Der Blog Leipzig lauscht sprach mit dem Verleger und Lyriker Bertram Reinecke. Auszug:
L.L.: Von der Leipziger Buchmesse sind Lesungen nicht wegzudenken. Bemerken Sie unterschiedliche Reaktionen, wenn Leute ein Buch öffentlich vorgestellt bekommen im Gegensatz zum selbstständigen Lesen?
Reinecke: Wichtig scheint mir das gemeinsame Erlebnis von Literatur. Öffentliche Lesungen sind eine Möglichkeit, Umgangsweisen mit Texten zu erfahren. Oft braucht ein Leser nur ein paar Winke, damit sich ein Text in seinem Anliegen erschließt. Solche Winke können in der Leseweise oder dem Stimmfall gegeben sein, aber auch in den Reaktionen anderer Lesungsteilnehmer. Gerade vor schwierigen Texten haben viele Leser eine Scheu, die wohl mit der Schulangst zu tun hat, in Interpretationen Falsches zu schreiben. Da reicht es oft schon, zu erleben, wie andere Hörer gelassen dabei bleiben, wenn sie nicht alles ganz verstehen. Außerdem kann die Lesung Effekte des Mediums Schrift ausgleichen: Leser haben zum Beispiel bei Gedichten oft ein distanziertes Verhältnis zu Wiederholungen, im lauten Vortrag erschließen sich solche Texte besser. Schwierige syntaktische Konstruktionen hingegen wirken im Vortrag oft weniger.
Sie sind selbst Schriftsteller. 2012 erschien Ihr ungewöhnlichster Lyrik-Band »Sleutel voor de hooigduitsche Spraakkunst« bei roughbooks. Darin montieren Sie, vervollständigen oder beenden existierende Gedichte bekannter Autoren. Einige Texte bestehen komplett aus fremden Zeilen. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden und wie gestaltete sich das Schreiben?
Meine Arbeitsweise ist eng mit meinem Lesehabitus verbunden. Ich interessiere mich sehr für Epistemologie und die Vorsteuerung von Diskursen durch Vokabulare, was derzeit auch oft als Framing diskutiert wird. Jeder Text trägt in der Wahl seiner Worte und im Wie der Verwendung Annahmen über die Welt und alte, teils unreflektierte Erfahrungen in sich. Diesen spüre ich mit Neugier nach.
Auch als Kind war ich schon ein Mensch, der gerne verglich: technische Daten von Autokartenspielen, die Anhänge polytechnischer Kalender oder die kartografischen Darstellungen in unterschiedlichen Atlanten. Meine Lektüren hatten Züge nichtlinearen Lesens. Auch das spiegelt »Sleutel« wieder. Dass gerade die Montage aus unveränderten Fremdversen mich so reizt, liegt daran, dass hier noch Neuland betretbar ist: Man kann heute die rein mechanischen Prozesse dem Rechner überlassen, über Volltextsuchen etc. Man kommt so zu Ergebnissen, die sich vorhergehende Dichter nicht vorstellen konnten. Gleichwohl bleibt es eine recht langwierige Arbeit: Man muss für ein kürzeres Gedicht oft 70 bis 90 Stunden am Rechner sitzen.
Wie hat sich der Stellenwert von Literatur Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verändert? Wie hat sich das auf die Wahrnehmung Ihres Verlags niedergeschlagen?
Die audiovisuellen Medien sind dabei, einen Teil des Literaturmarktes zu übernehmen. Wer gute Unterhaltung während einer Busreise sucht, kann heute auf Internet und Mediatheken der Busfirma zurückgreifen. Literatur, die rein auf Spannung setzt, mag langfristig an Bedeutung verlieren. Das Ausloten alternativer Weltentwürfe hat neben dem Film im Computerspiel eine wachsende Konkurrenz. Ich staune immer, wie differenziert Gespräche meiner jungen Mitmenschen über Spielinhalte geworden sind und denke: So muss es anderen gehen, wenn ich über Literatur diskutiere. Andererseits vermag aber das Zelebrieren von Lektüre in Buchblogs, Booktubes oder bei Instagram das Lesen manchem nahezubringen, dem Lektüre bisher fern stand. Solche Blogs und Fanfiction-Seiten sowie die Verbesserung des Digitaldrucks führen dazu, dass die Fallhöhe zwischen dem Autor und dem reinen Leser schrumpft. Dies sind aber Beobachtungen, die am Verlagserfolg nicht direkt ablesbar sind. Unser Verlagsprogramm liegt jenseits dieser Trends, da Autorinnen bei uns größeren Wert auf die sprachliche Gestaltung und den sprachlichen Weltzugriff legen.
161 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Christine Lavant
(* 4. Juli 1915 in Großedling bei St. Stefan im Lavanttal; † 7. Juni 1973 in Wolfsberg)
Gegrüßet seist du, Königin,
ich baue dir ein Haus.
Nur Gott weiß, wann ich fertig bin,
drum zieh du noch nicht aus.
Bleib, bis er winkt, im roten Klee,
mein Haus wird weiß sein so wie Schnee,
bloß vorn mit Feuerbohnen.
Du wirst dort ruhig wohnen,
doch eine Vogelwolke kann
dich grüßen kommen dann und wann
von meiner armen Seele.
Was ich dir noch empfehle,
ist diese Staude, die ich jetzt
mit vieler Müh hab übersetzt
aus meinem dürren Herzen.
Sie trägt nur alle sieben Jahr
die Blume, die mein Labsal war,
ein Kelchstern rot von Schmerzen
und voll von bitterm Tränentau.
Trink nie daraus, o liebe Frau!
Denn es verzaubert deinen Sinn,
und macht auch dich zur Bettlerin.
Aus: Frauen | Lyrik. GEDICHTE IN DEUTSCHER SPRACHE. Im Auftrag der Wüstenrot Stiftung herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Anna Bers. Stuttgart: Reclam, 2020,S. 524f
113 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Pei Xu
Sichtweisen
Mit einer Sonnenbrille
kommt er der Welt entgegen
während
ich einen Sonnenhut trage
um alles ungefärbt zu betrachten
Aus: Himmelsauge. Gedichte. Nachw. von Wulf Noll. Düsseldorf 2008. – © 2008 Edition Virgines, Lingen. Auch in: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Herausgegeben von Anna Bers. Ditzingen: Reclam, 2020, S. 642
Xu Pei (chinesisch 徐沛, Pinyin Xú Pèi; * 1966 in Kangding, Volksrepublik China)
PEI XU ist eine deutsche Lyrikerin, die in China aufwuchs, das Land jedoch in den 1980er Jahren verließ und seitdem im deutschen Exil als Aktivistin und Künstlerin auf die Situation politisch Verfolgter in der Volksrepublik aufmerksam macht. Ihre Gedichte thematisieren häufig die kulturelle Begegnung chinesischer und westlicher Traditionen.
519 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.
Heute ein Auszug aus einem Aufsatz des Schweizer Slawisten Georges Nivat mit einem Hinweis auf einen großen ukrainischen Dichter, der bei uns noch immer so gut wie unbekannt ist, mit 14 Zeilen des Dichters am Schluss.
Das finale Ereignis meines Lebens als Slawist war die Entdeckung des Dichters Wassyl Stus, der als „Zweiter Nationaldichter der Ukraine“ bezeichnet wird. Taras Schewtschenko ist zwar unbestritten der erste, er hat ja die ukrainische Poesie fast erfunden (seine Prosa verfaßte er stets auf russisch).
Doch war mir Wassyl Stus eine bessere Hilfe, um zu verstehen, was die Ukraine, ihre Poesie, ihre Sprache, ihr Schicksal ausmacht. Seine posthume Stimme, getrieben von einer „göttlichen Kraft“, schließlich durchgedrungen bis zu mir, der ich vier Jahre vor ihm geboren wurde und ihn nun schon um vierzig Jahre überlebt habe (worüber ich nur staunen kann). Er hat mich in seinen Bann geschlagen, weil er mir im voraus Antwort gab, aus seinem Kerker, einer feuchten und dunklen Einzelzelle heraus, während der Hungerstreiks, die schließlich zu seinem so frühen Tod führten, einem Heldentod. Er besaß die absolute Überzeugung, in seinem finsteren Verlies die Ukraine nicht nur darzustellen, sondern zu sein. (…)
Ich würde sagen, daß Wassyl Stus der Rang eines großen europäischen Dichters wie Paul Celan oder Ossip Mandelstam gebührt, indem er den Schmerz der großen Verbannten mit der Hellsichtigkeit der großen Begründer Europas, des blinden Homer oder Dante im Exil, verbunden hat. In einem seiner Gedichte feiert er die „dunkle Violine“, die in ihm die Verse wie das Blut in Wallung bringt, die „verfluchte Gabe“ des Sklaven eines Schicksals, das größer ist als er selbst. Als ihm in seinem Kerker Stift und Papier noch nicht als Strafe verboten waren (wie es Schewtschenko widerfuhr), hatte Stus ein gewaltiges Gedächtnis zum Begleiter, das Gedächtnis der gesamten europäischen Dichtung, insbesondere Goethe und Rilke, die er bisweilen im Kopf übersetzte, oder Boris Pasternak.
Diese Zuneigung zu Pasternak, der russisch schrieb, beweist, zu welcher Höhe Stus sich aufschwang, da das Russische für ihn die Sprache des Unterdrückers war, aber eben auch die Sprache der Poesie, der Schlichtheit, der Unmittelbarkeit und der Hellsichtigkeit Pasternaks. Noch außenordentlicher ist, daß er in der kargen, windigen, verschneiten, eisigen Landschaft der Kolyma (wo so viele zeks [„Eingeschlossene“] litten, darunter Warlam Schalamow und Jewgenia Ginsburg) zum Sänger dieser Landschaft wird, mit ihren riesigen Lärchen, die dem rauhen Klima standhalten, ihren Thymiandüften und der stechenden Sonne im überaus kurzen Sommer, vor allem aber mit „Gottes Sphinxen“, welche die Rätsel des Seins hüten.
Junischnee
liegt auf den trostlosen Kuppen.
Anmutige Lärchen.
Du bist eingeschlossen.
Eingesperrt.
Und deine Seele
erwartet nichts mehr.
Wie fliegende Saurier
gleiten die Höhen vorbei,
wie Gottes Sphinxe, Rätsel des Seins. //
Du bist großzügig, Herr,
so viel Entsetzen häufst du
auf mein kleines Leben (...).
Aus Georges Nivat, Licht des Widerstands. Mea Culpa eines Russophilen nach Butscha und Irpen. In: Lettre International 150, Herbst 2025, S. 47
Das Gedicht aus: Wassyl Stus, Du hast dein Leben nur geträumt. Eine Auswahl aus der Gedichtsammlung Palimpseste, aus dem Ukrainischen übersetzt von Anna-Halja Horbatsch, Hamburg: Gerold & Appel, 1988, S. 63

102 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Günter Kunert
(* 6. März 1929, heute vor 97 Jahren, in Berlin; † 21. September 2019 in Kaisborstel)
REQUIEM
Wir lagen vor Madagaskar
und hatten die Pest an Bord.
Das sangen einst deutsche Kinder
und glaubten jedes Wort.
Doch plötzlich wurden sie größer
und marschierten in einen Krieg,
so fern von Madagaskar
und dem versprochenen Sieg.
Bald war ihnen das Singen vergangen
durch Feuer und Schüsse und Qual,
gleich Tagen im Nu verflogen
ihre längst vergessene Zahl.
Nur Fotos sind übriggeblieben,
schwarzweiß und gründlich stumm.
Es fehlen ihre Stimmen,
die fragen könnten: »Warum?«
Aus Günter Kunert: Zu Gast im Labyrinth. Neue Gedichte. Hrsg. Wolfram Benda. München: Hanser, 2019, S. 22
257 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Heute vor 100 Jahren starb der Dichter Otto Ernst. Liest man heute noch in der Schule seine Ballade „Nis Randers“? Zu Lebzeiten war er berühmt für seine moralischen oder patriotischen Stücke. Ich habe was Kleines zum Schmunzeln rausgesucht. Bisschen Selbstironie und eine kleine überraschende Wendung.
EIN FREUDENTAG
Jaja, ich hab mir ne Pfeife gekauft,
Eine Tabakspfeife von Ton!
Ja, Weibchen, ja: der Sparsamkeit
Und aller Vernunft zum Hohn!
Haha, ich hab mir ne Pfeife gekauft,
Eine stattliche Pfeife von Ton,
Wie sie Mynheer van Holland raucht,
Der reiche Zuckerbaron !
Ja, lache nur, Weib, du hast ganz recht:
Ich rauch überhaupt keine Pfeif;
Doch weil ich so überglücklich war,
So mußt ich sie kaufen: begreif!
Daß unser Junge nun wieder gesund,
Das machte mich wunderfroh.
Und bin ich vergnügt, so kauf ich was,
Ganz einerlei was und wo.
Und bin ich vergnügt, so verschwend ich was,
Leichtsinnig, wie ich nun bin.
So bin ich geboren, so sterb ich einst,
So leb ich inzwischen dahin.
Und siehst du: so hab ich die Pfeife gekauft;
Ist sie nicht schön und lang?
Ich gab, bei Gott! eine Mark dafür,
Ein Markstück rund und blank.
Die Pfeif in der Hand, so schlendert ich hin
Und sang und summte beglückt.
Die Spießer glotzten und stießen sich an
Und grinsten: "Der ist verrückt."
Und wenn du, mein Liebchen, dasselbe meinst,
Ich stell es dir gänzlich frei.
Ich hab meine Pfeife von feinstem Ton;
Da, Junge, schmeiß sie entzwei!
Aus: Der ewige Brunnen. Ein Volksbuch deutscher Dichtung. Herausgegeben von Ludwig Reiners. München: C.H. Beck, 1955
138 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Die jüngste Ausgabe 106 der Literaturzeitschrift „Schreibheft“ bringt neben Dossiers zu Rolf Dieter Brinkmann (mit unveröffentlichten Texten aus dem Nachlass) und Jürgen Ploog Beiträge von der und über die amerikanische Schriftstellerin Cole Swensen. Daraus ein Gedicht in der Übersetzung Jürgen Brôcans (der im Heft auch eine Einführung in ihre Poetik gibt).
AUF DER STRASSE AN EINEM MANN VORBEI
Auf der Straße gehst du an einem Mann vorbei
und verlierst Jahre danach eine Stunde an die Verwirrung,
weil du ihn dir vorstellen, aber nicht verorten kannst.
Was machen die Farben
in ihrem Privatleben?
Alles auf der Welt
bedeutet für mich die Welt,
und ich stelle fest, das ist
mathematisch korrekt.
Auf der Straße gehst du an einem Mann vorbei,
und du siehst ihn nicht einmal.
Das geschieht an jedem Tag deines Lebens.
Farbe ist zersplittertes Licht.
Aus: Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. Hrsg. Norbert Wehr, #106, Februar 2026, S. 179
230 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Heute vor 825 Jahren starb die japanische Dichterin Shikishi Naishinnō, eine der „36 unsterblichen Dichterinnen“ des alten Japan.
Shikishi Naishinnō
(1153?—1201)
Über das Thema der heimlichen Liebe
wasurete wa
uchinagekaruru
yūbe kana
ware nomi shirite
suguru tsukihi o
Vergäße ich sie,
müßt ich seufzen und schluchzen,
wenn der Abend kommt:
all die Tage und Monde,
da, ach, nur ich es wußte.
Die verdichtete Aussage des Textes wird noch verstärkt durch seine grammatikalische Struktur: Die letzten beiden Zeilen sind das Objekt des <Vergessens>, d. h. der Akt des Lesens muß gleichsam das Erinnern der Dichterin nachvollziehen. Das Schlüsselwort des Gedichts, uchinagekaruru, basiert auf dem Verb nageku, »leiden«, Präfix und Suffix geben dem Verb Schärfe und Spontaneität und steigern den lautmalerischen Effekt, der im Deutschen mit »müßt ich seufzen und schluchzen« wiedergegeben ist. Die tieferliegenden Themen – der Kampf der Dichterin um Selbstachtung, der Wechsel zwischen Erinnerung, Verlangen, Vorahnung, Enttäuschung und Furcht – machen das Gedicht zu einer Herausforderung an den Leser; auch weil es auf das übliche Gefühls-Repertoire der Liebeslyrik wie Groll, Einsamkeit, Wut und Verzweiflung verzichtet.
Andrew J. Pekarik: 36 Dichterinnen des Alten Japan. A.a.O. 1R
Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode. 9. bis 13. Jahrhundert. Ein Album mit Illustrationen von Chōbunsai Eishi. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont Buchverlag. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1991, 1 Rechts
73 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Ein Gedicht zum gestrigen 100. Geburtstag der Schriftstellerin und Suhrkamplektorin.
Elisabeth Borchers
(* 27. Februar 1926 in Homberg, Niederrhein; † 25. September 2013 in Frankfurt am Main)
ÉTONNE-MOI
SAGTE COCTEAU
Und Picasso
malte ein neues Gesicht
mit einem neuen Auge
in einer neuen Stirn
und vergaß, was es sonst noch gibt
auf dieser Welt
Und Chagall
malte drei Teller
voll Erdbeeren
und die Welt wurde nicht satt
Aus Elisabeth Borchers: Von der Grammatik des heutigen Tages. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1992, S. 13
67 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Heute ein Gruselszenarium in 8 Zeilen.
Bertold Hinrich Brockes
(* 22. September 1680 in Hamburg; † 16. Januar 1747 ebenda)
Hüben sich die Augen-Lieder
Durch die Muskeln selbst nicht auf,
Sondern sünken immer wieder,
(Ach man achte doch darauf!)
Wie erbärmlich würd' es lassen,
Wenn man sie mit Händen fassen,
Und erst aufwärts schieben müßt'!
Merks, verstockter Atheist!
Aus: Lustige Lyrik. Fünfzig komische Gedichte Ausgewählt von Harry Fröhlich Stuttgart: Reclam, 2022, S. 7
188 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Jan Kuhlbrodt
Nehmen wir an
IX
Wieder schieben sich Erzählungen von der Geschichte vor die Geschichte,
schieben sich übereinander, die Eisschollen auf Friedrichs Bild Eismeer
Verlorene Illusion. Berichte eines Vergangenen werden berichtigt.
Berüchtigt mancher Erzähler. Verstummt auch vergessen, vergessen
gemacht. Wieder zur Sprache gebracht.
Wieder vergessen. Innehalten ist Überleben,
Übergehen wenn der Halt keine Gegenwart
zeugt. Die Crux: Prozess und Gedanke.
Immer scheint Winter zu sein. Mit meinen heißen
Tränen. Noch immer kein Boden zu sehen.
Und Kafkas Axt? Konnte ich die vergessen,
da ich zu Fuß unterwegs bin auf dem gefrorenen Meer.
Allerhand. Ein Unbehagen, auch evoziert diesen Wunsch
nach Erlösung, und nicht nur nach Rettung großartiger Texte.
Die Bojen leuchten im Eis. Rotweiße Mützen
Vorstellung verbunden mit Biografie, verhaftet,
In Text erstarrt. Verwandelt, vereist,
die eigene, die eines andern. In seinem letzten Roman
schreibt Gaddis, dass Bernhard seine Texte schon
kopiert habe, bevor er selbst die Texte geschrieben.
Die Auflösung von Zeit, dass die Kopie dem Original
voraus geht. Oder war's so schon immer?
Krokusse, Schneeglöckchen, Buschwindröschen, Narzissen
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2017. Herausgegeben von Christoph Buchwald und Ulrike Almut Sandig. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2017, S. 165
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