Nichts

Francis Picabia

(* 22. Januar 1879 in Paris; † 30. November 1953 ebenda)

Dada riecht nicht,
es bedeutet ja nichts, gar nichts.
es ist wie Euere Hoffnumgen: nichts
wie Euer Paradies: nichts
wie Euere politischen Führer: nichts
wie Euere Helden: nichts
wie Euere Künstler: nichts
wie Euere Religionen: nichts.

In: Theo van Doesburg, Was ist Dada. In: Doesburg / Schwitters: Holland ist DADA. Ein Feldzug. Hrsg. Hubert van den Berg. Hamburg: Edition Nautilus, 1992, S. 21f.

Theo van Doesburg

(* 30. August 1883 in Utrecht; † 7. März 1931 in Davos, Schweiz)

Der Dadaist, der sogar für das Leben die Logik ablehnt, läßt sich in der Lyrik nicht vom üblichen 2×2=4 leiten. Mag dies für die Logik nützlich sein, in der Lyrik gilt 2×2=5.

Ebd. S. 33

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

Ein neu Lied Herr Ulrichs von Hutten

(* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg in Schlüchtern; † 29. August 1523 auf der Ufenau im Zürichsee)

Ich habs gewagt mit Sinnen
und trag des noch kein Reu,
mag ich nit dran gewinnen
noch muß man spüren Treu;
damit ich mein
nit eim allein,
wenn man es wolt erkennen:
dem Land zu gut,
wiewol man tut
ein Pfaffenfeind mich nennen.

Da laß ich jeden lügen
und reden was er will;
hätt Wahrheit ich geschwiegen,
mir wären Hulder viel:
nun hab‘ ichs g’sagt,
bin drum verjagt,
das klag ich allen Frommen,
wiewol noch ich
nit weiter fliech,
vielleicht werd wieder kommen.

Es ist oft dieser gleichen
geschehen auch hievor,
daß einer von den Reichen
ein gutes Spiel verlor,
oft große Flamm
von Fünklein kam,
wer weiß ob ichs werd rächen!
Staht schon im Lauf,
so setz ich drauf:
muß gehen oder brechen!

Daneben mich zu trösten
mit gutem Gewissen hab,
daß keiner von den Bösten
mir Ehr mag brechen ab,
noch sagen daß
auf einig Maß
ich anders sei gegangen
dann Ehren nach,
hab diese Sach
in Gutem angefangen.

Will nun ihr selbst nit raten
dies fromme Nation,
ihrs Schadens sich ergatten,
als ich vermahnet hon,
so ist mir leid;
hiemit ich scheid,
will mengen daß die Karten,
bin unverzagt,
ich habs gewagt
und will des Ends erwarten.

Ob dann mir nach tut denken
der Kurtisanen List:
ein Herz läßt sich nit kränken,
das rechter Meinung ist;
ich weiß noch viel,
woll’n auch ins Spiel
und solltens drüber sterben:
Auf! Landsknecht gut!
und Reuters Mut!
laßt Hutten nit verderben!

Dichterwettstreit 1204

Gishūmon-in no Tango schrieb dieses Gedicht als Beitrag für einen Wettstreit, der im
Jahre 1204 stattfand. Dreißig führende Dichter(innen) ihrer Zeit nahmen daran teil und verfaßten Verse über folgende Themen: fallende Blätter, der Mond zur Zeit der Dämmerung, Wind in den Kiefern. Die Urteile kamen durch Konsens aller am Wettbewerb Beteiligten zustande und wurden von Fujiwara no Teika aufgezeichnet. (…) ihr Gegner war der Dichter Fujiwara no Tadayoshi (1164-1225). Sie bestand gegen ihn drei Runden und verlor eine.
Das vorliegende Gedicht war eines ihrer siegreichen. Dies waren die konkurrierenden
Verse:

Ich weiß schon, meine
Trauer und Einsamkeit hört
nicht mehr auf, und doch,
da weht noch immer ein Wind
des abends in den Kiefern.

Teika überlieferte das Urteil: »Der Vers >über die Ärmel aus Moos streift ziellos der Kiefernwind< ist sehr anmutig, und so erklären wir dieses Gedicht zum Sieger«.
nani to naku kikeba namida zo koborekeru koke no tamoto ni kayou matsukaze

Irgendwie, wer weiß warum,
muß, ach, ich weinen,
wenn ich ihn höre:
über die Ärmel aus Moos
streift ziellos der Kiefernwind.

Zu diesem Gedicht gibt es noch diesen Kommentar: Die Wendungen koke no tamoto, »Ärmel aus Moos«, und koke no koromo, »Gewänder aus Moos«, finden sich hauptsächlich in der Dichtung von Mönchen und Nonnen. Der Ursprung dieser Tradition war ein Gedicht des Priesters Henjō (816-890) aus dem Kokin wakashū. Henjō hatte den Hof verlassen und das Mönchsgelübde abgelegt, als sein Dienstherr, Kaiser Ninmyō (810-850, reg. 833-850) gestorben war; ein Jahr später, nach dem Ende der Trauerzeit, schrieb er dieses Gedicht an seinem Zufluchtsort in einem Tempel außerhalb der Stadt: mina hito wa hana no koromo ni narinu nari koke no tamoto yo kawaki dani se yo

Alle tragen nun wieder
blumengeschmückte Gewänder,
hör ich, ihr, meine Ärmel aus Moos,
trocknet mir doch wenigstens.

Henjō spielt mit dem Bild der >Ärmel aus Moos< einerseits auf die Schlichtheit seines
Mönchsgewandes und andererseits auf seine fortwährende Trauer an. 300 Jahre später
bringt Gishūmon-in no Tango das Moos in den letzten beiden Zeilen ihres Gedichtes gleichsam wieder in den Wald zurück, indem sie das Bild der tränenfeuchten Ärmel aus Moos mit dem Waldboden in Verbindung bringt.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode 9. bis 13. Jahrhundert. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont, 1992.

Verrücktes Manifest

Kazimierz Wierzyński

(* 27. August 1894 in Drohobytsch, Österreich-Ungarn, heute Ukraine; † 13. Februar 1969 in London)

Verrücktes Manifest

Nieder die Dichter! Rührselige Idioten!
Geist und Vernunft sind nur blauer Dunst!
Hoch, was verrückt ist, Porno und Zoten!
Leben muß man! Wozu braucht man Kunst?

Pfeift auf sterile Formen und Stile,
Pfeift auf Probleme und Psychologie!
Steigt statt auf Pegasus auf Krokodile!
Alle Nüsse der Welt knacken sie!

Fliegt in die Wolken und stürzt euch zu Tode!
Salto mortale und Kaiserschnitt,
Fußballspiel mit der Sonne sind Mode,
Gott schießt die Tore, macht munter mit.

Komm, Kolumbus, entdeck neue Zonen,
Such in Europa den dritten Pol!
Nur als ein Jux kann das Leben sich lohnen!
Was auf dem Kopf steht, erhebt zum Symbol!

Laßt doch die Skribifaxe verrecken!
Längst lacht das Volk darüber sich krumm,
Tanzt nach Belieben mit Gänsen und Gecken
Auf der Nase den Klassikern rum!

Perlen vor Säue? Wem soll das nützen?
Doch, wenn nur „Hopp!“ schreit irgendein Schranz,
Sieht man schon Honig aus Leitungen spritzen,
Und alle Elstern ziehn ein den Schwanz.

Podagra kriegen die Pessimisten,
Gras hört man wachsen sogar auf Asphalt,
Schach spielen Hühner auf Eierkisten,
Texas ist überall, wo es knallt.

Auf der Hand sprießen Wimpern und Brauen,
Türken erkennt man am Chapeau claque.
Jeder Nonsens läßt sich verdauen,
Babys kommen zur Welt schon im Frack.

Auf! Vereint euch, Banausengesindel!
Stellt untern Scheffel nicht euer Licht!
Peitscht allen Dummköpfen ein jeden Schwindel,
Schont euer Pegasus-Krokodil nicht!

Aus dem Polnischen von Martin Remané, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 71f

Lied der Übertriebenen

Andreas Koziol

Lied der Übertriebenen

Wir haben zu lange gestammelt
Wir waren zu lange aus Holz
Materie, zu Zunder vergammelt
Agenten des herbstlichen Golds

Bei Gott das sind wir gewesen
Flammendes Herz in der Luft
Laub für den eisernen Besen
Schrei der sich selbst widerruft

Wir spielten zu oft mit dem Feuer
Wir waren zu oft durch den Wind
Dafür wuchs der Wunsch ungeheuer
den Sternen zu sagen wir sind

wie Schläfer auf brennenden Leitern
träumend vom rettenden Sprung
ein Schritt auf uns zu und ein Scheitern
des Lebens mitten im Schwung

Es zog uns zu oft in das Land fort
das wenn man es findet zerfällt
Wir waren zu lange die Antwort
auf Fragen die niemand mehr stellt

Aus: Das Zündblättchen. Überelbsche Blätter für Kunst und Literatur. Nr. 92, Heft 2/2019, S. 9. Meißen: Edition Dreizeichen, 2019

E-Book: Lügen und Wahrheiten – Erinnerungen an ein paar Dachschäden und Freiräume im alten Prenzlauer Berg. Von Andreas Koziol (Kostenloser Download)

Rückmeldung

Das war eine lange technisch bedingte Pause. Ab sofort funktioniert mein Netz wieder. Erwarten Sie ab sofort wieder: jeden Tag ein frisches Gedicht.

Sinnsang des Verstands

Zum 98. Todestag des russischen Dichters Welimir Chlebnikow ein Abschnitt eines Gedichts in vier Versionen mit vielen Anmerkungen. Mit diesem Gedicht verabschiedet sich die Lyrikzeitung aus technischen Gründen für ein paar Tage. Bleiben Sie gesund!

Das Gedicht trägt den Titel »Blagovest umu«, auf Deutsch »Glockengeläut dem Verstand«. Es besteht aus Abwandlungen des Wortes um (Geist), mehr verraten die Anmerkungen unten. Es umfasst vier nummerierte Abschnitte, von denen hier nur der vierte mitgeteilt wird. Der (teilverdeutschten) Transkription des russischen Originals folgen nacheinander die Nachdichtungen Franz Mons (des kopfes glockengeläut), Gerhard Rühms (glockenlauten für den geist) und Peter Urbans (Sinnsang vom Sinn). Auf die vier Versionen folgen die Anmerkungen Peter Urbans aus dem Band Velimir Chlebnikov: Werke. Poesie Prosa Schriften Briefe. Hrsg. v. Peter Urban. Rowohlt 1985 (zuerst 1972 als Rowohlt Taschenbuch in zwei Bänden).

 

Blagovest umu

IV
Suum.
Izum.
Neum.
Naum.
Dvuum.
Treum.
Deum.
Bom!
Koum.
Koum.
Soum.
Poum.
Glaum.
Raum.
Noum.
Nuum.
Vyum.
Bom!
Bom! bom, bom!

Das ist das große Läuten der Glocke des Verstandes.
Göttliche Klänge, die von oben herabfliegen zur Provokation des Menschen.

Herrlich ist das Glockengeläute des Verstandes.
Herrlich – diese reinen Klänge!

 

des kopfes glockengeglocke

IV

abkopf.
auskopf.
unkopf.
ankopf.
zweikopf.
dreikopf.
dekopf.
bom!
zokopf.
dochkopf.
abkopf.
vorkopf.
glakopf.
rakopf.
neinkopf.
loskopf.
inkopf.
bom!
bom! bom! bom!

das große geglocke der glocke des kopfes.
aus der höh die hehren klänge zur verlockung der menschen.

solch herrliches glockengeglocke des kopfes.
so herrlich das reine geglocke!

 

glockenlauten für den geist

IV

halbgeist.
jengeist.
ungeist.
ingeist.
zweigeist.
dreigeist.
eigeist.
bum!!
ruckgeist.
brückgeist.
glückgeist.
zückgeist.
zeigeist.
ohgeist.
nichtgeist.
machtgeist.
neugeist.
bom!!
bim!! bam!! bumu!!

so läuten laut des geistes glocken —
geistliche klänge schwingend locken!

klingt herrlich geistes glockenlauten —
herrlicher klang der klaren glocken!

 

Sinnsang vom Sinn

IV

Seisinn.
Aussinn.
Unsinn.
Ansinn.
Zweisinn.
Dreisinn.
Eisinn.
Sing!
Hersinn.
Hinsinn.
Mitsinn.
Besinn.
Dasinn.
Rasinn.
Ohnsinn.
Schonsinn.
Insinn.
Sinn!
Sing! Sing! Sing!

Das ist der Sinngesang vom Sinn!
Er singt in Klängen zur Besinnung der Menschen.

Wie singt und klingt dieser Sinnsang vom Sinn!
Wie singt er Sinn!

 

Anmerkungen

Geschrieben 1921/22. E: in Zangezi, 1922.

Dieses Gedicht, das, eher unbewußt, Elemente der konkreten Poesie enthält, kann man als eine Art Synthese des Chlebnikovschen Sprachuniversums ansehen; es verbindet Lautdichtung mit Sternensprache (vgl. die folgenden Kapitel), es hat — neben seiner onomatopoetischen Seite — auch eine semantische.

Sämtliche Wörter bestehen aus einer Vorsilbe und dem maskulinen Substantiv «um», wobei diese «Vorsilben» teilweise keine echten Präfixe, sondern auch selbständige Wörter und Wortpartikel sind (z. B. «da» bedeutet «ja», «by» ist die Partikel zur Bildung des russ. Konjunktivs u. ä.). (Richtig zu lesen ist, da das Russische keine Diphthonge kennt: Go-um, o-um usw.). Zum Wort «um» sagt das Pavlovskijsche Wörterbuch: «um (gen. usw.) s. m. (eig. nur) der (auch den Thieren eigne) Verstand;  (bisw. aber gebraucht für) die (nur Menschen gegebene) Vernunft (razum); (oft auch) der Sinn, die Besinnung, der Kopf; umý (pl. oft) die Gemüther;

matematiceskij u. ein mathematischer Kopf, Verständniß Begabung für Mathematik; […] sto golov, sto umov soviel Köpfe, soviel Sinne» usw.

In seinem Versepos Zangezi hat Chlebnikov dem Blagovest umu ein Liste mit Erklärungen nachgeschickt; in eckigen Klammern jeweils weitere Erläuterungen.

(…)

auch Interjektion.]

Izum — Sprung über die Grenzen des alltäglichen Verstandes hinaus.
[Präposition mit Genitiv, «von … her», «aus … her»; als Präfix in derselben Bedeutung.]

Daum — bestätigender, [«da» — ja.]

Noum — bestreitender.

Suum – Halbverstand.
[«s», erweitert zu «so» und selten «su»: bezeichnet als verbales Präfix «von … herab», «ab-»; als Präposition («s») mit Instrumental: «zusammen mit».]

Soum – Vernunft-Helfer, [siehe Suum].

Nuum — befehlender.
[«Nu!» — Interjektion der Aufforderung, Ermunterung.]

Choum – geheime, verborgene Vernunft.
[«Cho»: Kürzel der Sternensprache, das sich von «chovat’»: verbergen, verstecken herleitet.]

Byum — wünschender Verstand [oder: sich Vernunft wünschender um], nicht zu dem geschaffen, was er ist, sondern zu dem, was er sein will.
[«by»: Partikel der Konjunktivbildung, z. B. chotel by: Ich möchte.]

Nium — negativer.
(«Ni»: Konjunktion, in Zusammensetzung mit Pronomina: nicht, z. B. ni-kto («nicht wer»): niemand: ni – ni: «weder noch».]

Proum — Voraussicht.
[Als Verbalpräfix bedeutet «pro»: «ver-», «durch-».]

Praum — Vernunft eines fernen Landes, Verstandes-Vorfahre.
[«Pra»: in Zusammensetzungen soviel wie «Ur-», «Vor-», das lat. prae.]

Boum — der Stimme der Erfahrung folgender.
[«Bo»: Konjunktion, «weil, denn».]

Voum — Nagel des Gedankens, eingerammt ins Brett der Dummheit.
[«vo»: «in … hinein», vgl. «Veum».]

Vyum — der herabgefallene Reifen der Dummheit, keine Grenzen und Schranken kennender, strahlender, glänzender Verstand.

Raum — Seine Worte sind Rahörner.
[«Ra» ist keine Präposition, kein Präfix, sondern Sternensprache.]

Zoum – gespiegelter/reflektierter Verstand.
Ebenfalls Sternensprache, vgl. Wörterbuch der Sternensprache zum stimmhaften «Se».

[…]

Aus: A.a.O. S. 44–51, 525ff

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Kein gelbes Tuch

Şafak Sarıçiçek

Gewogen und gedroschen

Aschewinter liegt und liegt in Starre auf Haut, auf Straßen.
Auf Straßenhaut. Die Ahnung einer Straße. Eine Straße
aus der Füße Gewicht. Sie geht als Denkmal
von altblauen Falten. Sie geht und mit ihr
eine Wärme aus roten Strickwollen und mit ihr
stapft durch die Ahnung an eine Straße –

Ein Frühling auf dem Helm gelben Tuchs.
Ach! Und das Stemverglühn eines Erkennens, wieder
und wieder. Vergessen Wir auch nicht – wer
noch mit ihr schreitet – Denkmal aller Lastenträger:
Wir – Langschnauze Maultier auf der Treue
vorgematschtem Eisgraus und Schlamms.

Es ist keine vorgematschte Wanderung, den
Frühling und Sommer im Winter. Den
knisternd Auferstehungs-Ton von Flamme
und Fackel zu tragen. Kein gelbes Tuch.
Sie wird in der Ahnung einer Zuflucht beten.
Ja das wird sie. Die Milch wiegen

in der Krippe und auf sie Rot eindreschen.
Kräuter ohne Atem! Fels-und Höhenartisten,
ihr Steinclowns, ihr steinböckisch, störrisch
Ziegen! Eure Milch muss gewogen
und gedroschen werden. Süßes Höhenkraut.
Steinleere Abgrund (Sieh doch: Most!)

Sie haben die Schweife und Schnuppen eingeschmolzen,
Sie haben dem Kargen abgetrotzt ein Hühnenbestehn.
Sie haben die Opfer erbracht dem Innewohnen
von All und Leben – der montagne sacrée. Sie haben.
Eingeschmolzen und aufgehängt Teppiche und Kilims.
Im All.
Jenes– Schweifen und Schnuppen, lebend … Sterne
Zu den Sternen. Sie haben

Aus:
Şafak Sarıçiçek: Jamsids Spiegelkelch. Dortmund: edition offenes feld, 2019.

Hinweis
Eine Besprechung dieses Bandes erscheint in wenigen Wochen im L&Poe-Journal, einem neuen Format der Lyrikzeitung. Mit Gedichten von Autorinnen, Kritik und Tabu. Demnächst in diesem Theater.

Abrechnung der Trümmer

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Aus: Poesiealbum Nr. 231: Aimé Césaire. Übers. Janheinz Jahn, Klaus Laabs, Brigitte Weidmann. Berlin: Neues Leben 1986.

Lächelnd

Hermann Kasack

Lächelnd

Alle großen Einsamen müssen einmal in Müdigkeit sinken.
Dann gehen sie zur Frau und sagen: Gib uns zu trinken.

Immer taucht uns Musik in Schlaf und Nacht.
Und der Morgen (der Jahre vielleicht) sieht uns verwirrt erwacht.

Händedruck, Kuß und Traum hebt über Lügen uns fort.
Schön ist Herbst; feierlich ohne Grimasse und Wort.

Schlimmer als Wahnsinn und Schwachheit Warten quält..
:Wann wieder erlöst uns ein Mund, der Märchen erzählt?

Aber der furchtbare Kreis zwingt uns zum Weitergehn.
Milde müssen wir werden — und lächelnd verstehn.

Aus: Die Dichtung. Hrsg. Wolf Przygode. 1. Folge / Erstes Buch. München: Roland-Verlag, 1918, S. 73

Wenig und viel oder: Mao Zhu demütigte den Stör

Der südafrikanische Dichter Dennis Brutus wurde vom Apartheidregime verfolgt, angeschossen und zu 18 Monaten Zwangsarbeit auf Robben Island verurteilt. Nach seiner Entlassung konnte er ins Exil nach London ausreisen und kam schließlich in die Vereinigten Staaten.

Irgendwann konnte ich in einem Antiquariat im Wald hinter dem Bahnhof Jehser bei Greifswald ein Buch von ihm erwerben – der Antiquar hatte hineingeschrieben „nicht im www“. Wahrscheinlich zum Glück für mich, andernfalls hätte ich es mir wahrscheinlich nicht leisten können. Heute findet man es leicht – Amazon listet es „neu“ für über 800 und „gebraucht“ ab 10 Dollar. (Ich nehm das gebrauchte – ach nein, ich habs ja schon.)

Das Buch erschien 1975 in Austin, Texas, damals für 2 Dollar. „China Poems“ ist der Titel. Es sind kurze Gedichte, vom Haiku und dem noch kürzeren chinesischen chueh chu inspiriert. Sie entstanden während einer Reise nach China zur Zeit Mao Tse-Tungs. Beim chueh chu, sagt der Autor, ist der Trick, wenig zu sagen (je näher an nichts, umso besser) und viel anzudeuten, so viel als möglich. Das Schwergewicht an Bedeutung „schwebe“ (hovers) um die Worte (die so leicht, „flat“, wie möglich sein sollen) oder werde vom Leser oder Hörer hinzugetan. Emotionslose, fast neutrale Klänge sollten unbegrenzte Resonanzen in den Köpfen auslösen; das Entzücken liege in der schmalen Balance zwischen Nichts und allem nur Möglichen. Als Beispiel „aus anderen Quellen“ bringt er:

Goose-grey
clouds
lour

Nur annähernd

Gänsegraue
Wolken
blicken drohend herab.

Ich sags mal vorsichtig: Nicht immer gelingt es dem Autor, „fast nichts zu sagen“ und „fast alles zu meinen“. Ziemlich oft in dem dünnen Buch schreit er einfach so laut wie möglich die plattesten Propagandamärchen heraus.

In diesem Fall reicht die „poetische“ Botschaft nicht einmal aus, so dick sie auch schon aufgetragen ist – er muss sie noch in Prosa, nunja, vertiefen. Das muss man nicht übersetzen. Die Gastgeber, die ihm die Reise durch China finanzierten, werden begeistert gewesen sein. Ich mache das Experiment und lasse den chinesischen Text (den ich leider nicht lesen kann) vom Computer einscannen und ins Deutsche bringen, mal sehn.

•上没有4壬何做不成的爭
毛主辱鮮故了肀国

Shàng méiyǒu 4 rén hé zuò bùchéng de zhēng
máo zhǔ rǔ xiān gùle yù guó

Es gibt keine Streitigkeiten über die 4
Mao Zhuxi stirbt vom Land

Na bitte.

Interessanterweise scheint die chinesische Übersetzung des englischen Originals viel wortreicher als dieses. Vermutlich hat der chinesische Übersetzer dem – vielleicht mißverständlichen – lakonischen Texte kommentierende Zusätze mitgegeben. – Ich gebe zu, der Scanner hat die englische Handschrift noch schlechter verstanden, er erkannte nicht einmal das Wort Mao.

Als Übersetzungssprache hatte ich angegeben: Simplified Chinese und Englisch. Gegenprobe mit Traditional Chinese ergibt:

^0祕匕
上没有/壬何做不成的爭
毛主辱鲟故了肀国
祕旮??16决成加!IV

^0 Mì bǐ
shàng méiyǒu/rén hé zuò bùchéng de zhēng
máo zhǔ rǔ xún gùle yù guó
mì gā??16 Jué chéng jiā!IV

^ 0 Geheimdolch
Es gibt keinen Streit über die
Mao Zhu demütigte den Stör
Geheimnis ?? 16% Bonus! IV

Quelle: Dennis Brutus, China Poems. Translation: Ko Ching Po. Occasional Publication. African and Afro-American Studies & Research Center, University of Texas at Austin, 1975.

Vielleicht muss ich hinzufügen, dass ich von diesem Autor Ernstzunehmendes kenne. In diesem Fall aber ist es gründlich schiefgegangen, q.e.d.

Sie nennen es Muse

Anna Achmatowa

(* 11.jul./ 23. Juni 1889 greg. in Bolschoi Fontan bei Odessa, † 5. März 1966 in Domodedowo bei Moskau)

DIE MUSE

Wie nur leb ich mit dieser Last,
Und sie nennens noch MUSE, das,
Sie sagen: In Wiesen Inspiration,
Sie sagen: Göttliches Lallen –
Sie wird dich wie Fieber befallen,
Und dann wieder ein Jahr lang kein Ton.

МУЗА

Как и жить мне с этой обузой,
А еще называют Музой,
Говорят: «Ты с ней на лугу…»
Говорят: «Божественный лепет…»
Жестче, чем лихорадка, оттреплет,
И опять весь год ни гу-гу.

Deutsch von Rainer Kirsch. Aus: Anna Achmatowa, Poem ohne Held. Hrsg. Fritz Mierau. Göttingen: Steidl, 1992, S. 124f

Juni

Pere Gimferrer

(* 22. Juni 1945 in Barcelona)

Juni

Die Augen, so gewohnt, die Finsternis zu schauen,
wenn der Vorhang fällt wie ein dunkler Marmorblock.
Das metallische Blau brennt unentwegt aufs Lid,
nicht des Zyklopen: auf deins und mit dir, in dir, reiner noch,

das Blau der Kälte und der Wolkenbrüche, das Blau
Blüte der Schuppen und des Feuers der Delphine,
wenn die Gewässer verheißen – niemals, aber mehr: Lawine –
dann brennen in den Augen lodernd beide Gärten.

Nein: noch mehr. Warte. Es fällt auf die Augen, die gewöhnt sind
an die Finsternis – ein Feuer wie aus Rubinen und Asche.
Man hört nichts. Der Saal. Wie die Wolkenbrüche stürzen.
Das meinen Augen verheißene Dunkel ist zarter.

Aus: Pere Gimferrer: Der Spiegel. Der öde Raum. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé. München: Hanser, 1995 (Band 7 der Edition Lyrik Kabinett), S. 59

Juny

Els ulls, tan avesats a veure la tenebra,
quan la cortina cau com cau un marbre obscur.
El blau metàl·lic crema, obstinat, la palpebra,
no del cíclop: el teu, i amb tu, i en tu, més pur,

el blau de la fredor i dels aiguats, el blau
floració d’escata i de foc de dofins,
quan les aigües prometen – mai, però més: allau —
intensament als ulls cremen tots dos jardins.

No: més. Espera. Cau sobre els ulls avesats
a la tenebra — un foc com de robins i cendra.
No se sent res. La sala. Com cauen els aiguats.
L’obscuritat promesa als meus ulls és més tendra.

Ebd. S. 58

G&GN-PRESSEMELDUNG 21.6.2020

G&GN-PRESSEMELDUNG 21.6.2020 @ POESIEPREIS.de
(= https://poesiepreis.jimdofree.com/aktuell/presse-2020/)

21.Nahbell-Hauptpreise 2020 an SIGUNE SCHNABEL (geb. 1981) & STEFANIE SCHULTE-ROLFES (geb. 1961) & 2.Nahbell-Förderpreis an OSKAR KABEL (geb. 1994)

G&GN-INSTITUT Düsseldorf / Die beiden Hauptgewinnerinnen des 21.Nahbellpreises 2020 sind Sigune Schnabel (geb.1981) & Stefanie Schulte-Rolfes (geb.1961) für ihre LYRISCHEN GESAMTWERKE. Den 2.Förderpreis bekommt der Nachwuchsautor Oskar Kabel (geb.1994) für seinen Debutband „HOAXLYRIK“ zugesprochen. Die 3 großen Interviews bestehen aus explosiven Anekdoten und poetologischen Provokationen sowohl der Gewinner als auch des Preisstifters – hier einige Best-of-Zitate daraus mitsamt je einem Coronagedicht als Beispiele für die poetischen Produktionen der Preisträger! Es geht um synästhetische, neurokybernetische und soziomeditative Lyrik…

Aus dem Nahbell-Interview mit Sigune Schnabel:
„DIE VERGÄNGLICHKEIT DES EINSSEINS“
(Eine Haltung, die mit dem Wesentlichen in Kontakt bringt)

Aus der 1.NAHBELLANTWORT:
Zu meinem Debütband führte eine Reihe von Zufällen. Eine Rolle spielte dabei ein Wettbewerb, bei dem ich den ersten Preis gewonnen hatte. Dass damals mehrere Auszeichnungen in einer Reihe folgten, ist ein Phänomen des Literaturbetriebs, das ich noch nicht durchschaut habe. Ich selbst hatte anfangs das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. Durch die Preise fühlte ich mich immer mehr akzeptiert und „angekommen“, zwar fernab des Mainstreams, aber es war auch nie mein Ziel, meine Texte an Trends auszurichten.
Aus der 2. NAHBELLANTWORT:
Thematisch interessieren mich in erster Linie das Gescheiterte im Leben, das Zerbrochene oder auch die feinen, kaum merklichen Veränderungen in einer Beziehung, die sich schleichend in die Kommunikation mischen. Dieses Trennende, Vergebliche bette ich gerne in eine Landschaft, die einerseits Spiegel sein kann, andererseits Ausdruck einer Entfremdung. Das kindliche Einssein von Ich und Welt geht im Lauf der Zeit verloren. Mein lyrisches Ich sucht immer wieder einen Ersatz dafür in menschlichen Beziehungen und scheitert dabei, denn sie unterliegen den gleichen Mechanismen der Vergänglichkeit. Was bleibt, ist eine Leerstelle oder ein Schweigen. Im Mittelpunkt steht also die Frage: Was ist es, was diesen zerstörerischen Prozess in Gang bringt? Können wir ihn rechtzeitig bemerken und verhindern? Bevor ich 2013 anfing, meinen heutigen Stil zu entwickeln, hatte ich eine längere Schaffenspause. Zuvor konzentrierte ich mich auf Prosa, vor allem autobiografischer Art, häufig in der Form von Kolumnen. Allerdings driftete ich auch da oft in lyrische Passagen ab. Heute passt die Form des Gedichtes am besten zu meinem Alltag, da sie einen Kontrast zur Hektik des Berufslebens bildet und sich gut eignet, um innezuhalten. Sie geht mit einer Haltung einher, die mich wieder näher mit dem Wesentlichen in Kontakt bringt.
Aus der 3.NAHBELLANTWORT:
Das Wesentliche ist für mich, dass es nicht zu einer Entfremdung vom eigenen Leben kommt. Das ist in einer Welt, in der Beschleunigung und Funktionieren in der Regel den Alltag beherrschen, manchmal eine Herausforderung. Und da hilft die Lyrik, weil sie nur beim Leser ankommt, wenn er innehält und entschleunigt. Man muss sich ihr ganz öffnen, für die Nuancen und Emotionen darin zugänglich machen – und dabei die lineare Zeit und Leistungsorientierung vergessen. Wahrscheinlich ist sie auch deswegen heutzutage so wenig beliebt: weil viele Menschen nicht mehr dazu in der Lage sind.
Aus der 4.NAHBELLANTWORT:
Da Sprache aus eingeschränkten Mitteln besteht, kann es nicht gelingen, das Gemisch aus Klang, Farbe, Gefühl und Ahnung gänzlich einzufangen. Sprache basiert auf Gemeinsamkeiten, weil sie konventionalisiert ist, und es bedarf großer Anstrengungen, Nuancen zum Ausdruck zu bringen, die ein Gegenüber nicht kennt und für die es noch keine festgelegten Ausdrücke, allenfalls Umschreibungsmöglichkeiten gibt. Wäre unser Verständigungssystem komplexer, wüssten wir vielleicht auch mehr über die sogenannte Wirklichkeit. Aber Sprache ist nichts als ein Filter, genau wie unsere Sinne. Kommunikation mit Worten kann nur eine grobe Richtung darstellen. Dahinter befindet sich aber noch eine ganze Welt. An diese Welt würde ich gerne näher herankommen.
Aus der 5.NAHBELLANTWORT:
Das ein oder andere Corona-Gedicht habe ich, was vielleicht nicht allzu überraschend ist, in der virtuellen Schublade. Neben dystopischen Themen beschäftigten mich die Fragen: Wird in den nächsten Monaten oder Jahren die Anzahl der Kinderpsychologen zunehmen, die möglicherweise antrainierte Gefühle und Verhaltensweisen wieder „wegmachen“? Oder sollen Angst und Abscheu als Schutzmechanismen in den neuen Normalzustand übertreten? Das obligatorische Corona-Gedicht will ich nicht vorenthalten:

Sigune Schnabel

Tatbestand

Am Eingang machen Blicke Abstriche
von der Schleimhaut,
hantieren mit Handschuhen
an meinem Aussehen.

Dort hinten brechen Wolken
das neue Gesetz,
gleiten straflos über die Grenze hinweg.
Ich warne den Vogel
in meinem Kopf.
Auch er fliegt unbefugt
in fremdes Land,
sodass die Menschen verrückt werden.
Polizisten patrouillieren
zwischen Herbstblättern.
Heute weht der Wind verkehrt,
stiftet zur Straftat an,
das Laub und den Staub der Straßen.
Zwischen den Häusern ist die Stille
über alle Maßen verstört.

Aus der 6.NAHBELLANTWORT
Bisher wurden Gedichte von mir ins Englische, Griechische, Rumänische, Ukrainische, Russische und Tschechische übersetzt. Ob in Zukunft auch Romane entstehen werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Ich kann es jedenfalls nicht ausschließen. Ein angefangenes Prosamanuskript liegt bereits in meiner Schublade.

Das vollständige Interview mit Sigune Schnabel:
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/21-nahbellpreis-2020-sigune-schnabel/

Aus dem NAHBELL-Interview mit Stefanie Schulte-Rolfes:
„TIEFE VERBUNDENHEIT IN DER STILLE“
(Die Erkenntnis, dass alles nur Ablenkung vom Wesentlichen ist)

Aus der 1.NAHBELLANTWORT:
Ich wollte meine Welt so verwandeln, dass sie Poesie wird. Zwischenräume in einer lauten Welt schaffen, in denen ich träumen und ausruhen konnte. Ich habe immer stoisch an meinen Träumen festgehalten, bis heute.
Aus der 2.NAHBELLANTWORT:
Bei FB hatte ich fast 8 Jahre einen Account und lernte Blogger und Literatinnen kennen. Vor zwei Jahren hat ein hiesiger Künstlerfreund meine uralten bis neuen Gedichte in kleine Broschüren gebunden. Die habe ich teilweise verschenkt, ohne besondere Resonanz. Ich habe, wie gesagt, nie versucht, mich bekannt zu machen als Dichterin, bis ich deine, für mich sehr ansprechende, NAHBELLPREIS Seite gefunden habe.
Aus der 4.NAHBELLANTWORT:
Momentan schreite ich sprachlich eher durch Verwüstungen. Da treffe ich mich ganz neu an, mit dunklen, wütenden Kleidern. Stille ist aber ein Grundrauschen bei mir. Darüber zu schreiben ist gar nicht so einfach und braucht sehr viel Konzentration und Kontemplation. Das kommt irgendwann wieder, wenn ich alt bin.
Aus der 5.NAHBELLANTWORT:
Jeder, der nicht ganz besinnungslos ist, kennt innere Zerwürfnisse und bedrohliche, gespenstische Zustände. Momentan zum Beispiel diese Virusgeschichte. Was macht das alles mit uns? In solchen Lebenslagen lässt sich ja bekanntlich gut schreiben. Und natürlich habe ich manchen Text verfasst in den letzten Tagen und Wochen. Da weiß ich nicht, wohin das dichterisch noch führt bei mir.
Aus der 6.NAHBELLANTWORT:
Poesie ist ja nicht etwas Ausgedachtes oder eine Mode. Wir müssen nicht ständig produktiv sein und alles nach außen stülpen. Alles hat seine Zeit, aber momentan müssen wir die POESIE bewahren mehr denn je, sie schützen vor Wörtern wie „Systemrelevanz“ oder „Social Distancing“, uns also in acht nehmen vor so einer Art Kriegsrhetorik wie „unsichtbarer Feind“ und „Ausgangssperre“ und so weiter. Hier ein Text, den ich gestern nach dem Einkaufen in einem leicht wütenden Tempo geschrieben habe.

Stefanie Schulte-Rolfes

Türen zu
Schuhe aus
Nicht ins Gesicht fassen
Hände waschen
Einkauf auspacken
Schlüssel ablegen
Merken wo
Butter vergessen
Schuhe an
Hände waschen
Schlüssel suchen
Mundschutz auf
Atem kontrollieren
Menschen meiden
Umeinander kreisen
Abstandsgedränge
Geschimpfe
Geduldsproben
Pass bloß auf du
Nur für Butter
Nicht rennen
Atmen
Schweiß abtupfen
Oder Tränen
Sich normal fühlen müssen
Mit Mundschutzmaske
Und beschlagener Brille
Nicht an die Lippen fassen
Warten vor dem
Kühlregal
Nur für Butter
1.5 m
Besser mit Karte zahlen
2,59
Hinter Schutzscheiben
Sitzt die Angst
Tür aufschließen
Schuhe aus
Mundschutzmaske ab
Hände waschen
Endlich Augen reiben
Gesicht abtasten
Den Spiegel küssen

Aus der 7.NAHBELLANTWORT:
Die Aktivitäten bei FB usw. haben mich nach vielen, zu vielen, aktiven Jahren dort nicht mehr interessiert. Ich glaube, es war so die Erkenntnis, dass alles nur Ablenkung vom Wesentlichen ist.
Aus der 9.NAHBELLANTWORT:
Wenn ich meine Sterbedaten wüsste, dann wird jeder Augenblick kostbar, egal ob jemand traurig oder fröhlich, faul oder fleißig, hübsch oder hässlich ist. Das spielt alles überhaupt keine Rolle. In meiner dritten Broschüre geht es um das Thema Tod, um „Ausnahmezustände“ und um Auflösungsmomente sozusagen.
Immer mehr Leute möchten schreiben, aber irgendwer muss ja auch Zeit haben, alles zu lesen. Da ist sehr viel Oberflächlichkeit im literarischen Geschäft und auch die Geschwindigkeit, mit der wir andere lesen und beurteilen und zurück ins Regal stellen, ist erschreckend. Die größten alten und neuen Geister werden allzu oft missachtet.

Das vollständige Interview mit Stefanie Schulte-Rolfes:
https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/21-nahbellpreis-2020-stefanie-schulte-rolfes/

Aus dem NAHBELL-Interview mit Oskar Kabel:
„PROTOKOLLEUR EINES DENKGESCHWÜRS“
(Das Wesentliche am Denken geschieht in der Sprachlosigkeit)

Aus der 1.NAHBELLANTWORT
lyrik. legitimiert sich. durch ihre eigene. existenz. als kunstform. im sinne. des menschlichen. ausdrucks. das hirn. arbeitet. und spuckt. daten. aus. nicht mehr. und nicht weniger. diese daten. müssen vom mensch. willentlich. interpretiert werden. die wenigsten. machen das. obwohl ich. behaupte: alle menschen. hören. ihr hirn. arbeiten. das zuhören. ist eben. das schwierige. das machen. die dichter. sie hören. sich selber. beim denken zu. denken. ist ein prozess. kein ergebnis. kein ziel. keine wahrheit. ein prozess! eine debatte. um irgendeine „rettende“ funktion. von lyrik. ist mir nicht bekannt. ich selber. erachte die lyrik. primär. als vollkommen. frei. von funktionen. sie dient mir nur. als protokoll. des prozesses.
Aus der 2.NAHBELLANTWORT
die ganze perverse. weltsituation. wurde mir. nach veröffentlichung des bandes. unerträglich. ich brauche. ganz einfach. den abstand. in dieser oase. des geistes. um meine leere. mitte. zu stabilisieren. der prozess. des protokollierens. erwies sich. als zu groß. zu komplex. ausufernd. unkontrollierbar. ein denkgeschwür. das letztlich. zu körperlichen beschwerden. führte. weil der geist. selbstläufer wurde. und die welt. nicht aus den wörtern. eliminieren. konnte.
Aus der 3.NAHBELLANTWORT
als wären es. nicht. meine eigenen. erkenntnisse. sondern die. einer maschine. und ich. nur protokolleur. inzwischen. versöhne. ich mich. mit mir. und dem dichterischen impuls. in mir. mein coronagedicht. für pendemic.ie. war eigentlich. nur. eine pflichtkür. weil mich. die ganze. diskussion. der lyriker. auf facebook. unter druck setzte. ich werde. noch einige zeit. benötigen. um mich. dem ganzen. neurodigitalen. welthorizont. anders. aussetzen. zu können. als momentan. das gesunden. in dieser ruhe. ist wichtiger. als die lyrik. das internet. und die panik. der pandemie.

oskar kabel  [25. april 20]

0023

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Aus der 4.NAHBELLANTWORT
ich schreibe den text. immer zuerst. in seiner lückenlosen form. und begutachte danach. die positionen der buchstaben. um brauchbare stellen. für die aufbrechung des statischen. zu eruieren. für das corona-motivierte gedicht. entschied ich mich aber. für die anfängliche reinform. aus praktischen gründen: es überfordert die herausgeber. anscheinend. vielleicht auch nur technisch. einen lücken-basierten text. korrekt zu präsentieren. die freiheit meiner poesie. endet insofern. bei den beschränkungen technischer systeme. symbolisch übertragen auf die konditionierte wahrnehmung. bedeutet das: eine gedichtsendung ist nur so frei. wie die beschränkte wahrnehmung des empfängersystems! das wesentliche am denken. geschieht für mich. beim innehalten in all diesen sprachlosigkeiten. zwischen den wörtern. meditation. ist der zustand. wenn diese geistfabrik innehält. stillstand. des ewigen gebrabbels. ein globaler lockdown. ermöglicht globale meditation. ein experimentelles gedicht. ist in diesem kontext. ein hoax. es sabotiert das system mit informationen. die in keiner akte gespeichert sind. und daher nicht abrufbar sind. es mogelt sich. sozusagen. zwischen den takt. in dem der geist tickt. und setzt die energie. der informationslosen lücken. frei!
Aus der 5.NAHBELLANTORT
in meiner jugend. sog ich alles auf. was von dadaisten. zu kaufen war. bis mir bewusst wurde. wie leicht der kanon zum kalauer übergeht. doch ich suchte. bis vor einigen jahren. die gedanken. und ismen der anderen. fast zwanghaft. weil mir eigene. worte fehlten. ich war euphorisiert. von fremderkenntnissen. ohne meine abhängigkeit zu bemerken. erst beim versuch. selber zu dichten. wurde auffällig. dass ich. unfähig war. meinem eigenen denken. zuzuhören. mein kopfspeicher. enthielt eine bibliothek. fremder gedanken. geistige viren. vernebelten. meine seele. ich begann. alle gesammelten wörter zu löschen. unbarmherzig. systematisch. anstelle der inflation. von fremden und eigenen. wörtern: weltleere. inmitten des soziokulturellen. spektakels. als anker & kern. konstruktiver optionen. zur anteilnahme. am fragmentierten. ganzen…

Das vollständige Interview mit Oskar Kabel:

Merzgedicht

Kurt Schwitters

(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)

Der Vollständigkeit halber: außer Gedichten und Gedichten aus England gibt es noch die Merzgedichte. Hiervon eine Probe:

Hinrichtung

Merzgedicht 9

Ein Mensch verlangte die Hinrichtung Anna Blumes. Hinrichten wuchtet Kreuzigung. Anna Blume kreuzigen hinrichtet Euch. Ring strahlt das Messer wuchten Scharten schwingen Messer. Ring strahlt das Messer Eure Köpfe, ohne Kopf. Ring wogen Leichen ohne Köpfe Taumel, Taumel.
Menschen! Menschen hirnen Menschen. Ihr Menschen mit dem Gehirn eines Menschen. (Aber mein Herr!) Menschen sind weise, Anna Blume hat ein Vogel.
O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, A-N-N-A, auch von hinten, du, der ich liebe, du deiner dich dir, das darf nicht sein. Gärten schlingen Welten Kuß. Gärten blühen Hände, Wiesen wohnen Zelte, Himmel welkt Faden, Herbst drahtet Zeiten. Du aber, du Herrlichste, grünst Vogel. Du sättigest tönen Messer die Gefilde. Welkt Erde? Wandern Menschen müssen sterben? Der irre Stahl erhaben glänzt dein Leibern. Tod innig hart peitscht innig Tore Wein. Stirb nur, du weiser Mensch. Du grünest Menschenhirn. Du grünest zittern Menschenhirn. Du stirbst, ich sterbe Mensch, Anna Blume lebt Welten. O du, Geliebte, du grünt Leben welkes Blatt.
Welkt Faden Menschen?
Arme Beinen senken Leiber.
Anna Blume grünt das Welken.

um 1919

Aus: Kurt Schwitters, Das literarische Werk. Hrsg. Friedhelm Lach. Band 1: Lyrik. Köln: DuMont, 1998, S. 65

Die literarischen Werke des Kurt Schwitters zerfallen in Lyrik, Prosa, kritische Prosa, Manifeste sowie Schauspiele und Szenen.
Die Lyrik zerfällt in 1. Gedichte, 1a. Merzgedichte, 2. Gedichte aus England, 3. Banalitäten, Sprüche und Sentenzen, 4. Schlager und Lied und 6. Konkrete Poesie.