Tausendmal mehr wert

Margarete von Navarra

(auch Margarete von Angoulême, französisch Marguerite de Navarre; * 11. April 1492 in Angoulême; † 21. Dezember 1549 in Odos), Königin von Navarra, kluge Frau und Dichterin

ZEHNZEILER

(an Clément Marot gerichtet)

Wenn die, die Geld Euch liehen, wie Ihr sagtet,
Euch kennen würden so genau wie ich,
Wärt Ihr der Schulden, die zuvor Ihr wagtet,
Nun quitt, ob groß, ob klein, um die Ihr klagtet;
Ihr zahltet mit zehn Versen lediglich,
Wie Ihr sie schreibt, was jede Schuld beglich’
An tausend mal und mehr, auf mein Gewissen!
Denn Geld kann man wohl schätzen nach Gewicht,
Doch (dafür dient mein Wort!) man kann doch nicht
Genug einschätzen Euer schönes Wissen.

Deutsch von Franz von Rexroth

Prosa-Übersetzung von Eva-Maria Schulz-Jander

Wem die, denen Ihr Geld schuldet – wie Ihr sagt – Euch so gut kennen würden, wie ich Euch kenne, dann wärt Ihr frei von den großen und kleinen Schulden, die Ihr in der Vergangenheit gemacht habt, wenn Ihr ihnen einen Zehnzeiler zahlen würdet, so wie den von Euch, der wahrhaftig tausendmal mehr wert ist als das Geld, das Ihr schuldet, bei meiner Ehre; denn Geld kann man nach dem Gewicht schätzen, aber man kann nicht (darauf gebe ich mein Wort) Eure schöne Kunst hoch genug schätzen.

Beides in: Poesie der Welt. Frankreich. Ex Libris Ausgabe. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein (Edition Stichnote), 1985, S. 54f

MARGUERITE DE NAVARRE

DIXAIN

Si ceulx à qui debuez, comme vous dictes,
Vous congnoissoyent comme ie vous congnoys,
Quitte seriez des debtes que vous feistes
Le temps passé, tant grandes que petites,
En leur payant vn dixain toutesfoys
Tel que le vostre, qui vault mieulx mille foys,
Que l’argent deu par vous, en conscience:
Car estimer on peult l’argent au poix,
Mais on ne peult (& i’en donne ma voix)
Assez priser vostre belle science.

In modernisiertem Französisch

(Réponse à Clément Marot)

Si ceux à qui devez, comme vous dites,
Vous connaissaient comme je vous connais,
Quitte seriez des dettes que vous fîtes,
Le temps passé, tant grandes que petites,
En leur payant un dizain toutefois
Tel que le vôtre qui vaut mieux mille fois
Que l’argent dû par vous, en conscience ;
Car estimer on peut l’argent au poids,
Mais on ne peut, – et j’en donne ma voix, –
Assez priser votre belle science.

Zum Geburtstag

Friederike Mayröcker

(* 20. Dezember 1924, heute vor 95 Jahren, in Wien)

Parlando

was für ein Widerspruch denke ich. Nie
so denke ich, wirst du meine schwärmerischen
Vorstellungen.
Hast du je ein Instrument? Tagebücher? frage ich dich
vor dem Aufbruch. Plötzlich
hatte ich eine Menge zu sagen. Meist fürchte ich
dich nicht zu erreichen mit meinem
unsicheren Schweigen.
Trompete, Klavier, (glissando)
Tagebuch, auf einer Fahrt.
Etwas Verdecktes, Unterdrücktes, manchmal
verstehe ich kaum ein Wort von dem was du sagst, mir erklärst,
und ich weisz nicht auf welche Art
dein Denken geschieht.
Aber ich nicke dazu, möchte alles begreifen.
Deine Wasserflut, Beiläufigkeit, unschlüssig
steh ich vor dir, ich weisz nicht war es etwas das ich nur nachts,
im Traum, oder
hast du es mir im Wachen getan? meine
Vorstellung deine Hand zu mir hin, aber eher,
eher habe ich es geträumt du streichst flüchtig meine Brust,
ich will deine Nähe.
Und obwohl ich nur deine Kleider, mit meiner Wange,
habe ich plötzlich das Gefühl von Übertretung :
vielleicht weil so viel Abwehr dich umgibt.
Starr, ausgelöscht, in schrecklicher Nüchternheit,
beklommen. Achtlos mit meinen Schallplatten, Büchern. So
werfe ich alles auf die angeräumte Couch. Wo
schläfst du denn? hast du
Geburtstag? keine
Klavierstücke bitte keine Klavierstücke.
Wahllos
raufe ich Worte, Gedanken. Und merke
ich bin nicht ich selbst wenn du bei mir bist: aber ich lebe
nur auf diese Zeit hin
. Wir hätten
uns auswärts treffen können sagst du. Schreib mir am Morgen
sagst du und wirf es erst abends ein, sagst du wenn ich erzähle
dasz ich dir oft bei Nacht
Briefe schreibe die ich am Morgen zerreisze.
Das Mittagslicht hier ist schön, auch
das Nachmittagslicht. Ein Zwang sich zärtlich
eingeschlossen zu fühlen. Kurzatmig,
euphorisch. In diesem engen Geviert
das immer nur die gleichen Formen zuläszt, einander zu begegnen.
Später im Taxi dein ausgestreckter Arm an meiner
Schulter. In meinen
Ohren betäubendes Rauschen, die
Trittspur der Stunden.

Aus: Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte. 1939-2003. Hrsg. Marcel Beyer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 262f

Gesichtsfeld

Walter Höllerer

(* 19. Dezember 1922 in Sulzbach; † 20. Mai 2003 in Berlin)

Aus: randnummer 5- September 2012, S. 77

Mit Bäumen telefonieren

Martina Kieninger

Aus dem „Elternverwirrbuch“

Mit Bäumen telefonieren

I

Habt ihr schon mal ausprobiert
wie man mit Bäumen telefoniert
dazu braucht Ihr ein imaginäres Telefon und das geht so:
Ihr macht ein Handy aus Euern Händen und sagt hallo.
Bei mir hat es leider nicht funktioniert.
Kann sein dass der Baum mich nicht verstanden hat.
aber jetzt wisst ihr
wie man mit Bäumen telefoniert.

II

Das erzeugt folgende Ausgabe:

Eiche: Ich bin 5 Meter hoch. Mir geht es super. Ich bin 15 Meter hoch.
Schleiche: Mir geht es echt mies. Ich bin 24 Meter hoch.
Weiche: Ich bin ein Tisch. Ich bin 1 Meter hoch.
Handy ist eine Instanz der Klasse „Hund“ und hat zwei Bäume und einen Tisch interviewt.

 

Im Anfang

Der Beginn des biblischen Schöpfungsberichts in modernem Jiddisch

א 1 אין אָנהײב האָט גאָט באַשאַפֿן דעם הימל און די ערד. 2 און די ערד איז געװען װיסט און לײדיק, און פֿינצטערניש איז
 געװען אױפֿן געזיכט פֿון תּהום, און דער גַײסט פֿון גאָט האָט
געשװעבט אױפֿן געזיכט פֿון די װאַסערן.

Deutsche Transkription

in onhejb hot got baschafn dem himl un di erd. un di erd is gewen wist un lejdik, un finzternis is gewen ojfn gesicht fun thom, un der gejst fun got hot geschwebt ojfn gesicht fun di waßern.

Wort-für-Wort-Übelsetzung

Im Anhieb hat Gott geschaffen den Himmel und die Erde. Und die Erde ist gewesen wüst und ledig, und Finsternis ist gewesen auf dem Gesicht vom Abgrund, und der Geist von Gott hat geschwebt auf dem Gesicht der Wasser.

Amerikanische YIVO-Transkription

1 In onheyb hot got bashafn dem himl un di erd.
2 Un di erd iz geven vist un leydik, un fintsternish iz geven oyfn gezikht fun thom, un der gayst fun got hot geshvebt oyfn gezikht fun di vasern.

Deutsche „Einheitsübersetzung“

1 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;
2 die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

Der hebräische Urtext

הָאָֽרֶץ׃ בְּרֵאשִׁ֖ית בָּרָ֣א אֱלֹהִ֑ים אֵ֥ת הַשָּׁמַ֖יִם וְאֵ֥ת הָאָֽרֶץ׃ 1
וְהָאָ֗רֶץ הָיְתָ֥ה תֹ֙הוּ֙ וָבֹ֔הוּ וְחֹ֖שֶׁךְ עַל־פְּנֵ֣י תְהֹ֑ום וְר֣וּחַ אֱלֹהִ֔ים מְרַחֶ֖פֶת עַל־פְּנֵ֥י הַמָּֽיִם׃

Google übersetzt den hebräischen Text

An erster Stelle im Himmel
Und es gibt kein Wunder und keine Dunkelheit über und über dem Himmel

Anderer Versuch (geht doch – wenn man die Verse getrennt übersetzt)

1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war erstaunt und Finsternis über einem Abgrund, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.

Martin Luthers Übersetzung 1534

AM anfang schuff Gott himel vnd erden / Vnd die erde war wüst vnd leer / vnd es war finster auff der tieffe / vnd der Geist Gottes schwebet auff dem wasser.

Reim auf Rose

Kann es sein, dass wir keine Gedichte der berühmten Jane Austen auf Deutsch haben? Jedenfalls konnte ich nach einigem Suchen nichts finden. Die beiden deutschen Briefausgaben (Ullstein, Insel) habe ich nicht zur Hand, so dass ich nicht überprüfen konnte, ob die einem Brief beigefügten „Rosen“-Gedichte dort mitübersetzt sind.

‘Verses to Rhyme with “Rose”’

Happy the lab’rer in his Sunday clothes!
In light-drab coat, smart waistcoat, well-darn’d hose,
And hat upon his head, to church he goes;
As oft, with conscious pride, he downward throws
A glance upon the ample cabbage rose
That, stuck in button-hole, regales his nose,
He envies not the gayest London beaux.
In church he takes his seat among the rows,
Pays to the place the reverence he owes,
Likes best the prayers whose meaning least he knows,
Lists to the sermon in a softening doze,
And rouses joyous at the welcome close.

(1807)

Schlichte, sinngemäße und möglichst kunstlose Übersetzung

Verse, die sich auf „Rose“ reimen

Glücklich der Hilfsarbeiter im Sonntagsstaat!
Im gelbbraunen Mantel, schicker Weste, schäbigen Socken,
Hut auf dem Haupte, geht er in die Kirche;
Wie so oft wirft er mit bewusstem Stolz
Einen Blick hinunter auf die Bauernros‘
die aus dem Knopfloch seine Nase beschenkt,
Er beneidet nicht den flott’sten Londoner Beau.
In der Kirche nimmt er seinen Platz in den Reihen ein,
Zollt dem Ort die Ehrfurcht, die ihm gebührt,
Mag am liebsten die Gebete, die er nicht versteht,
Hört der Predigt in lindem Schlummer zu
Und wachet selig beim Amen wieder auf.

Nun fehlen nur noch Versionen mit einer analogen kleinen Geschichte auf die Reimwörter auf Rose.

Hardekopf

Ferdinand Hardekopf

(* 15. Dezember 1876 in Varel; † 26. März 1954 in Zürich)

Aus der steilen, transparenten Nudel
Quillt ein Quantum Quitten-Quark empor,
Ballt sich (physisch) zum gewürzten Strudel,
Kreist: ein Duft-Ballon aus einem Rohr.

Wann (und wo?) war Schweben delikater?
In der Spannung wird man blass, wie Chrom
Lehr- und Schüler folgen dem Theater.
Doch der Stern geniesst sich autonom.

Hohe Hirnkraft wallt zu diesem Gase.
Da bestülpt der sachlichste Adept
Das Gestirn mit einem Stengelglase,
Darin dottrig etwas Ei verebbt.

Aus: Anthologie DADA. DADA 4-5, Mai 1919, S. 11

„Trauern um die Menschheit, die der Wahn erwürgt“

Christoph August Tiedge

(* 14. Dezember 1752 in Gardelegen; † 8. März 1841 in Dresden)

Elegie auf dem Schlachtfelde bei Kunersdorf

Nacht umfängt den Wald; von jenen Hügeln
Stieg der Tag ins Abendland hinab;
Blumen schlafen, und die Sterne spiegeln
In den Seen ihren Frieden ab.
Mich laßt hier in dieses Waldes Schauern,
Wo der Fichtenschatten mich verbirgt;
Hier soll einsam meine Seele trauern
Um die Menschheit, die der Wahn erwürgt.
Drängt euch um mich her, ihr Fichtenbäume!
Hüllt mich ein, wie eine tiefe Gruft!
Seufzend, wie das Atmen schwerer Träume,
Weh‘ um mich die Stimme dieser Luft.
Hier an dieses Hügels dunkler Spitze
Schwebt, wie Geisterwandel, banges Graun;
Hier, hier will ich vom bemoosten Sitze
Jene Schädelstätten überschaun.

Dolche blinken dort im Mondenscheine,
Wo das Erntefeld des Todes war;
Durcheinander liegen die Gebeine
Der Erschlagnen um den Blutaltar.
Ruhig liegt, wie an der Brust des Freundes,
Hier ein Haupt, an Feindes Brust gelehnt,
Dort ein Arm vertraut am Arm des Feindes. –
Nur das Leben haßt, der Tod versöhnt.
O, sie können sich nicht mehr verdammen,
Die hier ruhn; sie ruhen Hand an Hand!
Ihre Seelen gingen ja zusammen,
Gingen über in ein Friedensland;
Haben gern einander dort erwidert,
Was die Liebe giebt und Lieb‘ erhält.
Nur der Sinn der Menschen, noch entbrüdert,
Weist den Himmel weg aus dieser Welt.
Hin eilt dieses Leben, hin zum Ende,
Wo herüber die Cypresse hängt:
Darum reicht einander doch die Hände,
Eh‘ die Gruft euch aneinander drängt!

Aber hier, um diese Menschentrümmer,
Hier auf öder Wildnis ruht ein Fluch;
Durch das Feld hin streckt sich Mondenschimmer,
Wie ein weites, weißes Leichentuch.
Dort das Dörfchen unter Weidenbäumen;
Seine Väter sahn die grause Schlacht:
O sie schlafen ruhig, und verträumen
In den Gräbern jene Flammennacht!
Vor den Hütten, die der Asch‘ entstiegen,
Ragt der alte Kirchenturm empor,
Hält in seinen narbenvollen Zügen
Seine Welt noch unsern Tagen vor.
Lodernd fiel um ihn das Dorf zusammen;
Aber ruhig, wie der große Sinn
Seiner Stiftung, sah er auf die Flammen
Der umringenden Verwüstung hin.
Finster blickt er, von der Nacht umgrauet,
Und von Mondesanblick halb erhellt,
Über diesen Hügel, und beschauet,
Wie ein dunkler Geist, das Leichenfeld.

Mag, o Lenz, dein Angesicht hier lächeln?
Jeder Windstoß, der den Wald bewegt,
Ist ein großer Seufzer, der das Röcheln
Der Gefallnen durch die Wildnis trägt.
Diese Greisin, diese düstre Fichte
Zeigt die Narben, die auch sie empfing,
Weist dahin, wo blutig die Geschichte
Böser Zeiten ihr vorüber ging.
Als hier wild die Waffendonner stürmten,
War sie noch mit Jugendkraft umlaubt,
Und, wie Hände der Natur, beschirmten
Ihre Schatten ein geweihtes Haupt.

Hier sah Friedrich seine Krieger fallen. –
Herrscher deiner Welt, du warst so groß;
Aber doch – das härteste von allen
War dein Los, es war ein Königslos.
Mann des Ruhmes, konnten alle Blüten
Jenes Kranzes, der dein Haupt umfing,
Konnt‘ ihn dir die Musenhuld vergüten,
Diesen Weg, der über Leichen ging?
Menschen fielen, gleich gemähten Ähren,
Ach, sie fielen dir, du großer Mann!
Da, da war es, als dein Herz in Zähren
Auf den blutbespritzten Lorbeer rann. –

Hier der See, und dort des Stromes Fluten
Spiegelten zurück das Todesschwert;
Dieser Himmel sah das Opfer bluten;
Dieser Hügel war ein Opferherd;
Hier im Bach hat Menschenblut geflossen;
Wo der Halm im Monde zuckend nickt,
Hat vielleicht ein Auge, halb geschlossen,
Nach der Heimatgegend hingeblickt.
Da, wo die Cikad‘ im düstern Thale
Durch die Nacht der Ulmenwaldung tönt,
Da, da hat vielleicht zum letztenmale
Manches zarte Lebewohl gestöhnt.
Und der stille Wandrer, welcher traurig
Sich dem Grau’n der Gegend überläßt,
Fühlt ein dumpfes Ahnen, das so schaurig
Ihm den Atemzug zusammen preßt.

War es Klang von einer fernen Quelle,
Was so dumpf zu meinem Herzen sprach?
Oder schwebt Geseufz‘ um jede Stelle,
Wo ein Herz, ein Herz voll Liebe, brach?
Ist es Wandel einer düstern Trauer,
Was am Sumpf dem Hagebusch entrauscht,
Und nun schweigt, und, wie ein dunkelgrauer
Nebelstreif, im Nachtgeflüster lauscht?
Wandelst du dort, arme Mädchenseele,
Der die Wut den holden Freund entriß?
Schattest du dort um die Totenhöhle
Durch das Nachtgrau’n deiner Finsternis? –

Aber still! was flimmert durch die Zweige,
Wie ein weißer, schleierheller Geist?
Jeder rohe Laut der Wildnis schweige!
Diese Stell‘ ist heilig! hier fiel Kleist.
Wo den Raum die Ulmen überschleiern,
Sank der Frühlingssänger in den Staub;
Diese Stelle will ich heilig feiern;
Ach! und kann sie nur bestreu’n mit Laub.
Rinnen laß hier eine Silberquelle;
Winde deinen sanftern Blumentag,
Holder Frühling, um die rauhe Stelle,
Wo dein edler Sänger blutend lag.

Hier aus diesem wildernden Gesträuche,
Wo der deutsche Mann sein Blut verlor,
Hebe sich, im Schatten einer Eiche,
Grün‘ ein zartes Myrtenreis empor;
Und im dunkelgrünen Eichenlaube
Girre, wenn der Lenz vorüber zieht,
Klagend eine silberweiße Taube
Noch dem Sänger Lalages ihr Lied.
Aber in dem Myrtendunkel säume
Die Begeistrung einer Nachtigall,
Und die Waldluft schweb‘ um ihre Träume,
Wie ein sanft gehaltner Wellenfall.
Leise schwebe sie durchs Laub des Strauches,
Das der Boden dieser Stelle trieb,
Wie der Nachhall eines Flötenhauches,
Der uns aus des Dichters Leben blieb;
Und im zarten Weiß der sanftern Trauer
Nahe sich die Mondnacht diesem Raum,
Feiernd trete sie in seine Schauer,
Wie ein heiliger Erinnrungstraum.

Zwar den fernen Geist kann nichts erstatten;
Doch er schwand nicht ganz aus unserm Blick:
Der geweihte Mann wirft seinen Schatten
Dort noch aus Elysium zurück.
Viel der edeln Männer sind gefallen;
Aber, Kleist, dein Name tritt hervor,
Tritt hervor, und hebt, geweiht vor allen,
Aus der Flut der Zeiten sich empor.
Hier fand mancher Jüngling, welcher mutig
Einen Namen sucht‘, ein stummes Grab;
Manche Hoffnung riß der Tod hier blutig
Vom Idol der goldnen Zukunft ab.

Sagt, was ist, was gilt ein Menschenleben,
Was die Menschheit vor dem Weltengeist,
Wenn der wilde Tod aus den Geweben
Ihres Daseins so die Faden reißt?
Welche Faden sind hier abgerissen!
Und was fällt, wenn nur ein Haupt zerfällt! –
Hier steh’n wir, und hinter Finsternissen
Steht der hohe Genius der Welt!

Stürme fahren aus dem Schoß der Stille,
Und die Zeit, mit Trümmern wüst umringt,
Zählt am Uferrand der Lebensfülle
Jeden Tropfen, den der Sand verschlingt.
Schwankend irren wir im finstern Sturme;
Wechseltod beherrscht die Finsternis;
Er beraubt den Halm, und giebt dem Wurme,
Giebt dem Halm, was er dem Wurm entriß.

Luftig spielt das Laub des Ulmenbaumes
An den frischen Ästen um den Stamm:
Regt darin sich noch ein Rest des Traumes,
Der einmal in Nervensäften schwamm?
Jenen Kopf bewohnten einst Gedanken,
Stolz vielleicht und Dünkel seine Stirn:
Jetzt durchkriecht ein Nachtwurm ihn; und Ranken
Wilder Kräuter nährte sein Gehirn.
Dieser Staub am Wege hing um Seelen;
Wo ich trete, stäubt vielleicht ein Herz
Gott! und hier aus diesen Augenhöhlen
Starrete zu dir hinauf der Schmerz.

Welch ein Anblick! – Hieher, Volksregierer,
Hier, bei dem verwitternden Gebein
Schwöre, deinem Volk ein sanfter Führer,
Deiner Welt ein Friedensgott zu sein.
Hier schau her, wenn dich nach Ruhme dürstet!
Zähle diese Schädel, Völkerhirt,
Vor dem Ernste, der dein Haupt, entfürstet,
In die Stille niederlegen wird!
Lass‘ im Traum das Leben dich umwimmern,
Das hier unterging in starres Grau’n!
Ist es denn so reizend, sich mit Trümmern
In die Weltgeschichte einzubau’n?

Einen Lorbeerkranz verschmäh’n, ist edel!
Mehr als Heldenruhm ist Menschenglück!
Ein bekränztes Haupt wird auch zum Schädel,
Und der Lorbeerkranz zum Rasenstück!
Cäsar fiel an einem dunkeln Tage
Ab vom Leben, wie entstürmtes Laub;
Friedrich liegt im engen Sarkophage;
Alexander ist ein wenig Staub.
Klein ist nun der große Weltbestürmer;
Es verhallte, lauten Donnern gleich;
Längst schon teilten sich in ihn die Würmer,
So wie die Satrapen in sein Reich.

Fließt das Leben auch aus einer Quelle,
Die durch hochbekränzte Tage rinnt;
Irgendwo erscheint die dunkle Stelle,
Wo das Leben stille steht und sinnt.
Katharinas Lorbeerthaten zögen
Gern verhüllt den Lethestrom hinab;
Bess’re retten ihre Gruft, und legen
Sanftre Kronen nieder auf ihr Grab.

Dort, dort unten, wo zur letzten Krümme,
Wie ein Strahl, der Lebensweg sich bricht,
Tönet eine feierliche Stimme,
Die dem Wandrer dumpf entgegen spricht:
»Was nicht rein ist, wird in Nacht verschwinden;
Des Verwüsters Hand ist ausgestreckt;
Und die Wahrheit wird den Menschen finden,
Ob ihn Dunkel oder Glanz versteckt!«

Zwey Grenadier‘

Heinrich Heine

(* 13. Dezember 1797 Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)

Die Grenadier

Nach Frankreich zogen zwey Grenadier‘,
Die waren in Rußland gefangen.
Und als sie kamen in’s deutsche Quartier,
Sie ließen die Köpfe hangen.

Da hörten sie beide die traurige Mähr:
Daß Frankreich verloren gegangen,
Besiegt und zerschlagen das große Heer, —
Und der Kaiser, der Kaiser gefangen.

Da weinten zusammen die Grenadier‘
Wohl ob der kläglichen Kunde.
Der Eine sprach: Wie weh wird mir,
Wie brennt meine alte Wunde!

Der Andre sprach: das Lied ist aus,
Auch ich möcht mit dir sterben,
Doch hab‘ ich Weib und Kind zu Haus,
Die ohne mich verderben.

Was scheert mich Weib, was scheert mich Kind,
Ich trage weit bess’res Verlangen;
Laß sie betteln gehn wenn sie hungrig sind, —
Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!

Gewähr‘ mir Bruder eine Bitt‘:
Wenn ich jetzt sterben werde,
So nimm meine Leiche nach Frankreich mit,
Begrab‘ mich in Frankreichs Erde.

Das Ehrenkreuz am rothen Band
sollst du auf’s Herz mir legen;
Die Flinte gieb mir in die Hand,
Und gürt‘ mir um den Degen.

So will ich liegen und horchen still,
Wie eine Schildwacht, im Grabe,
Bis einst ich höre Kanonengebrüll
Und wiehernder Rosse Getrabe.

Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab,
Viel Schwerter klirren und blitzen;
Dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab,
Den Kaiser, den Kaiser zu schützen.

Aus: Gedichte von H. Heine. Berlin 1822, S. 77f

Cynewulf

Der altenglische Dichter Cynewulf

(Erste Hälfte des 9. Jahrhunderts)

Gedichtet in Langversen mit Stabreim und gleichzeitig Endreim zwischen den Halbversen. Zur Markierung der Mittelzäsur habe ich | eingefügt.

Aus  „Elene“ (Helena)

1236 So habe ich betagt und todbereit | in meinem tatenlosen Körper jederzeit
Wortkunst gedichtet | und Wunder gesichtet.
Zuzeiten überdachte ich, | und meine Gedanken überwachte ich
Nachts nachhaltig. | Noch war ich nicht kundig,

1245 Bis mir Weisheit zuteil ward, | in wunderbarer Art,
Dem Betagten zum Trost, | eine teure Gabe,

Meinen Körper befreite, | meinen kleinen Geist weitete,
1250 Liedkunst erschloß, | die ich lustvoll genoß,
Mit Freuden in der Welt.

Aus: Hier hatte ich einst viel Pläsier. Volkstümliche englische Dichtung des Mittelalters. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. übers. von Martin Lehnert. Frankfurt/Main: Insel, 1980, S. 31

Textfassung aus Cynewulf’s Elene. Ed. P.O.E. Gradon. NEW YORK: APPLETON-CENTURY-CROFTS, 1966:


 

Übersetzung in moderne englische Prosa von Charles W. Kennedy (inclusive der in der Inselausgabe ausgelassenen Zeilen):

Thus have I spun my, lay with craft of word and wrought it wondrously, aged and nigh unto death by fault of this mouldering house; at times I mused upon it and sifted my thoughts in the dungeon of night. I knew not clearly of that rood aright, ere wisdom in ample power imparted wider counsel in the thought of my heart… I was stained by my deeds of evil, shackled in sin, harried by sorrow, bound with bitterness, compassed about by trouble ere that in majesty the King of might granted me knowledge to console old age, ere that He meted out to me His radiant grace, instilled it in my heart, revealed its glory, made it more ample, loosed my body, undid the bolts of my breast and taught me song−craft, which in the world I have used with will and gladness.

Verborgene Schrift

Christopher Morley

(* 5. Mai 1890 in Haverford, Pennsylvania; † 28. März 1957)

Deutsch von Julius Bab (* 11. Dezember 1880 in Berlin; † 12. Februar 1955 in Roslyn Heights, New York)

Die Geheimschrift

Da ist in jedermanns Herz
chinesische Schrift –
eine Geheimschrift, eine heimliche Sprache:
die dunklen Zeichen des Geistes,
überschrieben, halb verwischt
durch die Schnellschrift des Alltags.

Niemand kann so leicht diese Herzensschrift entziffern,
diesen verwischten Text, verdorben durch Angst und Torheit,
doch hin und wieder,
wenn man im eigenen Herzen liest
(so selten erforschte, so zarte Schrift!),
da sieht man Fragmente der Grundschrift hindurchscheinen –
alte Worte von Wahrheit und Wirrnis,
fein angelegt in Rot und Gold.
Das Studium dieser verborgenen Schrift,
das nenne ich: Übertragung aus dem Chinesischen.

Aus: Julius Bab, Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 41

THE PALIMPSEST

There is, in each mans heart,
Chinese writing—
A secret script, a cryptic language:
The strange ideographs of the spirit,
Scribbled over or half erased
By the swift stenography of daily life.

No man can easily decipher this cordiscript,
This blurred text corrupted by fears and follies;
But now and then,
Reading his own heart
(So little studied, such fine reading matter!)
He sees fragments of rubric shine through—
Old words of truth and trouble
Illuminated, red and gold.
The study of this hidden language
Is what I call
Translating from the Chinese.

His obituaries were published with the following message, written by Morley himself: “Read, every day, something no one else is reading. Think, every day, something no one else is thinking. Do, every day, something no one else would be silly enough to do. It is bad for the mind to continually be part of unanimity.” / Poetry Foundation

Bereit sind alle Länder

Nelly Sachs

(geboren am 10. Dezember 1891 in Berlin-Schöneberg, gestorben am 12. Mai 1970 in Stockholm)

BEREIT SIND ALLE Länder aufzustehn
von der Landkarte.
Abzuschütteln ihre Sternenhaut
die blauen Bündel ihrer Meere
auf dem Rücken zu knüpfen
ihre Berge mit den Feuerwurzeln
als Mützen auf die rauchenden Haare zu setzen.

Bereit das letzte Schwermutgewicht
im Koffer zu tragen, diese Schmetterlingspuppe,
auf deren Flügeln sie die Reise einmal
beenden werden.

Geschrieben im Winter 1951

Aus: Nelly Sachs, Gedichte 1951-1970. Hrsg. Ariane Huml und Matthias Weichelt (Werke Band II). Berlin: Suhrkamp, 2010, S. 26

Des Seeräubers Morgenlied

Fritz Graßhoff

(nach seiner Auswanderung auch: Fritz Grasshoff, * 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)

Aus: Fritz Graßhoff: Seeräuber-Report. Songs, Lieder & Balladen für den Haus- und Marktgebrauch. Mit Zeichnungen des Autors. München: DTV, 1976, S. 12

Jede Zeit hat ihren Horaz

… behaupte ich einfach mal so. Vielleicht gelingt es nicht jeder? Immerhin Opitz dichtete: „Ich hab ein Werk vollbracht, dem Erz nicht zu vergleichen, / Dem die Pyrámides an Höhe müssen weichen“ (Betonungsstrich von mir, M.G.) – hat es Opitz genützt? Horaz geschadet?

Hier zum 1954. Geburtstag des Römers zwei Versionen der Ode 1, 31 (Für Hardcorefans darunter das Original zum Vergleichen… gefolgt von einem persönlichen Nachtrag, sozusagen für die weniger Harten.)

Friedrich von Hagedorn

(* 23. April 1708 in Hamburg; † 28. Oktober 1754 ebenda)

Die einunddreißigste Ode des Horaz im ersten Buche.

Was mag der Wunsch des Dichters sein,
Der den geweihten Phoebus bittet?
Und was ruft er ihn an, da er den neuen Wein
Aus seiner Opferschale schüttet?
Er wird den Reichthum voller Aehren
Nicht aus der feisten Flur Sardiniens begehren,
Auch nicht um den Besitz der schönen Heerden flehn,
Die in Calabriens erhitzten Triften gehn.

Kein indisch Elfenbein noch Gold
Sind das, warum er Bitten waget,
Auch Felder nicht, um die der stumme Liris rollt,
Der sie mit stillem Wasser naget.
Der, dem ein günstig Glück bei Cales Wein gegeben,
Beschneid' und keltre sich die ihm gegönnten Reben!
Die güldnen Kelche leer' ein reicher Handelsmann
Von Weinen, die sein Tausch in Syrien gewann!

Der Götter Liebling sei nur Er!
Daß drei- ja viermal alle Jahre
Er straffrei und verschont des Atlas breites Meer
Mit sichern Frachten überfahre!
Mir sind Cichorien, mir sind des Oelbaums Früchte
Und leichte Malven stets vergnügende Gerichte.
Gib mir, Latonens Sohn, bis zu des Lebens Schluß,
Zum Gegenwärtigen Gesundheit und Genuß.

Nur etwas wünsch' ich mir dabei,
Verweil' ich länger auf der Erde:
Daß auch mein Alter noch ein Stand der Ehre sei
Und mir zu keinem Vorwurf werde.
Alsdann vermindre mir kein Kummer, kein Geschäfte,
Und keiner Krankheit Gift die mindern Seelenkräfte,
Und, wie der Dichter Kunst mir immer wohlgefiel,
So sei der Saiten Scherz auch meines Alters Spiel.

Friedrich Gottlieb Klopstock

(* 2. Juli 1724 in Quedlinburg; † 14. März 1803 in Hamburg)

Was wünscht der Dichter von dem geweiheten
Apoll? der Schal entströmend den neuen Wein,
  Was fleht er? Nicht gesenkte, volle
    Ähren Sardinias ...

Nicht schöne Herden, wie in Kalabrien,
Gedeihn der Sonne; Gold nicht noch Elfenbein;
  Nicht Fluren, die mit stiller Welle
    Lockert die leisere Liris ...

Calenersicheln führe, wem gab das Glück
Die Traube. Goldnen Kelchen entschlürfe der
  Lastreiche Segler Weine, die er
    Tauschte für Syrias Wohlgerüche,

Lieb selbst den Göttern; denn auch das vierte Mal
Im Jahr durchschifft er sicher des Atlas Meer.
  Endivien, die leichte Malve
    Labe mich, mich die Olive ...

Gib mir, Latous, daß dem Gesunden sei
Genuß sein Tibur, gib auch dem Geiste Kraft,
  Daß nicht vom Gram entstellt mein Alter
    Sei, noch der Zither entbehre ...

Persönlicher Nachtrag

Beide Fassungen fand ich vor Äonen in einem Buch, das mir ausweislich beiliegender Urkunde am 29. Juni 1968 geschenkt wurde. Der Anthologie (Aufbau 1968) verdanke ich nicht nur das stilisierte Logo der Lyrikzeitung. In ihr gibt es die Ode auch noch in der Fassung Herders. Ob jede Zeit ihren Horaz hat? Zumindest das 18. Jahrhundert hatte gleich mehrere.

Di Muse

פּרץ מאַרקיש — די מוזע

Perez Markisch

Der jüdische Byron nannte man ihn und auch: der jüdische Majakowski. Er wurde am 7. Dezember 1895 in Polonnoje, Gouvernement Wolhynien [heute Polonne, Ukraine] geboren und in der „Nacht der ermordeten Dichter“ vom 12. zum 13. August 1952 in Moskau erschossen. Man findet nicht viel auf Deutsch. Etwas mehr auf Englisch, Jiddisch und auch auf Russisch (auch Anna Achmatowa hat ein paar seiner Gedichte übersetzt).

Heute das Gedicht di muse (zu deutsch: Die Muse).

די מוזע

איך געדענק ניט, װאָס שפּעטער, װאָס פֿריִער,
אױף אַ כװאַליע אין חלום פֿאַרשװינד איך. ―
נאָר די מאַמע, ― זי שטײט נעבן מיר.
װי אַ מאָל. װי בײַ נאַכט. אין דער קינדהײט.

װען זי האָט ניט געװוּסט צי איך שלאָף.
װען זי האָט ניט געהערט, צי איך אָטעם ―
און איז באָרװעס אַראָפּ פֿונעם בעט און אַ לאָף,
און פֿון שרעק ניט געװוּסט ― װוּ אַ טראָט טאָן.

אױף דער כװאַליע ― איר בלאַסלעכע האַנט
מיט אַ צערטלעכן ריר מיט אַ מילדן;
אָ, איך האָב זיך איר ניגון דערמאָנט,
װאָס מיט אים זי פֿאַרװיגט אירע קינדער.

אַז איך קאָן ניט דעריאָגן איר קול
אַז אַראָפּגעלאָזט ערגעץ איר בליק איז;
נאָר זי װיגט מיך און זינגט װי אַ מאָל
און איך ― איך גײ אױס פֿון מתיקות.

ס’יאָגן װינטן זיך אָן, אָן אַ שיעור.
זײ באַפֿאַלן דאָס ליד, דאָס באַגינטע;
נאָר די מאַמע… זי שטײט נעבן מיר.
װי אַ מאָל, װי בײַ נאַכט אין דער קינדהײט.

1948

Deutsche Transkription
s = stimmhaft, ss = stimmlos, z wie deutsches z, ch immer (auch am Wortanfang) wie in ach; ie ist kein langes i, sondern die beiden Laute nacheinander: fri-er (früher)

DI MUSE

Ich gedenk nit, woss schpeter, woss fri-er,
Ojf a chwalje in cholem farschwind ich. — chwalje: Welle, cholem: Traum
Nor di mame, — si schtejt nebn mir. nor: nur
Wi a mol. Wi baj nacht. In der kindhajt. – a mol: einmal

Wen si hot nit gewusst zi ich schlof. – zi: ob
Wen si hot nit gehert, zi ich otem (atme)
Un is borwess arop funem bet un a lof, – lof: Spurt (barfuß aus dem Bett gejagt)
Un fun schrek nit gewusst — wu a trot ton. – vor Schreck. wu: wo; trot ton: Schritt tun

Ojf der chwalje — ir blassleche hant
Mit a zertlechn rir mit a mildn; – rir: Bewegung
O, ich hob sich ir nign dermont, – nign: Melodie, dermont: erinnert (ich hab mich an ihre Melodie erinnert)
Woss mit im si farwigt ire kinder. (mit der sie ihre Kinder in Schlaf wiegt)

As ich kon nit derjogn ir kol – derjogn ir kol: ihre Stimme einholen
As aropgelost ergez ir blik is; – as: wenn, dass; aropgelosst: aufgelöst; ergez: irgend
Nor si wigt mich un singt wi a mol
Un ich — ich gej ojs fun metiket. (? ich vergeh vor Entzücken)

S’jogn wintn sich on, on a schir. – on a schir: zahllos
Sej bafaln doss lid, doss baginte;
Nor di mame… si schtejt nebn mir.
Wi a mol, wi baj nacht in der kindhajt.
1948

Wenn man nicht jeden Vers genau versteht – geht es nicht bei Hölderlin manchmal genau so? Es ist trotzdem schön. Hier kann man es gesungen hören (und in englischer Transkription und englischer Übersetzung lesen).

Ungefähr frei und reimlos übersetze ich es so:

Ich weiß nicht, was später, was früher.
Auf der Welle verschwind ich im Traum.
Nur die Mama, sie steht neben mir
Wie schonmal. Wie bei Nacht. In der Kindheit.

Und sie hat nicht gewusst, ob ich schlaf.
Und sie hat nicht gehört, ob ich atme.
Und sie springt aus dem Bett mit nem Satz
und vor Schreck nicht gewusst wo sie hintritt.

Auf der Welle – die blässliche Hand
die sich zärtlich bewegt und sehr sanft.
Und das Lied schlägt ins Ohr mir mit dem
sie uns Kinder gelullt bis wir schliefen.

Und ich kann nicht erjagen die Stimme
und den Blick nicht in dem sie sich auflöst.
Doch sie wiegt mich und singt wie schon mal
und ich, ich vergehe vor Wonne.

Winde jagen sich endlos und kalt
und befallen das Lied das mir träumte
Nur die Mame, sie steht neben mir
wie schon mal, wie bei Nacht in der Kindheit.