Wird sich entzünden das Gras

Ludvik Kundera

(* 22. März 1920 in Brno / Brünn; † 17. August 2010 in Boskovice)

Dreimal den Schlüssel gedreht

Der Fall der Dinge
Zwischen den Sätzen
Staub eine Handvoll

Was dauert?
Dreimal den Schlüssel gedreht
      das Gedicht
die sieben Fälle dekliniert
in den Sätzen
ein Ätna

Schon wälzt sich das Magma
Vor ihm auf Meilen
wird sich entzünden
das Gras

Aus dem Tschechischen übersetzt von Peter Demetz. In: Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u.m.e. Nachwort von Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. München, Zürich: Piper, 1994, S. 37

Tage gehen

Jayne-Ann Igel

Tage gehen

sie giengen schön*, wir liefen davon, liefen „weg“, wie es auch heißt, nicht aus respekt, machten uns wegsam, mussten sehen, was kommt, das war der ausweg, führte wohin, weg nur nicht mehr, das stottern im schritt, an der ampel grün das vergehen, nächtens, vergehen und weg, angst scham und aus –

  • Zeile aus „Tönen“ von Rainer R. Mueller in „Poemes Poetra“, roughbook 34, S. 41

Nun ruhen alle Wälder

Paul Gerhardt

(* 12. März jul./ 22. März 1607 greg. in Gräfenhainichen; † 27. Mai jul./ 6. Juni 1676 greg. in Lübben)

1.
Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
Es schläft die ganze Welt;
Ihr aber, meine Sinnen,
Auf auf, ihr sollt beginnen,
Was eurem Schöpfer wohlgefällt.

2.
Wo bist du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
Die Nacht, des Tages Feind;
Fahr hin! Ein ander Sonne,
Mein Jesus, meine Wonne,
Gar hell in meinem Herzen scheint.

3.
Der Tag ist nun vergangen,
Die güldnen Sterne prangen
Am blauen Himmelssaal;
Also werd ich auch stehen,
Wenn mich wird heißen gehen
Mein Gott aus diesem Jammertal.

4.
Der Leib eilt nun zur Ruhe,
Legt ab das Kleid und Schuhe,
Das Bild der Sterblichkeit;
Die zieh ich aus. Dagegen
Wird Christus mir anlegen
Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

5.
Das Haupt, die Füß und Hände
Sind froh, daß nun zu Ende
Die Arbeit kommen sei;
Herz, freu dich, du sollst werden
Vom Elend dieser Erden
Und von der Sünden Arbeit frei.

6.
Nun geht, ihr matten Glieder,
Geht hin und legt euch nieder,
Der Betten ihr begehrt;
Es kommen Stund und Zeiten,
Da man euch wird bereiten
Zur Ruh ein Bettlein in der Erd.

7.
Mein Augen stehn verdrossen,
Im Hui sind sie geschlossen,
Wo bleibt denn Leib und Seel?
Nimm sie zu deinen Gnaden,
Sei gut für allem Schaden,
Du Aug und Wächter Israel.

8.
Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan mich verschlingen,
So laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein.

9.
Auch euch, ihr meine Lieben,
Soll heinte nicht betrüben
Ein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
Stell euch die güldnen Waffen
Ums Bett und seiner Engel Schar.

Wir sehn uns dann zur Frühandacht

Peter Hacks

(* 21. März 1928 in Breslau; † 28. August 2003 bei Groß Machnow)

KLOSTERIDYLL

Es sprach ein Mönch zu seiner Nonne:
Komm her, du meine Herzenswonne,
Ich bin noch jung, du bist noch schön,
Laß uns geschwind zu Bette gehn.
Noch ist mein Körper schlank und sehnig,
Noch blühst du rosigen Gesichts.
Wenn wir erst alt sind, sind wir wenig,
Und wenn wir tot sind, sind wir nichts.

Nun ging, indem der Mönch so sprach,
Der Abt just durch ihr Schlafgemach
Und hörte das erhitzte Paar
Und sah den Zustand, worin es war.
Ab, Kinder, rief er, in die Kissen,
Verschafft euch eine frohe Nacht.
Ich selbst will eben zur Äbtissin,
Wir sehn uns dann zur Frühandacht.

Aus: Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 407

Entwurf zu einer Ode

Friedrich Hölderlin

(* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar; † 7. Juni 1843 in Tübingen)

Entwurf zu einer Ode

(Notation der ersten Ansätze)

         Die neuesten Richter


Vormals richtete Gott.               




                       Könige     
                Weise.

                     
                 wer richtet denn izt?
Richtet das einige Volk
   Volk? die heilge Gemeinde? 
   Nein! o nein! wer richtet den izt. 
                  das Natterngeschlecht!          feig u falsch
                         ein das edlere Wort nicht mehr 
         Über die Lipp.
O im Nahmen

                                             

                                              ruf ich dich
        Alter Dämon! wieder! dich herab


Oder    sende 
  Einen Helden



Oder 
        die Weisheit.

Konzept einer asklepiadeischen Ode, Frühjahr 1800

Im zweiten Ansatz wird die Überschrift zu „Zu Sokrates Zeiten“ verändert.

Nach: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Hrsg. D.E. Sattler. Band 5. Oden II. Darmstadt, Neuwied: Luchterhand, 1985, S. 347ff

1 Gedicht, 4 Versionen

Emma Andijewska

(ukrainisch Емма Андієвська; * 19. März 1931 in Donezk, Sowjetunion; lebt in München)


Hans Thill (Hrsg.): Vorwärts, ihr Kampfschildkröten. Gedichte aus der Ukraine. Zweisprachige Ausgabe ukrainisch-deutsch. Heidelberg: Wunderhorn, 2006. – 188 Seiten, Format: 13.5 x 21 cm, gebunden, mit Lesebändchen, bibliophile Ausstattung | ISBN: 978-3-88423-259-0 Mehr

Budget

Srečko Kosovel

(* 18. März 1904 in Sežana, Österreich-Ungarn, heute Slowenien; * 26. Mai 1926 in Tomadio, Italien, heute Tomaj, Slowenien)

Aus: Srečko Kosovel: Ahnung von Zukunft. Gedichte. Leipzig: Reclam,. 1986, S. 83

Modern

Josef Svatopluk Machar

(* 29. Februar 1864 in Kolín, Österreich-Ungarn; † 17. März 1942 in Prag)

Sonett von der Definition moderner Poesie

Brevier der Tränen, Herrscher, Scherwenzen
Histörchen, neu in Strophen verwahrt
und Großmauls ausgedroschne Sentenzen
im Bühnenschritt auf Kothurnenart

auch Satane, verkommene Teufelsschwänze
seit eh und je uns aufgepackt
polierte Worte auf Reimkredenzen
schwindelnde Bilder und Verskatarakt

bestimmen sie nicht. Was ist Poesie?
Wüßte mans, es hätten schon lange
die Praktiker ihr Fabriken gemauert.

Wir ahnen sie, in uns, um uns im Schwange
wenn groß sie atmet und dauert
Herz und Kopf berauscht sind durch sie…

Deutsch von Richard Pietraß

Aus: Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u.m.e. Nachwort von Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. München, Zürich: Piper, 1994, S.148

wir brauchen eine neue lyrik

Jan Faktor

wir brauchen eine neue lyrik (auszug)

jan faktor: aus: wir brauchen eine neue lyrik (erste von sechs seiten)

Aus: Figuren & Capriccios. Hrsg. Jörn Luther u. Jürgen M. Paasch im Auftrag des Literaturbüros Thüringen e.V. Verlag: Krash Verlag, Köln / Berlin / Weimar, 1995

Volk des Reims

Jóhannes úr Kötlum

(1899-1972)

Ein Volk des Reims

Mein Land – das war ein Einsiedler im Meer
des kühlen und blaufunkelnden Nordens:
dort dröhnte sprühweiße Brandung
an Felsenkanten und endlosen Sanden.

Und mein Volk war die Hulda im Tal
die hinaus in die rätselhafte Ferne starrte
mit eiskalten Bergen im Rücken
und brennenden Vulkanen davor.

Zur Sonnenwende verfinsterte sich das All
– da dichtete sie, umgeben von Dunkelheit
sich mit solchem Zaubersturm zu versöhnen
und kämpfte königlich mit dem Tod.

Ins wertvollste Versmaß, wasserdicht und geflickt
setzte sie ihren von Schmerz gepeinigten Ehrgeiz
im Stabreim spaltete sie ihre Sehnsucht
mit dem Hauptstab ging sie ihrer Arbeit nach.

Je weniger es gibt auf dem Teller
desto teurer das Versmaß der Sprache:
mit den Funken von Eddas Glut
schmiedete sie aus der Fessel den Schlüssel.

Übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Aus: Isländische Lyrik. Hrsg. Silja Aðalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason u. Björn Kozempel. Berlin: Insel, 2011, S. 101. Das Original erschien 1955, die Übersetzung zuerst im Islandheft der horen: Bei betagten Schiffen. Islands „Atomdichter“, hrsg. Eysteinn Þorvaldsson u. Wolfgang Schiffer, die horen 242, 2011

Zum Gedichte

Eysteinn Ásgrímsson

(isländischer Mönch und Dichter, * ca. 1310, † 14. März 1360; od. 1361?)

Aus: Die Lilie

98.

Wer ein schwierig Maß will wählen,
Muß sich zum Gedichte quälen
Alte Worte, kaum zu zählen;
Schwer wird’s dann, den Sinn zu stehlen.
Hier kann Einsicht keinem fehlen,
Wort und Sinn sich leicht vermählen,
Will dem Lied, um nichts zu hehlen,
„Lilie“ noch als Namen wählen.

Übersetzt von Alexander Baumgartner. Aus: Isländische Lyrik. Hrsg. Silja Aðalsteinsdóttir, Jón Bjarni Atlason u. Björn Kozempel. Berlin: Insel, 2011, S. 25

Utopia

GÜNTER KUNERT

Minus

Langsam
verlieren wir das Bewußtsein
von unseren Verlusten
und so leiden wir
an Knappheit keinen Mangel.

Aus: Unterwegs nach Utopia, Hanser 1977

In der gleichnamigen DDR-Ausgabe, Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1980, fehlt das Gedicht. Wenn Sie die besitzen, fügen Sie es einfach zwischen den Seiten 9 und 10 ein, so:

Kurz nach Erscheinen der Westausgabe (die eigentlich eine Lizenzausgabe des DDR-Verlages war) schickte mir ein dänischer Bekannter (hallo Nils!) das Buch. Es kam nicht an, dafür ein Brief vom „Zollamt“ der DDR, der mir mitteilte, dass ein „nicht einfuhrfähiges“ Buch leider an den Absender zurückgeschickt werden müsse (sagt meine Erinnerung, vielleicht auch „einbehalten“?). Ich hatte die Chuzpe, dem Amt zu antworten, dass mir bekannt sei, dass das Buch auch beim Aufbau-Verlag erscheinen werde (ich hatte die Ankündigung im „Vorankündigungsdienst“ des DDR-Buchhandels-Börsenblattes gelesen, gab es wirklich!)*. Das Amt antwortete: Meine Aussage, dass es auch in der DDR erscheinen würde, habe sich nicht bestätigt. Kunststück, die Zensur zögerte es noch bis 1980 hinaus. Ich setzte mich später mit meiner Ostausgabe in den Lesesaal der Deutschen Bücherei in Leipzig und verglich die Ausgaben. Fünf Gedichte der Hanserausgabe fehlten mir, ich schrieb sie mir ab und legte sie ins Buch, so ging es manchmal. Auch die Anzeige aus dem DDR-Börsenblatt liegt im Buch. Meine Adresse steht drauf: also habe ich es in einer Buchhandlung bestellt und dann auch bekommen, gekürzt halt. Statt „Etwa 120 S.“ waren es nur 108.

*) Hier trügt meine Erinnerung, wie das zweite Bild beweist. Die Anzeige erschien erst im VD 42/79, also 42. Woche 1979 (dann dauerte es noch einmal bis 1980, bis es wirklich erschien). Das ist auch schlüssig: hätte ich bei meinem Briefwechsel mit dem Zollamt über die Anzeige verfügt, hätte ich sie sicher als Beleg beigefügt. Jedenfalls wenn ich sie nicht schon beim Buchhandel zur Bestellung abgegeben gehabt hätte. (Ja, auch Gedichtbände waren damals Mangelware, und wer den VD hatte, war im Vorteil!). Sehr wahrscheinlich hatte ich also von der Ankündigung schon zuvor im Prospekt des Aufbau-Verlags gelesen.

Lob des Umlauts

Jürgen Rennert

GEBURT, LOB, BESCHWÖRUNG

I
Geburt des Souveräns

Der Souverän muß noch geboren werden,
Der souverän genug ist zuzulassen,
Daß welche sind, die die Beschwerden,
Die er verursacht, wörtlich fassen.

O welch ein Zufall! eben höre
Ich, daß wir einen solchen hätten.
Im Konjunktiv? Mein Gott, ich schwöre:
Nichts weiß ich von subtilen Ketten!

II
Lob des Umlauts

Nicht weiß ich von subtilen Kreuzen!
Umlautend läutern sich Epochen:
Aus nau wird neu, aus bau wird beutzen,
Und was gebraucht wird, wird gebrochen.

Austausch? Enttäuschung. Kater-Verse
Auf Katastrophen. Bittre Dünnung
Statt bittrer Dichtung. Kontroverse
Privilegiertheit eint die Innung.

III
Beschwörung des Verlegers

Ich bitte um ein Extra-Honorar für diese
Acht Verse, die honorig schweigen.
(Die viermal vier zuvor sind nichts als miese
Verleumdung, wie nun die vier zeigen:)

Hier leidet niemand. Keinen dauert,
Daß ihm mißtraut wird bis zum Ende
Der Brauchbarkeit. Der Feind ummauert
Mit unsrem Schutzwall das Gelände.

(1. – 7. Februar 1986)

Mehr

5 antiklassische Epigramme

Friedrich Hölderlin schreibt sich frei vom einengenden Einfluß der Klassiker, vor allem des verehrten Friedrich Schiller. Vermutlich Mitte Oktober 1797 entstehen fünf Epigramme, die hier in der Fassung der jeweils ersten Niederschrift wiedergegeben werden.

Guter Rath.

Hast du Verstand und ein Herz, so zeige nur eines von beiden,
   Beides verdammen sie dir, zeigest du beides zugleich.
Advocatus Diaboli.

Tief ist im Herzen verhaßt mir die Rotte der Herren und Pfaffen,
   Aber noch mehr das Genie, macht es gemein sich damit.
Lieben Brüder! versucht es nur nicht, was Groß[es] zu finden,
   Ehrt das Schicksal und tragts, Stümper auf Erden zu seyn;
Denn ist einmal der Kopf voran, so folget der Schweif auch
   Und die klassische Zeit deutscher Poëten ist aus.
Die beschreibende Poësie.  

Ist ein Zeitungsschreiber Apoll?
Fürchtet das Alter nicht, ihr Dichter

Wißt! Apoll ist der Gott der Zeitungsschreiber geworden 
   Und sein Mann ist, wer ihm treulich das Faktum erzählt.
Falsche Popularität.

O der Menschenkenner! er macht stellt sich kindisch mit Kindern
   Aber der Baum und das Kind suchet, was über ihm ist.

Nach: Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe. Band 6: Elegien und Epigramme. Hrsg. D.E. Sattler. Darmstadt u. Neuwied: Luchterhand, 1979, S. 44f

Was zu beweisen war

Martina Kieninger

Elternverwirrbuch

Heisenberg, das unbestimmte Bimmelschaf hat eine Bimmel um, es heißt das Bimmelschaf darum
und wenn die Bimmel bimmelt weiß das Schaf Heisenberg immer, wo es ist.
Nämlich da, wo die Bimmel bimmelt.
Wartet, ich geb euch ein Beispiel:
Wenn die Bimmel auf der Wiese bimmelt, weiß das Schaf, wo die Wiese ist nämlich dort, wo das Schaf steht, an dem die Bimmel bimmelt.
Daraus ergibt sich logisch:
Wenn die Bimmel nicht bimmelt, könnte das Schaf genausogut auf der Straße sein oder im Wald.
doch sobald die Bimmel bimmelt, weiss das Schaf, dass es auf der Wiese steht oder auf der Straße oder im Wald.
Dort klingelt es, da steht es bimmelnd.
Das genügt dem Schaf zur vorläufigen Information.
Was zu beweisen war.

http://autoren.hor.de/kieninger/