieme, deutscher Dichter, 1802: Victor Hugo, französischer Dichter, 1864: Antonín Sova, tschechischer Dichter, 1873: Yosano Tekkan, japanischer Lyriker, 1881: Janus Djurhuus, färöischer Dichter, 1889: Otto Riethmüller, geistlicher Dichter, 1898: Konstantin Biebl, tschechischer Dichter, 1900: Halina Konopacka, polnische Diskuswerferin und Dichterin, 1901: Alexandr Hořejší, tschechischer Dichter, 1913: Hermann Lenz, deutscher Schriftsteller, 1913: George Barker (englischer Dichter, wurde von TS Eliot veröffentlicht und hatte 15 Kinder), 1919: Kuroda Saburō, japanischer Lyriker, 1936: Edward Dickinson Blodgett, kanadischer Lyriker, 1944: Charles Lillard, kanadischer Dichter, 1944: Christopher Hope, südafrikanischer Dichter, 1950: Ott Arder, estnischer Dichter, 1958: Michel Houellebecq, französischer Schriftsteller,  am 27. Februar 1607: Christian Keimann, Kirchenlieddichter, 1770: Don Juan Bautista Arriaza y Superviela, spanischer Dichter, 1797: Wilhelm Meinhold, Schriftsteller aus Usedom, 1807: Henry Wadsworth Longfellow, amerikanischer Dichter, 1875: Manuel Ugarte, argentinischer Schriftsteller,  1904: James T. Farrell, amerikanischer Schriftsteller, 1912: Kusumagraj, indischer Schriftsteller (Marathi – sein Geburtstag wird heute als Tag der Marathisprache in den Bundesstaaten Maharashtra und Goa begangen), 1912: Lawrence Durrell, britischer Schriftsteller, 1925: Kenneth Koch, amerikanischer Dichter, 1926: Elisabeth Borchers, 1933: Edward Lucie-Smith, britischer Dichter aus Jamaika, am 28. Februar 1533: Michel de Montaigne, 1775: Sophie Tieck, Dichterin im Schatten ihres Bruders Ludwig, 1812: Berthold Auerbach, 1817: Ryszard Wincenty Berwiński, polnischer Dichter, 1866: Wjatscheslaw Iwanow, russischer Dichter, 1872: Marjana Domaškojc, sorbische Dichterin, 1901: Rudolf Nilsen, norwegischer Dichter, 1909: Stephen Spender, englischer Dichter, 1928: Mohammad Ibraheem Khwakhuzhi, afghanischer Schriftsteller, 1929: John Montague, amerikanischer Autor, 1946: Ludwig Hirsch, österreichischer Schauspieler und Liedermacher; wer am 29. Februar Geburtstag hat, wird auf März vertröstet, das betrifft den amerikanischen Lyriker Howard Nemerov (1920); am 1. März 40: Martial, römischer Dichter, 1610: Johann Balthasar Schupp, geistlicher Dichter und Satiriker, 1701: Johann Jakob Breitinger, Schweizer Gelehrter, 1886: Oskar Kokoschka, österreichischer Maler, schrieb auch Gedichte und Dramen, 1892: Akutagawa Ryūnosuke, japanischer Dichter, 1893: Mercedes de Acosta, amerikanischer Schriftsteller, 1917: Robert Lowell, amerikanischer Dichter, 1934: Jacques Chessex, französischsprachiger Schweizer Schriftsteller, 1939: Tzvetan Todorov, bulgarischer Schriftsteller und Theoretiker, 1941: Robert Hass, amerikanischer Dichter, 1943: Franz Hohler, Schweizer Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher, 1967: Franzobel, österreichischer Schriftsteller, am 2. März 1651: Carlo Gimach, maltesischer Architekt und Dichter, 1800: Jewgeni Abramowitsch Baratynski, russischer Dichter, 1817: János Arany, ungarischer Dichter, 1820: Eduard Douwes Dekker (Multatuli), niederländischer Schriftsteller, 1862: John Jay Chapman, amerikanischer Dichter, 1888: Norbert von Hellingrath, Hölderlinforscher und -herausgeber, 1904: Dr. Seuss, amerikanischer Dichter, 1905: Geoffrey Grigson, britischer Dichter, 1927: Olivier Larronde, französischer Dichter, 1943: Peter Straub, amerikanischer Dichter, am 3. März 1807: Kazimierz Władysław Wóycicki, polnischer Schriftsteller, sammelte Sprichwörter,  Volkslieder und Volksmärchen der Polen, Kleinrussen (Ukrainer) und Weißrussen, 1816: Jan Arnošt Smoler, bedeutender Vertreter der nationalen Wiedergeburt der Sorben, 1887: Kurt Wolff, deutscher Verleger („Der jüngste Tag“), 1899: Juri Olescha, russischer Schriftsteller, 1901: Otto Müller, Verleger Trakls, 1903: Rabbe Enckell, finnischer Dichter, 1904: El Duque del Morteruelo, spanischer Dichter, 1922: Alexandru Vona, rumänischer Schriftsteller, 1926: James Merrill, amerikanischer Schriftsteller

Todestage am 25. 1547: Vittoria Colonna, italienische Dichterin, 1655: Daniel Heinsius, niederländischer Dichter, 1689: Khushal Khan Khattak, paschtunischer Nationaldichter ohne Nation (Pakistan/Afghanistan), 1756: Eliza Haywood, englische Dichterin (* 1693), 1798: Louis Jules Mancini Mazarini, französischer Dichter und Diplomat ( 1716), 1819: Manuel do Nascimento, portugiesischer Lyriker, 1831: Friedrich Maximilian Klinger, deutscher Schriftsteller („Sturm und Drang“) ( 1752), 1852: Thomas Moore, irischer Dichter (* 1779). 1865: Otto Ludwig, deutscher Schriftsteller, 1870: Henrik Hertz, dänischer Schriftsteller, 1945: Mário Raúl de Morais Andrade, brasilianischer Schriftsteller, 1952: Saitō Mokichi, japanischer Lyriker, 1978: Hugo Friedrich, Romanist („Die Struktur der modernen Lyrik“), 1980: Robert Hayden, amerikanischer Dichter (* 1913), 1983: Tennessee Williams, amerikanischer Schriftsteller (* 1911), 2001: Archie Randolph Ammons, US-amerikanischer Lyriker, am 26. 1266: Manfred, König von Sizilien, Figur bei Dante und Byron, 1723: Thomas d’Urfey, englischer Dichter, 1989: Mouloud Mammeri, algerisch-kabylischer Schriftsteller (Herausgabe und Nachdichtung der Gedichte des kabylischen Dichters Si Mohand-ou-Mohand), 2016: Karl Dedecius, deutscher Übersetzer, am 27. 1878: Mirza Fatali Achundow (Achundzade, Akhundzade), aserbaidschanischer Schriftsteller, Alphabetreformer, „Orientalische Elegie auf Puschkins Tod“ (1837), 1881: Boleslav Jablonský, tschechischer Dichter, 1920: Ludwig Rubiner, deutscher Dichter (Kameraden der Menschheit, 1919; Kriminalsonette), 1943: Kostis Palamas, griechischer Dichter, 1950: Yvan Goll, deutsch-französischer Schriftsteller, 2002: Spike Milligan, irischer Komiker, Schriftsteller und Jazz-Musiker, am 28. Februar 1544: Francesco Maria Molza, italienischer Dichter, 1658: Johann Lauremberg, niederdeutscher Schriftsteller, 1856: Helmina von Chézy, deutsche Dichterin und Librettistin (Carl Maria von Weber, Franz Schubert), 1869: Alphonse de Lamartine, französischer Dichter, 1928: Emerenz Meier, bayrische Volksdichterin, 1940: Andreas Heusler, Schweizer Germanist (Deutsche Versgeschichte), 1946: Eriks Ādamsons, lettischer Schriftsteller, 1987: Karl Emerich Krämer (George Forestier), 1989: Hermann Burger, Schweizer Schriftsteller, 2005: Mario Luzi, italienischer Lyriker, am 1. März 912: Ki no Haseo, japanischer Dichter, 1620: Thomas Campion, englischer Komponist und Dichter, 1633: George Herbert, englischer Schriftsteller, 1875: Tristan Corbière, französischer Lyriker, 1936: Michail Kusmin, russisch-sowjetischer Schriftsteller, 1938: Gabriele D’Annunzio, italienischer Schriftsteller, 1968: Georg von der Vring, deutscher Schriftsteller, 1971: František Hrubín, tschechischer Schriftsteller, 1978: Paul Scott, englischer Schriftsteller, 2002: Artur Märchen, einer der Berliner Malerpoeten, am 2. März 274: Mani, persischer Prophet und Religionsstifter (Manichäismus), 1606: Martin Moller, deutscher Mystiker und Kirchenlieddichter, 1788: Salomon Gessner, Schweizer Dichter, 1916: Elisabeth zu Wied, Königin von Rumänien und deutsche Dichterin (Carmen Sylva), 1930: D. H. Lawrence, britischer Schriftsteller, 1949: Sarojini Naidu, indischer Dichter, 1975: Murano Shirō, japanischer Lyriker, 1976: Adolf Maurer, Schweizer Dichter, 1991: Serge Gainsbourg, französischer Chanson-Dichter und -Sänger, 2002: Halfdan Rasmussen, dänischer Lyriker, 2014: Ryhor Baradulin, weißrussischer Dichter, am 3. März 1806: Heinrich Christian Boie, Hainbund, Mitherausgeber des Göttinger Musenalmanachs, 1931: Otto Reutter, Sänger und Liederdichter, 1958: Theodor Kramer, österreichischer Lyriker, 1996: Léo Malet, französischer Krimischriftsteller und Dichter, 2011: Friedhelm Kemp, Übersetzer (Baudelaire)

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Bücherbord

Neu im L&Poe-Regal:

  • Katerina Angelaki-Rooke, Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017
  • Kathrin Bach: Schwämme. Gedichte. Köln: parasitenpress, 2017
  • Mara Genschel: Cute Gedanken. roughbooks 042, 2017
  • Adrian Kasnitz: Kalendarium #3. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2017
  • Kollektiv Pik 7 (Angelika Waniek, Martina Hefter, Ulrike Fiebig): Stellen Sie sich vor, Sie haben Hühner, wollen aber Rosen. Leipzig [2017]

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Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie

endlich im Heute angelangt – worauf warten wir noch?

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Polnische Konkrete

Diese Seite aus Wrocław/Breslau ist auf Polnisch geschrieben, aber auch wer von der Sprache nichts versteht, kann sie mit Gewinn ansehen. Sie bringt bei uns zu Unrecht kaum bekannte Beispiele konkreter Poesie von Stanisław Dróżdż (1939-2009) aus Wrocław, die man wegen der visuellen Komponente eben sehen kann, bevor man was versteht. Ich rücke hier einige Beispiele ein, bei denen ich die im Bild vorkommenden polnischen Wörter übersetze. Die meisten der ausgewählten Beispiele haben außer mit Wort und Bild auch mit Mathematik zu tun.

drozdz
Diese Zahlwörter zusammen mit der Ziffer haben im Polnischen genau die von der Ziffer genannte Zeichenzahl
drozdz_alea
Jacta alea est
drozdz_zapominanie
Das Wort in der ersten Zeile heißt Vergeßlichkeit
Wort
Wort
Zwei Worte
Zwei Worte

 

drozdz_nie_czytac
Nicht lesen

Mütze #15

Hrsg. von Urs Engeler. 52 Seiten. Einzelheft 6 €  (D)

Stephan Broser: Gedichte.

Nicolai Kobus: bildgebende verfahren. studien zur selbstwahrnehmung: Gedichte zu Bildern von Meret Oppenheim, Francis Bacon, Giorgi de Chirico, Andy Warhol u.a. Jedes Gedicht in einer anderen Form, z.B. reimlos, Strophenformen Zwei-, Drei-, Vier, Fünf- u. Mehrzeiler, Terzine usw. Das Gedicht zu Hogarth beginnt mit „eigentlich sollte das hier ein sonett / werden aber mir ist gerade so jazzy / ums gemüt improvisieren das gebot“. Das Gedicht zu einem Selbstbildnis von de Chirico endet so:

(…) und diese frage: was ich lieben

werde wenn den letzten schatten schräg
ich an den lichteinfall gelehnt die schiefe
ebene so träg ins bild gezogen haben werde:
scheiß latein und scheiß zentrale perspektive

Die dazugehörigen Bilder sind nicht mit abgedruckt, aber exakt bezeichnet. Man kann sie aus dem Text imaginieren oder ggf. danach googeln.

S.T. Coleridge: This Lime-Tree Bower My Prison (as published in Sibylline Leaves, 1817) im Original und der Übersetzung von Florian Bissig.

Joseph Joubert (1754-1824), aus den Carnets. Auswahl und Übersetzung Martin Zingg mit einem Essay des Übersetzers. Die für mich bemerkenswerteste Entdeckung dieses wie jede Mütze an vergnüglicher und spannender Lektüre sowie Entdeckungen reichen Heftes. Maurice Blanchot nannte ihn „einen der ersten ganz modernen Schriftsteller (…), da er der Kreislinie das Zentrum vorzog, die Ergebnisse der Aufdeckung ihrer Bedingungen opferte, und nicht schrieb, um Buch an Buch zu reihen, sondern um die Herrschaft über jenen Punkt zu erlangen, aus dem, wie er meinte, alle Bücher hervorgehen und der ihn, hätte er ihn einmal gefunden, der Aufgabe entheben würde, welche zu schreiben.“ Er schrieb fast täglich, veröffentlichte aber kein einziges Buch. In Kenntnis der französischen Literatur würde man ihn für einen Aphoristiker halten und den Moralisten zurechnen, tatsächlich wurden seine postumen Veröffentlichungen lange „Pensées“, Gedanken genannt und in thematische Ordnungen gebracht seit dem ersten Auswahlband, der 1838 in einer Miniauflage von 50 Exemplaren erschien, herausgegeben von seinem Freund und Verehrer Chateaubriand. Aber es sind keine Aphorismen, es fehlt die „Prozedur des Pointierens“ und „jedes Rechthaben- und Verblüffenwollen“. Ich mußte beim Lesen an Wolfgang Koeppen denken, der, seit er Suhrkampautor wurde, kein einziges Buch mehr schrieb und über dessen Schreibunlust oder -unfähigkeit die Kritiker zu Lebzeiten und postum rätselten und orakelten. Von Schreibfaulheit war und ist oft die Rede, aber er schrieb und füllte tausende Seiten mit zumeist geschliffener Prosa, nur er „lieferte nicht“. Joubert schrieb mehrfach von seinem Widerwillen gegen „zu viele Bücher“, die große Zahl nehme ihm die Lust und töte das Vergnügen, und überhaupt sei er, wie Montaigne, „ungeeignet für den fortlaufenden Gedankengang“. Blanchot: „Er schrieb nie ein Buch, er traf lediglich Vorbereitungen, eins zu schreiben“. Erst 100 Jahre nach seinem Tod begann man seine Eigenart zu respektieren und nicht „Gedanken“ zu Themen herauszuziehen, sondern seine Hefte, Carnets, in chronologischer Folge zu edieren, 250 gebundene Notizbücher fanden sich im Nachlaß.

Ein paar Kostproben:

Manchmal ist das ungenaue Wort dem genauen vorzuziehen. Es gibt, nach einer Äußerung von Boileau, elegante Dunkelheiten; es gibt majestätische; es gibt sogar notwendige: das sind jene, die den Geist das imaginieren lassen, was ihn die Klarheit nicht sehen lassen könnte.

Geplagt vom verfluchten Ehrgeiz, immer ein ganzes Buch auf eine Seite zu bringen, jede Seite in einen Satz, und diesen in ein Wort.

Es müssen viele Stimmen zusammen in einer Stimme sein, damit sie schön ist. Und verschiedene Bedeutungen in einem Wort, damit es schön ist.

Dinge, die man weiß, wenn man nicht an sie denkt.

Robert Kelly: Gewissheiten. Die Maximen von Martin Traubenritter. Robert kelly: Interview Teil II. Hier zwei der Maximen:

2.
Dichter versuchen immer, Flüsse zu sein, formschön und seicht. Sed stattdessen Ozeane, weit und sehr tief. Und vergesst das Salz nicht.

14.
Wahrheit hängt davon ab.

 

Webseite

Leseecke 26

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

25

LOrd of my loue, to whome in vassalage
Thy merrit hath my dutie strongly knit;
To thee I send this written ambassage
To witnesse duty, not to shew my wit.
Duty so great, which wit so poore as mine
May make seeme bare, in wanting words to shew it;
But that I hope some good conceipt of thine
In thy soules thought (all naked) will bestow it:
Til whatsoeuer star that guides my mouing,
Points on me gratiously with faire aspect,
And puts apparrell on my tottered louing,
To show me worthy of their sweet respect,
  Then may I dare to boast how I doe loue thee,
  Til then, not show my head where thou maist proue me

Einige Anmerkungen zum Text:

  • vassalage Vasallentum, Knechtschaft
  • 3 ambassage Botschaft
  • 4 „um meine Pflichtschuldigkeit zu bezeugen, nicht um meinen vorzuzeigen“ shew show
  • good conceipt conceit a) gute Meinung von mir b) gutes Konzept (guter Gedanke)
  • 8 all naked bezogen auf it (duty) bestow beherbergen
  • 10 points on me zeigt auf mich, übt Einfluß auf mich aus faire aspect gute Wirkung, Einfluß (der Sterne auf mich)
  • 11 apparrell Kleidung tottered tattered, zerschlissen – der Lord (das Schicksal) schenkt dem Zerlumpten Kleidung (die Livree des Vasallen)
  • 14 maist proue me mayst prove me magst mich auf die Probe stellen

 

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

Herr meiner Liebe, dessen heil'ge Banden 
Mit königlicher Macht mein Herz umschlingen, 
Dir send' ich diesen schriftlichen Gesandten, 
Um treue Huldigung dir darzubringen.
So große Pflicht kann zwar mein armer Geist 
Nicht, wie sich's ziemt, geschmückt dir übersenden; 
Doch deiner Seele Reichthum macht mich dreist. 
Du selbst wirst huldreich edlen Schmuck ihr spenden.
Vielleicht strahlt bald herab mit holder Gunst 
Ein freundliches Gestirn auf meine Bahn, 
Das meine Liebe schmückt mit reicher Kunst, 
Daß ich kann würdig deinem Blicke nah'n.
  Dann darf ich kühn, wie ich dich liebe, sagen; 
  Jetzt, wo du bist, nicht mich zu zeigen wagen.

Plessow übersetzt den Schlußreim so:

  Dann wag ichs, wie ich liebe, stolz zu preisen;
  noch zeig ichs nicht –– aus Scheu, es zu erweisen.

Quellen

  • Q = Shake-speares Sonnets. Never before imprinted (1609) (Quelle der Originaltexte)
  • B = Benson, Poems: Written by Wil. Sh. (1640)
  • Burrow = W. Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems. Ed. Colin Burrow (Oxford World’s Classics), Oxford University Press, 2002
  • B/H = Shakespeare, The Sonnets. Hrsg. Raimund Borgmeier, Michael Hanke. Stuttgart: Reclam, 2006
  • Borgmeier = Shakespeare: The Sonnets. Die Sonette. Engl. u. in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Hrsg. Raimund Borgmeier. Stuttgart: Reclam, 1974

Hadayatullah Hübsch (2): Gespräch in elysäischen Gefilden

In der Ausgabe der Lyrikzeitung vom 17. gab es einen Bericht über meine fast zwei Begegnungen mit Hadayatullah Hübsch. Teil zwei: ein Gesprächsprotokoll.

Ein nicht geführtes Gespräch mit Hadayatullah Hübsch (Ex Libris – Fundstücke in meiner Bibliothek)

Anmerkung: Alle unter seinem Namen veröffentlichten Worte sind original Hadayatullah Hübsch aus verschiedenen Quellen, höchstens gelegentlich die Zeichensetzung leicht angepaßt und ein winziger Zusatz in eckiger Klammer.

G: Wir sprachen gestern über Rumi. Du meintest, es sei ein westliches Vorurteil, Dichter wie Hafis und Rumi hätten auch über Wein und irdische Freuden geschrieben…

Hübsch: „Trink, was in dem Glas ist“, sagt er und meint damit, dass der Rahmen, das Gefäß, zwar zu beachten, aber nicht über Gebühr zu bewerten sei, dass wir sehen, indem wir die Einheit des anderen …

G (unterbricht): Immer kommt einer der es besser weiß und und sagt was gemeint ist.

Hübsch (lächelt)

G: Was meinst du, war Rumi ein frommer Moslem?

H: Muslim…

G: meinetwegen Muslim, war er?

H: Es gibt keinen Zweifel daran …

G (will unterbrechen, aber H redet weiter)

H: … dass Rumi sich an alle 700 Gebote des Qurâns gehalten hat, dass es gerade dieser Gehorsam dem Gesetz gegenüber gewesen ist, der ihn im Innen und Außen, in Ekstase und Erklärung hat zum Meister werden lassen. Er meint ja eben auch nicht, dass er etwa kein Muslim mehr sei,

G: Na wenn du’s sagst, glaub ich’s mal…

H (einfach weiter): … wenn er bedeutet: „Was ist zu tun, o Moslem?

G (will einwenden)

H: … Ich kenne mich selbst nicht mehr. / Ich bin weder Christ noch Jude,/ weder Perser noch Moslem.“

G: Ah, und damit will er sagen…

H: Was er klar machen will, ist die Bedeutung von Muslim-Sein…

G: Alles klar.

H: Rumi in einem anderen Gedicht:

Es klopfte einer an des Freundes Tor
Wer bist du, sprach der Freund,
wer steht davor?
Er sagte: Ich; Sprach der:
so heb dich fort –
an diesem Tisch ist nicht der Rohen Ort!
Den Rohen kocht das Feuer
Trennungsleid –
Das ist’s, was ihn von Heuchelei befreit!
Der Arme ging auf Reisen für ein Jahr,
Im Trennungsfunken brannt er
ganz und gar.
Reif kam dann der Verbrannte
von der Reise,
Dass wieder er des Freundes Haus
umkreise.
Er klopft ans Tor mit hundertlei Acht,
Dass ihm entschlüpf‘ kein Wörtlein
unbedacht.
Es rief der Freund: Wer steht dort
vor dem Tor?
Er sagte: Du Geliebter, stehst davor!
Nun, da du ich bist, komm,
o Ich, herein –
zwei Ich schließt dieses enge Haus
nicht ein!

Das Haus ist hier sicherlich

G (höhnisch): sicherlich!

H (unbeirrt) … sicherlich zunächst die Kaaba,

G: Zunächst, das ist gut, gefällt mir echt!

H: das Gotteshaus in Mekka, während Mekka für die Erlebnissphäre, den Bewusstseinsrahmen des Reisenden steht.

Die Kaaba ist dabei die Brust des Menschen, die von den Götzen der Heuchelei zu befreien erste und wichtigste Aufgabe des Pilgers ist, nachdem er die Religion vor Allah, Islam, angenommen hat.

Der Stein in der Kaaba ist das Herz des Menschen. Der Geliebte ist das Herz des Freundes. In ihm vereinigt sich der Liebende zu sich, indem er die Geheimnisse und Schmerzen der Liebe zu ihm auf sich nimmt.

G: Sag ich ja, alles ist was andres als es ist, hinter allem steht was Essentielleres, alles steht immer für etwas andres, immer ein Bildchen im andern endlos, nichts darf auch mal selbst sein. Gab es keinen körperlichen Rausch, keinen Sex?

H: Dass er in diesem Bereich der Offenbarung lebt, unterscheidet ihn von den anderen seiner Umgebung. So ist er weder den Elementen verhaftet, noch den Oberflächen, sondern in dem ekstatischen Sein der „Trunkenheit und Lustbarkeit“. Diese Symbole haben nichts zu tun mit jenen Ausschweifungen, die der „Rohen Ort“ sind.

G: Schade eigentlich.

H (erfreut über die Anteilnahme): So werden auch ungewöhnliche Vergleiche von dem islamischen Mystiker in der Reinheit des hinter den Reizen stehenden Erfahrens benutzt, und nicht etwa als Zustandsbeschreibung oder Mitteilung über akute Erlebnisse bloß körperlicher Art. Die Dimension des Zungengenusses wird aufgehoben und durch den Seelengenuss ersetzt. Dabei hat jedes Nahrungsmittel seinen symbolischen, spirituellen Wert und seine moralische Entsprechung, was uns auch einen Grund dafür eröffnet, dass das ‚schweinische Schwein’ als Nahrungsmittel abgelehnt wird und der körperliche Weinrausch als grober und verwirrender Reiz zudem.

G: Da frag ich mich, wie der Wein als Symbol für so erhabene Seelenwerte taugt, wenn man ihn gar nicht kennt. Aber gut, morgen mehr über Rumi und Hafis. Von dem gibts wunderbare Schenkengedichte und Liebesgedichte! – Eigentlich wollten wir über Politik sprechen, über Dschihad.

H: In den westlichen Medien wird dieses quranische Wort „Dschihad“ meist mit „Heiliger Krieg“ übersetzt,

G: Sagen das nicht auch Islamisten ähnlich?

H: … und unwissende, törichte Leute, die aus Ländern stammen, in denen es eine islamische Tradition gibt, haben

G: Lesen die denn westliche Medien?

H: … haben mit ihrem Unverständnis des Qurans diesen „Heiligen Krieg“ zu Terrorismus pervertiert. Ich versichere [dir], daß es im gesamten Quran keinen einzigen Vers, noch einen Hinweis dafür gibt, daß aggressive Gewalt ein Prinzip der Politik sein kann.

G: Und was ist mit Steinigungen von Ehebrechern, Haftstrafen und Auspeitschungen für Leute, Moslems, die „vom Glauben abfallen“ (komischer Ausdruck, als wär der Glauben ein Pflaumenbaum im Herbst)? Was mit Mord an westlichen Karikaturisten und Übersetzern?

H: Weder steht auf Gotteslästerung, noch auf Beleidigung des Propheten Muhammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, noch auf Ehebruch die Todesstrafe.“

G: Dein Wort in Gottes Gehörgang, sagt man bei uns.

(sage ich und schäme mich sofort, weil ich vergessen habe, daß er auch einer „von uns“ ist, ein Konvertierter, wie sein Verlag sagt.)

H (lächelt)

G: Aber sag, wie meinst du das mit Büchner, du hast gestern so was angedeutet?

H: Georg Büchner, der, wie kaum ein anderer seiner Zeit, visionär vorausahnte, soll 1837, als er im Schweizer Exil im Sterben lag, der Überlieferung gemäß gesagt haben: „O Deutschland, wenn ich etwas für dich wünschen könnte, dann eine neue Religon.“

G: Ach, wenn das nicht sein frömmlerisches Weib erfunden hatte, weil sie Angst vor Gottes und der Obrigkeit Strafe hatte. Wahrscheinlich hat die doch auch sein letztes Stück deshalb vernichtet?

H (unbeirrt): Für ihn hatte, nimmt man das ihm zugeschriebene letzte Wort ernst, seine Lebensleistung – revolutionäre Umtriebe nach dem Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ …

G: ja, bekannt …

H: … hatte seine Lebensleistung nur in dem einen Sinn und Bestand, was man in der Epoche der sozialen und technischen Veränderungen am wenigsten gern hörte: Nämlich der Sehnsucht nach einem Lebensweg, der Gott und Welt vereint. Religion, das, was Büchner herbeiflehen wollte …

G: Komm, jetzt überziehst du aber. Erst sagst du korrekt, „der Überlieferung gemäß“ soll, SOLL er das gesagt haben, und zwei Halbsätze behandelst du das als Gewißheit und baust deine Schlußfolgerung drauf, als wär sie Büchners. – Sag mal, hast du was zum Trinken da?

H (lächelt jetzt nachsichtig, und weist mit dem Handrücken nach dem Küchentisch. Ah, er hat sich gemerkt, was mein Lieblingsbier war.)

Wir sprachen nachher noch von Hitler, Büchner, Allah und Deutschland. Als mein Bier aus war, verabredeten wir uns auf morgen. Diesmal wollten wir bestimmt über Literatur sprechen, über seine literarische Karriere vor und nach der Konversion oder, wie er immer sagte, den drei Wundern, die ihn gerettet hätten. Auch über seine Erfahrungen mit Performance und Social Beat. Und über islamische Mystik! Aber diesmal ohne Öffentlichkeit, „bring dein Aufnahmegerät gar nicht erst mit“, ja, darin waren wir uns einig.

Hier gehts zu Teil 1

Benutzte Literatur von Hadayatullah Hübsch:

  • Muslima. Zur Position der Frauen im Islam. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1992
  • Eine islamische Rede an Deutschland. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1993
  • social beat D. Hrsg. Hadayatullah Hübsch. Berlin: Edition Druckhaus, 1995
  • Mein Weg zum Islam. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1996
  • Fanatismus und Toleranz im Islam. Kostenlose Broschüre. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 1997
  • Der verheißene Messias und Imam Mahdi. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2001 20.000 Expl.
  • Der Heilige Prophet Muhammad (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) Kostenloses Faltblatt. 2. Aufl., Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2002. 20.000 Expl.
  • Grundlagen des Islams. Kostenloses Faltblatt. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2002 (3. Aufl. 40.000 Expl.)
  • Islam und Ökologie. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2005
  • Religion des Friedens. Kostenlose Broschüre. Frankfurt/Main: Verlag Der Islam, 2005 (1. Aufl. 1993)
  • Islamische Mystik: am Beispiel Jallal-Ud-Din Rumis.  Verlag der Islam 2011 (1. Aufl. 1997)

 

Hier kann man mehrere Broschüren, Faltblätter und Bücher von Hadayatullah Hübsch kaufen und zum Teil sich kostenlos schicken lassen oder als Pdf herunterladen.

 

Literaturförderung Ruhr

Für Oper und Ballett geben die Städte des Ruhrgebiets pro Jahr über 150 Millionen Euro aus. Für das Sprech-Theater über 50 Millionen. Und für die institutionelle Förderung der Literatur den vergleichsweise läppischen Betrag von rund 100.000 Euro. Da sind zum einen die seit anderthalb Jahrzehnten nicht erhöhten 50.000 Euro, die der Regionalverband Ruhr (RVR) der Literatur zwischen Duisburg und Dortmund, zwischen Breckerfeld und Xanten pro Jahr zukommen lässt. 5000 Euro davon gehen an das Literaturbüro in Unna und 45.000 an das mit zwei „vollzeitnahen Teilzeitstellen“ ausgestattete Gladbecker Literaturbüro Ruhr, das davon vor allem den alljährlich verliehenen Literaturpreis Ruhr organisiert. Der ist mit 10.000 Euro für den Hauptpreis und 2555 Euro für zwei Förderpreise dotiert. Und da sind zum anderen die 44.800 Euro pro Jahr, die von der Stadt Dortmund an das dortige Literaturhaus überwiesen werden.

Den wesentlichen Beitrag zur Pflege von Dichtung und Wahrheit, Lyrik und Prosa in der selbsternannten 5-Millionen-Metropole Ruhr aber leisten nach wie vor private Initiativen und Vereine. Von denen gibt es zwar mehr als in den meisten deutschen Großstädten – aber ihre Wahrnehmung reicht selten über die Grenze einer Stadt hinaus. / Jens Dirksen, WAZ

Wer den Lyrik-Avantgarden folgen will

Von Sabine Scho, hier ein Auszug:

1953 eröffnete H. C. Artmann seine „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes“ wie folgt: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben. Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen.“

Das war weniger Koketterie als Notwehr einer später als Wiener Gruppe bekannt gewordenen Lyrik-Avantgarde, die schlicht zunächst weder Publikations-, noch Auftrittsmöglichkeiten hatte. Dichter*innen-Avantgarden, das ist 2016 nicht viel anders, finden und fanden sich zunächst jenseits der ausgetretenen Pfade. Zumal, als um 1996 bei vielen Publikumsverlagen die Mischkalkulationen fielen, große Konzerne das Ruder übernahmen und aktuelle Lyrik kaum noch verlegt wurde, war dies das Rebirthing einer Avantgarde aus Notwehr.

Neue Non-Profit-Verlage entstanden im Anschluss beinahe ausschließlich für Dichtung, allen voran Kookbooks, der von Daniela Seel zusammen mit ihrem Gestalter Andreas Töpfer gegründet wurde und jenseits der Literaturhäuser selber Lesungen und Performances an ständig wechselnden Örtlichkeiten organisierte.

Kollektive wie die G13 und Kollaborationen, die ganz neue Formate ins Leben riefen, wie die rottenkinckschow, folgten. Letzte liefert ein forschungsbasiertes Bühnenformat zur Erzeugung von Anschaulichkeit, das von den Autorinnen Ann Cotten, Monika Rinck und Sabine Scho 2008 ins Leben gerufen wurde.

Die Einmaligkeit der Themendarbietung ist darüber hinaus singulär. Man setzt, ganz entgegen künstlerischer Verwertungslogiken, auf das Prinzip der Nicht-Wiederholbarkeit.
Wer also den Lyrik-Avantgarden folgen will, muss sie zumeist auf Abwegen suchen, was nicht im Umkehrschluss heißen muss, dass ihre Protagonist*innen nicht hier und da schon zu Ruhm und Ehre gekommen wären, oder den Zug durch die Feuilletons und Goethe-Institute nicht längst angetreten hätten.
Aber selbst bekannte Vertreter*innen wie Ann Cotten, Elke Erb, Oswald Egger, Monika Rinck oder Ulf Stolterfoht sind der Off-Szene treu geblieben, lassen einige oder noch alle ihre Bücher dort verlegen, oder gründen gleich einen eigenen Lyrik-Verlag wie jüngst Ulf Stolterfoht die Brueterich Press. / (vollständig lesen!) Mehr hier