Neopathetisch

Heute vor 805 Jahren eroberte Tschingis Khan Peking. Vor 110 Jahren fand in Berlin der erste Abend des „Neopathetischen Cabarets statt, geleitet von Jacob van Hoddis. Vor 51 Jahren lagen Yoko Ono und John Lennon in Montreal in einem Bett und spielten das Lied „Give peace a chance“ dazu. Und vor genau 30 Jahren wurde Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz.

Das Lyrikzeitung-Gedicht zum #Expressionismusjahr2020 gilt heute dem Neopathetischen Cabaret. Ausnahmsweise mit etwas Information zuvor. Ich entnehme sie dem Begleitband zur Ausstellung „all meine pfade rangen mit der nacht. jakob van hoddis 1887-1942“, erschienen 2001 bei Stroemfeld.

Die Zeit schwieg jede Ausnahmeregung tot. Erwin Loewenson über den Neuen Club (1958)

Bei Erinnerungen an Jakob van Hoddis fallen einem zuerst die Bestrebungen des „Neuen Club“ ein (von 1909 bis ’14), die im „Neopathetischen Cabaret“ verkündet und mit Beispielen vorgeführt wurden. (…) Daß die zurückhaltenden deutschen Intellektuellen den Mut hatten, den Futurismus, Kubismus, Expressionismus, den Dadaismus, den Surrealismus und Existenzialismus sich überhaupt gefallen zu lassen, das verdanken sie nicht erst den Erlebnissen der Weltkriege, sondern schon dem Wirbel, den die sogenannten Neopathetiker hervorgerufen hatten unter den schlagfertigen Geistern von Berlin, und denen, die aus München, Prag, Wien herbeieilten. Aber auch diese Wirkungen nach außen waren noch allzu einseitig. Worauf das neuartige Pathos hinauslief, das läßt sich mit einem Satz von Hegel umschreiben, mit dem wahrsten Wort, das er ausgesprochen: „Sind die Vorstellungen erst einmal revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand.“

Nichts Geringeres als ein Umbau der Wirklichkeit aufgrund einer Transformation der allgemeinen Vorstellungswelt war das Endziel, das dem Kern des Neuen Club vorschwebte mit dem harmlos-vergnüglichen Neopathetischen Cabaret, mit dem man zunächst tatkräftige „Intensivierungszentren“ auf allen Lebensgebieten, theoretischen wie praktischen, zu provozieren gedachte. Neuartiges Pathos – das hieß ihnen: vitalisierender Weltaspekt. Freilich kein in sich abgesonderter, sich selbst genießender, sondern ein solcher, der eine sinnvolle Einung von Denken, Fühlen, Wollen und Handeln hervorbringt, – jedem diejenige Einung, die sich von der konkreten Umweltnähe dem Subjekt als eine jeweils besondere „Aufgabe“ stellt.

Aber wie dies „Pathos“ für den einzelnen eine wiedergekehrte und neue Art der Belebung geworden war, nach den durchrittenen Epochen von phlegmatisch und stumm machender Skepsis und von indifferentem Ästhetizimus, so sollte es auch als eine Regenerationsbewegung in die Gegenwart eingreifen, die ja an beidem bis zur Selbsterdrosselung jeder Eigenaktivität lahm war. Mit den Resten ihrer Lebendigkeit schwieg die Zeit jede Ausnahmeregung tot, die ihr hätte helfen können: wertlos gewordenes Leben fällt ja immer über sich selbst her. In den Zuständen dieser rapiden Abbauepoche empfand dieser Kreis bereits 1912, daß man mitten in einer „Sintflut-Ara“ steckte. Aber er ließ sich nicht davon düpieren.

Wie in einem Laboratorium des Geistes stellte er Überlegungen an, die sich als Vorarbeiten für diejenige Lebenserfassung bezeichnen ließen, aus der eine neue, kulturfähige Sozialität hervor gehen könnte. Das wäre das notorische Unternehmen rebellischer Jugend gewesen, wäre man nicht so überlegt, ja allzu gewissenhaft vorgegangen. Mannigfache Lösungen des gleichen Problems wurden daraufhin untersucht, was sie für die Regenerationsbewegung leisten, wie sie sich ihr in die Quere stellen könnten; bis zu „letzten Kriterien“ und „obersten Werten“ suchte man sie durchzuführen, die ihrerseits wieder in eine Gesamtsynthese aller Lebensgebiete (und nicht etwa nur der wissenschaftlich anerkannten) einmünden mußten. An zahllosen Beispielen und Gegenbeispielen wurde jede Konfrontation von Themen erprobt und erhärtet – in den internen Sitzungen des Clubs und noch eingehender in mehrfachen Kombinationen täglichen freundschaftlich-privaten Verkehrs. Noch nie zuvor hat ein „Kollektiv“ sich mit so unermüdlichem, heiter-verbissenem Ernst durch die einschläfernden Nebelschwaden ihrer gegenwärtigen Geschichtssituation durchgearbeitet. Trockene Abstraktheit allein hätte das nicht vermocht; flammendes Temperament, Realitätsphantasie und Humor waren die beflügelnden Helfer. Sie proklamierte man auch als die charakteristischen Ingredienzen des „Neopathos“. Daher konnten die ausgesprochenen Künstler- und Dichternaturen an diesen Debatten teilnehmen. Das Neopathos unterschied sich von der steifen, gravitätischen Verhaltenheit (etwa der Georgeschule) und von der vornehmtuenden Apathie ebenso wie von hohltönender, inhaltssturer „Pathetik“.“

(A.a.O. S. 56f)

Erwin Loewenson an Erich Unger (Berlin, 6. Januar 1910)

Von Hans dem Hoddissohn habe ich Dich gestern früh grüßen sollen; dafolgedessen hab ich Mittwoch ihn selbst von dir selbst gegrüßt. (…)- Und ich unterhielt mich, Dienstag um zwei, mit David van über das Problem der Blätter für die Dekadenz. Und er fragte, ob es möglich sei, sich unbewußt physisch zu autohypnotisieren, da.man alles (d.h.) kann. Und sagte, ihm ist so, als ob Menschen leben, die so etwas wissen. Worauf ich sagte, daß. Goldberg, Unger und ich dies wüßten. Und er mich inständig bat, ihn davon wissen zu lassen. Und ich ihm sagte, daß die Ausdrucksmöglichkeiten sowohl allgemein als auch besonders zwischen uns beiden dürftige wären. Dann soll ich wenigstens Andeutungen machen, er brauche sie ja nicht zu verstehen. Und er bat mich inständig, Andeutungen zu machen und zu tippen. Und er könne nicht warten, da es eile, in bezug auf sein Drama. (Potsdamerstraße zwischen Platz und Brücke) (vor Astoria). Und ich solle ihm nur die (praktische) Methode sagen, und das Mechanische, – die Ursachen und Zusammenhänge sind infolgedessen weniger wichtig, weil es praktisch eilt. Ich sagte ihm, daß es für Leute wie ihn selbst zur Methode gehört, daß sie das Theoretische wissen, da jedwede Skepsis über diesen Punkt die praktische Anwendung der Methode unmöglich macht. Um aber über diese Dinge Klarheit und Ausdrucksmöglichkeit zu erlangen, sind viele Experimente nötig, da nur an ihnen analysiert werden kann. -–Er sagte noch, er sei ein positver Skeptiker, d. h. einer, der alles für möglich hält. Ich erklärte ihm, daß „Mystik“ eine Folge der „Skepsis“ sei (sein könne!). Je mehr man an der Erkenntnisfähigkeit zweifelt, um so mehr Spielraum räumt man den Möglichkeiten des Existierenden ein. Je mehr man das Subjekt aufhebt, um so mehr setzt man damit das Objekt! Die größte Skepsis ist notwendig, die größte Mystik. (Davidsohn war neulich sehr gescheit.)

(A.a.O. S. 63f)

Erwin Loewenson an Erich Unger (Berlin, 22. Januar 1910)

Ja van Hoddiskop will ein Drama schreiben, so, daß im 1. Akt alle Zuschauer anfangen, gegenseitig zu koitieren im Finstern. Und daß im 2. Akt jeder Zuschauer stirbt, der andrer Meinung ist als der vorgetragenen (wegen wechselhafter Verdrängungen); er dichtet nur noch wissenschaftlich, sagt er, auf Verdrängungen-Verschiebung hin. Man wird später alle Krankheiten (Magenbeschwerden usw.) auf diese Weise heilen können, oder hervorbringen, sagt er.

(A.a.O. S. 64)

Erwin Loewenson an Erich Unger (Berlin, 7./8. März 1910)

Der Neue Club hat sich gottseidank so niveauhoch entwickelt, daß wenn Einer etwa sagt: „die Freude an der Form“ (oder sowas), daß dann der Leiter van Hoddis wütend mit der Hand auf den Tisch schlägt und ruft: „Antisemitische Äußerungen lasse ich hier nicht zu!!“

(A.a.O. S. 65)

Das genügt zur Einstimmung. Jetzt ein Gedicht.

Jakob van Hoddis

Kinematograph

Der Saal wird dunkel. Und wir sehn die Schnellen
Der Ganga, Palmen, Tempel auch des Brahma,
Ein lautlos tobendes Familiendrama
Mit Lebemännern dann und Maskenbällen.

Man zückt Revolver, Eifersucht wird rege,
Herr Piefke duelliert sich ohne Kopf.
Dann zeigt man uns mit Kiepe und mit Kropf
Die Älplerin auf mächtig steilem Wege.

Es zieht ihr Pfad sich bald durch Lärchenwälder,
Bald krümmt er sich und dräuend steigt die schiefe
Felswand empor. Die Aussicht in der Tiefe
Beleben Kühe und Kartoffelfelder.

Und in den dunklen Raum – mir ins Gesicht –
Flirrt das hinein, entsetzlich! nach der Reihe!
Die Bogenlampe zischt zum Schluß nach Licht –
Wir schieben geil und gähnend uns ins Freie.

(A.a.O. S. 71)

Breites Sonett

Der heutige Text ist genau, was die Überschrift verspricht: ein „unregelmäßiges Sonett“. Von heute gesehen erscheint er eigentlich ziemlich regelmäßig, nur dass es etwas breit aussieht… und 3 der 14 Verse schon optisch als noch einmal verlängert in die Augen stechen. Es ist sonst fast ein strenges Sonett mit Jambus und Reimverschränkung, nur etwas in die Breite gezogen. Das kann man überprüfen, es schadet dem Gedicht nicht, ja die Überschrift fordert gerade, dass wir nachmessen sollen. Jetzt wissen wir’s. Und nun ein Gedicht von

Friedrich Glauser

(* 4. Februar 1896 in Wien, Österreich-Ungarn; † 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua)

Unregelmäßiges Sonett

Von Unterlassungssünde klagen nun die leeren Tage,
die gelbe Sterbestunde schreitet auf der Leiter
und nächtlich tönen sanfte Bäume; doch der
                                       schwarze Reiter
riet mir (war's nicht die goldne Schlange?) Leid zu tragen.

Gelbgrünes Licht umdunkelt schattig schweres Auge,
dein Blumenkleid trägt Staub und welk ward seine Weiße.
Wen soll ich in der Fülle fragen, wie zuletzt ich heiße
und ob das Licht zurückkehrt, endlich, aus
                                      verfaulter Lauge?

Wir beten zu entsetzten Leichen ... Doch die Dämmerung
verläßt den leeren Himmel, gleitet sanft hernieder:
Ein purpurdunkles Wort legt Schlaf auf starre Lider.

Ihr Schleier deckt erloschne Sonne in der Niederung.
Die Hoffnung wächst, sie ist nicht Neid. Und
                                        endlich wieder
reckt bleiche Statue aus Tanagra marmorne Glieder.

Aus: Versensporn 49: Friedrich Glauser. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2020, S. 8

Claire an Ivan

Claire Goll

(* 29. Oktober 1890 in Nürnberg; † 30. Mai 1977 in Paris)

Ich erwarte unsren Tod
Wie ein Kind seine Ferien:

Wir werden ein Zwillingsgrab haben
Dein Regen wird der meine sein
Ein gleiches Klima wird unsre Herzen
Erblühen machen
Im vergoldeten Korb unsrer Rippen
Dasselbe Lächeln wird unsre Schädel zieren
Nie wieder werd ich allein
Sterne und Vögel hören müssen
Und die violetten Seufzer
Aus den Mäulchen der Orchideen
Niemand mehr wird unser Stelldichein stören!

Ich erwarte unsren Tod
Wie ein Kind seine Ferien

Aus: Ivan und Claire Goll: Zehntausend Morgenröten. Gedichte einer Liebe. Mit 4 Zeichnungen von Marc Chagall. Wiesbaden: Limes, 1954, S. 67

Noch

Ingeborg Bachmann

(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)

VERZICHT

Meine Haut trägt noch einen Atem,
meine Hand hält noch sein Geschlecht
mein Mund wölbt sich noch über Mitternacht
mein Begehr bist noch du
Was ist mein Begehr, wenn nicht du!

Ach wie gut, daß niemand weiß,
willst du mich elend machen,
so fang wieder an.

Aus: Poesiealbum 350: Ingeborg Bachmann. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2019, S. 27

Als sie

Alfred Grünewald

(* 17. März 1884 in Wien; † 9. September 1942 in Auschwitz)

Geheimnis

Als sie mich fragten, woher ich kam,
verriet ich keinem, von dir.
Und als sie mir sagten: »Du glühst wie in Scham«,
kühlt ich die Wangen mir.
Und als sie staunten: »Was macht dich so froh?«
tat ich dem Lächeln Gewalt.
Doch als sie raunten: »Was zitterst du so?«
sprach ich: »Die Nacht kommt bald.«

Aus: Poesiealbum 349. Alfred Grünewald. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2019, S. 4

Stadt

Oskar Kanehl

(* 5. Oktober 1888 in Berlin; † 28. Mai 1929 ebenda)

Die Stadt

I
Wie geile Tiere aneinander gedrängt,
steinerne Kasernen.
Aus einem Dachstuhl
steigt ängstlich und ungehörig
die Sonne.
Aufgespießt von einem Fabrikschornstein
und rußgeschändet
fällt sie zurück.
Maschinenlärmbetäubt
und stauberstickt
starben die Seelen
in Nacht.

II
Menschen wie Madengewimmel.
Ohne Schlaf. Eile! Eile!
Geschäft und Büro und Fabrik.
Hohle höhnende Augen,
brillenverdeckelt.
Fliegende Fleischlappen
an krüppligen Knochengerüsten.
Brustlose Frauen,
in Korsettpanzern hängend.
Schwangere.
Krankheit, Gier und Genuß.
Peststinkendes Elend.
Parfümierte Völlerei.
Verkommende Gotteskinder,
gehätschelte Abraummenschen.
Automobilhupen. Letzter
Schrei eines Überfahrenen.
Auflauf. Polizei.
Radfahrerklingeln.
Schnell vorüber. Ein Toter ist nichts.
Arbeit, Hunger.
Zerpreßte Lippen.
Hunger, Arbeit.
Ein Sperling am Pferdekot.
Geld! – Geld! – Geld!

III
Drehorgel.
zweiter Hof.
Frühe Verdorbenheit.
Mädchengesichter, spitz
und wie blaugewordene Milch;
mit dicken gierigen
Lippen, Blutspur im Schnee.
Knaben, noch schulpflichtig,
zu früh zu Arbeit gehetzt
und Verbrechen.
Drehorgel.
Schieber der Minderjährigen.
Pass auf, du – mir wird
– wenn Mutter kommt …!
Drehorgel
Bettelnder Aufblick.

IV
Auf dem Pflaster, drüber und drunter
eilen geschäftige
Triebwagenwunder.
Brückengewölbe sind wuchtig gespannt
über breite schmutzige Wasser:
eine eroberungskühne menschliche Hand.
Steil in den Himmel
sticht Schlot an Schlot
wie ein Kriegslager gegen Gott.
Zäh und gehärtet in langer Glut
beherrscht ein trotzig Gehirn
Menschenblut.

Aus: Oskar Kanehl: Die Dinge schreien. Gedichte.Greifswald: Wiecker Bote, 2015, S. 12f.

Das Gespenst

Paul Boldt

(* 31. Dezember 1885 in Christfelde, Westpreußen; † 16. März 1921 in Freiburg im Breisgau)

DAS GESPENST

Wie weiß der Sommer ist! Wie Menschenlachen,
Das alle Tage in der Stadt verschwenden.
Häuserspaliere wachsen hoch zu Wänden
Und Wolkenfelsen, die mich kleiner machen.

In tausend Straßen liege ich begraben.
Ich folge dir stets ohne mich zu wenden.
O hielte ich dein Antlitz in den Händen,
Das meine kranken Augen vor sich haben.

Ich küßte es. Es küßte mich im Bette–:
– Versprich, daß du mich morgen nicht mehr kennst!
– Bist du nachts fleischern und ein Taggespenst?

– Du locktest es ins Netz deiner Sonette.
– Junger Polyp, dein Mund ist eine Klette.
– Er wird dich beißen, wenn du ihn so nennst.
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––

Aus: Paul Boldt: Junge Pferde! Junge Pferde! Das Gesamtzwer. Mit einem Vorwort von Peter Härtling. Olten, Freiburg/Br.: Walter, 1979, S. 38

Rotdorn meiner Kinderjahre

Jedes Jahr im Mai fallen mir vier, nein drei Worte der Dichterin Eva Strittmatter ein, jedes Jahr wenn dem Rotdorn das Rot aufgeht, die Worte, es ist ein Vers, vier Trochäen:

Rotdorn meiner Kinderjahre

Jetzt lese ich das Gedicht nach, es ist fast ein wenig enttäuschend, aber der Anfang ist stark. Das muß ein Gedicht erst mal schaffen, mir, der jeden Tag Gedichte liest, jedes Jahr mindestens einmal einzufallen. Es gibt vielleicht ein paar bessere Gedichte von ihr (ich bin kein großer Fan und habe schon StudentInnen gegen mich aufgebracht, weil ich an einem Gedicht, das sie liebten, herumkrittelte). Aber nun: ROTDORN!

Eva Strittmatter

(* 8. Februar 1930 in Neuruppin; † 3. Januar 2011 in Berlin)

Rotdorn

Rotdorn meiner Kinderjahre
Unterm roten Rotdorndach
Bin ich ein und aus gegangen.
Und der Rotdorn ging mir nach.
Roter Rotdorn meiner Kindheit.
Straßenbaum der kleinen Stadt,
Die ich liebte, die mich liebte,
Die mich aufgezogen hat.

Aus: Eva Strittmatter, Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte. Berlin, Weimar: Aufbau, 1973, S. 12.

Rotdorn in der Falladastraße. Foto Gratz

Scribentisch

Zum Tag der kyrillischen Schrift (zumindest wie er in Bulgarien begangen wird) heute etwas nicht von einem bulgarischen Dichter, sondern von einem russischen. Bulgarisch, russisch, deutsch, was ist schon die Herkunft, geschweige die Staatsangehörigkeit, heute entscheidet die SCHRIFT. Valeri Scherstjanoi wurde am 3. September 1950 geboren, WO? Die deutsche Wikipedia sagt: „in Sagiz, Kasachische SSR, Sowjetunion“, die russische: „в советском концлагере в Казахстане“, „in einem sowjetischen Konzlager [russische Abkürzung] in Kasachstan“. Die russische Version sagt noch etwas über die Mutter: dass sie eine „unterdrückte Litauerin“ war (deshalb wohl das Lager).1979 (russische) oder Anfang der 80er (deutsche Wiki) übersiedelte er (deutsch) bzw. emigrierte (russisch) nach Deutschland (russisch) oder in die DDR (deutsch). Er schreibt seine Werke teils russisch, teils deutsch. Der Mündlichkeit (als Lautdichter und Performer) und Schriftlichkeit nach, also in Kernbereichen seiner künstlerischen Arbeit, sind es durchaus russische Laute und Buchstaben..

„Scribentisch“ nennt er einen Teil seiner Arbeit. 1990 erschien ein Buch: „das russische abc – scribentisch“. Schon auf dem Umschlag eine Grafik, ein Bild aus russischen Buchstaben, überwiegend das kyrillische „Alpha und Omega,“ der erste und letzte Buchstabe des russischen Azbuk (Alphabets), a und ja.

Das russische Alphabet wurde 1918 von 35 auf 32 Buchstaben reduziert – die emigrierten Schriftsteller wie Marina Zwetajewa oder Wladislaw Chodassewitsch benutzten also noch andere Buchstaben. Ein kirchenslawisches Wörterbuch von 1880 spricht sogar von 38-44 Buchstaben, einige davon hatten Zahlenwerte. Scherstjanoi verwendet für seine Scribentismen die alten Wörterbücher, aber auch die „Sternensprache“ des futuristischen Dichters Welemir Chlebnikow“ sowie „die pädagogischen ausarbeitungen von lev tolstoi, als er seine Bauernkinder unterrichtete“.

 

Hier eine Übung in Linksschreibung – sein großer Anreger Carlfriedrich Claus im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz nutzte bewußt die Energie, die entsteht, wenn ein Rechtshänder mit links schreibt.

Hier etwas über die zwei Buchstaben a und ja, zuerst in einer poetologischen oder poetischen Skizze aus diesem Buch, hier ist das Schriftbild wichtig, gebildet aus Schreibmaschine und Handschrift.

A und B sind die ersten zwei Buchstaben wie im Lateinischen, man spricht das wie As (stimmhaftes s) und Buka. As aber ist „ich“, und das russische Wort für ich besteht aus dem letzten Buchstaben des Asbuk, dem „Ja“, geschrieben wie ein spiegelverkehrtes großes R. Die drei Buchstaben für a, s stimmhaft und ja finden sich vielfach auf dem Titelbild.

Aus der Kombination az und ja aber entsteht das Wort „Asija“, Asien. Sehen Sie selbst:

Alle Schriftbilder aus: valeri scherstjanoi: das russische abc – scribentisch, Rothenberg: Gertraud Scholz Verlag, 1990.

Kleine Auswahl weiterer Bücher des Autors:

  • laute hören bilder zeichnen. gertraud scholz verlag 1991
  • Tango mit Kühen. Anthologie der russischen Lautpoesie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wien: edition selene, 1998
  • lauter scherben. Texte Zeichnungen Chronik. Books on Demand Norderstedt, 2008
  • Mein Futurismus. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. Berlin: Matthes & Seitz, 2011
  • Alexei Krutschonych „Phonetik des Theaters“. Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Valeri Scherstjanoi.. Leipzig: Reinecke & Voß, 2011
  • partitions scribentiques. hochroth Paris 2013

Wir

Max Herrmann-Neiße

(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)

Unserer Ohnmacht Grabgesang

Ob wir auch zürnen — wir vermögen nichts!
Und keine Schindel fällt um uns vom Dache;
wenn ich auch noch so spöttisch ihrer lache
und nehme sie zu Narren des Gedichts:

Sie ordnen mich wie eine fremde Sache
kühl in die Kästen ihres Weltgerichts,
sie zählen meines herben Angesichts
jedwedes Zucken in geheimer Rache.

Ob wir auch zürnen – wir sind stets besiegt!
Sie sielen sich gesättigter im Seichten
mit Glatzen, die der Henkersruhm beglänzte.

Wenn unser Leben unter Leid erliegt
und keucht in Krämpfen nach dem Nie-Erreichten,
so prangen unverwüstlich ihre Wänste.

In: Max Herrmann-Neiße, Schattenhafte Lockung. Gedichte 3. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1990 (2. Aufl.), S. 191

Mund ob Mund

Johannes R. Becher

(* 22. Mai 1891 in München; † 11. Oktober 1958 in Ost-Berlin)

MUND OB MUND

Mund ob Mund –
Deine Hand auf meiner Stirn –:
Geliebte was fiel noch schwer?!

Frieden wär.
Und Völker Umarmende sich.
Heiliger Bund.
Unsere Menschenschritte klirrten sehr.

Nichts das unmöglich wär.
Geliebteste in unserem Leib
Berg schwingt, glänzt Meer.
Der Mensch erblüht.
O Mann! O Weib!

Mit Eroberer-Fäusten stieß ich Stern auf Erden nieder.
So klebte nimmer Erde schwer.
Mit Eroberer-Fäusten Himmel erdennieder.
Da erschwebten selbst die Ärmsten, körperleer.

Landschaften, Paradiese kreisten.

Kaleidoskop. Und klar Gehirn.
Nichts das unmöglich wär.
Glück den Schwachen und Verwaisten.

Wie tönt ein Hund …

Mund ob Mund…

Mit Eroberer-Fäusten —

Deine Hand auf meiner Stirn.

Aus: Gedichte um Lotte

Aus: Becher und die Insel. Briefe und Dichtungen 1916-1954. Hrsg. Rolf Harder und Ilse Siebert. Leipzig: Insel, 1981, S. 172

„Dichtung der Naturvölker!“

Zum Welttag der kulturellen Vielfalt zwei Gedichte aus einer Sammlung, die im Sprachgebrauch der Zeit „Dichtungen der Naturvölker“ hieß. Terminologisch und begrifflich sozusagen nicht auf der „Höhe“ unserer Zeit, aber wieviel Material! Was für ein Entdecker- und Sammlergeist. Aus der Einleitung:

Zu den wenigen Gebieten der künstlerischen Weltproduktion, die bisher nur sehr selten beachtet worden sind, gehört die Dichtung der Naturvölker. Ganz im Gegensatz zur Plastik der Primitiven. Eine seltsame Laune des Schicksals hatte im Laufe der letzten Generationen der naturvölkischen Schnitzkunst einen starken Einfluß auf manche europäischen Maler und Plastiker eingeräumt. Und so sind denn auch weite Gebiete der figürlichen Plastik Afrikas, Ozeaniens, Amerikas mehr oder weniger eingehend untersucht worden. Nicht so die Dichtung der Naturvölker!
Dennoch ist die poetische Begabung der Naturvölker keineswegs geringer als ihr plastisches Talent. Wer die Gesänge und Gedichte der Primitiven kennt, ist vielleicht sogar geneigt, die Dokumente ihrer dichterischen Phantasie höher als die ihrer plastischen Schöpferkraft zu stellen. Freilich scheinen hier in der Plastik letzte Formulierungen, endgültige Prägungen geleistet zu sein, während die dichterische Produktion nicht so unmittelbar zu genießen und zu bewerten ist.
Gleichwohl: auch in dem Gebiet der lyrischen Dichtung hat der Naturmensch Werke geschaffen, mit denen er sich kühn in die Reihe der großen Lyriker stellen kann. Hier ist ihm eindeutiger als sonst der große Wurf gelungen, durch den sich jeder wahrhaft produktive Geist als solcher legitimiert: die Grenzen der Rasse, der Sprache, des Erdteils sind übersprungen, und mit begeistertem Wort findet er Gedanken und formuliert er Gefühle, die zum Innersten des Allmenschlichen gehören. Frömmigkeit, Liebe, Krieg und ihr tragisch dunkler Gegenspieler: Trauer und Schmerz, sie alle finden ihren Ausdruck.

KALTES HERZ
MODERNES LIED AUS HAWAII, SÜDSEE

Liebessehnsucht treibt mich zu dir,
Herz so kalt, so kalt!
Ganz erfroren bin ich
Durch die beißende Kälte.

Wie bitter kalt der Regen,
Bitter kalt der Strom, —
Ganz und gar durchfröstelt
Durch die beißende Kälte.

Woran denkst du, sprich?
Sollten du und ich
Uns nicht in die Arme schließen,
Um die Kälte abzuhalten?

Nach Nathaniel B. Emerson: „Unwritten literature of Hawaii“, im Smithson. Inst. Bur. Am.
Ethn., Bull. 38; Washington, 1909; S. 163.
Aus: Dichtungen der Naturvölker. Religiöse, magische und profane Lyrik. Gesammelt, gesichtet und in deutscher Sprache herausgegeben von Eckart v. Sydow. Wien: Phaidon, , 1935, S. 125

DER GOTTGLEICHE EUROPÄER
CAMMA, GABUN, WEST-AFRIKA

Im blauen Palast des tiefen Meeres
Wohnt ein seltsames Wesen.
Seine Haut ist weiß wie Salz,
Sein Haar lang und geflochten wie Seegras.
Es ist größer als die Fürsten der Erde.
Sein Kleid ist wie das von Fischen,
Fischen, die reizvoller sind als Vögel.
Sein Haus ist errichtet aus Messingstäben.
Sein Garten ist ein Wald von Tabakpflanzen.
Auf seinem Land sind weiße Perlen ausgestreut,
Wie Sandkörner auf dem Meeresstrand.

Nach W. W. Reade: „Savage Africa“, London, 1863; S. 228.
Aus: Ebd. S. l80.

Ich bin wie ein Baum in Blüte

Otokar Březina

(* 13. September 1868 in Počátky, Österreich-Ungarn; † 25. März 1929 in Jaroměřice nad Rokytnou)

Ich bin wie ein Baum in Blüte…

Ich bin wie ein Baum in Blüte, tönend von Bienen, Insekten: Lachen und Ruh;
Blut: Aufgang der Sonne, Tag badet verjüngt im feurigen Schein;
in den Korridoren des Lichts habe ich Düfte gebreitet für meiner Liebhaber Schuh‘
und in den Schoß der Frauen warf ich das Geheimnis der Nächte hinein.

Doch eifersüchtig, wenn ich nachts, matt von der Lenze Umatmung, im Schlummer denk’,
will ich nicht, daß du meine ätherischen Schwestern begehrst, die dich locken zum Tanz:
in Jahrtausenden häuft‘ ich Schätze, ein Königsgeschenk,
und jenen, die nichts zu fordern verstehen, geb’ ich es ganz.

Für sie ist die Grausamkeit meiner Liebe,
Ermattens Grabesnacht,
meiner Blicke Tiefe, so seltsam
wie Sternenbilder entfacht,
Kelch meiner Sekunden, wo der Ewigkeit Licht
wie Blut sicb ergießt,
und der Küsse Taumel
böse und süß.

Bin nicht wie die Schwestern: ewige Nacht
breitet sich rot hinter meinen Träumen aus,
mit der Hochzeitsfackel ob der Liebenden Haupt
anzünd’ ich das Haus:
Mit feuriger Sichel schnitt ich die Blüten, gesät von mir,
mit Flammen verjag’ ich, den ich lockte, der Vögel Zug;
doch die Seelen, harrend seit Jahrhunderten, kommen aus geheimnisvoller Nacht heran,
in tötlicber Stille auf rauschender Bahn,
ätherischer Falter funkelnder Flug,
die Fackeln umkreisend, entzündet von mir
um der Erde feurigen Bug.

Sklavin des Ewigen, Fürstin des Wahns, ich kenne der Masse tieferen Klang,
erster Sonne Pracht, Wolke des Tages, der sinkt;
ein Tränenstrom netzt meine herrlichen Wangen, entfließend der Wimper, die in Wollust sank,
in meinem Weinen spiegelt sich das Kreisen der Sterne, Musik der Nacbt in ihm sich aufschwingt:
denn Fluch der geheimen Schuld und die Zeit schluchzt in meinem Lachen bang
und in meinem, vom Lachen des Lichtes tränenden Weinen
Hoffnung der Wiederkehr klingt.

In: Ottokar [sic] Březina , Hymnen, Leipzig: Kurt Wolff, 1913, S. 13f. Nachdruck in: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Neu herausgegeben u.m.e. dokumentarischen Anhang versehen von Heinz Schöffler. Frankfurt/Main: Scheffler, 1970, S. 34Sf

Hinter dem Sternenkopfe des Kometen

Heute vor 110 Jahren, 1910: Die Erde durchquert den Schweif des Halleyschen Kometen. Kurz zuvor hatten Astronomen darin das giftige Gas Dicyan entdeckt. »In Chicago dichteten Menschen Tür- und Fensterritzen mit Lappen ab. Aus Konstantinopel wurde berichtet, Tausende hätten in Nachthemden auf ihren Hausdächern gestanden. […] US-Kirchen hielten Gottesdienste rund um die Uhr ab, um das Schlimmste abzuwenden.« (Die Zeit 05-2010) »Während die wissenschaftlichen Beobachtungen, soweit heute bekannt wurde, meist nur negative Ergebnisse lieferten, hat das Volk besonders in den großen Städten den Durchgang in seiner Weise gefeiert, wobei Trinken und Skandal die Hauptsache waren […]« Sirius, Zeitschrift für populäre Astronomie, Juni 1910, S. 129.

Natürlich fand der Komet auch in Gedichte. Hier bei

Paul Boldt

(* 31. Dezember 1885 in Christfelde, Westpreußen; † 16. März 1921 in Freiburg im Breisgau)

Der Schnellzug

Es sprang am Walde auf in panischem Schrecke,
Die gelben Augen in die Nacht geschlagen. –
Die Weiche lärmt vom Hammerschlag der Wagen
Voll blanken Lärms, indes sie fern schon jagen

Im blinden Walde, lauert an der Strecke
Die Kurve wach. Es schwanken die Verdecke.
Wie Schneesturm rennt der D-Zug durch die Ecke,
Und tänzelnd wiegen sich die schweren Wagen.

Der Nebel liegt, ein Lava, auf den Städten
Und färbt den Herbsttag grün. Auf weiter Reise
Wandert der Zug entlang den Kupferdrähten.

Der Führer fühlt den Schlag der Triebradkreise
Hinter dem Sternenkopfe des Kometen,
Der zischend hinfällt über das Geleise.

In: Paul Boldt, Junge Pferde! Junge Pferde! Das Gesamtwerk. Lyrik, Prosa, Dokumente. Olten: Walter, 1979, S. 30. Erstveröffentlichung: Die Aktion Bd. 2, Jg. 1912, Nr. 45 (6. Nov.)

Auch ein Galgenlied

Jakob van Hoddis

Postskriptum des Magiers:

Galgenlied

Das Ur-Ich und die Ich-Idee
Gingen selbander im grünen Klee:
Die Ichidee fiel hin ins Gras,
Das Ur-Ich wurde vor Schreck ganz blaß.
Da sprach das Ur- zur Ichidee:
»Was wandelst du im grünen Klee?«
Da sprach die Ichidee zum Ur-:
»Ich wandle nur auf deiner Spur.« –
Da, Freunde, hub sich große Not:
Ich schlug mich gegenseitig tot.

Aus: Jakob van Hoddis, Dichtungen und Briefe. Hrsg. u. kommentiert von Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 63